Scherben kitten

Wenn etwas zerbricht, denkt man oft, man müsste es wieder flicken. Man möchte nicht zur Wegwerfgesellschaft gehören, sondern eben kitten, was zu kitten ist. Vor allem, wenn das, was bricht, einem lieb ist, einem teuer ist, versucht man es mit allen Mitteln, zu bewahren. Ist das immer sinnvoll? Ist es vor allem immer möglich? Wohl kaum. Vor allem dann, wenn das zu Kittende menschliche Beziehungen sind.

Wenn eine Scherbe aus etwas rausbricht, kann man sie wieder befestigen mit Leim. Von aussen sieht das Ganze wieder intakt aus, doch diese Stelle wird immer schwächer sein als andere. Brechen aber ganz viele Scherben ab, entsteht ein wahrer Scherbenhaufen, wird das wieder zusammen geklebte Stück nie mehr wirklich stabil sein, zu viele Schwachstellen existieren. Vor allem gehen bei solchen Bruchwerken oft kleine Partikelchen verloren, die für den wirklichen Halt wichtig wären, nun aber für immer fehlen. Die Gefahr eines erneuten Scherbenhaufens ist mehr als nur präsent.

Beziehungen bestehen aus zwei Menschen und ganz vielen kleinen und grossen, verästelten und komplizierten Verbindungen zwischen ihnen. Diese zwei Menschen bringen alle ihre Eigenarten mit sich, kaum je passen zwei Menschen vollkommen, es ist immer Anpassung. Die Frage, die sich stellt ist: wie weit will und kann ich mich anpassen, wo fängt die Selbstaufgabe an? Was ist die Beziehung wert, aufzugeben, wo ist der Preis zu hoch? Und: wie viel kann ich vom anderen ertragen, was übersteigt mein Mass an Toleranz?

Beziehungen haben dann Bestand, wenn zwei Menschen sich entscheiden (können), diese Beziehung leben zu wollen und gemeinsam den Weg gehen zu wollen. Wenn das nur einer tut, der andere nicht will, hat die Beziehung keine Chance. Wenn nur einer will, der andere einfach mal mitmacht, hat sie genau so wenig Chancen. Selbst wenn beide wollen, ist der Weg mit Steinen und Schwierigkeiten gepflastert – doch dann kann man ihn gehen. Gemeinsam. Indem man sich gegenseitig stützt, einander hilft, sich miteinander freut. Kommt aber einer mal vom Weg ab, fehlt die Stütze, wo man sich darauf verlassen hat und deswegen fällt, geht Stück für Stück Vertrauen verloren in den Weg, in den Partner, in die Beziehung. Scherben springen von der Vase. Und irgendwann lassen die sich nicht mehr wieder ankleben. Dann kann man die Vase noch so gerne bewahren wollen, sie wird nicht mehr dicht sein, wenn man sie mit Wasser füllt.

4 Comments

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  1. Super! Absolut meine Meinung!

    Mir kam noch der Gedanke, ob man auf dem (gemeinsamen) Weg nicht zwangsläufig Blessuren davonträgt oder (was ich lieber glauben würde), ob man gemeinsam stabiler ist und vor Verletzungen von aussen besser geschützt.
    So als sei die Verbindung untereinander fragil, aber zusammen und nach aussen ist man viel stabiler als alleine. Ist das plausibel?

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  2. Schwer zu sagen. Einerseits denke ich, dass der Mensch immer nach Beziehungen strebt und sich alleine eben unvollkommen fühlt. Selbst wenn die Beziehung nicht taugt, nicht befriedigt, hat man das Gefühl, indem man sie hat, mehr wert zu sein, als man es alleine wäre, da man immerhin noch nach aussen ein Bild verkörpert, das zu verkörpern man zu müssen glaubt. Insofern wäre man dann nach aussen stärker.

    Allerdings: wenn die Beziehungen einen selber immer mehr schwächt, weil man in der Beziehung kleiner wird oder unten durch muss, wird man auch fürs Leben ausserhalb der Beziehung schwächer, weil man den eigenen Selbstwert immer tiefer ansetzt. Dann wäre fast das Gegenteil der Fall.

    Und vermutlich ist es eine Mischung von beidem… man fühlt sich immer noch kleiner und denkt, durch die Beziehung wenigstens noch ein wenig an Grösse zu gewinnen…

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  3. Oach nöööö – dass man eine Beziehung als Mehrwert per se empfindet, finde ich nun wenig zwingend. Mich beneiden die Jungs um die Freiheit, die ich habe. Ich selbst würde in meiner Beurteilung schwanken: Eine Beziehung, wie Du sie beschreibst, eine, in der ich untergehe macht mich nur schwächer und führt zu einem Kreislauf nach unten. Das ist vollkommen richtig, finde ich.

    Allerdings bin ich auch überzeugt, dass eine Beziehung, die funktioniert, das Leben einfacher macht, weil der Rückhalt da ist und man einen verlässlichen Ansprechpartner hat.

    Die Sicht von aussen scheint nun wirklich oft so zu sein, dass man ohne Beziehung wie ein Versager dargestellt wird. Das ist aber purer Unsinn, dem man mit ein wenig Selbstbewusstsein leicht begegnen kann.
    Dieses Selbstbewusstsein kann man aber nur entwickeln, wenn man genug Kraft und Stärke in sich hat.
    Nun gibt es Menschen, die diese Kraft nicht haben und sich an andere dranhängen, um durch sie und in einer Beziehung diese Kraft zu gewinnen. Das ist an sich nicht verwerflich, finde ich. Es ist keine Beziehung, die ich wollte. Ich wäre wahrscheinlich hoffnungslos überfordert damit. Aber ich weiss, dass es diese Beziehungen gibt.
    Und dann gibt es die Kehrseite: Menschen, die eine Beziehung benutzen, um Macht auszuüben und ihre Minderwertigkeitskomplexe an einem Partner ausleben wollen. Auch nicht meine Welt, denke ich. Und irgendwo finde ich letztere Art Menschen psychotisch. Aber leider in unserer Gesellschaft eine sehr häufige Gattung. Früher vor allem beim männlichen Geschlecht vertreten, heute zunehmend auch bei Frauen.

    Ich denke, auf gleichberechtigter Basis wächst man aneinander. Dasbleibt doch gar nicht aus! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich von einer Frau, die ich respektiere und liebe *nicht* lernen soll. Und umgekehrt wird es fast zwangsläufig genauso der Fall sein. Und damit wächst man aneinander. Und durch gegenseitiges Vertrauen und den gegenseitigen Rückhalt gewinne ich zusätzlich noch Sicherheit. Bin ich da zu idealistisch? Oder gar vollkommen weg von jeder Realität?

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  4. Ich finde dich toll – aber das weisst du. Ich sehe es gleich wie du (finde dich aber nicht nur toll, weil du gleicher Meinung bist wie ich, wobei das natürlich ungemein angenehm ist *ggg)

    Wir sind ein Fall von: two minds think alike

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