«Den grössten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.» Dieter Bonhoeffer
Angefangen hat alles als nett gedachter Blumenstrauss. Ich legte los, es fühlte sich nicht gut an. Ich dachte, das werde dann schon – wurde es auch, nämlich schlimmer. Und so unglaublich brav, dass mir selbst das Gesicht einschlief beim Betrachten. Also brachte ich wild Farbe rein. Und schaffte es tatsächlich, es noch schlimmer zu machen. Ich liess es liegen. Kam zurück, schaute es an, malte hier und da etwas, ohne dass es viel Gutes gebracht hätte. Und plötzlich. Der Impuls. Da muss was Neues her. Das war erst der Anfang. Was soll ich sagen. Ich liebe es. Es wäre nie entstanden ohne die kläglichen Anfänge, die ich als Fehler deklariert hatte.
Was man so alles lernt beim Malen – nicht nur für die Malerei. Fehler sind was Wunderbares, sie öffnen neue Wege. Und manchmal ist etwas nur auf den ersten Blick ein Fehler, auf den Zweiten der Anfang von was Gutem.
«There are always flowers for those who want to see them.» Henri Matisse
Gestern kam der Schnee und hüllte die Welt in eine märchenhafte Stille. Wo vorher noch Farben und Lärm und Unruhe war, breitete sich eine alles überdeckende Ruhe ein. Durch die Fenster sah ich die Schneeflocken tanzen, die Lichter verwandelten sie in funkelende Sterne, die vom Himmel fielen. Hätte ich nicht gewusst, dass ich später noch heimfahren muss mit dem Auto, hätte ich es noch viel mehr genossen.
Als ich heute Morgen aufwachte, schaute ich in eine tief verschneite Winterlandschaft. Und selbst wenn ich den Winter nicht wirklich mag, weil er mir zu kalt ist, so verzaubern mich diese Momente doch immer wieder aufs Neue.
Blumen sieht man draussen keine mehr, zum Glück steht bei mir zu Hause ein wunderbarer Blumenstrauss in den buntesten Herbstfarben, so dass mein Leben doch bunt bleibt. Vielleicht ist es ja immer so: Wenn man das Leben farbig will, muss man selbst zur Farbe greifen.
„Dieses Jahr in der Schwebe ist eine Art Zwischenzeit, die ihr ganz alleine gehört. So wie die Stunden im Kino, wo man sich über nichts Gedanken machen muss. Eine Zeit, die in der Endabrechnung nicht zählt, weil sie niemand richtig bemerkt.“
Als Emilia vor dem Haus steht, in welchem sie das nächste Jahr leben wird, hat sie in ihrem Leben viel verloren und irgendwie auch sich selber. Ohne Arbeit, ohne Menschen in der Stadt, in die sie nach langer Zeit zurückgekommen ist, startet sie in eine ungewisse Zeit. Was ihr bleibt, sind die Erinnerungen an vergangene Zeiten sowie die Farben in ihrem Leben, durch die sie das Leben fassen, erklären und sich auch mal in sie retten kann.
„Seitdem ist Gelb meine Lieblingsfarbe. Weil sie keine Veränderungen fürchtet. Sie hat nicht einmal Angst, dass sie ein bisschen braun werden könnte. Und ich habe dadurch gelernt, dass es Zeit braucht, wenn etwas entstehen soll. das es vorher nicht gab, und dass man immer die richtigen Zutaten parat haben muss.“
Emilia fängt an, jeden Morgen eine kleine Geschichte ans Schwarze Brett des Hauses zu hängen. Es ist ihr Tor zu anderen Menschen, vor denen sie sich sonst eher versteckt, aus Angst vor falschen Fragen, aus Angst, erkannt zu werden, aus Angst, dass diese etwas sehen könnten, was sie selber nicht erkannt hat oder preisgeben will. Und langsam stellen sich Kontakte ein, Emilia schliesst Freundschaften, schafft es, sich mehr und mehr dem Leben zu öffnen. Leider gefallen die Geschichten nicht allen. Und als dann auch noch schwierige Erinnerungen wieder auftauchen, gibt es nur noch einen Weg: Emilia muss sich dem stellen, sie kann sich nicht weiter verstecken.
„Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich?“
„Die Welt in meinen Farben“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Platz im Leben erst finden muss, weil sie ihn durch zu viele Verluste verloren hat. Die Geschichte fängt sehr langatmig, sprachlich schwer fassbar und mit zu vielen Wiederholungen an, wird dann aber immer einnehmender, bis sie den Leser vollends in den Bann zieht. Emilia wirkt als Charakter so glaubwürdig, so authentisch in ihrem Denken, Fühlen, Tun, das sich in einer grossen Verletzlichkeit äussert, dass man sie als Leser ins Herz schliesst und weiter begleiten will.
Die kleinen Geschichten, die Emilia täglich ans Schwarze Brett hängt, regen auch als Leser zum Nachdenken an, indem er sich mit Fragen nach dem dem letzten Moment des Glücks oder der Angst vor Fehlern konfrontiert sieht, um nur zwei zu nennen. Die in der Geschichte nicht immer nur einfachen zwischenmenschlichen Beziehungen lassen unbewusste Muster offenkundig werden, welche auch im wirklichen Leben prägend sind.
Alles in allem ist Natascha Lusenti eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit, Nachdenklichkeit, Mit-Menschlichkeit gelungen, die von der Suche nach sich selbst, von Zugehörigkeit, von Liebe, Angst und Glück handelt. Wären der unbefriedigende Anfang und ein paar zu ausführliche Ausschweifungen später nicht, könnte man sie rundum wunderbar nennen.
Fazit: Ein wunderbares Buch über die Suche einer jungen Frau nach sich selber und nach Zugehörigkeit, das zum nachdenken und mitfühlen anregt. Von ein paar sprachlichen Schwächen und einigen Ausuferungen abgesehen eine kleine, feine Geschichte voller Zärtlichkeit. Sehr empfehlenswert.
Über die Autorin Natascha Lusenti wurde 1971 in der italienischsprachigen Schweiz geboren. Bevor sie vor sechs Jahren als Radiosprecherin zu arbeiten begann, war sie als Journalistin, Fernsehmoderatorin und Schauspielerin tätig. Ihre bei den Hörern sehr beliebte Morgensendung bei Radio2 Rai beginnt sie immer mit Gedanken zu Alltagsthemen und den Worten: „Heute morgen bin ich aufgewacht und …“ Seit ihrer Kindheit träumte Natascha Lusenti davon, einen Roman zu schreiben – nun liegt dieser mit „Die Welt in meinen Farben“ vor und eroberte die Herzen der italienischen Leserinnen im Sturm. Natascha Lusenti lebt in Mailand.
Angaben zum Buch: Taschenbuch: 176 Seiten Verlag: Knaur TB (2. Dezember 2019) ISBN-Nr.: 978-3426524251 Preis: EUR 9.99 / CHF 27.90
Heute bedeutet ein Zuhause weit mehr als Schutz und Unterkunft. Wir richten es zwar so ein, dass es diese Notwendigkeiten erfüllt, aber auch so, dass es unsere Persönlichkeit widerspiegelt, unsere Hoffnungen, unser Innerstes. Man kann das auf vielerlei Farben tun. Licht und Farbe, die beiden Faktoren, die uns auch in der Natur umgeben, können unseren Lebensraum grundlegend beeinflussen und verändern.
Die Autorin will dem Leser ihres Buches helfen, sein Zuhause nach den eigenen Bedürfnissen und dem eigenen Geschmack zu gestalten. Dazu führt sie zuerst in die Farblehre Ewald Herings ein, liefert kurze Definitionen verschiedener Farbgruppen und konzentriert sich auf die Neutralfarben, welche eher gedeckt erscheinen.
Neutralfarben bestehen aus zwei bis vier Primärfarben, die unterschiedliche Grau- und Brauntöne bilden. Durch Hinzufügen von Schwarz oder Weiss erhält man aufgehellte oder abgedunkelte Töne. .
Diese eher gedeckten (oft als langweilig bezeichneten) Farben soll eine harmonische Stimmung erzielt werden. Wichtig ist dabei, auch die Funktion des Raumes einzubeziehen bei der Auswahl der Farbnuance, da verschiedene Farbkonzepte verschiedene Stimmungen erzeugen.
Alice Buckley betont, dass Inspiration überall geholt werden kann: In Filmen, Alben, in der Natur. Man soll mit offenen Augen durchs Leben gehen und aufnehmen, wie die Dinge auf einen wirken. Daraus kann man dann auch Ideen schöpfen für das passende Zuhause.
Bei der Auswahl des passenden Farbkonzeptes darf auch das Licht und dessen Fluss nicht ausser Acht gelassen werden. Nach einem kleinen Abschnitt über Textur als weiteres Gestaltungsmittel präsentiert das Gestaltungsbuch 200 Farbpaletten, bestehend aus einer Hauptfarbe und passenden Akzentfarben. Ein kurzer Text leitet die Palette ein, zeigt, woher die Inspiration stammt, die zu diesem Konzept führte und zeigt die Gefühle auf, die daraus wachsen können.
Die Gestaltung als Ringbuch macht dieses Buch zu einem guten Begleiter bei der Arbeit des Einrichtens. Es bleibt offen liegen, lässt sich so gut als Arbeitswerkzeug einsetzen. Das Layout ist generell ansprechend, der Text kurz und prägnant. Zu bemängeln ist die Konzentration auf Neutralfarben, welche aus dem Titel nicht ersichtlich ist sowie die kaum vorhandenen Beispielbilder zu jeder Palette. Ein Bild ist etwas knapp, um wirklich einen Eindruck der Wirkung zu erhalten. Da wären weniger Paletten mehr gewesen.
Fazit:
Ein schön gestaltetes Buch, welches einen guten Einblick in die Welt der Neutralfarben gibt. Man kann sicher nichts falsch machen, wenn man sich an die vorgeschlagenen Konzepte hält. Es fehlt die Anschaulichkeit des möglichen Ergebnisses.