Ewig lockt der Buchtitel

Manchmal gibt es Buchtitel, die sind so witzig, dass die Phantasie gleich auf Reisen geht und sich etwas vorstellt. Ob das dann schlussendlich viel mit dem wirklichen Inhalt des Buches zu tun hat, ist zweitrangig (ausser wenn die Phantasie Grund für den Kauf ist und das folgende Lesen zur Ernüchterung führt). 

Ich sehe die trunkenen Philosophen vor mir, wie sie um den Stammtisch im Wirtshaus sitzen, Kant ruft «no a Mass» und Paracelsus findet, das richtige Mass müsse eingehalten werden, um das Bier nicht zum Gift zu machen. Epikur wird einwenden, dass Lust das grösste Glück sei und Kant mit verschwörerischem Augenzwinkern zuprosten.

Während die Herren es sich gut gehen lassen, macht die Daniel Klein auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, doch er wird nicht fündig. Der gute Sinn scheint ein windiges Ding, das sich einem Fisch gleich immer wieder entwindet. 

Wenn schon der Sinn nicht zu finden ist, dann doch bitte das Ich. Kommissar Northoff sitzt in der Hotellobby und linst hinter der Zeitung hervor, in der Hoffnung, dass das zur Fahndung ausgeschriebene Ich vorbei kommt. Da er da nicht fündig wird, geht er in sich. 

Kant hat mittlerweile seinen Rausch ausgeschlafen und steht schon wieder Red und Antwort auf die Frage, wie man denn mit einem disziplinlosen Gehirn umgehen solle. Nun, ob der Trunkenbold von oben darauf eine Antwort hat? Aber: Wir wollen den Kant nicht mit dem Bier ausschütten, ist er doch ein kluger Kopf und wird durch Vernunft und Urteilskraft sicher eine Lösung finden. 

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Bücher sind nicht ganz so wie oben beschrieben, teilweise aber doch. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr lesenswert sind. Deswegen hier mehr zu den einzelnen Büchern:

Daniel Klein: Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ist er schon wieder woanders
Wie lebt man ein gutes Leben, was ist ein gutes Leben überhaupt? Das hoffte Daniel Klein zu erfahren, als er sein kleines Notizbüchlein mit Zitaten grosser Philosophen anlegte. Er ergänzte die Sammlung über viele Jahre, bis das Buch irgendwann auf dem Dachstock verschwand, wo er es mit fast achtzig Jahren wieder fand, drin blätterte und beschloss, ein Buch daraus zu machen.

Die Buchbesprechung: HIER

Georg Northoff: Das disziplinlose Gehirn
Kant kam doch aus Königsberg heraus und nimmt im Berlin unserer Tage an einer Tagung von Neurowissenschaftlern teil. Begleitet wird er von einem jungen Studenten, welcher zwar angetan von Kant ist, diesen aber im Namen der Neurowissenschaft widerlegen will. Dies ist die Rahmenhandlung von Georg Northoffs Buch über die Suche nach dem Bewusstsein. Auf amüsante und gut lesbare Art stellt Northoff die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung dar, zeigt auf, was durch Experimente beobachtet werden kann und wo diese Experimente ihre Grenzen haben. Diese  Erkenntnisse werden quasi durch Kants Augen kritisch beäugt, indem die Begrifflichkeiten genau geprüft werden und darauf geachtet wird, dass es zu keinen falschen Zuordnungen kommt. Es soll ja alles seine Ordnung haben.

Die Buchbesprechung: HIER

George Northoff: Die Fahndung nach dem Ich
Zwei Ermittler machen sich auf die Suche nach dem Ich. Ein Hirnforscher und ein Philosoph wollen herausfinden, was es mit dem Ich, dem Selbst auf sich hat. Eine witzige Idee, gut lesbar, ein guter Einstieg in das Thema.

Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen
Das Buch behandelt die Leben und das Denken einiger führenden Denker damaliger Zeit, die sich zum Diskutieren ihrer Ideen oft im Café Laumer in Frankfurt trafen. Adorno, Horkheimer, Mannheim, Elias, Hannah Arendt, Hans Jonas und einige mehr werden zueinander in Beziehung gesetzt und durch die Zeit bis 1943 begleitet. Entstanden ist ein Bild der damaligen Denkgebilde, welche vor allem auch durch die Frankfurter Schule bis heute nachhallen, sowie ein Zeugnis der Zeit.

Die Buchbesprechung: HIER

Haben Buchcover und -titel Einfluss auf euer Kaufverhalten?

Felix Kucher: Sie haben mich nicht gekriegt

„Du bist die Älteste, die die Familie erhalten muss. Du bist schuld, wenn wir hungern müssen. Du hast mit zwölf Jahren die Schule abbrechen müssen, um uns sechs zu erhalten: mich, dich, Valentina, Yolanda, Gioconda und den kleinen Benvenuto.“

Tina wächst als zweitältestes Kind einer armen Familie in Undine heran. Als ihr Vater mit der ältesten Tochter nach Amerika auswandert, ist es an ihr, die Familie zu ernähren. Das Geld ist knapp, in Tina wächst die Hoffnung, bald auch nach Amerika gehen und mehr aus ihrem Lebe machen zu können.

„Jedes Mal, wenn ich ein Buch lese, werde ich ein anderer Mensch. Nicht ganz, sondern ein wenig. Ich weiss, das klingt banal für deine Ohren. Aber wenn ich lese, verändere ich mich. Nach jedem Buch habe ich etwas dazugewonnen. Und jeder, der liest, tut das.“

Marie wächst behütet in Fürth auf als Tochter eines jüdischen Buchhändlers. Schon früh ist klar, dass ihre Geschwister studieren können, sie die Buchhandlung übernehmen muss. Marie möchte lieber studieren, sie möchte Ärztin werden und in die Welt reisen, um Menschen zu helfen. Auch wenn es nicht ihr Wunschweg ist, gibt sie sich mit vollem Einsatz in ihre Aufgabe, und über die Jahre werden Bücher immer wichtiger in ihrem Leben, je schwieriger die Zeiten werden, desto wichtiger.

„Als sie das Buch zuklappt, fragt sie sich, ob es nicht vernünftig ist, in die Welt der Bücher zu fliehen? Ist denn die Welt da draussen wirklicher als die Welt der Bücher? Wertvoller? Erhaltenswerter? Ist die Welt der Bücher nicht eine notwendige, ja lebensrettende Zuflucht in diesen Zeiten?“

Diese beiden unterschiedlichen Frauen landen schliesslich beide in Amerika, ihre Wege kreuzen sich immer mal wieder, wenn auch nicht bewusst. Es sind zwei Frauenleben, welche verschiedener nicht sein könnten, und die doch viele Parallelen aufweisen. Beiden Frauen ist Mut und Kampfgeist gegeben, für ihre Sache einzustehen, einen Weg zu finden, weiter zu machen. Beide Frauen müssen kämpfen und geben nicht auf. Tina wird zur kommunistischen Revolutionärin, setzt sich für ihre Mission mit dem Einsatz ihres Lebens ein, Marie setzt sich für ihre Überzeugung, dass Kunst wichtiger als Politik sein soll und darum bewahrenswert ist, ein, gegen das feindliche Naziregime, trotz finanzieller Nöte und Steinen im Weg.

Felix Kucher verbindet in seinem Buch „Sie haben mich nicht gekriegt“ zwei Frauenschicksale, welche sich eigenständig und mit grossem Willen gegen die politische Unterdrückung damaliger Zeit auflehnen. Im schnellen Wechsel blendet er zwischen den beiden Erzählsträngen hin und her, verbunden werden die Übergänge oft durch ähnliche Worte, welche eine sprachliche Verbindung zwischen den einzelnen Lebenswegen symbolisieren.

Die gewählte Form ist einerseits geschickt, da sich auf diese Weise die Lebensentwürfe nebeneinander entwickeln, Parallelen und Unterschiede offen da liegen. Auf der anderen Seite erschweren die schnellen Wechsel ein wirkliches Eintauchen in das je einzelne Schicksal. Manchmal ist auch nicht gleich ersichtlich, in welchem Leben man sich gerade lesend befindet, so dass der Lesefluss unterbrochen wird. Ein wirkliches hineinlesen und hineinleben wird darum immer wieder gestört, so dass die Figuren, obwohl sie authentisch gezeichnet sind, doch auf Distanz bleiben.

Der Roman weist viele Längen auf, welche der dem Fortgang der Geschichte nicht dienen, sondern diesen eher unterbrechen und langatmig werden lassen werden. Zwar mögen die vielen Liebschaften von Tina Modotti durchaus ihre Gesinnung in Sachen freier Liebe sowie ihre Suche nach Bestätigung wiederspiegeln, doch wären ein paar ausgewählte Beispiele im Sinne von pars pro toto nicht nur genügend, sondern gar der Geschichte zuträglich gewesen.  

Trotzdem ist Felix Kucher ein guter Roman gelungen, der anhand von zwei unterschiedlichen Lebenswegen die Stimmung einer Zeit wiedergibt. „Sie haben mich nicht gekriegt“ ist einerseits Zeugnis davon, dass man auch unter den widrigsten Umständen für seine Überzeugungen und Wünsche einstehen muss und kann, dass man auch gegen Widerstände ankommen und für sich Wege finden kann. Durch die vielen politischen Hintergrundinformationen, welche gut recherchiert und auf eine stimmige und nicht zu dominierende oder gar belehrende Weise eingebaut sind, wird der Roman aber auch zu einem Abbild einer Zeit, welche ihrer Grausamkeit wegen nie vergessen werden sollte. Dazu trägt der Roman bei.  

Fazit:
Zwei Biografien auf geschickte Weise miteinander verknüpft, ein Zeitzeugnis erzählt durch die Lebensentwürfe zweier mutiger und kämpferischer Frauen. Empfehlenswert!

Bewertung:
3***/5 – drei von fünf Sternen

Zum Autor
Felix Kucher, geboren 1965 in Klagenfurt, studierte Klassische Philologie, Theologie und Philosophie in Graz, Bologna und Klagenfurt. Er lebt und arbeitet in Klagenfurt und Wien. Im Picus Verlag erschienen seine Romane »Malcontenta« und »Kamnik« (2018). 2021 erschien sein neuer Roman »Sie haben mich nicht gekriegt«.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 512 Seiten
Verlag: Picus Verlag; 1. Edition (24. Februar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3711721044
Preis: EUR  26 / CHF 36.90

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