Glück

Ich habe in meinem Leben eines gemerkt: die grösste Gefahr für mein eigenes Glück ist, wenn ich das Glück im aussen suche. Dann stelle ich meinen eigenen Weg zu oft in den Hintergrund und konzentriere mich auf das Aussen, vergesse dabei das, was mich im Innen befriedigt, was ich brauche, um mit und in mir zufrieden zu sein.

Ist das Aussen gut und funktioniert, ist das kein Problem, dann fühlt sich das gut an. Doch sobald die Aussenwelt zu bröckeln beginnt, schwindet das Glück. Und wenn das Innen nicht gepflegt wurde, bleibt ein Loch zurück, eine Leere. Man hat sich selber verloren – schon lange – und weil man das Aussen auch noch verlor, steht man vor dem Nichts. Dann beginnt eine doppelte Arbeit: die Verarbeitung des Verlusts im Aussen sowie die Aufbauarbeit im Innen, die Neuerfindung von einem selber.

Wer bin ich?
Was will ich?
Was will ich nicht?
Wo will ich hin?
Wie komme ich hin?
Was brauche ich für mich?
Wo nehme ich es her?

Ich bin einige Male in diese ewig gleiche Falle getappt. Habe mich selber plötzlich klein gemacht, weil das Aussen so gross und gut erschien, achtete mich gering und unterwarf mich und mein Sein fast. Dadurch fehlte das Herz auf dem eigenen Weg, weil es ganz auf das Leben im Aussen geworfen wurde. Vergessen habe ich dabei wohl, dass man selber immer die Basis bleibt. verliert man diese Basis, sich selber, fehlt allem im Aussen auch an Fundament. Es gibt Menschen, die darauf aus sind, einem das Fundament zu entziehen, weil sie dann selber mehr Boden gewinnen können. Diese hätten gar keine Chance, würde man um seinen eigenen Boden besorgt sein, ihn bewusst pflegen. Nicht im Kampf gegen den andern, sondern aus Sorge zu sich selber.

Ich habe meinen Weg wieder im Blick. Das fühlt sich gut an. Nochmals passiert mir derselbe Fehler nicht. Aber ich bin dankbar für die Lehre. Auch wenn sie weh tat, oft mit Schmerzen, Abstürzen verbunden war. Lehren sind wohl so, dass sie ihren Preis haben.

Was ist Glück? Glück ist der Zustand, wenn man ganz bei sich im Jetzt lebt, offen für das, was ist, annehmend, was kommt, geniessend, was sich darbietet. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit dem Leben im Jetzt und Hier. Denn was war, ist nicht mehr, was kommt, noch nicht da – man kann sich nur fallen lassen und fühlen, wie man getragen wird. Ich leite genau diese Worte Tag für Tag in meinen Yogaentspannungen an – Zeit, sie in mein Leben zu lassen.

Gleich und gleich oder Gegensätze – was zieht an? Und was hält?

Gegensätze ziehen sich an.

Gleich und gleich gesellt sich gern.

Was denn nun? Zwei Weisheiten, die sich widersprechen, so hat jeder die Begründung, wieso seine Beziehung hält, aber auch die, wieso sie in die Brüche ging. „Wir waren einfach zu verschieden!“ „Es wurde langweilig, weil wir uns nichts mehr zu sagen hatten, alles einschlief.“ „Wir streiten nie, darum sind wir so glücklich.“ „Es ist immer spannend und voller Leben bei uns.“

Gegensätze können sehr zermürbend sein. Wenn jedes Thema zum Streitpunkt wird, die beiden Streitenden wie Seilzieher an ihrer Seite des Seils ziehen, ihren Standpunkt verteidigen. Wenn Argumente gegen Argumente fliegen, wie Waffen, die darauf zielen, zu verletzen, ins Schwarze zu treffen, auszuhebeln, abzutöten. Zuerst die andern Argumente, irgendwann die Gefühle, irgendwann den Menschen (innerlich). Und am Schluss die Beziehung.

Aber auch das Paar, das tagein, tagaus friedlich lächelnd nickend nebeneinander sitzt wirkt nicht wirklich so, als ob man es wirklich sein möchte. Man sieht es und denkt: oh wow – wie zwei Wackeldackel auf dem Autoheck.

Aber was dann? Ich denke, es ist ein Mittelweg. Die Grundtendenzen müssen stimmen: Wo will ich hin im Leben, was sind die Dinge, die mir wichtig sind, worauf lege ich Wert, worauf kann ich verzichten. Diese Punkte sind nicht statisch, die können sich im Laufe des Lebens auch ändern. Da ist wichtig, im Gespräch zu bleiben, sich auszutauschen, mitzuhalten. Zusammen zu halten. Aber genau so wichtig finde ich Punkte, die eben nicht gleich sind. Sie müssen nicht mal als Gegensätze gesehen werden, die sich widersprechen, sondern können auch als Ergänzungen gesehen werden: Der ruhende Pol für den Unruhigen, der Rationale für den Stürmischen, der Geduldige für den Ungeduldige. Im ersten Moment nicht einfach zu ertragen. Der Ungeduldige möchte losrennen, alles sofort haben, nicht mehr warten und fühlt sich gebremst – sieht keinen Grund für die Bremse und tritt mal dagegen, auf dass sie sich löse. Der Geduldige fühlt sich überfahren, gedrängt, überrollt und bremst noch mehr – und schon nimmt das Übel seinen Lauf. Die Patentlösung gibt es wohl nicht, ausser Achtsamkeit. Bewusst hinzusehen, was abgeht, wo man selber steht, wo der andere. Genau hinzusehen, was wirklich dringend ist, was warten kann. Die Impulse zu erkennen, die einen handeln lassen, wie man es tut. Und wieso der andere handelt, wie er es tut.

Und dann sind da die kleinen Kontroversen im Alltag. Ich liebe sie. Ein Wort gibt das andere, man sucht Argumente, mit Spass, einem Augenzwinkern, verliert sich in Konzepten, Theorien, Ketten – löst sie wieder auf. Immer dabei ein Lächeln. Das Ergebnis ist unwichtig. Der Weg war schön. Und mit diesem Lächeln kann man auch mal nachgeben, denn man verliert nichts, sondern hat ein Lächeln gewonnen. Auch eine schöne Sache. Wenn aus einer Uneinigkeit ein Lächeln wird. Wenn aus einer Ungleichheit eine Bereicherung wird. Und man gemeinsam einen Weg findet. Der nicht so ist, wie man ihn gehen wollte, aber schön. Das Ziel ist vielleicht auch nicht das ursprünglich anvisierte – aber auch schön, da mit einem Lächeln erreicht. Und wer weiss – vielleicht lassen sich sogar Ziele erreichen, von denen man nie erwartet hätte, dass sie machbar sind, aber umso glücklicher ist, sie erreicht zu haben?

Wenn alles fliesst
und nichts mehr steht,
dann lass dich treiben,
gib dich hin.
Wenn alles aufgeht,
nichts verwehrt,
öffne die Tür,
lass alles zu.
Wenn Mauern brechen,
Steine fallen,
dann hab den Mut
und lass sie liegen.

Mit einen Lächeln im Innen wie im Aussen werden aus zweien einer, die Dualität hebt sich auf, um in einem Ganzen weiter zu leben. Denn es ist alles eins, wir machen nur zwei daraus, weil wir denken, dadurch das Eigene zu schützen, ohne zu sehen, dass wir es dadurch erst gefährden.

Fragen

Meine Blogs sind meist Einwegkommunikation. Eigentlich schade. Drum dachte ich, ich stelle mal ein paar Fragen. Zwar sagen Fragen immer auch etwas über den Fragenden aus, aber der hat vielleicht die Chance, durch die Antworten seine Leser kennenzulernen? Wäre nett, eure Bekanntschaft zu machen!

1) Wieso will man immer das, was einem eigentlich nicht gut tut, was man nicht hat, statt sich an dem zu freuen, das da ist und eigentlich gut ist?

2) Wohin gehen Träume, wenn sie gehen?

3) Was passiert, wenn man keine Träume mehr hat?

4) Was ist Glück?

5) Was ist Liebe?

6) Ist das, was du bei 5 dachtest, wirklich Liebe? In all ihren Facetten? Ihren Ausprägungen? Nicht nur Verliebtheit? Leidenschaft?

7) Muss man sich Vertrauen erst erarbeiten oder ist es da und kann dann verwirkt werden?

8) Gibt es Liebe auf den ersten Blick oder wächst Liebe langsam?

9) An welchem Ort würdest du – unabhängig von allen Pflichten – gerne wohnen?

10) Wohin würde dein nächster Traumurlaub gehen?

11) Lieblingsfarbe?

12) Hast du eine Frage an mich?

Ich bin ja mal gespannt 🙂

Scheissspiel

Der Titel – ich gebe es zu – ist nicht wirklich gewählt, schon gar nicht hochstehend und mit meinem Sohn hätte ich geschimpft, hätte er ihn verwendet. Die Welt ist böse und grausam und Mütter auch nicht immer konsequent.

Doch was ist das Scheissspiel? (ich gebe zu, immer, wenn es drei Konsonanten hintereinander hat, muss ich nachzählen, ob nun drei dastehen, sich nicht ein vierter dazubequemte oder gar einer vergessen ging – aber es passt 🙂 )

Die Liebe!!

Was es mit der Liebe auf sich hat? Das war die Antwort auf die Frage vor dem grammatikalischen Exkurs. Die Liebe verursacht dieses Scheissspiel. Wie ich drauf komme, wo ich sie doch über Blogseiten hinweg in den Himmel lobte und ersehnte und preiste und lobhudelte? Weil keine Macht und Kraft der Welt – und nach wie vor erachte ich die Liebe als grösste und schönste Kraft der Welt – so viel Leid, Schmerz und Verderben mit sich bringt wie diese eine. Unter dem Deckmantel keines Gefühles wurde so viel gelogen, betrogen, gemordet, hintergangen, verletzt. Kriege wurden geführt, vordergründig aus Liebe zu Gott, Allah, einem Herrscher, Morde wurden ausgeübt aus Verletzungen, Verlassenheit, Liebesentzug, Liebesverrat, Selbstmorde wurden begangen wegen unerwiderter Liebe, wegen Einsamkeit, Liebesmangel. Menschen werden benutzt im Namen einer falsch vorgeheuchelten Liebe, Menschen werden hintergangen, weil die vermeintliche Liebe plötzlich Flügel oder Beine kriegte, der Mensch aber in der Bequemlichkeit blieb, Menschen werden belogen, um ein Abenteuer zu kriegen, eine Kurzbefriedigung.

Der Mensch geht dahin und sucht sich, was er braucht. Ohne Rücksicht, ohne Mitgefühl, im Ich verwurzelt, diesem kleinen, machthungrigen, befriedigungssüchtigen Ich. Um zu kriegen, was er will, braucht er ein gutes Marketinginstrument und aus der Werbung weiss man: pack dein Opfer an der Stelle, an der es am verletzlichsten ist, weil dahinter das steht, was es am meisten  will, da, weil es darauf am besten  anspringt. Was also wäre besser geeignet als die Liebe? Jeder sucht sie, jeder braucht sie, jeder sehnt sich danach. Ein „ich liebe dich“ öffnet tausend Türen und Tore. Einmal durchgegangen lösen sich die Worte in Luft aus. Vielleicht sind Worte wirklich nicht die grosse Kraft, Gefühle sind es. Aber oft kommen sie in Worten daher, die man glauben muss, da man ohne Glauben kaum Vertrauen aufbaut. Und ohne Vertrauen ist keine Liebe lebbar. Dadurch, dass die Worte oft falsche Gefühle vorgaukeln, werden Worte immer unglaubwürdiger, anzweifelbarer und damit Gefühle immer mehr in Frage gestellt. Und so wird der einmal betrogene Mensch unsicherer und haltloser und fängt selber an, abzutasten, auszuloten, zu taktieren. Am Schluss bleibt: ein Spiel. Ein Scheissspiel. Aus dem nur Verletzte herausgehen werden. Die die spielen, werden nie glücklich werden. Der Reiz des Eroberns wird immer schneller abflachen und eine Leere zurück lassen. Die Spielfiguren werden von Mal zu mal mehr brechen, irgenwann zerbrechen und als Trümmer am Strassenrand liegen bleiben. Bis – ja bis – vielleicht eine wirkliche Liebe auftaucht, ein Licht am Ende des Tunnels, welches in einem selber sein kann, sein soll, manchmal von aussen erleuchtet werden muss, weil die Kraft, den Schalter zu drücken, fehlt.

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass das, was so ersehnt und grossartig und wunderschön ist, seine Schattenseiten hat. Was hoch trägt, lässt tief fallen, was hell leuchtet, lässt Dunkelheit zurück, wenn es fehlt. Was glücklich macht, lässt Unglück zurück, wenn es geht. Aber auch die Hoffnung: es kann wieder kommen. Und den Glauben: es gibt sie und sie ist wunderschön und lebenswert und echt und tragend. Drum steht in den Korinthern:

Am Ende bleiben Glaube Liebe Hoffnung – die grösste unter ihnen ist aber die Liebe (sinngemäss). Dann lasst uns hoffen (die die wollen beten) und glauben: die Liebe lebt. Sie wird sich irgendwann durchsetzen.

Ohne Worte

Das wohl schlimmste für einen schreibenden Menschen ist, wenn ihm die Worte ausgehen. Zwar sind die Worte noch da, lassen sich auch aneinander reihen, aber sie treffen nie, was man eigentlich sagen will. Weil man gar nicht mehr weiss, was man sagen kann. Weil man schon gar nicht mehr weiss, was man denken soll. Weil man nicht mehr weiss, was man fühlen darf. Weil man nicht mehr weiss, was eigentlich ist.

Wenn alles dreht
und nichts mehr steht,
man mittendrin
und nirgends geht.
Wenn alle reden,
niemand spricht,
man mittendrin
doch gar nichts hört.
Wenn alle rennen,
niemand hält,
man mittendrin
nicht weiter weiss.
Wenn alle spielen,
nichts mehr gilt,
man mittendrin
und nie mehr traut.
Wenn alles geht
und nichts mehr bleibt,
man mittendrin
verloren ist.

Dann sitzt man da und starrt aufs Weiss, früher Blatt, heute Bildschirm. Weiss bleibt weiss. Und es fehlt das Schwarz in filigranen Buchstaben. Es fehlt der Text, der fliessen sollte und nun stockt. Es fehlt der Gedanke, der sich aufschlüsseln lässt und es fehlt die Logik, die ihn in sich stimmig macht. Und wenn er fliesst und endlich steht, liest man ihn durch und findet ihn nichts sagend oder nicht so, dass man ihn sagen kann, weil er etwas sagt, das man gar nicht sagen wollte. Und was man sagen wollte, versteckt sich in den Untiefen des Ichs, teilweise nicht mal gesehen, nur erahnt, nur gefühlt in einer unwahrnehmbaren Schleierhaftigkeit. Und man ringt um Worte, sucht nach Sätzen, sucht nach Sinn in dieser ganzen Sinnlosigkeit und kehrt doch immer wieder zurück zum Weiss, das steht, nicht vergeht, und wenn vergeht, gleich wieder steht, weil das Schwarz vergeht, ausgelöscht wird durch die Delete-Taste (früher Radiergummi oder Abfalleimer).

Klar könnte man auch schweigen, klar könnte man für sich behalten, was zu sagen nicht möglich scheint. Aber es will ausbrechen, will hinaus, kann nicht bleiben, wo es ist, da dort, wo es ist, es nicht erkennbar ist. Zudem ist Schreiben Lebenssinn und ohne Schreiben, das Leben leerer. Wenn die Buchstaben nicht fliessen, fühlt es sich an, als ob das Leben angehalten wurde.

Wenn Worte meine Sprache wären… sang mal einer. Worte sind mehr als Sprache, sie sind in Laut verwandeltes Leben, sie sind tiefster Sinn, denn: Am Anfang war das Wort. Und selbst wenn die Bibel weiter geht und die Kraft noch früher setzt schlussendlich, so war am Anfang doch das Wort. Und alles, was wir angehen, kleiden wir erst – wenn auch nur innerlich – in Worte. Durch diese wird es erfahrbar, verstehbar, annehmbar. Durch Worte können wir uns mitteilen, teilweise auch nur uns selber. Aber das ist der wichtigste Schritt. Denn wenn wir selber verstehen, können wir uns nach aussen wenden und werden verstanden. Vielleicht. Ab und an auch missverstanden. Teilweise verletzen Worte und man möchte sie zurück nehmen. Noch mehr verletzen nicht gesprochene Worte, die nur erahnt sind. Oder Worte, die nur ausgesprochen werden, um zu verletzen. Allerdings haben die immer zwei Stachel – einen gegen den zu verletzenden und einen gegen den Aussprechenden. Worte haben Kraft. Und Macht. Drum sollten sie mit Bedacht gewählt werden – oder auch nicht gewählt werden.

Da mir die Worte ausgegangen sind – habe ich nichts mehr zu sagen und hülle mich nun wieder in Schweigen.

Reine Liebe

Heute habe ich aus einem Impuls hinaus die „Worte eines Erwachten“ (Zensho W. Kopp) aufgeschlagen, im Denken, dass mir die Stelle, die ich treffe, etwas sagen wird. Ich landete auf Seite 93, Titel: Reine Liebe:

Die reine Liebe ist die Liebe in der Form der allumfassenden Ganzheit. Sie sucht stets die Aufhebung aller Gegensätze, denn sie strebt zum vollkommenen Einssein.
Reine Liebe bleibt nicht am konditionierten Gefühlsimpuls einer dualistischen Unterscheidung hängen. Es ist nicht die Pseudo-Liebe, die ergreifen und besitzen will, sondern ganz im Gegenteil.
Es ist die LIebe, die sich selbst schenkt und hingibt. So wie die Motte, wenn sie das offene Feuer sieht, sich selbst vergessend in das Feuer hineinfliegt und darin verwandelt wird.

Ein schönes Bild der Liebe, eines, das selten so gelebt wird. Oft wollen wir unter dem Deckmantel der Liebe etwas besitzen, etwas einnehmen. Wir sagen, dass wir lieben und nehmen uns das, was wir durch diese Liebe bekommen. Oft wird die Liebe auch instrumentalisiert, um zu kriegen, was man will. Man denkt, wenn der andere sich geliebt fühlt, erhalte ich, was ich für mich brauche. Das ist eine Form von Selbstliebe, von übersteigerter, die aber nie zum wirklichen Glück führen wird, denn auf dem Unglück anderer baut man kein eigenes Glück auf. Zurück wird irgendwann Leere bleiben. Auch die Liebe, die besitzen will, wird nicht zum Glück führen, denn sie ist voller Angst, voller Zwang, voller Einschränkungen. Man sieht das Glück ständig in Gefahr, klammert sich an das Geliebte, will es halten. Und merkt nicht, dass man es genau so in die Ferne treibt. Die eigenen Ängste werden durch alle Poren durchkommen und die Beziehung durchdringen. Die Gefühle werden nicht mehr frei sein, sondern gezwungen, erzwungen und irgendwann bezwungen. Und zurück bleibt Leere, das Gefühl, verloren zu haben, das Gefühl einer erfüllten Erwartung, wobei es sich wohl eher um eine selbsterfüllende Prophezeihung handelte.

Ein anderes Bild der Liebe, das mir immer wieder in den Sinn kommt, findet sich in der Bibel – die wohl schönste Beschreibung davon, was Liebe ist (Korinther 1.13):

Die Liebe ist geduldig und freundlich.
Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht,
sie prahlt nicht und ist nicht überheblich.
Liebe ist weder verletzend
noch auf sich selbst bedacht,
weder reizbar noch nachtragend.
Sie freut sich nicht am Unrecht,
sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt.
Diese Liebe erträgt alles, sie glaubt alles,
sie hofft alles und hält allem stand.

[…]
Was bleibt sind:
Glaube, Hoffnung und Liebe.
Die Liebe aber ist das Größte.

Voraus geht dieser Passage folgender Gedanke:

Ohne Liebe bin ich nichts.
Selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt,
ja mit Engelszungen reden könnte,
aber ich hätte keine Liebe,
so wären alle meine Worte hohl und leer,
ohne jeden Klang,
wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag.

Die Liebe ist unsere Basis, sie trägt, sie macht uns lebendig. Sie gibt mehr, als sie nimmt, sie erwartet aber nichts, wenn sie gibt, da sie von sich selbst aus gibt, im Wissen, dass der, welcher gibt, immer mehr hat am Schluss. Das steht auch im Tao te King, Vers 81:

Der Berufene häuft keinen Besitz auf.
Je mehr er für andere tut,
desto mehr besitzt er.
Je mehr er anderen gibt,
desto mehr hat er.

Mit den Worten der Liebe: Sende Liebe aus und du wirst geliebt werden. Hältst du sie zurück, nimmst nur, wirst du irgendwann einsam sein.

Ich habe mich vor Urzeiten selber mal poetisch an der Liebe versucht – dies zum Abschluss für heute. Eigentlich wollte ich heute gar nicht über die Liebe nachdenken, ein Griff zu einem Buch kann manchmal Welten öffnen und die Gedanken weiter treiben. So fing ich bei Zensho an, einem Deutschen mit japanischem Gedankengut (ZEN), ging weiter zur Bibel und deren jahrtausende alten Weisheiten und kam schliesslich nach China. Ein Zeichen dafür, dass es universelle und zeitunabhängige Gedanken gibt, Gedanken, die in uns sind, Gefühle, die uns tragen, die jeder in sich trägt und die er eigentlich nur frei lassen sollte, um zu seinem Glück zu finden.

Liebe ist…

Liebe kennt keine Grenzen,
sie stellt keine Bedingungen.
Liebe macht keine Auflagen,
sie wertet nicht.
Liebe kennt keine Vorurteile,
sie verletzt nicht.
Liebe trägt,
wo niemand sonst es tut;
sie unterstützt,
wo Hilfe nötig.
Liebe steht,
wo alle fallen;
sie hält zu einem,
wenn alle weg sind.
Liebe gibt Kraft,
wo deren Ende erreicht ist;
sie gibt nie auf,
auch wenn alles schon verloren scheint.
Liebe ist,
was sie ist,
ohne Schein und ohne Lüge,
sie ist.

Der Weg ist das Ziel

Rilke schrieb ein Gedicht, das ich oft als Motto für das Leben sehe: Ich lebe das Leben in wachsenden Ringen…. den letzten werde ich vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.

Das Leben schreitet immer vorwärts. Wir gehen unseren Weg, haben Träume, Ziele, gehen sie an, fallen zurück, rappeln uns wieder auf, fallen auf die Nase, um wieder hochzukommen und weiter zu gehen. Peter Reber sang mal im Lied „Stürmischi Zyte“ „vo zwe schritt wod hesch vorwärts gmacht, bisch eine fürsi cho u langsam hets dir dämmeret es sig halt im läbe so“… und ja, es scheint oft so: man fällt immer mal wieder auf die Nase. Im Rückblick denkt man oft „Ich hätte es wissen können, ich habe es gar gewusst, aber mir und meinem Wissen nicht getraut. Wieso? Weil wir uns an falsches Wissen hängen. Wir denken, dass das, was wir lernen, was wir logisch folgern, aus dem Hören ableiten, Wissen sei. Aber das ist nur Gelehrsamkeit – im besten Falle. Laotse unterscheidet in seinem Tao te King zwischen Wissen und Gelehrsamkeit – Patanjali tut es in seinen Yogasutras ebenso. Und wir selber denken, zu wissen, wie der Hase läuft. Dabei übergehen wir das wirkliche Wissen ständig. Wir klammern uns an Scheinwissen, ohne zu merken, dass wir eigentlich nichts wissen. Und dieses Klammern ans Wissen erzeugt Leiden, das erst endet, wenn wir an dem Leiden leiden (auch eine Weisheit aus dem Tao te king, die mein Sohn als wenig sinnvoll erachtet – wer kann es ihm verübeln, mutet es doch wie eine doppelte Verneinung an, die schon mathematisch komplex genug ist, sprachlich umso schwieriger).

So oder so, um nicht noch weiter abzuschweifen und am Schluss bei der Quantenphysik zu landen: das Leben gestaltet sich in Rückschritten, die unterm Strich immer Fortschritte mit sich bringen. Und auch wenn wir im ersten Moment enttäuscht sein mögen, es nicht so lief, wie wir es uns erträumten, am Ende schaut was raus. Und wir sind einen Schritt weiter. Selbst wenn wir drei dafür gingen, zwei vorwärts, einen zurück – den einen Schritt nimmt uns niemand mehr. Er mag mit Schmerzen, Leid, Tränen verbunden gewesen sein, aber: er ging nach vorne. Und führte uns auf unserem Weg zum nächsten Ring, den wir versuchen, den wir gehen.

Ich halte es nicht so mit Versuchen. Ich versuche es mal heisst für mich: ich kann es auch gleich lassen. Ich bin ein Mensch der Tat – ich gehe oder gehe nicht. Und wenn ich gehen will, will ich gleich gehen. Morgen gehen dann die andern, dann will ich schon da sein. Ich weiss, dass ich die Leute um mich damit überfahre. Überfordere. Ich bin bei Schritt eins im Geiste schon bei Schritt 8. Und kenne damit das Ziel, wo ich hin will. Die Geduld, die anderen Schritt 2-7 noch gehen zu lassen, ist schwer auszuhalten. Und doch werde ich es wohl lernen müssen. Noch bin cih weit davon entfernt und denke ab und an wieder, besser den Weg alleine gehen, dann gibt es keine Schritte zurück. Die Schritte 2-7 könnte ich ignorieren, ich wäre gleich bei 8 und alles wäre gut. Doch vermutlich wäre das eine Illusion. Wir kriegen wohl im Leben das immer und immer wieder vorgesetzt, das wir noch lernen müssen. Vor 9,5 Jahre kam meine grösste Geduldsprobe auf die Welt. Ein Kind, das die Ruhe in Person ist. Das sich drehen und wenden und nochmals drehen kann und noch immer nicht vom Fleck kam. Für eine Mutter, die Schritte 2-7 auslässt und bei 8 weiter geht eine echte Herausforderung. Wir meistern sie täglich aufs Neue. Und so kamen wohl noch so ein paar Herausforderungen mehr dazu. Yoga war die, welche hilft, es zu tragen. Hinzuschauen. Zu reflektieren. Manchmal einen Schritt zu spät. Aber immerhin. Doch ich bleib ich und das Temperament bleibt. Da hilft kein YOga und wegatmen lässt es sich auch nicht. Die Schritte 2-7 sind einfach zuuuu lang. Aber ich strenge mich an. Das ist der letzte Ring – ich will ihn schaffen, weil: Der Weg ist das Ziel – neben dem Ziel, das ich will. Und da ich es will, gehe ich den Weg. Beständig. Mal leicht, mal ungeduldig, mal fluchend wie Bligg in „Fahr emal“, mal schimpfend wie Kate Perry „Fuck you“, mal weinend wie Johnny Cash in „Hurt“ oder wie Nazareth in „Love hurts“ – aber immer im Wissen: den letzten werde ich vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.

Wer bin ich?

Wenn du mich siehst,
siehst du mich,
wie ich bin, was ich bin,
was mich ausmacht,
oder nur, was du sehen willst,
weil es dir gefällt?

Wenn du mich hörst,
hörst du mich,
was ich sage,
wie ich es meine,
oder nur,
was du hören willst,
weil du erlebt hast,
was dich prägte?

Wenn du mich fühlst,
fühlst du mich,
wie ich mich anfühle,
wenn ich mich hingebe,
oder fühlst du nur,
was du fühlen möchtest,
weil du dich danach sehnst?

Wenn du mich willst,
willst du mich,
weil ich bin
wie ich bin,
oder willst du nur das,
was du dir ersehnst,
schon lange wünscht?

Wer bin ich für dich,
bin ich ich,
wie ich bin,
weil ich bin, was ich bin,
oder bin ich nur,
was du brauchst,
weil du bist, der du bist?

Wenn Dinge weh tun…

Wenn in Nachbars Garten die Rosen immer schöner blühen als im eigenen, wenn der mehr Freunde hat als man selber, etwas besser kann als man es selber kann und gerne könnte, dann beginnt ganz tief drin leise Neid zu nagen, wird immer lauter und lauter, bis er schliesslich schreit und tobt. Man fühlt sich schlecht, sieht den Nachbarn mit immer zugeknifferen Augen an, fragt sich, wie der nur das alles verdient hat und wieso nicht man selber. Man hadert mit der Ungerechtigkeit der Welt, und denkt sich: dem zeige ich’s. Man sucht Punkte, wo man ihn treffen kann, findet sicher das eine oder andere, das man ihm andichten kann, schaut, wo man ihm eine Grube gräbt und fühlt sich gleich etwas besser, wenn die Grube steht und der Nachbar fällt. Kurzfristig. Und dann? Die Rosen des Nachbars werden immer noch höher sein. Und wenn nicht die, dann die eines andern Nachbarn. Und so viele Gruben kann man gar nicht graben, dass alle Rosengartenbesitzer reinpassen. Am Schluss bleibt das schlechte Gefühl des Neids, das nagt und nagt und in einem selber Gruben gräbt. Und es bleibt eine Verbitterung. Und ich denke mal, so wirklich glücklich und offen und liebenswürdig wird man in so einem Zustand nicht mehr wirken. Vielleicht finden sich noch ein paar gleichgesinnte Rosengartenbesitzerindiegrubewerfer, so dass man gemeinsam über den Undank der Welt lästern kann. Tief drin wird die Grube tiefer und eine Leere kommt.

Was bringt Neid? Und wieso fühlt man ihn? Wieso gönnt man dem anderen seinen Erfolg nicht und sieht mit Stolz auf sein eigenes Leben, im Wissen, dass man nicht alles haben und können kann, aber selber auch gut ist? Und: wieso treibt einen der Neid so weit, andere verletzen zu wollen? Wieso fühlt man ein Hochgefühl, wenn der andere leidet? Und ja, es tut weh, wenn man aus heiterem Himmel getroffen wird vom Neid eines anderen, von der Intrige eines anderen. Die Frage ist natürlich auch: wieso trifft es? Man weiss ja, dass der andere eigentlich selber leidet. Und drum schiesst. Man weiss, dass der andere eigentlich Mitgefühl bräuchte, statt dass ich mich über ihn ärgere. Denn der Ärger nagt an mir und hilft niemandem. Und doch: ja, es tut weh. Es ist unfair. Und es ist vom Herzen her gesehen unverständlich.

Ich habe dieses Wochenende gelernt, dass die Welt voller Güte ist, alles gut ist (as tantrisch-yogisch philosophischer Sicht). Nun kann man sagen, nein, das stimmt nicht, es gibt viel Leid auf der Welt, ich habe davon auch einiges erlebt. Aber oft erwächst aus Schlechtem Gutes. Seien es Einsichten, Erfahrungen, Denkanstösse, Wegänderungen, die zu etwas anderem, Guten führen. Oder man sieht klarer, auf wen man zählen kann, auf wen besser nicht. Man kriegt Zuspruch und vielleicht auch Hilfe, wenn man in Not ist. Und all das rückt die Welt wieder in die richtige Position, Freude kommt auf und die Sonne steigt wieder im Herzen. Und so wird aus etwas, das zuerst Leiden brachte, plötzlich etwas Glück bringendes. Das ist der Kreislauf des Lebens: halten kann man nichts, alles hat Kehrseiten, alles geht zu Ende, aber es entsteht Neues. Nach einer Trennung kann eine neue Liebe folgen, die so ist, wie man sie sich wünschte. Nach einer Enttäuschung ist der Schleier weg, man ist wirklich ent – täuscht und sieht klar und kann das Leben mit dieser Klarheit angehen. Und in der Not kommt plötzlich Hilfe, oft aus unerwarteter Ecke. Und man steht irgendwann da und denkt sich: es ist gut, wie es ist. Und dann steigt Dankbarkeit auf. Auch für die nicht so schönen Dinge im Leben.

Robert Betz nannte die Hürden schaffenden Menschen im Leben Arschengel. Das sind die Engel im Leben, die einem das Leben schwer machen, aber in dieser Rolle etwas bewegen – hin zum Guten. Ich danke an dieser Stelle allen Arschengeln in nahen und fernen Zeiten – von Herzen. 🙂 Und ich danke all den guten und lieben Engeln in meinem Leben!

Niemand tut es, alle machen mit

Kürzlich in einem Elternforum kam es zur Frage, wie oft und wie lange kleine Kinder anderer Mütter fernsähen. Die Antworten kamen wie aus einem Munde: Kaum bis nie. Wenn, dann höchstens kurz und das auch nur alle Schaltjahre mal. Ich frage mich, wieso es ein so ausgedehntes Kleinkinderprogramm im Fernsehen gibt, wenn niemand das schaut. Oder schauen die Eltern heimlich Teletubbies, während die Kinderchen sich mit Holzklötzchen und Holzpuppen die Zeit vertreiben? Ich fragte mich dann, wo in der Realität all diese Vorzeigemütter versteckt sind, denn in der freien Wildbahn sind mir diese ach so pädagogisch wertvollen Mütter nie untergekommen.

Ich habe ja den starken Verdacht, dass diese Mütter die Frauen der Männer sind, die nie Blick lesen und auch noch nie einen Playboy in der Hand hatten. Die beiden Medien werden ja auch nie gekauft, haben aber reissenden Umsatz. Die Welt ist verrückt. Ich frage mich, wie die Konzerne das machen, dass die nicht reihenweise Konkurs anmelden müssen mit all ihren nicht berücksichtigten Produkten.

Oder – ich trau es mich fast nicht zu sagen: sollte das vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit sein und die Kinder sitzen doch vor dem TV? Und sollten vielleicht all die NZZ-Leser unter dem Deckmantel der NZZ-Frontseite etwa den Blick versteckt haben? Und wo hält sich wohl der Playboy versteckt? Im Schutzumschlag von „Schöner Wohnen“? Oder „Leichte Küche frisch gekocht“? Sollte es wirklich sein, dass Menschen sich so darstellen, wie sie sich gerne sähen? Arte schauend, über Quantenphysik und Epikuräer diskutierend statt über das Wetter und die nächste WM? Und: was bringt das den Menschen, die das (hypothetischer Weise, das ist ja alles blosse Theorie und nie nie nie nie nie nie Realität) so täten? Sind sie mehr Wert? Für wen? Die andern? Sich selber? Sich selber ja kaum, denn sie wissen ja (sorry, wüssten) um die Lüge. Sie wüssten, dass alles nur eine Vertuschung von Tatsachen ist.

Nehmen wir an, sie lügen sich ein in ihren Augen ehrwürdigeres Ich zusammen: Wieso schämen sie sich für ihr eigenes? Was lässt sie denken, nicht geliebt, nicht geachtet zu werden, wenn sie zu sich stünden? Eigentlich traurig, wenn man sich selber als nicht Wert genug achtet, sich nicht so geben kann und zu geben traut, wie man wirklich ist, mit all seinen Seiten, Facetten, Schwächen und Stärken. Sie sind es doch, die den Menschen ausmachen, ihn zu dem machen, was er ist, wie er ist. Und die erst offen legen, mit wem man es zu tun hat. Wen soll man lieben, wenn nicht den wirklichen Menschen? Ein Bild? Und was, wenn die Farbe abblättert?

Drum stehe ich dazu, ich höre nie nie nie Schlager, nie nie nie Schnulzen, ich höre Rammstein, Wagner und Stan Getz. Immer. Lese nur Goethe und habe noch nie den Blick Online gelesen. Nein, Pfui. Ich schaue nur hochstehende B-Movies und lache eigentlich selten, es gibt keine philosophisch hochstehenden Witze und alles drunter geht gar nicht. Und nun liebt mich. Nun müsst ihr mich lieben, denn ich bin doch nun gut.

Vielleicht ist ja alles auch ganz anders und ich liebe alles, was das Herz zum Schmelzen bringt, seien es rührende Komödien, dazu passende Musiktitel, die – ich lernte es vor Kurzen – alle gleich anfangen, lese täglich meinen Blick und fühle mich pudelwohl. Also ich liebe mich so.

Wo sind meine Grenzen?

Als ich noch relativ frisch auf meinem Yogaweg war, musste ich feststellen, dass ich trotz einer sehr grossen Beweglichkeit Dinge nicht so hinkriegte, wie ich sie gerne gehabt hätte. Mein Rücken war das grösste Sorgenkind, durch eine leicht verschobene Wirbelsäule und heraustretende Lendenwirbel entsprach er nicht dem Rücken, den ich in den Stellungen gerne gehabt hätte. Während ich schon damals in der Theorie lernte, die Grenzen des Körpers zu achten, sich nicht gewaltsam in Stellungen zu quälen, den Körper zu schonen und gesund zu halten, habe ich in der Praxis alles ignoriert und gedrückt und gepresst, um ja diesen Rücken grad zu kriegen. Das ging auf Kosten des Muskelansatzes des Hinteren Oberschenkelmuskels (Hamstring), der sich entzündete – und nie mehr ganz heilte. Mein Bein ist seit da meine Erinnerung an eine schmerzhafte und nachhaltige Lehre – im Körperbereich. Ich erlebe diesen Ehrgeiz leider oft im Yogaraum, versuche dagegen anzureden. Der Leistungsdruck ist allerdings tief in den Köpfen verankert, es braucht Zeit, durch diese dichten Wolken durchzudringen und ich hoffe stets inständig, dass niemand die schmerzhafte Lehre mitnimmt nach Hause, die ich selber auf mich nehmen musste, um es zu erkennen. (Und erkannt zu haben hilft nicht immer, immun zu sein)

Grenzen gibt es aber nicht nur im Körper, sie sind auch im übrigen Leben allgegenwärtig: man stösst an die Grnezen der Kraft, wenn man sich zu viel auflädt, nicht auch mal nein sagen kann, man stösst an die Grenzen der Nerven, wenn kleine Kinder nie gehorchen wollen, nur herausfordern (tut meiner natürlich nie) und auch sonst igrnoriert man die eigenen Grenzen gerne mal, geht darüber hinweg und kriegt meist auf irgend einer Ebene die Rechnung dafür.

Grenzen sind wichtig. Sie sind Zeichen unseres Körpers und unseres Geistes: Bis hier hin und nicht weiter. Diese Grenzen sind variabel. Was heute geht, kann morgen nicht gehen. Und so wie ich mich heute über die erweiterten Grenzen freuen kann, sollte ich morgen die engeren Grenzen respektieren und mich danach verhalten. Der Mensch ist keine Maschine, die immer höher, schneller, besser sein muss, ungeachtet der Tagesform. Er ist kein Roboter, der auf eine spezielle Leistung gepolt ist, die er dann immer erreichen muss und kann. Komischerweise gelingt es uns leichter, zu akzeptieren, wenn wir mal weitere Grenzen haben als wenn sie enger sind. Wir fühlen uns in unserem Selbstwert besser, wenn wir mehr leisten, als wir schon einmal leisteten. Leistungserhalt ist immerhin noch gut, Abnahme wird bekämpft und nagt am Selbstwert.

Bin ICH wirklich weniger wert, nur weil ich heute eine Stellung schaffe, morgen nicht? Bin ich wirklich mehr wert, wenn ich die Agenda voll habe, verplant bin, mehr schaffe, als eigentlich rein geht? Und wieso habe ich das Gefühl? Wieso identifiziere ich mich so sehr mit dem, was ich erreiche, statt zu sehen, wer ich bin? „Wer“ will das erreichen? Wirklich ich? Und wo mangelt es einem, wenn man diese Bestätigung sucht im aussen, sie braucht, um an den eigenen Wert zu glauben? Ich sage damit nicht, dass man keine Ziele haben soll, nicht an seine Grenzen gehen wollen soll. Im Gegenteil: man soll seine Grenzen suchen, ausloten, hinhören, wo sie sind. Man kann mit diesen Grenzen spielen, schauen, was geht, was möglich ist, aber auch eingestehen, wo es nicht möglich ist, wo die Grenze gesetzt ist und so stehen bleiben muss. Weil man heute an der Stelle steht, wo man ist. Und morgen ist ein anderer Tag, wer weiss, vielleicht geht es besser. Dabei ist nie wichtig, wo der Nachbar seine Grenze hat, wie tief er in eine Stellung kommt, wie viel er unternimmt, macht, kann. Wichtig sind wir selber und unsere eigenen Grenzen. Es ist nicht der Nachbar, der nachher leidet, wenn die eigenen Grenzen überschritten sind, das sind wir selber.

Indem wir selber auf uns und unsere Grenzen achten, zeigen wir uns selber, dass wir es wert sind, achtsam behandelt zu werden. Wenn wir ständig unachtsam mit uns umgehen, sprechen wir uns unseren Wert ab. Wie wollen wir von anderen dann erwarten, dass sie uns als wertvoll sehen und behandeln? Unser Wert kommt von uns selber. Nur wir können ihn uns selber zugestehen. Und indem wir uns als liebenswert erachten und liebevoll mit uns umgehen, werden auch die anderen Menschen uns so sehen und behandeln. Sei es dir wert!

Alles ist möglich – Teil 2

In der letzten Zeit bin ich oft dem Satz „Man kann alles erreichen, wenn man es will“ begegnet. Ich habe – noch immer – meine Zweifel, selbst wenn ich auch der Meinung bin, dass man mehr erreichen kann, als man sich oft zutraut. Zwischen alles und mehr liegt aber in meinen Augen ein grosser Unterschied und der Faktor Zeit spielt auch noch eine Rolle: Vieles ist möglich, aber nicht zu jeder Zeit. Und oft möchte man etwas jetzt, was jetzt eben gerade nicht möglich ist.

Gehen wir aber davon aus, dass alles – wirklich alles – möglich ist, dann müsste jeder den Spagat können. Zack – runter… Jetzt ist das wohl wenigen möglich. Aber lassen wir die Zeit im Spiel, man darf sich dahin üben. Klar kann man nun sagen, nicht jeder will den Spagat können, legitim, wozu auch. Nur: Grundsätzlich müsste es ja – wenn alle alles erreichen können – möglich sein, ihn zu schaffen.

Ich kann ihn – offensichtlich. Was ich nicht kann und gerne könnte, ist der Handstand… ich werde mit üben beginnen, wenn ich jeden, der mir weismachen will, dass ALLES möglich ist, im Spagat sehe 🙂 Wobei ich beim Handstand glaube, dass ich ihn hinkriegen kann… irgendwie. Beim Spagat sehe ich da grössere Schwierigkeiten, aber ich bin ja eh der Zweifler bei „alles ist möglich“.

Alles ist möglich

In letzter Zeit stolpere ich oft über selbsternannte Alleskönner, die eine Welt propagieren, in der alles möglich ist, wenn man sich nur traut. Alle, die nicht alles als möglich erachten, sind nur noch nicht aufgewacht, verstecken sich noch in Scheinargumenten, sind nicht cool, sondern verklemmt, verstockt und überhaupt: im Irrtum.

Ich will die Welt, was kostet sie – das war es früher, heute kostet sie nicht mal mehr, man muss sie nur noch nehmen. Argumente dagegen werden mit hochgezogenen Augen quittiert: Wie kann man nur so begriffsstutzig sein? Trau dich. Nimm alles, was du willst. Jetzt.

Ich bin skeptisch. Und irgendwie ist mir diese Haltung zuwider. Sind das nun meine Widerstände? Will ich nicht glücklich sein? Trau ich mich nicht und suche drum Argumente? Hätte ich die ganz grosse Chance auf Glück und verspiele sie, weil ich eben nicht an das „alles ist möglich, man muss es sich nur nehmen“ glaube? Wieso lösen diese ewig strahlenden, ewig positiv schreibenden Menschen so viel Argwohn in mir aus? Weil sie meiner Weltsicht entgegensprechen?

Ich denke auch, dass viel möglich ist. Auch ich denke, dass Energie Energie folgt und wenn ich etwas will und daran glaube, es sicher auch mit guten Energien gesegnet ist. Trotzdem bin ich nicht sicher, ob wirklich alles möglich ist. Bei vielem spielen zu viele Faktoren eine Rolle, als dass es immer auf die Weise enden kann, die man sich gerne wünschen würde. Gäbe es sonst so viele Scheidungen? Niemand glaubt am Anfang, da zu landen, niemand wünscht es sich. Und doch steuern so viele in diese Schiene. Und die meisten dieser Allesmöglichwelt sind sinnigerweise Single. Natürlich aus vollster Überzeugung und unendlich glücklich damit. Das möchte ich nie nie nie in Frage stellen. Nur kommt so ein weig das Gefühl auf, als ob das Allesistmöglich ein Mantel ist dafür, zuzudecken, dass eben nicht alles ganz so toll ist. Aber weil man schon alleine ist, kann man auch gleich die alleinseligmachende Welt für sich propagieren. Das ist doch der Vorteil des Alleineseins: Man kann, wie man will. Man kann, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Einfach ich – und wie ich will – und was ich will – und wann ich will. Wäre da noch wer, wäre vielleicht nicht mehr alles genau so möglich. Man müsste vielleicht auch Rücksicht nehmen. Aber das wäre ja öde. Wo bliebe da die Glücksspirale?

Auf alle Fälle oute ich mich in solchen Kreisen immer als Spassbremse und frage mich langsam: Wieso tue ich mir das überhaupt an? Wieso habe ich das Gefühl, solchen Menschen meine Meinung sagen zu wollen? Weil ich schlecht einfach auf den Mund sitzen kann, wenn sich in mir Widerspruch regt? Aber bringt es was? Das sind wohl die Tücken des Internet – man trifft auf Menschen, mit denen man im realen Leben nie könnte und liest dann Argumente, die man nicht teilt. Aus der realen Welt ist man gewohnt, Stellung zu beziehen, weil der Mensch im Diskurs wächst. Bei so divergierenden Welten ist das allerdings kein Wachsen mehr, sondern nur noch Treten an Ort – für alle Beteiligten. Schön wäre bei allem Allesistmöglich etwas mehr Toleranz für andere Weltsichten. Aber das scheint dann nicht möglich – da die eigene als die richtige Sicht gesehen wird.

Egoismus oder wenn Seelen brechen

Cosima fragt sich, wieso Menschen sich selten überlegen, was sie anderen zufügen mit ihrem Verhalten. Sie fragt sich weiter, wieso sich meist jeder selber der nächste ist und ungeachtet der Konsequenzen mit andern Menschen umspringt, grad wie es ihm passt. Menscheseelen sind verletzlich, aber wenn dann eine leidet, ist sie selber schuld, weil zu sensibel für diese Welt. Und die, welche zerbrechen an der Welt, sind die Kranken, auf denen man dann wegen ihres Krankseins rumtrampelt, während die Egoisten munter ihres Weges gehen und weiter Menschenseelen mit Füssen treten.

Ist das die Welt, die wir haben wollen? Oder spricht der Winterblues aus mir? Oder ist der Mensch – wie Hobbes schon sagte – von Natur böse und gemein? Das hätte ja schon Gott in Genesis 6.5 gesehen, als er feststellte, dass die Bosheit des Menschen gross sei. Vielleicht geht im Dezember die Welt nicht ganz unter, sondern eine Flut schwemmt alle weg – um dann mit einer neuen Arche etwas Neues entstehen zu lassen? Ob das dann besser ist? Wie man sieht, kam es nicht besser…

Oder gäbe es einen Ausweg? Wie könnte er aussehen, so dass er realisistisch ist?

Wie einer wird was einer ist

Wie werden wir zu dem, was wir sind? Durch das Leben selber? Man sagt, das Leben sei der beste Lehrer. Wenn man genau hinschaut, sind es meist die negativen Erlebnisse, die, welche weh tun, welche einen hart herausfordern, die einen auch mal auf den Boden werfen, welche einen weiter bringen. Wenn wir nämlich erst mal liegen, sehen wir zurück und schauen, wo wir gefallen sind. Wir schauen, was wir getan haben, um zu fallen, was uns passiert ist, wie wir hätten den Fall vermeiden können und was wir in Zukunft anders machen können. Das heisst nicht, dass wir dann nie mehr fallen, aber wir haben das nächste Mal ein Aha-Erlebnis beim Fallen und vielleicht sogar ein Déja-Vu-Erlebnis. Been there, done that. Let’s do it again.

Aus Fehlern soll man lernen, heisst es. Was aber, wenn man ohne einen Fehler zu machen, fiel? Was, wenn man über ein falsches Spiel des andern stolperte, über zu grosses Vertrauen von einem selber oder zu viel Glauben an das Gute im Menschen? Ist das so falsch? In der heutigen Zeit vielleicht schon. Vielleicht zu allen Zeiten. Aber ist es als Menschenart falsch, das Gute im Menschen zu sehen und daran zu glauben, dass Menschen gut und ehrlich sind? Wohl kaum. Und doch fällt man damit bisweilen auf die Nase. Und wenn man dann zurück schaut, merkt man, dass man es insgeheim schon vorher wusste. Man sieht, dass man schon lange durchschaut hatte, was eigentlich ist, doch über dieses innere Gefühl hinweg ging.

Was also hat man aus dem Leben gelernt, wenn man immer in dieselben Fallen tappt? Trotzdem viel über sich selber. Und manche Fallen lernt man mit der Zeit zu umgehen, andere schnappen öfter zu. So oder so ist das Leben ein stetiges Vorwärts, das mit jedem Schritt ein paar Erkenntnisse mehr in den Rucksack packt, so dass sich dieser immer mehr füllt. Und aufgrund dieser Erkenntnisse stellt man Weichen, schlägt man Wege ein, setzt man sich Ziele und geht den Weg, der einem gangbar erscheint. Und immer wieder gibt es Momente, in denen man denkt: so wie ich bin, bin ich gut, das Leben, das ich führe, ist ein gutes Leben. Der Weg dahin war immer genau der Weg, den man ging. Also seien wir dankbar für alle Lehren, die wir zogen, für alles, was wir mitnahmen auf unserem Weg, denn all das führte uns dahin, wo wir heute stehen.

Es wird auf dem weiteren Weg noch manche neue Lehre geben, auf manche würden wir wohl gerne verzichten, hätten den Weg gerne eben und freudig, voller Sonne und Blumen am Wegesrand. Und doch gehören auch Steine auf einen Weg, wird es auch mal Wolken geben, Gewitter gar. Sie alle machen den Weg lebendig, machen ihn zur Herausforderung und lassen uns an einen neuen Punkt gelangen, wo wir wieder sehen: es ist gut, wie es ist und ich bin genau hier, wo ich sein soll. Weil ich den Weg ging, mit allen Facetten, mit allem, was auf einen Weg gehört.