Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering

Ich habe nicht vor, über den Holocaust zu reflektieren oder für die Annalen die Geschichte einer weiteren Überlebenden zu erzählen. Stattdessen geht es um eine Grossmutter (die Auschwitz überlebt hat) und um mich (der ich manchmal über Dinge reflektiere, von denen ich wenig Ahnung habe).

Der Besuch der Grossmutter aus Brasilien steht an, der Enkel, in Deutschland wohnend, holt sie am Flughafen ab und ist eher ängstlich, was ihn erwartet als hoch erfreut. Die Schreckensvorstellungen scheinen sich zu bewahrheiten ob der unermüdlichen Energie der alten Dame, welche ihre Gastgeber in die Erschöpfung zu treiben droht durch unaufhörliche Gesprächigkeit, Urteile, die schnell gefällt und unerschütterlich feststehend sind, ohne dabei auf die Gefühle der Getroffenen  Rücksicht zu nehmen.

Die Neugier der alten Dame ist unersättlich, Deutschland liegt ihr am Herzen, obwohl sie hier die wohl schwärzeste Zeit ihres Lebens hatte, auf der Flucht und eingesperrt in Konzentrationslagern. Im Gespräch mit dem Enkel wird diese Vergangenheit in die Gegenwart geholt.

Meine Oma zu porträtieren heisst nicht nur, ihre Geschichte zu erzählen, sondern vor allem, die Art und Weise abzubilden, wie sie diese Geschichte erzählt.

Durch die Art der Grossmutter erscheint die Geschichte nicht so düster, wie man sie gerne malen würde. Nirgends fehlt es an Humor, das Unverständnis über gewisse Episoden tut sie mit wirschen Bewegungen ab und scheint sich nicht als bedauerliches Opfer zu sehen, sondern als Frau, die ihren Weg durch eine Geschichte ging, deren Anforderungen sie sich stellte.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Grossmutter wird schlussendlich zur Geschichte des Enkels und seiner Beziehung zu seiner Grossmutter. Dabei ist nicht nur Nähe entstanden.

Das Buch, mit dem ich meine Oma hatte kennenlernen wollen – was mir auch gelungen war -, hatte sie für mich zugleich fast wieder zu einer fiktionalen Figur gemacht und entfernte sie von mir.

Das Buch variiert in seinen Erzählformen, ist einerseits Momentaufnahme eines Besuchs, andererseits Gespräch und Tagebuchauszug aus dem Lager. Es spielt in Deutschland, Brasilien, in den Lagern des Weltkrieges. Trotz dieser Wechsel von Erzählstil und Ort zeigt es eine Einheit, die Einheit eines Lebens im Heute, wie es wurde aus dem Gestern.

Fazit:

Während das Thema des Buches düster und dunkel klingt, sieht man sich mit einem humorvollen, ironischen, kurzweiligen und vor allem menschlichen Buch über das Leben einer Grossmutter konfrontiert. Die Liebe zu dieser  resoluten, anstrengenden Frau spriesst aus jeder Zeile, ohne dabei kitschig zu wirken. Absolut lesenswert.

(Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering. Die erstaunliche Geschichte meiner Grossmutter, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2012.)

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Hardcover: 175 Seiten

Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. September 2012)

Übersetzung: Silke Kleemann

Preis: EUR: 18.99 ; CHF 28.90

 

 

 

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Diane Broeckhoven: Kreuzweg

Nach fünfunddreissig Jahren kennt Theo Jesper jede noch so kleine Unebenheit, jede Mulde auf dem Bahnsteig, und doch geht er heute Morgen wie auf Eiern.

Auf einem Bahnhof in einem kleinen Ort beginnt die Geschichte und endet ebenda. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau, welche auf die Geheimnisse ihres Lebens zurück blickt. Es ist ein Leben voller Schmerz, voller Tragik. Ein Leben, in welchem ihre Worte nicht gehört wurden und in dem sie bald keine Worte mehr findet für das, was ihr geschah.

 Alles wirkte so schrecklich alltäglich. Also beschloss ich, dass das alles überhaupt nicht passiert war. Dass ich das bloss geträumt hatte. Ich zog einen schweren Vorhang vor den Albtraum, der mich mit Scham erfüllte, und kehrte ihm den Rücken.

Sie zieht sich zurück, igelt sich ein, versteckt sich vor ihrer Umwelt und trägt ihre Geheimnisse selber aus. Später flieht sie vor ihrem Leben, bricht auf in ein neues, welches mit Erfolg und vor allem mit Vergessen gekrönt ist. Erst als der Vater alt und krank ist, kehrt sie zurück, stellt sich ihren Erinnerungen und merkt, wie diese langsam ihre Macht verlieren, dass sie die Vergangenheit ruhen lassen kann, sich nicht mehr davor fürchten muss.

Diane Broeckhoven erzählt mit sparsamen Worten einfühlsam den Weg einer jungen Frau, die versucht, ihr Leben von den Geistern zu befreien, die andere diesem aufgeladen haben. Dabei gelingt es, die Sprachlosigkeit der Protagonistin literarisch umzusetzen, sie den Leser fühlen zu lassen. Immer schwebt ein Geheimnis über dem Buch, welches zwar durchschaut werden kann, nie aber erzählt wird. So weiss der Leser zwar bald, was passiert ist, er sieht aber nur die Folgen davon und trägt sie lesend mit.

Fazit:

Ein berührendes, beklemmendes Buch über eine Frau, die versucht, ihren eigenen Erinnerungen zu entkommen. Ein herausragendes Werk, das ich jedem nur ans Herz legen kann.

(Diane Broeckhoven: Kreuzweg, übersetzt von Isabel Hessel, C.H.Beck Verlag, München 2012.)

Bild Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 124 Seiten

Verlag: Beck Verlag (23. August 2012)

Übersetzung: Isabel Hessel

Preis: EUR: 14.95 ; CHF 21.90

 

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Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall

Marieke war sechzehn und nach den Worten ihrer Mutter „sehr talentiert, belesen, politisch engagiert, neugierig und voller Humor…

Bei Mariekes Verschwinden wendet sich ihre Mutter, Valerie de Chavanes an den Privatdetektiven Kayankaya. Was zuerst nach dem Verschwinden eines Teenagers aussieht, welcher sich für zwielichtigen Freund statt für das eigene Elternhaus entscheidet, konfrontiert Kayankaya bald mit Drogen, Vergewaltigung und Mord. Während der vermisste Teenager bald wieder zu Hause ist, haben für Kayankaya die Probleme erst begonnen.

Die Geschichte zieht ihre Kreise, breitet sich über seinen zweiten Fall, in dem er den muslimischen Schriftsteller Malik Rashid vor Übergriffen schützen soll. Rashid hat mit  seinem neusten Roman, welcher Homosexualität in der arabischen Welt thematisiert, die Wut muslimischer Gruppierungen auf  sich gezogen und befindet sich in Gefahr. Diese blüht ihm auch wirklich.

 „Hören Sie mir gut zu: Die Lage hat sich verändert, wir haben eine Geisel. […] Wenn Sie die Polizei verständigen, verschwindet die Geisel für immer.

Kayankaya sieht sich vor dem Problem, wie er seinen Schützling und sich selber aus dieser Situation heil herausbringt.

Mit viel Humor erzählt Jakob Arjouni Kayankayas neusten Fall. Dabei kriegt auch die Bücher- und Verlegerbranche ihr Fett weg, wird sie doch unbarmherzig und nicht ohne Zynismus portraitiert. Der neuste Fall des türkischstämmigen Kayankaya verliert ab und an den Spannungsbogen und weicht zu stark auf persönliche Erinnerungen und die private Geschichte des Ermittlers ab, macht dies aber durch viel Witz wieder wett. Die eingestreuten Rassenprobleme und Vorurteile wirken nie belehrend oder moralisierend, sondern immer angemessen und in die Erzählung passend.

Fazit:

Der fünfte Fall von Kemal Kayankaya führt durch die ganze kriminelle Palette von Drogen, religiösem Wahn, Vergewaltigung bis hin zu Mord. Der Kriminalroman besticht durch Witz und Leichtigkeit, ein Lesevergnügen auf der ganzen Linie.

(Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall, Diogenes Verlag, Zürich 2012.)

Bild Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 225 Seiten

Verlag: Diogenes Verlag (28. August 2012)

Preis: EUR: 19.90 ; CHF 29.90

 

 

 

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Nicole Dill: Leben!

Der Weg in den Tod, der ein gewaltsames Ereignis sein wird, ein durch Menschenhand absichtlich herbeigeführtes Sterben, ist ein monströses Ereignis. Wer ermordet wird, kann nicht in Würde sterben, und der nackte Überlebenswille löst bösartig eine unmenschliche Furcht aus.

 

Eingesperrt in einen Kofferraum, vergewaltigt und das Geschoss einer Armbrust in der Brust ist Nicole Dill stundenlang ihren Todesängsten und ihrer Ohnmacht ausgeliefert. Sie ist zudem dem Mann ausgeliefert, der sich in ihr Leben, in ihr Herz gedrängt hatte. Der Mann, den sie geliebt hatte, mit dem sie schöne Momente erlebte, bis nach und nach dunkle Wolken aufkamen. Zuerst noch unbemerkt, dann immer bedrohlicher, bis die Situation eskalierte.

Dass Roland A. ein verurteilter und als gefährlich eingestufter Vergewaltiger und Mörder war, wusste sie nicht. Niemand warnte sie, niemand stand ihr bei. Als sie eine Gefahr fühlte, wurde sie nicht ernst genommen, stand alleine.

Nicole Dill hatte Glück. Sie überlebte, auch wenn sie dieses Überleben lange oft als Strafe empfand. Der Weg zurück ins Leben war lang und steinig, die Einsicht, Opfer zu sein, hart.

Niemand will Opfer sein. Das widerspricht unserer kulturellen Auffassung, wonach wir selbstbestimmt handeln und für unser Glück und unser Unglück selbst verantwortlich sind. Gesellschaftlich ist das Opfer mit einem Stigma behaftet.

Die Einsicht in den eigenen Opferstatus ist aber nötig, um die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie ist nötig, um zu erkennen, dass man selber nicht Schuld ist. Sie ist zudem nötig, da nur durch die Öffnung gegenüber dieser Vergangenheit auch wieder ein Blick in die Zukunft und ein Leben nach der Tat möglich wird.

Ob es für die erlebte Ungerechtigkeit eine wiedergutmachende Gerechtigkeit gibt, ist fraglich. Die Gesetzeslage scheint mehr auf Seiten der Täter als auf der der Opfer zu stehen. Der zwar verständliche, hier aber hinderliche Satz „in dubio pro reo“ verlangt von Opfern Beweise, welche oft schwer bis unmöglich zu liefern sind. Das hilft Tätern und deren Protektoren oft, mit ihrer Fehlhaltung durchzukommen, keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Das Opfer wird dabei ein zweites Mal Opfer. Zumindest fühlt es sich so. Die einzige Möglichkeit, selber aktiv zu werden und nicht in einer passiven Rolle, im Opferstatus zu verharren, ist, über das Geschehene zu reden, es Sprache werden zu lassen. Das hat Nicole Dill getan und sich so selber Schritt für Schritt ihr Leben wieder lebenswert gemacht.

Fazit:

Die erschütternde Lebensgeschichte einer Frau, die sich den Weg in ihr zweites Leben nach ihrer Ermordung erkämpfen musste. Berührend und ergreifend.

(Nicole Dill: Leben! Wie ich ermordet wurde, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012.)

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 208 Seiten

Verlag: Rowohlt Verlag (4. Auflage, Januar 2012)

Preis: EUR: 8.99 ; CHF 38.90

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Anna Stothard: Pink Hotel

Der eigenen Geschichte auf der Spur

Sie war siebzehn, als sie verschwand, drei jahre nach meiner Geburt. […] Als ich von ihrem Tod erfuhr, kam sie mir das erste Mal halbwegs real vor.

Eine junge Frau erfährt mit 17 Jahren, dass ihre Mutter Lily, die vor 14 Jahren abgehauen ist, gestorben ist. Aufgewachsen beim Vater, der sich kaum um sie gekümmert hat, suchte sie Zuflucht im Schmerz und in Prügeleien, welche ihr berechenbarer vorkamen als Gefühle, welche sie nie wirklich kennen lernte. Das eigene Leben steckt in einer Sackgasse, nachdem sie von der Schule geflogen ist. Mit der geklauten Kreditkarte macht sich die junge Frau auf den Weg nach Los Angeles und will da mehr über ihre Mutter erfahren.

Im pinken Hotel ihrer Mutter stösst sie auf deren Totenwache, eine Party mit Menschen, welche durch Alkohol und Drogen mehr oder weniger weggetreten sind. Um ein Andenken an ihre Mutter zu haben, klaut sie deren roten Koffer und verlässt die Totenwache, wird dabei allerdings gesehen und später deswegen verfolgt. Eine Reise in die eigene Vergangenheit beginnt. Die junge Frau sucht die Menschen auf, welche ihre Mutter gekannt haben und kommt ihr so durch die Erzählungen näher. Und jedes Mosaiksteinchen hin zum Bild der Mutter bringt sie auch näher zu sich selber. Auf ihrer Suche nach der Mutter und sich selber trifft sie auch auf die Liebe. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie ein Gefühl wie dieses. Doch noch immer traut sie ihm nicht, braucht den Schmerz, sucht ihn.

Ich liebte ihn. Meine Haut sehnte sich danach, dass er mir weh tat, doch ich bat ihn nicht darum. Mir war zwar bewusst, dass ich beim war, ihn küsste, ihn berührte, doch manchmal wollte ich für unsere Verbindung und für meine physische Existenz stärkere Beweise haben. Ich existierte mehr, wenn er mich berührte. Doch ich war auf Schmerzen aus. Ich wollte den beweis, den Schmerz, die rauschhafte Gewissheit haben, mit einem anderen Menschen verbunden zu sein.

Eines Tages ist der Mann, den sie liebt, weg und ihre Suche nach der Mutter geht weiter. Die Antworten, welche sie auf ihre Fragen kriegt, bringen eine schreckliche Wahrheit ans Licht.

Ich glaube, es ist wirklich sehr schwierig, sich mit der Wahrheit auszukennen. Die Wahrheit zu sagen, ist genauso schwierig wie sie in einem anderen Menschen zu erkennen.

Die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach sich selber. Über einige Unstimmigkeiten und sprachliche Fehler schaut man gerne hinweg. Man findet sich im Sog dieser Suche der Tochter, welche die nie gekannte Mutter kennen lernen will, um so auch mehr über sich zu erfahren. Man sieht auf diesem Weg, wie zwei völlig unterschiedliche Wesen immer ähnlicher werden. Die junge Frau, die durch die ganze Geschichte hindurch namenlos bleibt, entwickelt sich von einem unscheinbaren Wesen, das von andern übersehen und nicht wahrgenommen wird, hin zu einer Frau, die ihren Weg für sich findet. Als Leser kann man teilhaben an ihrem reichen und nachdenklichen Innenleben, sieht ihre Kreativität, ihre Intelligenz aber auch ihre Sensibilität, Verletzlichkeit und Verletztheit. Manchmal möchte man sie in den Arm nehmen und beschützen, manchmal bangt man um sie. Eine Figur, die mit viel Liebe gezeichnet ist und die einem ans Herz wächst, auch wenn sie nicht immer nachvollziehbar handelt. Vielleicht auch gerade darum.

Fazit:

Ein Buch, das einen in eine kaputte Welt voller Schmerz, Drogen und Sumpf entführt, dabei aber nie moralisierend, abstossend oder platt wirkt. Die Geschichte packt einen und lässt einen nicht mehr los. Absolut lesenswert.

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Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 355 Seiten

Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)

Übersetzung: Hans M. Herzog & Astrid Arz

Preis: EUR: 14.90 ; CHF 24.90

 

Anthony McCarten: Ganz normale Helden

Der Junge hat Jim den Rücken zugewandt, er starrt gebannt auf den Monitor.
Jeffrey. Er war nicht immer ein Computerkid. Erst seit Donalds Tod. Vielleicht war es der jähe Verlust oder das Leichentuch, das sich danach auf die Familie gelegt hat und nie wieder gelüftet wurde. Jedenfalls hat Jeff sich, genau wie Jim auch, vom Familienleben zurückgezogen.

Familie Delpe lebt in London, Vater, Mutter, zwei Söhne. Das Leben ist angenehm, bewegt sich in der besseren Gesellschaft, bis der Tod des jüngeren Sohnes alles verändert. Jeder der drei zurückbleibenden Familienmitglieder geht anders mit der Trauer um und jeder scheint den anderen vorzuwerfen, dass diese nicht richtig trauern. So driften sie alle langsam auseinander, es gibt immer weniger Verbindendes. Wo einst eine Familie war, sind heute drei verzweifelte Individuen, die jeder für sich den Forderungen des Lebens nicht mehr nachkommt, sich in eine eigene Welt zurückzieht.

Als Jeffrey merkt, dass er auch durch seine Präsenz die Eltern weder trösten noch wieder versöhnen kann, verschwindet er eines Tages ohne ein Wort und lässt seine Eltern verzweifelt zurück. Auch mit diesem Verlust gehen die beiden unterschiedlich um, so dass dieser einen noch grösseren Keil zwischen sie schiebt.

Die Rückzugswelten sind bei allen drei Delpes mehr oder minder virtueller Natur. Jeffrey spielt sich in einem Computerspiel durch die Phantasiewelten, wo ihn sein Vater findet und entgegen seiner Abneigung gegen das Internet einsteigt, um seinem Sohn nahe zu kommen. Die Mutter reflektiert ihre Probleme im Internet mit einer Figur, die sich Gott nennt und lebt sonst nur für ihre Trauer. Der Computer spielt nicht nur in der Familie eine zentrale Rolle, er hält auch als Metapher für das reale Leben immer wieder sein Vokabular bereit.

…der aufsässige Junge, der lebte, als hätte er permanent die FESTSTELLTASTE GEDRÜCKT, alles war ÜBERTRIEBEN UND SUPERDRINGEND UND ZU GROSS GESCHRIEBEN, GEFÜHLE WICHTIGER ALS DER VERSTAND, TRÄUME WICHTIGER ALS DAS GEWISSEN, ANGETRIEBEN VON SO VIEL ÜBERZEUGUNGSWILLEN UND HYPE, DASS DIE GRENZE ZWISCHEN KRAFT UND FITKION SCHLIESSLICH…VERPUFFTE.

Überhaupt geizt der Roman nicht an Metaphern, die teilweise etwas weit hergeholt erscheinen. Auch Klischees werden häufig bemüht, was etwas platt wirkt.

Der Leser pendelt zwischen der realen Welt der Delpes oder spielt im Computerspiel mit, in welchem er über viele Seiten der strategischen Kriegsführung und den Dialogen beiwohnen muss. Dies macht den Roman zeitweise sehr langatmig und nimmt die Spannung, welche in der „realen“ Geschichte der Delpes durchaus immer wieder wie aus dem Lehrbuch aufgebaut wird.

Fazit:
Ein lesenswerter Roman, bei dem man wissen möchte, wie er ausgeht. Weniger (virtuelle Welt sowie Metaphern und Klischees) wären mehr gewesen.

(Antony McCarten: Ganz normale Helden, Diogenes Verlag, Zürich 2012.)

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Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 454 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (September 2012)
Preis: EUR: 22.90 ; CHF 38.90

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Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Toto wurde übergeben. Das war sein Schicksal, er war so etwas wie das ungewollte Geschenk, das immer weitergereicht wird […]

Als zweigeschlechtliches Kind einer alkoholkranken Abgelöschten auf die Welt gekommen, findet sich Toto bald als ausgestossenes und ausgelachtes Nichts in einem Heim eines sozialistischen Staates wieder. Konfrontiert mit Härte und Kälte sowie dem Ausgeliefertsein an die Grausamkeiten des Lebens, stellt sich Toto ebendiesem Leben, das er nicht begreift. Er realisiert aber, dass im Zusammenleben mit Menschen Regeln und Gesetze herrschen, welche irgendjemand mal beschlossen hat, denen sich nun alle unterordnen , ohne nachzudenken.

Sie verfügen über dich, weil sie es so geschrieben haben, in ihren Märchenbüchern, damit sie sagen können: Es steht geschrieben, dass das Tier dem Menschen zu dienen habe und die Frau dem Mann, und das haben sich Männer ausgedacht, die gerne Fleisch fressen und Frauen prügeln, weil es ihnen hilft, mit diesem unwürdigen Leben zurechtzukommen […]

Toto eckt mit seinem immer freundlichen, immer sauberen, nichts Böses erwartenden und selber fühlenden Wesen an bei den Menschen, welche selber am Leben frustriert nur darauf aus sind, ihren Frust an anderen, schwächeren abzuladen. Er trifft auf eine Welt, welche vor Boshaftigkeit, Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit nur so strotzt. In seiner naiven, nichts wissenden Art sieht er die verschiedenen Gesellschaftssysteme des Sozialismus und des Kapitalismus sowie auch die Globalisierung in einer unverfälschten, aber auch hoffnungslosen Art. Freiheit gibt es nicht,  auf die eine oder andere Art ist jeder gefangen in einem System, welches nie dem Einzelnen dient, sondern sich selber zu erfüllen trachtet. Wenn sich einer diesem System nicht unterordnet, darüber oder daneben steht, ist er der Aussenseiter, welcher zu bekämpfen ist.

Der Weg Totos führt vom Nichts über die aufgezwungene Männlichkeit hin zur selbst gesuchten Weiblichkeit. Jede dieser Ausdrucksformen des eigenen Seins konfrontiert Toto mit neuen Problemen und Ungerechtigkeiten. Ein durch und durch trauriges Leben in einer durch und durch schrecklichen Welt.

 

Sibylle schaut hin. Sie ist unbarmherzig und durchdringend. Sie verschont nichts und schönt nichts. Sie beschreibt in einer klaren Sprache die Schwierigkeiten des Lebens in dieser Welt. Sie zeigt auf, wie die Schwierigkeiten wachsen, wenn man nicht in die vorgefertigten Schubladen passt. Trotz aller Düsterheit und Sachlichkeit entbehrt das Buch nicht einer gewissen Zärtlichkeit für die Protagonistin. Diese wird nicht blossgestellt, nicht zur Schau gestellt, sondern in ihren Schwierigkeiten dargestellt.

 

Fazit:
Ein schonungsloses Buch über eine durch und durch schlechte Welt. Das Leben in Freiheit wird als Illusion oder aber (Über-)Lebenskampf enttarnt.  Oft überzeichnet, gespickt mit Sarkasmus, Zynismus, Düsterheit trifft das Buch doch erschreckend zu in seiner Diagnose.

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 399 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (30. Juli 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 21.90 / CHF 32.90

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Peter Hedges: Zeit der Versuchung

Ich war ein ungewöhnlich aussehender, etwas begriffsstutziger Knabe, der sich zu einer nicht so schlechten Partie mauserte, behauptet meine Frau bisweilen. Ich meine immer, mein etwas holpriger Start hat mich gezwungen, ein paar Kernqualitäten zu entwickeln – Freundlichkeit, Mitgefühl für die Benachteiligten und Verfolgten, eine Neigung, sich für neue und ungewöhnliche Ideen zu begeistern. All dies, da bin ich überzeugt, half mir in meinem Bestreben, mich Kate Oliver würdig zu erweisen.

Tim und Kate sind neun Jahre verheiratet und leben mit ihren zwei Söhnen in den Brooklyn Heights. Auch wenn das Geld knapp ist, sind sie glücklich. Bis sie eine neue Nachbarin bekommen: Anna Brody. Langsam und schleichend dringt sie in ihr Leben ein und bringt dieses ziemlich durcheinander. Was vorher zählte und wichtig war, wird plötzlich unterlaufen und hinterfragt. Ihre Liebe und ihre Ehe wird auf eine harte Probe gestellt. Beide fangen an, unzufrieden zu sein mit dem, was ist, suchen neue Wege, Abwege, auf welchen sie ins Schlittern kommen.

Aus der Perspektive von Tim, Kate und anderen Figuren aus ihrem Umfeld erfährt man eine Geschichte um eine Ehe, welche sich den Schwierigkeiten des Lebens stellen muss. Die Geschichte klingt spannend, der Stoff verspricht zu packen, die Erzählform ist vielversprechend und ermöglicht einem einen Blick auf das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Letzhin tauchte Tim aus unserem winzigen Badezimmer auf, einen zutiefst erschrockenen Ausdruck im Gesicht. Als ich ihn fragte, was denn los sei, wollte er damit nicht herausrücken. […] [Er] wischte sich die Tränen aus den Augen.  Ich kam näher, um ihn zu umarmen, und er gestand es mir. Er hatte im Bad gefurzt, und entsetzlicherweise war der Geruch diesmal anders als bei allen Fürzen, die er jemals gelassen hatte.

Leider packt die Geschichte nicht, sondern stellt sich als das heraus, was Tim erschreckte. Zwar interessiert es einen aufgrund des Klappentextes, was aus Tim und Kate wird, welche Rolle Anna dabei spielt, doch ist die Lektüre selber dazu zu langatmig, zu spannungsfrei, um dranzubleiben.

 

Fazit:

Ein Buch mit grossem Potential, das es leider nicht ausschöpft. Die Idee, eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, ist gut, der Plot vielversprechend. Die Geschichte hätte mehr Spannung vertragen.

Peter Hedges: Zeit der Versuchung, Goldmann Verlag, Übersetzung von Cornelia C. Walter, München 2010.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 384 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (20. September 2010)

Sprache: Deutsch

Übersetzerin: Cornelia C. Walter

Preis: EUR: 17.99 ; CHF 28.90

 

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Wenn Krimi Wirklichkeit wird

Es gab Situationen in meinem Beruf, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde, und dazu gehört der Tag, an dem ich das erste Mal eine Todesnachricht zu überbringen hatte.

Peter Schnieders blickt nach 43 Jahren bei der Kölner Polizei, 36 davon als Kriminalpolizist, zurück auf die Situationen und Fälle, die seine Polizeikarriere massgeblich prägten, weil sie ihn am meisten bewegten. Als Leser begleitet man den heute pensionierten Polizisten zu den Tatorten des Geschehens, erfährt mehr über die erforderlichen Schritte der Polizeiarbeit und sieht, wie diese weit weg von Kameras und Drehbuch abläuft. Der Leser sieht sich immer wieder konfrontiert mit den Abgründen des wahren Lebens, die insofern betroffener machen als es ein Krimi je tun könnte, da hier die Wirklichkeit erzählt wird.

Der Stoff bietet viel Potential zum spannenden Bestseller, leider kommt die sprachliche Aufbereitung dem nicht nach. Das Buch verliert sich in detaillierten Beschreibungen des Polizeialltags. Als Leser sieht man wenig Handlung, wenig aktives und aktuelles Geschehen. Es will dabei wenig Spannung aufkommen, weil das Buch so eher an ein Sachbuch, denn an eine Sammlung von Erzählungen erinnert. Wenn man sich allerdings für den Polizeialltag  interessiert, die Welt der Krimis mit der Realität vergleichen will, ist man bei diesem Buch an der richtigen Adresse.

Fazit:

Sehr trocken geschriebener Stoff, der an sich Potential hätte, auch interessant wäre, aber durch die Sprache und die Art der Aufbereitung nicht zum Lesen animiert.

Peter Schnieders: Im Spiegel des Bösen. Ein Kriminalkommissar erzählt, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (15. Mai 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 17.99 ; CHF 28.90

 

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Mit der Planierraupe an die Ostsee

Ich bin zufrieden mit dem, wie’s ist. Wenn man erst mal anfängt mit dem Unzufriedensein, dann sucht man immer weiter, bis man dann so unzufrieden ist, dass einem gar nichts mehr gefällt. Und dann ist man bloss noch zufrieden, wenn man unzufrieden ist.

Diese weisen Worte stammen von Ewald Fricker, der in einem kleinen Ort im Allgäu in einer Kiesgrube arbeitet und mit seiner Planierraupe, einer Fiat-Allis FL 10 C, das alljährliche Wettplanieren gewinnt. Ewalds Welt ist klein, sie besteht aus seiner nörgelnden, fast schon bösartig zu nennenden Mutter, seiner Planierraupe und seinem Akkordeon, das er meisterhaft spielt, obwohl er keine Noten lesen kann. Ewald ist sein ganzes Leben nicht aus Ratzisried rausgekommen, wo er nur als Dorfdepp bekannt ist.

Irgendwo ist jeder Mensch daheim. Jeder hat irgendeinen Marktplatz-Fleck auf der Seele. Kenn keinen, der’s nicht hätt.

Doch dieses Jahr ist etwas anders. Dieses Jahr hat Ewald Fricker ein besonderes Ziel: Er möchte an die Ostsee, um da an der Deutschen Meisterschaft im Präzisions-Planieren teilzunehmen. Er lässt sich durch nichts aufhalten und fährt eines Nachts mit seiner Raupe und seinem Akkordeon los Richtung Norden.

Rita Zieschke, Disponentin der Kiesgrube und Geliebte des Chefs soll den Abtrünnigen samt Raupe zurückholen. Rita Zieschke muss bald einsehen, dass Fricker nicht von seinem Plan abzubringen ist.

Sie schlitterte hier in etwas hinein, was nicht auf ihre Idee und ihre Initiative zurückging, und Rita mochte es nicht, wenn sie zum Reagieren verdonnert wurde, von wem auch immer.

Eine abenteuerliche Reise beginnt, welche nicht nur quer durch Deutschland führt, sondern beide auch mit ihren Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert.

Eine Geschichte von einem, der ein Ziel hat und es verfolgt. Zwar kann er weder lesen noch schreiben, aber er spielt sein Akkordeon wie kein anderer und er weiss, wie mit einer Planierraupe umzugehen. Dass er seinem Ruf als Dorfdepp zum Trotz über eine eigene Weisheit verfügt, erstaunt nicht nur seine Mitreisende Rita Zieschke. Als diese merkt, dass er auch das Herz auf dem rechten Fleck hat, muss sie ihr Bild vom Leben und den Männern revidieren.

Fazit:

Eine kleine Geschichte ohne grosse Höhepunkte oder packende Spannung, die einem immer mal wieder ein Schmunzeln entlockt. Man fiebert mit Ewald Fricker mit und wünscht ihm seine Meisterschaft. Um das zu erleben, muss man weiterlesen – und tut es gerne.

Jockel Tschiersch: Rita und die Zärtlichkeit der Planierraupe, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 256 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (27. Februar 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442312817

ISBN-13: 978-3442312818

Preis: EUR 14.99; CHF 24.90

 

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Dackel Herkules und die komplizierten Menschen

Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem grossen Lastwagen verstauen, der auf der Strasse davor parkt.

Dackelmischling Herkules’ Frauchen Carolin hat endlich den richtigen Mann gefunden, auch wenn der ein gebrauchter Mann ist. Was das genau ist, weiss Herkules noch immer nicht, sein bester Freund Herr Beck versucht es ihm aber zu erklären, so wie er ihm immer die Welt erklärt bei ihren Streifzügen durch den Garten. Er warnt Herkules auch, dass das Zusammenleben mit Menschen meist kompliziert ist, da Menschen kompliziert sind. Von Happy Ends hält Herr Beck gar nichts.

Herkules kann das nicht glauben und schimpft Herrn Beck einen alten Zyniker. Er sieht das Happy End deutlich vor sich, da er nun endlich eine ganze Familie hat mit Carolin, ihrem neuen Freund Marc und dessen Tochter Luisa. Was so idyllisch anfängt, wird bald wirklich kompliziert, als Marcs Exfrau Sabine auftaucht, welche nicht gut auf Carolin zu sprechen ist. Carolin teilt diese Abneigung. Dass Marcs Mutter, die vorübergehend in Marcs und Carolines Haus ein und aus geht, Position gegen Carolin einnimmt, macht das Zusammenleben nicht einfacher. Zwischen Carolin und Marc entsteht ein handfester Streit.

Als ob das nicht genug wäre, erlebt Herkules am eigenen Leib, dass es mit der Liebe wirklich nicht leicht ist. Er verliebt sich im Park in die wunderschöne Golden Retriever Hündin Cherie. Seine Gedanken drehen nur noch darum, wie er sie am besten von sich einnehmen kann. Dass ihn dabei seiner Grösse wegen niemand ernst nimmt, trägt nicht wirklich zu seiner Freude bei. Als dann auch noch Carolins alter Freund und Verehrer Daniel auftaucht, wird Herkules’ Leben wirklich schwierig:

Auweia. So schön friedlich dieses Bild auch ist – ich kann mich daran nicht erfreuen. Denn Caro ist doch Marcs Frau, nicht Daniels. Und auch, wenn sie von Marc nun nur das Schlechteste denkt – ich weiss ja, dass es nicht stimmt.

Herkules muss Herrn Beck recht geben: Das Leben ist kompliziert und die Menschen sind es erst recht. Herkules gibt aber alles, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das Leben und Lieben von Menschen aus der Warte eines kleinen Dackelmischlings erzählt. Die Perspektive wirft eine erfrischend naive Sicht auf die sonst so normalen Dinge und lässt sie dadurch in neuem Licht erscheinen. Man könnte Herrn Beck ab und an fast recht geben: Wir Menschen sind kompliziert.

 

Fazit:

Sommerlich leichte Lektüre herzerwärmend und witzig erzählt. Das perfekte Buch, einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen. Absolut lesenswert. Einzige Gefahr: man möchte nachher selber einen Hund, wenn man noch keinen hat.

Frauke Scheunemann: Katzenjammer, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (18. Juni 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442477921

ISBN-13: 978-3442477920

Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

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Julia Stuart: Der verborgene Charme der Schildkröte

Was haben ein Kaplan, welcher erotische Romane schreibt, eine einhundertachtzigjährige Schildkröte, eine Wirtin, die ein Geheimnis in sich trägt und ein aufmüpfiges Gespenst gemeinsam? Sie alle sind Teil einer märchenhaften Geschichte rund um den Tower of London. Der Roman „Der verborgene Charme der Schildkröte“ erzählt vom Leben Balthazar Jones’, einem Wächter im Tower of London, und dessen Frau Hebe. Aus finanziellen Überlegungen bewirbt sich Balthazar für die Stelle als Beefeaters (so werden die Wächter landläufig genannt) und bekommt diese auch.

[Hebe Jones] schlug die Warnungen ihres Ehemanns in den Wind, dass sie fortan im Tower würden wohnen müssen. „Jede Frau träumt davon, in einer Burg zu leben“, log sie, ohne den Blick vom Herd abzuwenden.

Gemeinsam mit ihrer Schildkröte Mrs. Cook und dem Sohn Milo ziehen sie in den Turm ein und merken bald, dass die runden Wände das kleinste der Probleme in der neuen Behausung sind.  Doch dann stirbt Milo.

Seine Gedanken wanderten wieder zu der Nacht zurück, in der Milo gestorben war, und zu seinem schrecklichen, schrecklichen Geheimnis.

Mit dem Tod des gemeinsamen Sohnes Milo stirbt auch die Liebe Balthazar Jones, Beefeater und späterer Oberaufseher der Königlichen Menagerie im Tower of London, und dessen Frau Hebe Jones, Mitarbeiterin im Fundbüro der Londoner Untergrundbahnen, langsam.  Während Hebe über den gemeinsamen Verlust trauern möchte, zieht sich ihr Mann Balthazar immer mehr zurück, nicht zuletzt belastet von einer geheimnisvollen Schuld.

Als Hebe eines Tages ihre Koffer packt und dem ehelichen Schweigen entflieht, bleibt Balthazar Jones traurig zurück. Dass zur selben Zeit auch noch Mrs. Cook verschwindet, ihres Zeichens die älteste Schildkröte der Welt und Familienmitglied der Familie Jones, lässt bei Balthazar das erdrückende Gefühl der Leere und Einsamkeit zurück.

Einzigen Halt findet er bei den Tieren der neu im Tower eingerichteten Menagerie, bestehend aus Tieren, welche der Englischen Königin von Staatsoberhäuptern aus aller Welt geschenkt worden waren. Als die Tiere wieder zurück in den Londoner Zoo geschafft werden, schwindet auch noch der letzte Halt in Balthazars Leben.

Julia Stuarts Roman nimmt den Leser mit in die Geschichte des Towers of London, welche von den Enthauptungen der Hingerichteten bis hin zur Herkunft von Löchern in den Türen reicht. Er entführt zu den Einzelschicksalen der Menschen hinter abgegebenen Fundgegenständen und lässt ihn teilhaben am Leben eines Mannes, dem nach und nach die Liebe abhanden kommt.

 

Fazit:

Eine humorvolle Geschichte, die alles in sich trägt, was man sich wünscht: Feingefühl, Humor, Geheimnis, Geschichte. Trotz der oft grossen Tragik des Geschehens wird der bedrückende Kloss im Hals nie erstickend.

Julia Stuart: Der verborgene Charme der Schildkröte, Goldmann Verlag, München 2012.

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land

Vom strebsamen Jurastudenten zum Betrüger wider Willen: In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» taucht der italienische Autor Gianrico Carofiglio in die Niederungen der Psyche ab.

 

Ist Betrug an einem Betrüger moralisch verwerflich oder ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit? Oder ist einer, der so was tut, nicht gar ein Robin Hood? Solche Fragen beschäftigen Guido, nachdem er als Komplize des Trickspielers Francesco an einem getürkten Kartenspiel teilgenommen hat.

In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» erzählt der italienische Autor Gianrico Carofiglio von Guido, einem vorbildlichen Studenten, der seinen Eltern ein folgsamer Sohn ist und ebenso vorbildliche Freundinnen mit nach Hause bringt. Eines Abends auf einer Party wächst der sonst Unscheinbare aber über sich hinaus, indem er seinen Bekannten Francesco durch einen gezielten Kinnhaken vor einem Angriff bewahrt. «Das war in gewisser Weise nicht ich», erinnert sich Guido.

 

Vergewaltigungsserie

Eine Einsicht, zu der er in der Folge noch öfters kommen wird. Guido taucht immer mehr in Francescos Welt des Falschspiels ein – das alte Leben muss einem neuen Platz machen. Parallel zu Guidos Geschichte wird der Leser mit einer Vergewaltigungsserie konfrontiert. Junge Mädchen werden nachts nach dem immer gleichen Muster missbraucht und laufen gelassen. Lange tappt der Leser im Dunkeln, was die beiden Geschichten verbindet. Erst als Guido darüber in der Zeitung liest und sich dabei die Frage stellt: «Was tust du da?», wird allmählich klar, dass er in irgendeiner Weise darin verstrickt ist.

Spannender Thriller

Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, war in seiner Heimatstadt lange als Richter und Antimafiastaatsanwalt tätig, fungierte danach als Berater der italienischen Regierung und sitzt heute im italienischen Senat. Schon mit acht Jahren wollte er einen Roman schreiben, liess dieses Vorhaben aber abgesehen von ein paar nicht weiter verfolgten Versuchen bis ins Jahr 2000 ruhen. Die bis heute erschienenen vier Romane stiessen international auf grosses Interesse und brachten Carofiglio einige Preise ein.

Der Autor erzählt in einer klaren und schnörkellosen Sprache von Guidos Weg in den Abgrund. Er beleuchtet dabei nicht nur die Abgründe der Psyche, sondern auch die Realität in all ihren Schattierungen. Jeder ist gleichzeitig Täter und Opfer, je nach Perspektive. Damit hebt sich Carofiglios Psychothriller erfrischend ab von der aktuell vorherrschenden Killerliteratur, in der blutgetränkte Opfer und heldenhafte Fahnder die Hauptrolle spielen. Bei Carofiglio sind es vielmehr die Ambivalenz seiner Helden und das moralische Dilemma, die für nachhaltige Beklemmung sorgen. (Berner Zeitung)

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land. Roman, übersetzt von Julia Eisele, Goldmann, 284 S. (Erschienen im Bund 09.07.2009 und in der Berner Zeitung)