Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

Diese Worte schrieb Hannah Arendt als schon erwachsene Frau ihrem Mann Heinrich Blücher. Hannah Arendt wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren und wuchs in Königsberg auf. Als sie sieben Jahre alt ist, stirbt zuerst ihr geliebter Grossvater, danach ihr Vater. Nach dem Besuch einer Privatschule (es gab noch keine staatlichen Schulen für Mädchen) studierte sie in Marburg bei Martin Heidegger, zu welchem sie eine geschichtsträchtige Beziehung pflegte, und in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie, schloss das Studium mit einer Promotionsarbeit zum Liebesbegriff bei Augustin ab.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang sie zur Flucht nach Frankreich, wo sie im Lager Gurs interniert wurde. Sie konnte fliehen und entkam mit Heinrich Blücher, ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter nach New York. Die ersten Jahre waren finanziell eng, was sich erst nach dem Erscheinen von Hannah Arendts erstem Buch über den Totalitarismus änderte. Darauf folgten Vorträge und Vorlesungen an Universitäten. Zweideutige Berühmtheit erlangte sie mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, in dem sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt. Diese Formulierung und ihre Beschreibung der Arbeit der Judenräte in den Konzentrationslagern kostete sie manche Freundschaft und schaffte viele Feindschaften.

Das Buch zum Eichmann-Prozess versinnbildlichte aber auch einen ganz wesentlichen Zug Hannah Arendts: Ihre unnachgiebige und unbarmherzige Suche nach der Wahrheit. Sie liess sich im Denken auf keine Konzessionen oder Kompromisse ein, sie war nicht auf Wirkung aus, sondern auf Inhalt. Es ging ihr darum, die Welt zu verstehen und nicht um Ruhm oder Ehre. Dafür wollte sie ohne Geländer denken, frei und in alle Richtungen.

Alois Prinz vermittelt in seinem Buch über die grosse Denkerin ein umfassendes Bild ihrer Person und ihres Umfelds. Er bettet diese ein in das politische Umfeld der jeweiligen Zeit. Diese Vielfalt an Themen und Personen nebst Hintergrundinformationen zu allem lässt das Buch ab und an sprunghaft wirken, es behandelt sehr viele Nebenschauplätze und lässt vor allem am Anfang Hannah Arendt ein wenig kurz kommen. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass Hannah Arendt erst mit 44 ihr erstes prägendes Werk (The Origins of Totalitarianism) auf den Markt brachte. Da Hannah Arendt die Meinung vertrat, dass der Mensch sich in seinem und durch sein Umfeld entwickelt und auch kennen lernt, ist dieses Umfeld auch für das Verständnis dieser Person wichtig und nötig. So gesehen hat sich Alois Prinz in der Methode seiner Darstellung von Hannah Arendt an die Philosophin selber gehalten.

Alois Prinz gelingt es, kurz und knapp die wichtigen Ströme von Hannah Arendts Denken und Schaffen verständlich aber nicht simplifiziert darzustellen und dem Leser so einen Einblick in ihre Philosophie zu geben. Daneben zeichnet er durch Briefausschnitte, Selbstbeschreibungen und Beschreibungen anderer ein plastisches Bild einer menschenfreundlichen, liebenswerten und dabei auch ab und an kühlen, harschen und arrogant wirkenden Frau, die einen messerscharfen Verstand und eine grosse Liebe zur Wahrheit hatte.

Fazit:
Eine gelungene Darstellung des Lebens und Wirkens einer herausragenden und faszinierenden Frau.
Zum Autor:
Alois Prinz
Alois Prinz ist 1958 in Wurmannsquick geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur ging er nach München, um dort Germanistik, Politologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Parallel dazu absolvierte er eine journalistische Ausbildung und promovierte 1988 mit einer Arbeit über die 68er Studentenbewegung und ihren Einfluss auf die Literatur. Bis 1994 arbeitete er als freier Journalist und verfasste wissenschaftliche Texte. Alois Prinz lebt heute als Schriftsteller mit seiner Familie in einem kleinen Ort südlich von München. Von ihm erschienen sind unter anderem Biographien von Georg Forster (1997), Hannah Arendt (1998), Hermann Hesse (2000), Franz Kafka (2005),Josef Goebbels (2011).

PrinzArendtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 326 Seiten
Verlag: Insel Verlag (9. Auflage 9. Dezember 2012)
ISBN-Nr: 978-3458358725
Preis: EUR 10; CHF 15.90

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Ein Leben in Bildern

Kahlo1Frida Kahlo hatte wohl alles andere als ein ruhiges Leben. Krankheit, ein schwerer Unfall und immer wieder Schmerzen begleiteten ihr Leben – ob sie ohne diese geworden wäre, wer sie war? Sie war immer ein eigenwilliges Kind, eines, das einen eigenen Kopf hatte und diesem folgte. Das tat sie mit ihrem Leben, mit ihren Liebschaften und auch mit ihrer Kunst. Die drei sind generell nicht voneinander zu trennen, befruchten sie sich doch gegenseitig immer wieder.

Vanna Vinci, Autorin und Illustratorin des vorliegenden Buchs, erzählt die Geschichte der faszinierenden Künstlerin als Graphic Novel und in Form eines Dialogs. Frida soll dem Tod ihr Leben erzählen. Wer war sie, wie lebte sie, bis er sie holte?

Frida…Frida….Komm erzähl mir….Erzähl mir von deinem Leben….

Du weißt bereits alles über mich mich… Du wusstest schon alles, bevor wir auch nur angefangen hatten…

Aber nun würde ich mich gerne erinnern…Ich kenne die Geschichten so vieler Leute….

In Ihren Zeichnungen greift Vinci Frida Kahlos Farbpalette und auch Figurensprache auf. Es gelingt ihr zudem in der Erzählung, eine Stimmung und Erzählhaltung aufrechtzuerhalten, die durchaus authentisch wirkt, die so von Frida selber stammen könnte.

Entstanden ist ein wunderbares Buch, das tiefe Eindrücke in das Leben und Schaffen einer beeindruckenden Frau und Künstlerin gewährt, das durch Bild und Text überzeugt und auch für Menschen, die sonst keine Graphic Novels lesen mögen, durchaus ein Gewinn sein kann. Die angenehme Haptik des etwas festeren Papiers sowie das geschmackvoll und passend gestaltete Cover machen das Buch zu einem kleinen Kunstwerk.

Fazit
Ein informatives, tiefgründiges und hochwertig gestaltetes Buch, das sich authentisch und stimmig mit Frida Kahlos Leben und Schaffen auseinandersetzt. Absolut empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (28. August 2017)
ISBN: 978-3791383873
Preis: EUR: 22 ; CHF 33.90
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Leben und Werk von Dostojewski

Mit diesem Buch gehen mir zwei Träume in Erfüllung: meinen Lieblingsschriftsteller zu illustrieren und mich ausgiebig mit dem Genre Graphic Novel zu beschäftigen.

Fjodor Dostojewski, einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller, durchlebte ein bewegtes Leben, das sich selber wie ein Roman liest: Kindheitstrauma, Verlust der Mutter, vom Vater verordneter Beruf statt Schriftstellerlaufbahn, Verhaftung und Straflager, Spielsucht und Alkohol, Schulden, um nur einige Punkte daraus zu nennen. Eines aber verfolgte er trotz allem immer: Sein Schreiben. Entstanden sind so all die grossartigen Werke der Weltliteratur: Schuld und Sühne, Der Spieler, Der Idiot, Die Brüder Karamasow und viele mehr.

Vitali Konstantinov verbindet in seiner Graphic Novel FMD Leben und Werk des grossen Literaten auf eine wunderbare Weise. In dichten Tuschezeichnungen arbeitet er sich dem Leben Dostojewiskis entlang, illustriert die wichtigen Punkte in diesem und ordnet die einzelnen Werke mitsamt illustriertem Inhalt in dieses ein.

Ich entdecke Dostojewski immer wieder für mich, bewundere ihn als einen grossen Schriftsteller und Sprachkünstler, als einen Präparator der menschlichen Seele und auch als einen unbeirrt unbeugsamen Freiberufler.

Wer denkt, in nur 80 Seiten könne kaum viel drin stehen, täuscht sich. Durch die ineinander übergehenden und sich gegenseitig ergänzenden Bilder und Texte zum Leben und Werk Dostojewiskis entsteht eine grosse Dichte an Inhalten. Romanzitate, Stellen aus Briefen und Tagebüchern, die Konstantinov selber übersetzt und quasi als Collagen in die Bilderwelt integriert hat, liefern eine Fülle von Informationen und Einblicken. Entstanden ist so ein wahres Kunstwerk von einem Buch, das man mehr als einmal lesen kann und muss, um alles zu sehen und aufzunehmen.

Fazit:
Ein wunderbar dichtes und grossartig illustriertes Buch über das Leben und Schaffen Dostojewskis. Absolut empfehlenswert.

Vitali Konstantinov
Vitali Konstantinov, 1963 geboren bei Odessa, Ukraine, studierte Kunst und Architektur in Russland, Grafik, Malerei und Byzantinische Kunstgeschichte in Deutschland. Er unterrichtete Buch illustration u. a. an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seine Bücher erhielten zahlreiche Preise, u. a. die Auszeichnung ‚Schönstes deutsches Buch‘ von der Stiftung Buchkunst für Seltsame Seiten.

Ein Interview mit Vitali Konstantinov: HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 80 Seiten
Verlag: Knesebeck Verlag (12. Oktober 2016)
ISBN-Nr: 978-3868738506
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
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Ein Leben in Versen

Anstatt der üblichen Statistik
Gönnt der Autorin etwas Mystik!
Die ganz privaten Lebensdaten
Wird euch ihr Grabstein einst verraten.
[…]

RosenkranzKalekoMascha Kaléko wird 1907 in Galizien als Kind jüdischer Eltern geboren. Mit ihren Eltern zieht sie schon in jungen Jahren mehrfach um, zuerst nach Frankfurt, danach nach Marburg, schliesslich nach Berlin. Die Eindrücke dieser Ortswechsel prägen Mascha Kaléko ein Leben lang, Themen wie Heimatslosigkeit, Verlassenheit, auch Einsamkeit durchziehen ihre Gedichte.

Mascha fängt früh an zu schreiben, anfänglich noch neben ihrem Brotberuf im Büro, welcher ihr immer auch Inspirationsquelle ist, weil sie da am Puls des Berliner Grossstadtlebens sitzt und hautnah mitkriegt, was die Menschen bewegt. Der Erfolg stellt sich bald ein, ihr erstes Buch verkauft sich gut, die Menschen erkennen sich in den Gedichten wieder, Mascha Kaléko schreibt ihnen aus der Seele.

[…]
Doch nun, als Mensch, im Hauptberuf Poet,
erleb ich, was kein Vogelhirn versteht,
So völlig unbekannt in der Natur
Ist jener Käfig, den man nennt „Zensur“
[…]

Das Regime der Nationalsozialisten und damit einhergehend ein Publikationsverbot bereiten dem Erfolg ein jähes Ende. Mascha muss mit ihrer Familie nach New York emigrieren, wo sie anfänglich sehr unter Heimweh leidet und auch ihr deutschsprachiges Publikum vermisst. Nach dem Krieg kann Mascha Kaléko an ihre früheren Erfolge anknüpfen, sie unternimmt lange Lesereisen durch Europa und findet langsam wieder zu ihrer gewohnten Sprache zurück, einer Mischung aus Melancholie, Satire und Scharfzüngigkeit. Ihr weiterer Weg führt sie nach Jerusalem, wo sie und ihr Mann immer mehr unter ihren – schon viele Jahre immer wieder beschwerlichen – Krankheiten leiden. Mascha klagt ist müde und ihre lyrische Stimme verstummt immer mehr.

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
[…]

Der Tod des Sohnes und später auch des Mannes nimmt Mascha fast gänzlich den Lebensmut. Es entstehen noch ein paar späte Gedichte, doch die Leichtigkeit von früher findet man nicht mehr. Mascha Kaléko stirbt 1975 in Zürich.

Jutta Rosenkranz legt hier eine sehr informative, gut recherchierte, warmherzige Biografie einer lange viel zu wenig beachteten Dichterin vor. Oft lässt sie Mascha Kaléko selber durch ihre Gedichte sprechen, so dass eine sehr aufschlussreiche Verknüpfung von Lebensgeschichte und dichterischem Werk entsteht. Das Buch ist trotz vieler Fakten und historischer Hintergründe gut lesbar. Man könnte der Biographin vielleicht vorwerfen, dass sie Kaléko etwas zu unkritisch sieht und das Bild der Dichterin und ihres Werkes dadurch sehr positiv gezeichnet ist, was man ihr aber nicht wirklich übel nehmen kann.

Fazit:
Ein wunderbares, gut recherchiertes und informatives Buch über eine grossartige Dichterin und ihr Werk. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Jutta Rosenkranz
Jutta Rosenkranz, geboren in Berlin, studierte Germanistik und Romanistik und lebt als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Sie hat Gedichte, Prosa und literarische Essays veröffentlicht, zahlreiche Autoren-Porträts und Features für den Hörfunk geschrieben und ist Herausgeberin mehrerer Lyrik-Anthologien. Sie ist Herausgeberin der Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Mascha Kaléko und Autorin der ersten umfassenden Biografie über die Dichterin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. März 2012)
ISBN-Nr.: 978-3423346719
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
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Überzähliges Dasein. Biogrraphie

„Ich bin wie eine leere Stelle“

Inhalt

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

RaddatzRilkeAm 4. Dezember 1875 wird Rainer (eigentlich René) Maria Rilke in Prag geboren. Die Kindheit ist schwierig, die Mutter verlässt die Familie bald, die Narben davon und auch einer dem sensiblen Gemüt schadenden Schulzeit werden den Dichter ein Leben lang begleiten. Schon früh ist Rilke klar, dass er Dichter werden will, sein erster Gedichtband erscheint 1894. Es folgt ein Leben auf Reisen, ein Leben mehrheitlich finanziert durch Gönner und Mäzeninnen. Entstanden ist dabei ein literarisch wertvolles, und grossartiges Werk.

Beurteilung
Fritz J. Raddatz zeichnet anhand verschiedener Themen und Lebensetappen das Leben des Rainer Maria Rilke nach. Er tut dies in einer pointierten, schonungslosen Art. Die Sprache ist oft verschnörkelt, als ober der Autor selber literarische Höhenflüge vollbringen statt eine Lebensbeschreibung vollbringen wollte. Trotzdem beeindruckt Raddatz durch ein grosses Literaturwissen, durch das er immer wieder Bezüge zu anderen Schriftsteller aus Rilkes Zeit ziehen konnte und so das Leben und Schreiben des Dichters in einen grösseren Zusammenhang stellte.

Bei den Interpretationen verschiedener Stücke Rilkes beweist Raddatz eine scharfe Sicht auf Details und weist auch auf häufige Irrtümer anderer Interpreten einzelner Stücke hin. Alles in allem ist das vorliegende Buch eine sehr zu empfehlende Sicht auf das Leben eines der – wie ich finde – grössten Dichter der deutschen Literatur. Da kann man dem Autoren die manchmal etwas mühselig zu lesende Sprache nachsehen.

Abgerundet wird das Buch durch eine kurze chronologische Auflistung der wichtigsten Etappen von Rilkes Leben sowie eine Auflistung der benutzten Primär- und Sekundärliteratur. Ein Index hilft, gezielt die in dieser Biographie erwähnten Personen im Text zu finden.

Fazit:
Eine sprachlich etwas schwierige, inhaltlich aber sehr überzeugende Beschreibung von Rilkes Leben und Werk. Sehr empfehlenswert!

Der Autor
Fritz J. Raddatz ist der widersprüchlichste deutsche Intellektuelle seiner Generation: eigensinnig, geistreich, gebildet, streitbar und umstritten. Geboren 1931 in Berlin, von 1960 bis 1969 stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlages. Von 1977 bis 1985 Feuilletonchef der ZEIT. 1986 wurde ihm von Franςois Mitterrand der Orden «Officier des Arts et des Lettres» verliehen. Von 1969 bis 2011 war er Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung, Herausgeber von Tucholskys «Gesammelten Werken», Autor in viele Sprachen übersetzter Romane und eines umfangreichen essayistischen Werks. 2010 erschienen seine hochgelobten und viel diskutierten «Tagebücher 1982-2001». Im selben Jahr wurde Raddatz mit dem Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm «Jahre mit Ledig». Der Autor verstarb im Februar 2015.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 240 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (18. Dezember 2015)
ISBN-Nr: 978-3499269936
Preis: EUR 10.99 / CHF 16.90
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Das Leben und Scheitern eines Jahrhundertmalers

„Dieser Mensch ist entweder verrückt, oder er lässt uns alle weit hinter sich.“

Dem ersten Teil der Aussage von Camille Pissarro haben wohl viele in Vincent van Goghs Umfeld zugestimmt. Vincent van Gogh war alles andere als ein gewinnender Mensch. Er war störrisch, eigensinnig, eigenbrötlerisch, ablehnend, teilweise ungepflegt. Er war aufbrausend, fanatisch in allem, was er wollte, fordernd und nicht sehr umgänglich. Ob diese Eigenschaften Grund für sein ständiges Scheitern bei allem, was er anpackte, waren oder aber er so wurde, weil er von klein auf in seinen Sehnsüchten und Wünschen verstossen wurde und nicht reüssierte, ist schwer zu sagen. Fakt ist, dass er erst mit 30 Jahren zur Malerei kam, der Weg davor steinig war, der danach nicht weniger.

Vincent van Gogh wurde in eine Familie hineingeboren, in der Zusammenhalt und Familiensinn grossgeschrieben wurden. Diese Werte ins Herz gepflanzt muss es umso schmerzlicher gewesen sein, immer der Aussenseiter, gar der verstossene, „missratene“ Sohn zu sein. Vincent schwankte zwischen verzweifelten Annährungsversuchen und trotziger Abkehr von der Familie. Und er litt. Teilweise so sehr, dass er in Depressionen verfiel, sich völlig zurückzog von den Menschen und vom Leben – nicht dass er in weniger depressiven Momenten sehr sozial veranlagt gewesen wäre.

Wenn er sich nicht um gute Gesellschaft bemühe, komme es daher, weil man „als Maler auf andere gesellschaftliche Bestrebungen verzichten muss“. Wenn er „zeitweilig unter Schwächeanfällen, Nervosität und Melancholie“ leide, liege es an „einer Eigenheit in der Natur jedes Malers“. Wenn er ein unruhiges, unkonventionelles Leben führe, dann weil es „zu meinem Beruf passt. […] Ich bin ein armer Maler.“

Er suchte zwar immer Anschluss, am liebsten familiären, war aber nicht in der Lage, diesen lange aufrecht zu erhalten. Er überwarf sich mit allen Menschen, die er anfänglich verehrte, die es auch gut mit ihm meinten.

Als er endlich zur Kunst fand, ging er darin auf. Wie alles zuvor betrieb er auch die Malerei fanatisch. Er war einerseits dankbar für jede Anleitung, die er finden konnte, schlug Ratschläge aber trotzdem schnell in den Wind, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Sehr ausführlich beschreiben Steven Naifeh und Gregory White Smith Vincent van Goghs Leben und Schaffen. Quellen, Briefe und ältere Biographien fanden Eingang in dieses 1200 Seiten starke Buch, welches ein Leben präsentiert, das vom Scheitern geprägt war. Es bettet das Leben dieses Suchenden ein in den zeitlichen Kontext und legt seine Bezüge zur Umwelt, zu den Menschen seiner Zeit offen. Es zeigt auf, was Vincent van Gogh bewegte, umtrieb, teilweise auch umstiess. Sachlich, akribisch, nie langweilig entfaltet sich der gequälte Lebensweg eines Menschen, der von Sehnsüchten geplagt war, die sich nie erfüllten, und der ob seines eigenen Scheiterns verzweifelte – um sich dann doch wieder aufzuraffen und in ein neues Abenteuer zu stürzen. Die Malerei war das letzte. Auch da war der Weg hart, doch er ging ihn durch alle Schwierigkeiten hindurch. Glücklich hat er ihn nicht gemacht, aber unsterblich.

Fazit:
Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
VanGoghGebundene Ausgabe: 1216 Seiten
Verlag: S. Fischer Verlag (9. Oktober 2012)
ISBN-Nr.: 978-3100515100
Preis: EUR 34 / CHF 48.90

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Stephen King – Einblicke und Eindrücke

Meine Jugend ähnelt eher einer vernebelten Landschaft, in der gelegentlich Erinnerungen wie vereinzelte Bäume auftauchen… diese Art von Bäumen, die aussehen, als wollten sie einen packen und fressen.

Stephen King ist wohl einer der bekanntesten und erfolgreichsten Autoren der heutigen Zeit. Sein Name auf dem Buchcover ist schon fast ein Versprechen: Das wird ein gutes Buch. Doch wie kam Stephen King an den Punkt? Wie wurde er zu dem Schriftsteller, der er heute ist?

Dies ist keine Autobiografie. Es ist eher eine Art Lebenslauf, mein Versuch, die Entwicklung zum Schriftsteller nachzuzeichnen.

Im vorliegenden Buch versucht Stephen King, diese Fragen zu beantworten. Er tut dies auf eine sehr offene, ironische, humorvolle Weise, so dass sich dieser Lebenslauf, wie er den Teil selber nennt, genauso spannend liest wie seine Bücher. In zweiten Teil geht Stephen King auf verschiedene Themen rund ums Schreiben ein. Er legt dar, was man als angehender Schriftsteller beherrschen muss, worauf man achten soll. Zentral dabei ist immer die Sprache – das Werkzeug des Schriftstellers.

Dieses Buch handelt von der alltäglichen Arbeit – von der Sprache.

Im letzen Teil berichtet Stephen King über seinen schweren Unfall, der ihn für viele Monate lahmlegte. Er sagt, das Schreiben hätte ihn da gerettet. King-Fans sind dankbar dafür.

Das Leben und das Schreiben ist kein Schreibratgeber im üblichen Sinn, es ist viel mehr. Es ist die Autobiographie von Stephen Kings eigenem Schreibprozess. Als Leser steht man quasi hinter ihm und schaut ihm über die Schulter, erfährt sein Vorgehen beim Verfassen eines Buches, schaut ihm beim Leben und beim Schreiben zu – was irgendwie fast dasselbe ist oft.

Fazit:
Ein wundervolles, offenes, persönliches Buch, das zeigt, dass der, welcher hier über das Schreiben berichtet, sein Handwerk versteht. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
„Carrie“, „The Shining“, „Misery“ – es gibt wohl nur wenige Leser oder Kinogänger, die nicht zumindest eine dieser drei Horrorgeschichten von Stephen King kennen. Einen internationalen Bestseller nach dem anderen legt der 1947 in Maine geborene Autor vor. Und nicht wenige davon wurden auch erfolgreich verfilmt. So spektakulär die Geschichten sind, so bürgerlich klingt Kings Werdegang. Nach Schule, Universität und früher Heirat arbeitete er zunächst als Englischlehrer. Seiner Passion fürs Schreiben ging er abends und am Wochenende nach, bis ihm der Erfolg seiner ersten großen Geschichte, „Carrie“, erlaubte, ausschließlich als Schriftsteller zu leben. Der Rest ist Legende. King hat drei Kinder und bereits mehrere Enkelkinder und lebt mit seiner Frau Tabitha in Maine und Florida.

Angaben zum Buch:
kinglebenTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (8. Februar 2011)
Übersetzung: Andrea Fischer
ISBN-Nr.: 978-3453435742
Preis: EUR 10.99/ CHF 16.90
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