Wieso findet man schwarz-weiss immer stylischer, kultureller, bringt aber bei den eigenen Haaren dann doch Farbe rein?
Kategorie: Gedanken
Schnellschussgedichte: Scheisse ist…
Scheisse ist,
wenn du fühlst,
was dir gut tut,
aber merkst,
dass du es
nicht leben kannst.
Oder kannst du?
Siehst es nicht?
Oder musst du?
Kannst es nicht?
Oder willst du?
Solltest nicht?
„Stop“ – oder: Unverbindlichkeit als Konzept
Migros eröffnet das Konzept der Zukunft. „Welle 7“ heisst es, ist beim Bahnhof Bern. Am Morgen kann man – wann immer man will – ein Fitnessprogamm wählen – woher auch immer. Man muss aber nicht, man ist nicht verpflichtet. Man entscheidet so aus Lust und Laune.
Danach kann man einen „Workingspace“ mieten. Wenn man ihn grad braucht. Wenn nicht, kann man es auch lassen. Auch hier: Freiheit pur. Alles ist frisch aufgebaut, mit markigen Wörtern, unverbindlichen Angeboten. Das zieht heute. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man sich nicht mehr verpflichten will. Schliesslich steigen auch die Scheidungsraten. Und wenn schon nicht hält, was man auf ewig schwört, wie will man noch in andern Bereichen hinstehen und bleiben?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der man einfach mal nimmt, was man kriegt. Und dann sagt: Aber so ganz weiss ich das eigentlich noch nicht. Darf ich mal probieren? Und oft trifft man auf solche, die Leute brauchen, die kommen. Und sie hoffen, dass die dann bleiben. Und straucheln, weil die nur mal schauen wollen. Um eventuell zu bleiben. Es ist nicht so klar. Man weiss es nicht. Aber man kann es ja. Man ist schliesslich Kunde. Egal, was das für einer ist, der das Angebot gibt. Es ist ein Angebot. Man muss es nicht nehmen.
Die Angebote spriessen. Immer mehr. Weil viele nicht mehr wissen, wie überleben, ohne ein Angebot zu liefern. Und die andern sind froh: Sie haben die Wahl. Und sie nutzen sie. Unbarmherzig. Denn: Sie können es. IN ihrem Bereich sind sie dann wieder die, die warten. Weil andere auch nutzen. Weil sie es können. Und so geht der Kreislauf weiter und malmt Menschenseelen nieder. Jeder, der kann, drückt einen anderen nieder. Schliesslich wird er ja auch niedergedrückt. Von anderen, die können. Das geht so endlos weiter. Bis einer „Stop“ sagt. Und dann hadert. Was, wenn er untergeht, weil andere drüber laufen?
Was aber, wenn keiner „stop“ sagt?
Schnellschusspoesie: Feierabend
Scheisse!
Mein Wort
zur Nacht.
Unschön?
Ach was.
Kurz,
prägnant,
einprägsam!
Zu kurz gegriffen?
Absolut.
Aber:
Wen kümmert’s?
Feierabend.
Alltagslyrik: Die Jugend
Die Jugend ist ja gar verdorben,
was wird nur noch aus unsrem Morgen.
Es ist ein Elend – merkt euch des,
das sagte schon der Sokrates.
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Dumme Kuh
Er nannte sie ne dumme Kuh,
sie warf nach ihm den linken Schuh.
Wieso es nicht der rechte war?
Den trug sie noch – das ist doch klar.
©Sandra Matteotti
Den Blick klären
Wenn man aufhört, die Haare in der Suppe zu suchen, hat man den Blick frei für die schönen Seiten des Lebens.
Alltagslyrik: Die Schnecke
Es war einmal ne Schnecke,
die blieb meist auf der Strecke,
weil alle bloss vorüber eilten,
und nie bei ihr verweilten.
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Der Phantast
Er ist ein Mann mit Phantasie,
die er hegt, wie and’res nie.
So tanzt er stets durch alle Farben,
sieht den Alltag nur als graues Darben.
©Sandra Matteotti
Sehnsucht nach dem Sommerloch
Früher war alles besser. Da gab es noch ein Sommerloch. Alle waren in den Ferien, nichts passierte. Man nannte es auch Saure-Gurken-Zeit. Ich liebe saure Gurken eh, aber die Zeit noch mehr, denn: Es passiert nichts. Sicher nichts Schlimmes. Und nur darüber wird ja berichtet.
Wenn ich heute die Zeitung aufschlage – ok, das ist nicht korrekt, ich mache den Computer an – wobei, auch das ist nicht korrekt, denn ich gehöre zu den Unverbesserlichen, die diesen nie ausschalten, sondern nur morgens den Standby-Modus verlassen – aber das ist eine andere Geschichte für eine andere Gelegenheit. Fakt ist: Jeden Morgen kommt eine neue Horrormeldung.
Ich bin es langsam leid und ich will es nicht mehr hören. Es tut mir nicht gut und es ist nicht die Welt, in der ich leben will. Ich kann es nicht ändern.
Nun gibt es wohlmeinende Mitmenschen, die mir erklären wollen (von Statistiken unterlegt), dass mir im Haushalt viel mehr passieren kann . Statistisch gesehen ist die Gefahr eines Terroranschlags im Vergleich dazu verschwindend gering. Das mag sogar so sein. Nur sind im Verhältnis zur Weltbevölkerung auch viel mehr Menschen mit Haushalt beschäftigt, als sie an ein einzelnes Konzert gehen. Ich frage nun nicht, ob das berücksichtigt ist, das würde wohl überfordern, denn solche Theorien sind selten selber überprüft, sondern meist nur irgendwo unbedarft abgeschrieben.
Ich bin abgeschweift. Wo bitte ist das Sommer-Loch? Ich hätte das gerne zurück. Würde dazu ein leichtes Sommerweinchen trinken, den Abend geniessen, ein paar Mücken töten und mit dem guten Gefühl ins Bett gehen: Es ist alles wie gewohnt.
Vielleicht bin ich alt. Vielleicht habe ich zu viele Liebesschnulzen geschaut. Aber ja: Ab und an überkommt mich diese verdammte Sehnsucht nach ein wenig Ruhe und Normalität. Nach Alltag. Nach einem Tag, an dem einfach mal nichts passiert. Das wäre schön!
Man stelle sich das vor: Die Tageszeitung mit den vielen Bildern und den grossen Schlagzeilen schriebe:
Es war ein schöner Tag – nichts sonst.
Alltagslyrik: Leberwurst
Da war noch die Frau Leberwurst,
die trank oft einen übern Durst,
weil sie gar fürchterlich beleidigt war,
drum heisst sie so, das ist doch klar!
Terror, Angst und Leben
Paris, Brüssel, Nizza, München. Die Liste der nächsten Orte, an denen Gräueltaten geschahen. War es der IS, waren es einzelne Irre? Wer ist schuld und was hilft die Schuldfrage überhaupt? Experten zu diesen Fragen gibt es so viele wie Computerbenützer in sozialen Medien. Und alle klagen einen an. Merkel, Muslime, Religionen, Gott, Gutmenschen. Irgendwer war’s immer. Und wäre jeder von den Schimpfenden an der Macht, hätte er die Welt im Griff. Leider ist er es nicht, drum schimpft er nur hinterm Bildschirm vor.
Unabhängig davon bleibt: Wie leben wir weiter angesichts solcher Vorkommnisse? Ich sollte genau eine Woche nach dem Amok-Lauf von München an ein Konzert – ebenda, wo dieser stattfand. Geh ich einfach hin und denke: Zweimal trifft es eh nicht denselben Ort und denen geb ich schon gar keine Macht über mich? Der Täter war – unsere Medien kriegen sich nicht ein, es plakativ zu schreiben – ein Bubi, ein gemobbtes Büblein. Schaute man genau hin, wären die Mobber die Täter, der Täter das Opfer und die Opfer die Opfersopfer. Aber ein Täter kann kein Opfer sein und die Welt wird zu kompliziert, knüpft man Kausalketten länger als nur ein Glied. Fakt ist: Der IS jubiliert und sagt, das Tor zur Hölle sei eröffnet. Was also folgt?
Geh ich tanzen, feiern, festen? Geböte es die Pietät, es zu unterlassen? Müsste ich aus Angst zu Hause bleiben oder gerade allem trotzen und gehen? Wer ist schuld und wo stehe ich? Was glaub ich noch und woran kann ich mich halten?
Das Konzert war lange geplant mit einer lieben (meiner liebsten) Freundin. Die Angst im Nacken: Wenn ich nun kneif, ist sie mir böse. Statistisch rational gibt es keinen Grund zum Kneifen, wir wissen: „Zweimal am gleichen Ort….“ und eine andere Statistik sagte, dass man eher am Essen erstickt, als an Terroranschlägen stirbt. Nur: Wie sagt mein Sohn so schön: Das hilft dir nix, wenn du das eine Prozent bist, wenn 99% überleben.
Ich weiss noch nicht, ob ich gehe. Aber: Ich bin dankbar für diese Freundin, die mein Zögern und Zaudern ernst nimmt und mir die Freundschaft nicht kündigt. Und: Ich bin dankbar für den Sohn, der – obwohl Mütter in der Pubertät extrem uncool sind – mit mir diskutierte über Freundschaft, Statistik und Überlebenschancen. Ich höre da für mich ein bisschen raus, dass er mich noch behalten möchte.
Die Welt ist aus den Fugen. Und wir sind erst am Anfang. Wir können das grosse Ganze oft nicht steuern, wir müssen einen Weg finden, in unserer kleinen eigenen Welt damit umzugehen. Für mich ist es wundervoll, dankbar sein zu können für das, was ich habe in dieser Welt. Darauf baue ich.
Alltagslyrik: Happy End
Ein Leben wir im Pilcher-Roman,
das wünsche ich mir dann und wann.
Erst ging’ es hü und auch mal hott,
und dann der Schlusskuss, aber flott.
©Sandra Matteotti
Alltagslyrik: Der Computer
Ich sitze vor der Kiste
und schreibe eine Liste,
was ich noch möcht erleben,
anstatt vor dieser Kiste kleben.
©Sandra Matteotti
Zirkus Robinson in Zürich
Der Tag war schön, die Sonne schien. Ich lief durch meine Stadt, ich war zu früh für eine Verabredung. Zeit also, mal wieder zu geniessen, was quasi vor der Haustür liegt, selten gesehen ist, weil man lieber im Internet ferne Destinationen googelt und dann in Bildern und Träumen schwelgt, statt das so Naheliegende zu geniessen. Ich genoss.
Bei Schlendern kam ich zum Zirkus Robinson. Der hatte seinen Zelte (es war eigentlich nur eine Bühne) inmitten der Stadt aufgebaut und die motivierten kleinen Artisten boten eine Show vom feinsten. Für all diejenigen, die den Zirkus nicht kennen sollten, sei gesagt: Ein Zirkus mit Kindern, die üben, proben, Herz und Blut einbringen und dann auftreten.
Der Zirkus führte also auf, die Das Besucherareal war eingegrenzt und hatte ein Tor, an dem man Tickets kaufen und damit dieses wunderbare Projekt unterstützen konnte. Ich lief um den Zaun rum, und sah ein Paar. Beide gut und teuer bekleidet, standen sie da. Sie guckten durch einen Spalt im Zaun. So umgingen sie den Eintritt. Sie blinzelten nicht mal schnell rein, um zu sehen, was da zu sehen wäre. Nein, sie schauten lange und intensiv.
Das ist sie wohl, unsere Welt. Das Geld geht für teure Klamotten und Status drauf, den Rest holt man sich gerne umsonst. Dass damit das stirbt, was diese Welt lebenswert macht, ist egal. Betrifft einen ja nicht.
Der Zirkus Robinson ist übrigens noch ne Weile in Zürich, führt da auf. Schaut mal rein, es geht auch bequem auf Stühlen, man muss nicht stehend durch einen Spalt linsen…Die Daten findet ihr HIER