Leb wohl, Gerri

17884476_10155322283442834_2581290942762795018_nIch weiss nicht, wieso wir ins Gespräch kamen, es war auf Twitter oder Facebook, wir trafen uns schnell real. Danach trafen wir uns wöchentlich. Du trankst immer Apfelschorle mit Zitrone. Ich meist Wasser oder Tee. Wir sprachen über Gott und die Welt. Mehrheitlich sprachst du, ich kam kaum zu Wort. Das war nicht schlimm, ich höre gerne zu und ich hatte selten viel zu erzählen – du schon. Deine ganze Lebensgeschichte hast du mir ausgebreitet.

Du sprachst laut. Ich weiss noch, wie ich immer dachte, dass nun alle alles wissen. Ich falle nicht gerne auf. Dir war das egal. DU kamst und warst da. Immer. Präsent. Und authentisch. Du sagtest mir immer, dass du da bist für mich. Ich immer einen Freund hätte in dir. Und ich glaubte dir. Du warst einer der Guten. Als mein Sohn mal ein Interview brauchte mit einem „älteren Menschen“, sprangst du ein, weil wir hier keine Familie hatten. Du stelltest dich allen Fragen. Für dich war mein Sohn danach nur noch der Bonsai. Ich werde ihn nie mehr anschauen können, ohne daran zu denken. Und das ist schön, denn dann denke ich auch an dich.

Das werde ich sowieso oft tun. Ich danke dir für ganz viele Lieder, die ich durch dich kennenlernte. Ich danke dir für einen Schneespaziergang bei Schneewehen, wir sahen die Welt vor Augen nicht, aber es war toll. Ich danke dir für ganz viele Stories, Treffen, Momente. Ich danke dir für deine Freundschaft.

Irgendwann warst du still. Ich erreichte dich nicht mehr. Ich setzte mit Hilfe von Freunden Hebel in Bewegung, wir schafften es, dass du ins Spital kamst. Da fing die Unsicherheit an. Schaffst du es? Können dir die Ärzte helfen? Können wir genug da sein? Immer wieder gab es gute Momente, gab es Hoffnung. Leider ist die mit dir am 21. Februar gestorben. Ich habe kurz davor noch mit dir telefoniert. Du gabst dich positiv, aber es schwang eine leise Ahnung in der Stimme mit – oder hörte ich die nur? Ich habe es heute erfahren, nachdem ich dich mehrfach vergebens zu erreichen versuchte. Wir werden nie mehr zusammen im Migros-Café in Oerlikon sitzen. Wir werden nie mehr in „unserem Café“ am Sternen sitzen und uns über die Menschen um uns amüsieren. Und über uns selber. Wir werden so viele Dinge nicht mehr machen, die wir noch machen wollten.

Ich werde nun das Lied hören, das ich durch dich kennen und lieben lernte – eines der vielen. Und ich werde an dich denken. Und mein Glas zum Himmel heben.

Mach’s gut, Gerri. In meinem Herzen hast du einen grossen Platz, der bleibt.

20 Comments

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    • Ja, ich würde viel drum geben, hätte ich es nicht schreiben müssen… aber die Trauer ist so gross, ich musste… und ja, er fehlt. Bei mir hinterlässt er eine unglaublich grosse Lücke. Mit wem spreche ich nun über Bücher, über Ideen, mit wem lache ich, weine ich, wer ist immer da, für wen bin ich da? Auf diese einzigartige Weise? Ich schau auf sein Bild beim Tippen und sehe die Augen, das verschmitzte Lachen – es war einzigartig. Und das ist wohl auch gut so.

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  1. Nun ist ein bisher wunderbarer Tag jäh der Trauer erlegen, Schon wieder ist ein Mensch den ich mochte und mit dem ich mein Leben ausgetauscht habe gegangen, ohne das ich es mitbekommen habe. Ich bin traurig und schäme mich zutiefst. Es tut mir so leid.

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    • Er würde nicht wollen, dass wir uns schämen. Er würde in allen Weiten und Breiten gemeinsame Erlebnisse austauschen, er würde lachen und wollen, dass wir es auch tun. Noch weine ich, aber ich weiss, ich werde bald wieder lächeln – weil ich ihn kennen durfte. Trotzdem wird er fehlen. Immer wieder.

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      • Ich hätte ihm gerne erzählt, dass er einen Wissenschaftler aus der Schweiz in einem meiner Bücher gespielt hat, aber ich war zu feige, hatte Angst es wäre ihm nicht recht oder würde seinen Ansprüchen nicht genügen. Ich hätte es ihm sagen sollen, müssen. Jetzt ist es zu spät, doch ich hätte merken müssen, dass keine Artikel mehr kamen …

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        • Ihm wäre das recht gewesen. Und nie hätte er es gering geachtet. Er war ein Feiner. Und es ist schön, lebt er in deinem Buch weiter. Und auch sonst. Ich nehme mir das Recht heraus, zu sagen, ihn gut genug gekannt zu haben, dass ich weiss, dass er gelacht hätte, die Hände gerieben. durch die Haare gefahren wäre, nochmals gelacht hätte. Dann hätte er seine Apfelschorle gehoben und auf das Buch angestossen.

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  2. Mein aufrichtiges Beileid und tiefes Mitgefühl…
    Ich war manchmal auf seiner FB-Seite und las hin und wieder in seinem Blog. Er schrieb kurzweilig-unterhaltsam, manches “herrlich-augenzwinkernd“, jedoch immer authentisch. So bekam ich einiges aus seinem Leben mit.

    R.I.P.

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  3. Ich glaube Freundschaften und Begegnungen, wie du die eure beschreibst, sind Geschenke, die wir uns gegenseitig machen…. am Ende der Trauer wird Dankbarkeit sein…. und die Blume des Trostes wächst im Garten der Zeit…. wunderschön und berührend…. danke für deine Offenheit.
    von ❤ samu

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    • Danke für diesen schönen Kommentar. Ja, ich bin dankbar, kannte ich ihn. Ich bin dankbar, konnte ich für ihn da sein und er war es bei mir. Es war tief, es war echt. Das mangelt oft. Er war es. Wir hatten es. Er wird mich weiter begleiten. Weil er war. Für mich. Und ich für ihn.

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      • du schreibst mir aus dem Herzen…. es war tief, es war echt….das mangelt oft!
        und doch…. immer wieder gibt es diese Begegnungen, die mich tief berühren, mich tragen, herausfordern, beflügeln und wachsen lassen…. bleiben wir auf unserem Weg und beschenken uns ❤

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