ReonValeskaValeska Réon kommt 1962im Rheinland zur Welt und wächst in einer Hippie-Kommune in Renesse (NL) auf. Nach dem Abitur beginnt sie eine Friseurlehre und arbeitet als Model. Sie schreibt drei erfolgreiche Ratgeber und wendet sich dann der Belletristik zu. Neben ihrer Schriftstellerei arbeitet Michaela Marwich, wie sie im realen Leben heisst, als Privatdetektivin und ist als Vortragsrednerin im deutschsprachigen Raum unterwegs. Von ihr erschienen sind unter anderem unter dem Pseudonym Ela M. Das kleine Grüne (1997), Nie mehr wieder – oder doch? Der Mann, das unbekannte Wesen (1998) und als Valeska Réeon Blumen für ein Chamäleon (2012), Das falsche Spiegelbild (2013).

Valeska Réon hat mir einige Fragen beantwortet und damit persönliche und nachdenkliche Einblicke in die verschiedenen Facetten ihres bunten Lebens gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine echt gute Frage, die ich an manchen Tagen selbst kaum beantworten kann, weil so viele Persönlichkeiten in mir schlummern. Das Chamäleon im Buchtitel beschreibt mich besser als jedes Adjektiv es könnte. Beste Freundin, Kumpel, Diva, Fashion-Süchtige und beste Ratgeberin für gute Freunde – alles Dinge, die ich mit leichter Hand bewerkstellige.

Sie schreiben unter Pseudonym, wieso haben Sie sich dazu entschlossen? Wie kam es zu diesem Pseudonym?

Wenn man hier in Deutschland Sachbücher geschrieben hat, nehmen die Verlage einen nicht mehr allzu gerne als Roman-Autorin. Und so habe ich mir den Namen gegeben, den ich als Kind schon so gerne gehabt hätte. Viele sind enttäuscht wenn sie hören, dass es nicht mein eigentlicher Name ist – und bestehen darauf, mich weiterhin Valeska zu nennen. Witzig!

Sie haben mit Blumen für ein Chamäleon Ihre Lebensgeschichte in einen Roman verpackt. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Es war mir gar nicht bewusst, wie wichtig es tatsächlich war. Aber nachdem ich dann die Resonanz der Leser gesehen habe, wusste ich, dass es das Beste war, was ich machen konnte. Und wenn es dann auch noch ins Kino kommen sollte, erreicht es noch mehr Leute und kann die von mir immer propagierte „Freude am Mut“ in die Welt hinaus tragen. Als Film wird es übrigens Transmorphose heißen.

Wie präsent ist Ihre Vergangenheit heute noch? Ist es für Sie wichtig, dass man Ihre Geschichte kennt? Wäre es nicht ab und an einfacher, im Hier und Jetzt als die wahrgenommen zu werden, die Sie heute sind?

Vielen Leuten wurde erst nach dem Chamäleon-Roman bewusst, mit wem sie es zu tun haben. Und da wurde mir erst klar, wie sehr ich im Jetzt und Hier lebe. Außerdem habe ich noch nie in der Vergangenheit gelebt. Wenn ich andere in meinem Alter treffe, die den Spruch loslassen „Ach ja, das waren noch Zeiten“ (zumeist begleitet von einem tiefen Seufzer), wundere ich mich immer wieder. Ich werde im September 51 und habe mich nie wohler und authentischer gefühlt!

Sie haben Ratgeber verfasst, eine Autobiographie, einen Krimi, arbeiteten als Model, Friseurin, Visagistin, sind Privatdetektivin und wohl noch vieles mehr. Woher stammt diese Vielseitigkeit? Ist es die Suche nach dem wirklich Richtigen oder sind es die vielen bunten Facetten Ihres Wesens?

Wenn man schon als Kind auf der Suche nach sich selber ist, hat man natürlich eine ganz andere Ausgangssituation und probiert auch Dinge aus, auf die kein „normaler“ Mensch kommen würde – *lach*! Aber tatsächlich sind es all die Facetten meiner Persönlichkeit, die sich zum Gesamt-Puzzle Valeska Réon zusammensetzen. Gerade erst habe ich das Angebot erhalten, in einer Werbekampagne für eine Buchmesse eine Baronin zu spielen, die in ihrem Schloss oder auch in ihrem Bentley am liebsten eines macht: Bücher lesen. Wieder eine neue Aufgabe, auf die ich mich riesig freue!

Wie kamen Sie dazu, als Privatdetektivin zu arbeiten? Wie wird man eigentlich Privatdetektivin und was für Menschen treten an Sie heran?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. Schon als Kind konnte ich eine Lüge erkennen, sobald sie den Mund des Lügners verlassen hatte. Und der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen ist eine extrem befriedigende Aufgabe. Hauptsächlich treten große Konzerne an mich heran, bei denen irgendetwas im Argen liegt: Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Mobbing etc. Und dann laufe ich dort als „Sekretärin“ auf, immer mit so schönen Namen versehen wie „Karin Sommer“ oder „Elke Schneider“, hübsch im dunkelblauen Kostüm mit blondem Bob, und mische mich unter die Belegschaft. Das ist für mich Inspiration pur. Und das Perückenzimmer in meiner Detektei würde selbst Lady Gaga die Sprache verschlagen!

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schon in der Schule war ich strohdoof in Mathe, konnte aber super Aufsätze schreiben. Meine Zeit als Model war interessant und ich möchte sie nicht missen, aber ich habe eine tiefe Abneigung gegen hohlen Hedonismus. Was lag daher näher, als für den nächsten Abschnitt meines Lebens auf die Schreiberei zu setzen?

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Einmal habe ich ein solches Seminar besucht, habe aber schon nach einer halben Stunde gemerkt, dass mich das eher blockiert als inspiriert. Die Geschichten müssen aus einem herausfließen, und ich sehe, dass ich mich von Buch zu Buch gesteigert habe. Mein neuer Krimi Das falsche Spiegelbild bewegt sich sprachlich auf einem ganz anderen Niveau als die vier vorangegangenen Bücher.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Von allem etwas. Zuerst einmal lasse ich mir einen knackigen Buchtitel einfallen. Bislang hatte ich immer das Glück, dass die Verlage diesen dann letztendlich auch für das fertige Buch benutzt haben. Dann mache ich ein Inhaltsverzeichnis, richte die einzelnen Kapitel im Word-Dokument ein und fange an zu schreiben. Seit einigen Wochen habe ich immer ein kleines schwarzes Büchlein dabei, und sobald ich einen guten Spruch höre oder einen interessanten Satz lese, schreibe ich ihn auf, um es später in der Geschichte zu verwenden.

Die Recherchearbeit kommt dann mitten in der Geschichte, wenn ich merke, dass ich Hilfe brauche. Beim letzten Buch habe ich mir Unterstützung bei DEM deutschen Gehirnwäsche-Papst geholt, Dr. Hans Ulrich Gresch. Ich wusste zwar, wie eine Gehirnwäsche funktioniert, aber es war für den Plot wichtig zu erfahren, ob und wie man sie wieder rückgängig machen kann.

Für die Fortsetzung des Buches habe ich mich bereits mit dem TV-Metereologen Sven Plöger getroffen, denn diesmal geht es u.a. um künstlich gemachtes Wetter.

Wann und wo schreiben Sie?

Bevorzugt abends in meinem Arbeitszimmer. Meine Wauzis liegen links und rechts neben mir, vor mir dampft eine Tässchen Tee, und schon kann es losgehen. Ich tippe alles direkt in den Computer, keine Handnotizen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Während des Entstehungsprozesses eines Buches kann ich gar nicht abschalten. Meine Figuren sind immer mit so viel Liebe ausgedacht und mit einer solch umfangreichen Lebensgeschichte versehen, dass ich aufpassen muss, sie nicht wirklich vor mir zu sehen. Sobald ein Buch fertig ist, kann ich jedoch ganz wunderbar abschalten. Dann fahre ich mit Freunden in mein Haus nach Renesse, wir kochen zusammen, lachen viel, machen lange Strandspaziergänge – und dann erwische ich mich auch schon wieder dabei, wie sich all diese Inspirationen bereits in einem neuen Buch manifestieren.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das Leben als Autor ist das Ziel all meiner Träume – und was ich mir für die nächsten fünfzig Jahre durchaus vorstellen könnte. Die Freuden sind natürlich die vielen Mails von den Lesern die mir berichten, was meine Geschichten in ihrem Leben bewirkt haben. Oder wie sie sie zum nachdenken angeregt haben. Das war anfänglich ein etwas komischer Gedanke: Meine Ideen ziehen auf Papier gedruckt in den Alltag von anderen ein und entwickeln dort ein Eigenleben. Heute weiß ich: So muss das sein. Was mich etwas beunruhigt ist, dass immer weniger, gerade junge, Leute Bücher lesen. Daran müssen wir arbeiten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles, was ich sehe, ist Inspiration pur für mich. Was andere glatt übersehen haben in ihrem Alltag, beschäftigt mich tagelang und wird zu einer Geschichte gesponnen. Witzigerweise liegt meinem neuen Buch Das falsche Spiegelbild keine einzige reale Begegnung zugrunde, es ist vielmehr die Summe aller Eindrücke der letzten Jahre, allerdings „remixed and re-recorded“.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

In Amerika funktioniert das schon ganz gut, ich für meinen Teil bin jedoch froh, bei einem der größeren Verlag untergekommen zu sein, der die ganze Werbemaschinerie für mich rührt und die entsprechenden Pressekontakte hat.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Na klar, meistens entdeckt man mich in den Hauptfiguren. Im neuen Krimi geht es, ohne zu viel zu verraten, um eine Frau, die nach einem Sturz von der Tower Bridge ihr Gedächtnis verloren hat und ein komplett neues Leben bekommt. Meine Freundinnen, die es vorab schon gelesen haben, sagen alle unisono: „Das bist ganz klar du!“ Aber auch die Frau, die sie früher einmal war und deren Leben in einem Rückblick erzählt wird, trägt viele Züge von mir, das ist dann der traurige und nachdenkliche Teil von mir. Beim Schreiben wurde mir wieder einmal klar, wie spannend die Frage ist: Wie viele Leben kann das Schicksal für uns eigentlich bereithalten?

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Oh je, erwischt, ich bin gänzlich unpolitisch – Asche auf mein Haupt! Wenn andere Autorenkollegen sich für ihre politischen Ziele einsetze, bewundere ich das umso mehr!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Entweder superspannender Krimi oder einer dieser wundervollen Selbsthlfe-Ratgeber, die einen aus jedem Lebens-Tief herausholen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mein Lieblings-Buch: „You can heal your life“ von Louise L. Hay. Und ganz verliebt bin ich in die französische Trilogie „Die gelben Augen der Krokodile“ von Katherine Pancol.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Lass dich nicht verbiegen.

  2. Schreib nur Geschichten, die aus dem Herzen kommen.

  3. Such Dir einen Verlag, der Deine Wünsche umsetzt.

  4. Mach Deinen Lektor / -in zu Deinem besten Freund.

  5. Und niemals vergessen: keine Publicity kann so gut sein wie die, die man selber für sein Buch macht. Sei Vorbild, zeig Deinen Lesern wie toll Literatur ist – und zieh Dir was Ordentliches an.

Waren, glaube ich, mehr als fünf Ratschläge!

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Vielleicht liebe ich mein Leben nicht genug, um zum Autobiographen zu taugen.

Diese Worte stammen von dem Mann, der eigentlich nichts anderes tat, als über sein Schaffen und sein Leben zu schreiben, wenn auch meist in einem literarischen Werk oder Essay verpackt. Das vorliegende Buch enthält Reden, Lebensläufe und Aufsätze Thomas Manns, welche einen unverhüllten Blick auf sein Wirken zulassen. Sie zeigen einen Menschen, der sein Leben ganz dem Schreiben unterordnet. Sie zeigen aber auch einen Menschen, der trotz seines Erfolgs an sich zweifelt, getrieben ist vom Wunsch und der Sehnsucht nach Achtung und Anerkennung.

Denn selten wohl ist die Hervorbringung eines Lebens – auch wenn sie spielerisch, skeptisch, artistisch und humoristisch schien – so ganz und gar vom Anfang bis zum sich nähernden Ende, eben diesem bangen Bedürfnis nach Gutmaching, Reinigung und Rechtfertigung entsprungen, wie mein persönlicher und so wenig vorbildlicher Versuch, die Kunst zu üben.

Thomas Mann zeigt seinen Zuhörern und Lesern seine Zeit, seinen Werdegang, seinen Tagesablauf und sein Schreiben. Dabei ist immer zu bedenken, dass er ein Bild von sich darlegt, welches er darlegen will, dass er dieses mit dem Werkzeug zeichnet, welches er meisterhaft beherrscht: der Sprache. Und es ist ein Bild, das all die stilistischen Mittel auch trägt, die sein Werk ausmachen: Ironie, Humor, Prägnanz, Detailtreue – alles auf die Wirkung ausgerichtet, die beim Empfänger gewünscht ist. So mag das Bild vielleicht nicht immer ganz realistisch sein, es fehlen die Seiten, die verschwiegen werden wollen und glänzen die, welche präsentiert werden sollen, trotzdem spricht gerade das für die Authentizität des Berichts, denn genau so war er: ein Zauberer mit der Sprache, welcher immer die Worte aus dem Hut zaubert, die das Gegenüber erstaunen lassen.

Thomas Mann lebte zum grossen Teil für sein Schreiben und er sah dieses Schreiben als eine Form von Dankbarkeit:

Wir werden daran gewahr, dass Produktivität aktiv gewordene Empfänglichkeit ist, Dankbarkeit für das Leben, für das Glück und das Leiden, das es dem schöpferischen Menschen reichlicher spendet als anderen.

Fazit:

Thomas Mann beleuchtet sein Leben, sein Schaffen, einzelne Werke und gibt dem Leser somit Einblicke in sein Schaffen und die Motivationen, die hinter diesem stehen. Absolut lesenswert.

(Thomas Mann: Über mich selbst. Autobiographische Schriften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994.)

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Als Sohn von Michael Mann in Amerika geboren, führte der Weg Frido Manns bald in die Schweiz, wo er nach einem kurzen Intermezzo in Österreich die Schule abschloss und ein Musikstudium aufnahm. Eine grosse Zeit wohnte er bei seinen Grosseltern, sehr zur Freude seines ihn vergötternden Grossvaters.

Er ist ein sehr ruhiger Grossvater, trotzdem präsent, auch wenn er wenig oder gar nicht spricht. Gelegentlich sprudeln Meinungsäusserungen oder Erzählungen aus ihm heraus, heiter, hell, prägnant; gesetzt und doch leicht und oft lustig. Und durch alles hindurch spüre ich, obwohl wir einander körperlich kaum berühren, seine durchgehende, verlässliche Liebe und Zärtlichkeit mir gegenüber, besonders bei den alltäglichen Begrüssungen oder Verabschiedungen.

 Frido findet auch einen Platz in Thomas Manns Schreiben. Im Werk Doktor Faustus erschafft dieser den fünfjährigen Nepomuk, genannt Echo, und lässt ihn im Werk qualvoll sterben. Frido Mann zahlt den Preis dafür, in dem er fortan die Blicke der Kundigen auf sich spürt und nicht weiss, ob sie bewundernd oder mitleidig sind. Der Doktor Faustus wird zum Stigma, welches er nie in einem klärenden Gespräch auflösen kann.

Dies ist vermutlich der Hauptgrund dafür, denke ich heute, dass ich meinem Grossvater lange jene literarische Vereinnahmung nachgetragen und mich deshalb mein halbes Leben über geweigert habe, seine Werke zu lesen.

Frido Mann erscheint als Suchender im Leben. Nach einem Musikstudium stürzt er sich in die Theologie, promoviert da, beginnt danach mit Psychologie, habilitiert. Dass er irgendwann noch zu schreiben beginnt, erstaunt in der Familie nicht, es scheint nicht anzugehen, dass ein Mann-Nachkomme nicht schreibt. Alle stehen sie im Schatten Thomas Manns und beklagen ebendiesen Schatten. Zwar ebnet Thomas Manns Ruhm und Bekanntheitsgrad so manchen Weg, öffnet manche Tür und bringt Interesse für die eigene Geschichte, trotzdem betonen seine Nachkommen oft lieber das Leiden im Leben, welches sie dem Schatten geschuldet sehen. Doch auch hier, im Falle Frido Manns:  Gäbe es diesen Grossvater, Thomas Mann, nicht, wäre dieses Leben wohl kaum je erzählt und gelesen worden.

Das Buch macht dem Titel alle Ehre, in einer Achterbahn schwirrt es zwischen näheren und ferneren Zeiten hin und her, führt durch diverse Orte, Studien und Lebensstationen, mischt Erinnerungen mit Briefen, verliert sich in Ausschweifungen und rettet sich durch kleine Anekdoten um Thomas Mann. Die Frage bleibt: wie viele Generationen prägt das Erbe eines solchen Vorfahren?

Fazit:

Zeugnis eines bewegten Lebens, welches den Anschein macht, dass in der äusserlichen Suche nach dem richtigen Platz im Leben die innere Suche nach der eigenen Identität repräsentiert ist.

(Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.)

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Er schrieb, skizzierte, studierte und kombinierte […]

Die grosse Präsenz dargestellten Schaffens legt den Gedanken nahe, dass der Prozess der Entstehung grundlegend ist für diesen Roman. Thomas Mann reflektiert zeit seines Lebens sein eigenes Sein und Arbeiten, hält in seinem Tagebuch säuberlich seine Fortschritte und Beschwerlichkeiten beim Schreiben fest. Trotzdem ist die Intensität, wie dies hier im Doktor Faustus geschieht, herausragend.

Thomas Mann schaltet in seinen Roman einen Erzähler ein, welcher sein eigenes Schreiben immer wieder thematisiert. Dieser Erzähler hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn zu überliefern, dies in seiner Position als dessen Freund.

Dies alles sage ich, um den Leser daran zu erinnern, unter welchen zeitgeschichtlichen Umständen die Niederschrift von Leverkühns Lebensgeschichte vonstattengeht, und ihn bemerken zu lassen, wie die mit meiner Arbeit verbundene Aufregung ständig bis zur Ununterscheidbarkeit in eins verschmilzt mit derjenigen, die durch die Erschütterung des Tages erzeugt wird.

Neben dessen Leben erzählt er auch viel von dessen Schaffen. Der Leser gewinnt Einblick in die Entstehung der Werke des genialen Künstlers. Zu dieser romanimmanenten Häufung von Darstellungen von Schaffensprozessen schreibt Thomas Mann einen Roman über seinen eigenen Schreibprozess am Doktor Faustus.Im vorgestellten Buch wird Thomas Manns Schreibprozess analysiert und in der Folge den Schreib- und Schaffensprozessen Zeitbloms und Leverkühns gegenübergestellt. Die dabei offensichtlichen Parallelen werden auf ihre Aussage für das Buch und das Schaffen Thomas Manns geprüft.

Dem Teufelsgespräch kommt sowohl im Werk „Doktor Faustus“ sowie im vorliegenden Buch eine besondere Stellung zu.

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Imre Kertész gibt vor, mit Dossier K. das erste Mal auf äussere Veranlassung statt aus innerem Antrieb geschrieben zu haben. Entstanden ist dabei eine Autobiographie. In Form eines platonischen Dialogs entwickelt er sein Leben, angefangen bei der Kindheit bis hin zu seinen literarischen Erfolgen. Er zeichnet dabei ein Bild einer Lebensgeschichte, die von Tiefgang, Nachdenklichkeit und Selbstzweifeln geprägt ist.

Als ungarisches Kind sich scheidender Eltern kämpft er von klein an gegen die Widerstände des Lebens, allen voran den Makel des eigenen Judentums, mit dem er sich nicht anfreunden, geschweige denn identifizieren kann. MIt 15 kommt er nach Auschwitz, von da nach Buchenwald und überlebt die beiden Konzentrationslager auf mysteriöse Weise. Er bezeichnet das eigene Überleben nicht als Schicksal, da er das Vorhandensein eines solchen generell ablehnt. Schicksal bedeute Sinn und genau diesen sähe man in vielen Ereignissen – vor allem dem Holocaust (ein Begriff, den Kertész ablehnt) – nicht. Kertész sieht sich als einen dem Leben Ausgelieferten:

Aber dass ich Schriftsteller geworden bin, setzt ja an sich eine eigentümliche Natur voraus. Ich meine damit, dass ich mich wahrscheinlich in einem anderen Stoffwechsel mit der Realität befinde als andere Menschen.

Imre Kertész war nicht von Anfang an erfolgreich. Er hielt sich mit banalen Theaterstücken und Übersetzungen über Wasser, stahl sich quasi die Zeit für das, was ihm am Herzen lag: das Romaneschreiben. Dabei fühlte er sich in der Tat wie ein Verbrecher:

Ein Künstler muss sein Werk in der gleichen Gemütsverfassung beginnen, in der ein Verbrecher seine Tat ausführt […] Wenn ich zu arbeiten beginne, wird die Welt zu meinem Feind.

Der mangelnde Erfolg – auch wenn Erfolg nie Grund und Sinn des Schreibens war – nagte des Öfteren an Kertész Selbstbewusstsein. Seine Frau hielt das Paar über Wasser, er selber sah sich daneben oft in der Position dessen, der tat, was er tun musste, dabei aber nicht von der Gesellschaft akzeptiert war, nicht im System integriert war.

[Die Vernunft sagte mir], dass ich meine Zeit sinnlos vergeudete und wie ein Schmarotzer lebte; und beide Argumente nahm ich todernst…

Trotzdem hielt er am Schreiben fest, konnte nicht anders, als zu schreiben. Die Schande des eigenen Überlebens war sicher einer der Beweggründe. Der Umstand, dass er auf ein Leben zurückblickte, das Stoff für Romane bot, liess ihn immer weiter schreiben. Trotzdem wehrte er sich dagegen, sein Schreiben autobiographisch zu nennen, da alles, selbst Erinnertes, wenn es auf Papier kam, Fiktion wurde. Mit dem Schreiben bewältigte er so nach und nach seine Geschichte. Alles, was auf Papier stand, war für ihn abgeschlossen und damit fast schon vergessen.

Ich habe immer nur den Roman geschrieben, den ich gerade schrieb, und der erschien mir jedesmal ebenso fraglich wie mein eigenes Ausharren, ja, mein eigenes Fortbestehen.

Ein Zeugnis eines bewegten Lebens, welches das  Bild eines Schriftstellers und seines Schreibens malt, voller Authentizität, Offenheit und Verletzlichkeit.

Fazit:

Eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt, die demütig macht, packt und mitfühlen lässt. Nicht pathetisch, nicht mitleiderregend, sondern menschlich und sympathisch.

(Imre Kertész: Dossier K., Hamburg 2008.)