Danke

Danke,
dass du auf meinen Wegen hinter mir stehst,
sie mich gehen lässt,
auch wenn ich mal umdrehe
neu beginne,
strauchle.

Danke,
dass du immer an mich glaubst,
auch wenn ich zweifle,
und mich festhältst,
wenn ich zu fallen
drohe.

Danke,
dass du meine Wege mit mir gehst,
durch alle Irrungen
und Wirrungen,
mal hin und auch
wieder her.

Danke,
dass du mich nimmst, wie ich bin,
und mich dabei immer lässt,
der zu werden
und zu sein,
der ich bin.

Vorwärts

Als ich dachte,
es geht nicht,
war ich zu feige?
War es die Angst,
die mich zurückhielt,
oder hatte ich Gründe,
es nicht zu tun?

Als ich Gründe fand,
waren sie real?
Unumstösslich gar?
Waren es Hindernisse,
unüberwindbare,
oder einfach nur
vorgeschobene?

Als ich nachforschte,
was es war,
hätte ich umkehren können?
Müssen gar?
Oder war es schon zu spät?
Wie lange gibt es
ein Zurück?

Als ich nicht umdrehte,
handelte ich richtig?
Weil die Angst,
selbst wenn sie erkannt ist,
nicht einfach geht,
sondern bleibt,
und zermürbt?

Als ich hinterfragte,
hatte das überhaupt einen Sinn?
Oder nimmt das Leben,
wie es auch gelebt wird,
seinen Lauf,
immer vorwärts,
nie zurück?

Ich wünsche mir

Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
unbeschwert durchs Leben zu gehen,
möchte lachen,
tanzen und singen,
nur tun,
was das Herz begehrt.

Manchmal wünsche ich mir,
das Schwere würde wegfallen.
All die Pflichten,
all die Zwänge und Ketten.
Ich möchte durch Wälder streifen,
in Blumenwiesen liegen,
die Freiheit spüren,
für immer.

Manchmal wünsche ich mir,
die Welt stünde still,
es gäbe nichts,
dem ich hinterher rennen müsste.
Nichts, das eilt,
das drängt oder fordert.
Ich möchte sein,
nur einen Moment.

Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
dass die Gedanken nicht mehr drehen,
die Zweifel verschwinden,
die Fragen schweigen.
Ich möchte einfach nur
atmen und sein.

Von grossen und von kleinen Fischen

Es war einmal ein Fischteich. Neben vielen kleinen Fischen schwamm darin auch ein grosser Hecht. Die kleinen Fische bewunderten ihn, weil er so gross war. Alle buhlten um seine Gunst, jeder dachte, wenn er nur erst im Schlepptau des grossen Hechts sei, wäre er auch etwas Besonderes und nicht bloss ein kleiner Fisch.

Eines Tages schwamm Jakob, ein wunderschöner kleiner blauer Fisch durch den Teich, als der grosse Hecht ihn ansprach. „Jakob, du bist so schön blau, wie bist du so geworden?“ Jakob freut sich über die Aufmerksamkeit und sagt zum grossen Hecht: „Ich habe in einer Teichecke eine blaue Blume gefunden. Immer, wenn ich davon esse, werde ich noch blauer.“ Der grosse Hecht strahlte über alle Backen und fragte Jakob: „Kannst du mir die Blumen zeigen? Ich möchte auch so blau sein. Als Dank dafür nehme ich dich in mein Rudel auf, dann bist du auch einer von den Besonderen.“

Jakob freute sich und nahm den grossen Hecht sogleich mit in die Ecke, wo die blauen Blumen wuchsen. Gierig fing der Hecht zu essen an. Er ass und ass, bis er keinen Bissen mehr runterkriegte. Langsam wechselte seine Farbe ins Blaue. Der Hecht war glücklich und schwamm weg. Jakob rief ihm nach: „Warte auf mich, ich gehöre nun doch zu dir.“ Der Hecht drehte sich um und lachte nur: „Du kleiner Fisch? Wozu würde ich dich jetzt noch brauchen?“

Jakob war traurig. Er war wohl reingelegt worden, weil er zu gutgläubig gewesen war. Wie er so traurig in der Ecke sass, kam sein Freund Klaus angeschwommen. „Was hast du denn, Jakob?“ Jakob erzählte ihm die ganze Geschichte. Klaus schaute ihn an und fing zu lachen an. Jakob wurde böse. „Du willst mein Freund sein? Lachst mich aus, wenn ich leide?“ Klaus hörte sofort auf zu lachen, schaute etwas betreten. Dann sagte er: „Jakob, verstehst du nicht? Du brauchst den grossen Hecht gar nicht, du bist längst etwas Besonderes. Wie wäre er sonst auf dich aufmerksam geworden? Zudem hat der grosse Hecht, seit er so blau ist, keine ruhige Minute mehr, weil alle Fischer hinter ihm her sind.“

Wortlos

Ich möchte so viel sagen,
doch mir fehlen die Worte.
Ich sitze hier und ringe nach ihnen,
aber sie bleiben aus.

Ich weiss nicht,
was ich in die Worte packte,
hätte ich sie denn,
doch ich spüre,
dass da etwas ist,
das raus will,
das raus muss.

Ich drohe zu ersticken
ob all der ungesagten Worte,
ob all der verdeckten Inhalte,
die sich in mir ballen
zu Klumpen im Bauch,
zu Klössen im Hals.

Ich drohe zu ertrinken
in der Flut sich überschlagender Wogen
aus all dem Unterdrückten.
Sie schlagen mir auf den Magen,
sie überschwemmen mein Gemüt.

Ich drohe zu verbrennen,
in einem Feuer, das mich verschlingt.
Noch brodelt es in mir,
geht in Schüben durch mich.
Es wird ausbrechen,
es muss – irgendwann.

Noch sitze ich hier.
Ich habe keine Worte
und finde nichts,
das ich in sie kleiden könnte.

Nicki entdeckt die Welt

Es war ein strahlend schöner Sommertag. Am Himmel zeigte sich kein Wölkchen und die Vögel sangen fröhlich ihre Lieder. An diesem Tag kam irgendwo in den Bergen ein kleiner Murmeltierjunge auf die Welt. Seine Eltern konnten ihr Glück kaum fassen. Mit der Geburt ihres Sohnes ging ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Sie nannten ihn Nicki.

Nicki war ein aufgeweckter kleiner Kerl, der sehr neugierig alles erkunden wollte. Anfangs noch etwas tapsig auf den Beinen, wagte er sich immer mutiger weiter vor in der Murmeltierhöhle und bald schon musste die Mutter aufpassen, dass er nicht zu weit ging, denn noch wusste er nichts von den Gefahren ausserhalb der geschützten Höhle. Er wäre ihnen hilflos ausgeliefert.

Nicki vergnügte sich in der Höhle mit seinen Lieblingsspielen. Für sein Leben gerne spielte er verstecken. Es kam vor, dass er eine ganze Weile in seinem Versteck sass und darauf wartete, dass ihn seine Mutter fand. Um Nicki eine Freude zu machen, rief Mama Murmel laut nach ihm und suchte an den unmöglichsten Orten nach ihm, obwohl sie ihn längst gesehen hatte. Wenn er sich schliesslich zeigte, mussten beide lachen. Überhaupt war das Leben für Nicki voller Freude.

An einem sonnigen Morgen war es endlich soweit. Mama Murmel sagte zu Nicki: „Zieh deine Schuhe und deine Mütze an, Nicki, wir gehen Beeren pflücken. Heute siehst du zum ersten Mal die Welt da draussen vor der Höhle.“ Nicki freute sich, dass er endlich all die Dinge sehen konnte, von denen er bisher nur gehört hatte. Endlich sah er die Vögel, die ihn jeden Morgen mit ihrem wunderschönen Gesang weckten, endlich sah er die Sonne, die ab und zu einen Strahl zu ihm in die Höhle schickte.

Als Nicki fertig angezogen war, ging’s los. Nun packte Nicki doch etwas die Angst. Je näher sie zum Eingang der Höhle kamen, desto näher rückte er an seine Mutter. Er wusste nicht genau, was ihn da draussen erwartet und fühlte sich plötzlich sehr klein und hilflos. Kurz vor dem Eingang der Höhle stellte er sich auf die Zehenspitzen, streckte seinen Hals so weit er konnte nach vorne und blinzelte um die Ecke nach draussen. Was er da sah, verschlug ihm fast die Sprache. Satte grüne Wiesen lagen da, Schmetterlinge tanzten in der Luft, am Himmel flogen singend Vögel und die Sonne strahlte ihn an. Es war, als wolle ihn die Welt begrüssen. Als er das sah, wurde er mutiger, liess seine Mutter los und lief hinaus. Erst noch etwas zaghaft, dann immer ungestümer sprang er umher, tanzte zwischen den Blumen, lachte und sang. Er war glücklich. Nachdem er sich so ausgetobt hatte, lief er zu seiner Mutter, die schon mit dem Beerenpflücken begonnen hatte. Eifrig begann auch er, die schönen blauen Beeren vom Strauch zu pflücken. Seine Hilfe war aber nicht ganz so gross, der mitgebrachte Korb füllte sich kaum. Stattdessen wurde sein Bauch immer runder und die Haare um seinen Mund immer blauer.

Als die Sonne sich langsam senkte, wollte Mama Murmel nach Hause gehen. Nicki war traurig, dass er seine neue Freiheit schon wieder aufgeben sollte.

„Mama, können wir nicht noch etwas bleiben? Es ist so schön hier“, sagte Nicki. Seine Mutter antwortete: „Nein Nicki, wir müssen heim und uns ums Nachtessen kümmern. Wir kommen aber bestimmt morgen wieder her!“

Das tröstete Nicki und eigentlich war er auch recht müde von den vielen Eindrücken. Zu Hauswe kroch er sofort ins Bett und war auch gleich eingeschlafen. Er hoffte, die Welt in seine Träume mitnehmen zu können. Aber es kam anders.

Mitten in der Nacht erwachte Nicki, weil ihn etwas an den Füssen kitzelte. Als er nachschaute, was es war, sah er ein kleines rotes Tierchen auf seinem Fuss rumspazieren. Erschocken rief er nach seiner Mutter: „Mama, da krabbelt etwas über meinen Fuss!“ Schnell kam die Mama herbeigeeilt. Als die Mutter sah, was los war, meinte sie: „Hab keine Angst, das ist eine Ameise, die tut dir nichts. Ich werde mal nachschauen, woher sie kommt.“ Auf dem Weg nach draussen begegnete sie einer ganze Reihe der kleinen Tierchen. Beim Eingang angekommen sah sie die Bescherung: Eine Ameisenfamilie hatte begonnen, genau über ihrem Eingang einen Ameisenhaufen zu bauen. Schnell eilte Mama Murmel in die Höhle zurück und erzählte Papa Murmel, was sie gesehen hatte. „Was sollen wir nur machen?“ fragte sie. „Wenn wir nichts unternehmen, sind bald alle Ameisen in unserer Wohnung.“ Papa, noch ganz schlaftrunken, meinte darauf: „Lass uns unsere Freunde holen und sie fragen. Einer weiss sicher Rat!“ Glücklicherweise besass die Höhle einen Notausgang, den sie nun benutzen konnten. Sie eilten zu den Höhlen ihrer Freunde und trommelten alle zusammen. Papa Murmel erzählte ihnen vom Ameisenhaufen und den vielen Ameisen in ihrer Höhle. „Könnt ihr uns helfen, eine Lösung zu finden, dass die Ameisen nicht mehr in unsere Höhle kommen?“

Fridolin, ihr Nachbar meinte: “Wir könnten den Haufen kaputt machen, dann bauen sie ihn an einer andern Stelle wieder auf und ihr habt eure Wohnung wieder für euch.“ Das gefiel Papa Murmel nicht: „Ich möchte nicht, dass die Ameisen ihr Zuhause verlieren, denn sie haben den Haufen sicher nicht aus Absicht auf unseren Eingang gebaut. Es muss eine Lösung geben, bei der wir beide zufrieden leben können.“ Bert, Nickis Onkel, hatte eine bessere Idee: „Lasst uns Äste sammeln, soviel wir nur tragen können. Damit wollen wir den Eingang verschliessen. Die Löcher stopfen wir mit Erde. Dann kommen die Ameisen nicht mehr in eure Wohnung, können aber trotzdem ihr Zuhause behalten.“ Das fanden alle gut und so begannen sie eifrig, Äste zu sammeln. Zu Hause angekommen, packten die Frauen ihre Besen und jagten damit alle Ameisen aus der Höhle. Danach bauten die Männer aus den Ästen ein Gerüst und stopften wie geplant die Löcher mit Erde zu. Bald schon sah man nicht mehr, dass an dieser Stelle mal ein Eingang gewesen war. Als sie fertig waren, sagte Bert: „Wenn wir schon alle hier sind, können wir gleich einen neuen Eingang bauen, damit ihr nicht immer durch den Notausstieg rausklettern müsst. Wenn wir alle mit anpacken, geht das ganz flink und macht erst noch Spass!“

Gesagt getan. Schnell packten die Murmelfreunde Schaufeln und Besen. Die einen lösten Erde von der Wand, die andern fegten sie weg. Schon bald fiel ein erster Strahl der gerade aufgehenden Sonne in die Höhle. Der neue Eingang war fertig. Nun konnten sich die Murmels wieder wohlfühlen in ihrer Höhle. Es waren keine Ameisen mehr da und der neue Eingang war sogar noch schöner als der alte gewesen war. Zum Dank für ihre Hilfe lud Familie Murmel alle Freunde zum Frühstück ein. Mama Murmel holte alle Leckerbissen, die sie in der Vorratskammer finden konnte. Bald sassen alle fröhlich vereint um den Tisch und liessen sich die vielen Köstlichkeiten schmecken – unter anderem auch die Beeren, die Mama Murmel gestern mit Nicki gepflückt hatte. Nicki hatte ein ganz schlechtes Gewissen, weil er gestern so viele Beeren gegessen hatte, anstatt sie in den Korb zu tun. Dies nahm ihm aber niemand übel, denn sie konnten sich alle noch gut daran erinnern, wie sie das erste Mal Beeren pflücken waren.

Der kleine Schmetterling

Es war einmal ein kleiner Schmetterling. Fröhlich schwirrte er durch die Luft, von einer Blume zur nächsten. Er liebte seine Freiheit, liebte sein Leben. Eines Tages traf er einen Maulwurf. Die beiden kamen ins Gespräch und der Maulwurf nahm ihn mit zu seiner Familie, seinen Freunden – alles Maulwürfe. Sie lebten in Höhlen und konnten sich nicht vorstellen, dass es ein gutes Leben sei, einfach so durch die Lüfte zu schwirren. Sie rieten dem Schmetterling dringend, sein Leben zu ändern, sich ihnen anzupassen. Er solle sich doch eine Höhle suchen, sie würden ihm auch helfen. Nur so könne er ein normales Leben führen.

Der kleine Schmetterling fühlte sich plötzlich alleine. Er sah all die Maulwürfe, sah, wie sie zusammen lebten. Das Schwirren von Blume zu Blume kam ihm plötzlich falsch vor. Das schien man in dieser Welt nicht zu machen, das schien nicht normal zu sein. Normal war, wie die Maulwürfe lebten. Der Schmetterling wurde ganz betrübt. Was sollte er nur machen? Dann fasste er einen Entschluss: „Das kann ich auch! Ich will nun auch ein normales Leben führen.“

Das Glück war auf seiner Seite. Schon bald fand der Schmetterling eine Höhle, krabbelte rein, denn fliegen war nicht mehr möglich, der Eingang war zu eng. Eigentlich war es ganz angenehm, ein wenig kühl vielleicht, was aber in der Sommerhitze sogar willkommen war.

So lebte der Schmetterling in seiner Höhle, wie es die Maulwürfe auch taten. Tag für Tag krabbelte er raus und rein, beachtete die Blumen nicht mehr, verbot sich selber das Fliegen. Endlich gehörte er dazu, endlich führte er ein normales Leben. Trotzdem war er nicht glücklich. Er begriff es nicht: Er müsste doch glücklich sein, was war bloss los mit ihm? Traurig setzte er sich vor seine Höhle und schaute in die Luft. Da kam ein alter Schmetterling geflogen, sah ihn da sitzen. Er kam näher und fragte den kleinen Schmetterling, was er denn hätte. Dieser erzählte ihm die ganze Geschichte.

Der alte Schmetterling schaute ihn an und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dann sagte er: „Du bist ein Schmetterling, mein Lieber. Es ist deine Natur, durch die Lüfte und von Blume zu Blume zu fliegen. Es gibt auf dieser Welt ganz viele Maulwürfe und für die ist es normal, in Höhlen zu leben. Das wird nie dein Leben sein. Du bist anders.“

Der kleine Schmetterling schaute den weisen Alten an und wusste plötzlich, dass dieser Recht hatte. Er schüttelte seine Flügel aus, die von der langen Zeit ohne einen Flug etwas eingerostet schienen, und fing erst zögerlich, dann immer wilder zu flattern an. Schon bald erhob er sich in die Luft und flog die erste Blume an. Und plötzlich war wieder alles da: Das ganze Glück, die ganze Freude seines Lebens.

Wie viele Lügen

Wie viele Lügen töten das Vertrauen?
Wann geh’n die Steine aus, darauf zu bauen?

Was geschieht, wenn das Fass überläuft?
Wie fühlt sich’s an, wenn man ersäuft?

Und wenn man dann am Boden liegt,
gibt es was, das noch was wiegt?

Oder ist alles einfach einerlei,
Hoffnung, Glaube – ganz vorbei.

Die Einsamkeit, die übermannt,
und Trauer, wie sie nie gekannt.

Wie viele Lügen töten das Vertrauen?
Worauf kann man danach noch bauen?

 

Stinkefinger

Bin ich allein, sehne ich mich nach Gemeinschaft, bin ich unter Leuten, fehlt mir die Einsamkeit. Es ist, als ob das Leben es nie recht macht oder als ob ich im Leben nie antreffe, was ich brauche. Ist das Leben falsch? Bin ich es? Gehe ich durchs Leben und spiele Hand im Schneckenloch oder hat dieses Leben einfach ein verdammt schlechtes Timing?

Eigentlich wollte ich ja ein Buch schreiben. Einen Roman. Ich weiss wie es geht, ich weiss, was ein guter Roman ist. Aber irgendwie gelingt es nicht. Nach wenigen Seiten ist meine Geschichte fertig, sofern ich überhaupt eine finde. Und wenn ich keine finde, überlege ich mir, wie ich eine finden könnte und ob ich dazu Notizen machen müsste. Ich überlege, ob ich die Notizen in ein Notizbuch schreiben oder gleich in den Computer tippen soll. Ich beschliesse, gleich ein Notizbuch zu kaufen. Am besten kaufe ich gleich mehrere, für den Fall, dass das erste voll ist, hätte ich gleich weitere greifbar. Im Bücherregal sähen sie sicher toll aus, so in Reih und Glied nebeneinander stehend. So weit ist es aber noch nicht, da ich beschliesse, dass Computer praktischer wäre. Ich schreibe schneller am Computer, sitze meist davor und da ginge es im Gleichen. Zudem lässt sich die Schrift besser lesen.

Nur habe ich den Computer nicht immer dabei und ihn immer mitschleppen ist doch eher mühselig. Also wäre ein Notizbuch für unterwegs gut, in das ich aufkommende Gedanken schreiben könnte, sie dann zu Hause abtippen. Allerdings klingt das so unromantisch und schon gar nicht kreativ. Kreativität muss doch frei sein. Ich stelle mir die anders vor als ödes Abtippen von popeligen Notizen.

Ich sehe mich – ganz Künstler – mit einem Schal um den Hals auf meinem Holzstuhl sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt, nachdenklich. Und dann kommt die Idee und man sieht sie förmlich in meinen Augen blitzen. Ich stürze mich auf die Tasten, wühle mit einer Hand immer wieder in meiner zerzausten Frisur, um die richtigen Worten ringend, was mir noch einen kreativeren Ausdruck gibt. Und ich schreibe mein Buch. In der Vorstellung klappt das super. Und ich finde, das passt zu mir. Das bin ich, so will ich sein. Fehlt also nur noch die Idee für eine Geschichte für die Realität.

Andere wachsen im Krieg oder in einem Bergdorf auf. Sie können von Entbehrungen, Bomben oder kalten Nächten berichten. Bei mir war alles geheizt, nicht mal meine Eltern liessen sich scheiden. Sie haben meine Schriftstellerkarriere auf dem Gewissen, wenn mir nicht bald etwas einfällt, das ich schreiben könnte. Hätten sie mir eine problembeladenere Kindheit geliefert, könnte ich nun aus dem Vollen von Traumata und anderen Beschwerden schöpfen und das Publikum läge mir zu Füssen, würde sich wiedererkennen oder zumindest Mitleid haben. Wer will schon von idyllischen Familienausflügen im Sonntagskleid lesen, von heiler Welt mit zwei Elternteilen, die sich nicht mal übermässig stritten. Keine fliegenden Tassen, keine Eskapaden, keine Hungersnot oder Schläge. Einfach gähnende Langeweile. Kein Wunder habe ich keinen Fundus für Geschichten.

Und so sitze ich hier und merke, dass ich ganz schön in der Misere sitze. Nicht nur habe ich keine Geschichte zu erzählen, ich wüsste nicht mal, ob ich sie zuerst ins Notizbuch (von dem ich nun fünf Exemplare für den Fall der Fälle hier habe) oder gleich in den Computer schreiben soll. Zudem frage ich mich, wieso mir am Anfang all dieser Gedanken in den Sinn kam, dass ich weder allein noch in Gesellschaft glücklich bin, da das doch wahrlich überhaupt nichts mit meinem eigentlichen Problem zu tun hat. Und wenn ich nun so weiter nachdenke, dann hat der ganze Gedankenfluss wenig Sinn, er kam so über mich, ohne Ziel, ohne Grund, ergoss sich einfach über meine Finger in die Tastatur und steht nun da, schwarz auf weiss – mit ein paar roten und grünen Wellenlinien, mit denen mir das Programm sagen will, dass mein Deutsch nicht das sei, was es als richtig erachte.

Bräuchte ich nicht alle Finger zum tippen, würde ich dem Programm einen zeigen. Das macht man zwar nicht, aber das wäre mir gerade egal, denn ich merke, dass ich mittlerweile wütend bin ob all der nicht getroffenen Entscheidungen, ob all der Ideenlosigkeit und vor allem wegen meiner ach so doofen Kindheit, aus der sich nichts, aber auch gar nichts, und schon gar kein Roman machen lässt.

Ruhe

Ernesto war 16, als er aus Kalabrien in die Schweiz kam. Er hatte Glück und fand als Metzgergehilfe eine Stelle. Bei der Metzgerfamilie wohnte ein Mädchen in seinem Alter. Sie gefiel ihm sehr. Er ihr auch. Ernesto führte Klara zum Tanz aus, sie schlenderten durch die Lauben Berns, sassen an der Aare. Das Leben war schön. Klaras Vater war wenig begeistert von Ernesto. „Was willst du mit dem dahergelaufenen Tschingg? Der taugt doch nichts. Der bringt es nie zu etwas. Klara gehorchte ihrem Vater und hielt sich von Ernesto fern. Und sie war traurig. Das fiel allen auf. Nur nicht dem Vater, der hatte genug zu tun mit seinen Frauengeschichten und dem Spielsalon. Klara war allein. Eines Abends klopfte es an Klaras Tür, Ernesto stand davor. An diesem Abend beschlossen sie, gemeinsam weiter durchs Leben zu gehen. Und es allen zu zeigen, dass sie es zu etwas bringen konnten.

Ernesto wechselte die Stelle. Er wurde Hauswart in einem Geschäftsgebäude. Daneben arbeitete er bei verschiedenen Auftraggebern und tat, was zu tun war. Klara putzte. Sie kriegten Kinder, arbeiteten beide weiter hart. Sie sparten. Ihre Kinder sollten es gut haben und sie irgendwann auch. Tag und Nacht war Ernesto im Einsatz. Das Telefon stand kaum still, Ernesto auch nicht. Klara litt dann und wann darunter, sie war immer allein – mit den Kindern, mit sich. Ernesto versprach ihr immer: „Klara, wenn ich erst mal pensioniert bin, dann holen wir alles nach. Wir haben hart gearbeitet, wir haben gespart, wir werden es schön haben. Aber: Von nichts kommt nichts.“ Klara war besänftigt. Für den Moment. Dann kam die Einsamkeit wieder. Sie ging in die Ferien. Ging in die Stadt. Träumte von einem Restaurantbesuch zu zweit, von Urlaub als Paar, von Zeit zusammen. Und war doch allein.

Ernesto tat alles, was er konnte. Er arbeitete hart, er war rundum angesehen deswegen. Er war nicht nur der Hauswart, er war der Mann, der half, wenn irgendwo Not am Mann war – Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, alle Wochen im Jahr. Auch an Weihnachten und Silvester.

Ernesto wurde älter, die Pension rückte näher. Von seiner Firma wurde er in der Firmenbroschüre als bester Hauswart überhaupt porträtiert. Sein Einsatz hatte sich gelohnt. Er war stolz und alle um ihn auch. Nach der Pensionierung wurde es nicht gleich ruhiger. Die Nebenjobs von früher liefen noch weiter. Klara drängte auf mehr Ruhe. Sie wollte endlich, dass das Warten auf eine gemeinsame Zeit ein Ende hätte. Dann kam die Ruhe. Es war eine Frage der Zeit, wie lange sie dauert. Wobei nachher noch mehr Ruhe wäre.

Er hatte gestreut. Der Krebs. Angefangen im Darm, breitete er sich aus, nahm in Beschlag, was er kriegen konnte. Chemotherapie. Warten auf Besserung. Die nächste. Wieder warten. Und hoffen. Gewebe entzündete sich. Warten auf Besserung. Schmerzen. Trauer. Wut. Hoffnung. Tägliche Gänge ins Spital, Ambulanzen, Notrufe, Beruhigung, um gleich wieder zu überborden. Schmerzen. Unsägliche. Immer mehr. Schmerzmittel. Immer mehr. Bis sie nicht mehr nützten. Und Ernesto schien auf den Tod zu warten. Weil das Leben, das noch war, keines mehr war. Klara schwankte. Sie wollte ihn einerseits nicht gehen lassen, wusste andererseits, dass er nur noch litt und sie beide keine Kraft mehr hatten.

Und dann war alles aus. Ernesto starb. Nun war Ruhe. Nun war nichts mehr.

Minouche

Claudia stand gerade in der Küche, die Balkontüre war einen Spalt weit offen, um Luft in die Wohnung zu lassen. Nicht zu weit, damit die Katze nicht raus ging. Claudia hatte immer Angst, dass Minouche etwas passieren könnte. Sie wohnte im 5. Stock, also sehr hoch oben. Einen solchen Sturz würde keine Katze überleben. Claudia stellte sich immer vor, wie Minouche aufs Balkongeländer sprang und runterfiel. Allein die Vorstellung liess ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Jeder, dem Claudia von dieser Angst erzählte, lachte sie aus. Katzen seien klug, kriegte sie zu hören. Sie sprängen nicht einfach runter. Dass Minouche einfach spränge, wollte Claudia nicht mal behaupten (wobei sie auch dafür nicht die Hand ins Feuer legen würde), aber was, wenn sie eine Fliege jagte? Dabei vergass sie sich in der Wohnung völlig, sprang ohne Rücksicht auf Verluste (bei sich und beim Mobiliar) durch die Lüfte, ganz vertieft in ihre Jagd. Würde sie bei einer Balkonbrüstung wissen, dass es dahinter runter ging, und nicht einfach springen? Claudia glaubte nicht, dass Minouche sich von ihrer Jagd abhalten liesse. Darum durfte Minouche nicht auf den Balkon. Und jeder, der bei ihr auf den Balkon ging, musste die Tür hinter sich zuziehen, und auch sie war ständig in Habacht-Stellung, wenn die Tür mal offen war.

Plötzlich hörte Claudia ein Geräusch. Minouche hatte sich am Spalt der Balkontüre zu schaffen gemacht und war rausgekrochen. Schnell rannte Claudia hinterher. Sie kam gerade auf den Balkon, als sie sah, wie Minouche schon auf dem Balkongeländer stand und runterschaute. Claudia stockte der Atem. Sie rief nach ihrer Katze, wollte sie greifen, da sprang Minouche. Claudia schaute ihr hinterher, schaute auf die grauen Steinplatten weit unten am Boden. Sie dachte nichts mehr, sie stand nur noch da, spürte, wie sich ein grosses Loch in ihrem Bauch auftat. Dann setzte sie sich in Bewegung. Sie rannte durch die Balkontür in die Wohnung, aus der Wohnungstür hinaus. Sie rannte nicht die Treppe hinunter, sie sprang jede einzelne Treppe – immerhin sieben Stufen – auf einmal hinunter, schwang sich um die Kurve, sprang wieder, schwang sich, sprang. Neun mal sprang sie, dann war sie bei der Haustüre, riss sie auf, rannte um die Briefkästen herum.

Und sah sie liegen. Zerschmettert. Claudia kniete nieder, aus ihrem Mund kam ein halb erstickter Laut. Minouche bewegte sich nicht mehr. Tränen schossen Claudia in die Augen, sie weinte – nein heulte. Stossartig. Die Trauer übermannte sie wie eine riesige Lawine. Es gab kein Halten mehr, sie versank in dieser Trauer.

Claudia wachte auf. Sie spürte die Tränen auf ihren Wangen, hörte sich selber laute Klagelaute ausstossen. Konnte sich kaum beruhigen. Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Traum hatte. Die letzten Male hatte sie ihn mit der Vorgängerkatze von Minouche geträumt. Auch Felix war auf die Brüstung gesprungen, auch Felix war runtergefallen. Felix landete aber immer im weichen Gras und wenn Claudia runterkam, war er noch am Leben, man merkte ihm nichts an. Dieses Mal war es anders gewesen. Obwohl alles nur ein Traum gewesen war, steckte Claudia der Schreck tief in den Gliedern.

Minouche musste gehört haben, dass Claudia aufgewacht war. Laut schnurrend tappte sie über Claudia, legte sich neben sie, wie immer, wenn Claudia aufwachte.

Der junge Mann

Claudia lief durch die Bahnhofunterführung. Noch immer war alles eng, es wurde gebaut. Eigentlich seit sie denken konnte, war dieser Bahnhof ein einziges Provisorium, bei dem es jeden Morgen eine neue Überraschung war, welcher Durchgang offen, welches Gleis befahren, welcher Zug im Einsatz war. Während Claudia sich müde durch die Menschenmasse quälte, wurde sie plötzlich von hinten unsanft angerempelt. Jemand hatte mit dem Fuss gegen ihre ohnehin schwere Einkaufstüte getreten, danach ihren Arm gestreift, nun war er wenig vor ihr, murmelte ein Sorry, war schon weiter.

Ein junger Mann mit langem dunklem Bart, leicht gekraust. Die Haare irgendwo in der Mitte zwischen kurz und lang, auf der Seite nach hinten gegelt. Eine Mischung zwischen Moslem, wie man sie nun ständig in den Medien sah, und modernem Popper. Diese Mischung zog sich weiter. Er trug eine dunkelblaue, gefütterte Jacke mit Kapuze, die ein Pelzkranz zierte.

Claudia erinnerte sich, kürzlich irgendwo gelesen zu haben, dass diese falschen Pelze in Tat und Wahrheit oft echt waren, da echter Pelz günstiger sei als falscher. Bei dem Gedanken fasste sie unwillkürlich an ihre eigene Kapuze, strich mit den Fingern über den Pelzbesatz, fand, so könne sich kein echter Pelz anfühlen. Und selbst wenn: Würde es was ändern? Gekauft hätte sie die Jacke mit echtem Pelz nie, aber sie nun fortwerfen, wäre er echt? Käme auch nicht in Frage. Davon würde das Wiesel – oder was auch immer es sein könnte – auch nicht mehr fröhlich über Wiesen hüpfen. Wie sahen eigentlich Wiesel aus? Claudia hatte keine Ahnung.

Der junge Mann lief immer noch vor ihr, über die Schulter geworfen trug er eine Tasche, unter dem Arm einen Koran. Er schien es wirklich eilig zu haben, lief in Richtung der Busse. Claudia ertappte sich beim Gedanken, zu hoffen, dass er nicht in ihren Bus einstieg. Was, wenn das ein Terrorist wäre? Wenn der sich und den gesamten Bus in die Luft sprengte? Aus Protest gegen die Schweiz oder in irgendeiner Mission Allahs. Vielleicht auch nur, weil er scharf auf die Jungfrauen war. Wie viele waren es nochmals? 72? Claudia fragte sich, ob dieser Gedanke nicht sehr rassistisch war. So etwas denkt man einfach nicht, schimpfte sie mit sich. Trotzdem äugte sie ängstlich zum jungen Mann, der immer näher bei ihrem Bus war – und schliesslich einstieg.

Claudia dachte spontan daran, ob sie nicht einen Bus später heimfahren sollte. Sicher wäre sicher. Sie spürte eine innere Unruhe. Irgendwie hatte sie einfach zu viel gelesen in letzter Zeit. Überall auf der Welt gab es Tote. Busse flogen in die Luft, Cafes wurden gestürmt, Menschen entführt, Redaktionen ausgelöscht. In der Theorie hatte sie ja nichts gegen Menschen irgendeiner Religion, aber sie merkte bei sich eine schleichende Angst, die sich breit machte, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

Claudia stieg in den Bus ein. Sie setzte sich ganz nach hinten, wie immer. Der junge Mann sass weiter vorne. In dem Moment stieg ein Freund von ihm ein, sie begrüssten sich, der Zweite setzte sich neben den jungen Mann. Claudia holte ihr Buch aus der Tasche und versuchte zu lesen. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, sie schielte immer wieder nach vorne. Dann senkte sie die Augen wieder ins Buch, versuchte der Geschichte zu folgen. Als sie wieder aufschaute, war der junge Mann verschwunden. Ebenso sein Freund. Claudia schämte sich, spürte aber auch Erleichterung.

Der Mann mit den Hunden

Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick, einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.

Gnade

Als ich aus der Dusche kam, sassest du auf dem Balkon. Ich stellte mich hinter dich und blickte mit dir in den Innenhof. Solche Innenhöfe hatte ich in der Schweiz noch nie gesehen. Häuser rundherum, ganz viele Fenster auf denselben Platz hin ausgerichtet und hinter allen sassen Menschen, die dann und wann während ihres alltäglichen Lebens hindurch sahen. Was das wohl für Menschen waren? Familien? Einzelgänger? Alte Menschen, junge?

Die Häuser waren alle schon älter, dicht an dicht standen sie, jedes anders, und doch bildeten sie eine Einheit. Auch die Fenster unterschieden sich, es gab grosse, kleine, welche mit zuklappbaren Läden, andere mit Rollos. Vor einigen standen Blumen, vor anderen kleine Kompostkübel. Alle waren sie geschlossen, dunkle Scheiben, hinter denen sich das Leben abspielte. Trotzdem wirkte der Innenhof nicht verschlossen. Er wirkte weit und lebendig. Überall Bäume, Büsche, ein kleiner Weg, der sich hindurchschlängelte. Gestern waren wir ihn entlang gegangen, als wir zum Laden an der Ecke wollten. Er wirkte schon vertraut auf mich, ich hatte ihn mir erlaufen.

Ich fragte dich, worüber du nachdenkst. Über die Gnade, sagtest du. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen. Was das sei, fragte ich dich. Du sprachst von Zuwendung und Verzeihen. Gnade sei das, was das Leben lebenswert mache, indem es erträglich werde, frei von allen Zwängen und Gesetzen. Du sprachst von Gottes Gnade. Du hattest nie an ihn geglaubt, mit den Jahren hatte sich das geändert. Ich konnte dir nicht folgen, aber das hat uns nicht getrennt. Im Gegenteil. Ich stellte es mir schön vor, an eine Gnade zu glauben. An etwas, das sich wärmend um einen legt, wenn man sich verloren fühlt. Irgendwie hatte ich das bei dir gefunden. Vielleicht verstand ich es doch.

Ein Morgen in München

Ich bin soeben aufgewacht. Die Nacht war tief und ruhig gewesen, geborgen. Als ich die Augen aufschlug, brauchte ich einen Moment, um zu wissen, wo ich war. Ich schaute mich um, sah die Teppiche, Bilder, braunen Holzregale, die vielen Bücher. Ich roch den Geruch, er hatte was von Mottenkugeln, von alt, auch was Beruhigendes. So wie du. Nun wusste ich, wo ich war. Gestern angekommen, hast du mich am Bahnhof abgeholt. Wir fuhren durch viele Strassen, du bogest wild ab, redetest unentwegt, erzähltest, wo wir genau waren, was du die ganze Woche gemacht hattest, wie du dich freutest, dass ich da war, was wir machen würden dieses Wochenende. Ich war still – und glücklich, da zu sein. Bei dir. In meiner Lieblingsstadt.

Ich lauschte. Alles war ruhig. Du schliefst wohl noch. Ich lag regungslos da, wollte dich nicht wecken, wusste auch nicht, was sonst tun. Du warst mir so nah, hier war mir alles fremd. Ich fühle mich unwohl an fremden Orten. Selbst wenn die Orte mir nahen Personen gehören. Es war kalt im Raum, ich mummelte mich in meine Decke. Plötzlich standst du in der Tür, fragtest, ob ich gut geschlafen hätte, lächeltest mich an. Deine Augen, braun und warm. Der Ort fühlte sich nicht mehr fremd an, ich fühlte mich zuhause. Ob ich Frühstück wolle. „Nur Kaffee“, antwortete ich. Gewohnheitstier, das ich bin, behielt ich wenigstens hier das Vertraute bei. Fast schon entschuldigend sagtest du, dass du was essen würdest, und du präsentiertest mir stolz deinen Toaster. Eine Bratpfanne, zwei Gabeln, Toastbrot drauf. Du lächeltest mich spitzbübisch an. Ich wusste schon da, dass ich diesen Toaster nie in meinem Leben vergessen werde.