Ein Substantiv beklagt sich bitter,
es wäre gern ein wenig fitter.
Zu tun fällt ihm so manches ein,
nur müsst’s dazu ein Verb sein.
©Sandra Matteotti
Denkzeiten – Philosophie eines kreativen Lebens
Dr. Sandra von Siebenthal
Ein Substantiv beklagt sich bitter,
es wäre gern ein wenig fitter.
Zu tun fällt ihm so manches ein,
nur müsst’s dazu ein Verb sein.
©Sandra Matteotti
Zu allen Zeiten wurde es als höchstes Gut, als erstrebenswertes Ziel genannt: Das Glück. Schon Aristoteles propagierte es in seiner Nikomachischen Ethik, die heutige Ratgeberliteratur bestätigt es weiter. Wenn man das weiss, würde man denken, dass wir Menschen alles dafür tun, das Glück zu finden und es in unser Leben zu integrieren.
Was genau ist Glück? Es ist ein Gefühl. Es stellt sich ein, wenn wir ganz in einer Sache aufgehen, wir diese um ihrer selbst willen machen, uns dabei vergessen. Ein Kind, das auf einer Schaukel sitzt, schwingt, den Wind in den Haaren spürt, ist glücklich. Auch ein Kind, das am Teich die Enten füttert, ist glücklich. Ein Mensch, der sich für etwas begeistern kann und darin aufgeht, ist glücklich. Diese Begeisterung am eigenen Tun löst das Glück aus, indem das Hirn die entsprechenden Hormone ausschütten. Wir versuchen das Hirn im Alltag zu überlisten, indem wir mit Ausgleichshandlungen wie Schuhe kaufen oder Alkohol trinken ähnliche Ausschüttungen herbeiführen. Die halten zwar kurz an, sind dann aber weg – ohne weitere Wirkung auf uns. Wirkliches Glück bleibt im Hirn als Erfahrung gespeichert, so dass nächste Erfahrungen immer auf älteren aufbauen, sich zusammenschliessen, unser Leben und uns selber beeinflussen.
Eigentlich einfach? Die Frage ist, wieso wir alles dazu tun, uns genau das auszutreiben. Wir fangen schon bei kleinen Kindern an, indem wir ihnen sagen, wie sie zu sein hätten. Schon früh müssen sie Leistung zeigen, denn wer keine Leistung zeigt, aus dem wird nichts. Wir lehren sie, dass sie Erfolg im Leben haben müssen und Erfolg ist dadurch definiert, über andere zu siegen. Zuoberst zu stehen. Dafür müssen sie als Kleinkinder Sprachen lernen, weil man es ja dann so einfach lernt, später nicht mehr (man weiss aus der Hirnforschung, dass das nicht zwangsläufig richtig ist), müssen gute Noten bringen und alles dafür einsetzen. Dinge, die sie begeistern, müssen hintenanstehen, denn wir haben Prioritäten und die gilt es, zu erfüllen.
Das zieht sich ins Erwachsenenalter hinein. Wir kämpfen gegeneinander, stehen im Wettbewerb, wollen besser sein, höher hinaus, wir wollen Erfolg haben. Ein Miteinander geht so schwer, denn jeder trachtet danach, die anderen zu überrunden. Das Miteinander ist höchstens noch Mittel zum Zweck, nicht das, was man anstrebt.
Wenn wir schauen, was die Grundbedürfnisse eines Menschen sind, die er im Leben erfüllt haben möchte, kristallisieren sich zwei heraus: Verbundenheit und Freiheit. Er will einerseits dazugehören zu einer Gruppe, will akzeptier sein, mit all seinen Fähigkeiten, Schwächen und Stärken angenommen. Er will gleichzeitig frei sein, sich zu entwickeln, zu wachsen, seinen Teil beizutragen. Das geht nur, wenn man in der Gruppe, in der Gemeinschaft darauf setzt – nicht auf Erfolg um jeden Preis. Denn: Meist ist der Preis dafür die Ausmerzung der Begeisterung – und damit töten wir das Glück ab.
Wieso also nicht wieder mal hinsehen, wofür wir uns begeistern? Wieso nicht einfach sich mal Zeit nehmen, etwas zu tun, weil es Spass macht, gut tut, Begeisterung auslöst? Und dann das Glück spüren. Und wenn wir so Glücksmomente sammeln, Glücksgefühle ins Leben bringen, dann wird das Leben bunter, das Wohlgefühl steigt – seelisch und körperlich.
Gibt es sinnvolle Ängste? Diese Frage las ich kürzlich im Internet. Der Fragesteller verneinte die frage sogleich. Nun sind wir Menschen oft mit Ängsten konfrontiert. Soll das alles sinnlose Zeitverschwendung sein? Ich denke nicht.
Angst ist ein Warnsignal. Sie kann vor akuten Gefahren warnen und somit das Überleben sichern. Sie hier als sinnlos zu bezeichnen, wäre fatal. Sie zu überwinden mitunter tödlich. Es gibt aber auch Ängste vor Dingen oder Situationen, die wir uns nur einbilden. Wir malen uns Situationen aus und stellen uns die für uns negativen Konsequenzen vor. Aus diesen Vorstellungen heraus bilden wir Ängste – und vermeiden dann die Situation, um nicht in Gefahr zu kommen – eine Gefahr, die nur in unserer Vorstellung existiert.
Ist die zweite Angst also sinnlos? Ich würde auch das nicht absolut setzen. Wenn die Angst dazu führt, dass wir alles meiden, das uns aus irgendwelchen Gründen Ängste bereitet, wäre das sicher nicht wünschenswert. Wenn wir uns aber unseren Ängsten stellen, schauen, woher sie rühren und versuchen, damit umzugehen, kann daraus etwas Gutes erwachsen. Und wir lernen viel über uns selber. Wir erkennen unsere Muster, unsere Abwehrmechanismen und lernen, damit umzugehen – bewusst.
Wenn wir also wieder einmal in einer Situation sind, die uns Angst bereitet, hilft es, hinzusehen:
1) Wovor habe ich genau Angst?
2) Woher kommt die Angst?
3) War ich schon früher mal in ähnlichen Situationen? Was habe ich damals gemacht?
a. Wenn es gut ausging: Kann ich es heute wieder ähnlich lösen?
b. Wenn es nicht wie gewünscht ausging: Ist wirklich alles gleich heute?
Wenn ich die Situation so analysiert habe, geht es daran, Wege zu finden, wie mit der heutigen Situation umzugehen. Entweder ich wende die Mittel erneut an, die beim letzten Mal funktioniert haben, oder ich passe sie an die heutige Situation an.
Natürlich gibt es immer Dinge oder Situationen, die nicht zu uns passen, die uns Angst machen, die wir nicht zu meistern glauben. Wenn sich keine Lösung zeigt, stellt sich die Frage: Kann ich die Situation umgehen oder muss ich da durch? Wenn mich etwas eigentlich Freiwilliges heute überfordert, ist vielleicht die Zeit nicht reif. Vielleicht kann ich kleinere Ziele setzen, die im langen Lauf zum Endziel führen. Wenn ich nicht darum herum komme, etwas zu tun, dann kann es helfen, auch da Strategien zu entwickeln:
1) Eigene Stärken nochmals vergegenwärtigen
2) Möglichkeiten sehen, die auch beim Nichterreichen offen bleiben
3) Das Bewusstsein: Das Leben wird nicht daran hängen.
4) Methoden entwickeln, selber ruhig zu bleiben (Atmen, Achtsamkeitsübungen, etc.)
Ist Angst also sinnlos? Ich denke nicht. Wir dürfen uns nur nicht von unseren Ängsten lähmen lassen, sondern sie als Zeichen nehmen, hinzusehen. Wir können unser Bewusstsein schulen und uns immer wieder ein Stück besser kennenlernen.
Haushaltspapier, das gute dicke,
machte Schluss mit einer Mücke.
Ich presst’ es drauf und drückte zu
und wurd’ zum Mörder so im Nu.
©Sandra Matteotti
In Orlando schiesst einer in einer Bar um sich und tötet dutzende Menschen. Die Betroffenheit ist gross, der Täter wird analysiert, es kommen mehr und mehr Details ans Licht über sein Leben, seine Absichten, seine Psyche. Spekulationen über seine Motive werden gemacht. Sympathien zum IS? Antipathien gegen Homosexuelle (die Bar war ein Treffpunkt)? Die Suche wird wohl weiter gehen.
Als ob die Tat nicht schlimm genug wäre, liest man nun auf Facebook empörte Statements. Man hätte sich mit Paris identifiziert (Je suis Charlie), mit Brüssel (eingefärbte Avatar) – keiner sei nun schwul oder zeige seinen Avatar in Regenbogenfarben. Damit sei der ganze Kampf für Akzeptanz der Homosexualität dahin und jeder nicht Stellungbeziehende sei potentiell homophob. Und schlimmer: Jeder Homosexuelle dadurch ein Opfer. Irgendwie.
Ich erinnere mich noch gut an Paris und Brüssel. In der Tat war die Anteilnahme plakativ sichtbar. Das wurde aber auch bemängelt von verschiedenen Seiten. Es sei übertrieben, zu plakativ, zu oberflächlich, wenig durchdacht. Das Fehlen solcher Signale scheint nun aber zu ignorant, gar diskriminierend zu sein.
Was mir auffällt ist: Es passiert viel auf der Welt, das Angst macht. Man versucht, damit weiterzuleben, einen Weg zu finden, das Leben weiterzuleben und doch sind da die Taten, die erschüttern. Wenn man die Möglichkeit sieht, seinen Avatar bunt zu färben, denkt man vielleicht, dass man auch ein Zeichen setzen möchte. Man möchte sich bekennen und Stellung beziehen. Nur wird es so viel, man müsste täglich irgendwo Stellung beziehen. Die Welt ist gross und es passiert überall was. Alles beschäftigt, das eine vielleicht mehr, das andere weniger; die Gründe können vielfältig sein. Ob der Grad der Betroffenheit aber wirklich an den offensichtlichen und plakativen Facebookzeichen abzulesen ist, wage ich zu bezweifeln.
Wir sind Menschen in einer Welt, die im Umbruch ist. Der Umbruch zeigt sich oft beängstigend und gewaltsam. Jeder Mensch geht anders damit um, kalt lässt es wohl kaum einen – ganz tief. Von aussen dahin zu gehen und andere abzuurteilen, weil sie zu viel, zu wenig, falsch öffentlich agieren ob des Unheils, das auf der Welt passiert, erachte ich als wenig konstruktiv. Erstens ist das plakative Zeigen wenig aussagekräftig in Bezug auf die wirkliche Tiefe des Mitgefühls, zweitens geht es den Kritisierenden wohl meist eher um eigene Befindlichkeiten oder Profilierung, denn um wirkliche Sorge um die tatsächlichen Opfer und drittens sehe ich wenig Sinn darin, sich in den sozialen Medien mit Argumenten zu bekriegen, wenn man eigentlich den realen Krieg der einen gegen die anderen anprangern sollte/wollte.
Die Welt ist im Umbruch und was passiert, macht Angst. Wir könnten alle morgen da sein, wo irgendeiner einen Anschlag verüben möchte – aus welchen Gründen auch immer. Das Leben geht weiter, die Angst müssen wir irgendwie ausblenden. Wäre es da nicht schöner, wir würden das miteinander tun, statt Kleinkriege anzuzetteln? Wäre es nicht sinnvoller, der wirklichen Opfer zu gedenken – jeder auf seine Weise –, statt sich selber zum Opfer einer als falsch definierten Trauer zu erküren? Wäre es nicht ein guter Anfang, Toleranz und Akzeptanz zu leben, statt zu be- und zu verurteilen, was den eigenen Massstäben nicht genügt? Denn: Sind die eigenen Massstäbe wirklich die absolut richtigen? Für einen selber wohl schon, doch worauf gründen sie? Und ist nicht gerade die Absolut-Setzung eigener Masstäbe eines der grossen Übel auf dieser Welt?
Menschen brauchen zwei Arten Nahrung: Eine für den Körper, eine für die Seele.
„Du säg emal: Isch s’Poschtwägeli scho da gsi?“
„Weles Wägeli?“
„Ja weisch, das gäle, das vo de Poscht.“
„Poscht chunt immer vor em 12i.“
„Ja, nid d’Poscht, s gäle Wägeli, weisch.“
„Hüt isch niemer cho. Gescht au nid.“
„Hät niemer glüte? Weisch, ich erwarte ebe es Päckli.“
„Und dänn lütet die bi mir? Gänd’s das mir ab?“
„Nei, bi mier, aber ich han’s viellecht verpasst.“
„Was?“
„Ja ebe, s gäle Wägeli vo de Poscht.“
„Bi mir het niemer glüte.“
Die Fussball EM steht vor der Tür. Wetten werden bereits heute abgeschlossen – Terrorakte geplant. Man weiss nur von denen, die man vor Beginn aufdeckte, gibt es weitere? Man weiss es nicht, drum sorgt man vor: Man macht Trockenübungen, wie man im Falle eines Aktes agieren müsste… Man hat keine Ahnung, wie der Akt aussehen könnte, aber man übt.
Das ist sicher löblich, man sollte sich ja nicht unvorbereitet in ein Wagnis stürzen, nur: Ist das Wagnis zu gross in Anbetracht der heutigen Lage? Paris ist noch nicht vergessen, Brüssel sitzt fast noch in den Knochen, Istanbul ganz frisch. Vorzeichen gibt es auch für die EM.
Müsste man die EM absagen? Wäre das ein Sieg des Terrors, weil man klein beigab? Oder dürfen Menschen Bauernopfer der eigenen Standhaftigkeit sein? Kann man diese EM wirklich guten Muts und ohne Angst verfolgen? Muss man die Angst, die überall latent sein könnte, einfach ignorieren?
Man könnte nun einwenden, dass die Durchführung einer EM/WM in den letzten Jahren immer Fragen aufwarf: Enteignung der (hauptsächlich) armen Bevölkerung, Schliessung von Schulen, Bestechung, etc…. der Sport läuft schon lange mit Nebenwirkungen. Ist Terror nur eine von vielen oder ändert er alles?
Familie M. wohnte in einem Wohnblock am Rande der Stadt. Vor ihrem Haus war ein kleiner Hang mit einer wunderbaren, wilden Wiese, in welche Familie M. eigenhändig Mohn gesät hatte. Schon bald schauten die wunderschönen roten Blumen aus dem Grün der Wiese heraus – ein Meer mit roten Inseln. Wer immer vorbeilief, blieb stehen, freute sich, machte ein Bild und schickte es in die Welt hinaus.
Eines Tages stand auf dem Tagesplan des Hauswarts, dass sätmliche Wiesen gemäht werden müssen. Und: Was auf dem Plan stand, wurde ordungsgemäss durchgeführt. Der gute Mann packte also seinen Rasenmäher und tat, was man mit dem Ding eben tut: Er
mähte. Hatte sein Vorgänger vor kurzem um das Blumenmeer rumgemäht, zumal es sowieso an einem sonst nicht nutzbaren Hang neben dem Gehweg lag, machte dieser kurzen Prozess. Er metzelte sprichwörtlich alles nieder. Wo vorher noch ein
e Augenfreude herrschte, war nun ein Totenbett. Mit groben Zügen rechte der fleissige Mann das Grünzeug runter, sammelte es ein. Zurück blieb ein unansehlicher braun-grüner Hang.
Zufrieden wischte der Hauswart die Hände an den Hosen ab: Nun hatte alles seine Ordnung, ein Punkt weniger auf der Liste.
Ich wohne schon seit Jahrzehnten wohl mit Klaus zusammen. Klaus ist eine treue Seele. Er ist nicht wirklich schön, es sind seine inneren Werte, die zählen. Klaus redet auch nicht viel – eigentlich sagt er nie was. Das macht mir nichts aus, denn ich mag es ruhig. Da bleibt viel Platz für Gedanken. Zudem: Wir verstehen uns ohne Worte, Klaus und ich.
Wenn ich Klaus brauche, ist er da. Er zickt nie rum, er motzt nie, er ist nicht kompliziert. Ich erinnere mich an kalte Winterabende, die wir zusammen auf dem Sofa verbrachten. Teilweise begleitete er mich den ganzen Tag, war immer an meiner Seite. Wenn ich Bauchschmerzen habe oder sonst etwas weh tut: Klaus ist da. Auf Klaus ist Verlass.
Nun haben wir Sommer. Eigentlich macht Klaus im Sommer Urlaub, er erholt sich wohl vom oft häufigen Wintereinsatz. Nicht so dieses Jahr. Gerade sitzen Klaus und ich wieder zusammen auf dem Sofa. Ich bin froh, gibt es Klaus in meinem Leben, es wäre ein kälteres Leben sonst. Das wollte ich ihm einfach auch mal sagen:
Danke Klaus, dass es dich gibt!
Ach ja: Klaus ist meine rote Gummibettflasche.
Auf der ganzen Welt überschlagen sich Freude, Lob und Bewunderung für den Gotthard. Die Umsetzung, das Projekt an sich – man sieht es als Leistung. Nur die Schweizer überschlagen sich mit Selbstkriteleien, mit Kleinredereien, mit Sinnfragen. Sie hängen die Politiker an ihren Kleidungststücken (zu teuer, zu unförmig, zu unpassend) auf und unterstellen ihnen Profilierungsgier. Sie fragen sich laut, wozu man diese Röhre überhaupt brauche und verspotten jeden und alles, das damit zu tun hat oder etwas Positives äussert.
Das ist wohl genau dieses Schweizer Bünzlitum, das nichts Neues gelten lassen kann, das sich immer (früher hinter dem Vorhang am Küchenfenster, heute hinter dem Bildschirm sitzend) das Maul zerreisst und keinem was gönnt – schon gar nichts Grosses.
Allerdings sehen sich die Kritler nicht als Bünzlis, im Gegenteil… irgendwie traurig.
Früher traf man sich spontan. Man wusste: Am Montag Abend sitzen sie alle in der Stammbeiz am Stammtisch. Und da traf man sich, besprach, was es zu besprechen gibt, schwieg, worüber nix zu sagen war. Man wurde fortschrittlicher, lernte mit dem Fortschritt, dass es Abmachungen und Terminkalender braucht. Also verabredete man sich gezielt, am Montag gemeinsam am Stammtisch in der Stammbeiz zu sitzen, das Notwendige zu besprechen. Schweigen ging kaum mehr, denn die Termine waren gedrängt und man konnte auch alleine schweigen. Wenn es halt grad passte.
Neu ist das anders. Neu braucht eine Verabredung von Vielen einen Doodle. Einer sitzt am Bildschirm und tippt wahllos Termine ins Programm, die dann von anderen bei sich zu Hause mit der eigenen Agenda abgeglichen und im Netz bestätigt oder verworfen werden müssen. Wenn nix passt, geht es so lange weiter, bis es passend gemacht wurde.
Ein Fortschritt? Es dient der Individualität und Eingebundenheit. Wir sind heute alle ach so wichtig mit ach so vielen Terminen. Sind wir glücklicher? Eher gestresster wohl, aber einen Gang zurück schalten trauen wir uns nicht, denn: Was würden die anderen denken, hätten wir plötzlich Zeit? Sie wären wichtig, indem sie ihre knappe Zeit (und damit mangelnde Möglichkeit für gemeinsame Zeit) mitteilen, während wir nur immer nicken. Wir kämen uns minderwertig, zumindest minderwichtig vor.
Da geht eine Schweizer Bundesrätin an ein Konzert. Ein Rockkonzert auch noch. Und wäre das nicht schlimm genug, ist sie auch noch in einer christlichen Partei. Wo man doch weiss, dass diese Rocker hart und gottlos und überhaupt ganz böse Buben sind. Und wer denkt, damit sei der Zenit der Unmöglichkeit bereits erreicht, dem sei gesagt:
Schlimmer geht immer!
Besagte Bundesrätin erdreistete sich, sich Hörner aufzusetzen – Teufelshörner. Die christliche Partei, deren Aushängeschild die gute Frau ist, geht in Schnappatmung über. Das geht gar nicht. Das ist. Indiskutabel. Ein Verstoss. Eine Schande.
Und während das Foto der Bundesrätin, fröhlich lachend mit knallroten Teufelshörnern Sympathien ohne Ende einfuhr (ohne es darauf abgesehen zu haben, sondern einfach den Moment lebend), gräbt sich die Partei selber die Grube der Ewiggestrigen.
Als sie sich aufrichtete, stellte sie verdutzt fest, dass sie sich auf einer groben Holzbank befand und ein kräftiger Mann halb auf ihr lag. […] Sie zuckte zurück, doch der Mann bewegte sich nicht. Scheisse!
Als Alice aufwacht, findet sie sich an einem unbekannten Ort an einen unbekannten Mann gefesselt. Als auch dieser aufwacht, teilen die Beiden das Erstaunen über die Situation, beide wissen nicht, wie sie an diesen Ort – den sie bald als New Yorks Central Park erkennen – und in diese Situation gekommen sind. Dass ihnen ihre Habseligkeiten gestohlen worden sind und die Kleidung zudem mit Blut getränkt ist, macht alles noch merkwürdiger.
Gemeinsam machen sie sich auf die abenteuerliche Suche nach den Gründen. Das wird vor allem für Alice schmerzhaft, die sich mit den dunkelsten Erlebnissen ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Die Geschehnisse überstürzen sich, bald jagen sie einen Mörder – und sind selber gejagt.
Guillaume Musso ist einmal mehr ein Meisterwerk der Spannung gelungen. Die Geschichte entwickelt sich rasant, die Figuren sind plastisch und der Plot stimmig. Ein der Geschichte zugrundeliegendes Geheimnis wird nach und nach aufgelöst, man weiss nicht genau, wo die Wahrheit genau liegt und muss fast bis zur letzten Seite durchhalten, es zu erfahren. Kein Wunder, legt man das Buch nicht mehr aus der Hand, hat man mal mit Lesen begonnen.
Müsste man einen Makel finden, so wäre es das Ende – es ist zwar völlig unerwartet, was durchaus positiv ist, dabei aber ein bisschen zu kitschig im Vergleich zum Rest des Buches (zumindest für mich).
Fazit:
Einmal angefangen, lässt einen das Buch nicht mehr los. Spannung pur für den Strand oder den Liegestuhl zu Hause. Sehr empfehlenswert.
Zum Autor
Guillaume Musso
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Er arbeitete als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent, bis er 2001 seinen von der Kritik hoch gelobten Debütroman veröffentlichte. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinem zweiten Roman Ein Engel im Winter, den er nach einem schweren Autounfall geschrieben hatte. Auch seine Roman Eine himmlische Begegnung und Vielleicht morgen stürmten auf Anhieb die französischen Bestsellerlisten.
Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. April 2016)
Übersetzung: Eliane Hagedorn, Bettina Runge
ISBN-Nr.: 978-3492309257
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
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