Das tut man nicht!

Blick? Den liest man nicht, das ist unterste Schublade, Boulevard-Journalismus. Wer etwas auf sich hält, der liest die NZZ. RTL? Das guckt man nicht, Arte oder vielleicht 3 Sat, alles drunter ist eine Sünde. Man geht auch nicht in Hollywood-Romanzen, man schaut B-Movies oder Kulturfilme, die niemand sonst schaut, weswegen sie in kleinen Randkinos laufen, die  morgen bankrott gehen. Rosamunde Pilcher liest man nicht, es muss Goethe sein. Wer etwas auf sich hält, wer ein wenig Intelligenz und Bildung besitzt, der muss achten, was er liest, schaut oder tut, sonst ist er ein Banause.

Im Aldi kauft man nicht, das wird alles mit Kinderarbeit in China oder sonst unethisch produziert. Im Lidl kauft man auch nicht, die beuten ihre Arbeitskräfte aus. Nach Deutschland einkaufen geht gar nicht, man muss die Schweizer Wirtschaft unterstützen. Überhaupt geht nur Biogemüse und Jutekleidung, artgerecht produziert und arbeiterfreundlich gewonnen.

Man muss den Nachbarn grüssen, selbst wenn man ihn nicht kennt, man muss sich um den Gatten sorgen, wenn er krank ist, selbst wenn der nervt mit dem Gejammere, man muss die Tante anrufen, wenn sie Geburtstag hat, selbst wenn man das ganze Jahr nichts von ihr gehört hat und man muss sich über des Kindes Windelfüllung freuen, da die Kleinen ja so schnell gross werden. Man muss als Frau arbeiten, sonst betreibt man Verrat an der Frauenrechtsbewegung und man muss das alles gut nach aussen tragen, sonst geht man unter.

Oft hört man, der Staat auferlege zu viele Gesetze, lege den Menschen in Ketten, reglementiere alles und habe eine überbordende Bürokratie. Die Zwänge, die der Mensch sich selber auferlegt sind um Welten grösser. Die ungeschriebenen Gesetze übertreffen alle Gesetzbücher dieser Welt und wer sie nicht kennt und vor allem, wer sie nicht befolgt, der ist ganz schnell aussen vor. Der sitzt in den Nesseln, in die er sich selber gesetzt hat. Wer ein „du musst“ übersieht, der hat ganz schnell das Nachsehen und stottert bei der nächste Frage „Und was machst du den ganzen Tag?“, „Was schaust du im TV?“, „Wo hast du deinen Skianzug gekauft?“.

Ich lese täglich meinen Blick, kenne die Serien von RTL, mag die eingelegten Schalotten vom Aldi und die Salami von Lidl. Ich schaue nie Arte und pfeife auf die sich nie meldenden Tanten. Was ich verdiene, erzähle ich trotzdem nicht, da es höchstens aussagt, was auf mein Konto einbezahlt wird und nie, was ich wert bin. So wie der ganze Rest auch. Bin ich wirklich so schräg? Ich vergass, dass ich Pilcherfilme mag – muss aber gestehen, dass ich Goethe trotzdem kenne – sogar das Gesamtwerk – wer noch?

Was ist Familie?

Fragte man vor einigen Jahrzehnten, was Familie ist, so war die Antwort einigermassen einfach: Vater, Mutter, Kinder im innersten Kreis, dazu kamen Onkel, Tanten, Cousinen, Grosseltern, Grosstanten. Alles einfach, alles einigermassen linear. Dann begann es, schwierig zu werden. Innerste Kreise brachen auf. Wo vorher Vater, Mutter Kinder waren, blieben Mutter und Kinder hier, Vater und Kinder dort. Als ob das nicht genug wäre, gesellten sich auch Onkel, Tanten, Cousinen und Grosseltern zu den jeweiligen Elternteilen, zu denen sie ursprünglich gehörten. 

Verstandesmässig ist die ganze Sache immer noch einfach zu verstehen. Sie ist auch rational nachvollziehbar und liegt im alten Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ begründet. Blickt man tiefer, wird es schwerer. Man heiratet eines Tages aus Liebe einen Menschen und kriegt eine neue Familie dazu. Im besten Fall wird man willkommen geheissen, hört Sprüche, die einen als neue Tochter, neuen Sohn begrüssen. Bricht die Ehe, wird man oft zum verstossenen Sohn, zur fallengelassenen Tochter. Man steht wieder alleine da. Zurück bleibt das Gefühl, nur aufgrund der Liaison angenommen worden zu sein. Es ging gar nie um einen selber.  

Nun könnte man also sagen, dass die Welt böse und schlecht geworden ist, früher alles besser war. Allerdings würde man dabei vernachlässigen, dass man von einem sehr idealen Bild einer sehr heilen Welt ausgegangen ist. Früher waren vielleicht Scheidungen weniger aktuell, dafür starben Mütter weg, Familien waren nie in dem Sinne aktuell, wie wir sie heute als Idealbild vor Augen haben, und Schwiegermütter mochten Schwiegertöchter nicht (auch da ging es selten um den Mensch, mehr um die Rolle). Dann war auch kein eitel Sonnenschein und alles war genauso kompliziert. 

Erschwerend ist wohl der Wechsel der Gefühle. Erst grosse Liebe und Familie, dann grosse Leere und Verstoss. Das Wechselbad macht die Situation schwierig. Wo liegt die Lösung? Ausrufen „habt euch alle lieb“? Sich nie auf neue Modelle einlassen, weil sie zerbrechen könnten? Dann dürfte man gar keine Beziehungen mehr eingehen, denn Partner gehen, entlieben sich oder werden entliebt, Eltern werden älter, man selber flügge, Hunde entlaufen und alle miteinander sterben sie irgendwann.

Damit würde man aber all die schönen Momente verpassen, würde sich um viel Glück betrügen und wozu? Weil die Gefahr bestehen könnte, dass es nicht hält, dass es kein ewiges Glück ist? Aber ist Glück je ewig? Sind es nicht immer neue Glücksmomente, die einem das Leben schön machen, um wieder zu gehen, bis ein nächster kommt. Das Leben ist ein ständiger Wandel, was so auch gut ist, denn sonst stünden wir noch heute da, wo wir vor 5/10/20 Jahren waren. Wir hätten keine neuen Erkenntnisse gewonnen, uns nicht weiter entwickelt. Kaum einer fände das erstrebenswert. Zum Wandel des Lebens gehört auch, gewisse Dinge loszulassen, wenn die Zeit dazu reif ist.

Das gilt auch für Menschen. Es gibt Menschen, die streifen dein Leben, werfen dir einen Blick zu. Es gibt Menschen, die treten in dein Leben, zeigen dir etwas, gehen wieder. Und es gibt Menschen, die kommen, um zu bleiben. Für eine Zeit, für lange, für sehr lange. Alle haben ihren Platz, alle ihre Bedeutung. Ob man diese Menschen nun Familie, Freunde, Geliebte, Bekannte nennt, ist dabei gar nicht so wichtig. Wichtig ist, das Gefühl anzunehmen, das sie einem geben in dem Moment, in dem sie da sind. 

Es geht mir gut

Das Leben ist nicht einfach, überall lauern Gefahren, überall stösst man auf Dinge, die man lieber anders hätte, die schwierig sind, die Freude trüben, Probleme aufwerfen. Man verliebt sich, verlobt sich, heiratet, kriegt Kinder und wumms, ist alles dahin. Das alleine wäre schon schwer genug, aber damit fängt der Ärger erst an. Von nun an ist man damit beschäftigt, das Kind hin und her zu schieben und die Schieberei zu organisieren. Man kämpft mit Verlustängsten des Kindes wegen und mit Neidgefühlen dem Ex gegenüber, der es immer irgendwie besser hat, als man selber. Das gilt für beide Partien, denn jeder sieht die Trauben beim anderen süsser. Dass mittendrin noch ein Kind steht, macht es nicht einfacher, sondern potenziert die Qual. 

Man muss nicht mal so weit gehen. Es gibt schon früher Ärger. In der Arbeitswelt, von der Schwiegermutter, in der Nachbarschaft, überall kann er lauern und einen anspringen. Nichts ahnend geht man durchs Leben und trifft ihn an. Und zahlt dann den Preis dafür, obwohl man ihn nicht suchte (die wenigen streitsüchtigen und Ärger suchenden Exemplare der menschlichen Spezies lassen wir hier mal aussen vor). Und weil man diese Erfahrung immer wieder macht, programmiert sich das menschliche System so, dass es mögliche Gefahren schon erkennt, wenn diese noch nicht mal wirklich greifbar sind. Wie ein Radar werden potentielle Gefahrenherde erkannt, die Alarmglocken springen an und die Phantasierstube beginnt, die schlimmsten Möglichkeiten auszumalen. Die Laune sinkt. 

Was mir an Talent auf der Leinwand fehlt, das schafft meine Phantasierstube: In den buntesten Farben zeichnet sie. Sie erkennt alles, was nur irgendwo problematisch sein könnte. Um keine Farbe verlegen, wird alles bis in die letzte Ecke ausgemalt. Man sieht die Gefahr, zeichnet die Folgen, fühlt förmlich die daraus resultierenden Gefühle. Und weil es damit nicht getan ist, hinterfrage ich mich, die Gefühle, die Situation, die Gefahr und schreibe. Und durch das Schreiben ergibt sich ein Ventil, der Dampf geht ab und eine Zufriedenheit stellt sich ein. Was vorher brodelte, kommt zur Ruhe, es ist verarbeitet und damit ist die Welt wieder im Lot. Bis zum Nächsten.

Schaut man auf Künstlerbiographien, sieht man viele Strudel, viele Krisen, viele Gefahren. Stimmt das alte Klischee des leidenden Künstlers? Bringt Leiden Kreativität mit sich? Ich weiss es nicht, ich bezweifle es. Ich denke eher, es ist das zartfühlende Wesen, das offen ist für die leisen Töne, für die Tasten des Lebens, die oft erst angeschlagen werden müssen. Doch führt diese Sensibilität wohl oft auch zum Leid. Man hört die Melodien zu vieler unangeschlagener Tasten und verzweifelt daran. Man schmilzt zu ungespielter Musik dahin. Etwas ist wohl dran. So lange ich hadere, zweifle, fürchte, fliessen die Buchstaben.

Heute geht es mir gut. Das Leben hat mich überrascht. Ein stilles Einzelkind ohne grosse Familie wurde in ein Familienfest der grossen Art geworfen. Es haderte vorher, vermisste schon im Vorfeld seine Ruhe, seinen Trott, seinen Alltag, sah sich Gefahren ausgesetzt und wollte ihnen bis zu letzt entgehen – ohne Erfolg. Und kam aus der Geschichte mit viel Freude, Zufriedenheit und einem ruhigen Geist. Und mit viel Liebe.

Und ich merkte, dass mir meine Ruhe, mein Trott, meine kleine Welt keinen Augenblick gefehlt hat. Und ich spürte, dass alle Ängste vergebens waren, weil sie unbegründet waren. Und ich merkte, dass es ab und an gut ist, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich muss sagen: Es geht mir gut. So gut, wie kaum je. Und das ist schön so und es soll so bleiben. Das Leben birgt wohl Gefahren, ich habe einige davon erlebt. Noch viel mehr habe ich sie mir ausgemalt und sie schon ungeschehen gefürchtet. Reichen nicht die tatsächlichen aus? 

Der Mensch und das Leben

Heute blätterte ich in meinem Gedichtebuch und schlug spontan die Seite mit folgendem Gedicht auf:

Der Mensch

Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

Matthias Claudius hat dieses Gedicht 1783 verfasst. Er war zu diesem Zeitpunkt 43, hangelte sich von Stelle zu Stelle, jede sah anfangs vielversprechend aus, endete aber im Nichts. Der finanzielle Erfolg blieb aus. Das Leben als Hamsterrad, ständiger Neuanfang, Aufbau und jäher Absturz. Kein Wunder kam er zu einer solch pessimistischen Sicht. Oder ist sie realistisch?

Das Bild vom Aufbau, Erhalt und von der Zerstörung, dieser Kreislauf des Lebens taucht auch in der östlichen Philosophie auf. Der Hinduismus ordnet den drei Prinzipien die Götter Brahman, Vishnu und Shakti zu. Es scheint sich dabei um eine universale Erfahrung zu handeln. Damit könnte man sich abfinden, sich denken: So ist es halt, das ist das Leben.

Der Mensch strebt aber nach mehr. Er möchte Glück, möchte Erfolg. Er kann mit Zerstörung nicht umgehen, sie bedeutet für ihn Verlust, Versagen und das will er nicht annehmen, das möchte er weit aus seinem Leben streichen. Der Wunsch kann noch so gross sein, schlussendlich nehmen die Dinge immer ihren Lauf. So wie das Leben selber ein Kommen und Gehen ist, so passiert das auch im Kleinen. Alles, was ist, kam irgendwann und geht folgerichtig irgendwann wieder. Das hat man nicht in der Hand. Man kann hadern, Theorien erfinden, Strategien ausdenken, den Lauf der Dinge wird man nicht ändern. 

Was man in der Hand hat, ist die eigene Haltung dazu und auch, wie man diesen Lauf für sich prägt, gestaltet. Mann kann entscheiden, was man aufbauen will, kann seine Kraft in den Erhalt der positiven Werte geben und am Schluss schauen, dass die Zerstörung kein Untergang, sondern Platz für etwas Neues ist. Das Leben steht nie still und so wenig tun wir Menschen es. Zu denken, was mal erbaut ist, steht ewig, wäre gleichzusetzen mit einem Todeswunsch. So lange die Dinge leben, bewegen sie sich. Das erfahren wir oft als Bedrohung, weil wir den Verlust fürchten. Sähen wir es als Chance, könnten wir mit Freude darauf zu gehen. Oder ist die Welt wirklich perfekt, wie sie ist?

Ohne Liebe ist alles nichts

Gestern liebt‘ ich,
Heute leid‘ ich,
Morgen sterb‘ ich:
Dennoch denk‘ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.

Gotthold Ephraim Lessing hat dieses Gedicht geschrieben. Zwar trägt es den Titel Lied. Aus dem Spanischen, allerdings findet sich trotz Suchen kein spanisches Original, das diesem Gedicht nur ähnlich sähe. Dazu kommt, dass es zu gut in die Biographie des Dichters passt und dadurch darauf hindeutet, dass er mit dem Nachsatz, von sich ablenken, dem Gedicht einen allgemeinen Anstrich geben wollte.

Liebe gilt als höchstes der Gefühle. Wir alle streben danach, suchen sie, brauchen sie gar zum Überleben. So gewünscht und gewollt sie ist, so schwer kann sie auch sein. Die Liebe ist ein Wagnis. Sich darauf einzulassen bedeutet immer ein Risiko, denn nichts macht verletzlicher, als zu lieben und diesem Gefühl freien Lauf zu lassen. Der Geliebte besitzt eine Macht und eine Kraft, die alles übertrifft. Und doch kommt man nicht davon los, sie zu ersehnen. Man nimmt das Leiden in Kauf, nimmt sogar den eigenen Tod in Kauf, nur um diese Liebe spüren und erleben zu können.

Lessing spricht nur von sich. Die Geliebte ist kein Thema. Das Gefühl des Liebens ist an sich schon Glück bringend. Das Wiedergeliebtwerden verdoppelt dieses Glück, aber davon ist hier nicht die Rede. Das Ich steht im Zentrum, es erscheint vier Mal in sechs Zeilen. Es ist die Innensicht eines vormals Liebenden, der nun der Liebe entbehrt, leidet, gar sterben wird, aber trotzdem zurück denkt. Damit geht er auf die rationale Ebene. Er denkt. Er fühlt nicht mehr nur, er denkt auch noch. Und selbst beim Denken erscheint das Fühlen richtig. Trotz des Wissens, wie es endete. Der Verstand rechtfertigt das Gefühl. Das vergangene Gefühl. Es rechtfertigt ein Gefühl, das zum Leid führte, was zeigt, dass das Fühlen des Gefühls, der Liebe, das Leid, das resultieren kann, übertrifft. Und das ist wohl der Grund, wieso man das Risiko immer und immer wieder eingeht. Weil man weiss, dass dieses Gefühl alles übertrifft und jedes Leid wert ist. Selbst wenn man beim Scheitern schwört, nie mehr lieben zu wollen, nie mehr vertrauen zu wollen. Schlussendlich siegt die Sehnsucht nach der Liebe.

Wie schrieb schon Goethe:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
nach jener Seite.
Ach! Der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide
Nur wer die Sehnsucht kennt
Weiß was ich leide!

Die Sehnsucht ist erst gestillt, wenn die Liebe wieder da ist. Denn: Ohne Liebe ist alles nichts.

Aus Fehlern lernen

Man geht durchs Leben und möchte eigentlich alles richtig machen. Ich denke, niemand sagt sich, ich mache es mal genau falsch. Vielleicht macht man ab und an Dinge, von denen man denkt, sie seien auf die eine Seite vielleicht nicht ganz sauber, aber auf einer anderen eben doch. Das nennt sich dann Interessenkonflikt und den muss man irgendwie lösen – meist auf die Weise, dass die höher gestellte Option in der eigenen Wertung zum Zug kommt.

Nicht selten zeigt sich im Nachhinein, dass etwas, das man vorher gut und richtig fand, der Weg, den man vorher wert fand, zu gehen, in einer Sackgasse mündet oder zu einem Ziel führte, das man so nicht wollte. Umdrehen ist selten möglich und wenn, hat man mindestens Zeit verloren. Doch was hat man gewonnen?

Es heisst, aus Fehlern werde man klug. Man sieht, dass das, was man beschlossenerweise tat, nicht das Richtige war. Man lernt daraus, dass a) die Beweggründe falsch gewesen sein müssen, b) man etwas übersehen haben muss, c) man vielleicht gar nicht dahin wollte, es sich nur einbildete oder d) was weiss ich der Fall war. Auf alle Fälle: Es war FALSCH.

Was nun? Die Vergangenheit wird man nicht ändern können. Man kann nur in die Zukunft nehmen, was man aus ihr lernte. Ab und an kann man gewisse Dinge zurecht biegen, manchmal ist es verloren, man muss damit leben und das Ergebnis als Lehrgeld nehmen. Nach dem Motto: Shit happens.

Ich kriegte kürzlich den Rat: Vergiss es. Kann man das? Einfach drüber gehen, vergessen, was war, weiter gehen? Würde man damit nicht einen Teil der eigenen Geschichte verneinen und die Möglichkeit, eine Lehre zu ziehen? Es gibt wohl Menschen, die einfach vergessen können. Die weiter gehen, als ob nichts gewesen wäre, auf zu neuen Taten, auf zu neuen Ufern. Das ist sicher eine Möglichkeit. Und vermutlich die einfachste, da man nie in sich hinein schauen muss, nie sich hinterfragen muss, was man selber falsch machte. Im besten Fall schiebt man beim Vergessen den Schwarzen Peter dem anderen zu und vergisst dann mit triumphierendem Gefühl. Verlockend eigentlich.

Was ist dabei gewonnen? Wohl wenig. Die Situation wird nicht anders, man schaut nur nicht mehr hin. Das ist zwar für den aktuellen Fall erlösend, allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass es einen nächsten, ähnlich gelagerten geben wird. Das Leben richtet es so ein, dass man gewisse Lehren ziehen muss. Es führt einen so lange in ähnliche Situationen, bis man sie bewältigt hat. Der Buddhismus richtet dazu die Wiedergeburt ein, weil er nicht glaubt, dass man es in einem Leben schaffen kann. So oder so: Wir sind wohl da, um zu lernen. Lernen heisst, dem Leben standzuhalten, es zu überleben – bis zum Tod. Der ist unvermeidbar. Ob er einmal oder gar zweimal geschieht, wie James Bond sagt, weiss man nicht so genau. Aus den eigenen Fehlern zu lernen kann dabei aber sicher nicht schaden.

Und damit danke ich all meinen Lehrern, die mein Leben um viele Gedanken bereicherten, danke den Gedanken, die mich ab und an im Kreis drehen, immer aber auch weiter kommen liessen und danke den Kräften, die dazu beitrugen, dass ich alles aushielt und den Weg weiter ging.

Womit habe ich das verdient?

Oft fragt man sich im Leben, wenn einem Schlechtes widerfährt, womit man das verdient hat. Was hat man getan, um so bestraft zu werden? Wieso trifft es einen und keinen anderen – wobei man es niemandem wünschen würde, nur nicht selber haben möchte. Ab und an fragt man sich auch in schönen Momenten, wie man sie verdient habe. Womit den tollen Mann, womit die Glücksmomente. Und nie kriegt man eine Antwort.

Man ist wohl eher bereit, das Gute als verdient anzusehen als das Schlechte, denkt wohl eher, dass dieses angebracht ist. Das Schlechte würde man lieber von sich weisen, sieht es als Irrtum, als ungerecht, als Fehler im (Lebens-)System. 

Die Frage nach dem Warum entspringt der menschlichen Suche nach Sinn im Leben. Alles muss einen Sinn ergeben, denn nur so ist es logisch nachvollziehbar. Mit dem Verstand nicht Erfassbares ist schwer einzuordnen, es kann auch Angst machen, da man es nicht unter Kontrolle hat. Man weiss nicht, wie einem geschieht, kann nichts dagegen tun, wenig dafür. Doch wer sagt, dass die Dinge wirklich Sinn ergeben müssen? Wer sagt, dass das Leben sinnvoll ist, hinter dem Leben ein tieferer Sinn steht? 

Haben wir das Leben verdient? Wir sind quasi reingeworfen worden. Ein kurzer Moment des Spasses, eine zufällige siegreiche Vereinigung von Zellen und daraus entstand das, was wir „Ich“ nennen, was wir als unseren Körper, unser Sein begreifen. Wenn wir das Leben an sich nicht verdient haben, wie sollen wir das, was in ihm passiert verdienen? Ist es nicht genauso Zufall wie alles andere? Sinn des Lebens an sich ist allgemein das Überleben. Evolutionär kommt es zu einer natürlichen Selektion aufgrund verschiedener Kriterien. Das, was bleibt, überlebt, der Rest geht unter. 

Der Mensch will mehr als bloss zu überleben. Er will Glück, will alles, was gut ist, was richtig ist. Den Rest möchte er ausklammern, da er ihm sinnlos erscheint. Und was sinnlos ist, scheint wertlos. Und wenn man nicht mal einen Grund dafür erkennen kann, wieso man sich damit rumschlagen soll, dann hat man es schlicht nicht verdient. Trotzdem ist es da und man muss sich wohl damit abfinden, dass das Leben nie eigener Verdienst ist. Einiges hat man in der Hand (oder glaubt das zumindest), anderes fällt einen aus heiterem Himmel an, ob gut oder schlecht. Aufgabe im Leben ist es, damit umzugehen, Dankbarkeit für all das Gute zu empfinden und Gelassenheit und Mut, das Schlechte zu tragen. 

Angst

Ängste sind evolutionär gesehen Überlebenshelfer. Die Angst löst Reaktionen auf als solche erkannte Gefahren aus, was im Falle eines Raubtiers überlebenswichtig sein kann. Fehlte die Angst, würden wir uns unbedarft in gefährliche Situationen begeben und damit unser Leben aufs Spiel setzen oder gar verlieren.

Angst ist also durchaus sehr sinnvoll, auch wenn wir sie eigentlich nicht mögen. Sie steht auf der Liste der von uns als negativ wahrgenommenen Gefühle, weil wir nicht ihren Nutzen sehen, sondern nur das Gefühl als solches, welches unangenehm, beengend, niederdrückend erscheint. 

Angst kann aber durchaus auch negativ auf unser Leben wirken. Nicht immer sind wir in Gefahr, von einem Raubtier gefressen zu werden, nicht immer droht von überall Gefahr, wo wir sie sehen. Ab und an sehen wir Gefahren, wo keine sind, gründen unsere Ängste auf Vorstellungen, die von Ereignissen in unserem Umfeld, aus vergangenen Erfahrungen oder ähnlichen negativen Auslösern stammen. Diese Angst lähmt uns, ohne dass wir einen realen Grund ausserhalb unserer Vorstellung dafür haben. 

Angst und die Reaktion darauf sind unbewusste Vorgänge. Müsste man zuerst bewusst überlegen, was man tut, wäre es oft zu spät. Die Mechanismen laufen im Gehirn ab, ohne dass man es merkt. Leider tun sie das sowohl bei der gegründeten Angst wie auch bei der unbegründeten. Ich habe Panik vor Spinnen. Eine Nachbarin wusste das und als wir mal nachts vor dem Haus sprachen, sagte sie warnend, ich wolle mich nicht umdrehen, hinter mir sei eine grosse Spinne. Ich dachte, gewarnt zu sein, genügend Abstand zu haben, ich könnte also, so dachte ich, mich umdrehen und der Spinne quasi ins Auge sehen. Kaum umgedreht, die Spinne erblickt, entglitt mir ein dermassen gellender Schrei, dass wohl die ganze Nachbarschaft senkrecht im Bett stand. Ich hatte keine Chance, das zu unterdrücken. Diese Reaktion passierte auch schon in überfüllten Zügen und an anderen dafür peinlichen Orten. Mittlerweile nehme ich sie mit Humor und hatte damit mal meine wohl witzigste Zugfahrt überhaupt – ein ganzer Wagen lachte mit. 

Spinnenphobien, Höhenangst und Panik in engen Räumen kann man in den Griff kriegen, heisst es. Wie ist es mit anderen Ängsten? Solchen, die noch mehr psychischer Natur sind? Die Angst, unheilbar krank zu sein oder werden? Die Angst, den geliebten Menschen zu verlieren? Die Angst, die Stelle zu verlieren, nicht über die Runden zu kommen, ausgelacht zu werden, weil man ist, wie man ist oder tut, was man tut? Diese Angst kann auch vor den befürchteten Gefahren schützen, aber meist schützt sie auch vor ganz vielen schönen Momenten, die man nicht geniesst, weil man bereits die Angst im Hinterkopf hat und die Gedanken, womit dieses Glück zerstört werden könnte. 

Da sitzt man dann und denkt sich aus, was alles passieren könnte. Man sieht die Gefahren förmlich vor sich und kann kaum umhin, etwas anzuzweifeln, das in so vielen Farben und detailgetreu ausgemalt ist. Und klar, die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, besteht immer. Schlussendlich ist das Leben immer ein Risiko. Schon mein 10jähriger Sohn hat kürzlich die Weisheit „erfunden“: Man hat im Leben auf nichts eine Garantie, nicht mal auf das Leben selber.“

Die Frage ist, ob wir uns wirklich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen die momentan erlebte Wahrheit kaputt machen wollen, nur weil wir uns von unseren Ängsten leiten lassen. Klar haben sie eine Berechtigung, man will nicht blind ins Unglück rennen. Oft suchen wir die Unglück bringenden Details aber förmlich, statt darauf zu vertrauen, dass es auch gut kommen könnte. Und ab und an führen wir das Unglück fast herbei, indem wir es heraufbeschwören. Da vieles davon unbewusst abläuft in dem Moment, in dem es passiert, ist es wohl schwierig, sofort umzuschwenken und anders zu funktionieren. Veränderungen des Verhaltens passieren langsam. Sie basieren auf einem Lernprozess des Hirnes, welcher sich wiederum aus Lernprozessen durch Ereignisse und Umfeld speist. 

Schlussendlich hilft es wohl, genau hinzusehen, was wirklich ist, sich die positiven Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen, statt immer nur der negativen wegen zu hadern. Und je positiver die Sicht, desto positiver fällt auch die Bewertung der Dinge aus. Nicht blind soll es geschehen, nicht naiv, aber realistisch und der Situation angepasst, nicht durch negative Bildmalerei geprägt. 

 

Zu sich stehen

Austausch zwischen Frauen:

„Heute treffe ich Klaus.“

„Klaus ist nett, der gefiel mir immer.“

„Stört es dich, wenn ich Klaus treffe?“

(Und wie es mich stört, ich mag das nicht.) „Nein, kein Problem, mach nur, ist ja nicht mein Besitz!“

„Ich kann es wirklich lassen, er und das Treffen bedeuten mir nichts.“

„Nein, geh nur.“ (Du kannst doch selber merken, dass du das Treffen absagen solltest, muss ich drum betteln?)

 

Szenen einer Ehe:

„Ich gehe heute noch weg, ist das ok?“

(Eigentlich wäre ich froh, heute nicht alleine zu sein) „Ja, geh nur. Ich hätte zwar noch etwas besprechen wollen, das reicht aber morgen.“

„Bist du sicher? Ich kann auch hier bleiben.“

„Nein, geh nur, ist schon ok.“ (Du kannst doch selber merken, dass du bleiben sollst, muss ich betteln?)

„Ok, dann gehe ich, wir besprechen es morgen.“

 

Und während der eine tut, was er ankündigte und was ihm so geraten wurde, zürnt der andere, dass er es tut und nicht merkte, dass die Worte nicht ehrlich, der Wunsch ein anderer war. Hatte er zu wenig Feingefühl? Wusste er insgeheim, dass er nicht sollte, überhörte das aber und machte einfach, was er vorhatte? Log er sich vor, dass es ja ok sei, man die Erlaubnis eingeholt und verbal gekriegt hatte. 

Die Folge solcher Szenen sind meist verletzte Gefühle gefolgt von Vorwürfen gefolgt von Streit, im schlimmsten Fall Zerwürfnissen. Die Schuld wird dem zugeschoben, der getan hat, was nicht gewollt war. Weil er es tat. Weil er die eigenen Wünsche nicht erfüllte, von denen er gar nichts gewusst hatte. Die er vielleicht geahnt hatte, aber dann dachte, den Worten trauen zu können. Vielleicht ahnte er sogar, dass er denen nicht trauen konnte, dachte aber, dass es nicht so schlimm sei, er ja nichts böses tue. Doch die Falle schnappt zu. 

Wieso fällt es einem ab und an so schwer, zu den eigenen Wünschen zu stehen? Wohl, weil man sich keine Blösse geben will. Man möchte nicht bitten, nicht betteln. Man möchte stark erscheinen, über der Sache stehend. Was man im Vorfeld in Worten gut hinkriegt, im Nachhinein aber in Taten zurücknimmt. Und damit noch viel mehr die eigene Verletzlichkeit demonstriert. Doch das kümmert nicht. Man ist in Wut, in Rage, fühlt sich im Recht, sieht den anderen als Schuldigen für das eigene Leid, das eigentlich durch das Verneinen der eigenen Wünsche zustande kam. 

Eigentlich weiss man schon beim Verneinen der eigenen Wünsche, dass dieses Spiel nicht gut enden kann. Man kennt den Lauf der Dinge irgendwann. Und doch haut man immer wieder in dieselbe Kerbe. Kommt aus diesem Muster nicht raus, das aus verschiedenen Komponenten besteht:

  • Sich keine Blösse geben, über den Dingen stehen
  • Sich unterzuordnen und zu denken, die eigenen Wünsche wiegen weniger als die des anderen
  • Dem Denken, dass man eigentlich nicht richtig handelt, etwas zu verbieten
  • Selbstzweifeln generell
  • Ängsten
  • Frust
  • etc.

Der erste Schritt aus dem raus ist wohl, das Muster zu erkennen, hinzuschauen, was abläuft und zu sehen, was dabei heraus kommt. Sieger gibt es auf diesem Weg keine, verlieren tun am Schluss alle. Jeder auf seine Weise. Der zweite Schritt wäre wohl, sich selber ernst zu nehmen und sich zu trauen. Sich zu trauen zu seinen Wünschen zu stehen, zu seinen eigenen Bedürfnissen zu stehen und zu sehen, dass diese gleich viel wiegen wie die des Anderen. Dass man sie ausspricht heisst nicht, dass der andere danach genau danach handelt, aber er weiss, woran er ist, wirklich ist. Und kann das in seine Entscheidung miteinbeziehen. Selbst wenn er dagegen handelt, fühlt man sich besser, weil man sich selber ernst genommen hat, für sich selber einstand. Man machte die eigenen Wünsche nicht klein, versteckte sie nicht, sondern stand hin und sagte:

„Das bin ich, das will ich.“

Das ganz normale Leben

Es gibt  Tage, da fehlen einem irgendwie die Worte. Man erlebt und erfährt Dinge, die man nicht für möglich hielt, muss sie irgendwie im Hirn sortieren, ohne dass wirklich Ordnung resultiert. Man fühlt die ganze Bandbreite der Gefühle, die je fühlbarer sie werden, desto unbenennbarer scheinen.

Mein Weg, mit solchen Dingen umzugehen, ist, darüber zu schreiben. Irgendwann, wenn alles zur Ruhe gekommen ist, der Tag still wird, beginnt meine Zeit der Verarbeitung. Und so sitze ich nun hier. Es ist Nacht, alles schläft, die Eindrücke eines Konzerts wirken noch nach und langsam kommen all die Fragezeichen des Tages wieder hoch.

Mehrmals am Tag hätte ich gerne rausgeschrien. Mein Unverständnis, meine Hilflosigkeit, meine Trauer, meine Wut. Und nun, da alles in die Tasten soll, ist es nicht schreibbar. Nicht, weil es keine Worte gäbe. Aber es betrifft nicht nur mich. Es sind andere Menschen involviert. Kann ich einfach Dinge breittreten, die andere Menschen betreffen? Verletze ich damit nicht ihre Grenzen, ihre Gefühle? Klar würde sie niemand erkennen, der sie nicht kennt oder mich nicht kennt. Wenn mich jemand kennt, gut kennt, könnte er es herausfinden. Und wenn derjenige, der gemeint ist, es liest, wird er sich wiedererkennen. Und es könnte ihm nicht recht sein. Trotz der eigentlichen Anonymität. Irgendwie fühlt es sich falsch an, diese Grenze so bewusst zu überschreiten.

Zurück bleiben die Fragen. Die drehen in meinem Kopf und kommen nicht raus. Ich könnte alles in ein geheimes Tagebuch schreiben, dieses im Safe verschliessen und gut ist. Nur hilft das nicht. Irgendwie. Ich habe mittlerweile ganze Seiten gefüllt, wieder gelöscht. Über selbstgerechte Männer, die Frauen betrügen, über Frauen, die sich an verheiratete Männer heranmachen, deren Familien den Familienvater ausspannen und ihn dann drangsalieren – und damit dem Kind nochmals einen Schaden zufügen. Über Egoisten, die die Macht nutzen, die sie sehen, egal, wie unfair, unverhältnismässig und vermessen sie ist. Über den Menschen allgemein, wie er sich immer selber der Nächste ist, egal, was das für das Umfeld bedeutet.

Ich habe meinem Unmut darüber Luft gemacht, meine Wut in die Tasten gehauen. Und alles wieder gelöscht. Es scheint keine Worte zu geben, es scheint, als ob alles die öffentlich mögliche Sprache überschreitet. Doch im Innern brodelt es. Und es findet kein Ende. Findet keine Lösung, keine ER-Lösung.

Ab und an wünsche ich mich auf eine einsame Insel, auf der niemand ist. Auf der ich mit meinem Hund über die Wiesen laufen könnte, frei, unbeschwert, ohne all diesen Mist, der mein Hirn zermartert. Udo Jürgen singt in einem Lied, dass die Seele voller Narben sind, man Angst hätte, sie brechen auf und sich drum nicht auf das Leben, die Menschen, Beziehungen einlassen möchte. Wie recht er hat.

„Beziehungen sind schwierig.“ Das schrieb mir heute ein Mensch, der mir mal nahe war. Er liess mich damals durch die Hölle gehen. Im Moment scheint er da zu sein. Wieso kann ich mich nicht freuen, denken „geschieht ihm recht“? Er tut mir leid. Von Herzen. Und er hat recht. Sie sind verdammt schwierig. Weil sie in einem Spannungsfeld von Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen, Erwartungen und Überforderungen stehen. Schaut man die Sache wissenschaftlich an, weiss man, dass komplexe Systeme mit mehr als zwei Komponenten unvorhersehbar sind. Wie also soll man wissen, wie Beziehungen herauskommen, wenn so viele Punkte drin stecken? Wie kann man sich auf ein solches Risikospiel einlassen?

Weil man wohl ohne nicht leben kann. Nur sollte man sich dann vielleicht einmal darum bemühen, realistische Erwartungen daran zu setzen. Nicht ständig die rosa Wolke zu erwarten und gleich Gewitterwolken aufziehen lassen, wenn mal die Sonne fehlt. Nicht gleich den Bettel hinwerfen, wenn verlockendere Bagage an der Gepäckausgabe steht. Aber das scheint in einer Zeit, in der nichts unmöglich und die Welt so, wie man sie sich denkt, werden kann, überholt.. Komisch nur, dass immer mehr Menschen krank werden, zerbrechen gar. Vielleicht sollte man die Möglichkeiten halt doch mal endlich und das Leben nicht als Wunschkonzert, sondern als harte Realität sehen, in der es wunderbar tragend ist, eine Beziehung zu haben, die hält, nicht eine, die grad rosarot sexy in Dessous und mit drei freien Wünschen daherkommt.

Wieso ich heute gefrustet bin

Wieso? Ich habe keine Ahnung. Alles ist prima, mein Leben gut. So viele Menschen auf dieser Welt haben es viel schwerer als ich. Ich habe eigentlich alles, was ich mir wünschen kann. Eigentlich sogar mehr. Mir geht es gut. Ach so gut. 

Die Krux liegt wohl im „eigentlich“. Denn eigentlich ist nichts, wie es sollte nach eigenem Gutdünken, wenn man eigentlich schreibt. Das ist fast so schlimm wie grundsätzlich, denn sobald man sagt, dass etwas grundsätzlich ist, wie es ist, schreit das schon förmlich nach der Ausnahme und der Erklärung, wieso es gerade nun nicht so ist. Und beim eigentlich, da schreit es auch. Alles, was eigentlich gut ist, ist gerade nun nicht gut, weil eben… und dieser Grund.. der fehlt. Drum ist es ja eigentlich gut. Weil es grundlos nicht gut ist. 

Gut, vielleicht gibt es Gründe, doch die traut man sich kaum zu sagen, da sie eigentlich (schon wieder) harmlos sind, blöd sind, sinnlos sind. Sie widersprechen allem, was man als vertretbare Gründe zum Jammern anfügen könnte. Man hungert nicht, schläft warm und trocken, hat keinen Krieg, keine Krankheiten, keine wirklichen Probleme. Nur eben: Es ist nicht so, wie man es gerade gerne hätte. Und drum ist man gefrustet. Jemand tat, was er in den eigenen Augen nicht hätte tun sollen, jemand tat nicht, was man so gehofft hatte. 

Argumente gegen diesen Zustand gibt es viele. Sie reichen von „hab dich nicht so“ über „entspanne dich, morgen ist die Welt wieder in Ordnung“ bis hin zu „lerne, mit dem zufrieden zu sein, was ist“. Alles toll, alles wahr – hilft alles nichts. Es ist, wie es ist und es fühlt sich nicht gut an. Und wenn man schon in der Stimmung ist, dann regt man sich auch gleich über alles auf, was einem noch so über die Leber kriecht. Die doofe Nuss, die ihre Animositäten pflegt und Unsinn verbreitet, weil sie denkt, man hätte ihr was weggenommen, das sie in Wirklichkeit nie gehabt hat, der sture Kater, der nicht einsieht, dass der Tisch nicht sein Schlafplatz ist, der undichte Hund, der immer dann raus muss, wenn es Katzen hagelt und der Mann, der nie da ist, wenn man ihn mal braucht, dafür immer dann, wenn man seine Ruhe will. Und man selber, die man nie ist, wie man gerne wäre, weil man grade ist, wie man ist. Und das ist momentan: gefrustet. 

Biologie überbewertet?

Jede 2. Ehe wird geschieden. Dabei verlieren viele Kinder ihre Ursprungsfamilie. Neue Menschen dringen ein, wenn die Mutter sich neu bindet, der Vater zu neuen Ufern aufbricht. Was ist heute noch normal? Was ist eine Familie? Wie definiert man sie? Und wo bleibt das Kind in dem ganzen Schlamassel?

2 Minuten Spass, die Folgen sind frappant: eine Lebensaufgabe. Solch weitreichenden Konsequenzen sind kaum je zu erwarten, nur bei einem – der schönsten Nebensache der Welt. Kurz die Zweisamkeit genossen, kann daraus etwas entstehen, das alles Gedachte übersteigt. Neues Leben entsteht. Und damit fangen die Probleme an.

Im besten Fall träumt man von Familie, Kindern, dem ganzen schönen Leben, wie es im Bilderbuch erscheint. Die Realität heute sieht anders aus. Dass es ungewollte Kinder gibt, lassen wir mal aussen vor, traurig genug. Aber auch die gewollten kommen nicht mehr immer in den Genuss einer heilen Familie, wie sie in Heimatfilmen vorkommt. Man hätte den Märchen glauben sollen, denn schon diese sind nicht eitel Sonnenschein, sondern strotzen von bösen Stiefmüttern, mörderischen Vätern und dergleichen mehr.

Wenn ich zurück denke, an meine Kindheit: Woran erinnere ich mich? An gemeinsame Zeit, an Dasein, an das Taschentuch, das Tränen trocknete, die Hand, die Hustensirup reichte. Ich erinnere mich an gebaute Legostädte, an starke Schultern und kitzelnde Hände. Ich erinnere mich an Schokoladenkuchen zum Geburtstag und an gemeinsame Ausflüge. Ich erinnere mich an gemeinsame Zeit. Samen und Zellen? Blut? Davon wusste ich nichts. Ich hatte das Glück, Blutsverwandte als Eltern zu haben. War das relevant?

Es gibt Beispiele von Kindern, die bei Grosseltern aufwachsen. Es gibt Beispiele von Kindern, deren Eltern starben, die ihre Pflegeeltern lieben, wie eigene – ob es genau so ist, weiss man nie, jeder fühlt nur, was er fühlt. In den Anderen hineinschauen und –fühlen, um zu vergleichen, geht schlecht.

Meine These in dem Ganzen ist: Die gemeinsame Zeit, gemeinsame Erinnerungen, der sichere Hafen, der Halt in der Not – das sind die Dinge, die binden, die Familie ausmachen. Was kümmern da zwei Minuten Spass am Anfang, was kümmert Blut? Es ist die Herkunft, bringt vielleicht ein paar Veranlagungen mit sich (wie viele ist noch umstritten, die Wissenschaftler arbeiten dran). Doch lebendige Verbindungen sind anderswo zu suchen.  Sie entstehen da, wo ein Miteinander stattfindet. Wo Vertrauen aufgebaut wird. Wo ein Austausch ist. Das alltägliche Umfeld ist das, was prägt. Was das Zuhause ausmacht.

Familie wächst, sie ist nicht durch einen quasi Urknall geschaffen. Familie entsteht mit der Zeit und mit der Bereitschaft, sich einzulassen, sich einzusetzen. Man kann sich nicht durchschmuggeln. Man kann sich nicht einkaufen. Das funktioniert kurzfristig, aber nie auf Dauer. Am Schluss siegen Gefühle. Und die entstehen, wenn das Kind sich aufgehoben fühlt und sich ernstgenommen wähnt. Das hat jeder in der Hand, dazu braucht es keine Gesetze, die an alten Mustern festhalten wollen.

Nimmt man das und schaut auf die heutige Welt, ergeben sich neue Modelle: Kinder können viele Bezugspersonen haben.  Jeder kann sich seine Rolle selber zuschreiben. Und wenn man das im Kopf hat, niemand denkt, ein anderer nimmt einem was weg, sondern sieht, dass der dem Kind was gibt, dann wäre ein Miteinander möglich, das im Sinne des Kindes wäre. Und damit mittel- und langfristig im Sinne der Gesellschaft.

Der Mensch als Störfaktor im Idealismus

Wir träumen von einem Leben in Gerechtigkeit, einem Leben in einem Land, in welchem alle die gleichen Rechte haben, es allen so gut geht, dass sie ein menschenwürdiges Leben leben können, ein Leben, welches durch Rechte gesichert und geschützt ist. Wir wünschen uns ein Miteinander in Frieden und ohne Krieg. Und machen eigentlich ständig genau das Gegenteil von all dem. Woran liegt es?

Der Mensch stellt gerne ideale Konzepte auf, ohne zu berücksichtigen, dass sie an einem immer scheitern: Am Menschen selber.

Die Divergenzen zwischen Wunsch und Realität finden sich auf allen Stufen des Zusammenlebens. Die ideale Staatsform wird theoretisch immer wieder neu gesucht und gar gefunden. In der Praxis zeigen sich immer Schwächen, zeigt sich immer, dass jedes ideale Modell von einigen ausgenutzt werden kann und auch wird, was dann auf Kosten der anderen geschieht. Und einige fallen dabei durch die Masche in einen Zustand, der dem gewünschten nicht nur nicht ähnlich ist, sondern ihm entgegengesetzt ist.

Wo liegt der Ausweg? Zuerst müsste man die Variable Mensch in dem Spiel beachten und zur Kenntnis nehmen, dass der Mensch kein Übermensch ist, der nach moralischen Grundsätzen, frei von egoistischen Ansprüchen und ständig auf der Suche, Gutes zu tun, durchs Leben geht. Man müsste die menschlichen Abgründe mit in die Waagschale werfen und ihnen Rechnung tragen. Jedes Modell, das auf idealen Menschen fusst, wird zur Utopie verkommen.

Als Zweites müsste man sich wohl den realen Gegebenheiten stellen. Es bringt nichts, von Idealvorstellungen auszugehen, um neue Lebensmodelle zu verwirklichen, welche Ansprüchen genügen sollen. Was Sand gebaut wird, wird nie halten. Die heutige Realität ist weit davon entfernt, ein Idealzustand zu sein. Armut ist verbreitet, die Schere zwischen arm und reich tut sich immer mehr auf. Zwar hätte es genug Ressourcen für alle, niemand müsste hungern, doch sie sind so verteilt, dass einige immer noch mehr kriegen, andere immer ärmer werden.

Staaten sind über Jahrzehnte im Krieg, es gibt Länder, die über Jahre keinen Frieden mehr kennen oder aber nach einer langen Unterdrückung direkt in Unruhezustand übergingen. In anderen Ländern geht die ganze Wirtschaft kaputt, sie stehen kurz vor dem Bankrott. Krise klingt es von überall.

Auch im Kleinen drückt die Krise durch. Familien sind zum Auslaufmodell geworden, sie zerbrechen am laufenden Band. Der Kampf um das Danach wird gross. Wie soll man es regeln, was ist fair? Dabei geht man vom althergebrachten Modell aus und will möglichst wieder zusammenkleben per Gesetz, was der Mensch entzweite. Und alle sehen sich als Verlierer. Der Vater klagt, seine Kinder nicht mehr zu sehen, die Mutter klagt, keine Freiheit mehr zu haben, keine Stelle mehr zu kriegen, weil sie gebunden ist. Einer von beiden oder beide laufen in die Gefahr, zum Sozialfall zu werden. Die Kinder? Stehen mittendrin und leiden. Je grösser der Streit, desto grösser das Leiden. Der Staat will eingreifen. Will gerecht sein. Will per Gesetz regeln, wie die beiden zerstrittenen oder im besten Fall nur getrennten Parteien miteinander umzugehen haben. Er vergisst dabei, dass kein Gesetz Frieden bringen kann, wenn Gefühle verletzt sind. Kommunikation lässt sich nicht per Gesetz erzwingen und jede neue Regelung birgt wieder neue Unrechtsmöglichkeiten.

Wo liegt die wirkliche Lösung?  Wohl in einem kompletten Umdenken. Die Richtung wird noch zu finden sein, was offensichtlich scheint: Wir sind noch weit davon entfernt und bewegen uns eher davon weg als darauf zu.

Pure Illusion?

Seit heute weiss ich es: Ich habe keinen freien Willen, den gibt es gar nicht, das ist eine blosse Illusion, die aber insofern hilfreich ist, als sie mir beim Überleben hilft, da alles nur Evolution und dieser geschuldet ist. Ich selber bin sogar eine Illusion, eine Funktion meines Gehirns. Sagt Franz M. Wuketits in seinem Buch „Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion. Wie ich ein Gehirn sein kann, wenn ich nur Illusion bin, wessen Gehirn das dann ist, steht freilich nirgends. Es liegt also nahe, dass nur das Ich in einem bestimmten Verständnis Illusion sein kann. Ich bin – offensichtlich. Und ich musste nun schreiben. Dass mein Pult dunkel ist, mein Computer silbrig, war keine freie Wahl, ich MUSSTE die förmlich nehmen. Weil meine Erfahrungen, Gene, mein Umfeld, die Evolution mich so vorgespurt hat.

Biologisch sei das erwiesen. Ist es das? Bestimmt die Biologie, ob ich ein rotes oder grünes Kleid trage, auf einem weissen oder schwarzen Sofa sitze? Die Biologie ist – soviel ich weiss – bis heute nicht sicher, ob unser Charakter vererbt oder erlernt ist. Die Standardantwort ist: Beides – zu Teilen. Zwar können wir auch nach Wuketits lernen, allerdings nur aus dem, was passiert ist, nicht aus freien Stücken. Wo bliebe Moral, wo das Recht? Haben wir eine Möglichkeit, uns moralisch zu verhalten? Wir wären nie mehr an etwas Schuld. Schuld sei nur ein Begriff, um Dinge zuzuordnen und damit für uns zu erklären. Verantwortung wäre noch schwieriger, wie soll man für etwas verantwortlich sein, das man nicht aus freien Stücken tat und genauso hätte unterlassen können?

Was ist mit all den Verbrechen der Vergangenheit? Müssen wir Geschichtsbücher neu schreiben? War Hitler nur ein willenlos biologischer Zellhaufen, der nicht anders konnte? Quasi eine Naturgewalt wie eine Flut, ein Erdbeben? Alle seiner Anhänger waren gezwungen, von ihren Veranlagungen und Neigungen, denen sie nichts entgegen halten konnten? Eine erschreckende Sicht.

Nun habe ich Hunger. Ich könnte nun essen oder auch nicht. Die Entscheidung dafür oder dagegen – ist sie frei? Klar gibt es Argumente dafür und dagegen (mehr dafür als dagegen). Es wäre also vernünftiger, zu essen. Irgendwann werde ich müssen, sonst sterbe ich. Also ist ein Zwang da. Wie steht es mit der Entscheidung, was ich esse? Das Angebot meiner Speisekammer ist vielfältig. Auch da gibt es sicher Kriterien, die helfen zu entscheiden. Ganz frei ist die Entscheidung nicht. Äusserer Rahmen ist, was ich mal eingekauft habe. Die Gelüste und meine Vorlieben spielen sicher auch mit. Schlussendlich wird es etwas werden. Wie frei war die Wahl?

Absolute Freiheit ist eine Utopie, es ist immer etwas da, was prägt, was leitet, Grenzen setzt. Sollte aber wirklich alles meiner eigenen Wahl entzogen sein, ich nur eine Marionette von verschieden gearteten Zwängen? Wuketits versucht zu trösten, dass uns das im alltäglichen Leben nicht betrifft, wir die Illusion des freien Willens hätten und behalten könnten und dadurch frisch fröhlich frei weiter leben könnten wie bisher. Die Illusion helfe, weiter motiviert durchs Leben zu gehen. Also doch alles mehr Schein als Sein und das ist sogar evolutionär gewollt?

Fallen der Liebe

Wer hat es nicht schon erlebt im Leben? Er liebte, vertraute und wurde enttäuscht, wurde fallen gelassen. Lag dann da, sah zurück, fragte, was er übersehen hatte, fragte sich, ob er leichtfertig vertraut hat, hätte vorsichtiger sein müssen. Ist Vertrauen Leichtsinn? Müsste man immer auf der Hut sein? Liesse sich damit leben? Liesse sich damit lieben? Sich hingeben? Funktioniert Liebe ohne Hingabe? Funktioniert eine Liebesbeziehung, wenn man ständig lauert, auf der Hut ist? Was also tun? Wieder blind ins nächste Loch fallen? Die Dinge selber in den Sand fahren durch die eigenen Vorbehalte?

Was heisst es überhaupt, fallen gelassen zu werden? Man fühlt sich wohl fallen gelassen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie man sie sich selber ausmalt. Man fühlt sich verstossen, schlecht behandelt, wenn jemand anders agiert, als man sich das wünscht. Das hat mit dessen Gefühlen oft wenig zu tun, zumindest nicht mit denen gegen einen. Es hat wohl mehr mit diesem Menschen und mit den eigenen Erwartungen an ihn zu tun. Doch wie bedingungslos liebe ich, wenn ich etwas vom anderen erwarte, mich benachteiligt fühle, wenn das nicht eintritt? Dann ist doch der andere streng genommen nur eine Marionette meines Wollens, bricht er aus, bin ich enttäuscht. Was hat er falsch gemacht? Sein Fehler war, in einer Weise zu handeln, die nicht meinem Wollen entsprach.

Verstösst er gegen Dinge, die vorgängig ausgemacht waren, ist man im Recht. Man hat sich verlassen, hat auf eine Abmachung gebaut, die wurde gebrochen. Wenn man aber nur auf die eigenen Ansprüche baut, ohne die je geklärt zu haben: Mit welchem Recht ist man enttäuscht? Mit welchem Recht verletzt? Man selber hat die eigenen Ansprüche zur Regel erhoben, sie unumstösslich hingestellt, ohne dass der andere davon wusste. Vielleicht wusste man das selber nicht, bis etwas passierte. Merkte es erst, als es passiert war. Wie hätte es der andere wissen können? Der handelte vielleicht nach bestem Wissen und Gewissen, wollte alles richtig machen, machte in den eigenen Augen alles falsch. Und man selber sitzt da wie ein verwundetes Reh und leidet. Wer hat Schuld?

Schuld ist wohl das, was am meisten Zündstoff beinhaltet ohne dass es etwas löst. Was bringt es, zu wissen, wer nun falsch handelte, wer richtig? Die Gefühle sind da. Selbst wenn der andere alles richtig gemacht hat, leide ich. Selbst wenn er alles falsch machte, ohne es zu wollen, leide ich. Was ist Schuld? Ein Konstrukt, um früher christliche Ansprüche von Sühne und Absolution zu ermöglichen. Ein Konstrukt, um Strafe im rechtlichen Sinne zu rechtfertigen. Ein Konstrukt, das theoretisch praktisch ist, praktisch zu theoretisch ist.

Ich erwähnte die bedingungslose Liebe. Ich denke, Liebe ist nie bedingungslos. Kann sie nicht sein. Wäre sie es, würde sie zerstören. Man kann nicht unbeschadet lieben, egal, was der andere tut, lässt, einem antut. Das würde man nicht aushalten. Wichtig ist aber, sich der eigenen Bedingungen bewusst zu sein und sie auszusprechen. Was erwarte ich von meiner Liebe, von meinem Geliebten? Was brauche ich zum Leben, was möchte ich erfüllt haben. Weiss der andere das nicht, wie soll er anders leben, als ständig Enttäuschungen zu produzieren? Nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unwissen, oft gar aus gutem Willen, alles richtig zu machen.

Und ab und an weiss man selber nicht, was man sich wünscht. Und merkt erst durch das Handeln des anderen, dass man das, was passiert ist, gerade nicht wollte. Weil es Bedürfnisse verletzte, die einem elementar waren. Man leidet, zürnt. Möchte wegrennen, dem anderen vorher ins Gesicht schreien, was er einem angetan hat, traut sich nicht, schliesst sich ein, tief in sich. Verletzt. Verwundet – oft auch sich selber. Hört nicht mehr die Liebe, die Schwüre. Glaubt sie nicht. Wie kann der andere lieben, wenn er einem das antat. Und würde man hinschauen, merkte man: Er hat nichts gegen einen getan. Er hat nur nicht das getan, was man selber gebraucht, gewünscht hätte. Vielleicht wusste er es sogar, dass man es brauchte, aber vielleicht hatte er keine Wahl. War es seine Schuld? Was bringt mir wegrennen? Gewinne ich? Gewänne ich nicht mehr, schaute ich hin, sähe meinen Anteil, nähme ihn an und liebte weiter, liesse lieben?