Innensicht /Aussensicht

Oft geben wir den anderen und ihren Gedanken über uns mehr Gewicht als unserem eigenen Glauben an uns.

Ich bin, wie ich bin. Wer das nicht hinnehmen will, soll es lassen und gehen. Ein starker und selbstbewusster Vorsatz. So gemeint, sicherlich, doch in der Umsetzung hapert es oft. Tief drin will man doch gefallen. Tief drin meldet sich das Kind in uns mit der Angst, alleine da zu stehen, wenn die anderen schlecht über einen denken. Man fürchtet, verlacht, verspottet, ausgestossen zu werden.

Früher hat man aus diesen Ängsten hinaus versucht, sich anzupassen. Man verhielt sich, wie man dachte, die anderen erwarten es von einem, man sagte oft, was gehört werden wollte. Man wurde oft auch so erzogen, wenn nicht explizit, so doch implizit. Irgendwann durchschaut man dieses Verhalten, sieht, dass man dabei selber oft auf der Strecke bleibt und die damit erhofften Vorteile nicht erzielt werden. Zumindest nicht zu einem Preis, den man zahlen will. Der Preis ist das eigene Selbst.

Man trifft den folgenschweren Entschluss: So nicht mehr. Ab heute bin ich ich. Und bleibe ich. Und gehe den Weg, den ICH gehen will. Nicht rücksichtslos, nicht über Leichen, aber auch nicht über mich selbst hinweg. Und man glaubt daran und will es auch, weil man die Mängel des zu sehr angepassten Wegs erkannt und für unpassend befunden hat. Eigentlich ist nun alles gut.

Eigentlich. Tief drin sitzt noch die Stimme, die ab und an ermahnt, dass man vielleicht doch nicht ganz so könnte, wie man gerade wollte. Da sitzt die Stimme, die bei einer Kritik einer anderen Person nicht erst hinterfragt, ob sie wirklich recht hat mit dem, was sie sagt und noch wichtiger, ob uns der Punkt überhaupt kümmert. Wir hören die Kritik, fühlen uns angegriffen und oft auch klein. Wir geben dieser Kritik eine Macht und eine Kraft, die uns bei genauerem Hinsehen selber stutzig macht. Umso stutziger, wenn die Kritik offensichtlich ins Leere greift, Unwahrheiten trifft oder schlicht daneben liegt. Irgendetwas nagt an uns. Was ist es?

Oft sind es die Muster von früher, die wir im Verstand zwar als überholt bewertet haben, die aber tief drin noch nachwirken. Wir wollen gefallen. Wir fürchten, alleine zu stehen. Fürchten, die Kritik der einen Person könnte auf andere übergreifen oder an die portiert werden und von da auf uns zurück fallen. Ohne dass diese die (fehlende) Wahrheit dahinter kennen. Oder vielleicht fühlen wir uns einfach auch nur ungerecht behandelt, ungerecht gesehen. Und das nagt. Trotz aller Vorsätze und allen Besserwissens.

Sich für die Sicht von aussen zu verschliessen wäre sicher kein guter Weg. Wahrheiten zeigen sich immer im Austausch, auch die Wahrheit über sich selber. Ein altes Sprichwort sagt: Vier Augen sehen mehr als zwei. Wie bei den meisten ist auch daran etwas dran. Oft verstricken wir uns in unseren eigenen Gedanken, sehen quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die Sicht von aussen kann helfen, wieder den Wald zu sehen, nebst all den Bäumen, die uns vorher verwirrten. Dabei ist aber nie sicher, ob sie wirklich auch den Wald im Blick hat, in dem wir stehen und ob der Wald zu dem Zeitpunkt überhaupt zählt und nicht doch nur ein Baum. Das können wir nur selber herausfinden, indem wir in uns hinein hören und ehrlich zu uns selber sind:

Wer bin ich?

Wie bin ich?

Hat der andere recht mit dem, was er sagt, auch wenn es schmerzt oder ist es eine Fehleinschätzung?

Wie will ich sein?

Kann ich das?

Was fehlt?

Hilft mir die Sicht des anderen, so zu werden?

Wenn uns die erst verletzende Sicht des anderen zu diesen Fragen leitet, haben wir für uns selber schon etwas gewonnen: Ein Blick ganz nach innen und ein Stück Bewusstsein für den Menschen, der wir sind. Und aus diesen Erkenntnissen formt sich ein Selbstbewusstsein, das von innen heraus zu sich zu stehen lehrt.

Wer sich nun am Ende glaubt und den Märchenschluss des „und so lebte sie fröhlich und glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ erhofft, der wird leider enttäuscht. Das ist erst der Anfang. Die Zeiten ändern sich, man selber ändert sich. Die Fragen bleiben immer aktuell. Das Selbstbewusstsein bleibt nur bestehen, wenn man mit sich selber in Beziehung bleibt, ab und an mal wieder nachfragt, achtsam hinschaut. Und wenn nötig von Neuem an sich arbeitet.

Vasella, das System und die Menschlichkeit

Herr Vasella ist der Buhmann der Tage. Er hat zu viel verdient, hat überhaupt zu viel Geld, hat sich sein Konkurrenzverbot vergolden lassen und lebt nun „arbeitslos“ weiter in Saus und Braus. Was hat er gebracht? So wirklich? Kann überhaupt jemand so viel bringen, dass er so viel verdient – im Sinne des Wortes? Die Kommentare beim jüngsten Blickartikel häufen sich, die Buhrufe damit. Auf Twitter regnet es Spott und Häme,  kein gutes Haar bleibt dran am guten Mann.

Zuallererst muss ich mal sagen: Ich kenne ihn nicht. Ich habe Herrn Vasella nie getroffen, nie mit ihm gesprochen. Alles, was ich weiss, sind ein paar Nachrichten aus Zeitungen, nicht sehr viele, da ich die selten gelesen habe, und ein paar eher an den Stammtisch als an eine fundierte Diskussion erinnernde Argumente gegen ihn.

Ich darf es wohl kaum sagen, aber ich empfinde ihn in dem oben verlinkten Interview sympathisch und intelligent. Klar lässt er sich nicht tief in die Karten blicken, aber das Interview enthält ein paar Punkte, die ich nicht wirklich verwerflich finde:

  • Ihm liegt an seiner Familie und am Wohl seiner Kinder, denen er eine Zukunft ermöglichen will ohne Geldsorgen. Er kann es und er tut es – ich finde den Zug schön. Wer möchte diese Zukunft nicht selber gerne gehabt haben? Und klar kann man idealistischer Weise sagen, man hätte sich lieber alles selber erarbeitet als es in den Hintern geschoben gekriegt zu bekommen als Vatersohn/Vatertochter, wenn man nie in der Lage war – man hätte es sicher nicht ausgeschlagen, wäre es der Fall gewesen… (dass ich hier Protest als unglaubwürdig empfinde, entspringt meiner persönlichen Meinung und nicht einer empirischen Studie, die es nicht geben kann – und doch, ich habe alles im Leben selber erarbeitet.)
  • Er spendete und will das weiter tun. Klar kann man sagen, dass das das Mindeste wäre, was er tun könnte – nur: Er tat es. Viele haben mehr, als sie eigentlich bräuchten und tun es nicht. Klar gibt es immer einen, der mehr hat und es noch mehr müsste. Aber es gibt verdammt viele, die gar nichts haben und die Spenden brauchen könnten.
  • Er hat schon früh erlebt, was Krankheit und Tod bedeuten können. Er hat ein Medizinstudium auf sich genommen, sich seine Sporen als Assistenzarzt abverdient, was damals noch viel magerer und arbeitsreicher ausfiel als heute – und noch heute jammern viele. Er verfügt über die Erfahrung mit Krankheit und dem daraus resultierenden Leid und über die Kraft, den Ehrgeiz und den Einsatz, etwas dagegen tun zu wollen. Klar kann man sagen, wäre er mal Arzt, am Besten idealistischer Landarzt mit Schulden, einem offenen Ohr für die Mittellosen und Eiern als Lohn geworden statt Unternehmer. Nur: Besser geht immer, schlechter auch.
  • etc…

Ich denke nicht, dass sein Lohn angemessen war. Auch die Abfindung empfinde ich als überrissen und der heutigen wie überhaupt generell einer Wirtschaftslage angepasst. Wo er aber in meinen Augen recht hat: Wer würde das Geld nicht nehmen, kriegte er es angeboten? Es ist leicht, vom Stuhl dessen her zu verurteilen, der weiss, dass er nie in seinem Stuhl sitzen wird und nie so viel Geld erhalten wird. Es ist leicht zu sagen, nimm nur die Hälfte, wenn man selber nicht mal einen 10. dessen am Jahresende in der Steuererklärung stehen hat, was er im Monat verdient.

Gerecht ist das alles sicher nicht. Aber es ist real und entspricht dem Gang der Wirtschaft heute. Es entspricht dem unendlichen Profitstreben von Unternehmen, die nach Innen sparen, um vierteljährlich noch mehr Gewinn verzeichnen zu können. Es entspricht dem unmenschlichen Kampf auf dem freien Markt, der an sich sicher nicht per se schlecht ist, der aber Auswüchse zeigt, die auf Kosten des Menschen und der Menschlichkeit gehen. Herr Vasella hatte das Glück, auf der positiven Seite des Systems zu stehen. Das kann man ihm in meinen Augen nicht verübeln, da ich das Naturell des Menschen so einschätze, dass keiner gesagt hätte, er wolle freiwillig auf die negative wechseln, hätte er die Wahl gehabt. Wieso sich also an Individuen aufregen und sie zu Feindbildern stilisieren, wenn das System krankt? Da sehe ich als Motivation nur Neid, keine Argumente. Die können – in meinen Augen – nur in Bezug auf das System fallen.

Nun höre ich das Argument laut: Er hat sich bereichert. Er hat sich selber diesen Lohn gegeben, weil er die Position hatte, das zu entscheiden. Das mag moralisch fragwürdig sein. Wie viele KMU-Chefs tun das auch? Und oft noch nach Aussen kleiner, als nach Innen effektiv erhalten? Beispiele hörte man oft bei Alimenten- oder Steuerberechnungen.

Die Aufschreie mögen gross sein und ich hätte sicher mehr Freunde, täte ich auf den Herrn Vasella einschlagen und alles ganz gemein finden. Nur denke ich halt, dass das zu kurz greift. Moral kann nicht vom Menschen, wie er sein sollte, ausgehen, sondern vom Menschen, wie er ist. Und der Mensch nimmt, was er kriegen kann. Das schliesst nicht aus, dass er auch für andere sorgt, für andere da ist, einen guten und weichen Kern hat – individuell sind diese Kerne verschieden gross und verschieden ausgerichtet. Trotzdem würde kaum einer sich selber auf die negative Seite eines Systems schlagen. Kann man es also einem anderen vorwerfen, der das Glück hatte (und sicher auch das eine oder andere dafür getan hat), auf der positiven zu stehen?

Hinsehen ist wichtig, Lehren ziehen auch. Feindbilder nützen niemandem. Wieso nicht ihm gönnen, was er ehrlich (da unser System ist, wie es ist) gewonnen hat und zusehen, dass das System langsam aber sicher in eine Richtung ändert, die die Schere zwischen arm und reich wieder kleiner werden lässt und unverdienten Profit auf Kosten von Menschlichkeit verunmöglicht?

Es gibt nur eine Welt

Spannender Artikel zum Thema Menschen mit Behinderung:

Süddeutsche Zeitung: Schluss mit getrennten Welten

Behinderte Menschen werden in Deutschland immer noch benachteiligt. Dagegen hilft nach Ansicht von Experten Teilhabe am ganz normalen Leben. Doch gerade jene Altersgruppe, von der das künftig am meisten abhängt, hegt Zweifel.

Blogartikel zu dem Thema:

Die Rechte als Mensch

Der Mensch hat Rechte. Diese stehen im zu aufgrund seines Menschseins. Das Menschsein hört nicht auf, wenn der Mensch krank oder beeinträchtigt ist. Krank und beeinträchtigt kann er auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenem Ausmass sein. Geistig, körperlich, von Geburt an, durch Unfall oder einfach auch durchs Alter. Wann hat der Mensch eine Stimme? Wann ist er voll zählendes Mitglied der Gesellschaft? Ist ein Mensch mit Beeinträchtigungen wirklich weniger wert als ein “normaler”? Hat er weniger Rechte und ist dem guten Willen der anderen ausgeliefert? Fair ist das nicht. Und menschenwürdig schon gar nicht. Wer Menschen mit Beeinträchtigung gering schätzt verkennt die Tatsache, dass schon morgen er selber in ihren Schuhen gehen könnte. Die Zeit nagt an jedem, wer heute gesund lebt, kann morgen krank oder beeinträchtigt sein und damit auf andere angewiesen.

Gleiche Rechte, unabhängig vom Geschlecht?

In Anlehnung an den Spiegel-Titel Nr. 1 diesen Jahres (Oh, Mann, Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle), möchte ich ein Brainstorming und eine Diskussion starten, die die Ursachen des auf uns zurollenden enormen Wandels der Geschlechterrollen hinterfragt. Dieser Wandel, der sich mit erstaunlichen Zahlen bereits in der US-amerikanischen Gesellschaft dokumentiert (in fast 40% verdienen Frauen in amerikanischen Ehen mehr als der Mann, siehe auch Hanna Rosin, The End of Men) wird sich bald, in Folge der auch hierzulande überwiegend durch Frauen erworbenen Hochschulabschlüsse, sehr deutlich auch bei uns bemerkbar machen. Die Kernfrage ist für mich weniger der Wandel, den ich nicht als gefährlich erachte, sondern vielmehr die philosophische Frage der Identitätsfindung, die schon immer für jeden einzelnen Menschen wesentlich war und ist. Wer man ist, was man sein möchte und was möglich ist.

Das ist der einleitende Absatz eines Blogartikels des Zeitspiegels. Der ganze Blogartikel ist unter Männer? – Frauen? nachzulesen. Ich möchte hier meine Sicht der Dinge in der Debatte der Geschlechterdiskussion anfügen. Ich habe dieses Thema lange gemieden, war teilweise genervt, wenn auch oft betroffen, was in der Natur der Sache liegt. In den letzten Jahren haben sich Vorfälle gehäuft, die mich selber persönlich an die Wichtigkeit des Themas erinnerten, in den letzten Monaten kam ich über verschiedene Kanäle und in verschiedenen eigenen Forschungsthemen auf dieses Thema zurück.

Liest man den Artikel des Zeitspiegels schnell durch, liest er sich wie der steile Erfolgsflug der Frauen auf Kosten der Männer. Zwar stellt Zeitspiegel diese Entwicklung nicht per se in Frage, trotzdem fügt er die so klingenden Informationen an und leitet daraus eine Identitätsfindungsproblematik ab. Ich möchte diese Informationen etwas beleuchten und dann auf die global noch immer vorherrschende tatsächliche Situation eingehen. Dabei geht es mir wenig um Hormonausschüttungen und biologische Kriterien (welche aber durchaus in gewissen Themen wie der Fortpflanzung und der damit verbundenen Folgen gesellschaftliche Folgen haben).

Im Artikel ist zu lesen, dass in knapp 40% der amerikanischen Ehen Frauen mehr Einkommen haben als Männer. Das klingt fast nach einem Vorwurf. Bei Lichte betrachtet haben so aber in über 60% der Ehen Männer mehr Einkommen als Frauen. Will man wirklich in den Wettbewerb eintreten, wer nun mehr verdient und daraus irgendwie geartete Schlüsse ziehen, so sind noch immer 2/3 der Männer im Vergleich mit ihren Ehefrauen besser gestellt. Was aber bringt der innereheliche Vergleich? Grundsätzlich besagt er gesamtgesellschaftlich nichts, denn relevant ist die erbrachte Leistung und der dafür erhaltene Lohn. Da stehen Frauen global noch immer hinter den Männern zurück. In der Schweiz stösst der Vorstoss, Firmen müssten ihre Lohnpolitik offen legen, auf Widerstand – zu gross wären die Aufwände, müsste man diese Unterschiede ausgleichen (es sei denn, man holte den Männerlohn so weit runter, wie der Frauenlohn raufgesetzt werden müsste – was wiederum zu Widerstand bei den Männern führen würde, da ihre Leistung plötzlich weniger honoriert würde und sie schlussendlich auch mit einem Budget ihren Lebensbedarf berechnet hatten).

Noch immer sind weltweit Frauen benachteiligt, wenn es darum geht, Zugang zu Bildung, freier Meinungsäusserung und gesundheitsförderlichen Massnahmen zu erhalten. Selbst in Ländern, die diese Freiheiten in den Gesetzen haben, ist im tagtäglichen Leben Frauen die tatsächliche Wahrnehmung dieser Rechte unmöglich, da sie innerfamiliäre Sanktionen fürchten müssten, in einigen Ländern bis hin zum Tod.

Eine weitere Ungleichheit, die global ist, ist die Betreuung von abhängigen Menschen. Seien das Kinder, Alte, Behinderte. Diese Arbeiten liegen meist in Frauenhand. Die einseitige Verteilung beraubt die Frau einerseits der Zeit, andere Ziele zu verfolgen, eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten auszuschöpfen, und stellt sie vor der Gesellschaft dadurch als untätig bloss, weil sie eben kein wirtschaftliches Einkommen erzielen oder sich weiterbilden. Auch hier ist es noch ein weiter Weg hin zu einer Gleichstellung.

Frauen haben mittlerweile in einigen westlichen Ländern einen Status erreicht, der ihnen die Türen zu gleicher Bildung und gleichen Arbeitsmöglichkeiten geöffnet hat. Der Weg dahin war lang und schwer und das Jammern der Männer, die sich nun dadurch in Gefahr und das eigene Bild am Schwanken sehen, ist laut. Betrachtet man das Jammern aber ehrlich und hinterfragt es mal, muss man einsehen, dass das Jammern eigentlich nur eine Ursache hat: Der Thron ist gestürzt, die Gleichberechtigung ist nicht das, was sie wollen. Wenn sich jemand beklagt, weil ein anderer plötzlich gleiche Rechte hat und er deswegen sein Selbstbild in Gefahr sieht, muss er sich mal fragen, worauf dieses Selbstbild überhaupt gründete. Und sich vielleicht an der eigenen Nase nehmen.

Der Feminismus hat mitunter traurige Früchte gebracht. Es gab in der Tat Frauen, die für alle Rechte der Frauen kämpften, den Männern gerne keine mehr lassen wollten. Die Schere Mann = böse, Frau = gut wurde weit und weiter gespreizt und dem Mann kein Stück heile Erde mehr gelassen. Gerechtfertigt wurden solche Vorstösse mit der Aussage, dass man krasse Forderungen stellen müsse, um danach minimale Erfolge zu erreichen. Dass diese krassen Vorstösse der Sache ideell mehr schaden als nützen, sollte auf der Hand liegen, da sie nur Defensive herausfordern. Dass vor solchen Forderungen Ängste geschürt werden können, dass sich Männer damit nicht wohl fühlen, sich irgendwann fragen, wo sie noch stehen, wenn all das durchgesetzt werden würde, liegt auf der Hand. Das schmälert aber nicht die gerechtfertigten Ansprüche der Frau auf gleiche Chancen und Möglichkeiten im Leben.

Wir haben heute Mittel wie Frauenquoten eingeführt, um gewisse Ungleichheiten zu eliminieren. Ich bin kein Freund von Quoten, da ich denke, Leistung solle generell gewertet werden und auf keine Seite geschlechterspezifisch. Ich sehe nicht ein, wieso im Zweifelsfall die Frau eine Stelle kriegen sollte, wenn ein Mann genauso qualifiziert wäre. Da in den Köpfen aber der Mann noch so verankert ist als bevorzugtere Arbeitskraft, scheint das die einzige Möglichkeit zu sein, dagegen vorzugehen. Ich denke, dieses Mittel zur Problemlösung setzt falsche Zeichen, es macht angreifbar und schürt Ängste.

Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Religion oder anderweitiger Zugehörigkeiten wird heute aufs Gröbste verurteilt und mit vielen Mitteln bekämpft. Die Diskriminierung aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit gilt noch immer als quasi Kavaliersdelikt, die Aufwände, sie wirklich anzugehen, werden gescheut. Es ist besser geworden, aber es ist noch immer ein weiter Weg. So lange diese Missstände noch so gravierend sind, so lange sehe ich das Jammern um eine gefallene Identität des Mannes als Thema, das noch warten kann. Dieser Mann sollte sich zuerst mal fragen, was er genau beklagt und was so schlimm daran wäre, wenn die Frau auf gleicher Stufe stehen dürfte wie er auch. Wichtig wäre, wirklich umzudenken, wirklich auf die Leistung zu schauen, die Menschen als Menschen und nicht als Mann und Frau zu betrachten.

 

Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form auch im Ein Achtel Lorbeerblatt

Die Rechte als Mensch

Glaubt man vielen führenden politischen Philosophen, so ist die Legitimation des Staates auf einem Vertrag gleicher Menschen begründet. Die Vertragspartner zeichnen sich aus durch gleiche Fähigkeiten, gleiche Ansprüche, gleiche Macht. Mit diesem Fundament zeichnen sie sich als rationale Menschen aus und damit fähig, einer gerechten Basis eines Staates zuzustimmen, dessen Bürger sie danach sind. Einige hilfreiche Tricks bringen noch moralische Einlagen wie Unparteilichkeit und ab und an sogar Fürsorge mit ins Spiel, das reicht, so sind sie sich einig, um eine umfassende Gerechtigkeitstheorie aufzustellen. Sie merken zwar an, dass gewisse Fälle aussen vor bleiben, so zum Beispiel Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, welche durch mangelnde soziale Einrichtungen in ihrem Leben behindert werden. Eine Lösung für dieses Problem bleiben sie schuldig. (Es geht nicht drum, den Wert der Theorien der  hier gemeinten Philosophen in Frage zu stellen. Sie haben das Nachdenken über Gerechtigkeit, das Hochhalten dieses Werts und die Legitimation von staatlichen Institutionen in den letzten Jahren angeregt und geprägt. Sie haben gute Anstösse gebracht und hervorragende Gedankengänge einer Öffentlichkeit präsentiert, um diese mitzuprägen.)

Dass man für diese Probleme aber eine Lösung finden muss, steht fest. In der Vertragstheorie sieht man für sie (zumindest bei Rawls) nachträgliche Leistungen vor, die das Leben der Betroffenen lebenswerter machen sollen. Das ist ein netter Versuch. Die Bürger und Mitbestimmenden des Staates gehen also dahin und bestimmen, wie sie das Leben der auf sie Angewiesenen besser gestalten können. Dies natürlich nur, wenn die Kosten nicht zu hoch und der Nutzen dem Aufwand angemessen ist. Vielfach bleibt es bei einem halbpatzigen Versuch, doch selbst wenn er ganz erfolgte, bliebe ein schales Gefühl.

In diesem nachträglichen Eingreifen liegt eine Degradierung der Menschen mit einer Beeinträchtigung. Sie sind dadurch de facto vom Bürgerstand ausgeschlossen und zu Anhängseln der Gesellschaft degradiert, welchen man zwar hilft, die aber nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft sind. Alle Worte von Integration und dergleichen sind so blosse Worte. Ausgeführt werden Taten, die eine andere Sprache sprechen: Ich bin ein Bürger, ich habe das Sagen. Ich kümmere mich um dich, weil du es brauchst. Das ist zwar ein netter Zug, doch nimmt es dem dieser Fürsorge Anhängigen die Möglichkeit, sich selber in seiner Möglichkeit zu kümmern. Es nimmt ihm die Stimme und es nimmt ihm das aktive Selbstbestimmungsrecht. Er hat dann nur noch das Recht, dass ihm geholfen werden sollte, nicht aber ein Recht, dazu beizutragen, selber eine Stimme zu haben. Er ist in die Passivität verdammt.

Nun kann man anfügen, dass es Formen von geistiger Beeinträchtigung gibt, die eigenes (rationales) Handeln ausschliessen. Das mag sein. Doch ist das davon betroffene Wesen kein Mensch mehr? Ihm wird oft grössere Nähe zu Tieren zugesprochen denn zu Menschen. Nun kann man sagen, dass das allein kein Drama wäre, da der Mensch selber nur eine Tierart mit bestimmten Fähigkeiten ist. Da wir aber dazu neigen, Tiere zu unterdrücken, fallen die Menschen mit Beeinträchtigung auch in diese Kategorie. Es entsteht eine klare Machtstruktur mit einem Oben und Unten, einem Herrscher und einem Beherrschten.

Das Argument, dass Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung nicht in der Lage sind, mitzuentscheiden und darum aussen vor gelassen werden müssen, liegt weit vorne. Schweden zeigt, dass  es anders möglich wäre. (Auch andere Länder haben sich solchen Lösungsansätzen angeschlossen.) In Schweden gibt es eine Mentorschaft. Der Mentor vertritt die Bedürfnisse und Interessen des Behinderten. Damit wird dieser nicht übergangen, sondern erhält eine Stimme. Sollte er dazu gar nicht in der Lage sein, erhält er einen Vertreter, der seine Stimme wahrnimmt. Natürlich kann dieses System ausgenutzt werden durch böswillige Verwalter, Beispiele für bösartige Vormunde sind gerade in der jüngsten Aufarbeitung der Schweizer Verdingkindergeschichte ans Tageslicht gekommen. Man sollte aber ein System nicht von vornherein verurteilen, nur weil es ausgenutzt werden könnte. Die Gefahr besteht immer, wichtig ist, sie zu kennen und Mittel und Wege zu finden, dem entgegen zu wirken, um eine eigentlich gute Idee zu fördern.

Unterm Strich bleibt: Der Mensch hat Rechte. Diese stehen im zu aufgrund seines Menschseins. Das Menschsein hört nicht auf, wenn der Mensch krank oder beeinträchtigt ist. Krank und beeinträchtigt kann er auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenem Ausmass sein. Geistig, körperlich, von Geburt an, durch Unfall oder einfach auch durchs Alter. Wann hat der Mensch eine Stimme? Wann ist er voll zählendes Mitglied der Gesellschaft? Ist ein Mensch mit Beeinträchtigungen wirklich weniger wert als ein „normaler“? Hat er weniger Rechte und ist dem guten Willen der anderen ausgeliefert? Fair ist das nicht. Und menschenwürdig schon gar nicht. Wer Menschen mit Beeinträchtigung gering schätzt verkennt die Tatsache, dass schon morgen er selber in ihren Schuhen gehen könnte. Die Zeit nagt an jedem, wer heute gesund lebt, kann morgen krank oder beeinträchtigt sein und damit auf andere angewiesen.

Wenn man sich dessen bewusst ist, merkt man vielleicht, dass es an der Zeit wäre, jedem Tier (menschlich wie nichtmenschlich) die ihm angemessene Wertschätzung entgegen zu bringen, denn schon morgen könnte man an dessen Stelle stehen und froh sein, die anderen hätten diese Lektion schon gelernt.

Locker, cool und alles easy

Wenn sie über die Büroflure deinen Namen rufen, fühlst du dich willkommen. Wenn sie dich loben für deine Taten, deine Dienste, fühlst du dich wertvoll. Wenn sie dir versichern, wie sehr sie dich brauchen, fühlst du dich nützlich. Wenn sie dir versichern, dass sie immer für dich da sind bei Problemen, fühlst du dich aufgehoben. Wenn sie dich enttäuschen, weil sie die Firmenpolitik über Werte wie Gerechtigkeit, Fairness, Loyalität stellen, den eigenen Nutzen über moralischen Handlungsgrundsätzen stehend werten, fühlst du dich verdammt alleine und betrogen.

Firmen haben Ziele. Diese sind meist dem firmeneigenen Profit geschuldet. Firmen verfolgen diese Ziele, streben Optimierung an, die immer den firmenpolitischen Vorteil im Auge hat, nicht Werte wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Fairness. Das nennt sich wohl Kapitalismus, wäre es anders, wäre es Humanismus. Es wäre eine einfache Sache, den Kapitalismus als bösen Bruder des Humanismus zu sehen. Es wäre leicht, ihn zu verdammen und ihm alle bösen Absichten wie ausnutzen, ausbeuten und Menschenwürde verletzen zu unterstellen. Es wäre wohl zu einfach. Der Kapitalismus hat durchaus positive Entwicklungen gebracht. Wo aber liegt das Problem? Der, welcher gestern noch freudig deinen Namen rief, verrät dich heute kaltblütig, wenn er sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann. Und oft unterliegt er Zwängen, die von weiter oben kommen, weil da wieder einer sitzt, der sonst ihn über die Klinge springen lässt, wenn er sein Soll nicht erfüllt. Leider ist dieses Soll selten auf der menschlichen Seite, sondern auf der wirtschaftlichen zu suchen.

Profit ist nicht per se schlecht. Rentabilität kann durchaus angestrebt sein. Die Frage des Masses ist die eine, die der Mittel, die zum Zwecke gewählt werden, die andere. Die Tendenz momentan geht dahin, Menschen förmlich zu verheizen, indem man sie unendlichem Druck aussetzt, sie mit Versprechen ködert, die dann wegen wirtschaftlich schlechten Zeiten nicht eingehalten werden, um dann in der Quartalsbilanz einen Rekordgewinn zu verzeichnen. Man stellt die Wirtschaftlichkeit nach aussen über alles. Und ignoriert dabei, dass man die eigenen Ressourcen verheizt. Die fallen weg durch Burnout oder Depression. Kein Problem, es warten 100 andere, die ihre Chance im Job packen wollen, weil sie an anderen Orten wegrationalisiert wurden. Die Chance erweist sich oft als Schritt vom Regen in die Traufe, man kuscht und strampelt oder fällt um und sinkt. Ob man den Weg des Frosches von der Milch hin zum Butter oder aber den vom sterbenden Schwan geht, ist eine Frage von Glück und vor allem eine Gratwanderung zwischen Resignation, Anpassung und genug Schnauf und Standfestigkeit, den Übeln der Zeit zu trotzen.

Diese Gedanken sind wohl schwarz und düster. Man mag mich einen Pessimisten schimpfen und mir zu viel Nachdenklichkeit unterstellen. Man mag mich fragen, wo die Lösung läge. Schliesslich ist kritisieren einfach, besser machen schon schwerer. Ich bin zu wenig naiv, an eine Kehrtwende zu glauben. Ich bin zu pessimistisch, zu denken, dass der Mensch einsieht, was er tut, um dann im Sauseschritt die Missstände zu beheben. Menschlichkeit statt eigener Vorteil. Das wäre die ideale Parole. Im Herzen ist sie da, in der realen Wirtschaftswelt ist die Schwelle (zu?) hoch. Vielleicht hilft es schon, sich ab und an bewusst zu werden, dass alle die, welche in den Bürofluren ein und aus gehen, Menschen sind. Menschen mit Wünschen, Bedürfnissen. Menschen, die Familien zu ernähren haben, gerne stolz auf sich, ihren Betrieb und das gemeinsam erreichte wären. Und vielleicht hilft das ein wenig mit, statt der Arbeitskraft um des Firmenprofites Willen auch den Menschen mit seinen (berechtigten) Ansprüchen zu sehen. Ich denke, langfristig wird das der einzige Weg sein, dieses immer fragiler werdende Konstrukt der globalen Wirtschaft zu stützen. Schlussendlich ist alles nur so stark wie das schwächste Glied. Wenn man die Arbeitskraft, den Maurer, in den Boden stampft, wird das Haus über kurz oder lang einstürzen. Das täte es aber erst, nachdem viele Maurer unter den fallenden Backsteinen begraben wurden. Ist der Preis nicht zu hoch für einen kurzzeitigen Erfolg nach aussen?

Und bis es soweit ist, rufen sich die netten Leute in den Firmen erfreut die Namen zu, wenn sie sich sehen, loben sich über den grünen Klee und sägen hinterrücks gegenseitig an den Stühlen.

Gratiszeitungen – ein unverschämter Anspruch?

Ein Blogartikel regte mich heute zum Nachdenken an: Soll Musik gratis herunterladen dürfen und ist es legitim, Artikel in Zeitungen gratis lesen zu wollen? In meinen Augen sind das zwei voneinander getrennt zu betrachtende Themen. Im Falle der Musik gehe ich einig, dass es keine zwingende Begründung für den Gratisgenuss gezielter Musikstücke gibt. Ich möchte diesen Teil der Frage nicht weiter behandeln, mich aber dem anderen zuwenden.

Ich denke, das Thema ist um einiges komplexer als es auf den ersten Blick scheint und es berührt einige Nebenthemen. Man kann argumentieren, dass Journalisten, welche Artikel zu aktuellen Themen (und anderem) schreiben, ein Anrecht auf eine agemessene Entlöhnung ihrer Arbeit haben. Das ist unbestritten und steht nicht zur Diskussion (auch wenn fragwürdig ist, ob das in allen Fällen wirklich realisiert ist und wie eine „angemessene Entlöhnung“ konkret aussehen würde). Fraglich könnte höchstens sein, wer dafür zu sorgen hat, dass dies passiert: Der Leser, die Zeitung, dritte Möglichkeiten.

Diese Artikel sind berherbergen Information über das Geschehen in der Welt, nah und fern. Sie helfen, Meinungen zu bilden und zu diskutieren. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Bildung und Informationen in vielen Gebieten des Zusammenlebens und der (sozialen) Gerechtigkeit notwendige Grundlagen sind. Man hat herausgefunden, dass aktuelle Probleme (sozialer) Unegrechtigkeit mit einer breiten Informationsdichte und darauffolgendem öffentlichem Austausch behoben werden könnten (oder man zumindest in diese Richtung kommen könnte). Verschliesst man nun den nicht zahlungskräftigen Mitgliedern einer Gesellschaft den Zugang zu Informationen, schliesst man sie aus diesen Diskussionen aus. Der Kurzschluss, dass sie sowieso nichts Weiterbringendes zu sagen gehabt hätten, greift dabei zu kurz, da a) vorhandene Finanzmittel nichts über die Aussagekraft der Person aussagen und b) für eine wirkliche Gerechtigkeit die Sicht aller in der Gesellschaft interessant ist, da nur so auch die ganze Gesellschaft erreicht wird. Nun kann man sagen, dass eine privatwirtschaftliche Zeitung kein Interesse haben muss, umfassende Information zu gewährleisten und ein ökonomisches Unternehmen zuerst den eigenen Profit im Blick haben muss. Nur fragt man sich dann, wozu es eigenltich Zeitschriften gibt, wenn nicht dazu, eben Informationen zu bringen.

Man weiss (wissenschaftlich belegt), dass in Ländern mit freien Medien und gelebter Meinungsfreiheit Ausnahmezustände wie Hungersnöte, Unterdrückung und ähnliches weniger vorkommt und schneller beseitigt wird als in diktatorischen Ländern. Es gibt kein wirklich demokratisches Land (Demokratie hier weiter verstanden als blosser Blick auf Institutionen, Wahl und Abstimmung, sondern als öffentlicher Vernunftgebrauch – und austausch) Hungersnöte hat. Schaut man zum Beispiel auf die Hungersnot in Indien 1943, welcher zwischen 3-5 Mio. Menschen zum Opfer fiel, so sieht man, dass Indien dieses Problem selber beheben konnte. Zuerst waren nur die Oberen in Indien damit beschäfitgt, unrealistische Zahlen hin und her zuschieben über den Umfang der wöchentlichen Opfer. EIn Leitartikel von „The Statesman“ (Zeitung für Kalkutta) klagte diesen Missstand an und lenkte den Blick auf die Fehlverteilung der Nahrungsmittel, welche Grund für diese Not waren (nicht etwa Mangel an Nahrungsmitteln). Leider war es der inländischen Zeitung nicht möglich, wirklich laut zu werden, so dass keiner reagierte. Erst als ein Chefredaktor sich wagte, wirklich scharfe Artikel zu schreiben mit graphischen Darstellungen, kam Bewegung in die Regierungskreise British-Indiens und Hilsmassnahmen wurden ins Leben gerufen. Im Dezember endete die Hungersnot.*

Nun droht in der Schweiz keine Hungersnot, aber in anderen Ländern schon. Die globale Verantwortung und die Pflicht, zu helfen, sind das eine. Das andere sind die Probleme, die auch die Schweiz selber betreffen und die man in einer Demokratie nur lösen kann (oder es zumindest versuchen), wenn man breit darüber diskutieren kann, worum es geht, welche Gesichtspunkte betrachtet werden müssen und aufgrund dessen eine Deliberation stattfinden kann, welche zu einem durchsetzungsfähigken Resultat zur Verbesserung der Umstände führt. Ist der Zugang zu Informationen eingeschränkt, sogar stark eingeschränkt, werden immer mehr Menschen aus diesem Deliberationsprozess ausgeschlossen. Das Argument, wenn ihnen wirklich daran gelegen wäre, sich zu informieren, würden sie einen Weg finden, greift dabei nur schwach, da es nicht nur in ihrem Interesse ist, das zu tun, sondern eigenltich im Interesse aller sein sollte im Hinblick auf die Notwendigkeit umfassender Information.

So gesehen kann ganz klar immer noch gesagt werden, dass jede Zeitung ihre Artikel teuer verkaufen darf, weil dahinter viel Arbeit steckt. Wenn aber Informationsjournalismus zum Statusobjekt der Schönen und Reichen verkommt, erfüllt er nicht mehr, was er eigentlich soll, sondern verkommt zum Selbstzweck der Selbstdarstellung mit zwar informativem Inhalt, welcher aber nicht mehr das Ziel erfüllt, dem das Ganze eigentlich geschuldet ist. Es wäre im Sinne aller, dass der Zugang zu Informationen über das Geschehen in dieser Welt allen zugänglich ist. Wie man das ermöglichen will, steht auf einer anderen Karte. Es gäbe bestimmt verschiedene Möglichkeiten, die machbar wären und bei welchen immer noch alle auf ihre Rechnung kämen.

*Siehe dazu Amartya Sen, Die Idee der Gerechtigkeit

Jeder wie er kann

Die Gesellschaftsvertragstheorie erklärt die Legitimation des Staates. Herrschte ursprünglich der Naturzustand mit einem Recht aller auf alles, welches so gesehen ein Recht auf nichts war, stellte der Staat Regeln des Miteinander auf, die dem Individuum zwar die absolute Freiheit nahm, ihm aber eine bürgerliche Freiheit sowie Schutz von Leben und Eigentum zusicherte. John Rawls erarbeitet in seinem Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ folgende Grundsätze eines gerechten Staates:

Erster Grundsatz

Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.

Zweiter Grundsatz

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein:

(a)  sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und

(b)  sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.[1]

Andere Gerechtigkeitstheorien greifen die Gedanken Rawls auf. Aufgabe des Staates in einer Demokratie ist es, allen die gleichen Rechte zu gewähren. Jeder muss die Chance haben, in Ämter gewählt zu werden und muss vor dem Gericht gleich behandelt werden. Zudem sollen Minderheiten geschützt werden und die Armen der Gesellschaft mitgetragen – soziale Gerechtigkeit. Diese soziale Gerechtigkeit versteht sich immer als Gerechtigkeit auf staatlicher Ebene. Sie setzt da ein, wo die Menschen im Staate stehen. So gesehen behandeln wir hier eine künstliche Gerechtigkeit, insofern sie einer natürlichen Gerechtigkeit gegenüber steht. Was wäre eine natürliche Gerechtigkeit in Analogie zur künstlichen? Es wäre die Gleichverteilung der natürlichen Anlagen in jedem Menschen. Nun liegt auf der Hand, dass dies weder zu beeinflussen ist noch von der Natur vorgesehen oder gar verwirklichst. Menschen kommen mit verschiedenen Anlagen und damit auch mit verschiedenen Entfaltungsmöglichkeiten zur Welt. Diese Verschiedenheit prägt denn auch den Weg, den sie im Leben gehen und damit massgeblich, nicht immer linear und unausweichlich, so doch mit grosser Wahrscheinlichkeit, wo sie im Staat stehen.

Betrachten wir noch einmal die Gesellschaftsvertragstheorie, so zeigt sich, dass es dabei (auch) darum ging, das Recht des Stärkeren zu Gunsten von gleichen Rechten für alle auszuhebeln. Anhand von staatlicher Sicherung von Leib und Leben sollte auch der Schwächere sicher leben können in der Gemeinschaft. Bei Lichte betrachtet hat man die Ungerechtigkeit damit nur verschoben. Man hat die Körperkraft durch Geisteskraft ersetzt. Der geistig stärkere hat in der heutigen Welt die besseren Möglichkeiten, eine höhere Position zu erlangen, weil er die höheren Bildungswege beschreiten kann. So wird er in den meisten Fällen ein höheres Einkommen erzielen, hat  meistens das höhere Ansehen innerhalb der Gesellschaft und damit auch eine bessere Stellung.

Die Argumentation, das sei eine naturgegebene Ungerechtigkeit, die man nicht beeinflussen kann, stimmt nur teilweise. Die natürliche Verteilung von Fähigkeiten und Anlagen können wir in der Tat nicht beeinflussen, wohl aber unseren Umgang damit. Stellen wir uns vor, wir wollen ein Haus bauen. Wir haben zwei Freunde, der eine Architekt, der andere Maurer. Wir beauftragen beide damit, das Haus für uns zu erstellen. Das Haus würde nie stehen, wäre der Maurer nicht da. Der Architekt hätte weder die Kraft, die Steine aufeinander zu beigen in stundenlanger Knochenarbeit, noch die nötige Ausbildung, sie so zu verbinden, dass sie auch halten. Der Maurer wiederum hätte nicht das Wissen, die Statik so zu berechnen, dass die Mauern am Schluss das Dach tragen. Wir brauchen beide für unser Haus. Der Unterschied liegt darin, dass der Architekt in der Berufshierarchie höher steht, das höhere Gehalt erhält, der Maurer tiefer mit niedrigerem Gehalt. Ist das fair?

Man kann argumentieren, der Architekt hätte längere Ausbildungswege gehabt, man könne nichts dafür, dass dem Maurer diese verschlossen waren. Unterm Strich bleibt dasselbe: Die beiden mögen von der Natur unterschiedliche Anlagen gehabt haben, der eine mehr Körperkraft, der andere mehr Geisteskraft. Wer will das werten? Wieso werten wir hier? Beide haben ihre Fähigkeiten voll ausgenutzt, sind ihren ihnen möglichen Weg gegangen und bringen das in die Gesellschaft ein, was sie einbringen können. Wieso ist die Leistung des einen mehr wert als die des anderen?

In meinen Augen krankt hier das System. Wir teilen Menschen nach ihren von uns und unseren Massstäben bewerteten Fähigkeiten in Schubladen ein, die einen tiefer, die anderen höher. Und setzen erst dann die Gerechtigkeit an, indem wir versuchen, diese Schubladen so zu bedienen, dass am Schluss alle geölt laufen, keine klemmt und zu bleibt.


[1] Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit

Aus Fehlern lernen

Man geht durchs Leben und möchte eigentlich alles richtig machen. Ich denke, niemand sagt sich, ich mache es mal genau falsch. Vielleicht macht man ab und an Dinge, von denen man denkt, sie seien auf die eine Seite vielleicht nicht ganz sauber, aber auf einer anderen eben doch. Das nennt sich dann Interessenkonflikt und den muss man irgendwie lösen – meist auf die Weise, dass die höher gestellte Option in der eigenen Wertung zum Zug kommt.

Nicht selten zeigt sich im Nachhinein, dass etwas, das man vorher gut und richtig fand, der Weg, den man vorher wert fand, zu gehen, in einer Sackgasse mündet oder zu einem Ziel führte, das man so nicht wollte. Umdrehen ist selten möglich und wenn, hat man mindestens Zeit verloren. Doch was hat man gewonnen?

Es heisst, aus Fehlern werde man klug. Man sieht, dass das, was man beschlossenerweise tat, nicht das Richtige war. Man lernt daraus, dass a) die Beweggründe falsch gewesen sein müssen, b) man etwas übersehen haben muss, c) man vielleicht gar nicht dahin wollte, es sich nur einbildete oder d) was weiss ich der Fall war. Auf alle Fälle: Es war FALSCH.

Was nun? Die Vergangenheit wird man nicht ändern können. Man kann nur in die Zukunft nehmen, was man aus ihr lernte. Ab und an kann man gewisse Dinge zurecht biegen, manchmal ist es verloren, man muss damit leben und das Ergebnis als Lehrgeld nehmen. Nach dem Motto: Shit happens.

Ich kriegte kürzlich den Rat: Vergiss es. Kann man das? Einfach drüber gehen, vergessen, was war, weiter gehen? Würde man damit nicht einen Teil der eigenen Geschichte verneinen und die Möglichkeit, eine Lehre zu ziehen? Es gibt wohl Menschen, die einfach vergessen können. Die weiter gehen, als ob nichts gewesen wäre, auf zu neuen Taten, auf zu neuen Ufern. Das ist sicher eine Möglichkeit. Und vermutlich die einfachste, da man nie in sich hinein schauen muss, nie sich hinterfragen muss, was man selber falsch machte. Im besten Fall schiebt man beim Vergessen den Schwarzen Peter dem anderen zu und vergisst dann mit triumphierendem Gefühl. Verlockend eigentlich.

Was ist dabei gewonnen? Wohl wenig. Die Situation wird nicht anders, man schaut nur nicht mehr hin. Das ist zwar für den aktuellen Fall erlösend, allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass es einen nächsten, ähnlich gelagerten geben wird. Das Leben richtet es so ein, dass man gewisse Lehren ziehen muss. Es führt einen so lange in ähnliche Situationen, bis man sie bewältigt hat. Der Buddhismus richtet dazu die Wiedergeburt ein, weil er nicht glaubt, dass man es in einem Leben schaffen kann. So oder so: Wir sind wohl da, um zu lernen. Lernen heisst, dem Leben standzuhalten, es zu überleben – bis zum Tod. Der ist unvermeidbar. Ob er einmal oder gar zweimal geschieht, wie James Bond sagt, weiss man nicht so genau. Aus den eigenen Fehlern zu lernen kann dabei aber sicher nicht schaden.

Und damit danke ich all meinen Lehrern, die mein Leben um viele Gedanken bereicherten, danke den Gedanken, die mich ab und an im Kreis drehen, immer aber auch weiter kommen liessen und danke den Kräften, die dazu beitrugen, dass ich alles aushielt und den Weg weiter ging.

Das ganz normale Leben

Es gibt  Tage, da fehlen einem irgendwie die Worte. Man erlebt und erfährt Dinge, die man nicht für möglich hielt, muss sie irgendwie im Hirn sortieren, ohne dass wirklich Ordnung resultiert. Man fühlt die ganze Bandbreite der Gefühle, die je fühlbarer sie werden, desto unbenennbarer scheinen.

Mein Weg, mit solchen Dingen umzugehen, ist, darüber zu schreiben. Irgendwann, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, der Tag still wird, beginnt meine Zeit der Verarbeitung. Und so sitze ich nun hier. Es ist Nacht, alles schläft, die Eindrücke eines Konzerts wirken noch nach und langsam kommen all die Fragezeichen des Tages wieder hoch.

Mehrmals am Tag hätte ich gerne rausgeschrien. Mein Unverständnis, meine Hilflosigkeit, meine Trauer, meine Wut. Und nun, da alles in die Tasten soll, ist es nicht schreibbar. Nicht, weil es keine Worte gäbe. Aber es betrifft nicht nur mich. Es sind andere Menschen involviert. Kann ich einfach Dinge breittreten, die andere Menschen betreffen? Verletze ich damit nicht ihre Grenzen, ihre Gefühle? Klar würde sie niemand erkennen, der sie nicht kennt oder mich nicht kennt. Wenn mich jemand kennt, gut kennt, könnte er es herausfinden. Und wenn derjenige, der gemeint ist, es liest, wird er sich wiedererkennen. Und es könnte ihm nicht recht sein. Trotz der eigentlichen Anonymität. Irgendwie fühlt es sich falsch an, diese Grenze so bewusst zu überschreiten.

Zurück bleiben die Fragen. Die drehen in meinem Kopf und kommen nicht raus. Ich könnte alles in ein geheimes Tagebuch schreiben, dieses im Safe verschliessen und gut ist. Nur hilft das nicht. Irgendwie. Ich habe mittlerweile ganze Seiten gefüllt, wieder gelöscht. Über selbstgerechte Männer, die Frauen betrügen, über Frauen, die sich an verheiratete Männer heranmachen, deren Familien den Familienvater ausspannen und ihn dann drangsalieren – und damit dem Kind nochmals einen Schaden zufügen. Über Egoisten, die die Macht nutzen, die sie sehen, egal, wie unfair, unverhältnismässig und vermessen sie ist. Über den Menschen allgemein, wie er sich immer selber der Nächste ist, egal, was das für das Umfeld bedeutet.

Ich habe meinem Unmut darüber Luft gemacht, meine Wut in die Tasten gehauen. Und alles wieder gelöscht. Es scheint keine Worte zu geben, es scheint, als ob alles die öffentlich mögliche Sprache überschreitet. Doch im Innern brodelt es. Und es findet kein Ende. Findet keine Lösung, keine ER-Lösung.

Ab und an wünsche ich mich auf eine einsame Insel, auf der niemand ist. Auf der ich mit meinem Hund über die Wiesen laufen könnte, frei, unbeschwert, ohne all diesen Mist, der mein Hirn zermartert. Udo Jürgen singt in einem Lied, dass die Seele voller Narben sind, man Angst hätte, sie brechen auf und sich drum nicht auf das Leben, die Menschen, Beziehungen einlassen möchte. Wie recht er hat.

„Beziehungen sind schwierig.“ Das schrieb mir heute ein Mensch, der mir mal nahe war. Er liess mich damals durch die Hölle gehen. Im Moment scheint er da zu sein. Wieso kann ich mich nicht freuen, denken „geschieht ihm recht“? Er tut mir leid. Von Herzen. Und er hat recht. Sie sind verdammt schwierig. Weil sie in einem Spannungsfeld von Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Erwartungen und Überforderungen stehen. Schaut man die Sache wissenschaftlich an, weiss man, dass komplexe Systeme mit mehr als zwei Komponenten unvorhersehbar sind. Wie also soll man wissen, wie Beziehungen herauskommen, wenn so viele Punkte drin stecken? Wie kann man sich auf ein solches Risikospiel einlassen?

Weil man wohl ohne nicht leben kann. Nur sollte man sich dann vielleicht einmal darum bemühen, realistische Erwartungen daran zu setzen. Nicht ständig die rosa Wolke zu erwarten und gleich Gewitterwolken aufziehen lassen, wenn mal die Sonne fehlt. Nicht gleich den Bettel hinwerfen, wenn verlockendere Bagage an der Gepäckausgabe steht. Aber das scheint in einer Zeit, in der nichts unmöglich und die Welt so, wie man sie sich denkt, werden kann, überholt.. Komisch nur, dass immer mehr Menschen krank werden, zerbrechen gar. Vielleicht sollte man die Möglichkeiten halt doch mal endlich und das Leben nicht als Wunschkonzert, sondern als harte Realität sehen, in der es wunderbar tragend ist, eine Beziehung zu haben, die hält, nicht eine, die grad rosarot sexy in Dessous und mit drei freien Wünschen daherkommt.

Der Mensch als Störfaktor im Idealismus

Wir träumen von einem Leben in Gerechtigkeit, einem Leben in einem Land, in welchem alle die gleichen Rechte haben, es allen so gut geht, dass sie ein menschenwürdiges Leben leben können, ein Leben, welches durch Rechte gesichert und geschützt ist. Wir wünschen uns ein Miteinander in Frieden und ohne Krieg. Und machen eigentlich ständig genau das Gegenteil von all dem. Woran liegt es?

Der Mensch stellt gerne ideale Konzepte auf, ohne zu berücksichtigen, dass sie an einem immer scheitern: Am Menschen selber.

Die Divergenzen zwischen Wunsch und Realität finden sich auf allen Stufen des Zusammenlebens. Die ideale Staatsform wird theoretisch immer wieder neu gesucht und gar gefunden. In der Praxis zeigen sich immer Schwächen, zeigt sich immer, dass jedes ideale Modell von einigen ausgenutzt werden kann und auch wird, was dann auf Kosten der anderen geschieht. Und einige fallen dabei durch die Masche in einen Zustand, der dem gewünschten nicht nur nicht ähnlich ist, sondern ihm entgegengesetzt ist.

Wo liegt der Ausweg? Zuerst müsste man die Variable Mensch in dem Spiel beachten und zur Kenntnis nehmen, dass der Mensch kein Übermensch ist, der nach moralischen Grundsätzen, frei von egoistischen Ansprüchen und ständig auf der Suche, Gutes zu tun, durchs Leben geht. Man müsste die menschlichen Abgründe mit in die Waagschale werfen und ihnen Rechnung tragen. Jedes Modell, das auf idealen Menschen fusst, wird zur Utopie verkommen.

Als Zweites müsste man sich wohl den realen Gegebenheiten stellen. Es bringt nichts, von Idealvorstellungen auszugehen, um neue Lebensmodelle zu verwirklichen, welche Ansprüchen genügen sollen. Was Sand gebaut wird, wird nie halten. Die heutige Realität ist weit davon entfernt, ein Idealzustand zu sein. Armut ist verbreitet, die Schere zwischen arm und reich tut sich immer mehr auf. Zwar hätte es genug Ressourcen für alle, niemand müsste hungern, doch sie sind so verteilt, dass einige immer noch mehr kriegen, andere immer ärmer werden.

Staaten sind über Jahrzehnte im Krieg, es gibt Länder, die über Jahre keinen Frieden mehr kennen oder aber nach einer langen Unterdrückung direkt in Unruhezustand übergingen. In anderen Ländern geht die ganze Wirtschaft kaputt, sie stehen kurz vor dem Bankrott. Krise klingt es von überall.

Auch im Kleinen drückt die Krise durch. Familien sind zum Auslaufmodell geworden, sie zerbrechen am laufenden Band. Der Kampf um das Danach wird gross. Wie soll man es regeln, was ist fair? Dabei geht man vom althergebrachten Modell aus und will möglichst wieder zusammenkleben per Gesetz, was der Mensch entzweite. Und alle sehen sich als Verlierer. Der Vater klagt, seine Kinder nicht mehr zu sehen, die Mutter klagt, keine Freiheit mehr zu haben, keine Stelle mehr zu kriegen, weil sie gebunden ist. Einer von beiden oder beide laufen in die Gefahr, zum Sozialfall zu werden. Die Kinder? Stehen mittendrin und leiden. Je grösser der Streit, desto grösser das Leiden. Der Staat will eingreifen. Will gerecht sein. Will per Gesetz regeln, wie die beiden zerstrittenen oder im besten Fall nur getrennten Parteien miteinander umzugehen haben. Er vergisst dabei, dass kein Gesetz Frieden bringen kann, wenn Gefühle verletzt sind. Kommunikation lässt sich nicht per Gesetz erzwingen und jede neue Regelung birgt wieder neue Unrechtsmöglichkeiten.

Wo liegt die wirkliche Lösung?  Wohl in einem kompletten Umdenken. Die Richtung wird noch zu finden sein, was offensichtlich scheint: Wir sind noch weit davon entfernt und bewegen uns eher davon weg als darauf zu.

Wenn Profitgier die Schere zwischen arm und reich weiter macht

Die NZZ und auch „Le Temps“ wollen ihre Onlineportale kostenpflichtig machen. Das ist sicher ihr gutes Recht, jeder kann für das Produkt, das er anbietet die Verteilungsstrategie wählen, die ihm beliebt. Dass kaum mehr was umsonst ist, ist in dieser Welt nichts Neues. Ein Experte meinte denn auch, dass die Strategie wohl aufgehen werde, die NZZ damit eine Vorreiterrolle übernähme, der andere folgen könnten. Dazu käme, so der Experte, dass die NZZ eher ein Blatt für die höhere Schicht sei, die dadurch auch zahlungskräftiger sei und damit wohl bereit, die Gebühr zur Nutzung aufzubringen. 

Legitim ist das sicher alles. Trotzdem stossen mir gewisse Dinge auf:

In der heutigen Zeit hat nicht jeder mit einer hohen Ausbildung auch eine gut bezahlte Stelle hat. Der Arbeitslosenmarkt macht auch vor Uniabgängern nicht halt. Des Weiteren ist zu bemerken, dass nicht jeder nicht Studierte gleich ungebildet und vor allem desinteressiert ist. Die Gleichung: Interessiert = zahlungskräftig ist eine, die nicht aufgeht. Wenn man nun den Interessierten jeglichen Zugang verunmöglicht, ist das zwar wirtschaftlich legitim, doch auch irgendwo traurig. Die volle Version war schon bisher zahlungspflichtig, wenn die abgespeckte Variante nun folgt, sind die Türen dicht. Klar gibt es andere Zeitungen, keine Frage, wenn die aber wirklich nachziehen?

Es gibt noch ein weiteres Problem: In einer Demokratie gilt der Mehrheitsentscheid. Entscheide sind dann vernünftig und durch Argumente und Wissen abgedeckt, wenn man sich informieren konnte, wenn man die Möglichkeit hat, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich eine Meinung zu bilden. Woher soll die Meinung kommen, wenn die Informationen nicht mehr zugänglich sind? Wie soll man sich weiter bilden, wenn am Schluss nur noch 20 Minuten Und Blick gratis sind? Die Demokratie ist in der Krise. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Krise ist ein Wort, das heute in aller Munde ist, damit nicht sympathischer wird. Man kann aber sagen, dass die Beteiligung an demokratischen Mitteln abnimmt und die Entscheide oft eine Richtung annehmen, die mehr als ungeheuer ist. Die Einschränkung des Zugangs zu Informationen, die über Boulevardniveau hinausgehen, wird das nicht verbessern. 

Schon die Vorreiter der Demokratie, zu nennen sind neben anderen  Rousseau und Tocqueville, haben alle dasselbe gesagt: Eine Todesursache für eine funktionierende Demokratie (wie sie damals gesehen wurde) ist ein zu grosser Wohlstandsunterschied. Die Stütze dieses Staatsmodells wäre ein gesunder Mittelstand. Dass dieser heute schon lange krankt, ist eine traurige Tatsache, doch die Schere tut sich immer mehr auf. Ob dem entgegenzuwirken ist, sei dahingestellt, wie das geschehen könnte oder sollte braucht mehr Platz und Zeit und bräuchte vor allem den Willen derer, die in Positionen sind, welche es erlauben, an den Zuständen zu schrauben. Wenn die Wohlstandsschere aber immer mehr auch Bildung und Informationszugang betrifft, dann nimmt das Ganze Züge an, die mehr als bedenklich sind. Und das wäre spätestens der Zeitpunkt, an dem man sich fragen müsste, ob man damit wirklich etwas Gutes tut oder ob diese Profitgier, die sich bei der Erhebung von Gebühren für die Onlineplattform zeigt, nicht schlussendlich – wenn diese Tendenz um sich greift und sich mehr und mehr vertieft, weil einer dem anderen nachfolgt – das Fundament zerstört, auf dem die ganze Wirtschaft überhaupt steht. 

Wenn diese Tendenzen um sich greifen, wird irgendwann die Basis einer gerechten Demokratie völlig unterlaufen sein. Dann werden sich arme Information nicht mehr leisten können, sie werden dadurch entweder der Chance beraubt, wirklich am Entscheiden teilzuhaben oder aber man läuft Gefahr, dass sie sich auf die Informationen stützen müssen, die ihnen noch gratis geboten werden. Das wäre ein gefundenes Fressen für all die, welche durch manipulative Informationsstreuung ihre eigenen Interessen stärken wollen. Am Schluss wundert sich dann jeder, wieso Volksentscheide ausfallen, wie sie es tun, wieso gewisse Parteien Zulauf haben, andere Treten an Ort praktizieren. 

Es ist mir klar, dass die Gebühren für eine oder zwei Onlinezeitungen noch nicht den Untergang der Welt bedeuten und es durchaus andere Missstände gibt. Trotzdem denke ich, dass sie Auswüchse dessen sind, was an den Grundfesten heutiger Gesellschaftsordnungen rüttelt: Die Kurzfristigkeit des Denkens und die Ausrichtung auf den eigenen Profit ohne Rücksicht auf mittel- und langfristige Folgen, ohne Rücksicht auf ein gewisses Mass an Fairness. 

Nicole Dill: Leben!

Der Weg in den Tod, der ein gewaltsames Ereignis sein wird, ein durch Menschenhand absichtlich herbeigeführtes Sterben, ist ein monströses Ereignis. Wer ermordet wird, kann nicht in Würde sterben, und der nackte Überlebenswille löst bösartig eine unmenschliche Furcht aus.

 

Eingesperrt in einen Kofferraum, vergewaltigt und das Geschoss einer Armbrust in der Brust ist Nicole Dill stundenlang ihren Todesängsten und ihrer Ohnmacht ausgeliefert. Sie ist zudem dem Mann ausgeliefert, der sich in ihr Leben, in ihr Herz gedrängt hatte. Der Mann, den sie geliebt hatte, mit dem sie schöne Momente erlebte, bis nach und nach dunkle Wolken aufkamen. Zuerst noch unbemerkt, dann immer bedrohlicher, bis die Situation eskalierte.

Dass Roland A. ein verurteilter und als gefährlich eingestufter Vergewaltiger und Mörder war, wusste sie nicht. Niemand warnte sie, niemand stand ihr bei. Als sie eine Gefahr fühlte, wurde sie nicht ernst genommen, stand alleine.

Nicole Dill hatte Glück. Sie überlebte, auch wenn sie dieses Überleben lange oft als Strafe empfand. Der Weg zurück ins Leben war lang und steinig, die Einsicht, Opfer zu sein, hart.

Niemand will Opfer sein. Das widerspricht unserer kulturellen Auffassung, wonach wir selbstbestimmt handeln und für unser Glück und unser Unglück selbst verantwortlich sind. Gesellschaftlich ist das Opfer mit einem Stigma behaftet.

Die Einsicht in den eigenen Opferstatus ist aber nötig, um die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie ist nötig, um zu erkennen, dass man selber nicht Schuld ist. Sie ist zudem nötig, da nur durch die Öffnung gegenüber dieser Vergangenheit auch wieder ein Blick in die Zukunft und ein Leben nach der Tat möglich wird.

Ob es für die erlebte Ungerechtigkeit eine wiedergutmachende Gerechtigkeit gibt, ist fraglich. Die Gesetzeslage scheint mehr auf Seiten der Täter als auf der der Opfer zu stehen. Der zwar verständliche, hier aber hinderliche Satz „in dubio pro reo“ verlangt von Opfern Beweise, welche oft schwer bis unmöglich zu liefern sind. Das hilft Tätern und deren Protektoren oft, mit ihrer Fehlhaltung durchzukommen, keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Das Opfer wird dabei ein zweites Mal Opfer. Zumindest fühlt es sich so. Die einzige Möglichkeit, selber aktiv zu werden und nicht in einer passiven Rolle, im Opferstatus zu verharren, ist, über das Geschehene zu reden, es Sprache werden zu lassen. Das hat Nicole Dill getan und sich so selber Schritt für Schritt ihr Leben wieder lebenswert gemacht.

Fazit:

Die erschütternde Lebensgeschichte einer Frau, die sich den Weg in ihr zweites Leben nach ihrer Ermordung erkämpfen musste. Berührend und ergreifend.

(Nicole Dill: Leben! Wie ich ermordet wurde, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012.)

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 208 Seiten

Verlag: Rowohlt Verlag (4. Auflage, Januar 2012)

Preis: EUR: 8.99 ; CHF 38.90

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Wie ist der Mensch?

Der Mensch ist von Natur aus böse, drum braucht es die Gesetze, den Staat, die diese Boshaftigkeit, die aus purem Egoismus entspringt, einzudämmen. Nur durch ein Netz an Regeln und Verhaltensmaximen schafft es der Mensch, einigermassen friedlich zu koexistieren. Noch schlimmer, er schafft es nicht mal dann. Kriege überfluten die Erde, Menschen, die auf eigene Macht und eigenen Profit aus sind, instrumentalisieren andere mittels wohlklingender Heilsversprechen oder angsteinflössender Prophezeiungen, den designierten Feind zu bekämpfen. Helfen tut es selten den Instrumentalisierten, sie sind Opfer des Systems. Helfen tut es denen, die das Geld und die Macht hatten, das anzuzetteln, was sie anzettelten. 

Eine schwarze Sicht? Pessimistisch? Mag sein. Ich tendiere ja in einer absolut blauäugigen Naivität immer wieder dazu, zu glauben, niemand wolle einem was Böses, die Welt sei gut und die Menschen wollen alle geliebt werden und lieben dementsprechend auch. Dass vor allem der zweite Teil so nicht stimmt, ist mir leider oft im Leben hautnah gezeigt worden. Wie oft wurde ich verletzt, wie oft musste ich erkennen, auf ein falsches Spiel, auf Intrigen, auf falsche Worte und Heuchelei hereingefallen zu sein oder gar manipuliert für eigene Zwecke eines anderen. Den Fehler suchte ich dann meist bei mir, dachte, mich nur falsch verhalten zu haben, nicht gut genug gewesen zu sein. Wenn ich das einmal nicht dachte, war mein Fehler immerhin, es nicht gesehen zu haben, auf etwas hereingefallen zu sein. Was nun schwerer wiegt, die eigene Naivität oder der Glaube an das eigene Versagen, bleibe dahingestellt.  Aber: eigentlich müsste ich es mal lernen und wissen: Der Mensch ist böse. 

Und doch stimmt das so nicht. Es gibt viele tolle Menschen. Liebe Menschen. Menschen, die zu unrecht in einen Topf geworfen werden mit denen, die lügen (zu andern, wohl aber auch zu sich selber), betrügen, hintergehen und ausnutzen. Wie oft im Leben stiess ich schon auf Engel, auf Menschen, die einfach nur toll waren. Also was nun? Ist der Mensch gut und wird böse? Oder ist der Mensch böse und es gibt gute Ausnahmen, Engel halt? 

Vermutlich ist beides in einem angelegt, in jedem von uns. Alles hat zwei Seiten, die diametral verschieden sind. Diese Komplementarität macht das Ganze erst ganz. Alles ist angelegt, die Ausprägung liegt in unseren Händen, ist aber meist gespurt durch Kultur, Erleben, Erziehung, Einflüsse sonstiger Art. Ich bin aber nach wie vor der Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich geliebt werden will. Und ich denke weiter, dass genau da der Knackpunkt liegt. Ist die Liebe da, das Gefühl, in dieser Welt angenommen, willkommen zu sein, dann ist man zufrieden – mit sich, mit der Welt. Wenn man aber in diesem Bereich einen Mangel sieht, sich im Nachteil sieht, traurig ist, nach Liebe sucht, sie vermisst… dann passiert was in einem. Dieser Mangel muss behoben werden, denn er ist nicht auszuhalten. Säuglinge gehen ohne Liebe ein. Kleinkinder entwickeln Ticks, werden krank, sterben ab und an auch. Liebe ist Lebenselixier, ist wohl sogar Leben. 

Was also tun, wenn sie fehlt, wenn man sich alleine fühlt, nicht wahrgenommen, nicht angenommen fühlt? Man muss diesen Schmerz, der in einem entsteht irgendwie behandeln. Dafür gibt es verschiedene Strategien:

1) Man lebt ihn aus. Weint, schreit, jammert, klagt – um dann wieder weiter gehen zu können. 

2) Man stürzt sich in Aktivitäten, die einen so ablenken, dass man vergisst, dass da ein Schmerz war.

3) Man betäubt sich – mit Drogen, mit Alkohol, mit Essen, mit irgendeinem Surrogat, das hilft, zu vergessen, zu verdrängen

4) Man fügt anderen Schmerz zu, weil man sich dann kurz Befriedigung verschafft, der eigene Schmerz überdeckt ist vom Triumph, über den anderen gesiegt zu haben, ihm auch weh getan zu haben. Der Schmerz des anderen löst den eigenen Triumph aus, der kurzzeitig den eigenen Schmerz vergessen lässt. 

Ich denke, Punkt 4 ist häufig vertreten. Vor allem in Fällen, wo mal Liebe war, nun keine mehr ist. Und wenn es dem anderen noch gut geht, dann erst recht. Kann doch nicht sein, dass der zufrieden ist, man selber nicht. Dem muss man schnell ein wenig das Leben schwer machen. Ihm eins reinwürgen. Dann fühlt man sich gleich besser. Leider nicht für lange. Doch das merkt man erst später. Und dann ist natürlich wieder der andere schuld. Oder die Nachbarn. Oder der Postbote. Oder der Mitarbeiter, Chef, die Politik, das System, die ganze Welt. Man selber? Besser mal suchen, wer es noch sein könnte. Nur wird man im Aussen nie finden, wer es wirklich war, so dass man selber endlich zufrieden ist. Man wird auch nie die Liebe finden, die man sucht, wenn man so agiert, weil man immer nur noch verbissener wird, nur noch härter. Anziehend ist das nicht. Liebenswert noch weniger. Zwar wären gerade die Menschen die, welche eben am meisten Liebe bräuchten, um aus ihrer Spirale zu kommen. Aber leider stossen sie mit ihrem Verhalten alle weg. 

Es gibt einen Satz in Bezug auf Kinder:

Nimm mich dann in die Arme, wenn ich es am wenigsten verdient habe. 

Genau der tritt auch hier in Kraft. Da es aber schwer fällt, den in den Arm zu nehmen, der einen gerade mal so richtig in die Tonne gehauen hat, kann man kaum aus seiner Haut. Man kann sich aber bewusst sein, dass dieses in die Tonne hauen mehr mit dessen Problemen zu tun hatte als mit der eigenen Person. Und mit dem Denken vielleicht für sich selber ein wenig Frieden finden. Und dem anderen wünschen, dass er irgendwann seine Probleme in den Griff kriegt, einsieht, dass nur er selber für sich zufrieden sein kann. Und wenn er es nicht ist, liegt das selten an den anderen. Es ist die eigene Einstellung zu dem, was um einen und mit einem passiert.

Klar gibt es Schicksalsschläge, klar gibt es Ungerechtigkeiten. Das Leben ist oft hart, unfair und gemein. Es ist oft voller Hürden, Fallen und Löcher. Und doch: es gibt auch viel schönes und wir haben es in der Hand, was wir sehen wollen, worauf wir unser Befinden stützen wollen. Damit sage ich nicht, das Schwere solle man ausblenden, das wäre nicht gut, denn verdrängen hilft nie, sondern schafft nur unbewusste Strategien, die meist in die Irre führen. Das Schwere soll man angehen, es bearbeiten und verarbeiten, immer im Bewusstsein, dass es nicht alles ist, nicht das ganze Leben, dass da noch viel Schönes ist. 

Diese Sicht hilft übrigens auch prima, wenn man über jemanden flucht, schimpft, dem alles Böse wünscht, ihm am liebsten irgendwie an den Karren fahren würde, denkt, das gäbe einem Befriedigung. Tut es nicht. Zumindest nicht für lange. Am meisten hilft, zu denken: Was kann ich für mich tun und nicht, was kann ich gegen den anderen tun.