Falsche Zurückhaltung?

Wenn ich etwas will, muss ich das sagen, denn sonst besteht die Gefahr, dass ich es nicht kriege – und die besteht zu Recht, denn wie soll der andere wissen, was ich will, wenn ich es für mich behalte? Einfache Logik, einfach umzusetzen: Rede folgt Wunsch, Wunsch geht (vielleicht) in Erfüllung. Somit wäre das Problem gelöst, der Blog könnte hier zu Ende sein. Wenn – ja wenn – es wirklich so einfach wäre. Oft halten wir nämlich genau damit hinterm Berg, was wir wirklich wollen. Wir fühlen uns falsch behandelt, sind mit Situationen nicht glücklich. Statt dem andern zu sagen, dass es so nicht stimmt, schweigen wir und versuchen durch die Blume durchblicken zu lassen, dass wir es gerne anders hätten. Bringt der andere dann einigermassen gute Argumente oder tritt nur schon bestimmt genug auf, schweigen wir wieder und schicken uns in unser Schicksal, nicht glücklich, aber zum Schweigen gebracht. Wieso? Wieso stehen wir nicht hin, mit derselben Kraft, und sagen: So nicht mit mir! Wieso stehen wir nicht ein für uns selber und trauen uns zu, genau so viel Wert zu sein, eine genau so grosse Plattform zu verdienen wie der andere sich für sich herausnimmt? Aus Angst, ihn zu verletzen? Ihn zu verlieren? Aber damit verletzen wir uns selber und verlieren uns auch selber. Und es wird nie eine ausgeglichene Beziehung sein, da der andere so immer am längeren Hebel ist, wir nur machen können, was er zulässt. Und das Schlimme daran ist: wir geben ihm diese Macht selber. Wäre es so schlimm, wenn jemand aus unserem Leben ginge, der uns eigentlich gar nicht wahrnimmt? Der unsere Bedürfnisse seinen ständig hinten anstellt, unsere Argumente nie den seinen adäquat erachtet? Wären wir nicht auf lange Sicht besser dran, wenn er denn wirklich ginge mit all seiner Kraft und Macht und Dominanz und wir wieder Herr unserer selbst wären? Ist das wirklich lebenswert, sich selber aufgeben zu müssen, hintenanstellen zu müssen, um den andern zu behalten?

Dasselbe passiert, wenn wir etwas wollen von jemandem, ihm Gefühle offenbaren wollen, Wünsche anbringen wollen. Wir trauen uns nicht, sie loszuwerden, weil wir denken, das Gesicht zu verlieren, dumm dazustehen. Was, wenn ich ihm sage, dass ich ihn liebe und er verlegen wegguckt und nach Worten ringt? Was, wenn ich ihm sage, dass ich gerne den Abend mit ihm verbringen möchte, er das gar nicht will? Was, wenn ich mich offenbare und nicht auf offene Türen stosse? Lieber halten wir uns bedeckt und abwartend, schauen, was da kommt und können dann entsprechend reagieren – oder auch nicht, wenn gar nichts kommt. Nur: was gewinnen wir damit? Gesicht gewahrt, Chance verpast? Vielleicht. Zumindest nehmen wir uns die Möglichkeit, selber zu unseren Gefühlen zu stehen. Wir erachten die eigenen Gefühle und Wünsche als minderwertig, lachhaft, den andern, der sie so sehen könnte, ist in dieser Sicht über uns, denn wir fürchten uns vor seiner Reaktion. Wir wollen keine Blösse zeigen und machen uns eigentlich genau damit schwach. Aus Angst. Aus Scham. Aus Unsicherheit. Wie schön wäre es, hinaus zu gehen, zu sich zu stehen, zu sagen, was man denkt und will und fühlt – und die Ablehung, die klar kommen könnte, als genau das zu sehen, was sie ist: nicht der Beweis des eigenen Unwerts, sondern nur das Zeichen, dass das eben nicht für uns bestimmt war. Unabhängig von unserem eigenen Wert.

Mein Vorsatz fürs neue Jahr, das bald kommt.

Opferrollen

Oft sehen wir uns in Zwängen. Das Leben, in dem wir stecken, ist nicht das Leben, das wir leben wollen oder das wir uns als unser Leben vorstellten. Wir sehen Menschen, von denen wir nicht loskommen, Jobs, in denen wir feststecken, Gefängnisse, wo wir hinsehen. Rousseau sprach von Ketten, in denen der Mensch liegt. Er sah den Staat als Anketter des vormals frei geborenen Menschen. Der Staat besteht aus Menschen und ist menschgemacht. Gemacht von Menschen, die gewisse Regeln, gewisse Normen, gewisse Ansprüche verwirklicht haben wollen, um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Dabei gehen oft persönliche Bedrüfnisse unter zu Gunsten eines Gemeinwohls. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, das ist rational angebracht. Es wäre verhehrend, wenn um des Wohles einzelner Willen die Mehrheit litte. Wohin das führt, ist in vielen schwarzen Beispielen der Geschichte dokumentiert. Trotzdem ist es nicht glücksbringend, wenn man die eigenen Bedürfnisse ständig übergeht. Vor allem dann nicht, wenn dieses Übergehen nicht mal einem Gemeinwohl dient, eigentlich unterm Strich niemandem dient als eigenen zurechtgelegten Begründungen und Ansprüchen.

Oft auferlegen wir uns unsere Ketten selber, indem wir denken, auf eine gewisse Weise handeln zu müssen, um Ansprüchen zu genügen, die oft nicht von uns selber stammen, sondern in uns hineingeimpft wurden. Sie sitzen als übergeordnete Stimmen in uns und weisen den Weg mit drohender Stimme: „Du kannst das nicht tun, das gehört sich nicht!“ Oder es sind Ängste, die uns in Ketten werfen: „Wenn du das tust, passiert etwas ganz Schlimmes!“

Leider sind wir nachher nicht glücklich, wenn wir diesen Stimmen folgen, im Gegenteil, in uns nagt eine Unzufriedenheit, ein Fluchtgedanke kommt auf, der sagt: das halte ich nicht aus, ich muss hier raus. Man denkt, dass irgendwo da draussen etwas auf einen wartet, das viel lebenswerter ist als das, was wir leben. Und indem wir am Alten festhalten, das Neue suchen, machen wir das Leben nicht wirklich lebenswerter. Wir begeben uns in eine Doppelwelt, in der wir uns zerreissen zwischen zwei Polen und bei keinem mehr zu Hause sind. Was dabei vergessen wird ist, dass man nie an den Punkt kommt, an den man will, wenn man mit einem Bein auf einem andern Punkt steht. Man steht nur mit beiden Füssen gut auf dem Boden, alles andere ist instabil. Der Gedanke, den zweiten Fuss nachziehen zu können, wenn der erste mal abgstellt ist, ist ein Irrgedanke. Das Fundament ist wacklig gebaut auf diese Weise.

Um einen richtigen Stand zu haben, muss das Fundament stimmen. Ist das, was man lebt, nicht das, was man leben will, gibt es nur den Weg, das zu ändern. Entweder ändert man es im Bestehenden oder aber man sieht, dass das nicht mehr stimmt und verlässt das. Erst dann ist man frei genug, Neues zu bauen. Alles andere wird nur im Chaos enden – für sich und für alle andern. Die Menschen im neuen Leben werden sich nicht wirklich gewollt fühlen, die im alten wähnen sich in einer Scheinsicherheit, die irgendwann jäh zusammenstürzt. Und man selber verliert sich selber im Hin und Her.

Der alte Spruch: das eine tun, das andere nicht lassen greift in diesem Falle selten. Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus rein emotionalen. Gesetzt den Fall, man sucht keine Beliebigkeit, sondern Einmaligkeit – die eben trägt und verbindet. Und so lange wir uns nicht darauf einlassen, fühlen wir uns als Opfer unseres Lebens, das uns verunmöglicht, was wir eigentlich wollen, ohne zu merken, dass wir es selber sind, die wir uns im Wege stehen.

Fest der Liebe

Es gibt Tage, an denen geht es einem einfach gut. Ohne ersichtlichen Grund – oder auch mit. Man möchte die Welt umarmen, singen, tanzen. Man möchte allen sagen, wie toll das Leben ist und wie schön die Welt. Und fühlt in sich dieses Gefühl im Bauch, das Herz das tanzt. Ich hoffe nun mal, das fühle ich nicht alleine, nicht dass ich mir noch Sorgen machen müsste um meinen Gemütszustand und vor allem: es ist so schön, das sollen alle fühlen können.

Es gibt auch andere Momente. Momente, in denen die Welt dunkel scheint, man keine Auswege sieht, Probleme über den Kopf zu wachsen drohen. Man denkt, die Welt soll stehen bleiben, man möchte aussteigen, doch sie dreht und dreht und dreht. Der Kopf ist gefangen in Gedanken, die kein Ende nehmen und je mehr Gedanken fliessen, umso weniger weiss man.

Ab und an denke ich: wäre es nicht schön, das Leben wäre einfach ein wenig gleichmässiger, ein wenig flacher. Das wäre weniger anstrengend, weniger aufreibend, viel entspannter. Aber dann wären wohl auch die schönen, tollen, lebendigen Gefühle weg. Das Leben wäre weniger belebt. Das wäre nicht das, was ich wollte. Vielleicht muss man, um das Licht zu sehen, die Dunkelheit in Kauf nehmen? Kann sich aber in der Dunkelheit vielleicht daran halten, dass das Licht wieder kommt, denn es kam immer wieder. Oft ist die Dunkelheit vor allem deswegen bedrohlich, weil das Licht ganz zu fehlen scheint. Können wir aber im Bewusstsein behalten, dass die Dunkelheit nur eine Seite des Lebens ist, die andere, helle, ihr folgt, nimmt dieses Bewusstsein der Dunkelheit den Schrecken.

Das Leben geht weiter. Immer. Und wenn heute überall Lichter scheinen, an den Bäumen, in den Fenstern, auf den Tischen, hoffe ich, dass sie auch in den Herzen der Menschen scheinen.

Ich wünsche allen da draussen ein wunderschönes Weihnachtsfest!

Und für die gute Stimmung meine most favorites:

Rockin‘ around the christmastree

All I want for christmas

Ein wenig besinnlicher:

Have yourself…

Und unabhängig von Weihnachten:

Wonderful world

Lieb sein um geliebt zu werden

Der Mensch will geliebt werden, möchte, dass andere Menschen ihn nett, gut, toll finden. Dafür macht er einiges oder eben auch einiges nicht. Wie viel lassen wir uns gefallen, um ja nicht abgestossen zu werden? Wie oft weiten wir unsere eigentlichen Grenzen aus, um dem andern nichts abzuschlagen, wofür er einen zürnen könnte. Wir machen uns so zur Marionette anderer Bedürfnisse, indem wir die eigenen vernachlässigen, verletzen, ignorieren.

Es geht nicht drum, als Egoist durchs Leben zu gehen, nur noch seine eigenen Bedürfnisse zu sehen, diese auf Gedeih und Verderb durchzusetzen. Aber wir sollten aufpassen, dass wir im Streben nach Liebe uns selber nicht verlieren.

Wenn jemand an einen herantritt mit einer Bitte, fällt es oft schwer, nein zu sagen, selbst wenn alles in uns nein schreit. Wir sind uns oft zu wenig wert, zu unserem Nein zu stehen, weil wir denken, wir hätten dieses Nein gar nicht verdient. Ein ruhiger Abend zu Hause der Anfrage nach Hilfe vorzuziehen erscheint uns egoistisch, selbst wenn wir erschöpft, müde und absolut ruhebedürftig sind. Wir denken, der andere denke dann schlecht von uns, sei enttäuscht, traurig und würde das nicht verstehen. Und vielleicht ist das auch so. Nur: wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse immer wieder mit Füssen treten, wird unser Selbstwert immer kleiner und wir werden selber immer trauriger, enttäuschter.

Besonders verhängnisvoll wird dieses Verhalten in Beziehungen. Wenn einer immer grösser wird, der andere immer kleiner, fällt die Beziehung in ein Ungleichgewicht. Der eine bestimmt, der andere gibt nach, der eine ist stark, der andere immer schwächer – und irgendwann wird es zerbrechen. Weil der Starke gelangweilt ist vom Schwachen oder weil der Schwache den eigenen Leidensdruck nicht mehr aushält und alle noch vorhandenen Kräfte mobilisiert, aus dem Gefängnis der Unterdrückung der eigenen Gefühle raus zu kommen.

Oft spielen diese Mechannismen im Unbewussten. Der Starke ist sich vielleicht seiner Art gar nicht bewusst, merkt vielleicht gar nicht, dass er immer seien eigenen Weg geht, den andern immer auf diesen zieht, ohne ihn zu fragen oder zu hören, was sein Weg wäre. Er sieht die Gründe für seinen Weg und diese sind für ihn selber stichhaltig, so dass es ihm nicht in den Sinn kommt, davon abzuweichen. Dabei übersieht er, dass auch der andere Gründe hat für SEINEN Weg – und diese für IHN genau so triftig sind. Nur wenn beide gehört werden und gemeinsam den Weg finden können, wird es ein Weg sein, der weiter geht und auf dem beide fröhlich gehen.

Unverhofft kommt oft

Wir neigen oft dazu, alles durchdenken zu wollen, planen zu wollen. Wenn wir keine Pläne haben, fühlen wir uns unsicher, wie ein Schiff auf hoher See ohne Land in Sicht, auf das wir zusteuern können. Wir denken, wenn wir nicht genau wissen, wohin die Reise geht, reisen wir ins Uferlose, ins Unsichere. Das macht Angst.

Wie oft ergeben sich aber aus dem Nichts plötzlich Situationen, die man sich besser nicht hätte ausmalen können? Türen gehen auf, wo vorher Dunkelheit herrschte, Licht bricht rein und erhellt das Leben, das vorher noch so undurchsichtig schien. Menschen kommen auf einen zu, die man nie erwartet hätte, Kontakte entstehen, die einen beleben, einen erfreuen und einen weiter tragen auf ihre Weise in diesem Leben. Jede Begegnung ist ein Gewinn – wir müssen sie nur wagen.

Es fällt oft schwer, einfach auf andere Menschen zuzugehen. Zu tief sitzt die Angst, abgewiesen zu werden, zu stark ist die Prägung, dass man Fremde nicht einfach ansprechen kann. Schade eigentlich, denn vielleicht wäre man für den andern eine Bereicherung in seinem Leben? Gehen wir nicht oft mit einer Maske durch die Welt, die nach aussen etwas signalisiert, das wir tief innen nicht sind? Wie viele Menschen sind einsam? Man lies davon, man hört davon, sieht sie aber im Leben kaum. Weil sie eine Maske tragen. Nun kann man sagen, sie sind ja selber dumm, wenn sie diese tragen, doch ist es oft Selbstschutz, der zur Maske greifen lässt. Man möchte das Gesicht nicht verlieren, hat Angst, von den andern negativ bewertet zu werden, weil man einsam ist. Einsamkeit erscheint als Makel, den nur der trägt, mit dem niemand etwas zu tun haben will. Doch das stimmt so nicht.

Wenn wir alle offener durch die Welt gingen, würden sich noch viel mehr Fenster und Türen öffnen und die Welt erschiene in einem helleren Licht. Und ich denke nicht, dass das meine rosa Brille ist, die das so sieht. In diesem Sinne: gehet hinaus (nein, nicht vermehret euch), öffnet euch und freut euch über all die Begegnungen, die ihr machen könnt.

When all is said or done

Es gibt Zeiten des Aufbaus, Zeiten des Haltens und Zeiten des Niedergangs, der Zerstörung. Brahman, Vishnu, Shiva verkörpern diesen Lebenskreislauf im Hinduismus. Der Buddhismus sagt, das Leiden des Menschen resultiert aus dem Festhaltenwollen an dem, was ist. Wenn wir uns gegen die natürlichen Abläufe des Lebens sperren, an dem festhalten wollen, was ist, das vermeiden wollen, was nicht gut erscheint, setzen wir uns selber ins Leiden. Denn das halten zu wollen, was ist impliziert die Angst des Verlustes. Das vermeiden wollen, was man nicht will, lässt ständig gegen etwas kämpfen, was noch nicht ist, uns aber Angst macht. Und so sind wir von Ängsten getrieben, die eigentlich nichts mit dem Jetzt zu tun haben, sondern nur damit, was wir uns vorstellen, dass es sein könnte. Wir selber sind also verantwortlich für dieses Leid, weil wir unseren Vorstellungen Vorrang geben vor dem, was wirklich ist.

Nun klingt das alles wunderbar und auch verständlich. Man ist gewillt zu sagen, dass es genau so ist und man denkt sogar: ich höre auf damit, sofort. Leider holt uns unser Muster des Festhaltenwollens immer wieder ein. Es ist so tief in uns, dass es schwer ist, dem zu entsagen. Es hilft aber schon, sich dessen bewusst zu sein und immer wieder von neuem hinzuschauen, was wirklich ist, wenn wir wieder in einer Leidensphase stecken. Wo kommt dieses Leid her? Woran leiden wir? Ist das wirklich wahr, was uns das Leiden verschafft oder sind es nur unsere hausgemachten Vorstellungen?

Die Phase der Schöpfung ist voller Energie. Man sieht ein Ziel, will es erreichen, ist positiv. Ab und an zweifelt man vielleicht an der Machbarkeit, aber alles in allem ist das eine kraftvolle Phase. Wir bewerten sie als positiv. Die Phase des Haltens ist eine Beruhigung nach der Anstrengung der Schöpfung. Man kann ernten, was man vorher säte. Es ist eine schöne Phase, wohl die, welche man bewahren wollte. Ab und an vielleich ein wenig langweilig, so dass man denken könnte: war das nun schon alles? Gibt es nicht noch mehr? Müsste nicht mal wieder was ändern? Und dann kommt sie, die Phase, die eigentlich niemand haben will, denn Zerstörung und Untergang machen Angst. Man weiss nicht, ob der Fall je enden wird. Ob nachher wirklich wieder Aufbau kommt oder man einfach nur unsanft irgendwo landet. Man fürchtet, nie mehr Licht zu sehen vielleicht, denn man sieht nur, was kaputt geht, das, was kommen könnte, ist noch nicht da. Und viele verzweifeln in der Situation, denken, keinen Ausweg mehr zu sehen, da alles vor die Hunde geht, was ihnen lieb und teuer war. Man sieht das auch in der Jahreszeit, die diese Phase repräsentiert im Aussen: im November, dem Monat, der alles düster werden lässt, die Sonne wegbleibt, die Blätter verschwinden, Kahlheit und Grau zurück bleiben, tauchen auch viele Menschen in ihre eigenen Tiefen hinab. Und so mancher sieht keinen Ausweg mehr, glaubt nicht mehr an neue Schöpfung, nur noch an endlosen Untergang. Und er sucht den eigenen Ausweg aus allem – den, der allem Absinken ein Ende macht. Auch ein Loslassen… ob es das richtige ist? Wer weiss das? Wer kann es beurteilen? Die, welche nicht in der Lage sind? Nicht in seiner Haut stecken? Haben sie den Massstab? Wäre ein paar Wochen/Monate später alles besser gewesen? Oder aber war es doch der richtige Weg? Für ihn? Was ist richtig? Was falsch? Wer Richter? Wer Henker? Wer wählt?

Gutes zieht Gutes an

Wie oft sitzen wir da und martern unser Hirn mit negativen Gedanken. Wir denken, was alles schlief lief in unserem Leben, was schief laufen könnte. Wir sehen Gefahren, wägen Risiken ab und schüren unsere Ängste, noch bevor etwas passiert ist. Durch diese negativen Gedanken ist es aber viel wahrscheinlicher, dass etwas passieren wird. Man weiss, dass man viel eher fällt, wenn man aus Angst, fallen zu können, übervorsichtig läuft. Man verlagert dann seinen Schwerpunkt, geht über in eine ungesunde Haltung und verliert so viel leichter das Gleichgewicht.

Wenn wir daran denken, was alles schlecht ist, strahlen wir genau das Schlechte aus und wir werden noch mehr Schlechtes anziehen. Wir schreien quasi in die Welt: alles ist schlecht und die Welt wird uns antworten: Du hast recht. Und wir sehen uns bestätigt in unserer Haltung und schreien noch viel lauter wieder raus: ALLES IST SCHLECHT. Und die Spirale dreht abwärts.

Bei Lichte betrachtet ist selten alles schlecht. Sehr viel ist sogar gut. Aber damit beschäftigen wir uns nicht. Wieso auch, es ist ja gut. Wir vergessen all die wertvollen Menschen in unserem Leben, vergessen, was schön ist in unserem Leben, vergessen, wie viel Grund wir hätten, dankbar zu sein und zu sagen: Das Leben ist schön. Würden wir es tun, würden wir hinsehen und alles sehen, was gut ist, würden wir in die Welt schreien: Es ist gut, wie es ist. Und die Welt würde zurück rufen: Du hast recht. Und sie würde noch mehr Gutes zurücksenden.

Unsere Gedanken prägen unsere Welt. Und das, was wir ausstrahlen, werden wir auch ernten. Drum sollten wir immer bewusst hinschauen, was wir denken, was wir sehen, worauf wir uns konzentrieren. Denn wir haben es in der Hand, die Welt zu gestalten, in der wir leben. Zumindest ein Stück weit. Und schon dieses Stück wird dazu beitragen aus diesem Leben ein gutes Leben zu machen. Wir müssen es nur wollen und unseren Teil dazu beitragen.

In diesem Sinne in ich heute einfach dankbar – dankbar für die neuen Chancen, dankbar, für positive Feedbacks in den letzten Tagen, dankbar für viele Gefühle, Menschen und Situationen.

Anfang und Ende

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, heisst es. Allerdings steht vor jedem Anfang auch ein Ende. Wo etwas anfangen kann, ist meistens vorher etwas zu Ende gegangen. Und jedes Ende beinhaltet einen kleinen Tod, ist ein Stück sterben. Etwas, das war, das Teil des Lebens war, dieses mitgestaltete, mit ausmachte, ist nun nicht mehr. Und selbst wenn man sich bewusst dafür entscheidet, dass es aufhören soll, so liegt doch auch Wehmut im Ende, denn der Abschied ist nicht immer einfach. Nie war alles nur schlecht, selten der Entscheid, etwas zu beenden, ganz klar und ohne Gegenargumente. Und alles, was gehen das Ende sprach, ist nun Grund für die Wehmut. Das Neue ist noch nicht, ist nur erahnt, vielleicht erhofft, vielleicht gewünscht, das alte ist, ist gefühlt, noch erlebt, noch präsent. Und damit aktueller und intensiver.

Charles Darwin sagte, dass nichts in der Geschichte des Lebens beständiger sei als der Wandel. Die indische Philosophie hat mit drei Gottheiten den Wandel benannt, indem sie sagt, alles, was ist, ist mal entstanden und wird ebenso untergehen, um etwas Neuem Platz zu machen. Es scheint also ein Naturgesetz zu sein, dass nichts ist, alles fliesst. Loszulassen wäre die Devise und wohl das heilsamste. Die Think Pink-Generation würde sagen, man solle sich auf das Gute besinnen, das Negative ausblenden und fröhlich lächelnd durchs Leben ziehen. Auch wenn ich Pink mittlerweile mag, liegt mir die Haltung nicht ganz. Vielleicht kurzzeitig, bis mich die Gedanken wieder eingeholt, überrollt haben. Dann bricht die ganze Last der Argumente gegen das Ende über mir zusammen und lässt mich hadern. Um bald darauf wieder aufzustehen und anzupacken und den Neuanfang ins Blickfeld zu nehmen.

Und so dreht und dreht und dreht die Welt im Kopf, ohne eigentlich weiter zu kommen, denn: was ist, ist, was sein wird, ist noch nicht. Sich nun den Kopf zu zerbrechen, was sein könnte, wird nichts bringen, denn was sein könnte, wird sich zeigen, wenn es ist. Klar kann man nicht die Zukunft ausblenden und nur im Heute verweilen, sich aber den Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen und dann darob zu verzweifeln wird nichts bringen, sicher nichts Gutes.

Tief durchatmen, schauen, was wirklich Sache ist – und dann Schritt für Schritt dem Neuanfang entgegen laufen. Es kommt, wie es muss, schliesslich und endlich hatte man Gründe für das Ende – gute Gründe, sonst hätte man es nicht in Betracht gezogen.

Das Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke, 20.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Ein genialer Dichter, ein wundervolles Gedicht. Das Leben lebt sich immer nur vorwärts. Und indem man vorwärts geht, kommt immer etwas dazu. Wir kommen auf die Welt als unbeschriebene Blätter und lernen, was die Welt bedeutet – oder aber in der anderen Sicht: alles ist in uns, wir müssen es nur erwecken. So oder so, die Grundaussage ist dieselbe: das Leben zeigt sich mit jedem Schritt, mit jedem neuen Augenblick, von einer neuen, grössern Breite, Es öffnet seine Tore, lässt den Blick weiter werden. Was wir heute auf die eine Art sehen, kommt uns morgen anders vor. Nicht weil es sich verändert hat, sondern weil wir uns verändert haben.

Immanuel Kant sagte einst: Wir wissen nicht, ob das, was wir sehen, grün ist, oder ob wir nur eine grüne Glasscheibe an Stelle des Auges tragen. Wie oft gehen wir dahin und denken, das, was wir sehen, denken, fühlen, sei die Wahrheit. Wir hätten sie erkannt. Und schon morgen kann die Welt anders aussehen, die heutige Wahrheit zur Lüge verkommen sein. Wir sehen nur, was unser heutiger Blickpunkt uns sehen lässt. Diese Erkenntnis hilft, nicht überheblich zu werden, andere nicht zu verurteilen für ihre Sicht der Dinge. Denn wer sagt uns, ob nicht ihre Sicht die ist, die wir morgen auch haben werden? Selbst wenn wir heute (klar zu recht aus unserer Warte) von unserer überzeugt sind? Das heisst nicht, dass wir keine Überzeugungen mehr haben sollen, sondern, dass wir andern die ihren lassen sollen und einen Weg finden, wie wir mit unseren, sie mit ihren, gemeinsam klar kommen. Im Wissen, morgen kann die Welt anders aussehen.

Und so wachsen wir Tag für Tag, lernen dazu, gehen in eine neue Runde, sehen neue Welten, neue Aspekte, lernen neue Ängste kennen, die aus neu erkannten Gefahren, Unsicherheiten wachsen. Alles wächst, alles spriesst, nichts bleibt. An etwas festzuklammern würde Stillstand bedeuten. Im ersten Augenblick würde es nach Sicherheit aussehen, im zweiten nach Tod. Lassen wir uns leiten, gehen wir, Schritt für Schritt, Ring für Ring, durchs Leben, nicht wissend, wer wir sind, wo wir landen, was wir sollen. Immer im Willen und Wunsch, den letzten Ring zu vollenden.

Folter und andere mittelalterliche Praktiken

Im Mittelalter waren Folterstrafen an der Tagesordnungen. Es wurde geteert, gefedert, Menschen wurden auf Räder geflochten oder aber an allen ihren Gliedern an Pferde gebunden, die Pferde danach in alle Himmelsrichtungen gescheucht. Ab und an kommt mir das Leben vor wie diese Folterstrafe mit den Pferden: es scheinen von diversen Richtungen Forderungen zu kommen, denen man genügen sollte. Und indem man versucht, alles zu erfüllen, reisst es einen langsam auseinander.

Ein Sprichwort sagt: jedem Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann. Das stimmt eh. Man hat so viele Ansprüche an sich, wie man Menschen kennt. Und alle widersprechen sich. Allerdings scheinen in einem selber genau so viele Ansprüche zu sitzen. Und wie man sich auch entscheidet, man verletzt immer einen anderen Anspruch. Wenn man dann noch versucht, die Ansprüche verschiedener Menschen unter einen Hut zu bringen bei gewissen Entscheiden, wird man nicht nur gevierteilt, man wird in Kleinststücke geschnetzelt.

Der Mensch ist ein Mangelwesen – und das ist wohl das Problem: irgend etwas fehlt immer. Jeder Entscheid für etwas entfernt einen von etwas anderem. Zu entscheiden, was nun Priorität haben soll ist nicht immer ganz einfach. Da ich von Natur aus nicht sehr entscheidungsfreudig bin, können solche Entscheidungsfragen zu echten Herausforderungen werden. Alle guten Tipps wie Pro und Kontra-Listen, etc. habe ich hinter mir – sie helfen nie. Denn bei jedem Argument dafür kommt das entsprechende dagegen. Und so drehe ich im Kreis und im Kreis und im Kreis… bis… irgendwann dann doch eine Entscheidung fällt. Die dann natürlich oft genug hinterfragt wird.

Wie entscheidet man eigentlich? Denn dass man entscheiden muss, ist ohne Frage. Nichts ist schlimmer als kein Entscheid…

Von Daten und anderen herausragenden Dingen

Für Nora

Heute ist der 11.11.11. Heute wird geheiratet, was das Zeug hält, Kinder kommen per Kaiserschnitt auf die Welt, damit sie dieses sinnvolle Geburtsdatum haben – heute ist alles toll. Was heute passiert, muss gut sein, weil es ein sinnträchtiges Datum ist. Da kann nichts mehr schief gehen. Wenn man das Datum hat, ist man cool, in, was Besonderes.

Wieso eigentlich? Was ist am 11.11.11 besser als am 4.2.11? Wenn man bedenkt, dass die Quersumme von 11.11.11 6 ergibt und 6 ein Drittel der Teufelszahl 666 ist, wäre ja alles schon zu einem Drittel dem Teufel geweiht. Das sei blosser Aberglaube? Na, wieso dann aber das super Datum? Das wäre dann auch blosser Aberglaube?!? Oder nimmt man es, weil man es sich besser merken kann? Wohl kaum. Ein Jahr später ist nicht mehr der 11.11.11 und das 11.11. ist nicht mehr viel anders als jedes andere Datum auch.

Wieso will man eigentlich immer etwas Besoneres haben oder sein? Wieso reicht normal nicht aus, ist gar langweilig? Wieso denkt man, sich durch solche besonderen Dinge aufwerten zu müssen? Weil man (sich?) selber nicht genug ist? Weil man herausragen muss oder will? Weil man wahrgenommen werden will? Wohl schon. Das Problem dabei ist, dass die Spirale ins Uferlose geht. Je mehr besondere Menschen es gibt, desto mehr Besonderes muss man sich auferlegen, um noch mehr herauszustechen. Und so geht immer mehr Energie in die Aktionen, das Besondere zu suchen, finden und sich anzueignen. Irgendwann vergisst man dabei zu leben und vor allem geht das eigene Besondere unter, denn all die anderen Besonderheiten sind stets nur aufgesetzt, nicht echt.

Drum heirate ich heute nicht (ok, wäre etwas eng gewesen), kriege keine Kind (das hat wohl auch andere Gründe) und mache auch sonst nichts – ausser vielleicht mich 11 Mal im Kreis zu drehen und 11 Mal hurra zu schreien und dabei an 11 tolle Dinge zu denken – welch ein Spass!

Wahrheiten

Wieso lügt der Mensch? Und wieso ist Wahrheit so wichtig?

Die zweite Frage ist wohl einfacher zu beantworten: Wahrheit ist eine Art Sicherheit. Wenn man die Wahrheit weiss, weiss man – denkt man – woran man ist und kann Wege finden, damit umzugehen. Der Mensch strebt nach Wissen, blosser Glaube ist zu unsicher und Nichtwissen kaum auszuhalten oft. Klar gibt es unbequeme Wahrheiten – Wahrheiten, die sowohl für einen selber wie auch für den anderen schmerzhaft sind und die man lieber vermeiden würde. Man denkt, wenn man dem anderen etwas sagt, tut man ihm damit weh und lässt es drum lieber bleiben. Man denkt, den anderen beschützen zu können, wenn man die Wahrheit für sich behält. Ist das wirklich so?

Thomas Mann sagte mal, eine schreckliche Wahrheit sei besser als eine Lüge. Ich stimme dem zu. Denn die Wahrheit ist das, was ist. Selbst wenn man sie verschweigt, ist sie trotzdem noch da. Weiss man sie, kann man sie lernen zu akzeptieren, kann lernen, damit umzugehen, kann sich überhaupt überlegen, was man mit dieser Wahrheit anfangen will, wie damit umgehen. Diese Möglichkeit fehlt, weiss man die Wahrheit nicht. Dann hängt man in einer Luft aus Wolken, die nicht tragen. Man wägt sich in einer Scheinsicherheit, die nicht existiert und der Fall am Ende ist um Welten grösser, als wenn man die Wahrheit gleich gewusst.

Wenn man das nun aber weiss, wieso lügt man doch? Wieso setzt man den anderen einer Unwahrheit aus, im Wissen, wie das auf einen selber wirkt und was man selber sucht? Die Welt scheint aus Lug und Betrug zu bestehen. Menschen machen sich grösser, schöner, besser, betrügen ihre Partner, gehen Nebenbeziehungen ein. Natürlich immer mit den notwendigen Rechtfertigungen dafür, so dass sie in ihrem Tun nicht ganz so schlecht dastehen. Gründe gibt es immer. Man ist eigentlich unschuldig, der andere hatte vorher schon – drum darf man ihn nun belügen und betrügen. Man hat Angst, eine schlimme Kindheit, Wünsche, die sonst zerbrechen würden… Gründe für Lügen gibt es viele, meist sind sie vordergründig und dahinter steht purer Egoismus. Und Verantwortungslosigkeit. Man will die Konsequenzen für das, was ist oder was man tut, nicht tragen und greift zur (Not)Lüge. Wieso aber tut man das jemandem an, wenn man doch weiss, wie es sich anfühlt, belogen zu werden? Wieso verletzt man Menschen so? Hintergeht sie? Denn schützen tut man sie nie mit einer Lüge – meist nur sich selber und die eigene Feigheit.

Bin ich nun Moralist und überhaupt abgefahren, das nur schon zu fragen? Ist das einfach ein Zeichen der Zeit oder gar der Menschengeschichte und so hinzunehmen? Muss man damit leben, zu denken, dass man ständig und von allen Seiten nur angelogen wird oder zumindest werden könnte? Worauf soll man dann noch bauen?

Dass die absolute Wahrheit und Offenheit auch nicht nur Glück und Freude bringt, weiss man spätestens seit der Traumnovelle – es stellt sich also schon die Frage, wo Offenheit aufhören sollte und wo man besser schweigt. Auf der anderen Seite wird man nur dann wachsen – auch zusammen wachsen, wenn man lernt, Wahrheiten zu ertragen – die eigenen und die der anderen. Auch wenn es vordergründig einfacher und schöner scheint, sich in einer Scheinwelt zu bewegen – für sich und für andere.

Verzeihen

Verzeihen heilt Wunden. Die eigenen vor allem. Indem ich verzeihe, kann ich mit etwas abschliessen, das mich beschäftigt, das mir weh tat, das mich verletzte. Die TRC in Südafrika unter Desmond Tutu hat auf Verzeihen gesetzt, weil man davon ausging, wenn die Menschen, die vorher unterdrückt und traumatisiert waren, verzeihen können, dann können sie in eine Zukunf frei von diesem Trauma schauen. Dann befreien sie sich selber von dem Trauma.

Was aber braucht es, um verzeihen zu können? Sicher zuerst das Zugeständnis, dass wirklich ein Fehler passiert ist. In Südafrika hat man Anhörungen veranstaltet, in denen die Menschen über das, was ihnen passiert ist, reden konnten. Indem sie erzählen konnten, welches Unrecht ihnen widerfahren ist, welche Zustände und Diskriminierungen sie erdulden mussten, welche Gewalt und welchen Verlust auch, sollten sie eine Plattform erhalten, die vorher fehlte und es sollte so ein Zeichen gesetzt werden, dass man ihnen ihr Unrecht anerkennt, sie als Opfer sieht und ihnen diesen Status zuerkennt. Durch dieses Vorgehen sollten sie sich von dem Schmerz befreien können und fortan ohne die vorher plagenden Alpträume, ohne die Nachwirkungen des Traumas in eine Zukunft gehen können. Zudem geht es gerade in solchen staatlichen Fällen auch darum, dass in der Zukunft die vormaligen Opfer und Täter wieder nebeneinander leben können müssen, denn nur so kann die Zukunft in einem Miteinander enden.

Was heisst das nun im Privaten? Was, wenn mir jemand ein Unrecht antut? Was, wenn ich leide, unglücklich bin, Schmerzen habe? Wie komme ich zum verzeihen? Es gibt sicher zwei Faktoren: ich kann dem andern innerlich verzeihen, indem ich für mich meinen Frieden finde mit dem, was passiert ist. Das ist nicht immer einfach, da dabei der andere fehlt, sein Zugeständnis fehlt, das es einem einfacher macht. Wenn er kommt und einsieht, was er getan hat, wenn er bereut, was er getan hat, dann fällt es leichter, zu sagen: Fehler passieren, es war nicht schön, es tat weh, aber ich verzeihe das. Und mit diesem Verzeihen kommt sicher auch ein Stück Ruhe zurück ins Leben. Wenn er aber diese Geste verweigert, weil er es nicht einsieht oder einsehen kann, weil er sich nicht stellt? Es wäre schade, dann auf die eigene Ruhe verzichten zu müssen. Zudem würde man sich ein zweites Mal vom andern abhängig machen und ihm noch einmal die Möglichkeitkeit geben, das eigene Leben zu bestimmen. Schliesslich und endlich habe ich alles, was ich für mich und mein Seelenwohl brauche, in mir drin. Wenn ich für mich hinschauen kann, sehen kann, was passiert ist, auch vielleicht meinen eigenen Anteil daran erkennen kann und annehmen kann, dann bin ich sicher schon einen guten Schritt weiter. Wenn ich dann dahin gehen kann und akzeptieren kann, dass die Vergangenheit war, wie sie war, hinschauen kann, was sie mit mir gemacht hat, bewusst damit umgehen kann, was noch da ist von dem Unrecht, was noch immer betrifft, dann habe ich eine Hürde genommen, indem ich mein Leben selber bewusst anschaue. Und von dem Punkt aus kann ich auch in die Zukunft gehen, denn dann habe ich wieder die Verantwortung für mein Leben übernommen. Ich habe es nun in der Hand, wie es weiter geht. Ich kann bewusst mit meinen Mustern, Prägungen und Wunden umgehen.

Was folgt auf Verzeihen? In Staaten ist es wünschenswert, dass am Schluss alle in Kooperation und friedlich miteinander leben und zusammen weiter gehen. Im Privaten ist das nicht immer einfach und vor allem nicht zwingend nötig. Es gibt den Ausspruch, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Mein Sohn sagt, nicht jeder hätte das verdient, es gäbe auch Taten, die hätten sich die zweite Chance verspielt. Wann eine zweite Chance möglich ist, ist wohl individuell. Vermutlich nur dann, wenn die innere Überzeugung da ist, dass das, was einmal passiert ist, nicht nochmals passiert. Und wenn die innere Wunde nicht zu gross ist. Zeit heilt viele Wunden – ob alle?

Das Problem mit den inneren Wunden ist, dass sie – wenn sie einmal da sind – das Leben generell prägen. Auch die, welche die Wunde nicht verursacht haben, werden damit umgehen müssen, dass der so Verwundete aus Angst, noch mehr Wunden zu erhalten, vorsichtiger wird. Geprägt ist durch die Wunden der vergangenen Zeit. Vermutlich ist Zeit in jedem Fall das Zauberwort. Sich selber die Zeit geben, Sicherheit zu gewinnen, dass keine neuen Wunden geschaffen werden, selber die Sicherheit auch zu haben, dass man mit neuen Verletzungen, die durchaus auftauchen können, umgehen kann und zu wissen, dass man fähig ist, durch Verzeihen selber wieder auf die Beine zu kommen.

Die weisse Weste Österreichs

Atomkraft – ja oder nein? Die Diskussion erhitzt die Gemüter seit langem. Spätestens seit Fukushima haben sich auch die letzten befürwortenden Parteien der Schweiz gegen die Atomkraft ausgesprochen und Alternativen werden gesucht. Zwar sind nicht alle ganz überzeugt und einige denken, ganz so schlimm könne es ja doch nicht sein und die Schäden wären immer bei den andern, nie bei einem selber. Trodtzem werden Alternativen immerhin ins Auge gefasst und es ist sich jeder einig: mittel- bis langfristig müssen neue Lösungen her.

Schön, wenn man da einen tollen Nachbarn hat, der mit gutem Beispiel voran geht. Österreich macht vor, was die Welt gerne möchte: Überleben ohne Atomstom. Kein Atomkraftwerk ist auf seinem Boden zu finden, aller Strom wird anders gewonnen. Österreich streicht diese Paraderolle gerne heraus, sind sie doch Vorreiter auf einem Weg, den die anderen noch vor sich haben.

Ganz anders sieht es in Tschechien aus. Da sieht man Atomkraftwerke mit vier grossen Türmen, welche alle fleissig vor sich hinqualmen. Nun kann man sagen, das sind Sünden der Vergangenheit, das ändert bald. Und ja, es wird ändern. Wo heute vier Türme sind, stehen bald acht Türme… man baut aus. Wieso? Es gibt Interessenten für den Strom, so dass man mit den momentan vier Türmen nicht mehr ausreichend produzieren kann. Wer der Interessent ist? Österreich… unser nobler Vorreiter ohne AKWs. Aber das weiss natürlich niemand. Das versteckt man unter der weissen Weste, da schaut niemand drunter. Und wenn doch?? Darüber denkt man dann nach, wenn es soweit ist…

Beziehungsende

Als ich so über meinen Blog nachdachte, musste ich feststellen, dass die Themenwahl etwas sehr gefühlsduselig ist. Irgendwie muss das ein Ende haben. Diese olle Sentimentalität hinterlässt sonst Schleimspuren im Netz und die könnten zu mir zurück verfolgt werden. Das wäre mir gar nicht recht. Man würde sich mich dann als in rosa Kleidchen gekleidetes Romantikweibchen vorstellen, das sich seinen Gefühlsduseleien anheim gibt.

Nein Nein Nein

Darum habe ich beschlossen, mir ein Beziehungsende aufzuerlegen. Meine Beziehung mit Gefühlsduseleien hat ab heute ein Ende, ich wende mich nun fortan neuen Themen zu. Tja, das Leben ist hart, ich bin es auch: ran an den Speck 🙂