WillemsenEr reiste gerne. Am liebsten im Zug. Einen Führerschein besass er nie. Das Reisen war insofern nie eine Qual, als die Destinationen seinen Interessen geschuldet waren und Interessen hatte er viele. Wie gerne lasen wir von seinen Reisen, wie gerne gaben wir uns seinen Beschreibungen hin, die mit einer Leidenschaft daher kamen, die in uns das Interesse an Dingen weckte, das wir nie gehabt hätten sonst. Und hatten wir es gehabt, wussten wir nach der Lektüre, wieso.

Kürzlich sah ich im TV eine Wiederholung einer alten Sendung, ein Interview mit Roger Willemsen. Er hatte ein unglaublich gewinnendes Wesen. Nicht weil er es drauf anlegte, weil er bei allem, was er sagte, ganz er war und immer mit Begeisterung sprach von dem, was er tat, dachte, wollte. Er war ein interessierter Mensch, er wollte hinter die Dinge sehen, er wollte die Dinge erleben, über die er schrieb. Und er reiste hin. Im Zug. Er verstand es, dieses Interesse in seinen Texten lebendig werden zu lassen, er verstand es, seine Leser und Zuhörer mitzunehmen auf die Reisen.

Er war ein unglaublich belesener, unglaublich intelligenter Mensch. Er hat das nie zur eigenen Profilierung genutzt, aber er konnte beim Schreiben aus dem Vollen schöpfen. Und das spürte man beim Lesen. Und wenn man ihn erlebte, merkte man, dass es echt ist, dass er echt ist.

Geboren wurde er in eine gebildete und kunstinteressierte Familie, der Vater war Kunsthistoriker, Maler und Restaurator, die Mutter in ostasiatischer Kunst bewandert. Das mag seinen Weg vorgespurt haben. Dass die Familie keinen Fernsehen hatte, er täglich einige Hundert Seiten zum Zeitvertreib lesen „musste“, hat wohl nicht geschadet. Und er gab alles wieder:

„Ich vermittele sehr gerne, versuche Dinge aufzubereiten, reichere sie durch Enthusiasmus an, sonst bleiben sie meistens unbelebt.“

Heute würde er 62 Jahre alt. Zum Glück bleiben seine Bücher, die in seinem Sinne weiter wirken.

Hans Gustav Bötticher, wie Joachim Ringelnatz eigentlich heisst, wird am 7. August 1883 in Wurzen, einem Ort bei Leipzig, in ein künstlerisches Elternhaus geboren. 1886 folgt der Umzug nach Leipzig. Der Vater schreibt humoristische Verse und Kinderbücher und veröffentlicht über vierzig Bücher, die Mutter stellt Puppenkleidung her. Die Familie Bötticher ist finanziell gut gestellt. Klein Hans strebt dem Vater nach, ein Streben, das ihn zeit seines Lebens verfolgen soll, da er sich immer hinter dem zurückstehend sieht in Anbetracht von dessen akademischem Hintergrund. Trotzdem steht er ihm näher als der Mutter, deren Liebe ihm fehlt.

Die Schulzeit stellt ein eher düsteres Kapitel für Ringelnatz, wie wir ihn fortan nennen wollen, dar. Einerseits wird er von den Mitschülern wegen seines Aussehens gehänselt, andererseits fühlt er sich unwohl in Bezug auf die Lehrer, welche er als „respektfordernde Dunkelmenschen“[1] sieht. Sein Aussehen wird noch sein Leben lang an ihm nagen, viele seiner Schwierigkeiten im Leben führt er darauf zurück. Nach einem Vorfall in der Schule fliegt Ringelnatz von Gymnasium, setzt seine Schulkarriere in einer Privat-Realschule fort, beendet aber auch diese Lebensetappe wenig erfolgreich, indem er neben schlechten Noten den Eintrag „Schulrüpel ersten Ranges“[2] heimträgt.

Ringelnatz hat den Traum, Seemann zu werden, sieht aber schon nach fünf Monaten als Schiffsjunge, dass er als eher kleiner, feiner Jüngling in der harten Seemannswelt einen schlechten Stand hat. Es folgt Arbeitslosigkeit im Wechsel mit diversen Jobs im Seemannsbereich. Weitere Versuche, beruflichen Erfolg zu finden, sind ebenfalls nicht vom Glück gekrönt, Höhepunkt eines solchen Versuchs ist sogar eine Inhaftierung. Unter all diesen unerfreulichen Lebensumständen veröffentlicht Ringelnatz Gedichte, Witze und Anekdoten in einer satirischen Zeitschrift.

1909 tritt Joachim Ringelnatz in der Münchner Künstlerkneipe Simpilicissimus auf und legt damit den Grundstein zu seiner Künstlerlaufbahn. Schnell wird er zum Hausdichter des Etablissements, verkehrt fortan mit Künstlern wie Erich Mühsam, Bruno Frank, Ludwig Thoma, Frank Wedekind, und vielen mehr. Wegen der schlechten Bezahlung auf der Suche nach anderen Einnahmequellen, versucht sich Ringelnatz als Dichter von Reklameversen – auch das ohne finanziellen Erfolg. Es folgen Veröffentlichungen von Gedichten und Essays unter verschiedenen Pseudonymen in der angesehenen Satirezeitschrift Simplicissimus sowie zwei Kinderbücher und ein Gedichtband.

Um seinen Bildungsmangel zu beheben und nicht länger hinter seinen Künstlerkollegen zurückzustehen, nimmt Ringelnatz Privatunterricht in Latein, Geschichte, Literaturgeschichte und weiteren Fächern, verschlingt zudem Werke der Weltliteratur. Schon bald fehlt das Geld, sein Bohème-Leben weiterzuführen, so dass er fortan als Wahrsagerin verkleidet den Prostituierten in Bordellen die Zukunft vorhersagt. Die finanzielle Lage bleibt prekär, der Winter ist hart, ihm entspringt der erste Band seiner autobiographischen Bücher. Weitere Arbeitsversuche führen ihn 1912 zu einer Anstellung als Bibliothekar, zu einem Job als Fremdenführer und schliesslich zur Arbeit als Schaufensterdekorateur (für die Dauer eines Schaufensters, danach sieht er seine zu unorthodoxe Dekorationskunst ein und gibt auf).

Obwohl Ringelnatz in dieser Zeit einiges veröffentlichen kann, unter anderem seine Gedichtsammlung Die Schnupftabakdose, hat er kaum Einnahmen aus seiner Schriftstellerei. Zu Kriegsbeginn meldet er sich freiwillig zur Marine, darf aber zu seiner Enttäuschung nicht am Getümmel teilnehmen, versucht aber alles, um die Karriereleiter in der Armee hochzusteigen. Auch der Krieg lässt Ringelnatz ernüchtert zurück. Im Jahr 1918 erschüttert ihn der Tod seines Vaters schwer. 1920 heiratet Ringelnatz, das Paar wohnt erst in München, dann in Berlin, seine Frau Leonharda unterstützt ihn in seinem Schreiben, doch das Paar ist weiterhin in ständiger Geldnot. Ringelnatz versucht das durch eine Aushilfsstelle bei der Post und Auftritte im Simplicissimus aufzufangen, was nur leidlich gelingt. Auch die erfolgreichen Gedichtsammlungen, Auftritte in verschiedenen Kabaretts und weitere Bücher bringen nur Achtungs- kaum Gelderfolg.

Vollends verarmen Ringelnatz und seine Frau nach 1933, als die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten ihm ein Auftrittsverbot auferlegen und später auch seine Bücher verbrennen. In dieser Zeit zeigen sich erste Zeichen von Tuberkulose, woran Joachim 17. November in seiner Wohnung stirbt.

Sein Werk

Lange Zeit beschränkt sich das Hauptinteresse von Ringelnatz’ Leserschaft vornehmlich auf seine Lebensgeschichte, was in Anbetracht dieses sehr umtriebigen Lebens nicht erstaunt. Die Literaturwissenschaft spricht seiner Lyrik zeitweise Rang und Wert ab, befindet sie als höheren Ansprüchen nicht genügend.

Joachim Ringelnatz’ Schaffen ist stark geprägt vom literarischen Kabarett der Jahrhundertwende, es findet sich in seinem Schreiben oft eine Ähnlichkeit mit Christian Morgenstern, aber auch Frank Wedekind, Carl von Maassen und andere haben auf ihn eingewirkt. Anders als bei Morgenstern wird bei Ringelnatz Reales in den Gedichten umgesetzt. In der Figur des Kuttel Daddeldu verarbeitet Ringelnatz zum Beispiel viel Autobiographisches:

So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. – Es verfliessen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verlässt er leise Mutter und Göhren.[3]

Ringelnatz’ Werk vereint schwarzen Humor, Groteske, die Sicht auf das reale Leben und die Zeit, es umfasst exotische Erzählungen, Lügenmärchen, Seemannsphilosophie sowie Gedichte und Balladen, welche die verschiedensten Gefühlslagen von Lebenslust bis hinein in die tiefen Niederungen der Befindlichkeit widerspiegeln. Die Moral, welche Ringelnatz der Welt zuschreibt, klingt sowohl banal als auch nüchtern, manchmal gar brutal und zynisch:

Vier Treppen hoch bei Dämmerung

Du mußt die Leute in die Fresse knacken.
Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –
Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
Mußt du zu ihnen wie zu einem Kind
Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden

Von Dingen, die du eben noch nicht wußtest.
Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –,
Daß du sie in die Fresse schlagen mußtest.
Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen,
Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen.


[1] Günther: Joachim Ringelnatz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten.
[2] Friederike Schmidt-Möbus: Joachim Ringelnatz – Leben und Werk
[3] Kuttel Daddeldu und die Kinder aus: Joachim Ringelnatz: Gedichte Prosa Bilder

RosenkranzKalekoMascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) als nichteheliches Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen geboren (Die Eltern heiraten 1922 und der Vater adoptiert Mascha).

1914 reist die Mutter mit Mascha und deren Schwester Lea nach Frankfurt, um den Pogromen in ihrer Heimat zu entgehen, Mascha besucht hier die Volksschule. Weil Maschas Vater die russische Staatsbürgerschaft hat, wird er als feindlicher Ausländer verhaftet, kommt aber bald darauf wieder frei. Die Familie zieht 1916 nach Marburg um, 1918 folgt der Umzug nach Berlin. Mascha leidet unter den vielen Umzügen, das Gefühl von Heimat geht ihr verloren. Dieser Verlust wird sie zeitlebens prägen und auch Gegenstand ihrer Gedichte sein.

IMG_2417Mascha hätte gerne studiert, doch ihr Vater fand das für ein Mädchen unnötig, so dass sie 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands eine Bürolehre beginnt und nebenbei an der Universität Abendkurse belegt. Nebenher schreibt sie immer schon Gedichte, als Inspiration dient ihr der Brotberuf und das Berliner Grossstadtleben, sie schreibt aus dessen Mitte heraus über die Gefühle der normalen Menschen auf der Strasse. Dafür wird sie geliebt, denn die Menschen erkennen sich wieder, sie sehen in Mascha jemanden, der ihre Sprache spricht, der sie versteht.

Am 31. Juli 1928 heiratet Mascha den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko. 1929 veröffentlicht Mascha ihr erstes Buch, welches ein Erfolg wird. Lesungen folgen, sie verkehrt im Romanischen Café mit anderen Literaten Berlins. Als Hitler an die macht kommt, wird das Leben für jüdische Künstler schwieriger. Mascha ist noch nicht betroffen, auch von der Bücherverbrennung wird sie verschont. Erst 1935 stellt das Regime fest, dass Mascha Jüdin ist, ihr Erfolg nimmt ein jähes Ende.

Im selben Jahr lernt sie den Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen und lieben. Die beiden erwrten bald darauf ein Kind, Avitar Alexander Kaléko erblickt im Dezember 1936 das Licht der Welt – denn verheiratet ist Mascha immer noch mit Saul Aaron Kaléko, der als Vater eingetragen ist. Mascha leidet unter der Lebenslüge, die sie wohl 1937 afdeckt. Kaléko will von einer Scheidung nichts wissen, zu sehr liebt er Mascha. 1938 werden die beiden dann doch rechtsgültig geschieden (im Oktober 1937 waren sie schon religiös geschieden worden) und Mascha und Chemjo können im Juni 1938 heiraten.

Die Ehe ist nicht nur einfach, trotz der grossen Liebe. Chemio scheint sehr impulsiv und aufbrausend zu sein, es kommt oft zu Streit. 1938 verlässt die kleine Familie Berlin und tritt die Emigration in die USA an. Mascha fühlt sich hier nie zu Hause, sie vermisst ihre Sprache, sie vermisst ihre Ausdrucksmöglichkeit. Zudem ordnet sie ihre eigenen Wünsche und Pläne ihrem Mann unter und versucht, ihn in seiner Karriere zu unterstützen. Ihre Familie ist ihr immer das Wichtigste, obwohl sie auch ihre Erfolge als Dichterin vermisst.

Nach dem Krieg können Maschas Gedichte in Deutschland wieder gelesen und neu aufgelegt werden. Eine Reise nach Deutschland kann sie sich aber lange nicht vorstellen. Erst 1955 wird sie die ehemalige Heimat wieder sehen. Sie sieht viel Vertrautes, aber merkt auch, dass es das Berlin, wie sie es kannte, nicht mehr gibt.

1960 wandern Mascha und Chemjo nach Palästina aus – auch dieser Schritt geschieht Chemjo zuliebe. Mascha leidet unter dem erneuten Wechsel und sie fühlt sich in nun noch isolierter als in Amerika, zumal sie die Sprache nicht spricht. Als 1968 ihr Sohn nach einer schweren Krankheit stirbt, zerbricht etwas in Mascha. Sie wird sich von dem Verlust nicht mehr ganz erholen.

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?[1]

Sie selber ist auch schon seit längerer Zeit immer wieder krank, auch Chemjo kämpft mit seiner Gesundheit. Eine grosse Müdigkeit lastet auf Mascha. Chemjo stirbt am 16. Dezember 1973.

1974 bricht sie nochmals auf eine ausgedehnte Europareise auf, besucht nochmals Berlin, überlegt sogar, hier eine kleine Zweitwohnung zu nehmen. Dazu soll es nicht mehr kommen. Als sie auf dem Weg zurück nach Jerusalem in Zürich Halt macht, muss sie ins Krankenhaus, wo sie am 21. Januar 1975 stirbt.

Ausgewählte Werke

  • Das lyrische Stenogrammheft (1933)
  • Kleines Lesebuch für Grosse (1935)
  • Verse für Zeitgenossen (1945)
  • Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere (1961)
  • Verse in Dur und Moll (1967)
  • Das himmelgraue Poesiealbum der Mascha Kaléko (1968)
  • Feine Pflänzchen (Posthum, 1976)
  • In meinen Träumen läutet es Sturm (Posthum, 1977)

Weiteres zu Mascha Kaléko

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[1] Memento, zitiert nach Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko

IMG_2401.JPGPaul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Seine Familie gehört zur besseren Gesellschaft, der Vater ist Inhaber einer Getreidehandlung, hat später verschiedene Ämter inne, seine Mutter stammt aus einer wohlhabenden deutsch-brasilianischen Kaufmannsfamilie. Neben Thomas hat die Familie noch folgende Kinder: Heinrich (1871), Julia (1877), Carla (1881) und Viktor (1890).

Man kann seine Kindheit wohl eine – der Zeit ensprechend – unbeschwerte nennen, schwieriger wird es in der Schule, wo er eher mässig begabt oder interessiert ist, so dass er verschiedene Klassen mehrfach absolviert und schliesslich 1894 ohne Abitur abgeht. Er ist mit dieser Schulkarriere nicht allein, schon Heinrich ist vor dem Abitur ausgetreten und arbeitet beim Schulaustritt seines Bruders bereits als Volontär beim S. Fischer Verlag in Berlin. Bis zum Schulaustritt lebt Thomas bei verschiedenen Lehrerin in Pension, ist doch seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes, Thomas Manns Vater, und dem testamentarisch verfügten Verkauf der Getreidefirma, mit den drei Jüngsten Kindern nach München gezogen, wohin Thomas Mann 1894 folgt.

IMG_2400.JPGSchon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings keine langen Romane wie später im Leben, sondern – eher schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte – Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Ein kurzer Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – kündigt sich in ihm wohl der Entschluss an, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, es folgen Besuche von Vorlesungen in Literaturgeschichte, Geschichte, Mythologie und mehr als Gasthörer an der Technischen Hochschule sowie weitere literarische Versuche, welche aber von weniger Erfolg gekrönt sind. Trotzdem hatte sein Ersterfolg Thomas Mann die Türen zur Literaturszene Münchens geöffnet.

1895 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien. Im Jahr 1896 folgt ein längerer Aufenthalt ebenda, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks. Zurück in München arbeitet er als Lektor, arbeitet daneben weiter am Verfall der Familie Buddenbrook, bis er diese im August 1900 an Samuel Fischer schickt, welcher den Druck beschliesst.   War bislang Heinrich der erfolgreichere Schreiber, überholt ihn Thomas mit seinem Erstling. Dieser Umstand sowie die für den Bonvivant Heinrich zu bürgerliche Existenz von Thomas führt wohl zu einem angespannten Verhältnis zwischen den Brüdern, das sich lange nicht mehr erholen soll.

1903 lernt Thomas Mann Katia Pringsheim kennen, welche er am 11. Februar 1905 heiratet. Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). (Mehr zu Thomas Mann als Vater findet sich HIER)

Die Jahre von 1905 bis 1914 sind für Thomas Mann gute Jahre (ausser dem Selbstmord seiner Schwester Carla 1910). Er hat Erfolg, der Familie geht es gut. Unterbrochen wird das eigentlich ruhige Leben nur durch einen Kuraufenthalt Katja Manns in Davos, wo Thomas Mann sie besucht und dadurch auf die Idee zum Zauberbergt kommt. Die ersten Kapitel entstehen noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (Der Zauberberg erscheint Ende 1924). Anfänglich bejubelt Thomas Mann den Kriegsausbruch, womit er in guter Gesellschaft ist, allerdings ist er nicht diensttauglich. Er steuert schriftliche Gedanken zum Geschehen bei, lebt ansonsten wie vor dem Krieg weiter, ausser dass ihn häufige Krankheiten plagen. Zwischen den Kriegen passiert wenig Erwähnenswertes, das Leben nimmt seinen Lauf. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.

Thomas Mann ist gerade in Arosa, als er von diversen Verhaftungen in München erfährt und beschliesst, nicht gleich nach Hause zu reisen. Es kommt in der Zeit zur Denunziation Manns in München, die Aufmerksamkeit der Polizei liegt nun auf ihm, was zu einer Hausdurchsuchung führt. Wäre Thomas Mann jetzt heimgekehrt, wäre er in der Tat verhaftet worden. Thomas Mann schlägt seine Zelte in Küsnacht in der Schweiz auf. Unterzwischen ist sein Haus in München beschlagnahmt worden. 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. Bis dahin schreibt er fleissig weiter, immer öfter auch antifaschistische Stellungnahmen. In der Zeit arbeitet er auch an seinen Joseph-Büchern.

Es folgen Reisen nach Amerika, 1938 bleibt er schliesslich ganz. 1939 unternimmt Thomas Mann eine grosse Europareise, der Kriegsausbruch erschwert schliesslich die Rückkehr, aber er schafft es zurück über den grossen Teich. In Amerika unterrichtet er in Princeton als „Lecturer in the Humanities“ bis 1940. Daneben ist er ein mehr als fleissiger Schreiber. Noch immer schreibt er an seinen Joseph-Romanen.

1941 folgt der Umzug der Familie Mann nach Pacific Palisades in Kalifornien, 1943 beginnt Thomas Mann mit dem Doktor Faustus. Durch diese Arbeit findet er auch den Kontakt zu Theodor W. Adorno, welcher ein wichtiger Berater für den Roman wird.

Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, kurz darauf geht Klaus Mann als amerikanischer Soldat nach München und berichtet seinem Vater von den Zuständen vor Ort. Thomas Mann will von einer Reise nach Deutschland nichts wissen. Er arbeitet weiter am Faustus, welcher 1947 erscheint. Im selben Jahr reist er auch zum ersten Mal wieder nach Europa – allerdings nicht nach Deutschland. 1948 beginnt die Arbeit an Der Erwählte, im Goethejahr 1949 folgt der erste Besuch in Deutschland.

1950 stirbt Thomas Manns Bruder Heinrich. Im selben Jahr reist Mann in die Schweiz nach Zürich. Seine Schaffenskraft ist noch immer ungebrochen: Er fängt mit Felix Krull an, engagiert sich für politische Gefangene in der Sowietzone und unternimmt weitere Reisen. 1952 kommt es zum (ursprünglich nicht geplanten) Umzug nach Erlenbach am Zürichsee, dem einer 1954 nach Kilchberg folgt, wo 1955 noch die Goldene Hochzeit gefeiert wird. Kurz darauf stirbt Thomas Mann, nachdem er schon länger öfters krank war, am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.

Ausgewählte Werke

Romane

  • Buddenbrooks (1901)
  • Königliche Hoheit (1909)
  • Der Zauberberg (1924)
  • Joseph und seine Brüder (1933 – 1943)
  • Lotte in Weimar (1939)
  • Doktor Faustus (1947)
  • Der Erwählte (1951)
  • Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1954)

Erzählungen und Novellen

  • Gefallen (1894)
  • Der Wille zum Glück (1896)
  • Tonio Kröger (1903)
  • Tod in Venedig (1911)
  • Unordnung und frühes Leid (1926)
  • Mario und der Zauberer (1930)
  • Die Betrogene (1953)

Essays

  • Berachtungen eines Unpolitischen (1918)
  • Theodor Fontane (1928)
  • Bruder Hitler (1938)
  • Deutschland und die Deutschen (1947)
  • Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung (1947)

 

Bücher zu Thomas Mann

Weitere Artikel zu Thomas Mann:

Das Leben
Arhur Schnitzler kommt am 15. Mai als Kind von Johann Schnitzler, Arzt, und dessen Frau Louise in Wien zur Welt. Er besucht ebenda das Gymnasium, nach dessen Abschluss er an der Universität Wien Medizin studiert. Schon früh beginnt er, literarische Texte – Prosa und Lyrik – zu verfassen. Seine erste Veröffentlichung ist das Liebeslied der Ballerine, welches 1880 in der Zeitschrift Der freie Landbote erschienen ist. Auf dieses sollen weitere folgen. Im selben Jahr schreibt er in sein Tagebuch:

Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen, soweit ich mich erinnere.[1]

Schon ein Jahr vorher hatte er notiert:

Ich fühl’ es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.[2]

Arthur_Schnitzler_1912_(cropped)Trotzdem hält er am Studium fest und die Medizin bleibt lange seine Haupttätigkeit. Nach einer Assistenzstelle im Allgemeinen Krankhaus der Stadt Wien wird er Assistent seines Vaters, publiziert in der Zeit mehrheitlich Fachartikel. Daneben pflegt er aber Freundschaften zu den Schriftstellern seiner Zeit, darunter Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und weitere der literarischen Wiener Moderne.

Als Schnitzlers Vater stirbt, tritt er aus dem Krankenhaus aus und eröffnete eine eigene Praxis. Seine Schriftstellerei nimmt immer mehr Raum in seinem Leben ein. Arthur Schnitzler ist kein Kind von Traurigkeit. Liebschaften aller Art zu Frauen aus verschiedenen Kreisen säumen seinen Weg und inspirieren sein Schreiben. Am 9. August 1902 kommt Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich zur Welt, ein gutes Jahr später heiratete er dessen Mutter, die Schauspielerin Olga Gussmann. Sechs Jahre wird die gemeinsame Tochter Lili geboren. Die Ehe kriselt, 1921 kommt es zur Scheidung.

Literarisch feiert Schnitzler Erfolge, ist einer der meistgespielten Dramatiker im deutschen Sprachraum, was sich allerdings mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ändert. Während Schnitzler seinen Themen treu bleibt, wollen die Menschen mehr davon sehen und lesen, was sie aktuell beschäftigt: Vom Krieg. 1921 kam es zu einem Skandal anlässlich der Uraufführung des Bühnenstücks Reigen. Schnitzler musste sich in einem Prozess gegen den Vorwurf der Erregung öffentlichen Ärgernisses wehren. In der Folge zieht er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

1928 nimmt sich Schnitzlers Tochter das Leben, einige Stimmen machen den Vater dafür verantwortlich. Für Arthur Schnitzler ist der Verlust ein harter Schlag, er nennt den Todestag in einem Tagebuch auch das Ende seines Lebens.

Arthur Schnitzler leidet neben zunehmender Schwerhörigkeit viele Jahre unter Tinnitus, was ihn Situationen meiden lässt, in welchen verschiedene Geräusche auf ihn zukommen – soziale Kontakte sind so teilweise schwer wahrzunehmen. Seine letzten Lebensjahre widmet Schnitzler hauptsächlich dem Schreiben von Erzählungen. Er stirbt am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung.

Sein Schreiben
Arthur Schnitzlers Werk besticht dadurch, die Innensichten seiner Figuren aufs genauste zu durchleuchten. Anhand von Einzelbeispielen zeichnet er ein Bild der damaligen Wiener Gesellschaft. Protagonisten seiner Werke sind die typischen Originale Wiens: Offiziere, Ärzte, Künstler – meist von leichtem Charakter und gegen alle Normen und Regeln verstossend. Thematisiert werden so immer auch die Auswirkungen solchen Handelns auf sozial Schwächere, vor allem Frauen. Während diese in seinen frühen Werken blosse Opfer bleiben, fangen sie in den späten an, ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich so aus der männlich dominierten Welt zu befreien.

Bezeichnend für Schnitzlers Werk sind auch autobiographische Verweise, da der Autor alles, was er schreibt, durch eigene Erfahrungen untermauert haben will. Sein Blick auf das Verhalten paarungswilliger Menschen mit all ihren Irrungen und Wirrungen nimmt einen zentralen Stellenwert in seinem Schreiben ein. Immer beleuchtet er dabei die Doppelmoral der Gesellschaft, welche nach vorne moralische Ansprüche predigt und im Geheimen diese selber mit Füssen tritt. Seine gesellschaftliche Analyse entspringt seiner subjektiven Einschätzung. Dass er mit seinen literarischen Innensichten durchaus ins Schwarze trifft, attestiert ihm Sigmund Freud einmal in einem Brief:

„Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu… Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heissen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. […] So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“[3]

Für seine Darstellung der inneren Abläufe und psychischen Dispositionen entwickelt Arthur Schnitzler (zum Beispiel in seiner Novelle Leutnant Gustl, das Werk, das ihn wegen seiner kritischen Haltung den Offiziersrang im Militär kostet) mit dem inneren Monolog eine neue Ausdrucksform in der deutschen Literatur.

Für Arthur Schnitzler stehen stets die Auseinandersetzung mit seiner Zeit und sein Werk im Zentrum – beides bedingt sich gegenseitig. Heinrich Mann schreibt Schnitzler zu Ehren:

Kampf allein tut es nicht, was bleibt denn von den Kämpfen. Fortzuleben verdienen die schönen Werke und fordern, dass ihrer gebrechlichen, bedrohten Ursprünge gedacht wird. Ich ehre Sie, lieber Arthur Schnitzler.[4]

Ausgewählte Werke

  • Dramen:
    • Anatol (1893)
    • Reigen (1903)
    • Das weite Land (1910)
    • Professor Bernardi (1912)
  • Romane
    • Der Weg ins Freie (1907)
    • Chronik eines Frauenlebens (1928)
  • Erzählungen und Novellen

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[1] Tagebuch, 25. Mai 1880
[2] Tagebuch, 27. Oktober 1879
[3] Hartmut Scheible, Arthur Schnitzler, S. 124
[4] Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 234

img_0965Susan Sontag wird am 16. Januar 1933 als Susan Rosenblatt in New York City geboren. Die ersten Jahre verbringt sie bei den Grosseltern, weil ihre Eltern durch den Beruf des Vaters in China sind. Als Susan 5 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater an Tuberkulose, Susan kriegt bald einen Stiefvater und mit diesem auch den Namen Sontag.

Beruflich weiss Susan Sontag schon früh, wo ihr Leben hinführen soll, auch wenn sie durchaus an sich und der Machbarkeit zweifelt:

Ich möchte schreiben – ich möchte in einer intellektuellen Atmosphäre leben – ich möchte in einem kulturellen Zentrum leben[1]

Der Wunsch nach Intellektualität, nach Kultur, nach Schreiben begleitet sie ein Leben lang. Vor allem in ihren jungen Jahren ist bei Susan Sontag eines zentral: Sich selber zu erschaffen, wie sie sich gerne hätte. Gerade die frühen Tagebücher zeugen von einer unerbittlichen Suche nach dem eigenen Selbst, nach dem Bild, das sie von sich haben will und ausfüllen kann. Immer wieder hinterfragt sie sich, analysiert sich, klagt sich auch an, um sich dann wieder aufzuraffen, Mut zu fassen, weiter zu gehen.

Es gibt nichts, nichts, was mich daran hindern würde, irgendetwas zu tun – ausser mir selbst … Nur die Zwänge meiner Umgebung, denen ich mich selbst unterwerfe und die mir immer allmächtig erschienen, so dass ich es nicht wagte, auch nur in Betracht zu ziehen, ihnen zuwiderzuhandeln…. Aber was hindert mich eigentlich daran?[2]

Wenig später ist sie überzeugt:

Jetzt fängt alles an – ich bin wiedergeboren[3]

Ab 1949 studiert Susan Sontag in Chicaco Literatur, Theologie und Philosophie. Mit 17 heiratet sie den Soziologen Philip Rieff, aus der Beziehung stammt Sohn David. Die Ehe geht nicht lange gut, was sicher auch an Susan Sontags Schwanken zwischen den Geschlechtern liegt. Bereits 1947 hat sie in ihr Tagebuch geschrieben:

Ich wollte mich unbedingt körperlich zu ihm hingezogen fühlen und wenigstens beweisen, dass ich bisexuell bin [am Rand: Wenigstens bisexuell – was für eine idiotische Idee][4]

Immer wieder kämpft Susan Sontag mit Krebs, schon in den 70er-Jahren muss sie sich einer aggressiven Chemotherapie unterziehen – sogar die Ärzte sehen kaum Hoffnung auf Erfolg. Sie kämpft aber auch gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit, kämpft dagegen, nur als Kranke gesehen zu werden und nicht mehr als ganzer Mensch mit allen Facetten.

Ich für meinen Teil betrachte mich als Produkt meiner Geschichte. Mehr ist meine Wesensart nicht. – Und da ich erkenne, wie willkürlich meine Geschichte zum Teil ist, erscheint mir deren Produkt, meine Wesensart, logischerweise veränderbar, überwindbar.[5]

Susan Sontag ist zeitlebens eine Lernende, sie verschlingt Bücher, Filme, liebt Kunst und Musik. Ganze Listen legt sie an mit Titeln, die sie verschlungen hat oder noch lesen, sehen oder hören will. Sie ist in ihrem Schreiben und Urteilen aber kaum je dem Mainstream verpflichtet, sieht sich im Gegenteil als Revolutionärin im Ganzen:

Ich bin eine angriffslustige Schriftstellerin, eine polemische Schriftstellerin. Ich schreibe, um zu unterstützen, was attackiert wird, und um zu attackieren, was gefeiert wird.[6]

Allimg_0948erdings resultiert diese Haltung nicht aus einer Art Trotz, vielmehr folgt sie unbeirrt ihrer Wahrnehmung und Einschätzung.

Ein grosses Thema von Susan Sontag sind immer wieder die Liebe und Beziehungen. Vieles geht in die Brüche, Susan Sontag leidet, hinterfragt sich und die verflossenen Lieben. In ihren Tagebüchern findet man viel von diesem Hadern und Leiden. In den späten 80er-Jahren scheint es ruhiger zu werden. Von 1988 bis zu ihrem Tod lebt Susan Sontag mit der Fotografin Annie Leibovitz zusammen.

Susan Sontag stirbt am 28. Dezember 2004 in New York City.

Ihr Werk
Susan Sontag ist vor allem für ihre Essays über Literatur, Kunst, Film und Fotografie bekannt, aber auch ihr Roman In Amerca stiess auf begeisterte Kritik und brachte ihr den National Book Award ein.

Werke (u.a.)
Prosa

  • Der Wohltäter (1963)
  • Todesstation (1967)
  • Ich, etc. (1978)
  • In Amercia (2000)

Essays und andere Schriften

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[1] Susan Sontag, Wiedergeboren, Tagebücher 1947 – 1963, S. 27
[2] ebd., S. 46
[3] ebd., S: 52
[4] ebd., S. 28
[5] Susan Sontag: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964 – 1980, S. 292
[6] ebd., S. 421

img_0865Kurt Tucholsky kommt am 9. Januar 1890 in Berlin-Moabit zur Welt. Weil sein Vater aus beruflichen Gründen nach Stettin muss, verbringt der kleine Kurt seine frühe Kindheit dort. Kurt Tucholsky verehrt seinen Vater, mit der Mutter ist es schwieriger. Umso mehr trifft ihn der frühe Tod seines Vaters im Jahr 1905, Kurt Tucholsky ist gerade mal 15 Jahre alt. Durch eine beachtliche Hinterlassenschaft mangelt es der Familie wenigstens finanziell an nichts.

Nach seinem Abitur 1909 wechselt Tucholsky an die Universität in Berlin, wo er ein Jurastudium beginnt. Allerdings interessiert er sich auch während des Studiums mehr für Literatur als für trockene Paragraphen. Statt in staubigen Lesesälen zu versauern, reist er lieber mit Freunden durch die Welt und besucht Schriftsteller. Es verwundert nicht, dass er das Staatsexamen ablehnt und somit auf eine Anwaltskarriere verzichtet. Mit Ach und Krach schafft er es, eine mehrfach abgelehnte Dissertation durchzubringen, so dass er doch noch einen Studienabschluss hat – immerhin cum laude.

img_0866Schon zu Schulzeiten veröffentlicht er kurze journalistische Schriften und Satiren, zieht die journalistische Arbeit auch während des Studiums weiter.

1915 wird Tucholsky in den Krieg eingezogen, wo er ab 1916 die Feldzeitung Der Flieger herausbringt. Im Dezember 1918 wird Tucholsky Chefredaktor der satirischen Beilage des Berliner Tagblatts, des Ulk. Da Tucholsky bald für verschiedene Blätter und in unterschiedlichen Themengebieten arbeitet, legt er sich eine Vielzahl an Pseudonymen zu: Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Karl Hauser.

Tucholsky zeigt sich immer wieder gegen den Krieg und gegen das Militär eingestellt, er prangert die zahlreichen politischen Anschläge an linken, pazifistischen oder liberalen Politikern und Publizisten an: Rosa von Luxemburg, Karl Liebknecht und Maximilian Harden, um nur einige zu nennen. Ebenso unnachsichtig ist er mit demokratischen Politikern, welche ihre Gegner zu sehr mit Samthandschuhen anfassen. Gegen all das schreibt Tucholsky mit spitzer Feder an und engagiert sich auch direkt politisch.

Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.[1]

1922 gerät sein Schreiben ins Stocken. Einerseits zwingen ihn finanzielle Probleme (auch durch die herrschende Inflation) zu einer wirtschaftlicheren Arbeit, andererseits gerät er in eine Depression, welche ihm sein Schreiben als sinnfrei erscheinen lässt. Ein Selbstmordversuch fällt in diese Zeit. 1924 führt sein Weg nach Paris, er lässt sich im selben Jahr von Frau eins (Else Weil) scheiden und heiratet Frau zwei (Mary Gerold). Tucholsky kommt nur noch sporadisch nach Deutschland zurück, die meiste Zeit verbringt er im Ausland. Trotzdem schaut er immer wieder mit kritischem Blick nach Deutschland.

Auch die zweite Ehe wird geschieden, 1927 lernt er Lisa Matthias kennen. Einem Urlaub mit ihr in Schweden verdanken wir den 1931 erschienen Kurzroman Schloss Gripsholm. Politisch engagiert er sich 1929 mit Deutschland, Deutschland über alles nochmals.

Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist es nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder untereinander liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?[2]

Im gleichen Jahr verlegt er seinen Wohnsitz nach Schweden. Tucholsky kann schlecht damit umgehen, dass seine vielen Warnungen, seine Vorahnungen ungehört bleiben. Wie deutlich sieht er die von Hitler ausgehende Gefahr und muss zusehen, wie Deutschland ins Unglück rennt.

Ihr fühlt die Not – aber ihr könnt sie nicht beheben, weil ihr ihre Quelle nicht sehen wollt.[3]

1931 verstummt Tucholsky publizistisch. Seine Trennung von Lisa Matthias, der Tod eines Freundes sowie gesundheitliche Probleme lassen ihn immer mehr resignieren. Es erscheinen 1933 noch seine Schnipsel genannten Aphorismen, 1933 eine kleine Notiz, ein Romanmanuskript wird wegen der politischen Lage in Deutschland abgelehnt. 1933 werden seine Bücher verbrannt und Tucholsky die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Tucholsky glaubt nicht an ein schnelles Ende des Schreckens. Vom Exil aus beobachtet er die Lage besorgt. Darüber geben posthum veröffentliche Briefe Auskunft. Gesundheitliche Probleme machen ihm das Leben zusätzlich schwer. Am 20. Dezember 1935 nimmt er in seiner Exilheimat in Hindås, Schweden eine Überdosis Tabletten, an welcher er am 21. Dezember stirbt. Es ist nicht ganz sicher, ob es Absicht oder ein Versehen war.

Sein Werk
Tucholsky selber bezeichnet sich als linker, liberaler Intellektueller. Seine politischen Texte sind sehr kritisch gegen die Weimarer Republik sowie auch gegen die Gesellschaft als brave Gefolgschaft einer verantwortungslosen Politik gegenüber.

Es scheint wirklich so, als ob die meisten Menschen hierzulande einen Hund nur deshalb besässen, um och einen „unter sich zu haben“.

Diverse politische Mitgliedschaften sind jeweils von kurzer Dauer, vermutlich, weil er, sobald er mehr Einsichten in die Strukturen hatte, überall mit Kritik reagiert.

Tucholsky war auch ein grosser Literaturkritiker. Er hat mehr als 500 Werke rezensiert, wobei auch die Texte nicht frei von seiner politischen Meinung sind. Als Lyriker sieht sich Tucholsky als Talent, sieht sich aber nicht in der gleichen Liga wie den von ihm sehr verehrten Heinrich Heine. Er ist Verfasser von „Gebrauchslyrik“, versucht aber auch, Chansons und Couplets in der deutschen Sprache zu beheimaten.

An Bekanntesten ist Tucholsky wohl als Satiriker. Die Satire ist aber kein gesonderter Teil in seinem Werk, sondern, sondern sie durchzieht es. Tucholsky ist der Ansicht, dass Satire alles darf und ein „eine durchaus positive Sache“[4] ist.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

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[1] Kurt Tucholsky: Dürfen darf man alles, S. 55.

[2] Zitat von Hölderlin als Vorwort zu Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“, S. 9

[3] ebd., S. 128

[4] Aus „Was darf Satire?“, in: Kurt Tucholsky: Das grosse Lesebuch, S. 15