Ugo Riccarelli: Die Residenz des Doktor Rattazzi

Benjamino wächst mit seiner Familie im Haus neben einer Irrenanstalt auf. Oft beobachtet er die Insassen durch einen Zaun, steht einfach da und sieht zu, wie sie Blumen essen, mit Vogelschwärmen tanzen und sich auch sonst komisch verhalten. Nach einem Unfall und dem unvermittelten Tod seines Vaters findet Benjamino Arbeit als Assistent in der Anstalt. Zusammen mit dem ebenfalls neu anfangenden Doktor Rattazzi findet er einen neuen Zugang zu den Insassen, begegnet ihnen mit Sensibilität und Zuwendung statt mit Elektroschocks und Unpersönlichkeit.

Leute für die Irrenanstalt, die in das Haus aus dunklen Steinen eingesperrt wurden, zum Kummer oder zur Erleichterung derjenigen, die draussen vor der hohen Umfriedungsmauer blieben und nicht genau wissen wollten, was dort drinnen vor sich ging, denn die Schande eines Menschen ohne Verstand gab schon genug Anlass zu Sorge und Trauer, da musste man nicht auch noch etwas verstehen oder seine Gedanken ernsthaft verfolgen wollen.

In Italien bricht der Krieg aus, Benjamino wird wegen seiner Behinderung nicht eingezogen. Er versteht die Kriegseuphorie auch nicht, sieht in ihm nur Tod und entfesselte Schlechtigkeit, eine Gefahr für friedliches Zusammenleben. Vielmehr als ein Leben als Soldat sah er den Umgang mit Krankheit und deren Heilung als Heldentum. Der Krieg zwingt die Leiter der Heilanstalt, mit ihren Insassen aufs Land zu ziehen, um sie aus der Schusslinie zu nehmen. Die anfängliche Landidylle wird aber bald durch die sich nähernde Bedrohung durch den Krieg gestört – und teilweise zerstört.

Und in dieser kurzen Zeitspanne, bevor die Tropfen auf dem Kies explodierten wie die Bomben, die vom Himmel fielen, erkannte Rattazzi, dass der wirkliche Wahnsinn niemals besiegt werden würde, denn er war das innerste Wesen der Normalität, die gerade auf sie zukam. […] Nichts würde die Vernunft nüten, denn gerade die Vernunft drängte und rechtfertigte, organisierte und vernichtete.

Ugo Riccarelli wirft die alten und nie restlos beantworteten Fragen auf, was gut und was böse, wer normal und wer wahnsinnig ist. Während man die einen einsperrt, weil sie nicht einer Norm entsprechen, und auf sie herabsieht, stürzen sich die sogenannt Normalen in einen Krieg, der nur Tod und Elend  mit sich bringen kann. Zwar essen die Närrchen, wie Doktor Rattazzi sie nennt, gerne Blumen und tanzen mit den Vögeln, aber sie sind, wenn man sie in ihren Gewohnheiten lässt, friedlich und haben ihren eigenen Verstand, der seine eigene Schönheit besitzt. Diese Schönheit wird in Friedenszeiten belacht und bekämpft, in Kriegszeiten gilt sie als minderwertig und soll ausgerottet werden, um das lebenswerte Leben nicht zu beschmutzen.

Ugo Riccarelli ist ein tiefgründiger und bewegender Roman gelungen, der Massstäbe hinterfragt und Vorurteile offen legt. Es ist ein sensibler Roman, der nicht blossstellt, sondern schlicht auf wichtige Fragen des Lebens hinweist. Die Residenz des Doktor Rattazzi ist voller Liebe, Mitgefühl und Nachdenklichkeit und deckt dabei menschliche Lebenslügen und auch Abgründe auf.

Fazit:
Ein berührendes Buch über die verschiedenen Welten verschiedener Menschen und die Frage, welche die bessere ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Ugo Riccarelli
Ugo Riccarelli wurde 1954 in Cirié bei Turin geboren. Nach seinem Studium der Philosophie in Turin arbeitete er zunächst in der Biblioteca Palazzo Pretorio sowie als Regieassistent und Journalist in Pisa. 1995 erschien sein Debutwerk Le scarpe appese al cuore, daneben verfasste Riccarelli auch Lyrik. Ugo Riccarelli lebt heute in Rom. Auf Deutsch erschienen sind Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß (Roman, 1999), Fausto Coppis Engel (Erzählung, 2004), Der volkommene Schmerz (Roman, 2006, für die italienische Originalfassung erhielt er 2004 den Primio Strega), Der Zauberer (Roman, 2009) und Die Residenz des Doktor Rattazzi (Roman, 2013).

Z_Riccarelli_Die_Residenz_P03DEF.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (25. Februar 2013)
Übersetzung: Annette Kopetzki
Preis: EUR  18.90 / CHF 29.90

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David Wagner: Leben

Kurz nach Mitternacht, gerade erst heimgekehrt und noch Apfelmus löffelnd, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Blut, wohin das Auge reicht, Notfall, Krankenhaus. Zuerst durch die vielen Medikamente noch verschwommen und ab und an skurril, dann immer klarer, nimmt der junge Mann den Krankenhausalltag um sich wahr. Träume wechseln sich ab mit direkt Erlebtem, was ist wahr, was nicht?

Bin ich vielleicht doch schon tot? Geht mich das alles gar nichts an? Schaue ich nur noch zu? Vielleicht träume ich diese Gegenwart bloss, und Jenseits heisst, in einem Bett zu liegen und sich an Episoden seines Lebens erinnern zu müssen, ob man will oder nicht. Gestern oder vorgestern war meine Beerdigung, vielleicht ist sie aber erst heute. Oder morgen.

Es beginnt das Warten auf eine neue Leber. Das Warten eröffnet Fragen nach dem eigenen Ich, nach dem Sinn des Lebens und ob er nicht besser tot wäre. Er denkt es fast, wäre da nicht seine kleine Tochter.

Ich könnte – ja, das Wasser ist kalt genug, in kaltem Wasser geht es schnell, dann aber fällt mir das Kind wieder ein, das morgens, wenn es aufwacht, immer lacht und so sehr da ist, für die Tochter sollte ich, ja möchte ich noch ein paar Jahre bleiben.

Der lange eintönige Krankenhausalltag bringt Zeit. Zeit, sich zu erinnern, sich an die Menschen zu erinnern, die waren und noch sind. Sie gibt Zeit, in sich hinein zu hören, oft zu viel Zeit. Durchbrochen wird die Zeit durch die Geschichten der anderen Patienten, wobei nicht klar ist, ob die Langeweile der stillen Zeit nicht besser war.

Einer, der diese Woche neben mir liegt, sagt kein Wort. Er sagt morgens nicht guten Morgen und abends nicht gute Nacht, ich sage auch nicht s mehr. Ich kann nicht behaupten, dass mich das wirklich stört, es ärgert mich kurz, ist mir dann aber egal. Jeder ist in seiner eigenen Welt.

Die neue Leber erscheint wie ein Geschenk, sie schenkt Leben, das einem anderen Menschen genommen wurde. Verpflichtet sie zu Dankbarkeit? Verändert sich nun das eigene Sein um die Eigenschaften des Spenders? Ist der junge Mann nun auch die junge Frau, die er sich als Spenderin vorstellt, obwohl er nicht weiss, woher die Leber stammte?

 Leben ist der autobiographische Rückblick von David Wagner auf seine Krankengeschichte. Er erzählt diese in einer authentischen, pragmatischen, offenen Weise. Seine Sprache ist klar und sachlich, sein Stil entbehrt nicht eines unterschwelligen Humors. Die Schwere der Thematik wird durch die kurzen und knappen Absätze aufgelockert. Man wird als Leser von einem Punkt zum anderen geschleudert, sieht sich gerade noch Todesgedanken gegenüber und entschwindet dann in vergangene Zeiten und Erinnerungen.

Das Buch ist voller Brüche, einer grosser ist die Transplantation, welche auf durch zwei schwarze Seiten im Buch gekennzeichnet ist. Es ist ein Buch, das sich nicht flüssig lesen lässt, ein Buch, das keine dahin plätschernde Geschichte erzählt. Die Form des Erzählens – es ist ein Erzählung verteilt auf 277 Paragraphen, 8 Teile, unzählbare Themen und Gedanken – wiederspiegelt das Erleben und verhilft dem Text so zu Unmittelbarkeit.

Fazit:
Eine authentische und sachliche Erzählung um Leben und Tod, die dabei sehr persönlich bleibt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
David Wagner
David Wagner wurde 1971 geboren und wuchs im Rheinland auf. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Kunstgeschichte in Bonn, Paris und Berlin. Nach Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexico-Stadt lebt er heute als freier Schriftsteller in Berlin. David Wagner wurde für sein Schreiben bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis, der Dedalus-Preis für Neue Literatur und der Georg-K.-Glaser-Preis. Von ihm erschienen sind unter anderem Meine nachtblaue Hose (2000), Was alles fehlt – zwölf Geschichten (2002), Vier Äpfel (2009), Welche Farbe hat Berlin (2011).

WagnerLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (22. Februar 2013)
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

 

 

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Jojo Moyes: Ein ganzes halbes Jahr

Lou kellnert mit grosser Freude in einem Café in dem kleinen Dorf, in dem sie geboren ist und noch heute zusammen mit ihren Eltern, ihrem demenzkranken Grossvater, ihrer Schwester und ihrem Neffen unter einem Dach lebt. Als das Café die Türen schliesst, braucht sie eine neue Arbeit, denn ohne ihr Einkommen könnte die Familie nicht auskommen. Das Einzige, was sie findet, ist die Pflege eines durch einen Unfall behinderten Mannes, dessen Gesellschafterin sie sein soll.

Eher widerwillig nimmt die diese Arbeit an, sieht sich bald mit einem mürrischen, sarkastischen und bösartigen Mann im Rollstuhl gegenüber, so dass sie am liebsten gleich künden möchte, was aber nicht möglich ist. Langsam tat das Eis zwischen den beiden.

Will und ich schienen einen Weg gefunden zu haben, miteinander umzugehen. Meist lief es darauf hinaus, dass er gemein zu mir war und ich es ihm manchmal heimzahlte.

Durch Zufall erfährt Lou, dass ihr Vertrag auf ein halbes Jahr begrenzt ist, weil Will danach in die Schweiz will, um da sein Leben, zu beenden. Von da an versucht Lou alles, ihm zu zeigen, dass das Leben auch im Rollstuhl lebenswert sein kann.

Ich starrte meinen Kalender an, den Stift immer noch in der Hand. Auf einmal vermittelte mir die mit Rechtecken bedruckte Fläche das Gefühl einer unglaublichen Verantwortung. Ich hatte hundertsiebzehn Tage, um Will Traynor davon zu überzeugen, dass es sich lohnte weiterzuleben.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der die beiden einander näher bringt. Beide lernen sie voneinander und werden durch diese gemeinsame Zeit zu anderen Menschen.

Ein ganzes halbes Jahr erinnert sehr an den autobiographischen Roman von Philippe Pozzo di Borgo Le Second souffle (2001; auf Deutsch Ziemlich beste Freunde, 2012), welcher 2011 mit dem Titel Intouchables in die Kinos kam. Beide handeln von einem Mann, der durch einen Unfall im Rollstuhl landet, dadurch verschlossen und mürrisch wird und durch einen eher aussergewöhnlichen Gesellschafter zurück ins Leben findet, Spass daran hat. Im vorliegenden Buch ist es eine junge flippige Kellnerin, im Film ein dunkelhäutiger Exkrimineller. Neben vielen Gemeinsamkeiten gibt es aber durchaus auch Unterschiede, so dass es sich lohnt, dieses Buch trotzdem zu lesen.

Ein ganzes halbes Jahr ist leichte Unterhaltung, ist gut und leicht zu lesen, lässt einen dabei nicht mehr los, so dass man es kaum mehr aus der Hand legen will. Es weckt Gefühle, lässt einen nachdenken und eröffnet auch tiefer gehende Fragen, die man sich und dem Leben stellt. Die Geschichte trifft mitten ins Herz und setzt sich da fest. Man möchte schnell wissen, wie es ausgeht und fürchtet schon beim Lesen, dass es irgendwann zu Ende gehen könnte.

Fazit:
Ein ganzes halbes Jahr ist bewegend, mitreissend, feinfühlend und nachdenklich. Eine wunderschöne Geschichte auf einnehmende Weise erzählt. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex.  Auch von ihr erschienen sind Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

MoyesHalbesJahrAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (21. März 2013)
Übersetzung: Karolina Fell
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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Erwin Koch: Von dieser Liebe darf keiner wissen

Von dieser Liebe darf keiner wissen vereint Kurzgeschichten, die von der Liebe handelt, vom Leben und der Ohnmacht, der man sich in beiden ausgeliefert sieht. Es sind Geschichten von Menschen, die sich den Schwierigkeiten des Lebens gegenüber stehen und sich diesem Leben stellen müssen, weil sie keine andere Wahl haben.

Sarah fasst sich ans Becken, rechte Seite, und stöht auf, es ist 17 Uhr, längst finster im Dorf am 8. Dezember 2007, ein Samstag, die Welt riecht nach Schnee.

Mit Schmerzen beginnt an einem Samstag Morgen der lange Leidensweg von Sarah. Leukämie heisst die Diagnose, Chemotherapie, Haarverlust, Schmerzen, Angst, Kampf und Wut sind die Folgen.

Mein Lachen, sagen alle, das lieben sie, doch es ist gelogen, wie alles von mir. Das richtige Lachen, das habe ich verlernt, denn meine Tränen, die haben sich vermehrt.

Sarah geht ihren Weg durch diese Krankheit, stellt sich ihr und hält sich an ihre Pläne, die sie für ihr bevorstehendes Leben hat.

Was, wenn man anders ist als die anderen, aber nicht weiss wieso? Wenn die Eltern und Grosseltern einem sagen, was geht und was nicht und dies die Sicht auf das eigene Ich versperrt?

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten. […] Ist das normal? Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Dario lebt das Leben, wie es sich gehört, heiratet, hat Kinder, einen Beruf – bis alles nicht mehr weiter geht. Zumindest nicht so. Damit steht er am selben Punkt wie zwei Priester, die nur noch einen Ausweg sehen, nämlich sich umbringen zu lassen, damit ihr Geheimnis mit ihnen ins Grab geht.

Nicht mehr weiter wie bisher geht es auch für eine britische alte Dame, welche die Hinrichtung ihres Vaters im Ersten Weltkrieg nicht einfach hinnehmen, sondern für seine Rehabilitierung kämpfen will.

Von dieser Liebe darf keiner wissen erzählt in kurzen, berührenden Geschichten von einem Leben, das vom Sterben bedroht ist, von einem Leben zwischen dem, was geht und was nicht. Es sind Geschichten über Menschen, die diesem Leben einerseits ohnmächtig gegenüber stehen und es doch in die Hand nehmen und ihren Weg hindurch suchen.

Erwin Koch beschreibt ganz normale Menschen in deren ganz normalem Umfeld, welches mal in der Schweiz, mal in den Niederlanden, in China, Brasilien ist. Er tut dies in einer klaren, kurzen, knappen Sprache, der jegliches Pathos fehlt. Die Geschichten wirken durch ihre Figuren, die auf eine liebenswürdige Weise gezeichnet sind, die nachvollziehbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind und dadurch berühren.

Fazit:
Lebensnahe Kurzgeschichten zwischen Leben und Sterben. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Erwin Koch
Erwin Koch wurde 1956 in Hitzkirch, Schweiz, geboren und ist promovierter Jurist. Er war als Redaktor für den (Zürcher) Tages Anzeiger sowie dessen Magazin tätig und arbeitete als freier Journalist für diverse Zeitungen und Zeitschriften, unter anderen die FAZ, Brigitte, Geo, Die Zeit. Von ihm erschienen sind unter anderem Sara tanzt (2003), Der Flambeur (2005), Nur Gutes (2008), Was das Leben mit der Liebe macht (2011)

KochLiebeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 191 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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Eberhard Rathgeb: Kein Paar wie wir

Ruth und Vika sind Schwestern. Sie leben zusammen in ihrer Wohnung und blicken auf ein gemeinsames Leben zurück. Von klein auf hielten sie zusammen, passten aufeinander auf, gaben sich gegenseitig Kraft. Sie überstanden die Tyrannei des Vaters, die Depression und Kälte der Mutter. Als Ruth alt genug war, floh sie nach New York, Vika reiste ihr nach. Von da an konnte sie nichts mehr trennen. Männer, Kinder, alles wäre ein Einschnitt in ihre Freiheit gewesen und nichts liessen sie zwischen sich kommen.

Ich wollte frei sein, ungebunden, wollte mir selbst gehören, keine Magd, keine Gattin sein, niemandem zugeordnet, nur mit dir zusammen, mein eigen, dein eigen, und ich ging in die Welt, eine Frau, und du kamst nach, keiner konnte uns zurückhalten, keiner uns trennen, wir liebten uns, die Eltern schmiedeten uns mit ihrer Kälte und Strenge wie glühendes Eisen zusammen…

Nun sind sie alt, sitzen tagtäglich zusammen am Tisch, abends auf dem Sofa, lassen ihr Leben Revue passieren und geniessen dieses Leben im Gleichschritt, ohne Neuerungen, ohne Überraschungen, einfach zu zweit.

Die beiden Schwestern kannten einander gut, sie würden sich nicht mehr ändern, bei ihnen blieb alles beim Alten. Aber die Welt draussen bewegte sich, und oft ängstigten sie sich vor der Unruhe, die sich in ihnen ausbreitete, wenn sie Nachrichten hörten. Dann waren sie froh, drinnen zu sein, in ihren vier Wänden. Zu viel Bewegung ging über ihre Kräfte.

Erinnerungen, die das Heute füllen, der Blick zurück als Lebensinhalt. Zwei Frauen, die ihr ganzes Leben – abgesehen von drei Jahren – zusammen waren, die aneinander gekettet durch ihr Schicksal in dieser Zweisamkeit die Freiheit sahen. So durchs Leben zu gehen war die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, da keine der beiden Schwestern sich allein stark genug fühlte. Und wie sie lebten, so stellten sie sich auch ihren Tod vor.

Sie gingen davon aus, dass das Ende genau so sein würde, wie sie es sich vorstellten. Man musste, dachten sie, nur fest an etwas glauben, von etwas überzeugt sein, damit es eintraf.

Eberhard Rathgeb schildert in Kein Paar wie wir die Geschichte zweier Frauen, die in gemeinsamen Gesprächen die Vergangenheit täglich neu beleuchten. In einem sprachlichen Staccato von wiederkehrenden Anekdoten entsteht langsam, Stück für Stück, ein Lebensbild. Dabei wechselt die Erzählperspektive zwischen der Ich-Erzählung der beiden Schwestern sowie einer auktorialen Perspektive hin und her.

Fazit:
Kein Paar wie wir ist eine Geschichte voller Kälte, Leid und (Überlebens)Kampf, aber auch eine Geschichte voller Liebe, Verlässlichkeit, Lebenshunger.

Zum Autor
Eberhard Rathgeb
Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und folgte mit vier Jahren seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Bis vor sieben Jahren wohnte er in verschiedenen Städten, zog dann mit Frau und Kind aufs Land. Er war Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Berliner Sonntagsausgabe. Von Eberhard Rathgeb erschienen sind bereits Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 – 2003 (2003), Die engagierte Nation. Deutsche Debatten (2005), Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe (2007).

Rathgeb_24131_MR.inddAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (25. Februar 2013)
Preis: EUR  17.90 / CHF 25.90

Milena Agus: Die Welt auf dem Kopf

Eine junge Studentin wohnt in einem Haus in Cagliari, unter ihr lebt Anna mit ihrer Tochter, oben Mr. Johnson. Die Schicksale der drei Stockwerke vermischen sich, die Menschen des Hauses wachsen langsam zu einer Familie zusammen. Die junge Studentin hängt an dieser Familie, da sie alles ist, was sie hat. Ihr Vater hat sich das Leben genommen, ihre Mutter flüchtete sich in eine Geisteskrankheit.

…sie seien einfach wehrlos gegenüber dem Leben gewesen. Wir Menschen seien nun einmal nicht, wie die anderen uns gerne hätten. Daran könne man verzweifeln, ja, sogar sterben. Oder aber man akzeptiert, dass man anders gestrickt ist als andere…

Die junge Frau blickt auf eine Vergangenheit voller Verlusten in der eigenen Familie zurück, woraus Verachtung und Isolation im Umfeld resultierte. Zurück bleibt die Angst, dass ihr dieses wieder passiert, sie die Menschen, die ihr nun nah sind, wieder verlieren könnte. Sie sucht ihren eigenen Weg, ihren Platz im Leben, weiss aber nicht genau, wo ihn finden. Das lässt ab und an Wehmut aufkommen, Verzweiflung fast.

Ob ich nun Romanschriftstellerin werde oder nicht, ich glaube, dass ich nicht für diese Welt geschaffen bin und es besser gewesen wäre, ich wäre gar nicht erst auf die Welt gekommen.

Trotz allem glaubt sie an die grosse Liebe, lebt ein Leben voller Mitgefühl, voller Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Sie schöpft immer wieder neuen Mut, geht ihr eigenes Leben an, fängt an zu schreiben und schreibt dem Leben den Fortgang zu, wie sie ihn sich für sich und die, welche ihr lieb sind, wünscht.

Die Welt auf dem Kopf ist eine Geschichte voller Farben und Gerüchen, voller Liebe und Enttäuschungen, voller Hoffnungen und Ängsten. Es ist die Geschichte von unterschiedlichen Menschen, die alle dasselbe wollen: ein glückliches Leben. Allerdings gehen sie alle von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und kommen durch ihr Naturell an unterschiedliche Orte. So gesehen das ganz normale Leben.

Die Frage nach dem Normalen steht im Zentrum von Milena Agus’ Geschichte. Wer oder was ist normal und wo fängt das Abnormale an? Was ist Natur, wo wird sie verkehrt?

„Und was ist bitte schön normal?“, fragte ich.
„Das, was die Mehrheit der Menschen tut! Normal ist man, wenn man ungefähr so ist wie die anderen.“
„Nein, weil wenn man verrückt ist und sich in einer Irrenanstalt befindet, ähnelt man ja auch den anderen, obwohl man nicht normal ist.“

Jede der Figuren von Milena Agus hat ihre normalen und ihre merkwürdigen Seiten. Alle sind sie liebenswürdig auf ihre Weise. Es sind Menschen, die sich kümmern, Menschen, die sich gegenseitig Familie sind. Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, die langsam zusammen wachsen und eine Welt bilden, wie sie eine Autorin hätte entwerfen können. Milena Agus zeichnet eine Welt, die Mut macht, eine Welt der leisen Töne, eine Welt, die fein und zart erscheint und trotzdem die Tiefen des Lebens auslotet.

Fazit:
Eine wunderschöne Geschichte mit märchenhaften Zügen über das Leben, über den Tod, und alles, was dazwischen ist. Ein Buch, das Mut macht, tief, nachdenklich und doch froh ist. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Milena Agus
Milena Agus kam 1959 in Genua als Kind sardischer Eltern auf die Welt. Sie lebt heute in Cagliari, Sardinien, und unterrichtet an einer Schule Italienisch und Geschichte. Von Milena Agus erschienen sind bereits Die Frau im Mond (2009), Solange der Haifisch schläft (2009), Die Flügel meines Vaters (2010), Die Gräfin der Lüfte (2011)

AgusWeltAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: dtv (April 2013)
Übersetzung: Monika Köpfer
Preis: EUR 17.90 / CHF 25.90

Valeria Luiselli: Die Schwerelosen

Eine junge Frau, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus in Mexico City lebt, schreibt über ihr Leben in einer anderen Zeit, als sie noch in New York lebte. Sie schreibt über ihre Liebschaften und andere schräge Gestalt, über ihr Leben zwischen Wahrheit und Lüge, weit ab von Konventionen.

In jener Phase war mir zum Lügen zumute. Ich log immer öfter, sogar in Situationen, die es nun wirklich nicht erforderten. Ich vermute, das ist die Logik der Lüge: Eines Tages legst du den ersten Stein, und am nächsten musst du zwei legen.

Es ist ein Leben, das sie selber in die Hand nimmt, das ihr aber trotzdem ab und an zu entgleiten droht.

Es gibt zwei Typen von Menschen: diejenigen, die einfach leben, und diejenigen, die ihr Leben designen.

Es ist ein Leben voller Gespenster und Besessenheiten, die ab und an zur Last werden, aber doch so viel Lust beinhalten, dass sie das Leben weiter lebt. Vielleicht auch, weil sie nicht anders kann.

Zwischen den Schreibphasen lebt sie ihr Leben heute in Mexico City, mit ihrem Mann, mit ihren Kindern. Sie sitzt eingesperrt in einem Haus, welches kein Zuhause bietet. Das einzig Lebendige scheinen die Fragen und Worterfindungen ihres Sohnes zu sein. Während ihres Schreibens wächst das Misstrauen in der jetzigen Welt, Fiktion nimmt immer mehr Raum ein in der Wirklichkeit, bis niemand – vermutlich nicht mal sie selber – mehr weiss, wo die Grenze liegt.

Zunächst das gegenseitige Belauern. Den anderen verfolgen und sich verfolgen lassen, bis keiner von beiden mehr ein Quäntchen Luft zum Atmen hat. Einen unendlichen Hass auf den anderen entwickeln. Nicht so sehr Überdruss […]. Nicht so sehr Verachtung […]. Vielmehr Hass

Die Schwerelosen ist ein Buch voller Brüche. Die Brüche sind innerhalb der Personen, zwischen den Personen, zwischen den Zeiten und im Erzählstrang. Es sind Brüche, die es schwer machen, sich zurechtzufinden. Man hangelt sich von Häppchen zu Häppchen, sammelt Informationen, um sie wieder zu verwerfen, versucht, sich zurechtzufinden und verliert sich wieder.

Valeria Luiselli schreibt in einer klaren Sprache, spinnt phantastische Geschichten, in denen man sich ständig fragt, was wahr und was falsch ist, in denen man sich mitten im Ernsten einem Witz gegenüber sieht. Wenn das Buch eines nicht ist, dann ist das langweilig, trotzdem fällt es nicht immer leicht, dran zu bleiben.

Fazit:
Literarisch, wild, poetisch, chaotisch, orientierungslos, mit Witz, Charme, ohne roten Faden. Verwirrend – es ist schwer, ein wirkliches Fazit zu ziehen, selber lesen und entscheiden kann ich dazu nur sagen.

Zur Autorin
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York.

LuiselliSchwerelosAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Max Bronski: Der Tod bin ich

Der Sterbende schlug die Augen auf und begegnete noch einmal dem Blick seines Mörders. Dann glitt sein Kopf zur Seite und die zunehmend undeutlicher werdende Wahrnehmung verlor sich in der feinkörnigen, hellen Fläche seines Gartens wie in einer weit gestreckten Wüste.

Auf einem Hollandrad, mit Hut und Pfeife radelt der Mörder übers Land, um eine Tat zu verrichten, die ihre Ursachen in der tiefen Vergangenheit hat: Er bringt den mittlerweile pensionierten Gutsverwalter Eulmann um. Derselbe Täter fährt aufs Land und tötet auch noch eine Bauersfrau. Die einzige Verbindung zwischen den zwei Personen ist ein junger Mann, Tino Senoner, einerseits Nachfolger von Eulmann, andererseits Neffe der Bauersfrau.

Dass ein Zusammenhang zwischen den Toten besteht, welcher es ist, sieht Tino erst, als die Hinterlassenschaft Eulmanns in Händen hält und dadurch ins Jahr 1957/58 zurück versetzt wird. Eine wilde Geschichte rund um den kalten Krieg und einen jungen naiven Kernphysiker im Kreuzfeuer von Agenten verschiedener Lager und deren Druckmittel eröffnet sich und nimmt ihren Lauf.

Die anfängliche Orientierungslosigkeit Tinos schlägt auf den Leser über. Er hat am Anfang mit wirrem Hin und Her, wechselnder Erzählform (Ich-Erzähler und auktorialer Erzähler wechseln ab) und einem fehlenden Zusammenhang zu kämpfen. Nach und nach lüftet sich der verhüllende Schleier und man wird von der sichtbar werdenden Geschichte gepackt und mitgerissen, so dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen möchte, um zu erfahren, wie es endet.

Bronskis Geschichte hat verschiedene Ebenen und Thematiken. Sie handelt von einem Physiker, welcher seine Formeln in Musik umwandelt und die daraus entstehende Musik trifft auf die Struktur des Romans zu:

Musikalisch bildeten Petris Entwürfe ein aus den Fugen geratenes System ab, das sich selbst parodierte. Schräg und leicht dissonant, aber immer unterlegt mit einer klaren Struktur.

Hier tut sich quasi eine Metaebene im Roman auf, indem dieser als Musikstück paraphrasiert wird. Der Roman wirkt oft wie eine Parodie, ist aber trotzdem auch mit Ernst versetzt. Er ist fundiert geschrieben, hat alles, was ein Agententhriller haben muss. Es ist eine moderne Fassung der Faust-Thematik, indem ein Wissenschaftler seine Seele dem Teufel (hier sind es mehrere sich gegenseitig bekämpfende Teufel) verkauft und diesen Pakt schlussendlich mit dem Tod bezahlt.

Fazit:
Eine Geschichte voller Intrigen, Zahlen, Musik, Agenten, Mord und Verfolgung. Chaotisch anfangend kommt immer mehr Ordnung in die Geschichte, bis sie schlussendlich aufgeht. Fast wie Mathematik. Eine gelungene Komposition.

Zum Autor
Max Bronski
Max Bronskis Biographie könnte man auch mit „Geheimnis um…“ umschreiben. Niemand weiss, wer er ist, der Name ist ein Pseudonym. Auf Spekulationen verzichtend belassen wir es bei den (so überlieferten) bekannten Tatsachen: Max Bronski wurde 1964 in München geboren, studierte ebenda Theologie und Musikwissenschaften, allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Er interessiert sich ausserdem für Physik, was sich in seinem neusten Thriller Der Tod bin ich niederschlägt. Von ihm erschienen sind ausserdem Sister Sox (2009), Münchner Blues (2010) und Schampanninger (2010).

BronskiTodAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 397 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Björn Bicker: Was wir erben

Auf dem Foto sieht man den Vater als sechsundreissigjährigen Mann an der Seite einer blonden Frau, die ein buntes, eng geschnittenes Sommerkleid trägt. Sie legt ihren Arm um seine Hüfte, er schaut seitlich zu Boden. Sie posiert. […] Der Körperhaltung nach passt ihm die Situation nicht, aber das kann täuschen.

Elisabeth lebt ein Leben, das sich im Alltag erprobt hat. Sie ist Schauspielerin an einem renommierten Theater und lebt mit Holger, einem Arzt zusammen. Die Ruhe und Beschaulichkeit wird mit einem Telefonanruf jäh durchbrochen. Ihr Bruder, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste, bittet um ein Treffen.

Du lächelst verlegen. Du versuchst, Deine Hände vor mir zu verbergen. Ich höre meine Stimme: Eine Affäre. Weiter nichts. Das sieht ihm ähnlich. Deine Augen werden feucht.
Ehrlich gesagt, das Foto spricht eine andere Sprache. Das sieht nach Doppelleben aus, nach Liebe, nach grossem Kino.

Elisabeth bittet um Zeit, weiss nicht, was mit all dem anfangen. Sie hat ihre Vergangenheit und vor allem ihren Vater aus ihrem Leben verdrängt. Nun bricht alles auf, Bild für Bild kehrt es zurück und Elisabeth merkt, dass sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss. Zuerst noch denkend, dass sie das nur für ihren Bruder macht, um diesem ein Bild seines Vaters aufschreiben zu können, macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist eine Reise zurück zu den Plätzen seiner wie auch ihrer Vergangenheit. Erinnerungen tauchen auf an seinen Alkoholkonsum, ihre Angst vor ihm, seine Wut und ihre Flucht.

Je mehr Elisabeth über ihren Vater erfährt, desto weiter entfernt sie sich von ihrem gewohnten Leben, vom Mann an ihrer Seite. Sie verstrickt sich immer tiefer in ihre eigene Herkunft und will von allem, was bis vor kurzem noch Alltag war, weg, hinein in eine neue Zukunft, die ihr echter und wahrer erscheint als alles, was bislang ihr Leben ausmachte.

Gesucht hat sie ihren Vater, gefunden hat sie sich selber. Björn Biker erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus der sorgsam aufgebauten Welt in ihre eigenen Abgründe taucht und dabei viel über sich selber herausfindet, sich erst selber kennen lernt. Der schonungslose Blick eröffnet ihr eine neue Sicht auf ihr eigenes Leben und sie realisiert am Schluss, was wirklich zählt im Leben.

Der Roman ist ein Buch über Wahrheit, Heimat, Liebe und Hass, es ist ein Buch über das Vergessen und das Erinnern, über Sucht und Verdrängen, ein Buch darüber, dass man die eigene Vergangenheit immer in sich trägt und doch jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben selber zu gestalten, indem man es in die Hand nimmt. Es ist ein Buch über das Erwachsenwerden.

Was wir erben besticht durch einen klaren Realismus, in welchem doch nie ganz klar ist, was Spiel, was wirkliches Leben ist und war. Es erzählt Geschichten des Lebens und erfundene, zeigt die Menschen im Leben und im Spiel desselben. Björn Biker schreibt in einer schnörkellosen und direkten Sprache. Er verzichtet auf Sentimentalität und Pathos, sondern erzählt, was ist oder zu sein scheint. Er legt die Gedanken seiner Figuren offen, stellt sie dar in ihrem Schein und Sein, ohne sie blosszustellen. Er zeigt die menschlichen Schwäche und was sie anrichten können, wenn es die von Eltern sind, ohne dabei zu sehr auf Opfer-Täter-Konstruktionen zu verfallen.

Fazit:
Eine Reise durch die Vergangenheit, um ganz in der Gegenwart anzukommen. Eine Geschichte, die etwas von jedem in sich trägt, ohne psychologisierend den Spiegel vorzuhalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Björn Bicker
Björn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Auch von ihm erschienen ist ILLEGAL (2009).

BickerErbenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

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Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstrasse

Man hörte das Knacken einer Sprechanlage, wurde von einer Stimme auf den dritten Stock im Vorderhaus verwiesen, in eine Wohnung, die Denninghoff nur allzu gut kannte. Dort hatte er die letzten Jahre mit seiner Frau verbracht, und wie oft hatte er gewünscht, sich in den Räumen, die ihm vertraut waren, nochmals umzusehen.

Nach dem Tod seiner Frau zieht Denninghoff aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er erträgt die Umgebung, in der sein gewohnter Alltag, der ein glücklicher gewesen ist, mit einem Schlag beendet war, nicht mehr. Schon kurze Zeit drauf bereut er diesen Schritt, hängt seine ganzen Gedanken an ein Poster, das in dieser Wohnung gehangen hat und das er wieder haben will. Er sieht es vor sich, bricht in die Wohnung ein, im Glauben, es müsse noch da hangen. Doch genauso wenig wie er das Bild wieder findet, lässt sich das alte Leben zurückholen.

Diese und vier andere Erzählungen finden sich in Hartmut Langes Novellenband. Hartmut Lange lässt seine Geschichten durch detaillierte Umgebungsbeschreibungen realistisch wirken, man sieht sich dem normalen Leben inmitten einer plastischen Umwelt, sei es Stadt, sei es Natur, gegenüber. Es sind Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen, die ein normales, von Gewohnheiten geprägtes Leben führen und damit glücklich sind.

Es sind Geschichten vom kleinen Glück des Alltags, welches plötzlich getrübt wird. Sei es der Tod der geliebten Frau, die Aussage einer Frau über den eigenen Mann oder das Spiel einer toten Cellistin, alles bewirkt eine plötzliche Abkehr der Gedanken vom guten Alltag. Plötzlich ist nicht mehr das gewohnte Leben im Zentrum, sondern eine Besessenheit nimmt überhand und wird zum grossen vereinnahmenden Loch. Wie soll man damit umgehen?

„Was unmöglich erscheint, kann man herbeizaubern“ Und: „Was wäre das für eine Welt, in der es nicht gelingt, die Wirklichkeit durch eine Täuschung aufzubessern“

Hartmut Lange beschreibt die menschliche Fähigkeit, den eigenen Gedanken mehr Realität zu geben als dem gewohnten Alltag. Was ist Wirklichkeit, was Lebenslüge? War die bisherige Gewohnheit nur Wegschauen und nun ist man aufgewacht? Sind die neuen Gedanken eigene Sehnsüchte, Ängste, welche irrational sind? Das blosse Denken einer Möglichkeit wird zur Obsession, der kaum entkommen werden kann. Entweder man findet einen Weg, mit dem Zerstörerischen umzugehen oder es zieht einen in den Abgrund.

Fazit:
Geschichten aus dem Leben, menschlich, realistisch und doch phantastisch. Empfehlenswert.

Der Autor: Hartmut Lange
Hartmut Lange wurde 1937 in Berlin-Spandau geboren, wurde mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren nach Polen umgesiedelt und kehre 1946 mit seiner Mutter nach Berlin zurück. Er studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie und erhielt 1960 eine Anstellung am Deutschen Theater in Ostberlin. 1965 verliess er die DDR und reiste über Jugoslawien nach Westberlin, arbeitete da für verschiedene Theater. Er schreibt hauptsächlich Erzählungen und Prosa, Werke von ihm sind u. a. Tagebuch eines Melancholikers, Vom Werden der Vernunft, Eine andere Form des Glücks, Der Wanderer. Hartmut Lange lebt mit seiner Frau in Berlin und bei Perugia in Umbrien.

LangeDoroAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 125 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2013)
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.90

Arnon Grünberg: Amour fou

Das Buch wird eingeleitet durch ein Vorwort von Daniel Kehlmann. Der Sinn dieses Vorwort erschliesst sich mir nicht ganz, weder als Funktion für den Roman noch sonst. Kehlmann schreibt von seiner Angst vor Arnon Grünberg, die darauf gründet, dass er die Bücher des liebenswürdigen, zuvorkommenden und herzlichen Menschen kenne. Nun erwartet man, dass diese blutrünstig und gefährlich wären, doch auch sie handeln von höflichen Menschen. Wenn Kehlmann dann weiterfährt und vom Humor spricht, der nur Qual ist und nicht lachen macht, verliert man völlig die Orientierung, hofft, sie im Roman selber wieder zu finden.

Der Roman wird als „einfühlsam, grandios und temporeich“ angekündigt, man dürfe eine „zu Herzen gehende Lebensbeichte“ erwarten, die aber frei von Sentimentalität sei. Darauf freue ich mich und beginne zu lesen:

Ich bin früh kahl geworden. Dass es irgendwann dazu kommen könnte, war nicht ausgeschlossen, aber dass es so schnell gehen würde, war doch eine Überraschung. Dies ist die Geschichte meiner Kahlheit, und ich habe nicht vor, nach diesem Buch auch nur ein weiteres Wort zu Papier zu bringen.

Das hat was von einer Lebensbeichte, allerdings bin ich nicht sicher, ob mich Kahlheit interessiert. Schlussendlich kommt diese auch nicht mehr vor auf den weiteren Seiten, viel mehr erfährt man Bruchstücke über die kühle Mutter, welche armen Menschen Gutes tat und kurz nach dem achtzehnten Geburtstag des Erzählers starb. Man liest vom Papa, der nicht von Welt sei, weil er ässe wie ein Schwein, und von dessen neuen Frau Eleonore, welche ein Buch mit dem Titel „Wie alte Frauen reich werden können“ geschrieben hat – quasi ihre Lebensbeichte.

Danach springt der Erzählfluss hin und her, handelt von Hüten auf Mamas Kopf und in Ohnmacht fallenden Brüdern, die Kahlheit kommt nochmals ins Spiel und wird begleitet von Wiener Kaffeehäusern, Kokettiere mit dem eigenen Äusseren und das Philosophiestudium sind Thema.

Was wohl Humor sein sollte, ist wirklich nicht zum lachen, insofern hatte Herr Kehlmann recht:

Papa sagte oft: „Aus den Haaren der Leute fällt immer viel Dreck, darum darf man beim Essen nicht an den Haaren herumfummeln.“
Dass aus Andreas haaren Dreck fallen sollte, konnte ich mir nicht vorstellen. Und auch aus Milenas Haaren fiel meiner Meinung nach keiner.“

Das beruhigt zu wissen, doch so wirklich lustig finde ich das nicht. Mittlerweile wurde die Amour fou  thematisch eingeführt, welche den Erzähler fasziniert und dazu verleitet, sie erleben zu wollen. Auf dem Weg dahin begegnet man noch einem Blumenhändler, der seines Zeichens Liebhaber der Frau Mama ist – oder war. Ich habe mittlerweile völlig den Faden verloren in dem ganzen Hin und Her. Auf Seite 117 strecke ich die Segel, verpasse vielleicht auf den noch verbleibenden 220 all das, was auf dem Klappentext versprochen wurde, doch hätte das für meinen Geschmack früher beginnen müssen. Mir fehlte jeglicher Zugang zu den Figuren, sie hatten weder Seele noch Charme, sprachen höchstens wie im Fall des Protagonisten und Erzählers davon, für ihn gerühmt zu werden. Für mich als Leser unverständlich.

Fazit
Eine grosse Enttäuschung, die ich nicht erwartet hätte – nicht im Programm dieses von mir doch sehr geschätzten Verlages. Ich kann es nicht empfehlen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag 2013
Preis: EUR: 14.90 ; CHF 19.90

Walter Kappacher: Rosina

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Als junge Frau vom Land wünscht sich Rosina nichts sehnlicher als in die Stadt zu gehen. Ohne ihre Mutter zu informieren, bewirbt sie sich auf Stellen in der Grossstadt und ergreift die sich ihr bietende Chance, in die grosse weite Welt hinauszugehen. Ihre Mutter nimmt ihr das übel, was einen Bruch in ihrer Mutter-Tochter-Beziehung bedeutet.

Jetzt war sie beinahe schon zwölf Jahre von Saalfelden fort. Das Gesicht der Mutter war zum ersten Mal eingefroren, als ihr Rosina freudestrahlend den Brief der Firma Fiedler gezeigt hatte, […] Monatelang hatte sie die Stellenanzeigen gelesen und sich auch einige Male beworben. Vor lauter Überschwang hatte sie vergessen gehabt, dass sie mit Mama noch gar nicht über ihre Pläne gesprochen hatte.

Das Leben meint es gut mit Rosina, sie kann mit viel Einsatz und Ehrgeiz die Karriereleiter hinaufklettern. Dass sie einmal andere Träume hatte für ihr Leben, geht dabei fast vergessen. Sie lebt ihr Leben auf der Überholspur, lässt sich auf ihren Chef ein, dessen Aufmerksamkeit bald weniger wird. Der grosse Bruch im Leben Rosinas kommt mit einem Unfall, der sie auf sich selbst zurückwirft und ihr zeigt, worauf sie alles verzichtet hat im Leben. Tapfer geht sie in ein neues Leben zurück, fängt nochmals neu an, schickt sich in ihr Schicksal.

Das Buch ist in der dritten Person doch aus der Sicht Rosinas erzählt. Als Leser erfährt man in kurzen, teils sehr kurzen Sequenzen, was in ihr vorgeht, was sie bedauert, womit sie hadert, was sie über ihr Leben denkt. Das Buch wirkt durch diese kurzen Sequenzen sehr unruhig, es flippt teilweise wild hin und her, lässt den Leser atemlos hinterherkommen, sich ab und an fragen, wo er gerade steht, was nun passiert, wie er alles einordnen soll. Der Autor zeichnet das Bild einer Frau, die sich irgendwo selber verloren hat und erst wieder findet, als es sie alles verloren hat, was ihr vorher wichtig zu sein schien.

Sie war keine Chefin mehr, hatte nichts mehr zu sagen. Wenn sie heute ihre Stellung bei der Allianz aufgab, würde ein paar Tage später eine andere Frau vor der Olivetti sitzen. Sie war austauschbar wie eine Schreibmaschine. Austauschbar, das war sie auch als Sekretärin gewesen, nur hatte sie nie an so etwas gedacht. Waren sie nicht alle austauschbar?

Fazit:

Ein unruhiges, bewegtes, nachdenkliches und emotionslos emotionales Buch. In einer schlichten Sprache wird die Geschichte einer Frau erzählt, die hoch fliegt, tief fällt und daraus viel über sich erkennt. Lesenswert.

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: dtv 2013
Preis: EUR: 8.90 ; CHF 12.90

Zu kaufen bei: BOOKS.CH

Elke Schmitter: Frau Sartoris

Wir brauchten keine Beschäftigung, und ich weiss nicht mehr, wie die Zeit verging; ich erinnere mich an das Glück, aber ich weiss nicht mehr, wie es aussah.

Das Geschichte von Margarethe Sartoris ist die Geschichte einer einfachen Frau. Von der grossen Liebe enttäuscht begibt sie sich in eine bequeme Ehe, die im Grunde gut ist, innerlich aber nicht bewegt. Das Leben plätschert dahin, ein Kind wird geboren, kein geliebtes, aber für die Liebe ist die im Haus wohnende Schwiegermutter zuständig. Sie ist es überhaupt, die das Herz der Familie zu sein scheint.

Die Begenung mit Michael erweckt Margarethes eigenes Herz wieder zum Leben. Sie ist bereit, für diesen Mann alles hinter sich zu lassen, ein neues Leben zu beginnen. Dafür setzt sie alles auf eine Karte.

 […] ich wollte mich ihm so unentbehrlich machen, wie er längst für mich war.

Das Schicksal meint es wieder nicht gut, sie wird versetzt.

Ein gefühlvolles Buch ohne moralischen Zeigefinger, ohne Verurteilung. Die Geschichte einer Frau, die den Zugang zu ihren Gefühlen verloren hat und als sie ihn wieder findet, innerlich ganz stirbt. Erst die Wut und die Angst dringen wieder in ihre Gefühlswelt hinein und bringen sie zu einer Tat, welche sie selber wohl nicht für möglich gehalten hätte.

Elke Schnitter wechselt in teilweise sehr schnellem Tempo zwischen verschiedenen Zeiten und Handlungssträngen hin und her. Ab und an muss man zurück lesen, um zu merken, wo man sich gerade befindet. Durch den Wechsel von einer Geschichte zur nächsten bleiben immer wieder Fragen offen, die einen Spannungsbogen bilden, welcher das Buch überzieht. Man mag es kaum aus der Hand legen, möchte die Geheimnisse lüften, wird dabei auch mal überrascht.

Fazit:

Sprachlich schlicht und klar, inhaltlich tief und doch nicht abgründig, erzähltechnisch schön komponiert. Die Geschichte eines Lebens mit all seinen Schwierigkeiten und Entscheidungen. Prädikat absolut lesenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (November 2012)

Preis: EUR: 8.90 ; CHF 14.90

Elke Schmitter: Frau Sartoris, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2012.

 

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Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern

Dann schloss sie die Augen und atmete tief durch die Nase ein. Noch eine Sekunde, dann liessen ihre Finger das Geländer los. Die Füsse tasteten langsam ins Leere. Eine kräftige Böe, sie verlor die Balance, ihre Zehen versuchten noch Halt zu finden und dann… der Fall.

Wann hatte alles begonnen? Als Rebecka Mikael kennen lernte und merkte, dass sie alles tun müsste, ihn zu halten? Als sie beschloss, ihn immer in Unsicherheit zu lassen bezüglich ihrer Gefühle, um ihn damit noch mehr an sich zu binden? Wann hatte sich das Spiel verselbständigt? Wieso funktionierte es nicht mehr irgendwann? Die Kluft zwischen ihnen wurde grösser, beide litten.

Sie war diejenige, die bestimmte, wie es zwischen uns lief. Am Ende war es wie ein Gefängnis.

Das Spiel beenden ging nicht, das Leiden aber musste aufhören. Und dafür gab es nur eine Lösung: Den Sprung, Mikaels Befreiung, das eigene Opfer.

Egoistisch? Ich habe mein Leben geopfert, um meine Ehe zu retten.

Rebecka stürzt sich eines Nachts von einer Klippe in den Tod. Zurück bleibt ein verzweifelter und tieftrauriger Ehemann, der mangels Erklärung nicht mehr weiss, wo er steht. Die Frage, ob er seine Frau überhaupt je gekannt hat, wird gross und grösser. Nie hat sie über sich gesprochen, die Verbindungen zu ihrer Familie, ihrer Herkunft hat sie abgebrochen.

Fragen liess sie nie zu, sie inszenierte die Gegenwart so, wie es für sie, wie es in ihr Spiel passte. So erstickte sie langsam die grosse Liebe, welche sie eigentlich bewahren wollte. Die Mittel dazu entsprangen einer Verlustangst, den Mustern, die sie sich in der Kindheit angeeignet hatte, als ihr Vater die ganze Familie verliess. Nie sollte sie so enden wie ihre Mutter, nie schwach sein, nie verlassen werden. Doch das wusste keiner, das hielt sie in sich gefangen und nahm es in den Tod.

Ich hoffe auch sehr, dass Rebecka das gefunden hat, was sie suchte. Und wenn nicht, dann tut sie es hoffentlich noch. Sie war nie zufrieden, solange die Dinge nicht genau so waren, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Nach und nach kehrt Mikael ins Leben zurück, die Trauer weicht, ab und an kommt Wut auf. Die Auseinandersetzung mit dem Menschen Rebecka, der ein so grosses Geheimnis gewesen ist, lässt ihn langsam zur Ruhe kommen. Rebecka begleitet diesen Weg aus dem Totenreich, begleitet von einem Engel. Sie möchte für ihn da sein, nun nach ihrem Tod die Liebe leben, die den Tod überdauert, ewig ist. Auch sie hat einiges zu lernen.

Die Geschichte verbindet Abschnitte mit Rebeckas Kindheit, die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Mikael, die Welt im Jenseits mit allem, was einen da erwartet und Mikaels Weg zurück ins Leben. Unvermittelt findet man sich jeweils in eine andere Zeit, in eine andere Perspektive geworfen, muss sich neu zurechtfinden und lernt dazu. Langsam ergibt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein ganzes Bild.

Trotz dieser vielen Perspektivenwechsel wirkt das Buch als Einheit, erzählt es die Geschichte eines Lebens, vieler Leben, die miteinander verknüpft waren, immer noch sind. Es stellt Fragen, lässt sie teilweise offen, veranschaulicht sie ab und an im Fortgang der Geschichte. Es zeigt auf, wie Muster das Verhalten prägen und zum Gefängnis werden können, aus dem auszubrechen kaum möglich scheint. Man sieht von aussen den Ausgang, möchte ihn den Handelnden zurufen, lebt mit, leidet mit und sieht dann die Dinge ihren Lauf gehen – der auch gut ist, weil er den eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. So wie es das Leben wohl tut.

Fazit:

Das Buch packt von der ersten Seite an und lässt einen nicht mehr los. Das war Lesevergnügen pur, welches aber auch tief ging, zum Nachdenken anregte. Absolut empfehlenswert.

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 438 Seiten

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (25. Oktober 2012)

Übersetzung: Stefanie Werner

Preis: EUR: 12.00 ; CHF 19.90

Kajsa Ingemarsson: Der Himmel so fern, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012.

 

 

 

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Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Massstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.

Der Anfang der Krankheit war unauffällig, drum wurde sie nicht erkannt und das Verhalten des Vaters nur als Eigenheit abgetan. Der Versuch, mit ihm „normal“ umzugehen, wurde zum Kraftakt, der alle an die Grenzen brachte. Die Diagnose Demenz war fast eine Erleichterung für die ganze Familie. Nun wusste man, womit man es zu tun hatte, man konnte aufhören, Dinge zu erwarten, die nicht mehr möglich waren. Man konnte lernen, mit dem Neuen umzugehen.

Arno Geiger beschreibt auf einfühlsame Weise den Weg seines Vaters durch die Demenz und was das für die ganze Familie bedeutete. Er zeichnet ein liebevolles Bild eines Vaters, der in einer anderen Welt lebt, von der bekannten vieles vergisst.

Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verlust.

Lange Zeit ist die Pflege des Vaters zu Hause möglich, die ganze Familie und Pflegerinnen bemühen sich und organisieren sich. Der fortschreitende Abbau macht das immer schwerer, bis der Umzug in ein Heim unumgänglich ist. Oft wird ein solcher Weg mit dem Gefühl des Versagens verbunden. Man erachtet es als seine Pflicht, den geliebten Menschen zu Hause zu behalten. Der Schritt er weist sich für alle als Erleichterung. Die Familie kann aufatmen, sieht eine Last von den Schultern und kann sich nun befreiter dem kranken Menschen widmen, dieser fühlt sich durch die konstanten Abläufe im Heim aufgefangen und kommt zur Ruhe.

Mir gefällt es, dass die Menschen, die hier wohnen, aus der Leistungsgesellschaft befreit sind.

Das Buch springt zwischen den Zeiten hin und her, vermischt Erinnerungen aus der Kindheit Arno Geigers mit dem aktuellen Geschehen. Es ist nicht immer einfach, gleich zu wissen, in welcher Zeit man steckt, von wem die Rede ist. Vor allem am Anfang kommt es zu Wiederholungen, die für die Geschichte überflüssig scheinen, dann kommt die Geschichte in einen Fluss, der einen mitreisst.

Arno Geiger schafft es, sachlich und doch einfühlsam den Umgang mit Demenz zu beschreiben. Er zeigt Möglichkeiten auf, mit dieser Krankheit umzugehen, so dass alle ihre Würde behalten. Er zeigt auch die schönen Momente, die inmitten der Krankheit entstehen und zeichnet so ein umfassendes und liebevolles Bild.

Fazit:

Ein stilles und einfühlsames Buch. Ein Buch, das einen auf die Reise mitnimmt und die Liebe Arno Geigers zu seinem Vater zeigt. Ein Buch auch, das den Zugang zu einem Demenzkranken aufzeigt und für Verständnis wirbt. Absolut lesenswert.
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Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 189 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2012)

Preis: EUR: 9.90 ; CHF 15.90

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012.

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