Alex Capus: Léon und Louise

Lebenslange Liebe

Léon und Louise lernen sich 1915 in einem kleinen Ort in der Normandie kennen. Beide sind sie 17 Jahre alt und verlieben sich ineinander. Bei einem romantischen Wochenendausflug mit dem Rad geraten sie in einen Fliegerangriff und werden verletzt. Da sie sich danach nicht mehr finden können, glauben beide, dass der andere tot ist. Léon geht nach Paris, lernt Yvonne kennen und heiratet sie. Sie haben vier Kinder und sind glücklich. Bis Léon eines Tages durch das Fenster der Métro Louise sieht.

„Ich habe dieses Mädchen getroffen.“
„Was für ein Mädchen?“
„Ich bin nicht sicher.“
„Du bist nicht sicher? Du triffst ein Mädchen, bist aber nicht sicher und verspätest dich um zwei Stunden?“
„Ja.“
„Mein Lieber, das klingt, als hätten wir etwas zu besprechen.“
„Ich glaube, es war Louise.“

Léon sucht und findet Louise, die Leidenschaft ist wieder da, trotzdem beschliessen die beiden, ihre Leben so zu belassen, wie sie sich diese in den letzten zehn Jahren eingerichtet haben, Léon bei seiner Familie, Louise als unabhängige Frau. Trotzdem bleibt das Band bestehen, der Kontakt bricht nicht ab und hält ein Leben lang.

Indem sie alle so weiterlebten, übten sie keinen Verzicht, rieben kein Doppelspiel und machten sich auch keiner Heimlichkeiten schuldig; sie setzten nur ihr bisheriges Leben in der einzig möglichen Weise fort, weil es ein neues Leben ohne das alte nicht geben konnte, für keinen von ihnen.

Alex Capus erzählt die Geschichte  einer grossen Liebe, die ein Leben lang dauert. Es ist die Geschichte dreier Menschen, die miteinander verbunden sind und einen Weg suchen und finden, diese Verbindungen zu leben. Es ist auch die Geschichte von Verantwortung und Pflichtbewusstsein, von Leidenschaft und Vertrauen. Léon und Louise besticht durch eine grosse Tiefe sowohl in der Ezählweise wie auch in der liebevollen Darstellung der Figuren.

Fazit:
Eine feinfühlige, mitreissende, emotionale und wunderbar erzählte Geschichte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

 

CapusLéonLouiseAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2012)
ISBN-Nr.: 978-3423141284
Preis: EUR  9.90 / CHF 15.90

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Perfektes Leben

Gaby ist einsam und schrecklich gemein, denn Klaus ist ein Schwein. Davon singen die Prinzen und viele erkennen sich wieder. Die als Schwein geouteten Kläuse finden das wohl ungerecht, da sie Gaby als höchst undankbar und sich selber als toll erachten. Die Gabys nicken zustimmend mit dem Kopf. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, doch die ist weder spektakulär noch spannend und schon gar nicht prägnant in ein Lied zu verpacken. Schlussendlich steckt wohl ein wenig Wahrheit drin – in beiden Seiten.

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Einfühlsam, sensibel, sieht gut aus, trägt sie auf Händen. Gaby fühlt sich am Ziel ihrer Träume. Sie heiraten, kriegen Kinder. Klaus hilft, wo er kann, nimmt ab, was er kann, ist da, wo er gebraucht wird. Gaby kann sich glücklich schätzen. Tut sie nicht. Ihr ist langweilig und Klaus ist ein Weichei. Gibt nie Paroli, steht nie hin. Wo ist da der Mann im Klaus? Der, welcher weiss, wo es lang geht?

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Wilder Streuner, Wolf im Wald, Hecht im Teich. Gross, stark, beschützend steht er da und sie weiss: Neben dem bin ich nie mehr allein und klein, er wird immer neben, vor und hinter mir stehen und ich fühle mich geborgen. Klaus und Gaby heiraten, kriegen Kinder. Gaby könnte glücklich sein, ist sie nicht. Klaus wildert noch immer, ist gross und stark, aber nie da, grad mit Mann Sein beschäftigt.

Gaby steht da und sieht all das, was fehlt. Wo ist der Mann, der so perfekt war? Zurück bleibt nur, was noch zusätzlich gewünscht wäre. Und meist sieht Gaby dann einen Klaus, der genau das hat, was nun fehlt. Und sie findet diesen neuen Klaus so viel besser als den alten, der so mangelhaft ist. Sie fragt sich, wie sie je auf den alten reinfallen konnte und dass das Leben noch so viel mehr bereit hält als das, was sie gerad erlebt. Gaby hat nun zwei Möglichkeiten: Sie kann feige sein und bleiben oder aber ganz mutig und sich vom alten Klaus trennen, um zum neuen Klaus zu wechseln – oder zu einem, der genauso gut ist wie der.

Wir folgen der mutigen Gaby und sehen, wie sie den neuen Klaus wählt. Sie kommen zusammen und Gaby ist auf Wolke sieben. Alles, was sie vermisste ist da, sogar im Übermass. Sie geniesst diesen bislang nur ersehnten Segen und schwebt hoch und höher. Bis sie fällt. Denn nun fehlt plötzlich was anderes. Der alte Klaus hatte das gehabt, das war ihr gar nie aufgefallen. Logisch, es war ja immer da. Und langsam schwindet das Schweben ob der neu gefundenen Qualitäten und das nun neu Fehlende wird gross und grösser. Wolke um Wolke schwindet – von sieben auf sechs auf fünf auf vier auf drei, zwei, eins, bis Gaby unsanft auf dem Boden aufschlägt.

Moral von der Geschicht’? Alles haben kann man nicht. Neue Heilsversprechen wollen das zwar bestreiten und versprechen die allseligmachende Realität, wenn man ihnen nur folgt und schön dran glaubt (und genügend bezahlt, um wirklich dazuzugehören). Das reale Leben ist weder Ponyhof noch Schokoladenkiste. Es gilt, eine Entscheidung zu treffen, was man vom Leben wirklich will, was schön zu haben wäre und worauf man notfalls verzichten kann. Träumt Gaby also von einem Häuschen mit Familie, Hund und Urlaub in den Bergen, wird der draufgängerische Klaus von nebenan zwar sehr verlockend erscheinen, weil er so stark und selbstbewusst dasteht, aber auf Dauer wird er eher anstrengend und enttäuschend sein – Leidenschaft hin oder her. Und umgekehrt wird man als Revoluzzerin mit dem häuslichen und sicherheitsbewussten Klaus nicht das Paradies auf Erden finden, so verliebt und auf Händen tragend er auch ist.

Nun gibt es natürlich trotz alledem die unermüdlichen Optimisten, die noch an die grosse und alles erfüllende Liebe und das dazugehörige perfekte Leben mit all den erfüllten Träumen, Wünschen und Zielen glauben. Denen empfehle ich eine gute Backstube. Und wenn es klappt: Unbedingt patentieren. Ansonsten bleibt wohl nur hinzuschauen und zu sehen, was man hat. Meist ist es mehr, als man sich bewusst ist. Wir neigen wohl dazu, das, was ist, gering zu schätzen, weil das, was fehlt, unendlich grösser scheint im Gefühl des Mangels. Eigentlich schade.

Beziehungen von gestern?

Früher wurden Beziehungen aus verschiedenen Gründen eingegangen. Liebe war selten zentral dabei, ökonomische und (familien)politische Überlegungen waren vordergründig. Durch die übliche und gesellschaftlich einzig akzeptierte Rollenverteilung war Frau, einmal geheiratet, gar nicht mehr in der Lage, sich anders zu entscheiden. Hätte sie es getan, wäre sie nicht nur gesellschaftlich geächtet gewesen, sondern auch wirtschaftlich ruiniert, hing sie doch am Mann dran. Sie war aber selber durchaus zu was gut, galt doch ein verheirateter Mann vor allem auch beruflich als gefestigter, hatte er noch eine Vorzeigefamilie, stieg er gar zum Bilderbuchmann auf. Was er nebenher so laufen hatte, kümmerte keinen, denn das hatte jeder, man wusste es, man sah drüber weg. Man hatte wohl nicht den Anspruch, dass es anders wäre, da man gar nicht die Hoffnung hatte, es könnte anders sein.

Die Zeiten haben sich geändert, die herkömmlichen Rollenmuster sind aufgeweicht und politische und finanzielle Heiratsgründe verpönt. Die Liebe zählt – und nur sie allein. Was auf Liebe gründet, soll ewig währen. Nebengeschäfte sind tabu. Dass es sie noch immer gibt, weiss man, will man aber nicht wirklich wahrhaben oder aber man hofft, dass der Kelch an einem vorüber zöge. Frau hat den Vorteil, einfach gehen zu können, sie hat heute Möglichkeiten und Wege, hängt nicht mehr zwangsläufig am Mann dran. Mann findet sich als nicht verheirateter in guter Gesellschaft, je höher die Karrierestufe – so liest man – in umso zahlreicherer.

Die Scheidungsraten sind gestiegen, Beziehungen sind nicht mehr Dauerware, sondern höchstens Etappen füllend. Woran liegt es? Bauen Beziehungen auf dem falschen Grund auf? Ist Liebe zwar wunderbar zu haben aber nicht dauerhaft? Ist es mit den Gefühlen zu Menschen wie mit dem Geschmack beim Essen? Das heutige Leibgericht ist morgen ersetzt? Wechseln wir nicht nur unsere eigenen Wesensarten, sondern damit auch das, was wir im Aussen suchen? Möglich wäre es.

Die heutige Unabhängigkeit von Mann und Frau könnten aber auch die Erwartungen ans Gegenüber wachsen lassen. Da ich den anderen nicht wirklich brauche, muss er noch viel besser sein, damit ich bleibe, denn ich muss ja nicht. Wenn man bleiben muss, sieht man (gezwungener Massen) über mehr hinweg als wenn man gehen kann. Sicherte früher das Bleiben das (zumindest gesellschaftliche) Überleben, so kann heute schneller der Gedanke aufkommen, dass Bleiben eher das Leben belastet. Wozu etwas behalten, das man nicht braucht und das nicht ist, was man gerne hätte?

Wozu also geht man heute noch Beziehungen ein, wenn man sie nicht mehr braucht (zum Überleben) und Liebe selten ewig hält? Ist der Mensch von heute Einzeltierchen mit zeitweiligem Bedürfnis nach Austausch, jegliche weiterführende Verbindlichkeit mehr Ballast denn Lust?

Tom Winter: Unbekannt verzogen

Lebenswege und Kreuzungen

Carol will sich befreien. Endlich will sie Bob sagen, dass sie ihn nicht mehr liebt, ihn nie geliebt hat, dass sie sich trennen will. Dass sie auch ihre Tochter nicht liebt, macht diesen Schritt noch einfacher, sie weiss nur eines, sie muss endlich weg. Just an dem Tag, an dem sie diese Botschaft überbringen will, entdeckt Bob einen Knoten in seiner Hode, welcher sich als Krebs entpuppt. Die ersehnte Freiheit muss warten.

Bobs Diagnose platzt wie eine Bombe in Carols Leben, reisst ihr den keimfreien Boden der schicken Praxis mit einem Ruck unter den Füssen weg.

In ihrem Frust schreibt sie Briefe ans Universum, die sie aber per Post verschickt. Albert, kurz vor der Pension stehend und mit der Aufgabe betraut, unzustellbare Briefe zu sortieren, fängt die Briefe auf, liest sie und nimmt so an ihrem Leben teil.

Obwohl ich ihn nicht LIEBE […], hat mich der Krebs daran erinnert, was ich an ihm liebe. Und damit meine ich nicht etwa seine sympathischen Marotten oder seine lustigen Witze, weil er nämlich keine sympathischen Marotten hat und seine Witze eher lahm sind. Ich glaube, ich will eher darauf hinaus, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben.

Da er selber einsam ist seit seine Frau vor 40 Jahren starb, hat er nun einen neuen Lebensinhalt gefunden. Die Briefe verändern sowohl Carols wie auch Alberts Leben. Beide erkennen sie etwas über sich selber und ihre Geschichte und fassen Vorsätze für den weiteren Lebensweg.

Tom Winter erzählt mit viel Humor, teilweise feinem, teilweise herben, nie aber bösartigem Humor die Geschichte von zwei Menschen, die sich in ihr Leben ergeben und damit eigentlich zu leben aufgehört haben. Die Geschichte selber lebt hauptsächlich von den Figuren, welche sehr liebevoll gezeichnet sind und einem damit ans Herz wachsen. Ihr Vermeiden von Entschlüssen, welche lebensverändernd sein könnten, haben etwas zutiefst menschliches, das wohl jeder schon mal selber erlebt hat.

Fazit
Die Geschichte zweier Menschen, deren Wege sich durch Briefe kreuzen, ohne dass sie sich kennen, erzählt mit viel Humor und Liebe. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Tom Winter
Martin Walker wurde 1974 in der Nähe von London geboren. Nach 15 Jahren in Hongkong und Shanghai lebt er nun in Berlin, wo er als Werbetexter für internationale Firmen arbeitet. Unbekannt verzogen ist sein erstes Buch, der zweite ist gerade in Arbeit.

winterunbekanntAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 281 Seiten
Verlag: Insel Verlag (13. März 2013)
Übersetzung von: Regina Rawlinson und Sabine Lohmann
ISBN-Nr.: 978-3458359166
Preis: EUR  12.99 / CHF 21.90

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Karin Nohr: Vier Paare und ein Ring

Lebenswogen mit Wagner

Das Ringprojekt: Drei Paare und eine Witwe mit ihre Tochter besuchen an vier aufeinander folgenden Sonntagen Wagners „Ring der Nibelungen“ in der Semper Oper in Dresden. Bei einem gemeinsamen Nachtessen wollen sie sich jeweils auf die bevorstehende Aufführung einstimmen, bei einem Treffen nach den vier Aufführungen soll eine Nachbetrachtung stattfinden.

Es ist immer dasselbe: Du planst, ich soll mitmachen. Na gut Also ich weiss nicht – vier Sonntage hintereinander Wagner? So lang. So laut. Und dann immer nach Dresden. So weit.

Alle Beteiligten haben unterschiedliche Motivationen, an diesem Projekt teilzunehmen und bei allen löst es Unterschiedliches aus. Sie sehen sich mit sich selber und ihrer Beziehung sowie den Beziehungen untereinander konfrontiert.

Wieder wanderten ihre Gedanken zur Ring-Einladung. Sie lehnte den Kopf zurück und begann zu “fantasieren“, wie sie ein inneres Mäandern bei sich nannte, das sie sonst unterdrückte. Von ihnen beiden war Thomas der Versponnene, der sich oft in seine Gedanken verlor; während sie sich als eine eher kontrollierte Frau empfand […]

Auch die Abgründe kommen ans Licht, die schwelenden negativen Gefühle in der Beziehung,

Wie Brigitte ausgesehen hatte! Wie ein Engel, die Hände erhoben: „Fürchtet euch nicht! Es ist schon gut.“ Er konnte sie provozieren, wie er wollte: Sie bleib ruhig. Der unschuldige Engel. Der wohlmeinende Engel. Der ihn immer und immer ins Unrecht setzende Engel.

sowie zwischen den Teilnehmern:

Da hatten sie nebeneinander gestanden, zwei Frauen, die eine älter aussehend, als sie war, die andere jünger. Was Annegret plötzlich wie eine Kluft empfunden hatte. Ihr eigenes Spiegelbild hatte sich zu wohl und weich neben Evas hagerem ausgenommen; […]

Annegret überliess sich dem schmerzenden Gefühl, das in ihr aufkam, schob es nicht weg. Das hatte sie gelernt in den Jahren nach Alfreds Tod.

Das Ringprojekt nimmt eine eigene Dynamik an und zieht die einzelnen Figuren immer tiefer in einen Strom, der sie einerseits zu sich selber und ihren oft unterdrückten Gefühlen und Gedanken führt, dabei aber auch auf ein Ziel hinsteuert, das so nicht voraussehbar war.

 Aus den verschiedenen Perspektiven der Teilnehmenden des Ringprojekts wird eine Geschichte erzählt, die sich am roten Faden der „Ring der Nibelungen“ orientiert und dann die Auseinandersetzung jedes einzelnen mit Wagners Stück sowie dessen Wirkung auf sich selber aufzeigt. Es wird ein Panoramablick in die Seelenleben jedes einzelnen, der die tiefgreifende Dynamik zwischen den Protagonisten offenlegt.

Karin Nohr gelingt es, die psychologischen Innenschauen und auch Abgründe der jeweiligen Figuren ohne Pathos darzustellen, sachlich, fein, leise, trotzdem so, dass man sich darin wiederfindet, sie nachvollziehen kann.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen. Ich kann es empfehlen.

Zur Autorin
Karin Nohr
Karin Nohr, geboren in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach jahrelanger Therapietätigkeit entschied sie sich, ihre Zeit ganz dem Schreiben zu widmen. Karin Nohr hat eine Tochter und lebt in Berlin und im Wendland. Neben verschiedenen Fachbüchern sind von ihr erschienen Herr Merse bricht auf (2012) und Vier Paare und ein Ring (2013).

NohrRingAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (18. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3813505269
Preis: EUR  19.99 / CHF 31.90

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Peter Cameron: Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn

Eine merkwürdige Geschichte mit merkwürdigen Leuten

Die junge Krankenschweste Coral Glynn kommt in das herrschaftliche Hart House, um die alte, krebskranke Mrs Hart zu pflegen. Vor Ort trifft sie auf deren Sohn, den vordergründig gut aussehenden, unter der kleidenden Oberfläche aber kriegsversehrten Major Hart, seines Zeichens Junggeselle, sowie auf die Haushälterin Mrs Prence. Schon nach kurzer Zeit stirbt die Patientin. Damit könnte der Aufenthalt von Coral Glynn in Hart House vorbei sein, wenn nicht Major Hart aus heiterem Himmel einen Heiratsantrag machte, was umso verwunderlicher erscheint, da die beiden kaum ein Wort miteinander gewechselt haben bis anhin. Dazu kommt, dass weder Carol Glynn noch Major Hart sich in der Gegenwart des anderen wohl zu fühlen scheinen.

Sein versehrter Körper disqualifizierte ihn als Liebhaber und somit auch als Gatten, und bei der Aussicht, Liebe und Ehe sowie den sie begleitenden Qualen und Verwirrungen zu entgehen, erfüllte ihn tiefe Erleichterung. Der Major war fest überzeugt, unwiderruflich aus der Welt intimer Beziehungen ausgeschlossen zu sein, und empfand dies als Gnade, weil er sich in Gesellschaft, vor allem von Frauen, stets unwohl gefühlt hatte.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, die Ehe wird geschlossen, die Gründe dafür sind undurchsichtig wie die Charaktere selber. Psychologische Innensichten und Erklärungsversuche bleiben eher unfassbar und unverständlich – für die Romanfiguren selber und den Leser. Erste Wolken zeigten sich schon vor der Eheschliessung, verdichten sich am Tag derselben und brechen in der Nacht vollends auf. Coral zieht nach London und beginnt ein neues Leben. Die ganze Geschichte handelt generell von vielen verschiedenen neuen und alten Leben verschiedener Personen. Nicht immer ist klar, was sie alle miteinander zu tun haben, die Leben wie die Personen.

Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn ist eine merkwürdige Geschichte voller merkwürdiger Menschen. Der Plot ist schulbuchmässig aufgebaut, erstes Hoch bei der Eheschliessung, anschliessender Tieffall, langsames Aufrappeln, kurze Dramatik kurz vor Schluss und finales Happy End. Dieses ist allerdings anders als man es sich denken würde oder könnte, es scheint eher weit hergeholt, wirklich happy wirkt irgendwie auch niemand.

Die Charaktere bleiben durch die Geschichte hindurch merkwürdig blass und farblos, man kann sie nicht fassen und sich schon gar nicht mit ihnen identifizieren. Die Dialoge sind gestammelt unsicher, wobei die Unsicherheit nicht nur in den Figuren selber zu liegen scheint, sondern beim Erzähler zu suchen ist. Was für einen alltäglichen Dialog zwischen unsicheren Menschen in der Realität durchgehen mag, wirkt in einem Roman eher schwach und unbeholfen.

Die Geschichte wimmelt von merkwürdigen Menschen. Neben den für sich schon sehr verworrenen Protagonisten wären da die Freunde des Majors Hart, ein Ehepaar, das in einem Sammelsurium von kuriosen Möbeln lebt. Sie trinkt zuviel, plaudert dabei unentwegt und verdrückt zu allen Gelegenheiten Tränen, er ist eigentlich schwul und dem Major zugetan, trotzdem findet er sich plötzlich im Bett seiner Ehefrau wieder, die – wie könnte es anders sein – weint, weil er sie wieder mal beehrt. Die Haushälterin wird zum klischeemässigen Hausdrachen. Ein Mord bringt Spannung in die ganze Geschichte, Flucht, Verrat, eine brennende Sexszene sollen den Leser bei der Stange halten.

Trotz all der offenkundigen Mängel, trotz der unglaubwürdigen Geschichte, der flachen Charaktere, der farblosen Beschreibungen der Schauplätze, Landschaften und Szenerien, trotz des unwahrscheinlichen Handlungsablaufs ist es kein Buch, das man einfach auf die Seite legen will. Man möchte wissen, wie diese Aneinanderreihung von Merkwürdigkeiten zu Ende geht, welchen Schluss sie findet. Es darf verraten werden, dass das Ende nicht minder merk- und fragwürdig ist als der ganze Rest des Buches. Zurück bleiben viele Fragezeichen, eine gewisse Erleichterung, dass man durch ist und trotz allem ein Lächeln ob so viel Merkwürdigkeit.

Fazit:
Es ist merkwürdig: Literarisch gesehen kann ich es nicht empfehlen, und doch, merkwürdigerweise, war es merkwürdig erheiternd.

Zum Autor
Peter Cameron
Peter Cameron wurde am 29. November 1959 in New Jersey geboren und ist ebenda und in London aufgewachsen. Er hat am Hamilton College in New York einen B.A in Englischer Literatur gemacht und lebt heute als Schriftsteller in New York. Für seine Werke erhielt er  zahlreiche Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind unter anderem Das Wochenende (1998), Die Stadt am Ende der Zeit (2004), Du wirst schon noch sehen wozu es gut ist (2008), Die merkwürdige Ehe der Coral Glynn (2013).

cameronglynnAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Albrecht Knaus Verlag (9. April 2013)
Übersetzung aus dem Englischen: Henning Ahrens
ISBN: 978-3813504774
Preis: EUR  19.99/ CHF 31.90

 

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Stefan Zweig: „Ich wünschte, dass ich Ihnen ein wenig fehlte“

Das vorliegende Buch veröffentlicht erstmals die Briefe Stefan Zweigs an Lotte Altmann aus den Jahren 1934 – 1940. Die bislang schlecht dokumentierte Zeit in Stefan Zweigs Leben wird damit besser beleuchtet, stammen doch die bisherigen Kenntnisse fast ausschliesslich aus den Hinterlassenschaften und biographischen Schriften Friderike Zweigs, welche – es liegt in der Natur der Sache – nicht wirklich objektiv waren in Bezug auf die Person Stefan Zweigs.

Lotte Altmann kommt als Sekretärin zu Stefan Zweig, eingestellt wird sie von dessen Frau Friderike. Sie soll Stefan Zweigs Manuskripte abtippen, seinen Brieverkehr und sonstig schreibenden Tätigkeiten übernehmen. Schon bald scheint es zu einer Annäherung zwischen Stefan Zweig und Lotte zu kommen.

Ich bin vielleicht keine ganz leichte Natur, im allgemeinen werde ich Menschen rasch müde, es stört mich bald eine ihrer im Anfang verborgenen Eigenschaft, aber bei ihnen spürte ich von Anfang an eine solche Aufrichtigkeit, dass ich mich sicher fühlte.

Friderike ertappt die beiden in einer eindeutigen Situation, welche fortan zwischen den Eheleuten steht, aber nie beim Namen genannt, immer nur angetönt wird.

Trotz der offensichtlichen Verbundenheit bleibt die Sprache zwischen Lotte Altmann und Stefan Zweig immer sehr distanziert und sachlich. Zwar klingt eine Herzlichkeit durch die Zeilen, aber es kommt zu keinen wirklichen Bekenntnissen oder Andeutungen von Gefühlen, die über eine menschliche Anteilnahme am Wohlbefinden Lottes hinausgehen. Auch die Anrede bleibt über die ganze Dauer hinweg bis hin zur Hochzeit im Jahr 1939 förmlich, er schreibt sie als „Liebes Fräulein Altmann“ oder gar Liebes F. A. und mit Sie an.

Der einzige Brief, der diese Förmlichkeit durchbricht und Gefühle preisgibt, stammt von Lotte Altmanns – es ist der einzige von ihr erhaltene Brief, sonst finden sich nur Stefan Zweigs Briefe. Sie gesteht ihm darin, was er ihr bedeutet:

Mein Lieber, ich finde mich selber schrecklich feig, aber ich habe Angst, dass jemand dabei ist, wenn du den Brief bekommst […]
Ich möchte dir noch einmal sagen (oder habe ich es Dir noch nie gesagt, wie gerne ich Dich habe und wie glücklich Du mich durch Deine Freundschaft gemacht hast. […] Ich denke oft an Dich und unser Zusammensein.

Stefan Zweigs Antwort auf diesen Brief lässt einige Formalismen fallen, so ist es der einzige mit der Anrede „Liebes Fräulein Lotte“, er spricht von ihrem gemeinsamen Unternehmen (womit ihre Verbindung gemeint ist) und unterschreibt mit Stefan Z. (statt Stefan Zweig oder S.Z.). Bei den folgenden Briefen kehrt er wieder zur gewohnten Distanz zurück.

Die Briefe Stefan Zweigs zeichnen das Bild eines Mannes, dem die Arbeit über alles geht. Menschliches, Zwischenmenschliches ist ihm oft ärgerlich, da es ihn vom Arbeiten abhält.

Ich halte meine Arbeit für wichtiger als gesellschaftliche Verabredungen […] Aber ich bin’s schon gewohnt, dass alles hinter meine Arbeit gesetzt wird.

Stefan Zweig braucht zum Arbeiten völlige Ruhe, Einsamkeit auch, kann es nicht haben, wenn Menschen in der Wohnung, gar im Raum sind. Darüber kam es zu diversen Zerwürfnissen mit seiner ersten Frau Frederike Zweig, die teilweise auch in Briefen beschrieben und in diesem Buch abgedruckt sind.

Ich brauche nun Ruhe zur Arbeit, möchte auch bitten, mir nachmittags oder abends drei Stunden (geschlossene) vorher mitzuteilen, an denen ich allein hier im Haus bin. Ich kann nicht bei dem Hin- und Hergehen […] das Wesentliche arbeiten, das ich zu tun habe.

Stefan Zweig erscheint in seinen Briefen als Mann, der sehr charmant, sehr mitfühlend, sehr aufmerksam ist, so lange er arbeiten kann, die Dinge in seinem Sinne und wenig störend laufen. Sobald dies nicht der Fall ist, ändert sich sein Betragen drastisch und er braucht sehr klare Worte, seinen Unmut kundzutun. Dies äussert sich vor allem gegenüber Frederike, der er vorwirft, ihn als Ernährer zu wenig zu achten, sich ihm zu wenig zu unterwerfen und sein Arbeiten mit ihrem Wunsch nach Selbständigkeit zu stören.

Da ist ein Familienleben nur möglich, wenn die Familie sich vertrauensvoll und respektvoll dem unterwirft
1) der sie erhält
2) dessen „Beruf“ der einzig wichtige und einträgliche ist gegenüber den dilletantischen Spielereien
3) der der erfahrenste ist und am meisten über die Dinge vorausdenkt.
[…] betrachtet nicht Ihr meine Arbeit als das Centrale und einzig Wichtige, so Ich. Und damit Adieu.

Da es lange Etappen ohne Briefe gab, in denen die Lotte Altmann und Stefan Zweig gemeinsam unterwegs waren, werden die Briefe im vorliegenden Buch in ihren biographischen Kontext eingebettet, welchen der Herausgeber, Oliver Matuschek, Verfasser der sehr akribisch recherchierten Biographie Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie, fundiert kennt. Zudem erklärt er nicht eindeutige Briefpassagen und hilft so zum besseren Verständnis.

Nach der Eheschliessung 1939 finden sich fast nur noch Briefe an Angehörige, die von Stefan Zweig und Lotte Altmann oft gemeinsam geschrieben werden. Das Buch wird beschlossen mit einem kurzen Anhang mit wenigen Hintergrundinformationen zu den Briefen und marginalen Interpretationen derselben. Da die Interpretationen eher knapp und teilweise spekulativ sind, hätte gut auf sie verzichtet werden können. Dies aber nur eine kleine Kritik am Rande eines sonst gelungenen und aufschlussreichen Buches.

 

Fazit:
Mit diesem Buch ist es gelungen, Stefan Zweigs Leben in der Zeit zwischen 1934 und 1940 vor dem Hintergrund der damaligen geschichtlichen Ereignisse und den Menschen Stefan Zweig durch seine eigenen Briefe darzustellen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Zum Herausgeber
Oliver Matuschek
Oliver Matuschek wurde 1971 geboren, studierte Politologie und Neuere Geschichte. Er ist Mitautor mehrerer Dokumentarfilme, war von 2000 bis 2004 Mitarbeiter des Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig und 2008 Kurator der Ausstellung „Die drei Leben des Stefan Zweig“ im Deutschen Museum in Berlin. Von Oliver Matuschek erschienen sind unter anderem Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig (2005) und Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biopgraphie (2006).

ZweigBriefeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 367 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (März 2013)
Herausgeber: Oliver Matuschek
ISBN: 978-3596950041
Preis: EUR 24.99 / CHF 39.90

 

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Valeria Luiselli: Die Schwerelosen

Eine junge Frau, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus in Mexico City lebt, schreibt über ihr Leben in einer anderen Zeit, als sie noch in New York lebte. Sie schreibt über ihre Liebschaften und andere schräge Gestalt, über ihr Leben zwischen Wahrheit und Lüge, weit ab von Konventionen.

In jener Phase war mir zum Lügen zumute. Ich log immer öfter, sogar in Situationen, die es nun wirklich nicht erforderten. Ich vermute, das ist die Logik der Lüge: Eines Tages legst du den ersten Stein, und am nächsten musst du zwei legen.

Es ist ein Leben, das sie selber in die Hand nimmt, das ihr aber trotzdem ab und an zu entgleiten droht.

Es gibt zwei Typen von Menschen: diejenigen, die einfach leben, und diejenigen, die ihr Leben designen.

Es ist ein Leben voller Gespenster und Besessenheiten, die ab und an zur Last werden, aber doch so viel Lust beinhalten, dass sie das Leben weiter lebt. Vielleicht auch, weil sie nicht anders kann.

Zwischen den Schreibphasen lebt sie ihr Leben heute in Mexico City, mit ihrem Mann, mit ihren Kindern. Sie sitzt eingesperrt in einem Haus, welches kein Zuhause bietet. Das einzig Lebendige scheinen die Fragen und Worterfindungen ihres Sohnes zu sein. Während ihres Schreibens wächst das Misstrauen in der jetzigen Welt, Fiktion nimmt immer mehr Raum ein in der Wirklichkeit, bis niemand – vermutlich nicht mal sie selber – mehr weiss, wo die Grenze liegt.

Zunächst das gegenseitige Belauern. Den anderen verfolgen und sich verfolgen lassen, bis keiner von beiden mehr ein Quäntchen Luft zum Atmen hat. Einen unendlichen Hass auf den anderen entwickeln. Nicht so sehr Überdruss […]. Nicht so sehr Verachtung […]. Vielmehr Hass

Die Schwerelosen ist ein Buch voller Brüche. Die Brüche sind innerhalb der Personen, zwischen den Personen, zwischen den Zeiten und im Erzählstrang. Es sind Brüche, die es schwer machen, sich zurechtzufinden. Man hangelt sich von Häppchen zu Häppchen, sammelt Informationen, um sie wieder zu verwerfen, versucht, sich zurechtzufinden und verliert sich wieder.

Valeria Luiselli schreibt in einer klaren Sprache, spinnt phantastische Geschichten, in denen man sich ständig fragt, was wahr und was falsch ist, in denen man sich mitten im Ernsten einem Witz gegenüber sieht. Wenn das Buch eines nicht ist, dann ist das langweilig, trotzdem fällt es nicht immer leicht, dran zu bleiben.

Fazit:
Literarisch, wild, poetisch, chaotisch, orientierungslos, mit Witz, Charme, ohne roten Faden. Verwirrend – es ist schwer, ein wirkliches Fazit zu ziehen, selber lesen und entscheiden kann ich dazu nur sagen.

Zur Autorin
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York.

LuiselliSchwerelosAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Scheidungskinder

Scheidungskinder – das Thema einer TV-Sendung heute. Experten und Betroffene sprechen über das Thema, was mit Kindern passiert, wenn die Eltern sich nicht mehr verstehen und beschliessen, getrennte Wege zu gehen. Wie sieht der richtige Weg aus, was muss sein, was vermieden werden?

Eine Scheidung ist eine Vertragsaufhebung. Es folgt eine neue vertragliche Regelung, wenn Kinder im Spiel sind. Wer sorgt für das Kind, wer zahlt? Wer sieht das Kind wann und wie oft und wer bestimmt über die relevanten Dinge? Was einst natürlich wuchs, soll nun rechtlich geregelt werden (wobei natürlich auch die innerfamiliäre Lage teilweise geregelt ist). Schwarz auf weiss. Problematisch ist nur, dass egal, was steht, das tägliche Umsetzen etwas anderes ist. Die Menschen, die ihre Ehe auflösen, weil sie nicht mehr gemeinsam können, sollen nun gemeinsam weiter gehen – in Bezug auf das Kind. Das ist eine nette Idee, die durchaus ihre Grundlagen hat, da beide Elternteile weiter Elternteile bleiben. Nur  löst man eine Ehe nicht einfach so auf in den meisten Fällen. Meist sind Zerrüttung oder sonstige schwerwiegenden Probleme der ausschlaggebende Punkt. Wo also steht da das Gemeinsame? 

Eltern sollen – so die Befürworter des gemeinsamen Sorgerechtes – die Betreuungszeit besten Falls halbe-halbe ausfüllen. Wieso soll das klappen nach einer Scheidung, wenn es vorher meist nicht ging? Karriere, Hobbies, vieles stand im Weg. Die heutige gesellschaftliche Situation sieht noch immer oft so aus, dass die Hauptbetreuungslast bei den Frauen liegt und nicht bei den Männern. Und selbst engagierte Väter sind oft 100% arbeitstätig, während die Frauen prozentual oder gar nicht (für eine gewisse Zeit) ausser Haus arbeiten. Das lässt sich auch mit netten Worten wie „Qualitätszeit“ nicht negieren. 

Schlussendlich bleibt die traurige Erkenntnis: Getrennte Eltern sind für Kinder nie gut. Und für die Eltern bedeutet es ein Umdenken. Kinder brauchen Stabilität, ein Zuhause und einen Bezugspunkt. Das ständige Hin und Her wäre für sie mehr Zerreissprobe denn Segen. Zerstrittenen Eltern eine gemeinsame Entscheidung gesetzlich aufzuzwingen würde für die Kinder kaum Positives bringen. Die Streitereien, die meist schon vor der Scheidung das Familienleben prägten, wären noch immer präsent, zusätzlich zur Verarbeitung der neuen Umstände. 

Trennungen bedeuten Verlust. Verlust von Rollen, von Mustern, von Menschen und von Nähe. Von den einen will man diese, von den anderen nicht. Wenn man sich für eine Trennung entscheidet, muss man sich bewusst sein, dass man nur das ganze Paket kriegen kann. Das im Kopf könnte man dahin gehen, bewusster mit Beziehungen (gerade, wenn man Eltern eines Kindes ist) umzugehen und sie eben nicht aufs Spiel zu setzen. Das Leben wird nach einer Trennung nicht leichter. Es eröffnen sich neue Probleme. Das Leben wird nicht besser, es wird nur anders. Und für Kinder wird es nie mehr so, wie sie es verdient hätten. 

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Clara. Ledig, Single, Anfang 50. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als einen Mann. Jeder ihr ins Blickfeld kommende Mann wird als potentielles Objekt der Begierde abgecheckt. Das Zusammensein mit dem Mr. Right wird in schillernden Farben ausgemalt, sie lechzt förmlich danach. Selbst wenn sie ihn nur schnell im Supermarkt an der Kasse sah, weiss sie, dass er der Mann ihrer Träume sein könnte, mit dem sie gemeinsame Schaumbäder einlassen, in die Sterne schauen, den neusten Tatort diskutieren und die gemeinsame Zeit geniessen könnte. Sie sieht das Bild, wie sie zusammen durch die grüne Natur schlendern, an Konzerten abrocken, im Kino Taschentücher austauschen und auf der Parkbank Händchen halten vor sich. Jede freie Minute möchte sie mit ihm verbringen.

Doch er zahlt und geht. Aus den Augen, aus dem Sinn, denn in der Garage steht der nächste Anwärter, kurze braune Haare, blaue Augen, ein umwerfendes Lächeln. Mit dem würde das alles noch viel besser gehen. Die einsamen Abende wären Geschichte, die nutzlosen Sonntage ebenso. Das Leben wäre lebenswerter, angeregter, ausgefüllter, denn da wäre jemand, mit dem man es teilen könnte. Und alle Sehnsüchte werden in die potentiellen, immer wieder wechselnden, Objekte gepackt. Leider sind sie alle genauso schnell weg, wie sie kamen.

Damit sich Clara keine Blösse geben muss, propagiert sie das tolle Singleleben, schwärmt von interessanten Kontakten, hält hoch, keine Socken waschen und Hemden bügeln zu müssen. Und überhaupt, sie möchte gar keinen Mann, sicher in der nächsten Zeit. Bis – ja bis… der nächste auftaucht.

Susanne, Anfang 40, verheiratet, zwei Kinder. Es gab Zeiten, da genoss sie ihre Freiheit, flippte rum, war im Ausgang, verdrehte den Männern die Köpfe. Dann wieder Zeiten, da war sie in Beziehung. Nie ganz einfach, nie wirklich schlimm. Und dann waren da die Zeiten, da war sie alleine und hatte sich mit dem Alleinsein arrangiert, weil es ganz ok war. Sie tat, was ihr lag, meistens nicht viel Spektakuläres, sondern einfach nur das, was ihr und ihrem Rhythmus entsprach. Dieses völlige auf sich gestellt sein gefiel ihr gut. Es hätte ewig so weiter gehen können. Ab und an sah sie am Wochenende Paare gemeinsam einkaufen. Dachte, das wäre schön. Wünschte sich das kurzzeitig auch, um dann wieder die ruhigen Abende für sich zu geniessen. Und just da tauchte der Mann auf. Sie heirateten, kriegten Kinder. Der langgehegte Traum ging in Erfüllung. Was Susanne fehlte, waren die Momente für sich. Einfach mal nur sein, ohne Erklärung, ohne Rechenschaft. Mal alleine, sie für sich. Susanne hörte von Singlefreundinnen, die  Mädelsabend hatten, hörte von Abenden im Schaumbad mit Sekt und Buch, malte sich einen Abend im Gammellook vor dem TV aus. Sie schickte ihren Mann ab und an mit Kinderwagen auf Erkundungstour in die Stadt und stiess bei ihren Singlefreundinnen auf Unverständnis: Du bist nicht bei deinen Liebsten? Wieso das denn? Ich gäbe die Welt dafür. Susanne gab in dem Moment grad die Welt für ein paar Minuten durchatmen. Freiheit. Wenn auch auf Zeit.

Und immer scheinen die Trauben in Nachbars Garten süsser. Vermisst man im Singleleben die gemeinsamen Stunden, fehlen im gemeinsamen Leben die einsamen. Man neigt dazu, das Leben des anderen zu glorifizieren. Sieht in Einsamkeitsphasen nur, was einem fehlt, sieht ihn Zweisamkeitsphasen, was man mal hatte, damals nicht schätzte.

Das Leben ist nie perfekt. Man selber ist es nicht. Irgendwas fehlt immer und irgendwas ist immer zuviel. Vermutlich ist die Kunst, zu sehen, was man hat, dies zu schätzen, um dann das Zuviel und das Zuwenig zu ertragen. Ideal wäre ein Singleleben, in dem immer dann jemand da wäre, wenn man sich einsam fühlte, oder eine Beziehung, in welcher immer genau dann Abstand herrschte, wenn man diesen brauchte. Nur sind Menschen keine Batteriewesen und jeder hat seinen eigenen Rhythmus. Und so kommt es, dass man in Beziehungen oft dann alleine ist, wenn man es nicht möchte, dann zu zweit, wenn man Zeit für sich sucht. Alleine ist man oft dann einsam, wenn einem nach anderen Menschen ist, in Massen, wenn man sich verkriechen wollte.

Das mag nach einer pessimistischen Sicht aussehen. Ist es bei Weitem nicht. Zu sehen, was man Gutes hat, hilft, sich bewusst zu werden, was man braucht und sucht. Und wenn man das weiss, kann man sein Leben im Miteinander und im Alleinsein so einrichten, dass es genau das Leben ist, das einem gut tut. Geniessend, was ist, wissend, was fehlt, daran nicht verzweifelnd, sondern dankbar, dass es noch Ziele und Wünsche gibt, die das Leben vorantreiben. Im Wissen, dass man schon sehr viel hat, das gut ist. Und gewollt. Und gebraucht.

Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern

Dann schloss sie die Augen und atmete tief durch die Nase ein. Noch eine Sekunde, dann liessen ihre Finger das Geländer los. Die Füsse tasteten langsam ins Leere. Eine kräftige Böe, sie verlor die Balance, ihre Zehen versuchten noch Halt zu finden und dann… der Fall.

Wann hatte alles begonnen? Als Rebecka Mikael kennen lernte und merkte, dass sie alles tun müsste, ihn zu halten? Als sie beschloss, ihn immer in Unsicherheit zu lassen bezüglich ihrer Gefühle, um ihn damit noch mehr an sich zu binden? Wann hatte sich das Spiel verselbständigt? Wieso funktionierte es nicht mehr irgendwann? Die Kluft zwischen ihnen wurde grösser, beide litten.

Sie war diejenige, die bestimmte, wie es zwischen uns lief. Am Ende war es wie ein Gefängnis.

Das Spiel beenden ging nicht, das Leiden aber musste aufhören. Und dafür gab es nur eine Lösung: Den Sprung, Mikaels Befreiung, das eigene Opfer.

Egoistisch? Ich habe mein Leben geopfert, um meine Ehe zu retten.

Rebecka stürzt sich eines Nachts von einer Klippe in den Tod. Zurück bleibt ein verzweifelter und tieftrauriger Ehemann, der mangels Erklärung nicht mehr weiss, wo er steht. Die Frage, ob er seine Frau überhaupt je gekannt hat, wird gross und grösser. Nie hat sie über sich gesprochen, die Verbindungen zu ihrer Familie, ihrer Herkunft hat sie abgebrochen.

Fragen liess sie nie zu, sie inszenierte die Gegenwart so, wie es für sie, wie es in ihr Spiel passte. So erstickte sie langsam die grosse Liebe, welche sie eigentlich bewahren wollte. Die Mittel dazu entsprangen einer Verlustangst, den Mustern, die sie sich in der Kindheit angeeignet hatte, als ihr Vater die ganze Familie verliess. Nie sollte sie so enden wie ihre Mutter, nie schwach sein, nie verlassen werden. Doch das wusste keiner, das hielt sie in sich gefangen und nahm es in den Tod.

Ich hoffe auch sehr, dass Rebecka das gefunden hat, was sie suchte. Und wenn nicht, dann tut sie es hoffentlich noch. Sie war nie zufrieden, solange die Dinge nicht genau so waren, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Nach und nach kehrt Mikael ins Leben zurück, die Trauer weicht, ab und an kommt Wut auf. Die Auseinandersetzung mit dem Menschen Rebecka, der ein so grosses Geheimnis gewesen ist, lässt ihn langsam zur Ruhe kommen. Rebecka begleitet diesen Weg aus dem Totenreich, begleitet von einem Engel. Sie möchte für ihn da sein, nun nach ihrem Tod die Liebe leben, die den Tod überdauert, ewig ist. Auch sie hat einiges zu lernen.

Die Geschichte verbindet Abschnitte mit Rebeckas Kindheit, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Mikael, die Welt im Jenseits mit allem, was einen da erwartet und Mikaels Weg zurück ins Leben. Unvermittelt findet man sich jeweils in eine andere Zeit, in eine andere Perspektive geworfen, muss sich neu zurechtfinden und lernt dazu. Langsam ergibt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein ganzes Bild.

Trotz dieser vielen Perspektivenwechsel wirkt das Buch als Einheit, erzählt es die Geschichte eines Lebens, vieler Leben, die miteinander verknüpft waren, immer noch sind. Es stellt Fragen, lässt sie teilweise offen, veranschaulicht sie ab und an im Fortgang der Geschichte. Es zeigt auf, wie Muster das Verhalten prägen und zum Gefängnis werden können, aus dem auszubrechen kaum möglich scheint. Man sieht von aussen den Ausgang, möchte ihn den Handelnden zurufen, lebt mit, leidet mit und sieht dann die Dinge ihren Lauf gehen – der auch gut ist, weil er den eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. So wie es das Leben wohl tut.

Fazit:

Das Buch packt von der ersten Seite an und lässt einen nicht mehr los. Das war Lesevergnügen pur, welches aber auch tief ging, zum Nachdenken anregte. Absolut empfehlenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 438 Seiten

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (25. Oktober 2012)

Übersetzung: Stefanie Werner

Preis: EUR: 12.00 ; CHF 19.90

Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012.

 

 

 

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In guten wie in schlechten Tagen

Der Mensch ist ein Beziehungstier. Je näher einem andere Menschen sind, desto enger ist die Beziehung, desto grösser ist auch das Gefühl von Verbundenheit, von Miteinander, von Verantwortung. Man geht gewisse Stücke des Weges gemeinsam, schwört sich vielleicht, wenn es der Ehemann, die Ehefrau ist, ewige Treue, Zusammenhalt, in guten wie in schlechten Zeiten. Und die guten Zeiten sind toll, man durchlebt sie, feiert sie, geniesst sie, liebt sich, ist froh. Es gibt auch schlechte Zeiten, man übersteht sie, im Wissen, es kommen wieder andere. Man geht durch die Tiefen im Hinblick und in der Hoffnung auf bessere Tage. Und man geht am Schluss stärker daraus hervor. Man hat es geschafft.

Eines Tages kommt das nächste Tief. Eines, das kein Hoch mehr bringt. Eines, das nur noch tiefer geht. Immer tiefer, bis zum Schluss. Krankheit, Zerfall – unheilbar. Und man hat sich geschworen, dass man auch in schlechten Tagen da ist. Fühlt sich verpflichtet, aus Dankbarkeit für die guten gemeinsamen Tage, Wochen, Monate und Jahre, die ohne den anderen nie so gut gewesen wären, wie sie es waren. Man fühlt sich verpflichtet aus Liebe, die wuchs, über all die Jahre mit all den Höhen und Tiefen, durch all das Gemeinsame, das verbindet. Und man geht es an. Verspricht dem Partner: Ich bin da, ich trage dich, ich lasse dich nicht fallen. Ich bin an deiner Seite. Und man will das. Will es mit dem ganzen Herzen und erachtet es als gut und richtig.

Und es geht bergab. Mal mehr, mal weniger, die eigenen Kräfte schwinden, die Anforderungen steigen. Doch es gibt noch immer wieder gute Momente. Und noch immer die Erinnerung an das, was war und an das, was man schuldet. Und man macht weiter. Aufgeben gilt nicht. Man kann doch den Menschen, den man liebt, nicht einfach fallen lassen. Man hat es versprochen. Man will es halten. Und irgendwie ist man es auch schuldig. Ihm, sich selber und man denkt, auch die Gesellschaft erwartet es. Was denken die, wenn man einfach aufgibt, ein Heim sucht? Man wäre ein Verräter. Man hätte versagt, aufgegeben, das Versprechen gebrochen. Man hätte den Menschen, der da war, als er konnte, fallen gelassen, als er sich nicht mehr wehren konnte.

Im Moment gibt es gerade eine Kampagne von sogenannten Promis, die für menschenwürdigen Umgang mit Alzheimerpatienten werben, die von Freude im Umgang und positiven Erlebnissen sprechen. Ein Mensch, der nicht mehr weiss, wie er heisst, wie seine Kinder heissen, dass er Kinder hat, der spürt in seinem kurzen hellen Moment selber, dass er nicht mehr ist, wer er einmal war. Und das ist das, was die eigene Würde schrumpfen lässt. Und diese Kampagne verstärkt den Druck auf die Angehörigen, der eh schon immens ist. Sie macht nichts besser. Die Situation bleibt, wie sie ist. Daran ändern tolle Sätze und strahlende Gesichter nichts.

Doch: Wo bleibt der Angehörige? Wer kümmert sich um seine Rechte? Sein Leiden? Oft gehen die Angehörigen durch die Hölle und drunter. Sie erleben hautnah den Zerfall des geliebten Menschen, was an sich schon eine Qual ist. Dazu kommt die Belastung der Pflege und in gewissen Fällen auch die Unberechenbarkeit des Kranken. Wer schon mal erlebt hat, wie man sich fühlt, wenn ein nicht mehr selbständig denken und handeln könnender Mensch verschwunden ist, weiss, wovon ich schreibe. Das ist keine Freude, das ist kein positives Erlebnis. Das ist Panik: Lebt er noch? Wo ist er? Wie finde ich ihn wieder? Das ist Verzweiflung. Ist Selbstzweifel: Habe ich versagt? Und Hilflosigkeit: Ich bin ihm, dem Schicksal und allem ausgeliefert. Es ist Resignation: Ich habe kein eigenes Leben mehr.

Was schuldet man einem anderen Menschen? Was ist Pflicht? Würde ich wollen, dass jemand sein Leben und sich selber aufgibt, um sich aufzuopfern für mich, die ich sowieso nicht mehr das Leben führe, das ich führen will? Die ich sowieso nicht mehr ich bin? Ich würde mir wünschen, dass der von mir geliebte und mich liebende Mensch alles tut, dass es mir meinen Umständen entsprechend gut geht. Niemand mich plagt, niemand mich verletzt. Aber mich pflegen? Vor allem, wenn er selber nicht mehr kann? Das wäre nicht das, was ich dem  geliebten Menschen wünschen würde.

Man kann nun dahin gehen und sagen, das sagt sie so leicht, sie ist gesund. Oder: Sie steckt nicht drin. Ja, das ist momentan so. Und ich bin sehr dankbar dafür. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es nichts bringt, sein eigenes Leben zu opfern für das Leben des anderen, vor allem, wenn man ihm damit nicht hilft. Oft steckt viel mehr Pflichtgefühl, Stolz und Zwang dahinter als wirkliche Pflege- und Hilfskompetenz. Wieso nicht diese Bereiche Menschen überlassen, die darin geschult sind, selber den Part der Liebenden und Sorgenden behalten? ich operiere ja auch nicht des Partners Beinbruch, nur weil ich sagte, immer für ihn da zu sein. Wieso denke ich, ich muss seine noch viel tiefer greifenden Krankheiten pflegen, im Griff haben?

Das Thema ist schwer. Und es ist traurig. Ich kenne es theoretisch und praktisch. Am Schluss bleibt immer das Gefühl, dass es kein gut oder schlecht gibt. Am Schluss bleibt die Trauer.

Peter Hedges: Zeit der Versuchung

Ich war ein ungewöhnlich aussehender, etwas begriffsstutziger Knabe, der sich zu einer nicht so schlechten Partie mauserte, behauptet meine Frau bisweilen. Ich meine immer, mein etwas holpriger Start hat mich gezwungen, ein paar Kernqualitäten zu entwickeln – Freundlichkeit, Mitgefühl für die Benachteiligten und Verfolgten, eine Neigung, sich für neue und ungewöhnliche Ideen zu begeistern. All dies, da bin ich überzeugt, half mir in meinem Bestreben, mich Kate Oliver würdig zu erweisen.

Tim und Kate sind neun Jahre verheiratet und leben mit ihren zwei Söhnen in den Brooklyn Heights. Auch wenn das Geld knapp ist, sind sie glücklich. Bis sie eine neue Nachbarin bekommen: Anna Brody. Langsam und schleichend dringt sie in ihr Leben ein und bringt dieses ziemlich durcheinander. Was vorher zählte und wichtig war, wird plötzlich unterlaufen und hinterfragt. Ihre Liebe und ihre Ehe wird auf eine harte Probe gestellt. Beide fangen an, unzufrieden zu sein mit dem, was ist, suchen neue Wege, Abwege, auf welchen sie ins Schlittern kommen.

Aus der Perspektive von Tim, Kate und anderen Figuren aus ihrem Umfeld erfährt man eine Geschichte um eine Ehe, welche sich den Schwierigkeiten des Lebens stellen muss. Die Geschichte klingt spannend, der Stoff verspricht zu packen, die Erzählform ist vielversprechend und ermöglicht einem einen Blick auf das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Letzhin tauchte Tim aus unserem winzigen Badezimmer auf, einen zutiefst erschrockenen Ausdruck im Gesicht. Als ich ihn fragte, was denn los sei, wollte er damit nicht herausrücken. […] [Er] wischte sich die Tränen aus den Augen.  Ich kam näher, um ihn zu umarmen, und er gestand es mir. Er hatte im Bad gefurzt, und entsetzlicherweise war der Geruch diesmal anders als bei allen Fürzen, die er jemals gelassen hatte.

Leider packt die Geschichte nicht, sondern stellt sich als das heraus, was Tim erschreckte. Zwar interessiert es einen aufgrund des Klappentextes, was aus Tim und Kate wird, welche Rolle Anna dabei spielt, doch ist die Lektüre selber dazu zu langatmig, zu spannungsfrei, um dranzubleiben.

 

Fazit:

Ein Buch mit grossem Potential, das es leider nicht ausschöpft. Die Idee, eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, ist gut, der Plot vielversprechend. Die Geschichte hätte mehr Spannung vertragen.

Peter Hedges: Zeit der Versuchung, Goldmann Verlag, Übersetzung von Cornelia C. Walter, München 2010.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 384 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (20. September 2010)

Sprache: Deutsch

Übersetzerin: Cornelia C. Walter

Preis: EUR: 17.99 ; CHF 28.90

 

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