Rezension: Joël Dicker – Die Geschichte der Baltimores

Drohendes Unheil im Paradies

Marcus Goldman, Protagonist und Erzähler, ist Schriftsteller. Er kauft sich ein Haus in Florida, um in Ruhe seinen nächsten Roman zu schreiben. Es soll der Roman seiner Familie werden.

„Samstag kommen die Baltimores, Sonntag die Montclairs.“ Was angfangs jedoch nur eine liebevolle Zuschreibung war, um uns leichter auseinanderhalten zu können, wurde im Laufe der Jahre zu einer Art Gütesiegel, das eine tiefe Spaltung im eigenen Clan ausdrückte.

Die drei Goldman-Cousins sind ein unzertrennbares Gespann. Hillel und Woody wohnen mit ihrer Familie in Baltimore, Marcus mit seiner in Montclair. wobei er sich dafür schämt, denn bei den Baltimores ist alles grösser, schöner und besser. Aus diesem Grund ist er auch so oft er kann in Baltimore, um mit seinem Onkel Saul, den er sehr bewundert, und Tante Anita, die wunderschön ist, vor allem aber mit seinen Cousins zusammen zu sein. Nichts kann das Trio auseinanderbringen, nicht einmal, dass sie sich in dieselbe Frau verlieben. Das denkt man zumindest, bis es zur Katastrophe kommt. Danach ist nichts mehr, wie es mal gewesen ist.

Joël Dickers Roman Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert war ein Riesenerfolg, die Erwartungen an den neuen Roman waren entsprechend hoch. Gelingt Dicker erneut ein Pageturner? Schafft er es wieder, den Leser zu fesseln und nicht mehr loszulassen? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Die Geschichte der Baltimores erzählt die Geschichte einer Familie in Amerika. Von der ersten Seite an weiss man, dass mit der Familie etwas schreckliches passieren wird, aber man hat keine Ahnung was. Ausser ein paar Andeutungen auf die kommende Katastrophe erzählt Dicker unterhaltsam von drei Jungen, ihren Gefühlen, ihrem Werdegang. Es gelingt ihm dabei, gekonnt zwischen den Zeiten zu wechseln, die Gegenwart des Schreibens mit der erinnerten Vergangenheit zu durchmischen und dadurch die Spannung immer grösser werden zu lassen.

Dicker überzeugt einmal mehr mit Erzählkunst auf ganz hohem Niveau: Plastische Figuren, stimmiger Plot, perfekt eingesetzter Spannungsaufbau. Müsste man dem Buch etwas Negatives anlasten, wäre es, dass die doch immerhin 509 Seiten viel zu schnell gelesen sind.

Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert). Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
DickerBaltimoresGebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Mai 2016)
Übersetzung: Andrea Alvermann, Brigitte Grosse
ISBN-Nr.: 978-3492057646
Preis: EUR 24 / CHF 27.90

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Verhandelbare Grundrechte?

Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Conny bleibt zu Hause, Felix verdient die Brötchen. Die beiden sind happy und überzeugt, Kind Franz wird es auch sein. Nun kommt Sabine, Connys Freundin, und sagt: „Wie kannst du nur so ein antiquiertes Lebensmodell wählen? Heute gehen Frauen arbeiten, Kinder in die Krippe. Wofür haben wir sonst gekämpft? Sag deinem Felix, er soll seiner Verantwortung nachkommen und auch was tun.“. Gut, Conny redet mit Felix und sie entschliessen, modern zu sein. Zwar wollen das beide nicht, aber was tut man nicht alles, um mit der Zeit zu gehen.

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Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Sie sind modern, Felix bleibt zu Hause, Conny verdient die Brötchen. Beide sind happy und überzeugt, Kind Frieda wird es auch sein. Nun kommt Hermann, Felix’ Freund, und sagt: „Was bist du für ne Lusche, ein echter Mann bleibt nicht zu Hause. Conny und Felix kriegen sich in die Haare, das Ende ist noch offen… immerhin wäre eine alleinerziehende Mutter mit Beruf und Kind in der Krippe modern.

CUT

So oder so: Franz oder Friede kommen auf die Welt. Einer muss zumindest am Anfang zu Hause sein, dem neuen Erdenbürger den Einstand in derselben Erde zu ermöglichen. In der Schweiz ist es nun amtlich: Das muss die Mutter sein, denn der Vater kriegt keinen Vaterschaftsurlaub. Das geht gar nicht. Eltern müssten selber entscheiden können, wer den Urlaub nimmt. Klar nicht beide, denn sonst wäre bald die ganze Welt auf Urlaub.

War da nicht was von wegen „vor dem Gesetz sind alle gleich“? Und waren Frauen nicht auch gemeint mit „alle“? Männer waren es ja schon immer. Nur: Hier offensichtlich nicht. Der Schweizer Nationalrat kann sich gegen ein Grundrecht stellen und dem Mann Rechte absprechen, welche die Frau hat. Was genau zählen Grundrechte in einem Land, in dem man sie einfach mal so umstossen kann? Klar, wir bringen keinen um und sind auch sonst recht moderat und meist neutral… aber das soll einfach mal so gehen?

Mein Vorschlag:

Ein Kind kommt auf die Welt. Es hat einen Erzeuger und eine Erzeugerin. Die sind in der Pflicht. Mit der Geburt sollte geregelt sein, wie das Leben des Kindes finanziert wird. Egal, wer nun was macht im Leben, egal, ob die Liebe hält oder nicht. Das wäre Eigenverantwortung. Aber das ist wohl naiv oder unromantisch. Je nach eigenem Standpunkt. Trotzdem fände ich es den einzig gangbaren Weg. Für das Kind, für das Individuum und für den Staat. Das löst nie die emotionalen Probleme, die sind und bleiben, aber sie wären weniger vermischt.

 Fazit:

Was ich mit all dem sagen wollte? Elternteile sollten unabhängig vom Geschlecht gleiche Rechte, Pflichten und Möglichkeiten haben. Die Reihenfolge ist nicht hierarchisch, ich musste eine wählen. Das hiesse, alle gleicht zu behandeln. Alles andere ist Bullshit!

Schelmengeschichte

Paul und Anne wohnen in einem kleinen Bergdorf in der Schweiz. Sie zogen dahin, als beide noch arbeiteten, lebten sich ein, fühlten sich zu Hause. Vorher waren sie durch die ganze Welt gezogen, lebten auf verschiedenen Kontinenten, in grossen Städten, aber auch in kleinen Ortschaften. Nun sind sie alt. Paul ist pensioniert, Anne arbeitet noch immer als selbständige Künstlerin. Zudem sind sie wundervolle Gastgeber für die Bewohner ihrer zwei Ferienwohnungen.

Da man auch in kleinen Dörfern mit der Zeit gehen will, Alter dem Fortschritt nicht gleichgültig gegenübersteht, wollten die beiden die Telefonanlage im Haus modernisieren. Schliesslich sollten ihre Gäste Komfort geniessen können. Paul nahm also das Telefon in die Hand und rief beim hiesigen Telekommunikationsriesen an. Der Herr am anderen Ende des Drahtes war ausnehmend freundlich. Er hörte sich Pauls Anliegen an, tippte auf seinem Computer rum (man hörte es gut vernehmlich klappern im Hintergrund) und sagte dann mit einem Unterton der Überzeugung:

„Herr Paul, das erledigen wir gerne für Sie. Dazu müssen wir uns vor Ort ein Bild machen. Preis für die Abklärung und das Erstellen der entsprechenden Offerte würden wir 5000 Franken verrechnen.“

Paul schluckte leer. Er hatte zwar schon gedacht, dass die Erneuerung der ganzen Anlage nicht ganz günstig würde, dass aber schon vor dem ersten gelegten Kabel solche Kosten auf ihn zukämen, das überstieg dann doch sein Vorstellungsvermögen und liess die Absicht der Erneuerung ein bisschen weniger dringend erscheinen.

Abends telefonierte Paul mit seinem Sohn Paul Junior. Der verstand erstens ein bisschen was von Telekommunikation, zweitens musste er seinem Schock über das Angebot des überaus freundlichen Beraters Luft verschaffen. Pauls Sohn schluckte auch, als er den Betrag hörte. Er konnte es kaum glauben und nahm die Sache selber in die Hand. Er rief also selber beim Anbieter an, schilderte dasselbe Problem kriegte die postwendende Antwort:

„Herr Paul Junior, gerne erledigen wir das für sie. Dazu müssen wir uns vor Ort ein Bild machen. Für die Abklärung und das Erstellen der Offerte entstehen Ihnen selbstverständlich keine Kosten.“

Paul Junior schluckte leer. Er hatte zwar schon gedacht, dass der seinem Vater genannte Betrag etwas gar hoch war, aber diese Diskrepanz machte ihn sprachlos.

Ein Schelm, der dächte, die Firma versuche die (vermeintliche) Unwissenheit alter Bergbewohner auszunutzen…

Ich darf das sagen…

Wir leben im Zeitalter der Meinungsfreiheit. Auf die berufen wir uns immer, wenn wir etwas sagen, das nicht gut ankommt. Das ist praktisch, denn so muss man sich nie überlegen, was man sagt. Und wieso. Denn: Man darf ja. Die Meinung ist frei.

Man könnte, bevor man etwas sagt, sich fragen:

Ist es nett? Hilft es jemandem?

Wenn die Antwort zweimal nein wäre, könnte man das Sagen einfach lassen und nichts sagen. Wieso? Weil es nett wäre? Und das Gegenteil keinem was hülfe – wohl eher im Gegenteil… ABER: Man beruft sich auf seine Rechte. Die einem wohl eher egal sind, nicht grundsätzlich, aber in dem Fall, die sich aber grad gut instrumentalisieren lassen für die eigenen Zwecke. Man ist quasi legitimiert fein raus. Muss sich nicht mehr hinterfragen.

Ich finde das doppelt traurig. Erstens plappert man einfach mal drauf los, ohne Rücksicht auf Gefühle oder Verluste. Zweitens missbraucht man ein Menschenrecht, das gut und richtig und wichtig ist, für die eigene Gedanken- und Gefühllosigkeit. Und wenn auch das Menschenrecht nicht mehr zieht, dann war es gar nicht so gemeint. War quasi Humor. Oder notfalls Satire. Das macht es nicht netter oder besser, aber gut und nett ist eh out. Zumindest scheint es ab und an so. Man kann ja im nächsten Atemzug über die kalte und grausame Welt ohne Gefühl und menschliche Werte jammern….

Einmal wieder Jungfrau sein

Ich hatte heute meine Jungfernfahrt mit meinem E-Bike. Sprich: Ich habe mich velotechnisch als Senior eingestuft. Nachdem ich ganz beschwingt losfuhr, merkte ich bald (bei der ersten Steigung, um genau zu sein): „Mist, das geht doch ganz schön in die Beine.“ Ich schaltete den Motor hoch und höher, trat in die Pedale, kam dann doch ganz gut oben an (ich gestehe, ohne wäre das eine Tortur sondergleichen gewesen – wenn überhaupt in Angriff genommen….). Aber: Ein bisschen warm war mir geworden. Irgendwie hatte ich mich vor meinem inneren Auge locker flockig die Hügel rauf und runter sausen sehen… das schien etwas sehr positiv gedacht gewesen zu sein….An jeder Ampel äugte ich in die Autos neben mir und beneidete insgeheim die Fahrer. Die durften sitzen und lenken, während ich trampen (!!!) musste.

Auf dem Rückweg hatte ich gelernt, dass man vielleicht den Gang etwas runterschalten sollte beim hochfahren. Und dass es bergauf keine 30 km/h sein müssen. Das ganze Unterfangen war so schon viel beschwingter. Aber ohne trampen ging noch immer nix. So stand ich dann an einer Ampel. Neben mir ein sehr sportlicher Mountainbiker, vollgespritzt mit Dreck. Er blickte mich an, dann mein Bike, dann wieder mit. Ich lächelte leicht verlegen. Sagte: „Ich weiss, ich schummle.“. Er lächelt zurück. Ich sage: „Dafür radle ich dann bald locker beschwingt an dir vorbei. Aber – ich gestehe: Ohne schummeln käme ich den Hügel kaum hoch.“. Er lächelt und sagt: „Ach was, das ist toll – immer noch besser als ein Auto.“ Ich sage ganz erleichtert: „Das dachte ich eben auch. Und trampen muss ich ja trotzdem.“ Er stimmte mir vollumgänglich zu und lächelte noch breiter.

Wir überholten uns gegenseitig noch einige Male, dann verloren sich unsere Wege. Zurück blieb ein beschwingtes Gefühl, mit dem ich mich nach Hause trampte. Und morgen geht es wieder los. Trampend.

Wie die Mücke zum Elefanten wurde: Handshake

In der Schweiz kocht es mal wieder: Zwei Pubertierende wollen der Lehrerin die Hand nicht geben. Sie kamen damit durch. Die Pubertierenden waren Muslime, argumentiert wurde religiös.

Die Stimmen werden laut:

Unsere Kultur verlangt das Händeschütteln zur Begrüssung. Das geht gar nicht, dass das verweigert wird.

oder:

 Der Koran verbietet das gar nicht, das ist überzogen. Wie kann man nur, was geht da ab?

Ich musste als Kind nie einer Lehrerin die Hand geben. Einem Lehrer übrigens auch nicht (zum Glück, ich gebe nicht jedem gerne die Hand…man weiss nie, was der mit seiner vorher tat 😉 ). Ich weiss nicht, wann das eingeführt wurde und was der Zweck dafür sein soll. Wohl Beziehungsbindung, die man dann mit Einträgen für jedes noch so kleine Vergehen wieder kaputt macht (kannten wir in dem Stil auch nicht).

Was mich in der ganzen Sache etwas nervt ist folgendes: Da wird zwei Teenagern, die grad mit ihren Hirnzellen kämpfen wegen pubertär verursachten Umstrukturierungen ihres Hirns, eine Plattform geboten, die schlicht lächerlich ist. Das Ganze wird dann instrumentalisiert, um generell gegen Ausländer, Muslime im Speziellen, zu stänkern.

Wer nun findet, man müsse früh eingreifen, denn das gehe auf Kosten der Frau, welcher zu wenig Respekt gezollt wird, den möchte ich nur das fragen:

 Fördert ein erzwungener Handschlag den Respekt wirklich?

Andere Kulturen mögen andere Frauenbilder haben. Die gefallen mir nicht, die scheint man (nach aussen – es gibt sie ja auch bei uns, man beachte nur unsere Werbung und mehr….) hier abzulehnen. Diese Frauenbilder werden nicht ändern, weil man Pubertierende massregelt – oder eben durchmarschieren lässt. Die Frauen hierzulande haben es in der Hand, welchen Mann sie wählen, die Männer, welcher Frau sie gefallen wollen. Schlussendlich fängt Respekt im Hirn an, nicht bei der Hand, die eine andere berührt – Wirklicher Respekt kann nie erzwungen werden.

Facebook – da traut man sich was

Kürzlich kam es auf Facebook zu einer Diskussion. Das Thema interessierte mich nicht wirklich, trotzdem habe ich (mein Fehler) irgendwann (mehr beiläufig, denn durchdacht) einen Kommentar dazu gegeben. Die selbsternannten Experten in der Sache schossen sich gleich auf mich ein, drehten mir die Worte im Mund rum, bis ich sagte, die Diskussion sei für mich hier beendet. Dies kam nicht gut an, ich fühlte mich schuldig des Diskussionsabbruchs, schob was nach, um dann zu hören:

Liebe Sandra, ich habe dich hier missbraucht, um etwas zu beweisen.

Erst wollte ich schreiben, dass dies weder logisch noch formal als Beweis qualifiziere, ich liess es, denn: Einem Menschen, der Menschen MISSBRAUCHT, um seine Wahrheiten durchzudrücken, muss ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben. Besagte Person schoss noch ein paar mal gegen mich, es schien ihr wichtig, ich liess es stehen.

Kurz darauf stellte ich ein Bild einer Yogapose ins Netz. Eine FB-Freundin meinte, mir sagen zu müssen, dass das Bild eklig sei, da ich viel zu dünn sei. Ich solle das sofort löschen. Überhaupt könne man bei dem Anblick nie glauben, dass ich überhaupt je esse, was ich ab und an ins Netz stelle. Früher hätte ich mich gerechtfertigt, von vielen Stunden auf der Matte und anderen Dingen erzählt. Ich habe den Kommentar gelöscht und sie entfreundet.

Es geht mir nicht drum, dass keine Kritik sein darf. Ich kann diskutieren, gerne auch kontrovers. Aber: Ich möchte a) den Respekt gewahrt wissen und b) in den sozialen Medien eigentlich entspannen und mich nicht danach schlecht und schlechter fühlen.

Was ich mich aber frage: Ist das die Welt heute? Jeder pisst dem anderen ans Bein? Weil man es kann, weil man ja seine Meinung haben und sagen darf – egal, was dabei rauskommt, egal, wen man verletzt, egal, was man kaputt macht? Freie Meinung über allem?

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Die Meinungsäusserungsfreiheit ist wichtig und richtig und ein Grundrecht, das für mich unanfechtbar ist. Aber: Kann man damit wirklich alles rechtfertigen? Noch vor diesem Grundrecht steht nämlich:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Reihenfolge ist nicht beliebig, sie ist durchaus hierarchisch. Allerdings scheint das keinen mehr zu kümmern im Zeitalter der schnellen Kommentar-Klick-Online-Gesellschaft. Man schiesst munter drauf los. Ist einer verletzt? Sein Problem! Ich lebe die Meinungsäusserungsfreiheit und überhaupt: Was kümmern mich die Gefühle anderer, Hauptsache ich habe meinen Spass und bin cool. Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass man Social Media mit SM abkürzt?

Der Weg der Gelassenheit

Kürzlich regte ich mich auf. Aber sowas von. Ich weiss gar nicht mehr, worüber, aber: Das ist meist eh nicht relevant, man regt sich ja über alles auf. Man überlegt dabei selten, was man sich selber damit antut, sondern man ist grad so schön drin in der Aufgeregtheit. Schliesslich hat man ja Grund. Sagt man sich.

Ein Bekannter meinte süffisant: „Macht Yoga nicht gelassen?“ Meine Antwort war klar schlagfertig: „Du kanntest mich vor Yoga nicht.“ Aber es hing nach. Da war in der Tat noch Luft nach oben.

Heute fühlte ich mich in der Theorie bereit für den Weg. Frei nach dem Motto

Du hast ein Problem? Kannst du es lösen? Prima, wieso sorgst du dich? – Du kannst es nicht lösen? Wieso sorgst du dich?“

gehe ich nun den Weg der Gelassenheit. Seit ich ihn gehe, sind doch schon ein paar Stunden vergangen. Ich behaupte nicht, er wird immer gelingen, aber: In der Theorie klappt er schon ganz gut!

Die Frau – nur Objekt?

Du bist ein toller Mensch. Ich bin gern mit dir zusammen.

Wer hört es nicht gerne. Wer möchte nicht gemocht werden? Der Mensch ist ja grundsätzlich ein soziales Wesen (auch wenn ich bei mir ab und an daran zweifle, da ich sehr gerne allein bin, Zeit für mich brauche, Jubel und Trubel eher meide.

Und doch: Es ist schön, wenn man Menschen um sich hat, mit denen man gerne zusammen ist, gerne spricht, auf einer Welle schwingt. Umso trauriger ist es, wenn diese plötzlich auf Distanz gehen. Nicht, weil man etwas falsch gemacht hätte, nur, weil man eine Frau ist, die keine Beziehung will.

Das schmerzt. War man nicht mal ein toller Mensch? Gilt das nur so lange, wie man als „Objekt“ verfügbar ist? Ich weiss, das ist sehr plakativ und krass ausgedrückt, aber irgendwo stimmt die Reduktion doch. Klar, es kann keiner für seine Gefühle. Klar ist auch, dass es schmerzen kann, mit jemandem zu „verkehren“ (das ist nicht zweideutig gemeint), in den man unerwidert verliebt ist. Nur verliebt sich ja nicht gleich jeder aufs erste Wort. Und es ist mir nun doch schon einige Male passiert.

Sind Frauen per sei einfach mal Beziehungsobjekte? Oder gar doch nur Sexobjekte? Wo bleibt das „Mit dir kann ich gut reden“, „du bist intelligent“ und „ich fühle mich wohl in deiner Gesellschaft“, wenn die Option auf mehr stirbt? Stirbt mit? War nie da und nur Schleimerei?

So oder so: Es bleibt ein schaler Geschmack zurück und ab und an der Gedanke, mich generell zurückzuziehen, da ich darauf einfach keine Lust mehr habe.

Thementorten oder: Wie Knete die Küche eroberte

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Ich seh in letzter Zeit immer wieder diese Thementorten. Dafür werden meist Tortenböden gebacken, diese mit Crememasse geschichtet, dann die Hälfte wieder abgesäbelt, um alles in Form zu bringen. Am Schluss wird in Feinstarbeit von Hand Deko gestaltet. Da wird geknetet, mit Zirkel, Massstab und Stift gemessen und dann zurechtgeschnitten. Am Schluss wird alles angedrückt, festgepresst und noch mit letzten Handgriffen in Form gebracht. Und: Es sieht wunderbar aus.

Damit könnte mein Bericht fertig sein und wäre eine Lobhudelei auf wunderprächtige Thementorten. Dem ist nicht so. Als ich heute bei einem Video zuschaute, stiess mir eines sauer auf: Die Hälfte des Bodens und der Crememasse macht man für die Tonne. Die wird weggesäbelt und weggeworfen. Klar ist es ein wenig pingelig, nun die armen verhungernden Kinder in Afrika ins Boot zu holen als Argument, aber irgendwie fand ich das doch Verschwendung. Wer mir nun sagt, der Bäcker isst das alles selber, dem glaub ich nicht, es sei denn, er zeigt mir all die kugelrunden Konditoren, welche diese Kunstwerke quasi wie vom Fliessband produzieren.

Aber noch viel mehr: Der Gedanke, dass da jemand an meiner Torte rumgedrückt, geknetet, mit was weiss ich gemessen, gezirkelt und geschnitten, dann nochmals gedrückt hat, verdirbt mir schlicht den Appetit. Essen würde ich das nie nie nie wollen. Ich weiss, ich bin sehr heikel, das ist sicher nicht die Norm. Und doch: Kunst schau ich gerne im Museum an, auf dem Teller mag ich Nahrung. Die darf schön angerichtet sein, muss aber dazu nicht betatscht, geklebt und hälftig für die Tonne produziert sein.

Apfelringe – oder: Meine Zähne – oder: Gesund essen

Ich komme ja langsam in ein Alter (hüstel), in dem man schauen muss, was man tut, um gesund zu bleiben. Das war in ganz jungen Jahren (hüstel) noch nicht so wichtig (ok, wäre es auch gewesen, wurde aber erfolgreich ignoriert und dies hatte keine offensichtlichen Auswirkungen), sollte nun aber in Angriff genommen werden. Frau will ja noch ein Weilchen leben und dabei nicht aussehen, als ob sie schon eine ganze Weile gelebt hätte.

Ich kaufte mir also Apfelringe. Die sind quasi wie Pommes Chips (steckt ja sogar Apfel im Nahmen drin), nur in gesund. Dachte ich. So als Knabberspass für zwischendurch also die perfekte Lösung. Davon ging ich aus. Wer hier nun mutwillig ein Aber hineinlesen will, dem sei gesagt, dass er den guten Ringen zu wenig Vertrauen schenkt und vorschnell urteilt, aber: Er hätte recht. Ein bisschen.

Ich steckte einen solchen Ring in den Mund. Es gab sie ja in verschiedenen Geschmacksvarianten, von neutral über Vanille bis hin zu Zimt. Ich wählte alle, probierte zuerst die Zimtvariation. Ich hatte ihn also im Mund, den gesunden Knabberspass mit Zimtgeschmack. Er war wirklich lecker zimtig. Ich wollte zubeissen, doch das ging nicht. Das Teil war irgendwie hartgummig von der Konsistenz. Aber lecker im Geschmack. Ich versuchte es mit lutschen, wäre doch gelacht, wenn ich den Ring nicht weich kriegte. Ich lutschte lange, der Geschmack war mittlerweile weg, wirklich beissbar war das gute Teil noch immer nicht.

Ich gab mir Mühe, mahlte, malmte, biss. Langsam spürte ich eine marginale Verkleinerung. Es waren nun zwei Teile. Mehr Geduld hatte ich nicht mehr. Ich versuchte, diese runter zu würgen. Es kratzte im Hals (also immer noch nicht weich genug), blieb mal kurz stecken, rutschte dann mit einem Schmerz runter.

Ich habe die Natur- und die Vanille-Version gleich mit dem angebrochenen Pack der Zimtäpfel entsorgt und mir das Original von Zweifel geholt. Knack, knack, knack – weg. Und lecker sind sie allemal. Gesund? So gesund kann etwas auch nicht sein, das man a) nicht beissen, b) nicht lutschen und c) nicht ohne Aufreissen der gesamten Speiseröhre schlucken kann.