Wetterumschwung

Blätter tanzen sanft im Wind, sie hören
wohl die Himmelstöne leise spielen,
geben sich dem zärtlich hin und leben
damit unbeschwerte Ewigkeiten.

Strahlenhelles Sonnengleissen lässt die
Glitzerplättchen schimmernd schweifen,
Vögel singen, jubilieren, feiern
diese freudentollen Festmomente.

Hinter fernen Hügelketten hangen
graue Wolkenbetten, tragen in sich
alles Dunkle, dem wir beide bis vor
kurzem hilflos ausgeliefert waren.

Diese heut’gen Lichterreigen bringen
Hoffnung und vor allem Dankbarkeiten!

©Sandra von Siebenthal

Ich und Du und Wir

Es wünscht sich oft
einer partout,
als Ich zu sein
mit einem Du.

Denn ist man erst
einmal zu zweit,
erscheint das Glück
gar nicht mehr weit.

Bloss oft ist ein
Zusammensein
viel mehr allein
als ganz allein…

Der and’re ist
im Anderssein
ein Dorn im Auge,
eine Pein,

weil keiner mehr
den andern sieht,
ins innere Exil
entflieht.

Nur macht erst dieses
Selbstsosein
aus Ich und Du
ein Sein zu zwein.

©Sandra von Siebenthal, Juni 21

Trauben in Nachbars Garten

Man kann wohl schlicht
nicht alles haben,
denn so manches
schliesst sich aus.

Will man in fremden
Gärten graben,
kauft man besser
sich kein Haus.

So mancher denkt,
das geht doch beides,
gräbt so fröhlich
vor sich hin.

Doch geht die Chose
in die Hose,
ist die Fröhlichkeit
dahin.

So ist es halt
in diesem Leben,
alles hat so
seinen Preis:

die kurze Freud,
die bunte Pracht,
legt manches Glück
auf Eis.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutung – Paul Fleming: An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

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Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Katers Annäherung

Am ersten Tag war er noch scheu,

am zweiten schnuppert’ er, was neu.

Am dritten kam er zu mir hin,

am vierten wollt‘ er wieder fliehn.

Am fünften hoffte ich nun sehr,

er käm’ am sechsten wieder her.

Am siebten war er wirklich da,

am achten war es langsam klar.

Am neunten folgt‘ er stetig mir,

am zehnten Tag warn wir ein Wir.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutung – Mascha Kaléko: Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer, oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür. 
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!*

Doch: Das alles ist vorbei. Zum Lachen sei das. Mit Ausrufezeichen. Und schon beim Lesen werden die Worte Lügen gestraft. Zum Weinen ist es wohl, weil es nicht mehr ist. Es ist wohl also ein Lachen, das im Halse stecken bleibt, ein sarkastisches Lachen, ein leicht verzweifeltes Lachen. Und auf das Lachen folgen die Fragen nach dem Warum. Wieso ging das, was mal so schön war, auseinander? An wem lag’s? War’s schlicht der Lauf der Zeit?

Und dann versiegt das kurze Fragen und Hadern, die Sehnsucht drückt wieder durch. Wie gerne würde man all das nochmals erleben, wie gerne würde man wieder lieben. Und mit der Sehnsucht kommt die Einsicht: Das wird nie mehr sein.

Trotz des eigentlich traurigen Themas wohnt dem Gedicht etwas Versöhnliches, gar Tröstliches inne. Die Dankbarkeit über das Schöne, das Erinnern an das Gute bringt dies mit sich. Und in diesen Erinnerungen und in der Dankbarkeit lebt das Gute auch weiter. Wer weiss: Hätte man vielleicht früher schon, bei Streit, wenn das Schwere überwog, an die schönen Anfänge und das Gute und Schöne gedacht, wäre es gar nicht zum Ende gekommen, weil im Innern etwas Versöhnliches aufgetaucht wäre? So bleiben nur das «Gewesen!» und das sehnsüchtige Erinnern.

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* zitiert nach „Das lyrische Stenogrammheft“. Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Mein eigener Steuermann

Ich warf einen Stein und
dieser zog Kreise,
fast so wie im Leben
die Jahre hinzieh’n.

Vom Kleinen zum Grossen,
von mir zu euch andern,
so wächst sich das Leben
von innen heraus.

Doch wir schau’n nach aussen
und fühlen verloren
uns selber und mit uns
die Welt um uns auch.

Der Halt, den wir suchen,
und den wir verfluchen
so manches Mal, wenn er
gar starr und steif wirkt,

den brauchen wir oft doch,
selbst wenn wir nicht wollen,
denn ohne ein Halten,
da treiben wir fort.

Es droh’n viele Wellen
uns zu überfluten,
es droh’n viele Wogen,
uns unterzuspül’n –

ein Schiff nur im Wasser,
das uns nicht gewogen,
da hilft nur das Eine:
ans Steuer zu stehen!

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – Josef von Eichendorff (10.3.1788 – 26.11.1857)

Schon als Kind schrieb Josef Eichendorff, doch wählte er beruflich einen rationaleren Weg: Auf ein Jurastudium folgte Kriegsdienst, danach der Staatsdienst. Immer aber war die Liebe zu Kunst und Kultur präsent. Als er 1844 frühzeitig in den Ruhestand trat, nahm das Schreiben endlich den Hauptplatz in seinem Leben ein.

Josef von Eichendorff war einer der herausragenden Vertreter der deutschen Romantik, liest man seine Gedichte, eröffnet sich in ihnen das ganze Spektrum der Epoche: Leidenschaft, das eigene Erleben und Empfinden, die Gefühlswelten, vor allem auch da, wo es gequälte sind. Abgrenzen wollten sie sich von der so rationalen Aufklärung eines Immanuel Kant, aufbrechen wollten sie das Strenge der Antike und der Klassik. Die Romantiker sehen die Welt am Kranken, durch einen Bruch sei sie gespalten. Mit ihrer Kunst wollen diese nun heilen, als Sehnsuchtssymbol wird dafür immer wieder die blaue Blume zitiert:

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh’.

Ich wand’re mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt’ und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schau’n.

Ich wand’re schon seit lange
Hab’ lang’ gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab’ ich
Die blaue Blum’ geschaut.

In Eichendorffs Lyrik begegnen uns immer wieder ähnliche Motive, die Natur mit ihren Bäumen und Wäldern werden besungen, schöne Landschaften unter dem sich wölbendem Himmelszelt beschrieben. Wir lesen von der Nacht, von Sehnsüchten, vom Abschied und von der Liebe. Was so einfach daher kommt, ist es aber oft nicht, liegt in allem doch ein tieferer Sinn und mehr Bedeutungsspielraum, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist aber wohl gerade die vordergründige Einfachheit und Schönheit der Bilder, die dazu führte, dass Eichendorff einer der meist vertonten und gesungenen Lyriker ist. Dass seine Gedichte schon beim lauten Sprechen wie ein Gesang anmuten, war sicher auch nicht abträglich.

Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blüten-Schimmer
Von ihm nun träumen müsst’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternenklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Es gibt wohl keinen Lyriker, der nicht auch die Liebe besang. Eichendorff war da keine Ausnahme. Er nutzte die ganze Klaviatur der Gefühle, schrieb über das Glück der Liebe, die einem Wunder gleich das Herz erfüllt:

Frühlingsnacht

Über’n Garten durch die Lüfte
Hört’ ich Wandervögel zieh’n,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt’s schon an zu blüh’n.

Jachzen möchte’ ich, möchte weinen,
Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s
Und in Träumen rauscht’s der Hain
Und die Nachtigallen schlagen’s:
Sie ist Deine, sie ist Dein!

Doch wehe dem, der die Liebe verliert. Er leidet, er fällt aus der Welt. Worauf er gehofft, wofür er gelebt, ist verloren. Er möchte fliehen, möchte weg von dem, was ihn an sie erinnert, er steht am Abgrund und möchte nur noch eines: Ruhe. Zum Glück steht die Folge des letzten Wunsches, dem zu sterben, im Konjunktiv, so dass dieser Wunsch wie auch die vorherigen lediglich Wunschträume sind, welche den bitteren Verlust ausdrücken sollen.

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu’ versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu’ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möchte’s als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus
Und singen meine Weisen
Und gehen von Haus zu Haus.

Ich möchte’s als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör’ ich das Mühlrad gehen:
Ich weiss nicht, was ich will –
Ich möchte’ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!

Hat man ein so gewaltiges Werk vor sich wie das von Josef von Eichendorff, ist es schwer, sich auf einige wenige Gedanken und Gedichte zu beschränken. Der Not geschuldet könnte zum Abschluss vielleicht noch dieses eine stehen:

Trennung ist wohl Tod zu nennen,
Denn wer weiss, wohin wir gehen,
Tod ist nur ein kurzes Trennen
Auf ein baldig Wiedersehn.

Und vielleicht ist das Ende hier der Schritt zu einem baldigen Wiedersehen mit Eichendorffs Lyrik an einem anderen Ort.

Befreiung der Marionetten

Es stirbt der Mensch,
er wird zum Ding
an Fäden
dieser Welt.

Er wird zum Abbild
einer Norm,
die sagt, wir sind hier
uniform.

Doch ist der Mensch
nicht Opfer bloss,
er schwingt sich auf
und wird Gericht

für andre, die
im selben Zwang
dem eig’nen Leben
sind verlor’n.

So prägt ein jeder
seine Welt,
indem er tut,
was sich gehört.

So lebt ein jeder
seinen Tod,
und wird zum Mörder
an der Welt.

Es bräuchte einen,
der sich traut,
der aufbegehrt
und nicht wegschaut.

Der mutig sich
dagegen stellt,
im Wissen: «Das
ist meine Pflicht!

Denn leben tut
nur der allein,
der selber denkt –
kein andrer lenkt.


Und wer das sieht,
der wird gewahr,
dass, was vermeintlich
Leben war


so nicht mehr geht,
will er besteh’n,
weil Leben heisst
selbst hinzusteh’n.

Heisst gegen Normen,
gegen Fäden,
selber formen
sich, das Leben,

in der Welt
sich selber bleiben,
niemand soll
am andern leiden.

©Sandra von Siebenthal, 30. Mai 2021