Neue Gretchenfrage: Wie hält er es mit der Solidarität? – Alles Egoisten?

Sozialstaat und Wohlfahrt, soziale Gerechtigkeit, Umverteilung – Schlagworte der Zeit.  Vor allem, wenn die Zeiten schlechter werden, die Schere zwischen arm und reich sich weitet, hört man immer lautere Stimmen, die diese Werte und Ziele ausrufen. Als Argument dafür fällt bald einmal Solidarität. Aus Gründen der Solidarität müsse der Mensch für soziale Verhältnisse schauen, müsse auch den schlecht Gestellten ein Überleben, ein Leben sichern. 

 

Gehen Gerechtigkeit und Solidarität Hand in Hand? Sind es Gründe der Solidarität, die den Wunsch nach Gerechtigkeit laut werden lassen? Schaut man auf John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit, kommen einem da Zweifel. Spätestens der Schleier des Nichtwissens zeichnet ein Bild von Vertrag schliessenden Egoisten, nicht von solidarischen Gemeinschaftswesen. Wieso braucht es den Schleier? Meist heisst es, aus Gründen der Unparteilichkeit. Weil man dann nicht wisse, wo im System man stehe und drum objektiv entscheide. Bräuchte man diesen Schleier, wäre man ein solidarisch denkender und handelnder Mensch? Würde man dann nicht im Wissen, wo man steht dafür schauen, dass es allen gut ginge? Den Schleier des Nichtwissens braucht es erst dann, wenn man nicht wissen darf, wo man steht, damit man aus Angst, man könne der schlechtest Gestellte sein, diesem möglichst viel Sicherheit für ein menschenwürdiges Leben gibt. Also ist nicht die Solidarität mit anderen der Grund für die so beschlossenen Gerechtigkeitsprinzipien, sondern der blosse Selbstschutz – Egoismus. 

 

Nun ist das nicht per se schlecht und jeder ist sich selber schliesslich der Nächste. Nur fragt sich dann, wo Solidarität überhaupt noch herrscht, ob es sie gibt oder ob sie nur ein Kunstprodukt moralisierender Utopisten ist. 

 

Ist Solidarität wirklich eine dem Menschen inhärente Eigenschaft oder aber ist sie ein Kunstbegriff zur moralischen Untermauerung von (sozial-)politischen Zielen? Kann Solidarität von Gesetzes wegen gefordert werden oder aber geschieht sie immer freiwillig, aus privaten, persönlichen Ein- und Ansichten? Was genau ist also Solidarität? Gibt es sie und wenn ja, wann greift sie? Kann man innerhalb von Gesellschaften und vor allem Staaten darauf zählen oder wird sie da nur instrumentalisiert, um staatliche Zwangsmassnahmen zu legitimieren und ihnen einen (breiteren) ethischen Boden zu geben?

 

Schlussendlich ist es doch so: Der Mensch ist ein Egoist. Soll er kooperieren, tut er das nur, wo er eigenen Profit, eigene Vorteile sieht. Wenn dies zum Wohl aller dient, schlägt er damit zwei Fliegen mit einer Klappe und somit kann ein System von Egoisten durchaus ein gerechtes System sein. Egoismus ist dabei keine negative, sondern einfach eine natürliche Eigenschaft im Dienste des eigenen Überlebens. Wenn etwas mehr bleibt, reicht es gar zum Leben, mit noch einem Mehr zum guten Leben. Wo diese Grenzen gezogen werden müssen, ist schwammig. Mit Solidarität hat das alles noch wenig zu tun. Die findet meist im Privaten und auf emotionaler Basis, nicht auf rationaler staatlicher – schon gar nicht erzwungen – statt. 

 

Deckt sich das mit der Studie, die jüngst erforschte, dass Menschen aus dem ersten Impuls heraus altruistisch handeln, mit etwas Nachdenken aber auf die eigenen Interessen fokussiert agieren. Oder ist das ein Widerspruch zur vorher ausgeführten natürlichen Egoismushaltung? Der Verstand gilt als die den Menschen zum Menschen machende Grösse. Insofern scheint er eine natürliche Anlage im Menschen zu sein. Aus der neusten Hirnforschung wird uns sogar berichtet, dass alles nur Gehirn, damit reine Biologie, sprich Natur sei. Es ist allerdings einzuräumen, dass er durch kulturelle und andere Einflüsse geprägt, geformt werden kann. Insofern ist die Diskussion über Solidarität, das Hochhalten solcher Werte, durchaus sinnvoll, da es die Natur des Menschen mitprägt. Am Grundimpuls, das eigen Überleben als allererstes zu sichern, wird es aber nichts ändern. Es liefert nur eine Argumentationsgrundlage für gewisse Ziele, die schlussendlich allen Menschen zu Gute kommen sollen. 

5 Comments

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  1. Solidarität ist der Grund, dass sich im Laufe der Evolution der Mensch entwickeln konnte. Es gibt nach der Geburt kaum ein hilfloseres Wesen auf der Welt, als es der Mensch ist. Erst mit der Fortentwicklung der Zivilisation konnte sich der Eindruck einstellen, dass es einer Solidarität nur aus moralischen Gründen nicht aber fürs Überleben bedürfe. Dennoch wird diese elementare Erfahrung, ohne Solidarität nicht überleben zu können, zu Kriegszeiten, bei Katastrophen und auch schon bei einem simplen Unfall gemacht. Hilfeleistungen werden heute als eine ganz selbstverständliche Leistung der modernen Gesellschaft wahrgenommen. Ich nenne das dann die „organisierte Solidarität“. Der Einzelne übergibt seine persönliche Solidarität und Verantwortung dem System und so geht sein Gefühl verloren, diese höchst selbst leisten zu sollen. Man kann sich die Solidaritätsleistungen kaufen und für seine eigene verweist man auf Steuern und ähnliche Beiträge.

    Ich empfinde diese Entwicklung als eine selbstzerstörerische und habe es einmal so ausgedrückt, weil Solidarität auch Verantwortung meint:

    Solidarität

    Ich bin dagegen,
    will mich regen,
    auf und ab,
    fall’ hinab,
    komm’ nach oben,
    mit wildem Toben,
    das Wasser still,
    die Schreie schrill,
    niemand hört,
    keiner stört,
    alles bleibt,
    jeder treibt,
    nur sein Spiel,
    ohne Ziel.
    Ich bin dafür,
    was seid ihr?
    Ist’s zu spät
    für Solidarität?

    © Gerhard Falk

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    • Das wäre dann der psychologische Effekt, dass man, sobald ein anderer da ist, denkt, der übernimmt die Verantwortung? Damit wäre aber Solidarität auch ein wackliges Gut. Ist es überhaupt Solidarität, die die Eltern ihr Kind hegen und pflegen lässt? Ist es nicht Liebe? Und ja, wie ich sagte: Aus Gefühl und Empfinden heraus agiert man solidarisch, durch das Mitgefühl. Das fehlt in grösseren Gesellschaften meist, weil wir dann nur noch das Trennende sehen, nicht mehr das Verbindende. Dann sehen wir uns als Ich im Gegensatz zum Du und fürchten nur noch, das Du könnte mehr haben als das Ich. Kämpfen für das Ich und lassen das Du aussen vor.

      Eine zerstörerische Tendenz, sehe ich genauso. Nur denke ich nicht, dass man Solidarität erzwingen kann. Man kann dazu aufrufen. Man kann sie hochhalten und schätzen. Leben kann man sie nur freiwillig. Und all die Gerechtigkeitsdebatten instrumentalisieren sie, weil sie wissen, dass sich jeder Solidarität wünschen würde in negativen Zeiten.

      Auf der anderen Seite: Wäre kein Mangel, bräuchten wir keine Solidarität. Die wird erst in Mangelsituationen und bei Leid notwendig. So gesehen denke ich, Mitgefühl wäre das, was erforderlich wäre. Dann käme die Solidarität von selber. So lange das Gefühl ausbleibt, helfen nur Zwang und Rationalität. Und die brauchen eine gute Grundlage zur Legitimation. Diese kann nur durch immerwährenden Diskurs entstehen.

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      • Liebe ist auch Solidarität und umgekehrt. Die Mutter alleine schaffte es auch nie, es war und ist immer eine Gruppe, die solidarisch empfand und handelte und es noch tut. Ich wollte deutlich machen mit dem Hinweis, dass der Mensch dem Grunde nach ein solidarisches Wesen ist.

        Es ist auch keine Frage des Mangels. Nur wenn er eintritt, dann wird es deutlicher. Wir haben alle sozialen Beziehungen in einzelnen Kategorien definiert und verlieren uns dann in ihren Abgrenzungen zueinander. Mir scheint, wir sollten mehr das Wesentliche im Blick behalten, was uns in unserem Menschsein ausmacht.

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  2. Nicht alle Biologen verfolgen Gott sei Dank diese kurzsichtige Theorie des „egoistischen Gens“. Neuere Studien zeigen auch, dass die Gehirnzentren, in denen der Altruismus „wohnt“ jahrmillionenalt sind und somit zu unserer Natur gehören, also nicht rein kulturell durch Rationalismus erworben sind. Altruismus ist auch Teil unserer Natur! Frans de Waal zeigt das sehr eindrücklich in seinen Studien über Menschenaffen (Der Affe in uns). Andererseits gibt es durchaus einen sehr klaren kognitiven Zugang zur Entwicklung von Solidarität: Die Einsicht, dass wir unser Schicksal zu einem großen Teil nicht selbst in der Hand haben. Diese Bescheidenheit täte wohl einigen Zeitgenossen gut. Die Überheblichkeit, jeder könne Schmied seines eigenen Glücks sein, Erfolg garantiert, ohne Rücksicht auf Verluste, ist mir mehr als zuwider, aber leider immer weiter verbreitet.

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