Polarisierendes Sonntagskind

Ich bin an einem Sonntag geboren. Es heisst, das seien Glückskinder. Ich bin im Sternzeichen Steinbock. Es heisst, die seien pflichtbewusst, rational, ehrgeizig. Im Aszendent bin ich Fisch. Die sollen sensibel, gefühlvoll, hilfsbereit bis zur Aufopferung und schwer zu fassen sein. Im chinesischen Horoskop bin ich Ratte – was die sein sollen, weiss ich nicht, ihr alltägliches Bild geht von grässlich, scheusslich, „kreisch“ bis hin zu intelligent und treu. Dann entspreche ich in irgend einer Sicht der Tanne, auch da fehlt mir die Bedeutung, immerhin ist sie immergrün, was gerade im Grau des momentan winterlichen Alltags einen schönen Farbtupfer gibt.

Nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es mich gar nicht, alles reine Illusion von festgelegten Hirnverschaltungen. Nach westlich-philosophischen Erkenntnissen bin ich so vielfältig bestimmt – je nachdem, welchem Philosophen man nun folgen will -, dass ich nicht wirklich weiss, wer ich bin oder sein könnte. In östlichen Sprüchen bin ich wenig relevant, da ich nicht Welle, sondern Teil des Ozeans und damit nicht als Individuum relevant bin, sondern nur als Teil des Ganzen. In der Yogaphilosophie war ich keiner, sondern war einfach – blosses Sein. So gesehen auch da das Ich eine Illusion.

Wer also bin ich? Ich bin ein vergeistigtes Sensibelchen mit Helfersyndrom, das als Welle zugleich Ozean ist. Ich polarisiere, indem man mich entweder mag oder eben nicht, und spüre die Pole der Gegensätzlichkeiten auch in meinem eigenen Wesen und meinen Interessen. Wasser und Erde, Ost und West, alles ist drin in diesem Sammelsurium.

Daraus resultiert wohl ab und an eine Unstetigkeit, eine Sprunghaftigkeit und Spontaneität, andererseits auch eine Zerrissenheit und ein Hinterfragen von gut und schlecht, richtig und falsch. Aber sind wir nicht alle vielschichtig? Haben nicht alle Menschen mehrere Facetten?

Wir neigen ab und an dazu, Menschen in einen Topf zu werfen, sie aufgrund eines Kriteriums zu schubladisieren. Dabei vergessen wir, dass auch sie mehrere Facetten in sich tragen. Verallgemeinerungen werden der Realität nie gerecht. Sie vereinfachen das Leben im Moment, verschliessen aber oft den Blick auf das Ganze, das viel für einen bereit halten könnte, würde man sich nur trauen, über den Schubladenrand hinaus zu schauen.

2 Kommentare zu „Polarisierendes Sonntagskind

  1. Es wäre ja schön, wenn alle Menschen so facettenreich wären. Dem ist aber leider nicht so. Aber erfreulich, dass es zumindest einige gibt. Sich zu hinterfragen ist zwar Bürde, aber auch Geschenk. Nur so kommt man vom Fleck.

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