Hannah Arendt: Über das Böse

ArendtBöseHannah Arendt versucht in diesen hier versammelten vier Vorlesungen über Ethik, sich dem Begriff des Bösen zu näheren. Sie geht dabei von dem sie nie loslassenden (wie könnte es) Thema des Holocaust und den damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus, im Besondern beruft sie sich immer wieder auch auf Eichmann, über dessen Prozess sie berichtet hatte.

Im Buch Eichmann in Jerusalem prägte sie den Begriff der Banalität des Bösen, welcher auch in diesem Buch eine zentrale Rolle spielte. Die Banalität sah Hannah Arendt darin, dass das Böse von ganz normalen Menschen verübt wird, dass keine Monster oder Teufel am Werk sind. Das macht das Böse so erschreckend, da es wohl in allen angelegt zu sein scheint. Die Frage stellt sich also, wie man es vermeiden kann.

Unter Berufung auf Sokrates, Platon, Aristoteles, Kant und andere sowie durch eigene Schlussfolgerungen näherst sich Hannah Arendt immer mehr dem, was sie als zentral im Kampf gegen das Böse sieht: Dem Denken. Das gedankenlose Handeln (wie bei Eichmann wahrgenommene) erachtet Hannah Arendt als grosse Gefahr.

[…]Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar, […]

Hannah Arendt geht von der Hypothese aus, dass jeder Mensch in sich weiss, was gut und böse, was recht und unrecht ist. Sich für das eine oder andere zu entscheiden, heisst, zwischen Vernunft und Begierde zu entscheiden, Schiedsrichter dabei ist der eigene freie Wille. Sich für das Unrecht zu entscheiden würde einen in Konflikt mit sich selber bringen, lautet Hannah Arendts Überzeugung, die sie mit Sokrates’ Ausspruch, dass es besser ist, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, abstützt. Hielte man sich an das, was in einem als Rechtes erkannt ist, statt äusseren Einflüssen blind zu folgen, hätte das Böse keine Chance.

[…] die häufig anzutreffende Tendenz, das Urteilen überhaupt zu verweigern. Aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit, seine Beispiele und seinen Umgang zu wählen, um dem Unwillen oder der Unfähigkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten, entstehen die wirklichen „skandala“, die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurden. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität.

Sehr informativ und auf den Punkt gebracht ist das Nachwort von Franziska Augstein, welches nochmals auf die wichtigen Punkte von Hannah Arendts Text hinweist und diesen auch in den zum Entstehen wichtigen Kontext rückt. Augstein weist dabei auf Hannah Arendts Täuschung in Bezug auf Eichmanns Aussagen hin, worauf sie ihre Diagnose eines gedankenlosen Täters begründete. Diese Fehleinschätzung wurde später durch die „Sassen-Protokolle“ offengelegt. Vermutlich hätte Hannah Arendts Einschätzung des Falles Eichmann anders ausgesehen, hätte sie davon Kenntnis gehabt. Nichts desto trotz schmälert das nicht den Wert ihrer Arbeit.

Fazit
Unbedingt lesenswert. Tiefgehende Gedanken von zeitloser Aktualität von einer herausragenden Philosophin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Piper Verlag, 5. Auflage (März 2012)
Übersetzung: Ursula Ludz
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 16.90

 

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Ursula Wolf: Die Philosophie und die Frage nach dem guten Leben

WolfPhilosophie

Ursula Wolf macht sich in diesem Buch auf die Suche nach dem guten Leben und sie startet bei den Anfängen der Griechischen Philosophie, bei Platon und Aristoteles.

Jedes Handeln und Bewirken, jede Art praktischer Betätigung strebt, wie Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik sagt, nach einem Gut. Fragt man, warum jemand etwas strebt, so lautet der Grund häufig, es sei das Mittel zu einem weiter gehenden Ziel. Soll das Streben auf diese Weise nicht ins Unendliche laufen, dann muss es, argumentiert Aristoteles, einen Endpunkt des Wünschens geben, ein höchstes Gut oder Ziel […] es ist die Eudaimonia, das Glück oder gute Leben; nicht einig aber sind sie sich, worin dieses besteht.

Alle wollen es also haben, das gute Leben, keiner weiss, was es wirklich ist. Die Frage nach dem guten Leben ist im alltäglichen Leben selten zu finden und auch die Philosophie hat sie eher stiefmütterlich behandelt. Zentral wird sie, so scheint es, immer dann, wenn die Zeiten schwierig sind.

Nach einer Begriffserklärung und dem Aufzeigen der Unterschiede zwischen Moral (Handeln nach gesellschaftlichen Normen) und Ethik  (Lehre vom richtigen oder guten menschlichen Verfasstsein und Handeln) geht es darum, mit welcher Methode der Frage beizukommen wäre. Danach führt die Reise quer durch die Philosophiegeschichte, fängt bei Platon an, welcher das menschliche Leben als eines im sozialen Kontext sieht, so dass das individuelle Leben immer mit der Verfasstheit der guten Ordnung in der Gesellschaft zusammenhängt. Platon wirft die Frage, was ein gutes Leben ist, zurück auf die Frage, was ein guter Mensch ist. Eine wirkliche Antwort finden wir bei ihm nicht.

Als nächstes folgt Aristoteles mit seiner Spaltung von Ethik und Metaphysik. Bei ihm beleuchtet Wolf die Lehre der dreigeteilten Seele, beleuchtet ethische Tugenden und die Frage nach vollkommener Eudaimonia. Aristoteles unterscheidet zwischen Dingen, die wir in der Hand haben und solchen, die ohne unser Zutun auf uns zukommen.

Der Kunstgriff, mit dem man eine Konzeption eines im ganzen guten menschlichen Lebens finden kann, liegt also darin, auch auf derjenigen Seite des Lebens, wo wir uns nicht aktiv Ziele setzen, sondern auf gegebene Situationen reagieren, zu unterscheiden zwischen dem, was für unser Wollen Nützliches oder Schädliches geschieht, und der Frage, wie wir uns dazu verhalten. Diese Verhaltensweise (hexis) ist immer unser Beitrag […]

Weiter geht es im Text mit Kant und einer Herangehensweise an die Frage nach dem guten Leben.  Es kommen in der Folge Erich Fromm, Karl Jaspers, Martin Heidegger hinzu, um danach nochmals zurückzublenden und einen Streifzug durch die Geschichte der Philosophie in Bezug auf Metaphysik und Metaphysikkritik zu machen. Fazit ist die Erkenntnis,

dass die jeweils grossen philosophischen Theorien jeweils durch eine existentielle Spannung aus demjenigen Lebensbereich motiviert sind, der auch konkret-alltäglich in der jeweiligen Epoche besondere Probleme aufwirft.

Diese Erkenntnis ist nun nicht wirklich neu und auch nicht erstaunlich, sie liegt sogar auf der Hand. Wolf wendet sich daraufhin Nietzsche und seiner Dekonstruktion der Metaphysik zu. Diese führt zur Frage, ob wir uns nicht nur um das individuelle Gute sorgen können, das allgemeine aber ausserhalb unserer Möglichkeiten steht. Wolf plädiert aber für die Streichung der Ideale, um dann doch den intersubjektiven Aspekt der Frage weiter zu verfolgen.

Doch wie man die Frage nach dem Guten auch dreht und wendet, wohin man schaut, findet man nur Herangehensweisen und Annäherungen, nie aber eine Antwort. Wolf konstatiert denn auch:

Wie wir in dem kurzen Gang durch die Philosophiegeschichte gesehen haben, reagieren die metaphysischen Konzeptionen auf die Unerreichbarkeit eines vollkommenen Guten dadurch, dass sie die Frage nach dem guten Leben umbiegen.

Eine Antwort scheint es nicht zu geben, man ist am Ende des Buches versucht, wie Goethes Faust  zu denken:

Da steh ich nun, ich armer Thor,
und binn so klug als wie zuvor.

Ursula Wolf konnte keine Antwort finden, auf die es keine klare Antwort gibt. Trotzdem befriedigt weder die Herangehensweise, die durch die vielen Zeitsprünge und Wechsel sehr unruhig und wenig durchdacht erscheint, noch das Fazit des Buches. Wenn schon so viele Philosophen auf diese Frage hin untersucht werden, wäre eine konzisere Zusammenfassung von deren Meinungen wünschenswert gewesen. Dazu wäre ein chronologischer Aufbau sinnvoller gewesen als dieses Hin und Her in der Zeit.

Fazit
Informativ, wenn auch ohne wirkliche Antwort. Das Fazit des Buches erscheint wenig befriedigend. Trotzdem ist es durchaus lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 216 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag 1999
Preis: EUR: 8.50 ; CHF 36.90

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Politisch korrekte Literatur – kann man Kunst einfach der Zeit anpassen?

Die Welt soll politisch korrekter werden. Gewisse Worte sind tabu und dürfen nicht mehr gebraucht werden, weil sie die damit bezeichneten Menschen diskriminieren, herabwürdigen, diffamieren oder/und beleidigen. Dass ein bewusster Umgang mit der Sprache wichtig ist im Bestreben, eine Welt zu schaffen, in der sich alle zu Hause fühlen können und sich als Gleiche unter Gleichen fühlen, steht ausser Frage. Wie weit man in diesem Bestreben aber gehen soll, darin scheiden die Geister.

In einer neuen Debatte wird darüber diskutiert, ob man Kinderbücher sprachlich anpassen soll, Wörter wie „Neger“ sollen ersetzt werden. Noch weiter geht eine Klage, gewisse Grimm’sche Märchen enthielten sexistische Frauenbilder, vermutlich sollte man auch diese ausradieren und das ganze Märchen in eine auf Gleichberechtigung und neutrale Form bedachte Fassung bringen – oder es gleich eliminieren. Märchen, mit denen wir noch aufgewachsen sind, die unser Kulturgut waren, die Kindern einer Gesellschaft vor dem Einschlafen Halt und Trost gaben durch das Ritual des Vorlesens (aus diesen Kindern wurden u. a. die Erwachsenen, die heute die Streichung und Anpassung fordern, so dass man ketzerisch sagen könnte, dass der negative Effekt nicht so gross sein konnte, dass man diskriminierende Ausdrücke und Handlungen einfach hinnimmt, nur weil man solche Märchen hörte – aber bleiben wir sachlich) sollen nun verändert werden. Ist das wirklich nötig und vor allem angebracht?

Als Literaturwissenschaftlerin schreit mein Herz. Ein literarisches Werk entsteht in einer Zeit und spiegelt in einer Form auch diese Zeit wieder. Es ist ein Werk, das von einem Menschen in künstlerischer Gesinnung geschrieben wurde, das fertige Buch ist ein Kunstwerk, kein Gebrauchsgegenstand, an dem man nach Belieben feilen und drehen kann, sonst ist es nicht mehr das Kunstwerk, das mal entstanden ist.

Abgesehen davon, dass ich nicht denke, dass einzelne Wörter in einem Märchen einen nachhaltigen Schaden anrichten und damit in der Folge den Anstoss geben für Diskriminierung von Menschen, denke ich, dass es wertvoller wäre, mit Kindern diese Worte zu besprechen und ihnen zu erläutern, wieso man sie damals brauchte und heute nicht mehr. Das würde die Sensibilisierung der Kinder verstärken und sie auch im Alltag achtsamer machen, als wenn die Worte einfach weggestrichen wären und das Thema nie präsent.

Klar kann man dieses Thema auch in der Theorie irgendwann völlig aus der Luft gegriffen ansprechen, wieso aber eine solche Gelegenheit nicht nutzen? Mit dem schönen Nebeneffekt, dass das Kunstwerk  damit als Kunst und als Zeitzeugnis  erhalten bliebe.

Artikel zum Thema:

20 Minuten vom 29. Januar 2013

Zeit vom 25. Januar 2013

Cicero vom 20. Januar 2013

Radio Schweden vom 24. Januar 2013

Neue Gretchenfrage: Wie hält er es mit der Solidarität? – Alles Egoisten?

Sozialstaat und Wohlfahrt, soziale Gerechtigkeit, Umverteilung – Schlagworte der Zeit.  Vor allem, wenn die Zeiten schlechter werden, die Schere zwischen arm und reich sich weitet, hört man immer lautere Stimmen, die diese Werte und Ziele ausrufen. Als Argument dafür fällt bald einmal Solidarität. Aus Gründen der Solidarität müsse der Mensch für soziale Verhältnisse schauen, müsse auch den schlecht Gestellten ein Überleben, ein Leben sichern. 

 

Gehen Gerechtigkeit und Solidarität Hand in Hand? Sind es Gründe der Solidarität, die den Wunsch nach Gerechtigkeit laut werden lassen? Schaut man auf John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit, kommen einem da Zweifel. Spätestens der Schleier des Nichtwissens zeichnet ein Bild von Vertrag schliessenden Egoisten, nicht von solidarischen Gemeinschaftswesen. Wieso braucht es den Schleier? Meist heisst es, aus Gründen der Unparteilichkeit. Weil man dann nicht wisse, wo im System man stehe und drum objektiv entscheide. Bräuchte man diesen Schleier, wäre man ein solidarisch denkender und handelnder Mensch? Würde man dann nicht im Wissen, wo man steht dafür schauen, dass es allen gut ginge? Den Schleier des Nichtwissens braucht es erst dann, wenn man nicht wissen darf, wo man steht, damit man aus Angst, man könne der schlechtest Gestellte sein, diesem möglichst viel Sicherheit für ein menschenwürdiges Leben gibt. Also ist nicht die Solidarität mit anderen der Grund für die so beschlossenen Gerechtigkeitsprinzipien, sondern der blosse Selbstschutz – Egoismus. 

 

Nun ist das nicht per se schlecht und jeder ist sich selber schliesslich der Nächste. Nur fragt sich dann, wo Solidarität überhaupt noch herrscht, ob es sie gibt oder ob sie nur ein Kunstprodukt moralisierender Utopisten ist. 

 

Ist Solidarität wirklich eine dem Menschen inhärente Eigenschaft oder aber ist sie ein Kunstbegriff zur moralischen Untermauerung von (sozial-)politischen Zielen? Kann Solidarität von Gesetzes wegen gefordert werden oder aber geschieht sie immer freiwillig, aus privaten, persönlichen Ein- und Ansichten? Was genau ist also Solidarität? Gibt es sie und wenn ja, wann greift sie? Kann man innerhalb von Gesellschaften und vor allem Staaten darauf zählen oder wird sie da nur instrumentalisiert, um staatliche Zwangsmassnahmen zu legitimieren und ihnen einen (breiteren) ethischen Boden zu geben?

 

Schlussendlich ist es doch so: Der Mensch ist ein Egoist. Soll er kooperieren, tut er das nur, wo er eigenen Profit, eigene Vorteile sieht. Wenn dies zum Wohl aller dient, schlägt er damit zwei Fliegen mit einer Klappe und somit kann ein System von Egoisten durchaus ein gerechtes System sein. Egoismus ist dabei keine negative, sondern einfach eine natürliche Eigenschaft im Dienste des eigenen Überlebens. Wenn etwas mehr bleibt, reicht es gar zum Leben, mit noch einem Mehr zum guten Leben. Wo diese Grenzen gezogen werden müssen, ist schwammig. Mit Solidarität hat das alles noch wenig zu tun. Die findet meist im Privaten und auf emotionaler Basis, nicht auf rationaler staatlicher – schon gar nicht erzwungen – statt. 

 

Deckt sich das mit der Studie, die jüngst erforschte, dass Menschen aus dem ersten Impuls heraus altruistisch handeln, mit etwas Nachdenken aber auf die eigenen Interessen fokussiert agieren. Oder ist das ein Widerspruch zur vorher ausgeführten natürlichen Egoismushaltung? Der Verstand gilt als die den Menschen zum Menschen machende Grösse. Insofern scheint er eine natürliche Anlage im Menschen zu sein. Aus der neusten Hirnforschung wird uns sogar berichtet, dass alles nur Gehirn, damit reine Biologie, sprich Natur sei. Es ist allerdings einzuräumen, dass er durch kulturelle und andere Einflüsse geprägt, geformt werden kann. Insofern ist die Diskussion über Solidarität, das Hochhalten solcher Werte, durchaus sinnvoll, da es die Natur des Menschen mitprägt. Am Grundimpuls, das eigen Überleben als allererstes zu sichern, wird es aber nichts ändern. Es liefert nur eine Argumentationsgrundlage für gewisse Ziele, die schlussendlich allen Menschen zu Gute kommen sollen. 

Das tut man nicht!

Blick? Den liest man nicht, das ist unterste Schublade, Boulevard-Journalismus. Wer etwas auf sich hält, der liest die NZZ. RTL? Das guckt man nicht, Arte oder vielleicht 3 Sat, alles drunter ist eine Sünde. Man geht auch nicht in Hollywood-Romanzen, man schaut B-Movies oder Kulturfilme, die niemand sonst schaut, weswegen sie in kleinen Randkinos laufen, die  morgen bankrott gehen. Rosamunde Pilcher liest man nicht, es muss Goethe sein. Wer etwas auf sich hält, wer ein wenig Intelligenz und Bildung besitzt, der muss achten, was er liest, schaut oder tut, sonst ist er ein Banause.

Im Aldi kauft man nicht, das wird alles mit Kinderarbeit in China oder sonst unethisch produziert. Im Lidl kauft man auch nicht, die beuten ihre Arbeitskräfte aus. Nach Deutschland einkaufen geht gar nicht, man muss die Schweizer Wirtschaft unterstützen. Überhaupt geht nur Biogemüse und Jutekleidung, artgerecht produziert und arbeiterfreundlich gewonnen.

Man muss den Nachbarn grüssen, selbst wenn man ihn nicht kennt, man muss sich um den Gatten sorgen, wenn er krank ist, selbst wenn der nervt mit dem Gejammere, man muss die Tante anrufen, wenn sie Geburtstag hat, selbst wenn man das ganze Jahr nichts von ihr gehört hat und man muss sich über des Kindes Windelfüllung freuen, da die Kleinen ja so schnell gross werden. Man muss als Frau arbeiten, sonst betreibt man Verrat an der Frauenrechtsbewegung und man muss das alles gut nach aussen tragen, sonst geht man unter.

Oft hört man, der Staat auferlege zu viele Gesetze, lege den Menschen in Ketten, reglementiere alles und habe eine überbordende Bürokratie. Die Zwänge, die der Mensch sich selber auferlegt sind um Welten grösser. Die ungeschriebenen Gesetze übertreffen alle Gesetzbücher dieser Welt und wer sie nicht kennt und vor allem, wer sie nicht befolgt, der ist ganz schnell aussen vor. Der sitzt in den Nesseln, in die er sich selber gesetzt hat. Wer ein „du musst“ übersieht, der hat ganz schnell das Nachsehen und stottert bei der nächste Frage „Und was machst du den ganzen Tag?“, „Was schaust du im TV?“, „Wo hast du deinen Skianzug gekauft?“.

Ich lese täglich meinen Blick, kenne die Serien von RTL, mag die eingelegten Schalotten vom Aldi und die Salami von Lidl. Ich schaue nie Arte und pfeife auf die sich nie meldenden Tanten. Was ich verdiene, erzähle ich trotzdem nicht, da es höchstens aussagt, was auf mein Konto einbezahlt wird und nie, was ich wert bin. So wie der ganze Rest auch. Bin ich wirklich so schräg? Ich vergass, dass ich Pilcherfilme mag – muss aber gestehen, dass ich Goethe trotzdem kenne – sogar das Gesamtwerk – wer noch?

Soll Genozidleugnung strafbar sein?

Mein Buch „Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem“ befasst sich mit dem Thema der Genozidleugnung und mit der Frage, welche ethischen, moralischen und rechtlichen Folgen diese in einer liberalen Gesellschaft haben müsse. Das Fazit sieht vor, dass moralisch eine Genozidleugnung ganz klar zu verurteilen sei, dass es auch rechtlich angegangen werden müsse. Die Frage, ob es dazu eines expliziten Strafrechtsartikels bedürfe, wurde dahingehend beurteilt, dass sowohl eine Bejahung wie auch eine Verneinung dieser Frage begründbar sei. Dies ist in er Tat so. Im Buch musste ich aufgrund diverser Umstände die These vertreten, dass ein solcher Artikel obsolet sei, da die rechtliche Verurteilung auf anderen wegen vollzogen werden könnte. Persönlich vertrete ich eher eine veränderte Sicht. Diese ist in diesem hier abgeänderten Fazit nachzulesen:

Ein Mensch, dem in seinem Leben ein traumatisierendes Unrecht wiederfährt, trägt dieses Unrecht in sich mit in die Gegenwart und in die Zukunft. Es wird immer Teil seiner selbst sein, bedarf einerseits einer Aufarbeitung, damit der Mensch überhaupt weiter existieren kann und dieses Trauma ihn nicht überwältigt, und andererseits stellt das traumatische Unglück einen Teil seiner Persönlichkeit dar, prägt es sein Wesen unweigerlich. Spricht man nun von historischem Unrecht in der Grössenordnung von Völkermord, welcher wie im Falle des Holocaust sogar Millionen von Menschen das Leben kostete, welcher die Menschen über viele Jahre hinweg in grossem Leid leben liess und der ganze Völker ins Unglück stürzte, so hat dieses Unglück nicht nur eine prägende Wirkung auf die einzelnen Individuen, sondern auch auf die ganzen Völker. Die von dem Unrecht betroffenen Menschen fühlen sich durch ihr Schicksal verbunden, die Völker fühlen sich durch dasselbe geprägt.

Nach der Herrschaft eines Unrechtsregimes geht es darum, einen adäquaten Umgang mit historischem Unrecht zu finden. Es geht darum, sich als neue Regierung zu positionieren und zu signalisieren, dass man sich von dem Unrecht des Vorgängerregimes distanziert. Es geht weiter darum, das Unrecht, das geschehen ist, zu verarbeiten und ihm mit den nötigen Massnahmen entgegen zu treten.

Sowohl für die Opfer wie für die Nachfahren der Opfer historischen Unrechts ist dieses Unrecht auch nach Beendigung der Unrechtshandlungen noch präsent. Die Erinnerung an dieses Unrecht ist etwas, das sie umtreibt. Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf historisches Unrecht bei den Überlebenden, die einen schweigen, weil sie die Emotionen, die mit dem Unrecht verbunden sind, nicht mehr weiter ertragen, sie haben innerlich abgeschaltet, um sich nicht ständig neu überwältigen zu lassen. Andere jedoch sehen es als ihre Pflicht an, an das Unrecht zu erinnern, da nur die Überlebenden noch Zeugnis ablegen können von dem Schrecklichen, was passiert ist. Sie sehen es als ihre Pflicht gegenüber ihren Mitopfern an, welche nicht mehr sprechen können, weil diese das Unrecht nicht überlebt haben. Und diese Pflicht zur Erinnerung, die trägt auch die Gesellschaft nach einem historischen Unrecht wie Völkermord. In dem man die Erinnerung an das Unrecht aufrechterhält, zeigt man den Opfern des Völkermords, dass man ihren Opferstatus anerkennt und sie in ihrem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, annimmt. Die Erinnerung und die Stellungnahme, dass das, was passiert war, Unrecht war, ist ein Dienst an den Opfern, eine Pflicht an den Opfern, welcher von den Überlebenden und der Gesellschaft als Ganzes gefordert ist.

Eine Leugnung dieser schrecklichen Vergangenheit kommt dabei einem erneuten Unrecht gleich. Wurden während des Völkermords Menschen und ganze Volkstämme umgebracht (in der Absicht, diese schlussendlich sogar vollständig auszulöschen), so versucht Völkermordleugnung nun auch noch den letzten Rest zu eliminieren, nämlich die Erinnerung an das Unrecht und damit auch die Erinnerung an die diesem zum Opfer gefallenen Menschen. Die Leugnung vernichtet dabei quasi in letzter Konsequenz und stellt so eine eigentliche Fortsetzung des Völkermordes dar.

Unter diesen Gesichtspunkten ist es moralisch gefordert, historische Wahrheit über historisches Unrecht zu erinnern, anzuerkennen und Leugnung desselben nicht zu tolerieren. Es darf nicht angehen, dass Menschen, die ein solches historisches Unrecht erlitten haben, ein zweites Mal zum Opfer gemacht werden und dass das historische Unrecht seine Fäden in die Gegenwart spannt.

Scheint die moralische Position klar, so steht die rechtliche Handhabe des Problems unter grösseren Fragezeichen. Die Frage, die sich hier hauptsächlich stellt ist, ob in einer liberalen Gesellschaft das Grundrecht der freien Meinungsäusserung eingeschränkt werden darf und jemand dafür bestraft werden darf, dass er behauptet, ein historisches Unrecht wie Völkermord hätte nie statt gefunden oder dieses wird nur schon verharmlost und unter andere Vorzeichen gesetzt. Ist es zulässig, eine Meinung unter Sanktion zu stellen? Und wenn ja, wo zieht man die Grenzen? Stellt der Holocaust eine Sonderform von Völkermord dar, da die Zeit des Nationalsozialismus und die darin verübten Verbrechen zu einer ganzen Reihe Folgen führten, welche die heutige Zeit prägen (Zu nennen wären Gesetzesreformen, Staatsgründungen, etc.).

Folgt man der Argumentation dieser Arbeit, so kann Völkermordleugnung durchaus über den Paragraphen der Beleidigung und unter Umständen auch über Rassismusgesetze und gar als Verstoss gegen Grundrechte wie die Verletzung der Menschenwürde rechtlich verfolgt werden und man könnte sagen, ein eigener Völkermordparagraph wäre insofern hinfällig. Allerdings erscheint das erstens im Hinblick auf die Schwere des historischen Verbrechens unangemessen, dass etwas, das als eigentliche Fortführung desselben qualifizieren kann, nur über Umwege rechtlich belangt wird, und andererseits wäre es auch im Hinblick auf die Positionierung eines Staates und seiner Regierung angemessen, hier direkt und ohne Umwege zu reagieren. Völkermordleugnung stellt ein Unrecht dar, indem es die menschliche Würde antastet und Menschen erneut viktimisiert, welche schon einmal Opfer wurden. Sie stellt zudem eine Infragestellung einer heute eingenommenen gesellschaftlichen und politischen Haltung ein, dass solches Unrecht wie Völkermord nicht toleriert wird, dass es nie mehr passieren darf und man sich heute dagegen stellt. Würde man Völkermordleugnung akzeptieren und ihr nicht begegnen, setzte man so ein Signal in die entgegengesetzte Richtung und das wäre nicht gewünscht und kann im Interesse der gegenwärtig wie auch der zukünftig Lebenden nicht gewünscht sein. Zu argumentieren, dass Völkermordleugnung der freien Meinungsäusserung unterstellt sein müsse und somit von einem Grundrecht gedeckt sei, welches man nicht rechtlich antasten dürfe, wäre dabei eine Affront, da die freie Meinungsäusserung vor allem deswegen zum Grundrecht wurde, um genau solche Zustände, wie sie zu den Zeiten herrschten, die man nun durch die Leugnung verherrlichen oder verharmlosen will, in Zukunft nicht mehr möglich machen zu können.

 

(Genozidleugnung als ethisch-moralisches Problem)