Michael Stavaric: Brenntage

Das Leben erfindet sich selber in Erinnerungen

Nach dem Tod der Mutter wächst der namenlose Icherzähler bei seinem Onkel und seiner Tante auf. Sie leben in einem kleinen Dorf, das abgeschnitten von der Umwelt und auch von der Realität scheint. Die Riten und Bräuche erinnern an mittelalterliche, sind in tat und Wahrheit wohl nicht mal ganz verschieden davon. Einer davon sind die Brenntage, die zum Verbrennen überflüssiger Dinge gedacht sind, denen aber auch das eine oder andere zum Opfer fiel, das nicht zum Verbrennen gedacht war. Zumindest munkelt man das.

 Die Brenntage selbst waren oft genug Anlass für wilde Spekulationen… als etwa der Hund des Bäckers abhanden kam (den keiner leiden mochte) oder die Nachbarsköchin spurlos verschwand, als ein junges Mädchen im Teich untertauchte und die Luftblasen jählings abrissen, sie wurde von keinem je wieder gesehen.

Das Buch folgt keiner Chronologie, es ist ein Buch der Erinnerung an eine Vergangenheit, die sich in loser Form, sprachlich teilweise eigenwillig, vor dem Leser ausbreitet. Eine Erinnerung, die nicht mehr überall lückenlos ist, bewegt sich zwischen Erlebtem und Erdichtetem.

Viele Erinnerungen gingen auch im Laufe der Jahre verloren, ich selbst habe längst damit aufgehört, die Welt verstehen zu wollen, der Onkel behauptete sogar, dass wir im Augenblick unserer Geburt alles ins Feuer stiessen, dass wir verglühten allesamt in einem Feuerball und hinterliessen keinerlei Spuren. .

Beinahe beiläufig werden schreckliche, schöne, skurrile Erinnerungen dargelegt. Verbindend in der losen Abfolge der Geschichten sind immer wieder die Brenntage, sie scheinen neben dem Icherzähler die einzige Konstante in dem Buch zu sein, der rote Faden, der die einzelnen Episoden wie Perlen an eine Kette reiht. Und beide, Icherzähler wie Brenntage stehen ganz im Dienste der Erinnerung.

Nur wenn Brenntage gefeiert wurden, kamen viele der alten Geschichten noch einmal zur Sprache.

Brenntage ist ein Buch des Erwachsenwerdens, es ist ein Buch über die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit den Umständen, mit einer Welt, die sich ständig ändert und doch einige wenige Konstanten hat, die wie ein roter Faden durch das sich ändernde Leben führen. Es ist ein Buch über Erinnerung und Zukunft, über die Vergänglichkeit des Seins. Es ist ein Buch in einer poetisch-eigenwilligen Sprache geschrieben, das nicht chronologisch und teilweise assoziativ von Episode zu Episode springt. Es regt zum Nachdenken an, lässt ab und an innehalten, stocken, sich auch mal wundern.

 

Fazit:
Ein Buch über das Leben, die Erinnerung und das Erwachsenwerden. Sprachlich poetisch und eigenwillig. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Michael Stavaric
Michael Stavaric, 1972 in Brno geboren, lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnist und Kritiker in Wien. Er veröffentlichte u. a. die Romane stillborn (2006), Terminifera (2007) und Magma (2008), die Kinderbücher Gaggalagu (2006) und Biebu (2008) und den Essay „Europa – Eine Litanei“ (2005). Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien für seine Werke, zuletzt den „Förderungspreis der Stadt Wien“, den „Adelbert von Chamisso-Förderpreis“ und das „Projektstipendium des österreichischen Bundesministeriums für Kultur“.

Ein Interview mit dem Autor findet sich hier: Michael Stavaric – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
StavaricBrenntageGebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (20. Januar 2011)
ISBN-Nr.: 978-3406612657
Preis: EUR  18.95 / CHF 28.70

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Paula Fox: Was am Ende bleibt

Sophie und Otto Bentwood leben eine Ehe, wie sie wohl nicht unüblich ist für ein gutbürgerliches Paar in New York. Er Anwalt, Hauptverdiener, sie Drehbuchautorin und Übersetzerin, allerdings seit einiger Zeit eher lustlos in ihrem Tun, bestreiten sie mehr neben- denn miteinander ihren geordneten Alltag, bis Sophie eines Tages von einer streunenden Katze gebissen wird. Ein eigentlich unbedeutendes Ereignis, das eine Wende einzuläuten scheint.

Plötzlich, ausgezehrt von der nervösen Erregung, die sie für einen Augenblick ihre Müdigkeit und die eintönige Stumpfheit dieses frühen Morgens hatte vergessen lassen, vergrub sie ihr Gesicht am Bettrand. Otto begann etwas apathisch ihren Rücken unter dem Nachthemd zu streicheln. Sie war dankbar, dass sie nicht gestritten hatten – ihr fehlte die Energie dazu – , aber gleich hinter ihrer Dankbarkeit türmte sich eine düstere Enttäuschung auf. […]Eine Träne kullerte ihr über die Wange. Sie würde sich niemals von ihm befreien.

Ein Paar, das vordergründig alles hat, strauchelt nach und nach über die Unzulänglichkeiten im Selbst wie im Miteinander. Sophies Stimmungsschwankungen treffen auf Ottos Lebenssattheit, gesteigerte Sensibilität kämpft mit Rechenschaft und Moral.

Es war eine Belagerung im Gange – schon seit langer Zeit, aber die Belagerten selbst waren die Letzten, die sie ernst nahmen.

Paula Fox gelingt es in ihrem berühmtesten (und auch verfilmten) Roman, in einer klaren, nüchternen Sprache das Bild einer Mittelschichtsehe zu zeichnen und damit auch die Gesellschaft, in der diese Beziehung gelebt wird (oder eben nicht), zu spiegeln. Es gelingt ihr, auf eine subtile Weise die inneren Vorgänge in den äusseren Handlungen zu spiegeln, so dass die Charaktere plastisch werden, ihr Verhalten nachvollziehbar ist und man auch das nicht explizit Geschriebene implizit mitnimmt, versteht, weiterdenkt.

Ein tiefgründiger Roman, der die Seelenlandschaft zweier Menschen offenlegt, ohne dabei psychologisierend zu sein, eine packende Geschichte, die in nur drei Tagen passiert, aber einen ganzen Lebensentwurf umfasst und offenlegt.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Essay von Jonathan Franzen, der über seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller, sein Schreiben, sein Lesen, sein Leben berichtet. Er beschreibt zudem die Wirkung der Charaktere im Roman, die durch die Erzählweise von Paula Fox lebendig und lebensnah werden.

Ich kann Sophie Bentwood genau kennen und von ihr ebenso ungezwungen sprechen wie von einer guten Freundin, weil ich meine eigenen Erfahrungen mit Angst und Entfremdung in mein Bild von ihr habe einfliessen lassen.

Ein gelungener Abschluss eines grossartigen Buches.

Fazit:
Ein sprachlich gelungenes, in seiner Geschichtsführung stimmiges und inhaltlich packendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paula Fox
Paula Fox wurde am 22. April 1923 in New York geboren. Sie veröffentlicht zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, sechs Romane und zuletzt zwei autobiographische Bücher. Paula Fox lebt heute in New York. Von ihr erschienen sind unter anderem Der Gott der Alpträume, Was am Ende bleibt, Luisa, Ein Dorf am Meer, In fremden Kleidern, Der kälteste Winter.

 

Angaben zum Buch:
FoxEndeGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Sylvia Höfer
Sonstiges: Mit einem Essay von Jonathan Franzen
ISBN-Nr.: 978-340664711643279
Preis: EUR 18.95 / CHF 28.70

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Judith Winter: Siebenschön

Wettkampf mit der Zeit um Leben und Tod

Theo hat versagt. Tja, Glück für dich! Ich schätze, das bedeutet, dass nummer sibn Dir gehört. Masl-tow! Wohlan denn: Folge dem Pfad der Erleuchtung, und er wird Dich ans Ziel führen. Allerdings solltest Du Dich lieber beeilen. Die Adresse ist: Fordstrasse 237. Ach übrigens: ihr Name ist jennifer, falls es Dich interessiert.

Als Christina Höffgen diesen Brief im Briefkasten findet, ohne zu wissen, wer ihn schickte, wer Jennifer ist und was sie damit zu tun hat, ist Jennifer schon lange tot. Und sie ist nicht das erste Opfer dieses Täters. Schon früher gab es Briefe, damals an andere Empfänger. Schon früher gab es Opfer.

Emilia Capelli, engagierte Hauptkommissarin, wird mit dem Fall betraut. Allerdings hat sie ausgerechnet jetzt eine neue Kollegin an die Seite gestellt bekommen, die ihr so gar nicht in den Kram passt: Mai Zhou. Nicht genug, dass diese ebenfalls Frau ist, sie sieht auch noch gut aus, ist – Emilia muss es zugeben – klug und ebenso engagiert wie sie selber. Konflikte sind vorprogrammiert.

Distanziert. Untadelig höflich. Und einfach nur zum Kotzen, fand Em. So werden wir bestimmt keine Freunde, dachte sie, indem sie ihre Partnerin einer erneuten, ebenso gründlichen wie kritischen Musterung unterzog. Doch zu ihrem bedauern fand sie – zumindest rein äusserlich – wenig Angriffsfläche: Mai Zhous Gesicht war ein Traum in Pastell.

Das Team hat es mit einem gefährlichen Serientäter zu tun, der eine Mission zu verfolgen scheint. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit, nächste Opfer sind in immer schnelleren Abständen zu erwarten.

Ein solider Thriller, nach Lehrbuch aufgebaut, spannend geschrieben mit einem guten und in sich stimmigen Plot. Die Figuren bleiben ein wenig unpersönlich, die Konflikte zwischen ihnen werden nicht ausgeschöpft, versanden nach wenigen Andeutungen. Da wäre noch viel Potential, das der Autorin zugetraut werden kann, das sie in diesem Buch allerdings noch nicht ausgeschöpft hat. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, der Lesegenuss ist da, einmal zur Hand genommen, mag man das Buch kaum noch weglegen, bis der Täter gefasst ist.

 

Fazit:
Guter Plot, spannend geschrieben, packend zu lesen – sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Judith Winter
Judith Winter, 1969 in Frankfurt am Main geboren, studierte Germanistik und Psychologie in Berlin und Wien und arbeitete viele Jahre in einem renommierten wissenschaftlichen Institut, bevor sie sich selbständig machte. Nach Aufenthalten in Mailand und Paris lebt sie heute mit ihrer Familie in der Nähe ihrer Heimatstadt.

 

WinterSiebenschönAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423214896
Preis: EUR  9.95 / CHF 15.90
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Paola Predicatori: Der Regen in deinem Zimmer

Was zählt im Leben

Heute ist der erste Schultag nach dem Tod meiner Mutter. Ich steige die Treppe zu meinem Klassenraum hinauf und spüre, wie mich alle anstarren. ich bemühe mich, möglichst normal zu wirken, obgleich ich mich fühle, als hätte die Welt mir mein innerstes Geheimnis entrissen.

Als Alessandra 17 Jahre alt ist, verliert sie ihre Mutter nach langer Krebskrankheit und bleibt bei ihrer Grossmutter zurück. Alessandra kann nicht einfach weiter machen wie bislang, sie entzieht sich dem bislang gelebten Leben und verzieht sich in eine eigene Welt. Was im Aussen nur als neuer Platz im Schulzimmer aussieht, nämlich die hinterste Bank neben dem Klassen-Loser Zero, entwickelt sich nach und nach zu einer Suche nach einem neuen Dasein.

Nach Hause zu kommen ist immer das Schwerste. Alles ist so still und ordentlich, als wäre die Zeit an jenem Tag stehengeblieben.

Dabei rebelliert Alessandra gegen alles und jeden, gegen das Leben an sich, trotzdem kann sie ihrer Erinnerung nicht entkommen.

Das Letzte, woran ich denke, ehe der Schlaf mich übermannt, ist, dass ich auf der Flucht in einem Käfig lebe.

Alessandra muss sich ihren Gefühlen stellen, kann ihnen nicht mehr davon rennen und findet dabei heraus, was wirklich zählt im Leben.

Der Regen in deinem Zimmer ist ein sehr nachdenkliches Buch, das in einer klaren Sprache, ohne Pathos, ohne zu viel Emotionalität oder Psychologisierung der Figuren und Situationen den Umgang eines Teenagers mit dem Verlust seiner Mutter und damit mit dem Auseinanderbrechen der eigenen gewohnten Welt erzählt.

Fazit:
Ein tiefgründiges, stilles Buch, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paola Predicatori
Paola Predicatori, geboren in Senigallia (Marken), ist Buchhändlerin und lebt in Mailand. „Der Regen in deinem Zimmer“ ist ihr erster Roman.

 

PredicatoriRegenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 238 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (1. März 2013)
Übersetzung: Verena von Koskull
ISBN-Nr.: 978-3351035204
Preis: EUR  16.99 / CHF 26

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Margarita Kinstner: Mittelstadtrauschen

Die Frage nach der Liebe

Jakob und Marie, Marie und Jakob. Wenn es den kleinen Liebesgott mit den Pfeilen auf dem Rücken wirklich geben sollte, dann sieht er jetzt zufrieden drein und lächelt noch einmal in die Runde, bevor er sich zu seinem nächsten Auftrag begibt.

Marie stolpert in einem Wiener Cafe über Jakob. Eigentlich ist Jakob mit Sonja zusammen, was er aber nicht mehr sein will und sich von ihr trennt. Nun liebt er Marie. Und das innig.

Die grosse Liebe ist austauschbar, wie alles im Leben.

Marie gibt sich in diese Beziehung hinein, denkt aber noch immer an Joe, welcher vor Jahren ihre grosse Liebe war. Joe ist tot, doch er verschwindet nicht aus ihrem Leben. Sonja lernt derweil Gery kennen, welcher der beste Freund von Joe war. Gery schwärmt heimlich für Marie, allerdings ist die als Joes Freundin tabu.

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der grossen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben. […]

Für die brennende, alles verzehrende Liebe gibt es eine Zeit, wie für alles andere auch, aber diese Zeit hat ein Ablaufdatum. […] Wirklich gross bleibt sie nur, wenn sie sich nicht erfüllt. Man muss sich daran gewöhnen, dass die grosse Liebe nicht brennt und flackert.

Vom innersten Kreis, Jakob und Marie, heraus, entwickelt Margarita Kistner ein Geflecht von Geschichten, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Maries Vater, Jakobs Eltern, Joe und viele andere treten auf und in Beziehung. Der Zusammenhang zwischen ihnen enthüllt sich erst nach und nach, teilweise erst am Ende der Geschichte. Margarita Kinstner versteht es, den Leser in dieses Geflecht zu verstricken, dass er nicht mehr herausfindet und auch nicht finden will. Er will tiefer stechen und die ganze Geschichte entflechten.

 

Mit viel Sprachwitz entwickelt Margarita Kinstner eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, über Beziehungen und über das Leben in der Grossstadt von heute. Trotz des Humors und der Spielerei, die sich in der Sprache finden, besitzt die Geschichte inhaltlich grosse Tiefe und Nachdenklichkeit. Die Charaktere des Buches sind lebensnah fassbar, man lernt sie kennen, man lebt und fühlt mit ihnen mit. Des Weitern gelingt es Kinstner, den Lokalkolorit Wiens wunderbar sprachlich einzufangen, so dass man die Stadt und seine Cafes bildlich vor sich sieht, sich in der Stadt und an den einzelnen Orten wähnt.

Fazit:
Ein mitreissendes, tiefes, witziges, unterhaltsames Buch über die Liebe, über Wien, über Menschen und ihre Beziehungen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Margarita Kinstner
Margarita Kinstner, geboren 1976 in Wien, hat bisher in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Mittelstadtrauschen ist ihr erster Roman.

 

KinstnerMIttelstadtrauschenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Deuticke Verlag (3. Auflage, 26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3552062269
Preis: EUR  19.90 / CHF 28.70

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Valeria Luiselli: Falsche Papiere

Sprachliches Erkunden der Welt

Aber vermutlich ist ein Mensch nur in zwei Räumen wirklich zu Hause: im Haus seiner Kindheit und im Grab. Alle anderen Orte, die wir bewohnen, sind bloss graue Fortsetzungen dieser ersten Wohnung, eine unbestimmte Abfolge von Mauern.

In diesen Kurzgeschichten durchstreift Valeria Luiselli die Welt, hinterfragt sie, lässt sie wirken. Es ist eine Reise durch die reale Welt, durch gedankliche Welten, Welten, die die Literatur bereitstellt und sprachliche Welten.

Sprachen zu lernen bedeutet, sich nach und nach darüber klar zu werden, dass wir über nichts irgendwas sagen können.

Falsche Papiere besticht durch Sprachschönheit, zahlreiche Literaturzitate, welche einerseits die Belesenheit der Autorin darlegen, die andererseits neue Ebenen in die Erzählungen einbauen, indem sie Verweise auf neue Geschichten bilden, die den Leser weiter führen, auf neue Welten verweisen. Luiselli hinterfragt das Offensichtliche, beleuchtet das hell da liegende und doch oft verkannte, reflektiert über das Leben, die Sprache, Friedhöfe, Reisen zu Fuss und per Fahrrad und vieles mehr. Schlussendlich stellen die Geschichten auch immer wieder eine Reise zur eigenen Identität dar. Wer bin ich, wie gehe ich durch die Welt und wie erfasse ich sie?

Man könnte sich durchaus vorstellen, dass jeder neue Eindruck ein weiteres Loch gräbt, die unförmige Materie ein wenig mehr verletzt, uns ein bisschen weiter leert. Geboren wurden angefüllt mit etwas – grauer Materie, Wasser, mit uns selbst -, und in uns allen findet Augenblick für Augenblick die langsame Alchimie der Erosion statt. Wir tragen auf dem Hals eine in Bildung begriffene Kaverne, Stücke, die Stückwerk sein werden.

Fazit:
Ein kurzes, sprachlich und literarisch schönes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York. Von ihr erschienen sind Die Schwerelosen, Falsche Papiere.

 

LusielliFalschePapiereAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2014)
Übersetzung: Dagmar Ploetz, Nora Haller
ISBN-Nr.: 978-3888979361
Preis: EUR  16.95 / CHF 27.90

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Richard Ford: Der Sportreporter

Des Lebens Fluss

Mein Leben ist in diesen zwölf Jahren keineswegs übel gewesen, und das ist es auch heute noch nicht. Es ist in fast jeder Beziehung phantastisch gewesen. Und obwohl mir mit zunehmendem Alter immer mehr Dinge Angst machen, und obwohl mir immer klarer wird, dass einem üble Dinge passieren können und auch tatsächlich passieren, gibt es sehr wenig, was mich wirklich beunruhigt oder nachts nicht schlafen lässt. Ich glaube immer noch an die Liebe und Leidenschaft. Und ich würde nicht viel oder gar nichts ändern. Vielleicht würde ich mich nicht mehr scheiden lassen. Und mein Sohn, Ralph Bascombe, würde nicht sterben.

Frank Bascombe lebt im New Jersey der 80er Jahre, ist Mitte 30, geschieden, Sportreporter. Er lebt ein eigentlich einfaches Leben, reist durchs Land, um Interviews mit Sportlern zu machen. Ab und an trifft er sich mit seiner Exfrau, die er X nennt – vermutlich weil ihm der richtige Name zu nahe ginge und er nichts wirklich an sich heran lässt.

Während Frank sein beschauliches Leben lebt, verliert er sich immer wieder in Gedanken und Erinnerungen. Er denkt über seine Kindheit nach, über seine Beziehungen, einzelne Erlebnisse, die ihn in der Vergangenheit prägten, über die Brüche in seinem Leben. Diese Brüche  scheinen die Konstante in Franks Leben zu sein: der Verlust des Sohnes, der Ehefrau, der literarischen Ambitionen. Frank ist Mitglied im Club der geschiedenen Männer, obwohl er von sich behauptet, über seine Scheidung hinweg zu sein. Dieser eher oberflächliche Club besticht durch zwei Dinge: Seine Mitglieder haben alle Brüche im Leben erlebt, wie Frank selber und es sind die einzigen Menschen, zu denen er eine irgendwie geartete Beziehung hat, so oberflächlich sie auch sein mag.

Frank möchte ein neues Leben aufbauen, allerdings vermeidet er alles, was ihn wirklich aus der Vergangenheit lösen und in die Gegenwart eintauchen liesse. Und so zerbrechen auch seine Neuanfänge und er sucht weiter. Und glaubt weiter, dass er finden wird, was er sucht.

Möglichkeiten brauchen wir alle. Und wenn ich in die gemauerte Welt dieser amerikanischen Städte hinausgehe, empfinde ich genau das. Jede Menge Möglichkeiten. Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, die mir aber möglicherweise gefallen, sind hier und warten vielleicht auf mich. Selbst wenn sie’s nicht tun. Die Heiterkeit eines Neuankömmlings.

Der Sportreporter ist der erste Teil einer Trilogie (Teil zwei und drei sind Unabhängigkeitstag und Die Lage des Landes) um Frank Bascombe, einen durchschnittlichen Menschen, der sich selber zu erfinden versucht, sich dabei immer wieder auf starke Frauen stützt, die nie bleiben, der sein eigenes und das Scheitern Amerikas über Seiten hinweg reflektiert und den Leser auf diese Weise eintauchen lässt in seine Gedanken, seine Irrläufe, sein Leben.

 

Fazit:
Ein ruhiges Buch, ein Buch voller Erzählungen und mit wenig Erlebtem. Das Buch lässt einem Frank Bascombe ans Herz wachsen, indem es einen mit in die Tiefen seiner Gedanken mitnimmt. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Richard Ford
Richard Fordwurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. Er studierte zunächst Hotelmanagement, dann Englische Literatur und schließlich creative writing bei E.L Doctorow. Er hat sechs Romane sowie Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. 1996 erhielt er für Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den Pen/Faulkner Award. Er zählt mit Raymond Carver und Tobias Wolf zu den Begründern des dirty realism. Von ihm erschienen sind unter anderem Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes, Kanada, Der Sportreporter.

 

FordSportreporterAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Dezember 2013)
Übersetzung: Hans Hermann
ISBN-Nr.: 978-3423142717
Preis: EUR  12.90 / CHF 21.90

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Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Die Ordnung der Zahlen, wenn alles sonst unordentlich wird

Bei einem Autounfall zieht sich ein Mathematikprofessor Verletzungen des Hirns zu, die sein Gedächtnis auf 80 Minuten schrumpfen lassen. Alle 80 Minuten vergisst er fortan, was war und seine Welt beginnt von vorne. Er flüchtet sich in die Welt der Zahlen, da diese der einzige Halt sind, den er noch hat im Leben.  Mit Hingabe löst er mathematische Rätsel in mathematischen Zeitschriften und holt so einen Preis nach dem anderen ab.

Er war erfüllt von der geleisteten Arbeit, aber das, was er bei der gelösten Aufgabe empfand, war nicht so sehr Freude oder Erleichterung, sondern vor allem ein Gefühl von tiefem Frieden. Es war ein Zustand der Gewissheit, dass sich alles dort befand, wo es hingehörte. […] Diesen Zustand liebte der Professor. Friedliche Ruhe war für ihn das höchste Glück.

Dadurch, dass er alles um sich ständig vergisst, fällt es ihm auch schwer, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Erst als eine neue Haushälterin in sein Leben kommt, die noch dazu ihren Sohn zur Arbeit mitbringt, ändert sich dies. Langsam zieht Leben ins Haus des Professors ein, der kleine Junge, den der Professor aufgrund seiner Kopfform Root nennt, was auf das mathematische Wurzelzeichen verweist, bildet dabei den Mittelpunkt. Zwischen den dreien entwickelt sich eine zarte Freundschaft.

 

Das Geheimnis der Eulerschen Formel ist ein stilles, sensibles, tiefgründiges Buch. Yoko Ogawa gelingt es, die Gefühle zwischen Menschen einzufangen, ihre Leben offenzulegen, ohne die Dinge selber in Worte zu fassen. Vielmehr malt sie ein Bild, in das man eintaucht und alles intuitiv selber aufsaugt. Man lebt mit und möchte nie mehr aus diesem Haus austreten, schliesst die Personen, deren Namen man nicht kennt, ins Herz und fühlt sich ihnen nah. Und immer wieder ertappt man sich dabei, nachzurechnen, ob die Zahlenreihen auch stimmen. Dadurch wird man noch mehr Teil des Buches.

Es gilt, Lehrsätze zu Tage zu fördern, die schon seit ewigen Zeiten existieren, ohne bisher von jemandem beachtet worden zu sein. So als würde man Zeile für Zeile die Wahrheit entziffern, die in Gottes Notizbuch steht. Aber niemand vermag zu sagen, wo dieses Notizbuch liegt und wann es aufgeschlagen wird.

Das Geheimnis der Eulerschen Formel vereint alles, was grosse Literatur ausmacht. Es ist ein Buch über die Liebe, das Vergessen, Ordnung und Unordnung, ein Buch über das Leben.

Fazit:
Ein stilles, tiefes, malerisches, wundervolles Buch, das einen in eine Welt mitnimmt, aus der man nie mehr auftauchen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Yoko Ogawa
YOKO OGAWA, geb. 1962, gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit zahlreichen namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo. Von ihr erschienen sind unter anderem Das Museum der Stille, Schwimmen mit Elefanten, Das Ende des Bengalischen Tigers und Das Geheimnis der Eulerschen Formel.

 

OgawaGeheimnisAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 250 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag (20. Juni 2013)
Übersetzung: Sabine Mangold
ISBN-Nr.: 978-3746629445
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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Martin Winckler: Es wird leicht, du wirst sehen

Das Leben bewahren trotz des Todes

Emmanuel Zacks wurde Arzt, um den Menschen zu helfen. Er will das nicht im sterilen Krankenhausalltag tun, sondern sich auf den einzelnen Menschen und dessen Geschichte einlassen. Zacks spezialisiert sich auf Schmerzen, er versucht, dem Leiden auf den Grund zu gehen.

Ich lernte, Placebos, Entspannungstechniken, Hypnose, Gesten und Worte einzusetzen. Gesten, die die Angst beschwichtigen. Worte, die, ohne falsche Hoffnung zu wecken, helfen, sich in der Realität einzurichten. Ich lernte, den Schmerz der anderen zu lindern. Nicht zu sehr: ohne sie zu betäuben, ohne sie daran zu hindern, sich lebendig zu fühlen.

Als sein guter Freund und Mentor zu ihm kommt und ihn bittet, ihm beim Sterben zu helfen, noch mehr, ihm zu helfen, sein Leben auch über den Tod für die Erinnerung zu bewahren, geht Emmanuel Zacks neue Wege und lernt dabei nicht nur die Menschen besser kennen, denen er hilft, sondern auch sich selber.

Später, viel später, bereute ich, dass ich ihr an dem Tag, als sie mich bat, ich solle ihr helfen zu sterben, nicht zugehört hatte. An jenem Tag hatte ich mir eingeredet, ich sei stark und moralisch, aber ich hatte nichts verstanden.
Sie wollte nicht, dass ich ihr half zu sterben, sie wollte, dass ich ihr half zu sprechen..

Es wird leicht, du wirst sehen ist ein Buch über Ethik, das Sterben, die Würde des Menschen und die Erinnerung. Es behandelt das sensible Thema der Sterbehilfe auf eine sehr stille, tiefgründige Art und zeigt auf, dass Sterben nicht nur das Ende des Lebens bedeutet, sondern auch eine Auseinandersetzung mit demselben. Mit dem Tod hört nicht alles auf, es geht auch darum, das zu bewahren, was bewahrt werden will.

Ich hatte schon immer ein verrücktes Gedächtnis. Nicht für alles, aber für das, was wichtig war.

Es wird leicht, du wirst sehen vereint die Geschichten sterbender Menschen und obwohl es ein Buch ist, in dem viel gestorben wird, ist es eigentlich ein Buch über das Leben. Und als dieses absolut lesenswert.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Martin Winckler
Martin Winckler, Arzt, Übersetzer und Autor, wurde 1955 in Algier geboren und kam schon als Kind nach Frankreich. Bekannt wurde er mit seinem Bestseller La maladie de Sachs (560.000 Ex.), der verfilmt und in 14 Länder verkauft wurde. Martin Winckler lebt seit einigen Jahren mit seiner Familie in Quebec.

 

WincklerEswirdleichtAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 159 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (11. September 2013)
Übersetzung: Doris Heinemann
ISBN-Nr.: 978-3888978630
Preis: EUR  16.95 / CHF 25.10

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Nicol Ljubic: Als wäre es Liebe

Liebe in Auszeiten

Gerhild verliebt sich in Friedrich. Das wäre nicht gar so aussergewöhnlich, wäre Friedrich nicht als „Bestie vom Schwarzwald“ bekannt und ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder und Gerhild die Mutter eines erwachsenen Sohnes, welcher versucht, seine Mutter und deren Liebe zu verstehen.

Vielleicht wird sich der eine oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Gerhild und Friedrich teilen die gemeinsamen Momente auf Friedrichs Freigängen. Auf diesen Ausflügen lernen sie sich kennen und lieben. Diese Liebe macht Gerhild zu einer Aussenseiterin, niemand will etwas mit einer Frau zu tun haben, die ein offensichtliches Monster liebt. Dies und auch die Kenntnis von Friedrichs Geschichte bestätigt Gerhilds Sicht, dass es die Umstände waren, die Friedrich zu dem machten, was er wurde, dass es nicht seine Schuld war. Vor allem aber erkannte sie, dass gewisse Fehler von der Gesellschaft  nie verziehen werden.

Sie ärgerte sich über die Verlogenheit. Sie sprachen von Resozialisierung, in Wirklichkeit ging es ums Wegschliessen, am besten für immer. Das nannte sich dann Sicherheitsverwahrung. Was hinter den Gefängnismauern geschah, interessierte die Gesellschaft nicht.

Eine eindringliche Geschichte erzählt von Gerhilds Sohn. Stimmig aufgebaut, flüssig erzählt, vom Erzählfluss her still und doch mitreissend. Ljubic gelingt es, die Psychologie einer ungewöhnlichen und auch unakzeptierten Liebe zu erzählen, ohne dabei psychologisierend zu wirken, der Verzicht auf Innenansichten und tiefschürfende Analysen lässt dem Leser die Möglichkeit, sich selber in die Figuren einzufühlen, die sich in ihrem Tun und Sein offenbaren.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Nicol Ljubić
Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2010 erschien mit ›Meeresstille‹ sein zweiter Roman, für den er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Verdi-Literaturpreis erhielt. Zuletzt gab er die Anthologie ›Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit‹ heraus. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

 

ljubicAlswäreAngaben zum Buch:
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423142892
Preis: EUR  9.90 / CHF 16.90

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Noah Hawley: Der Vater des Attentäters

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

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Lisa See: Tochter des Glücks

Mutterliebe überwindet alle Grenzen

Alles, was ich über meine Geburt, meine Eltern, meine Grosseltern und mich selbst zu wissen glaubte, war eine Lüge. Eine dicke, fette Lüge. Die Frau, die ich für meine Mutter hielt, ist eigentlich meine Tante. Meine Tante ist in Wirklichkeit meine Mutter. Der Mann, den ich als meinen Vater liebte, war überhaupt nicht mit mir verwandt. Mein richtiger Vater ist ein Maler aus Shanghai, den meine Mutter und meine Tante vor meiner Geburt geliebt haben. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs

Als Joy hinter die Geheimnisse ihrer Herkunft kommt, will sie ihren Wurzeln auf den Grund gehen und reist aus Amerika, wo sie aufgewachsen ist, nach China, um ihren Vater zu suchen. Sie ist zuerst sehr angetan von dem kommunistischen Land, in welchem ihr leiblicher Vater sich als Propagandamaler einen Namen gemacht hat. Als ihr Vater aufs Land geschickt wird, wo er sein Leben mit Malunterricht für Bauern ausfüllt, begleitet ihn Joy begeistert und bringt sich in das Leben auf dem Land ein, arbeitet auf dem Feld mit, verliebt sich in einen Bauernsohn, heiratet ihn. Nach der Hochzeit nimmt die hohe Zeit ein jähes Ende, Joy sieht sich mit Armut und Hunger konfrontiert, fängt an, das System zu hinterfragen, was unter Maos Regime nicht gern gesehen und höchst gefährlich ist.

Pearl, Joys Ziehmutter (und eigentliche Tante), weiss um die Gefahren im China dieser Tage, sie tut alles dafür, ihre Tochter wieder zur Vernunft und zurück nach Amerika zu bringen.

Joy mag vielleicht nicht meine leibliche Tochter sein, aber sie gehört zu mir, und ich würde alles für sie tun.

Tochter des Glücks ist die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln und ihrem Platz im Leben. Es ist ebenso die Geschichte einer bedingungslosen Mutterliebe  und der Beziehung zwischen Mutter und Tochter.  Hintergrund dieser Familiengeschichte ist die Situation in China zwischen 1957 und 1962. Als Leser wird man Zeuge der Nöte der Landbevölkerung, sieht den Hunger, die Armut und die Unterdrückung durch das maoistische Regime, welches alles daran setzte, wirtschaftlich zur Grossmacht zu werden und Grossbritannien und die USA zu übertrumpfen.

Lisa See erzählt eine tiefgründige, mitreissende und emotional aufwühlende Geschichte auf eine feinfühlige, leise Art ohne Pathos oder übersteigerte Emotionalität. Die Figuren des Romans sind mit viel Liebe gezeichnet, die Szenerie anschaulich und fast fühlbar plastisch dargestellt.

Fazit

Eine emotionale, tiefgründige, gut recherchierte und literarisch grossartig geschriebene Geschichte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Lisa See
Lisa See wurde in Paris geboren und wuchs in Los Angeles, in Chinatown, auf. Sie entstammt einer chinesisch-amerikanischen Familie. Sie arbeitete dreizehn Jahre lang als Journalistin, betreut als Kuratorin mehrere große Ausstellungen, die sich mit interkulturellen Beziehungen zwischen Amerika und China beschäftigen. Im Jahr 2001 wurde sie von der Organisation Chinesisch-Amerikanischer Frauen als »National Woman of the Year« ausgezeichnet; im Herbst 2003 erhielt sie den »Chinese American Museum´s History Makers Award«. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Los Angeles. Von Lisa See erschienen sind Auf dem Goldenen Berge (erhielt 1995 die »Notable Book«-Auszeichnung der New York Times), Der Seidenfächer, Töchter aus Shanghai.

 

SeeTochterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag (22. April 2013)
Übersetzung: Elke Llink
ISBN-Nr.: 978-3570100301
Preis: EUR  19.99 / CHF 32.90

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C.S.Forester: Tödliche Ohnmacht

Befreiungsschläge

Marjorie ahnte nichts von der drohenden Katastrophe, als sie vom Bahnhof kommend den Harrison Way entlangging.

ForesterOhnmacht Als Marjorie vom Ausgang heim kommt, findet sie ihre Schwester tot in der Küche. Alles deutet auf Selbstmord hin, auch wenn Marjorie dies nicht glauben kann. Marjorie ist Mutter zweier Kinder, verheiratet mit einem tyrannischen Ehemann, Tochter einer gewitzten Mutter, bald Geliebte eines netten jungen Mannes und gefangen in den Zwängen eines gutbürgerlichen Lebens. Ausbrechen geht nicht, bleiben auch nicht – das ist das traurige Fazit Marjories, welche jedoch keinen Ausweg aus der Misere sieht. Diesen erkennt nur ihre Mutter und führt fortan ihr Umfeld auf subtile Weise an den Punkt, ihre Befreiungsstrategie, welche auch eine Racheaktion ist, auszuführen.

Tödliche Ohnmacht verfügt über einen guten Plot, plastisch gezeichnete Figuren, lässt aber in Bezug auf Spannung sehr zu wünschen übrig. Verspricht der Klappentext ein fesselndes psychologisches Porträt, findet man dieses zwar, allerdings geht es unter in endlosen Alltagsbanalitäten, Ferienausflügen und flachen Dialogen.

Fazit:
Guter Plot mit hintergründigen Finessen und psychologischem Einfühlungsvermögen, welcher allerdings mit zu wenig Spannung umgesetzt wurde, um wirklich packend zu sein.

Zum Autor
C.S.Forester
Cecil Scott Forester wird am 27. August 1899 als Cecil Lewis Troughton Smith in Kairo geboren. Sein Vater, ein Beamter im ägyptischen Bildungsministerium schickt ihn zur Erziehung nach England, wo er anschliessend ein Medizinstudium beginnt, dieses aber zugunsten einer schriftstellerischen Laufbahn 1921 abbricht. Forester, wie er sich fortan nennt, arbeitet längere Zeit als Korrespondent für die Times in London und ist als Drehbuchautor für Hollywood (African Queen, Des Königs Admiral) tätig. Forester stirbt am 2. April 1966 in Fullerton, Kalifornien.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 280 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuchverlag (1. August 2013)
Übersetzung: Britta Mümmler
ISBN-Nr.: 978-3423249713
Preis: EUR  14.90 / CHF 24.90

John Williams: Stoner

Das Leben als harter Ackerboden

William Stoner, ein Farmerssohn, wird von seinem Vater an die Universität Columbia geschickt, um Agrarwissenschaften zu studieren. Das Studium gefällt ihm, einzig ein Literaturkurs bringt ihn an seine Grenzen und fordert ihn gerade deswegen heraus. Er wechselt ganz zur Englischen Literatur und vertieft sich mehr und mehr in die Materie.

Angesichts des Ziels, das er sich so leichtsinnig gesetzt hatte, fand er sich mit einem Mal schrecklich unzureichend und spürte eine Sehnsucht nach jener Welt, die von ihm aufgegeben war. Er trauerte um den eigenen Verlust und um den seiner Eltern, aber noch in seiner Trauer spürte er, wie es ihn fortzog.

Nach glänzend absolviertem Studium entschied er sich, als Lehrer an der Universität zu bleiben. Diesen Entscheid konnte auch der ausgebrochene Krieg nicht umstossen, während viele sich freiwillig meldeten, blieb Stoner der Universität treu, der einzigen Heimat, die er kannte ausser der alten auf der Farm, die keine mehr war. Stoner lernt eine Frau kennen, versucht sich trotz mangelnder Reaktion derselben in unbeholfenen Eroberungsversuchen und heiratet sie schliesslich – nicht zu seinem Glück. Stoners Leben scheint ein einsamer Kampf, den er unbeirrt ficht.

Er war zweiundvierzig Jahre alt; vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich erinnerte.

Das einzige Glück, das ihm im Leben beschieden scheint, wird ihn in unglücklich machen. Und doch geht Stoner seinen Weg weiter, unbeirrt, ruhig, manchmal mit einer Spur Humor.

Stoner ist das Buch eines eigensinnigen, eigenbrötlerischen Charakters, der sein Leben und seine Leidenschaft in der Literatur auslebt, weil das Leben neben dieser sich schwierig und als Kampf erweist. Er ist ein liebenswürdiger Mann mit Herz, nach dem er aber kaum je leben kann, weil das Leben und seine Mitstreiter ihm zu viele Hürden in den Weg legen. Trotzdem bleibt er seinem Weg treu, versucht, es allen recht zu machen, und hält sich durch seine Aufgaben aufrecht.

Stoner ist ein Roman über das Leben, über die Härten, die es mit sich bringt, ein Roman über das Leben an Universitäten und die Kämpfe, die da zu führen sind, einer über die Ehe und deren Schwierigkeiten und zuletzt ein Roman über die Liebe – gelebte und unlebbare.

Als William Stoner jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegen sehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder ein Gnadenstand noch eine Illusion war, vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.

John Williams ist ein sehr ruhiges, tiefes Buch gelungen, das einen nie loslässt, das trotz wenig Handlung packend ist, einen in eine Lebensgeschichte hineinnimmt und nicht mehr rauslässt. Man sieht William Stoner bildlich vor sich, wie er durch den Campus seiner Universität geht, man fühlt mit ihm, wenn er erlebt, was er erlebt. Man weiss nie, wieso er sich nicht wehrt, möchte ihm helfen, schaut trotzdem nur zu und muss weiter lesen, wie es endet. Stoner ist ein Buch über ein Leben mit vielen Tiefen, wenigen Höhen, man lebt es lesend mit – bis zum Ende.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen, das Leben und die Liebe. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
John Edward Williams
John Williams wurde 1922 in Texas geboren. Nach einem abgebrochenen Studium wurde er eher widerstrebend Mitglied des Army Air Corps. Während dieser Zeit entstand die Erstfassung seines ersten Romans, der später von einem kleinen Verlag publiziert wurde. Nach dem Kriegsende kehrte Williams zurück an die Uni und erlangte an der University of Denver seinen Master. An dieser Uni lehrte er auch von 1954 bis zu seiner Emeritierung 1985. John Williams veröffentlichte zwei Gedichtbände und vier Romane, von denen einer mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Er starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

WilliamsStonerAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. September 2013)
Übersetzung: Bernhard Robben
ISBN-Nr.: 978-3423280150
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90

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Milena Moser: Das wahre Leben

Was vom Leben bleibt, wenn man die Masken ablegt

Eine Siedlung in Zürich Seebach, ein Projekt des Miteinanders. Hier treffen problematische Jugendliche auf die an MS erkrankte Yogalehrerin Nevada, zu ihnen stösst Erika Keiner, eine sich als nichts und nichtig empfindende Frau aus gutem Hause, dem sie gerade den Rücken gekehrt hat, um ihr eigenes Leben zu finden.

Man kannte Max und Erika als eingespieltes Paar, das reibungslos funktionierte. Jeder Seitenblick sass, jede Berührung, jede halblaute Bemerkung. Es war gar nicht unbedingt so, dass diese Intimität, diese Vertrautheit gespielt war, es war mehr so, dass sie sich nur in Gesellschaft an sie erinnerten. Erika dachte, dass sie schuld sei an dieser Entfremdung.
Sie fühlte sich nicht geliebt, weil sie nicht liebenswert war. Das musste es sein.

Doch Erika verlässt nicht nur Max – wobei sie nicht mal sicher weiss, ob sie ihn wirklich verlassen kann oder nur, wie er sagt, eine Auszeit nimmt –, sie verlässt auch Suleika, ihre Tochter, für die sie sich insgeheim schämt, zu der sie keinen Zugang mehr findet, weil diese ihn vielleicht nicht will und sich unter Fettschichten davor schützt.

Auch Nevada sucht ihr eigenes Leben, eine Möglichkeit, mit den ständig stärker werdenden Schmerzen umzugehen. Als sie sich in einem Projekt mit schwierigen Jugendlichen wiederfindet, merkt sie, dass sie nicht alleine steht mit ihrer Behinderung, dass nicht alle anderen gesund waren, nur sie krank.

Nevada hatte verstanden, dass, in unterschiedlichem Ausmass, jeder versehrt war. Den einen war es bewusst, den anderen nicht. Die einen litten darunter, die anderen merkten es nicht. Die einen kämpften dagegen an, die anderen liessen es laufen.

Das wahre Leben ist ein modernes Märchen über die Schwierigkeiten des Lebens und die wundersamen Heilkräfte, die es ertragbarer machen. Es ist ein Märchen, das von Menschen handelt, die kein alltägliches Leben führen, in denen man sich aber trotzdem wiedererkennt, weil sie mit denselben Ängsten und Gefühlen zu kämpfen haben, wie man selber. Es ist ein Märchen des möglichen Miteinanders in Siedlungen, in dem jeder seinen Platz hat und jedem geholfen wird, weil alle hinschauen und helfen wollen. Es ist ein Märchen von Menschen, die ihre Fehler haben und lernen, dass Fehler zum Menschsein dazugehört. Die Menschen sehen in Zürich Seebach, dass sie, wenn sie sich ihren Schwächen stellen, ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und damit glücklich sein können. Das Leben ist nachher nicht rosarot und ohne Probleme, aber es ist ein „wahres Leben“, das sich durch diese Wahrheit gut anfühlt.

Das wahre Leben erzählt eine Geschichte, bei der man sich beim Lesen wünscht, dass sie kein Märchen sei, sondern Realität. Man möchte die Koffer packen und in dieses Zürich Seebach ziehen, im Kopf hat man es lesenderweise bereits getan. Milena Moser ist ein Buch gelungen, das man nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man tief und tiefer in die Geschichte eintauchen will. Es ist ein Buch, das man aber doch immer wieder beiseite legt, damit die Geschichte nicht zu schnell endet. Die Liebe, mit der Milena Moser ihre Figuren zeichnet, die feinfühlige Art, mit der sie aus deren Leben erzählt, lassen vor den Augen des Lesers eine Welt entstehen, die sich real anfühlt. Man ist geneigt zu sagen, dass hier eine Autorin zugange war, die ihr Handwerk versteht, die es vermag, Märchen zumindest für eine kurze Zeit real erscheinen zu lassen.

Fazit:
Ein einnehmender, feinfühliger Roman, in den man eintaucht und nicht mehr auftauchen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Milena Moser
Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

MoserLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3312005765
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90
Erhältlich bei jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH.