Ist es ungerecht, wenn zwei Gleiche ungleich behandelt werden?

Können zwei gleich sein? Sind sie nicht eher Ungleiche, nur in gewissen Punkten gleich?

Ist es gerecht, zwei Ungleiche gleich zu behandeln? Was heisst es, gleich zu behandeln? Gleiches geben? Was, wenn einer mehr braucht? Sein Problem? Wessen sonst?

Wie lange sind zwei gleich, wann gelten sie als ungleich? Wer bestimmt, was einer braucht und wie will man es messen?

Hat Gleichheit überhaupt etwas mit Gerechtigkeit zu tun? Ist diese nicht nur Behelfsmittel, weil Schlagwort? Ist Gerechtigkeit relevant?

Was will man wirklich? Als Mensch leben? Wann ist ein Mensch ein Mensch? Und wer bestimmt das? Gibt es bessere und schlechtere? Ist der Mensch generell besser – als Mensch?

Was ist gut? Reicht gut oder muss es besser sein? Ist gut absolut oder relativ? Gestern so, morgen anders, heute? – also relativ? Ist dann nicht auch gleich relativ? Und damit nicht gerecht?

Irgendjemand ist immer der Unterhund. Man redet gross über Gleichberechtigung, über gleiche Rechte für alle und wie man diese erreichen will. Erreicht man es schon in den viel besprochenen Fällen nie, so bleibt daneben immer wieder eine neue Gruppe Menschen, die durch alle Maschen fallen. Über diese richtet man von oben herab, weil sie nicht den Status haben, selber mitzurichten. Sie sind Menschen zweiter Klasse, sofern man ihnen überhaupt eine Klasse zugesteht, sie nicht nur einfach als zu behandelnde Ware abtut.

Eine dieser Klassen sind die Behinderten. Man diskutiert über Eingliederungsmassnahmen und missachtet dabei, dass sie genauso Menschen sind wie wir. Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, hat er sein Hirn nicht abgegeben. Nur weil einer geistig nicht mehr mitdenken kann, ist er nicht minderwertig, sondern hat Bedürfnisse, die er teilweise sogar formulieren kann, wenn man nur zuhören mag. Aber man mag gar nicht, man rechnet schon, wie viel kostbare Zeit da flöten ginge und diskutiert seinen Fall lieber vor x Gremien, vor denen man sich mit ach so tollen Vorschlägen profilieren kann, die zwar oft allesamt an den Bedürfnissen des davon Abhängigen vorbei gehen, aber gut klingen. Darauf kommt es an.

Und immer wieder ein gefundenes Fressen sind die Jenischen. Die Sans-Papiers. Die gehören eh nirgends hin. Die kann man rumschieben. Wo sie auftauchen, schickt man sie weg. Man will sie nicht haben. Befindet, was ihnen zusteht und was nicht und wie man sie wieder loswird. Dass sie auch Menschen sind, interessiert nicht. Ihnen fehlen die nötigen Papiere, damit sind sie nutz- und schutzlos. Nicht gewollt in dieser Welt, zumindest nicht in diesem Staat – und wohl in keinem anderen, was dann irgendwann wieder die Welt wäre.

Papiere sind es, die zählen. Hast du die richtigen, zählst du was, hast du sie nicht, bist du nichts. Sei es bei Tieren, die nur mit Stammbaum wertvoll sind, sei es bei Stellen, wo nur Diplome zählen, nicht wirklich Können. Alles steht auf Papieren. Du tust gut daran, dir eine Flut davon zuzulegen – für alle möglichen Notwendigkeiten eines. Dann gehst du auf Nummer sicher. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen dir nicht mehr auf die Hände und in die Augen schauen, sondern nur noch dein Dossier prüfen, um zu sehen, ob du passt. Partnersuche geschieht von ferne über Tasten, Bewerbungen werden via Analyse der vorhandenen Papiere entschieden (oder Vitamin B – was man mit Abstammungs- der Hinternwischpapieren gleichsetzen kann).

Und so schliesst sich der Kreis: Fehlen die nötigen Papiere, sind wir alle irgendwie behindert in dieser Welt. Es wird von irgendwo über uns entschieden und wir werden entweder ausgesiebt oder mit gut gemeinten (und für den Meinenden profitablen weil Ruhm bringenden) Massnahmen abgespeist.

Fair? Gerecht? Gibt es die beiden überhaupt? Ich denke nicht. Ich denke auch nicht, dass es erstrebenswert ist, eine gerechte oder faire Welt zu schaffen. Gerechtigkeit ist ein Kunstbegriff, Fairness ein Ideal. Das erste ist unerreichbar, das zweite anzustreben. Es reichte in meinen Augen schon, offen und ehrlich an die Dinge heranzugehen, hinzuschauen, wirkliche Lösungen finden zu wollen und den Menschen als Menschen mit seinen wirklichen Fähigkeiten und Talenten (aber auch Schwächen) und nicht als Summe seiner Papiere zu sehen. Ob man das je wollen wird?

Es gibt Menschen, die gehen durchs Leben und nehmen sich, was sie wollen, weil sie es brauchen und denken, es stehe ihnen zu. Die ganze Welt, da sind sie sich sicher, ist nur dazu da, ihnen zu dienen. Sie greifen mit vollen Händen zu, Widerstand dulden sie nicht, sie erachten ihn als ihnen nicht gebührend, die ihnen Widerstehenden als ihnen untertan und deswegen nicht legitimiert, welchen zu leisten.

Was gibt ihnen das Recht, so zu sein? Wieso geben wir ihnen oft die Macht, sich so aufzuführen und uns gegenüber den grossen Macker herauszukehren? Wohl weil sie einem kaum eine Wahl lassen. Sie kommen mit einer Selbstverständlichkeit daher, die einen erst mal platt macht. Man denkt sich, das kann nicht sein, nicht ernst, nicht gemeint. Man kann es sich kaum vorstellen, dass jemand so unverfroren denken und gar handeln kann, weil es einem selber fern ist, hält man doch Werte wie Menschlichkeit, Miteinander, Rücksicht hoch. Und während man perplex die richtigen Worte sucht, sind sie mit ganzen Lawinen voller Unflätigkeiten über einen hinweggefegt.

Ab und an kommt der Gedanke auf, man müsste auch ein wenig mehr wie diese sein. Man müsste auch einfach nur noch für sich schauen, sich nehmen, was man will, nicht denkend, was das mit andern macht, da diese gar nicht zählen. Man malt es sich aus, sieht sich als alles hinwegfegenden Orkan, jeglichen Anstand und jegliche Rücksicht missachtend. Und man merkt plötzlich, dass man das nicht könnte, weil man es gar nicht wollte. Es wäre nicht vereinbar mit allem, was einem wichtig ist, was einem richtig erscheint, woran man glaubt. Es widerspräche jeglichen Grundsätzen von Moral und Ethik, jeglichen Forderungen der (Mit)Menschlichkeit.

So bleibt wohl nur noch eines: Sich so weit als möglich von Menschen zu distanzieren, die diese Werte nicht teilen, sie in ihrem Haifischbecken zu lassen, selber in den eigenen Buchten zu schwimmen, unter Gleichgesinnten, solchen, die Mensch sind und unter Menschen sein wollen. Glücklich sind die Haie wohl nicht, auch wenn sie sich mit Gewalt alles nehmen, was sie haben wollen. Das ist vermutlich sogar der Grund, wieso sie es tun. Der verzweifelte Kampf um Glück, welches sie mit Macht erreichen wollen, weil sie denken, es stehe ihnen zu. Dabei vernachlässigen sie, dass Glück nie auf Gewalt und Unfrieden aufbaut, sondern im Frieden und Miteinander begründet ist. Glück lässt sich nicht erkämpfen, es kommt über einen, wenn man dafür offen ist.

Egal was man liest, sei es die Bhagavad Gita, die Bibel, Kant oder andere wegweisenden Schriften und Denker: Alle haben als Handlungsmaxime dasselbe propagiert: Handle so, dass dein Handeln niemanden verletzt, dass dein Handeln andern als Beispiel dienen kann, dass dein Handeln nicht um der Früchte willen, sondern um des richtigen Handelns willen geschehe. Diese Schriften haben Jahrhunderte, Jahrtausende überdauert und wurden immer (wenn auch oft nur theoretisch) für richtig gehalten. Die darin liegende Botschaft scheint so etwas wie ein universelles Gesetz des Miteinanders zu sein. Sich daran zu halten kann also nicht so schlecht sein. Glaubt man an die Gesetze des Gleichgewichts, an Karma und Gerechtigkeit, so weiss man: Alles kommt zu einem zurück, irgendwann gleicht sich alles aus. Sich an die Werte des richtigen und guten Handelns zu halten lässt einen mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Und das kann helfen, im Hier und Jetzt für sich ein bisschen Ruhe zu finden.

Eine gerechte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der das Zusammenleben der Menschen in den wesentlichen Hinsichten durch gerechte Normen geregelt ist. Und gerechte Normen für das Zusammenleben der Menschen […sind] solche Normen, auf die sich rational eingestellte Menschen insofern einigen können, als sie bereit sind, sich sowohl mit den Vorteilen dieser Normen für sich selbst zufrieden zu geben als auch mit den Vorteil dieser Normen für ihre Mitmenschen (und damit den möglichen Nachteilen für sich selbst) abzufinden.

Wenn man bedenkt, dass schon die Frage, was Gerechtigkeit überhaupt sei, ganze Bibliotheken füllt, ist die Frage, was eine gerechte Gesellschaft sei, weit gegriffen für den doch schmalen Umfang des vorliegenden Buchs. Norbert Hoerster bezieht das Wort „gerecht“ auf menschliches Verhalten in Bezug auf andere Menschen. Menschliche Handlungen wiederum beruhen oft auf staatlich erlassenen Gesetzen oder normenübergreifenden Prinzipien, welche wiederum auf ihre Gerechtigkeit zu prüfen sind.

Damit Menschen die Voraussetzung für ein zufriedenes Leben haben, bedarf es einer Grundgerechtigkeit, welche aus den Grundrechten resultiert. Hoerster benennt hier Abwehrrechte (in Berufung auf Nozick), welche den Schutz des Lebens, der Unversehrtheit, der Freiheit und des Eigentums betreffen, und Anspruchsrechte, welche darauf zielen, allen Menschen im Zuge ihrer Fähigkeiten ein sinnvolles Leben zu ermöglichen durch Ausbildung, Erziehung und Unterstützung bei unfreiwilliger Armut.

Einen grossen Teil des Buches widmet Hoerster Rawls Gerechtigkeitstheorie, die er im Hinblick den Begriff der Gleichstellung zusammenfasst. Es folgt ein Kapitel über das Eigentum und dessen Grenzen, an welches sich die Frage nach dem Staat – was er ist und wann er gerecht sei – anschliesst. Die Steuergerechtigkeit nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. Alle Themen werden mit anschaulichen Beispielen verständlich dargelegt und im Hinblick auf die Gerechtigkeit durchdacht.

Den Abschluss macht ein Resümee, das weniger das Buch zusammenfasst als Hoersters persönliche Position darlegt, untermalt mit aktuellen Beispielen. Was ist eine gerechte Gesellschaft? ist weder eine umfassende noch eine wirklich in die Tiefe gehende Studie der Titelfrage. Das wäre vom Umfang nicht möglich und die behandelten Themen sind zu punktuell ausgewählt. Nichtsdestotrotz regt es zum Nachdenken an, legt Grundsteine zum weiteren Vertiefen und verweist in der Bibliographie auf eine breit gefächerte Auswahl an Literatur, die das weitere Studium ermöglicht.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Zum Autor
Norbert Hoerster, geb. 1937, lehrte von 1974 bis 1998 als Professor Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Mainz. Von ihm erschienen sind u.a.: Haben Tiere eine Würde? (2004); Die Frage nach Gott (32010); Was ist Recht? (2006); Was können wir wissen? (2010); Muss Strafe sein? (2012).

HoersterGesellschaftAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 144 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 26. August 2013
ISBN: 978-3406652936
Preis: EUR: 12.95 ; CHF 21.90

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Nicht nur in Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, das Phänomen lässt sich weltweit beobachten. Während die Reichen mit immer mehr Gier und Eifer ihre Millionen horten, verhungern ganze Völker. Dass genug für alle da wäre, wenn es gerecht verteilt wäre, ist längst bekannt. Die Frage, wieso dies nicht endlich geschieht, steht im Raum. Um zu verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte, reicht es nicht, die gegebenen Zustände anzuklagen, sondern es bedarf des Blicks zurück auf die Geschichte dieser Zustände.

Für beides: für die aufklärende Diskussion wie für das praktische Handeln sind möglichst genaue historische Kenntnisse von Nutzen, ja unentbehrlich. Bleibt doch die Geschichte – dies erneut gegen die geläufige Skepsis – das einzige Erinnerungs- und Denkmaterial, aus dem wir lernen können, denn allein Gegenwartskonstellationen und Zukunftsprojektionen reichen dafür nie aus. Historische Kenntnisse belehren über den gewöhnlich langsamen Gang der sozialen Evolution

Dabei wird klar, dass man nicht einfach erkennen kann, dass die Gesellschaft in eine falsche Richtung läuft, um dann eine Kehrtwende zu machen. Systeme bewegen sich langsam, je grösser, desto langsamer.

Blickt man zurück, sieht man, wie die vom Staat auferlegten Regeln über das menschliche Zusammenleben nach und nach durch marktwirtschaftliche Prinzipien unterlaufen wurden, der Markt verdrängte quasi den Staat Schritt für Schritt. Was zuerst als erstrebenswert galt, nämlich die Aufhebung von durch Abstammung definierten Hierarchien, wich bald einer neuen Hierarchie nach Wirtschaftlichkeit.

Sie [die Geschichte, S.M.] belehrt darüber, wie sich mit der modernen Marktwirtschaft auch die Marktgesellschaft Schritt für Schritt durchgesetzt hat, in der die „marktbedingten Klassen“ (Max Weber) die überkommenen ständischen Formationen effektiv verdrängt haben. Denn in dieser Marktgesellschaft entscheiden zusehends Marktprinzipen über die Zuteilung von Lebenschancen und Lebensrisiken.

Neue Ungleichheiten entstehen, sie messen sich an Einkommen, Alter, Bildung und Geschlecht, Chancen variieren nach kultureller Herkunft und Gesundheitsstand, die durch Geburt gegebenen Fähigkeiten multiplizieren die durch andere Kriterien bestimmten Lebenschancen.

Alle Ungleichheiten wird man nie aus der Welt schaffen, eine durch und durch gerechte Gesellschaft herstellen zu wollen, wird eine Utopie bleiben. Wichtig ist es, machbare und fruchtbare Lösungswege hin zu einer Verbesserung aufzuzeigen und anzugehen.

Als realistische Politik kann daher nur die Abmilderung einer allzu krass ausgeprägten Hierarchie gelten.

Hans-Ulrich Wehler liefert mit seinem Buch Die neue Umverteilung eine verständliche und trotz knapp bemessenem Umfang fundierte Darstellung wichtiger soziologischer und ökonomischer Theorien. Er zeigt auf, wie im Lauf der Geschichte soziale Ungleichheiten die Schere zwischen Reich und Arm auseinander klaffen liess. Er zeigt zudem auf, wie politische Macht mit der wirtschaftlichen Kraft einhergeht und deutet auf die Gefahr dieses Zusammenspiels hin.

Wehler zeigt auf, wie auch in Zukunft die sowieso schon Privilegierten immer noch mehr Privilegien geniessen, wie sich Working Poors mehr schlecht als recht durchs Leben kämpfen und wie die Mittelschicht einen aussichtslosen Kampf austrägt. Die Sachlichkeit von Wehlers Darstellung lässt seine Schlüsse glaubhaft klingen und die Lage bedrohlich erscheinen. Seine aufgezeigten Anstösse hin zu einer Umkehr lassen die Hoffnung weiterleben.

Fazit:
Eine fundierte, sachliche Diagnose der heutigen Zeit und der Lage der (deutschen) Nation sowie der allgemeinen Wirtschaftslage. Ich kann dieses Buch jedem ans Herz legen, der etwas über die heutige Lage erfahren und neue Wege erkennen möchte.

 

Zum Autor:

Hans-Ulrich Wehler
Hans-Ulrich Wehler wurde 1931 geboren, besuchte nach dem Gymnasium Geschichte, Soziologie und Ökonomie. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Für sein Schaffen erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind auch Eine lebhafte Kampfsituation (2006), Notizen zur deutschen Geschichte (2007), Land ohne Unterschichten (2010), Nationalismus (2011)

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Verlag C.H.Beck (2013)
Preis: EUR 14.95 / CHF 21.90

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DeWaalPrimatenDas vorliegende Buch bietet einen interdisziplinären Diskurs, welcher auf einer Vorlesung Frans de Waals innerhalb der „Tanner-Lectures on Human Values“ basiert. Drei Philosophen und ein

Evolutionspsychologe nehmen de Waals Sicht in der Folge kritisch unter die Lupe, halten ihre Argumente dagegen, worauf Frans de Waal in einer abschliessenden Antwort reagiert.

Frans de Waal führt seine jahrzehntelange Erfahrung in der Primatenforschung sowie evolutionstheoretische Betrachtungen ins Feld, um darauf aufbauend über die Moral des Menschen nachzudenken. Beim Blick auf die Natur des Menschen unterscheidet er zwei grundlegende Strömungen, mit der Moralität des Menschen umzugehen. Die eine, die Fassadentheorie, sieht den Menschen als von Natur böse und Moral als kulturelles Konstrukt, das zu wählen dem Menschen möglich ist. Auf der anderen Seite steht die evolutive Ethik, welche Moralität als Ergebnis einer Entwicklung vom Sozialverhalten der Tiere hin zu einer menschlich immanenten Wesenseigenschaft sieht.

Mit Beispielen aus seiner Primatenforschung zeigt Frans de Waal Grundzüge sozialer Interaktion und auch Emotionen wie Empathie bereits bei diesen Tieren vorhanden. Aufgrund dieser Entdeckung schliesst er, dass die menschlichen Anlagen zur Empathiefähigkeit sowie die Bedürfnisse nach Kooperation und Moral nicht kulturelle Fassade, sondern sich in einer evolutionären Kontinuität entwickelte Natur sei.

Bei allen Parallelen zwischen Tieren und Menschen gibt es durchaus Unterschiede, welche sowohl Frans de Waal wie auch die anderen Autoren des Buches thematisieren. Zentral sind dabei sicher die Sprachfähigkeit und kognitive Fähigkeiten, welche beim Menschen weiter ausgebildet sind.

Peter Wright behandelt im Anschluss an de Waals Artikel die Problematik von Anthropomorphismen, Philip Kitcher und Christine M. Korsgaard sehen die menschliche Moralität stärker im kognitiven Bereich (im Gegensatz zum eher emotional gesteuerten Verhalten der Tiere), wozu auch Peter Singer tendiert, welcher aufgrund von Versuchen mit Hirnscans für eine kognitiv rationale Moralität beim Menschen plädiert

Die Wahrheit findet man durch dieses Buch nicht, aber sicher viele Ansätze aus diversen Forschungsrichtungen, die sich gegenseitig in Frage stellen aber auch befruchten. Das Buch zeugt von der gegenseitigen Achtung der Autoren und vermittelt dem Leser damit eine unbeschwerte Sicht auf die grundlegenden emotionalen Verhaltensweisen des menschlichen Tieres. Denn:

Es ist klar, dass Tiere keine Menschen sind, genauso klar ist aber, dass Menschen Tiere sind.

Fazit
Themen wie Mitleid, Empathie und Selbstlosigkeit bei Mensch und Tier werden kontrovers diskutiert. Informative, kurzweilige Lektüre. Absolut lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 220 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag 2011
Übersetzung: Hartmut Schickert, Birgit Brandau, Klaus Fritz
Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

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Ich bin beeindruckbar. Spontan relativ leicht, mit etwas nachdenken weniger. Doch im ersten Moment sprudelt es über. Ich schwebe in solchen Momenten ziemlich hoch über dem Boden, schwärme, lache, rede wie ein Wasserfall. Ich bin leicht zu begeistern. Und ich kann das schlecht verbergen, da ich kein Schauspieler bin, immer authentisch und durchschaubar. Es sei denn, ich bin unsicher, dann werde ich zum Buch mit sieben Sigeln. Aber sonst… wer mich kennt, weiss, was abgeht. 

Wenn ich begeistert bin, sage ich ja. Spontan. ich bin dabei. Lasse mich vereinnahmen. Bin bereit zu geben. Viel. Schaue oft zu wenig hin, was ich dafür kriege. Vertraue, dass das Leben fair ist. Der Mensch hätte eine Grundsehnsucht nach Gerechtigkeit, hörte ich heute. Da die Welt ungerecht sei,  leide er beständig an dieser Diskrepanz und reagiere darauf. Spontan wäre es Rache. Durchdacht nähme er sich zurück. 

Ich bin alles andere als rachsüchtig. Wenn, dann geht die Rache gegen mich selber. Wie konnte ich so blöd sein? Wie konnte ich reinrennen? Und: Wie komme ich aus der Nummer raus? Aber von vornherein nein sagen? Das wäre nicht gegangen. Das hätte den anderen verletzt. Vor den Kopf gestossen. Nun täte es das wohl umso mehr. Kann ich? Muss ich? Es klang so gut. Klang so gross. Ich fühlte mich daneben vielleicht grad klein. Sah dort das Wissen, hier den Bedarf. Wollte gefallen. Angenommen sein. Wollte geben, wie immer. Vergass, dass ich auch brauche. Vertraute drauf, dass es schon komme. 

Wo liegt der Fehler? Zu wenig nachgedacht? Zu viel vertraut? Und was mache ich mit diesem Fehler? Ich kann mich zerfleischen, mich schelten. Aber ich kann auch hinsehen und etwas erkennen. Etwas, das wie alles in dieser Welt positive und negative Seiten hat. Ich brauche mich nicht zu verdammen und auch nicht mit mir zu hadern, aber ich kann etwas lernen. Für mich und für die Zukunft. Es ist schön, begeisterungsfähig zu sein. Nie ist der Himmel so blau und die die Welt so bunt wie in diesen Phasen. Wenn ich dabei bemerke, dass diese Welt nur so bunt bleibt, wenn ich darin mich selber bleibe und mich nicht aufgebe, kann mir nichts geschehen. Die Welt bleibt hell und schön. Vielleicht merke ich, dass es nicht meine Welt ist, doch ich kann mich an ihr freuen, mich freuen, dass es solche Welten gibt. Wenn ich mich verbiege oder gar aufgebe, um in die Welt zu passen, dann kann die Welt mit ihren Farben grell und erschlagend werden. 

Es passt nicht jeder in jede Welt. Und das ist gut so, denn es gibt viele Welten – für jeden eine passende. Sich zu wünschen, man wäre in einer anderen, ist immer frustrierend, denn dann wäre man nicht mehr man selber. Ab und an hadert man mit sich, weil man ist, wie man ist. Doch gibt es immer auch Gutes am Selbst. Und das möchte man im Gegenzug nicht missen. Deswegen ist es wohl besser, die unpassenden schönen bunten Welten erfreut zu sehen, aber in der eigenen wohnen zu bleiben. Im Wissen, dass die Schönheit auf Dauer nur in dieser erlebbar bleibt.

Die andern bunten Welten leuchten weiter, verlockend, strahlend. Der Lernprozess fürs eigene Leben besteht wohl darin, zu erkennen, welches die eigene Welt ist, in der man leben kann. Ab und an sich wünschend, dass man ausbrechen könnte und neue Welten erleben. Sich aber besinnend, dass man ist, wie man ist. Mit einer Prise Dankbarkeit für das Gute und einer Prise Nachsicht für das, womit man dann und wann hadert.