Meine Bücherwelt in 10 Fragen

Bei einer Reise durch meine gern gelesenen Literaturblogs stiess ich auf einen Artikel des Kaffeehaussitzers, in welchem dieser 10 Fragen beantwortete, die er bei Sätze & Schätze gefunden hatte.

Eine schöne Idee, wie ich fand und das Hirn lief natürlich gleich heiss: Was wären meine Antworten? Hier sind sie:

Frage eins
Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?
Ich habe keine Ahnung. Ich weiss, dass ich als Kind Enid Blyton liebte, am meisten ihre Reihe „Geheimnis um…“. Dicky und sein Sittich hatten es mir besonders angetan, später kamen dann „Fünf Freunde“, „TKKG“ und „???“ – man sieht, ich war schon damals Krimiliebhaber. Aber mir sind auch andere Bücher im Kopf: „Die Turnachkinder“ – es gab eine Sommer- und eine Winterausgabe – sowie Berte Bratt – nach der Lektüre wollte ich unbedingt nach Norwegen. Was aber das erste Buch war? Ich kann es echt nicht sagen.

Frage zwei
Das Buch, das Deine Jugend begleitete?
Ich habe auch da viel gelesen, so dass es schwer ist, ein Buch zu wählen. Was aber sicher eines meiner liebsten Bücher der Zeit war: Marion Zimmer-Bradleys „Die Nebel von Avalon“. Ich habe das Buch verschlungen, fand es wunderbar.

Frage drei
Das Buch, das Dich zum Leser machte?
Vermutlich Grimms Märchen, da das Vorlesen derselben meine Liebe zu Geschichten weckte und ich dann bald mal selber lesen wollte.

Frage vier
Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?
Das müsste „Effi Briest“ von Theodor Fontane sein.

Frage fünf
Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?
Ich habe kein wichtigstes Buch. Es gibt verschiedene wichtige Bücher in meinem Leben. Eines hat mich über Monate begleitet, weil ich damit gearbeitet habe und eine Arbeit drüber schrieb (Thomas Manns „Doktor Faustus“. Ein anderes hat mich einfach unglaublich gut unterhalten, auf eine Weise, die nicht einfach nur Pageturner war, sondern mehr (Joël Dickers „Der Fall Harry Quebert“). Wieder andere Bücher haben mich berührt mit ihrer Thematik, haben mich mitfühlen und –leiden lassen („Effi Briest“, „Anna Karenina“ und viele mehr). Und dann sind da noch Rilkes Gedichte, kaum ein Buch habe ich mehr in die Hand genommen. Ebenso die Gedichte von Erich Fried, ein Buch, das mir ein Mensch geschenkt hat, der mir sehr viel bedeutet hat und es immer tun wird – über den Tod hinaus. Die Widmung im Buch erinnert zusätzlich daran. Und….

Frage sechs
Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?
Ich habe vor keinem Buch Angst. Ich denke, ich würde mit jedem einen Weg finden. Die Frage ist: Muss ich es? Ich habe heute die Freiheit, selber entscheiden zu können, was ich lese. Das war eine lange Zeit lang anders – und ja, auch das hatte Vorteile, da ich Bücher las, die ich ohne äusseren Druck vielleicht nicht gelesen hätte und die mir viel bedeutet haben, weil sie mir Welten erschlossen haben, in die ich sonst nie eingetaucht wäre. Es gibt auch heute noch Bücher, die von aussen an mich herangetragen werden. Da bemühe ich mich ein wenig mehr, sie weiter zu lesen, selbst wenn sie mir nicht gefallen. Schlussendlich halte ich es aber bei Büchern wie beim Wein: Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher (und schlechten Wein!). Ich möchte aber anmerken, dass die Wertung „schlechtes Buch“ häufig schlicht Geschmackssache ist. Natürlich gibt es Kriterien, die ein Buch auch rein vom „schreiberischen“ Handwerk her als schlecht qualifizieren – doch: Selbst das Buch kann irgendwem gefallen und wenn es das tut, ist das doch wunderbar. Die Frage ist doch: Was will Literatur, was soll sie? Meiner Meinung nach soll sie primär unterhalten. Sie soll den Leser eine Weile aus seiner Welt in eine andere entführen, aus welcher er etwas mitnimmt in die eigene. Das Mitgebrachte kann vielschichtig sein, es geht von Entspannung bis hin zu Erkenntnissen.

Frage sieben
Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?
Das kann ich nicht beurteilen, denn dazu müsste ich alle gelesen haben und die entsprechenden Statistiken kennen. Ich konnte sicher die Aufregung um die Grauschattierungen nie nachvollziehen, aber: Ich habe das Buch nicht gelesen und werde es wohl kaum je tun – ergo weiss ich es nicht wirklich.

Frage acht
Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?
Wenn ich ein Buch lesen wollte, würde ich es tun. Zeit kann man sich nehmen, Bücher müssen ja nicht an einem Tag gelesen werden. Wer also liest, kann alles lesen. Da auf den richtigen Zeitpunkt zu waren, mutet ein wenig komisch an.

Frage neun
Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?
Es ist wohl kein Buch, es sind die, welche religiöse Bücher wortwörtlich auslegen und fanatisch danach handeln. Und: Es kommt nicht drauf an, welches Buch man nimmt, es steht in allen in etwa dasselbe drin.

Frage zehn
Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?
Meines. Irgendwann mach ich das vielleicht sogar noch. Ich neide keinem sein Buch. Und dass er es geschrieben hat und nicht ich, bedeutet, dass es seins war – nicht meins.

Und schon bin ich durch… hat Spass gemacht, war für mich aber nicht wirklich neu, da ich mich ja ziemlich oft durchleuchte und hinterfrage. Viel spannender wäre: Wie sieht das bei euch aus?

 

Trump – oder: Die Welt demaskiert sich

Trump ist im Amt. So ganz offiziell. Und wer auf Facebook oder Twitter ist, kann das nicht mehr ignorieren, denn kaum ein Beitrag dreht sich nicht um ihn. Man könnte nun jubeln und denken, dass die Welt politisch engagiert ist, nur: Das ist sie nicht. Man ergiesst sich in Spott und Häme, ach so witzige Bilder verstopfen den Nachrichtenfluss. Man übt sich als Psychologe und analysiert Bilder des gähnenden oder desinteressierten Sohnes. Man motzt über den Tanz der beiden Trumps und findet ihn hölzern – ich frage mich innerlich, wer der ach so überheblichen Journalisten ein Tanz-As ist?!?

Trump ist für ganz viele nicht die erste Wahl. Verständlich. Aber es ist nun auch mal wieder gut. Es wäre schön, die Welt würde aus ihrer Toddler-Trotz-Phase erwachen und sich mal wieder erwachsen benehmen. Das hiesse, fundiert zu diskutieren, was passiert, statt blonde Strubbelbüschel auf Dinge zu photoshoppen und Trump drunter zu schreiben. Das hiesse, den armen Jungen mal Pubertierenden sein zu lassen und zu sehen, was der Papa in dem Augenblick tut. Das hiesse, vom hohen Ross runterzusteigen, selber in den Spiegel zu schauen, eventuell zum Coiffeur zu gehen und dann nochmal hinzuschauen. Was ist. Und darauf zu reagieren. Sachlich. Nicht persönlich.

Was ist an Herrn Trump so wichtig? Seine Frisur, das Verhalten des Sohnes, die Kleidung oder Ehe-Motivation der Frau? Wichtig ist doch, was er wirklich macht. Das wäre Munition genug. Wieso können wir uns nicht endlich darauf konzentrieren? Und alle, die das nicht verstehen, sich gar nicht wirklich dafür interessieren oder Politik zu kompliziert finden, könnten einfach wieder Katzen-Videos posten. Die Social-Media-Welt wäre eine unglaublich schönere.

Und die, welche wirklich politisch interessiert sind, sollen sich doch bitte auf die Politik beschränken. Wen beruft er in die entsprechenden Ämter? Was sind seine Amtshandlungen und wo führen sie hin? Woran erinnert uns, was er tut? Was kann man tun?

James Patterson: Die 4. Frau

Lindsay Boxer und die Fälle von Schuld und Sühne

Jacobi rief gerade einen Krankenwagen, als das junge Mädchen in die Innentasche ihrer Jacke griff und einen Gegenstand hervorzog, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Bei dem Anblick gefror mir das Blut in den Adern. „WAFFE!“, schrie ich einen Sekundenbruchteil, bevor sie auf mich schoss.

patterson4Lindsay Boxer kämpft an allen Fronten. Weil sie im Zuge einer Ermittlung zwei Kinder angeschossen hat, eines starb, das andere ist sein Leben lang an den Rollstuhl gebunden. muss sie sich nun vor Gericht verantworten. Lindsay bangt um ihre Stelle und flieht für die Zeit der Verhandlungen ins Haus ihrer Schwester, wo sie schon bald mit ungeklärten Mordfällen konfrontiert ist, welche sie an ihren eigenen ersten Mordfall erinnern, welcher bis heute ungeklärt ist. Auf eigene Faust nimmt sie die Ermittlungen auf und sieht sich bald selber im Visier des Mörders.

James Patterson verknüpft verschiedene Handlungsstränge und Spannungsbogen und lässt seine Protagonistin an allen Fronten kämpfen. Auch wenn es ein Fall für den Women’s Murder Club ist, sind die beiden anderen Mitglieder desselben kaum vorhanden in diesem Buch, welches fast ausschliesslich auf Lindsay ausgerichtet ist. Überhaupt lässt der vierte Fall der Reihe viel vermissen von dem, was Pattersons Bücher ausmachen. Hätte nicht Patterson draufgestanden, hätte ich das Buch wohl weggelegt und vor allem geschworen, dass es nicht von ihm geschrieben wurde. Die Sprache ist anders als sonst, ebenso der Spannungsaufbau und die Handlungsführung.

Das Buch ist nicht schlecht, es kommt durchaus Spannung auf und man will wissen, wie der Gerichtsfall ausgeht, ob die Mordfälle gelöst werden können und vor allem, wer der Täter ist. Die Auflösung der letzten Frage ist schlussendlich etwas sehr gesucht. Alles in allem sicher nicht Patterson in seiner Höchstform, trotzdem freue ich mich nun auf den 5. Fall und hoffe, er findet da wieder zu seiner alten Form zurück.

Fazit:
Der vierte Fall des Women’s Murder Club ist zwar durchaus spannend, kann aber nicht mit dem mithalten, was man von Patterson gewohnt ist und erwartet.

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch, Der 1. Mord, Die 2. Chance, Der 3. Grad und Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (Oktober 2007)
Übersetzung: Andreas Jäger
ISBN-Nr: 978-3442367566
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Kathrin Lange – Nachgefragt

langekathrinKathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Kathrin Lange hat mir ein paar Fragen zum Schreiben und zu Ihrem neusten Roman Ohne Ausweg beantwortet:

langekathrin2Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Heute bin ich Schriftstellerin, früher war ich Buchhändlerin. Und grundsätzlich bin ich Buchnerd. Damit ist meine Biographie in den wichtigsten Punkten zusammengefasst.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe ungefähr im Alter von 14 Jahren angefangen zu schreiben und dann relativ schnell gewusst, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, am ehesten könnte man vermutlich die Freude am Geschichtenerfinden dafür halten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Es gibt ja diese zwei gegensätzlichen Meinungen. Auf der einen Seite die, dass man das Schreiben auf keinen Fall lernen kann, dass man es „haben“ muss. Und auf der anderen Seite sind da jene, die behaupten, alles sei nur Handwerk. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Vieles ist Handwerk, und damit kann man auch recht ordentliche Unterhaltung schreiben, denke ich. Aber diesen Romanen fehlt dann oft etwas, das ich „den Funken“ nennen würde.

Wie bei allem im Leben ist es in meinen Augen also eine Mischung aus beidem: viel Handwerk, aber eben auch ein wichtiger Teil Inspiration und, ja, auch Talent, Genie, wie immer man es nennen möchte.

Ich selbst habe einfach angefangen zu schreiben, ganz naiv und ganz und gar ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es sowas wie Handwerk gibt. Irgendwann dann, als in mir der Wunsch aufkam, zu veröffentlichen und ich die ersten Absagen von Verlagen kassierte, wollte ich wissen, was der Grund dafür war. In dieser Zeit habe ich einige Seminare besucht, in denen es ums Handwerk ging. Das meiste lief bei mir aber nach dem Prinzip trial and error, und irgendwie mache ich es noch heute so: ausprobieren, was geht, dann umschreiben, neuschreiben, wieder testen, neu umschreiben …

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Im Grunde so, wie ich eben schon beschrieben habe. Aber das ist von Buch zu Buch durchaus unterschiedlich. Grundsätzlich mache ich erst eine Menge Recherchen, bevor ich mich dann an eine erste, grobe Planung des Plots setze. Wenn die fertig ist, fange ich meistens an, die ersten Szenen zu schreiben, und ab da ist vieles Überarbeitung und Ringen um die passenden Worte. Und Haareraufen.

Wann und wo schreiben Sie?

Zu Hause in meinem Büro, aber auch am Küchentisch (wie gerade im Moment), im Zug oder im Hotel, wenn ich auf Lesereise bin. Und immer dann, wenn Zeit ist, frühmorgens, abends, ich habe keine festen Schreibzeiten.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Gar nicht. Leider.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Womit man kämpft? Neben den üblichen Schwierigkeiten mit Plot, Story und Figuren natürlich auch mit den „Demütigungen“, die das Business so mit sich bringt. Das ist ein sehr langes Thema, zu dem ich einen ganzen eigenen Roman schreiben könnte. Aber trotzdem ist es noch immer meine größte Freude, zu schreiben und auch zu veröffentlichen. Zu erleben, wie eine Story wächst, sich fügt und am Ende „rund“ wird, ist tief befriedigend. Und natürlich mag und schätze ich sehr den persönlichen Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern. Wenn es auf einer Lesung zu richtig guten Gesprächen kommt, dann ist das eine große Freude.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben und wie entsteht aus einer Idee eine Geschichte?

Naja, im Grunde muss ich morgens nur noch die Zeitung aufschlagen und dann kommt mir eine neue Idee für den nächsten Faris Iskander-Roman. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich, wenn man, wie ich, so ein aktuelles Thema hat. Ich sammele vieles, Zeitungsartikel, Ausschnitte aus Fernsehsendungen, Begegnungen mit Menschen. Und meistens kristallisiert sich dann recht schnell eine neue Story heraus. Das passiert im Moment auch wieder. Die Story von Band 4 der Reihe ist gerade dabei, ein Eigenleben zu entwickeln.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Der gute, alte Goethe. J Ich habe oben von dem „Funken“ gesprochen, den ein guter Roman meiner Meinung nach haben muss. Vermutlich ist dieser Funke einfach eine Art „Angefasstsein“ des Autors vom eigenen Stoff. Man muss etwas zu sagen haben. Und natürlich hat man am Ehesten etwas zu sagen, über Dinge, die einem passieren, die man beobachtet und die einen emotional angehen. Insofern ist wohl wirklich jedes Schreiben in gewisser Weise autobiografisch.

Von mir persönlich steckt vermutlich einiges in der Figur der Ira Jenssen, angefangen von ihrem Hadern mit der Amtskirche bis hin zu großen Teilen ihrer Sicht auf die Welt. Ira sagt oft die Dinge, die ich gern sagen würde, aber sie ist nicht ich. Sie ist viel warmherziger, reflektierter, aber auch viel zerrissener und in gewisser Weise zögerlicher.

Mit Ohne Ausweg erschien gerade der dritte Band einer Reihe um den Ermittler Faris Iskander. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Es hat sich entwickelt. Als ich Faris schuf, wusste ich noch nicht, ob er sich als Serienfigur eignet, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass er mich nicht mehr loslässt.

Faris ist sehr undurchschaubar, er lässt Menschen – nicht mal den Leser – nicht ganz an sich ran. Liegt er vor Ihnen wie ein offenes Buch oder verschließt er sich auch Ihnen teilweise, so dass Sie ihn noch weiter durchdringen wollen?

Das ist eine spannende Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste. Im Grund lässt er ja nichtmal sich selbst an sich heran. Tatsache ist, dass er mit jedem neuen Buch neue Facetten entwickelt (oder mir zeigt?), von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Manchmal werde ich von Entwicklungen in seinem Leben selbst überrascht, wie z.B. der Erkenntnis am Ende von Band 2, dass er eine Tochter hat. Und auch im Moment gerade bin ich wieder dabei, ihn neu zu entdecken.

Sie greifen in diesen Romanen sehr aktuelle Themen auf. Hatten Sie nie Angst, sich damit ins Kreuzfeuer zu begeben?

Schon, ja. Aber ich lasse diese Angst einfach nicht so dicht an mich ran, sonst könnte ich diese Bücher nicht schreiben.

Am Schluss Ihres Buches schrieben Sie im Nachwort von Ihrem Engagement für Flüchtlinge. Es wirkte auf mich wie ein Gegengewicht zur Geschichte, quasi um zu sagen: Es sind nicht alle Terroristen und viele brauchen unsere Hilfe? War das die Intention?

Naja, im Grunde ist das – sehr vereinfacht gesagt – ja auch die Aussage des Romans. Ich hoffe, dass das rüberkommt, und dass insofern das Nachwort kein Gegengewicht sein muss, sondern eher eine Ergänzung. Mir ist übrigens wichtig, dass „Terroristen“ in diesem Sinne nicht nur Islamisten meint, sondern auch rechtsmotivierte Täter. Interessanterweise geht das in allen Besprechungen, die bisher erschienen sind, ein bisschen unter, obwohl der rechte Terror in dem Buch ungefähr eine gleich große Rolle spielt wie der islamistische.

Oft wird unterschieden zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis/Thriller werden teilweise noch eine Stufe drunter eingestuft. Was halten Sie von solchen Kategorien und wieso haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Ist das so? Dass Krimis und Thriller noch unter Unterhaltungsliteratur eingestuft werden? Ich empfinde das nicht so. Natürlich gibt es in Deutschland immer noch diese blöde Trennung zwischen der sogenannten E- und der sogenannten U-Literatur. Aber ich möchte in dieser Hinsicht optimistisch sein und daran glauben, dass sich da einiges tut. In meinen kühnsten Träumen wünsche ich mir, mit meinen Büchern dabei ein bisschen mitzuhelfen, aber das war natürlich nicht der Grund, warum ich mich für dieses Genre entschieden habe. Ich lese einfach gern Thriller, und ich glaube, ich kann ganz gut spannend schreiben. Mehr steckt da gar nicht dahinter.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Es gibt Krimis, die wollen reine Entspannung sein, die wären nach dieser Sichtweise vielleicht eine Beruhigungspille für den vom Alltag aufgewühlten Geist. Wobei das so negativ klingt, und ich es gar nicht so meine. Besser wäre es vielleicht, nicht von Beruhigungspille zu reden, sondern von einem schönen Glas Wein, das einen abends nach all dem Stress entspannt und besser schlafen lässt.

Und dann gibt es eben die Krimis, die aktuelle Themen aufgreifen und/oder „etwas zu sagen“ haben. Für mich persönlich hat ein guter Krimi oder Thriller etwas, das nach dem Lesen noch in mir arbeitet, das mir – im Idealfall natürlich – irgendetwas klar gemacht oder meine Sicht auf die Welt oder die Psyche des Menschen ein klein wenig verändert hat.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Zweigeteilt. Der Buchmarkt ist ein hartes und leider auch ziemlich gnadenloses Geschäft, in dem oft nicht mehr das Lektorat oder der Verleger darüber entscheiden, ob ein Buch gemacht wird, sondern Vertrieb bzw. Controlling. Die Zeiten, in denen ein Verlag über Jahre an einem Autor festhielt, weil er an das glaubte, was dieser zu sagen hat, sind leider vorbei. Und in Zeiten, in denen sich die Auflagen im Sinkflug befinden und mehr und mehr Buchhandlungen vor der Macht der großen Player kapitulieren, kann ich inzwischen jeden Autor und jede Autorin verstehen, die sich entscheiden, lieber ihr eigenes Ding zu machen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wie oben schon gesagt, möchte ich, dass eine Geschichte in mir nachhallt. Aber ich brauche auch eine gewisse Spannung, wobei das nicht automatisch Action oder Handlungsspannung sein muss. Es gibt auch Bücher, die ich sprachlich spannend finde. Grundsätzlich will ich mich beim Lesen nicht langweilen, das fasst es, glaube ich, ziemlich gut zusammen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich bin Fan von Robert B. Parker, dem großen amerikanischen Hard-boiled-Autor aus Boston. Überhaupt lese ich viele amerikanische Autoren und wenn ich von etwas geprägt bin, dann vermutlich von diesen: Don Winslow. Michael Connolly. Lee Child. Dennis Lehane. Aktuell lese ich die James Lee Burke-Romane, die im Pendragon-Verlag erschienen sind.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Fünf. Okay.
Glaub an dich, egal, was die anderen sagen.
Schreib!
Schreib!
Schreib!
Schreib!

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Rezension: James Patterson – Die 2. Chance

Wenn die Vergangenheit an die Tür klopft

Finden Sie den Mörder. Dann möge das Gericht über ihn urteilen. Es geht nicht um Politik, Religion oder Rasse. Es geht um das Recht, frei von Hass zu leben. Ich bin überzeugt, dass die Welt selbst angesichts des schrecklichsten Verbrechens nicht zerbricht. Die Welt heilt sich selbst.

patterson2Die Chorprobe in der La-Salle-Heights-Kirche ist zu Ende. Als die Kinder ins Freie treten, empfängt sie ein Kugelhagel, in welchem die kleine Tasha Catchings stirbt. Schon bald ist klar, dass es sich bei dem kleinen Mädchen nicht um ein Zufallsopfer handelt, sie starb durch einen gezielten Schuss. Als sich Verbindungen zu einem Mord an einer älteren Frau feststellen lassen, stellt sich die Frage, ob der Täter rassistische Motive hat. Doch ist das wirklich schon alles? Steckt noch mehr dahinter? Und: Wann schlägt der Täter wieder zu?

Auch der zweite Fall des Women’s Murder Club ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend. In einem atemlosen Tempo führt Patterson den Leser durch die Ermittlungen von Lindsay Boxer und ihren Freundinnen, bringt Cliffhanger an, baut Kniffs und Wendungen ein, die immer wieder überraschen, lässt verschiedene Möglichkeiten in der Luft hängen, so dass man das Buch kaum weglegen kann, bis man den Mörder ganz sicher hat.

Neben dem packenden Fall findet auch wieder viel Persönliches von den vier Frauen Eingang in die Geschichte und auch eine Prise Liebe ist wieder mit drin. Zudem blickt der aktuelle Roman in Lindsay Boxers Vergangenheit, rollt die Geschichte mit ihrem Vater auf und führt so zusätzlich zu einer Verwirrung der Gefühle. Die 2. Chance bringt die vier Protagonisten mehr als einmal in Gefahr, und es ist nicht sicher, ob sie heil raus kommen. Ein rundum gelungener Thriller.

Fazit:
Einnehmende Charaktere, guter Plot, Spannung pur von der ersten bis zur letzten Seite! Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (11. Juni 2007)
Übersetzung: Edda Petri
ISBN-Nr: 978-3442369201
Preis: EUR 8.95 / CHF 12.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Die eigene Sicht aufs Universum

Holy Shit (-storm)

Ein Philosoph schreibt einen Gastartikel. Auf einer prominenten Seite. Er gibt sich plakativ und aneckend, degradiert und diffamiert, allerdings nie wirklich juristisch verfänglich. Er befindet, dass die Linken und Grünen Gutmenschen seien und eigentlich krank. Man solle es unterlassen, mit ihnen zu diskutieren. Es wäre sinnfrei. Das klingt wenig nett und schon gar nicht sachlich, es klingt viel mehr populistisch und abwertend. Zudem ist die Unterstellung einer Krankheit und damit einhergehender Unfähigkeit zu diskutieren beleidigend (was grundsätzlich justiziabel wäre).

Bei vielen ging nun die Hutschnur hoch, ehe sie wohl den Artikel zu Ende gelesen haben. Ich verstehe es. Es war nicht nett. Es war nicht fair. Es war auch nicht nötig. Aber vielleicht hatte er Gründe? Man könnte es unter dem Motto „in dubio pro reo“ mal annehmen und weiterlesen. Vielleicht war alles nur dazu gedacht, Aufmerksamkeit zu wecken, Aufmerksamkeit auch für die, welche in den gängigen Medien meist untergehen? All die, welche Ängste haben, sich ungehört fühlen und dann reagieren. Auf eine Weise, die weder konstruktiv noch sinnvoll ist? Die nur Ängste schüren, weil sie selber in ihren Ängsten ertrinken? Und ja, einige Probleme sind wirklich aktuell und wir haben keine Lösung. Wir haben nur unseren ethischen Anspruch und sehen uns einer Realität gegenüber, die Angst macht durch Bedrohungen, die wir so bislang nicht wahrgenommen haben – so unmittelbar.

So weit will man aber nicht denken. Der Artikel wird gelöscht, man entschuldigt sich – allerdings ist es schon zu spät. Es rollt der Kopf es Blogchefs.

Von all dem hatte ich wenig gehört. Bis heute. Da las ich, dass jemand entsetzt war, dass 15 ihrer FB-Freunde mit dem Autor des Artikels befreundet seien – alles „sonst eigentlich intelligente Menschen“. Namen wolle sie keine nennen, sie wolle ja „niemanden an den Pranger stellen“, frage sich aber, ob wir „nur Freundesammler wären“. Ich fühlte mich angegriffen. Noch mehr, als dann eine „persönliche Nachricht“ kam.
Es ist ein Dilemma. Guter Stil war der Artikel des Philosophen nicht. Andersdenkende als krank zu bezeichnen, ist gar billig. Man wertet ab und entbindet sich selber der (stichhaltigen) Argumentation. Krankheit erklärt ja irgendwie alles.

Ich finde das Internet und Facebook insbesondere schwierig für politische Diskussionen. Likes und gleichgeschaltete Köpfe – darum geht es. Wer nicht passt, wird gekickt, wer einen Gekickten beherbergt, ist verdächtig. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man muss sich bekennen. Zum einen oder zum anderen Lager. Da gibt es Fronten, alles, was vor den Mauern steht, wird eliminiert. Gnadenlos.

Niemand darf Freunde haben, die anders denken, als man selber. Niemand darf Menschen hinter den Gedanken sehen – es geht nur immer um die Politik. Und da wird nicht diskutiert. Ob das viel durchdachter ist als der Artikel des besagten Philosophen?

Ich rede mit allen Menschen. Ich teile kaum je alle Meinungen, das muss ich auch nicht. Ich habe oft Menschen erlebt, die absolut toll, liebenswürdig, hilfsbereit waren, die aber politisch ganz weit weg von mir sind. Ich habe sie auf FB und rolle oft die Augen und frage mich: Muss ich die nun entfreunden, weil das gegen FB-Gesetze verstösst? Menschen, die da waren für mich, die ich kenne, die Herz haben. Aber sie denken auf eine Weise, die ich nicht teile – politisch. Und die, ich weiss es, auch viele engagierte andere nicht teilen, die mir politisch näher wären.

Was suche ich auf Facebook? Ich suche Menschen, die ich mag, Menschen, die ich interessant finde. Ich suche neue Anregungen, neue Gedankengänge. Ich hoffe auf einen Austausch, der mir Facetten zeigt, die ich selber nicht sah.

Wer nur im eigenen Universum kreist, schaut nie über den Tellerrand hinaus.

Menschen sind vielschichtig, es ist nicht wie im Krimi, wo die Guten und die Schlechten sich gegenüber stehen. Ich sehe zuerst den Menschen. Dann seine Facetten. Einige gefallen, andere nicht. Und beides sag ich ihm. Wenn wir dann beide noch können miteinander, finde ich das gut. Jeder weiss vom anderen, wo er steht, ab und an krallt man sich die unliebsamen Themen und disputiert, dann wieder hält man sich an die Gemeinsamkeiten. Ist das falsch? Darf ich wirklich nur in einem Lager sitzen? Welches wäre es? Politik ist eines, dann gäbe es noch Religion. Kultur. Musikgeschmack. Interessen. Man versucht ja schon, einen Menschen zu heiraten, der in allen Bereichen übereinstimmt, die Scheidungsraten zeigen, wie realistisch das ist. Kann das wirklich das Kriterium sein für den persönlichen Umgang?

Einbürgerung der dritten Generation – ein Streitthema

Aktuell spaltet ein Thema die Nation (die Schweiz, um genau zu sein). Sollen Menschen, die in dritter Generation in der Schweiz leben, eine vereinfachte Einbürgerung erhalten? Man halte sich das mal plastisch vor Augen:

Ernesto wandert in die Schweiz ein, ist hier Saisonarbeiter. Er heiratet, kriegt ein Kind: Ein Secondo. Wir nennen ihn Paolo. Paolo tut, was er eben tut, wir wollen das mal nicht weiter ausführen, und kriegt ein Kind: Enrico. Enrico ist die dritte Generation. Er soll nun die erleichterte Einbürgerung erhalten. Das liegt eigentlich auf der Hand, denn:

Enrico hat nie was von Italien gesehen, schon sein Vater kam hier auf die Welt (wurde wohl nie eingebürgert, man könnte sich nun fragen, wieso, tut man aber nicht). Aber: Enrico ist hier aufgewachsen (wie sein Vater), er kennt nichts anderes (ausser dem, was er zuhause erlebt).

Was ich mich frage: Was hat Enrico, was Paolo nicht hatte? Wieso wurde Paolo nicht eingebürgert? Er lebte schliesslich sein ganzes Leben hier und kriegte hier ein Kind. Was sind sachliche Gründe für die Erleichterung bei einem Menschen, der in der dritten Generation hier ist, gegenüber einem, der als Secondo hier war?

Menschen sind vielschichtig. Eine der Schichten wird sicher durch die Herkunft und durch die Kultur geprägt. Eine andere durch den Umgang. Ganz vieles ist… irgendwie diffus. Gerade in den Jahren der Pubertät. Da zählen Peergroups. Auf die haben Eltern kaum mehr Einfluss.

Wir versuchen nun aber, aus der Einbürgerungsfrage eine Rechenaufgabe zu machen. Gesetz ist immer Abstraktion, das ist mir klar. Nur so kann eine Norm haften, die auf den Allgemeinfall angewendet werden können muss. Nur: Ob man das an Generationen festmachen kann? Ich bezweifle.

Wir leben in der Schweiz in einem Land, das seine Grundsätze und Normen hat. Wir haben Gesetze und leben in einem Rechtsstaat. Dasselbe gilt für viele andere Länder rund um uns. Wäre nicht das einzig relevante Kriterium, dass sich einer, der hier sein will, an diese Normen, Grundsätze und Regeln hält? Geht es wirklich um eine Generationenfrage? Ist der Nachkömmling eines schwerkriminellen Secondos besser geeignet als ein dankbarer Flüchtling in erster Generation?

Ich bin nach wie vor der Meinung. Wer Hilfe braucht, soll kommen dürfen und soll Hilfe erhalten. Immer! Wer unsere Rechte missachtet, war der Hilfe wohl nicht wert. Der soll auch wieder gehen, um denen Platz zu schaffen, die sie suchen und annehmen. Das aber an Generationen festzumachen und es zu einem mathematischen Problem verkommen zu lassen, widerstrebt einem Philosophen wie mir.

Wir müssen helfen. Alle, denen es gut geht, stehen in der Pflicht. Das gebührt der Menschlichkeit. Wer diese ausnutzt, ist sie nicht wert. Für den Rest müssen wir einstehen. Denn: Wir haben schwarze Schafe auch in den eigenen Reihen, wir können die anderen nicht härter angehen. Mensch ist Mensch – egal, woher er kommt.

Hilfeschrei einer Buchbloggerin

Ich wollte im Januar so viel lesen. Hatte Pläne, echte. Klassiker, Literatur, diesen und jenen Krimiautor (Krimi und Thriller müssen immer rein), aber dann… ja dann… ich las zuerst den 12. Teil einer Serie. Dann den ersten, weil der 12. so toll war. Nun bin ich bei zwei, drei steht noch hier, ich bestellte schon histerisch 4, 5 und 6… 11 habe ich bereits… mir fehlen 7-10 und das macht Bauchweh.

Ob ich James Patterson verklagen kann? Ich wage kaum zu sagen, dass auch noch ein paar ungelesene Alex-Cross-Romane hier warten. Und es einige gibt, die ich noch nicht kenne. Und wer nun denkt, ich sei einseitig, dem sei gesagt, dass auch Karen Slaughter und andere  Autoren (da kennen mich einige gut und schenken mir gar was zum Geburtstag) gelesen werden wollen.

Wie organisiert ihr euren SUB? Was kommt rein, wie organisiert ihr die Reihenfolge? Und: Wann schlaft ihr noch?????

Ein Halleluja für einen Klick

Social Media boomt. Wir bewegen uns darin und definieren uns darüber. Facebook, Twitter, Instagram – drei Programme, dasselbe Muster: Wer am meisten Klicks kriegt, ist der Sieger. Social Media ist das absolute Extrem der menschlichen Leistungsgesellschaft. Und: Social Media entlarvt sie auch – wenn man hinschaut.

Es gewinnt nie der Beste. Es gewinnt auch nicht der, welcher Sinn, Wert oder Inhalt hat. Es gewinnt der, welcher am besten netzwerkt. Wie netzwerkt man gut? Indem man liefert, was gefragt ist, verkauft, was gesucht ist. Qualität ist kein Merkmal. Wirklich begnadete Künstler haben gerade mal 100 Follower, Menschen mit Schminktipps und den ewig gleichen Einrichtungsbildern eine Million.

Nun kann man sagen: Das ist im Leben auch so, das ist doch nicht der Fehler von Social Media. Ich stimme dem zu. Es legt den Mechanismus einfach gnadenlos offen. Wenn man ihn denn sehen will.

Bedenklich wird er, wenn Menschen sich über diese Klicks definieren. Sie scrollen täglich durch die Bilder ähnlicher Kategorien und prüfen deren Klicks. Sie vergleichen und sehen sich im Rückstand. Und sie bewerten sich danach. Sie sind minderwertig. Offensichtlich. Es muss so sein, sonst klickten mehr. Dieses Kriterium könnte bei nicht mal sehr tiefer Recherche und Bewertung widerlegt werden, nur geht es schon lange nicht mehr um Sachlichkeit. Es sind Emotionen, die spielen – und: an diesen Emotionen hängen Bilder, Selbstbilder.

Junge Frauen stellen immer freizügigere Bilder ins Netz, hungern sich auf Kleidergrössen im bald Minusbereich, um mithalten zu können. Menschen verbiegen sich, basteln sich ein Image zurecht, um vor einem Haufen eigentlich fremder Menschen bestehen zu können, da nur deren Bestätigung den eigenen Wert definiert.

Man kann nun sagen, das sei nichts Neues, Menschen hätten schon immer anderen gefallen wollen. Das stimmt wohl. Wollte man früher aber der Gesellschaft der Menschen gefallen, die man kannte, sind es heute Millionen da draussen, für die man kaum weniger als ein kurzer Text oder eine gezielt positionierte Summe von Bildern ist. Ab und an geht es tiefer, keine Frage, und das ist wunderbar und das wirklich Tolle an Social Media. Gefährlich wird es, wenn wir unser Sein und unseren Wert auf diesen Klicks aufbauen – oder vernichtet sehen.

Rezension: Harper Lee – Wer die Nachtigall stört

Wenn bloss alle Menschen wie Atticus Finch wären

Atticus, Jem und ich sowie Calpurnia, unsere Köchin, lebten in der Hauptstrasse des Wohnviertels. Jem und ich waren mit unserem Vater zufrieden: Er spielte mit uns, las uns vor und behandelte uns im Übrigen mit höflicher Zurückhaltung.

leenachtigallAtticus Finch lebt als alleinerziehender Vater mit seinen beiden Kindern Scout und Jem sowie der Köchin Calpurnia in der Kleinstadt Monroeville im tiefen Süden der USA. Die kleine Familie ist im ganzen Ort beliebt, bis Atticus in seiner Rolle als Rechtsanwalt die Verteidigung des schwarzen Landarbeiters Tom Robinson übernehmen soll, welcher wegen Vergewaltigung eines weissen Mädchens angeklagt ist. Atticus ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt, was ihm den Hass seiner Mitbürger einbringt.

Atticus Finch ist der wohl liebenswürdigste, warmherzigste und mitfühlendste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er ist für seine Kinder da, ohne sie zu erdrücken, lässt sie die Welt entdecken und bringt ihnen bei, was wichtig ist, was Werte sind, was Menschlichkeit, Offenheit, Toleranz und Mitgefühl sind. Atticus hat ein Herz für die, welche nichts haben, und er setzt sich für die ein, denen Unrecht widerfährt. Gäbe es in dieser Welt mehr Menschen wie Atticus, wäre die Welt ein schönerer Platz.

Gerade diese Offenheit und Toleranz wird ihm allerdings fast zum Verhängnis, da er in einem rassistischen Umfeld lebt, wo Schwarze die Untertanen, die Weissen die herrschende Rasse sind. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Harper Lee greift in ihrem Roman die Rassendiskriminierung im Süden Amerikas auf. Sie zeigt auf, welche Dynamik falsche Verdächtigungen annehmen können. Wer die Nachtigall stört ist ein Blick in die Abgründe der menschlichen Seele. Das Buch zeigt auf, dass Vorurteile oft nicht mehr sind als zu Unrecht vertretene Meinungen, es zeigt weiter auf, dass es nicht immer einfach ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Menschen werden verteufelt und stellen sich als liebenswürdig und ehrlich heraus, andere werden verteidigt und sind eigentlich zu verurteilen.

„Sie haben ihn verfolgt und konnten ihn nie erwischen…- du Atticus, der hatte das alles gar nicht getan… Er war nett, Atticus, so nett…“ […]
„Das sind die meisten Menschen, Scout, wenn man sie endlich zu Gesicht bekommt.“

Fazit:
Ein hervorragendes Buch voller Philosophie, Menschlichkeit und Herzenswärme.
Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Harper Lee, geboren 1926 in Monroeville, studierte Jura an der University of Alabama, zog nach New York und begann zu schreiben. Sie war befreundet mit Truman Capote, der ihr Kindheitsfreund war und dem sie bei den Recherchen für «Kaltblütig» half. Nach dem Welterfolg ihres in 40 Sprachen übersetzten Romans «Wer die Nachtigall stört…», für den sie 1961 den Pulitzerpreis erhielt, zog sie sich aus dem literarischen Leben und weitgehend auch aus der Öffentlichkeit zurück. 2015 wurde eine frühe Manuskriptfassung von «Wer die Nachtigall stört …» gefunden und publiziert, die 50 Jahre lang als verschollen galt. Harper Lee starb 2016 in ihrer Heimatstadt Monroeville in Alabama.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (22. Juli 2016)
Übersetzung: Claire Malignon
ISBN-Nr.: 978-3499217548
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Wer die Nachtigall stört wurde mit Gregory Peck als Atticus Finch verfilmt. Ein wunderbarer Film mit einem grossartigen Hauptdarsteller. Gregory Peck sagte selber, dass dieser Film sein Lieblingsfilm gewesen sei (nachzusehen in der Dokumentation A conversation with Gregory Peck:

Die ganze Sendung ist auf Netflix abrufbar)

Trailer zum Film To Kill A Mockingbird

Rezension: Stuart MacBride: Zwölf tödliche Gaben

Zwölf kurze Weihnachtskrimis

Gestorben wird immer

Billy Partridge war nicht gerade der geborene Fassadenkletterer, aber Dillon hatte ihm kaum eine Wahl gelassen. Entweder würde er den Bruch machen oder bis Donnerstag die dreizehntausend auftreiben… oder sie würden ihm beide Beine brechen. Und die Alternative mit den Beinen verlor viel von ihrem Reiz, wenn man bedachte, dass sie seine Schulden bei Dillon ja nicht tilgte, sondern nur einen Zinsaufschub bedeutete.

macbridezwolfIn Anlehnung an das alte Weihnachtslied „The Twelve Days of Christmas“ erzählt Stuart MacBride zwölf skurrile Kurzkrimis. Der Leser begleitet tollpatschige Einbrecher bei der Hausdurchsuchung, Gerichtsmediziner in die Überstunden und Köche an die Pfannen. Nie gelingt alles reibungslos und meistens ist am Schluss einer tot.

Mit viel Witz präsentiert MacBride die Abgründe des Lebens, verpackt diese in unterhaltsame und kurzweilige Geschichten, die man schnell mal zwischendurch lesen und dabei schmunzeln kann.

Fazit:
Kurzweilig, unterhaltsam und teilweise bitterbös. Empfehlenswert!

Zum Autor
Stuart MacBride hat bereits in einigen Berufen gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. „Die dunklen Wasser von Aberdeen“ war sein erster Roman mit dem Ermittler Logan McRae und sorgte in Großbritannien sofort für Furore. Der Roman wurde als bestes Krimidebüt des Jahres mit dem Barry Award ausgezeichnet. Mittlerweile liegen bereits mehrere Logan-McRae-Romane vor, die die Bestsellerlisten stürmten. Außerdem wurde die Serie als Favorit der Leser mit dem ‚Dagger in the Library‘ ausgezeichnet. Stuart MacBride lebt mit seiner Frau im Nordosten Schottlands.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (17. Oktober 2016)
Übersetzer: Andreas Jäger
ISBN-Nr.: 978-3442480470
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Christoffer Carlsson: Der Turm der toten Seelen

Wie einer wird, was einer ist

Ich streiche um dein Haus herum, genau wie früher. Aber es ist nicht mehr dein Haus, du bist nicht hier. Warst lange nicht hier. Ich weiss das, denn ich verfolge dich. Nur ich bin hier. Und eigentlich nicht mal ich. Du kennst mich nicht. Keiner kennt mich mehr.

carlssonturmEine junge Frau wird in der Notschlafstelle, die sich im Haus von Leo Junker befindet, erschossen. Junker, aktuell vom Dienst suspendiert, weil er einen Kollegen erschossen hat, ist schnell am Tatort und gilt schon bald als Verdäc
htiger. Schon bald fühlt er, dass dieser Fall in der Tat etwas mit ihm zu tun hat und er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Der Turm der toten Seelen ist der erste Band einer Reine rund um Leo Junker. Vielleicht wird darum so viel Zeit darauf verwendet, dessen ganze Geschichte aufzurollen, von der Kindheit in einem sozial schwachen Umfeld über die erste Liebe, erste Freundschaft, hin zu Schlägereien und Jugendkriminalität. Zwar hat diese Geschichte durchaus Bezug zum aktuellen Fall, trotzdem wirkt sie oft zu ausschweifend, hemmt den Erzählfluss und bremst die Spannung.

Es lohnt sich, dranzubleiben (notfalls kann man das eine oder andere überblättern), denn das Buch nimmt mit der Zeit an Tempo zu und wird am Schluss wirklich spannend, so dass man sich auf weitere Fälle des vielschichtigen Ermittlers freut. Das ab und an schleppende Tempo wird aufgewogen durch eine eingängige und leicht lesbare Erzählweise, durch einen durchdachten und stimmigen Plot und komplexe Charaktere.

Fazit:
Stimmige Geschichte, die langsam anfängt, weit ausschweift, dann an Tempo zulegt und spannend wird. Empfehlenswert!

Zum Autor
Christoffer Carlsson, geboren 1986, ist promovierter Kriminologe und hat bereits während des Studiums mehrere Thriller veröffentlicht. Inzwischen zählt er zu den erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Seine Leo-Junker-Serie erhielt international höchstes Lob und erscheint in 18 Ländern. Jetzt erscheint die Reihe erstmals im Taschenbuch.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Penguin Verlag (22. August 2016)
Übersetzer: Susanne Dahmann
ISBN-Nr.: 978-3328100416
Preis: EUR 10 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Wem muss ich genügen?

Das Leben ist kein Ponyhof. Ich denke, die meisten Menschen können das unterschreiben. Vielleicht gibt es einige, bei denen alles im Rosa-Brillen-Bereich bewegt. Ich gönne es ihnen. ich denke aber nicht, dass es die Mehrheit ist. Die Kriterien, die ausschlaggebend sind, sind schwer zu definieren. Geld kann es nicht sein, denn die meisten der Meistverdienenden sind ständig in den Schlagzeilen, weil sie sich in ihrem Unglück in irgendwelche Abgründe stürzten . Die ohne Geld sind in den Medien, weil sie – um an Geld zu kommen – etwas wagten, das schief ging. So suchen wohl alle ihren Weg. In diesem Leben.

Wenn wir leben, treffen wir immer wieder auf Erwartungen. Wir wollen ihnen genügen. Weil wir denken, es zu müssen. Wir wollen gute Kinder sein, drum gehen wir zu Familienessen – grad an Weihnachten stehen einige an. Wir wollen gute Partner sein, drum lassen wir uns auf Dinge ein, die uns nicht entsprechen. Wir rechtfertigen es mit „jeder muss Kompromisse eingehen“. Wir wollen gute Bürger sein. Drum gehen wir wählen. Wenn nicht schimpfe wir hinterher, wieso die Demokratie zugrunde geht.

Wir wollen so viel sein. Weil wir denken, es sein zu müssen. Doch: Was sind wir wirklich? Können wir die Welt retten? Ein aktuelles Lied will es beschwören – oder eben grad entlarven. Wir singen mit und retten weiter. Wir werden die Welt nicht retten können. Wir können auch den Schein nicht endlos wahren. Ja, wir leben dieses Leben. Und oft lebt das Leben uns. Und wir machen mit. Weil wir müssen. Wir hadern, opponieren. Dann atmen wir durch und laufen stramm. Was wäre die Alternative?

Wir können nicht allen genügen. Es ist – gerade durch die Omnipräsenz des weltweiten Leids – zuviel. Und doch fühlen wir uns in der Pflicht. Man kann ja nicht wegsehen. Man muss ja helfen. Was für ein Ignorant wäre man sonst. Was für ein herzloser Mensch? Nur: Meist haben wir das Leid er Welt nicht mitverursacht. Wir wurden nur in diese Welt geboren. Wir können sie nicht retten.

Ich plädiere nicht zur Gefühlslosigkeit. Das Leben ist ungerecht, es ist hart. Global eh, aber auch sonst. Nur hilft es niemandem, wenn wir uns aufopfern, um den umgefallen Sack Reis in China aufzurichten, wenn wir selber am Boden liegen. Ich denke nach wie vor, dass es wichtig wäre, bei sich zu bleiben. Stehe ich? Dann kann ich Halt sein. Für mein Umfeld. Steht das? Kann es halt sein. Für sein Umfeld. Und so ginge es weiter. Das ist kein Egoismus. Das ist realistische und von Menschenverstand geprägte Überlebenspraxis. Am Schluss hilft nur die. Würde jeder mitmachen, wären alle sicher. Wieso nicht mal anfangen? Bei sich?