Raus aus der Opferrolle

„Heute bin ich allen bedrückenden Umständen ausgewichen, besser gesagt, ich habe mich von ihnen befreit, denn der Druck kam nicht von aussen, sondern von mir und meinen Annahmen.“ (Marc Aurel)

Wenn etwas nicht gelingt wie gewünscht. suchen wir dafür Gründe – und oft auch Schuldige. Zweitere finden wir schnell:
Die Eltern sind schuld für die eigenen Schwierigkeiten mit dem Leben und wenn dieses nicht herausgekommen ist wie gewünscht. Dem Chef schieben wir die ausgebliebene Karriere in die Schuhe und dem Exfreund, der uns schlecht behandelt hat, das mangelnde Vertrauen in folgenden Beziehungen.

Nur: So lange wir uns als Opfer von Situationen oder Menschen sehen, werden wir genau das auch bleiben: Opfer. Dabei merken wir nicht, dass wir selber es sind, die uns zu diesem Opfer machen, indem wir uns all diese Geschichten erzählen. Bei den Eltern sind wir längst ausgezogen, hätten also spätestens beim Auszug die Gelegenheit gehabt, von nun an eigene Wege zu gehen. Der Chef mag vielleicht kein Sympathieträger sein, aber ist er wirklich schuld, wenn unsere Karriere nicht läuft, wie wir uns das wünschen? Könnte es nicht auch an unserer Haltung zum Chef oder aber zur eigenen Arbeit liegen, dass wir nicht weiter kommen? Könnten wir daran etwas ändern? Und wenn nicht, wäre eine Änderung des Arbeitsumfeldes oder gar der Tätigkeit möglich? Schliesslich: Der Exfreund ist Geschichte, wieso also geben wir ihm so viel Macht über unser heutiges Leben? Wieso hadern wir noch immer mit dem, was war, anstatt nach vorne zu schauen und einem neuen Menschen eine wirkliche Chance zu geben?

Es sind selten die äusseren Umstände, welche uns leiden lassen, sondern mehrheitlich ist es unsere Haltung zu diesen: Statt auf das Leben heute zu schauen und die Dinge, die passieren, anzunehmen und zu schauen, wie wir konstruktiv damit umgehen könnten, lassen wir uns in eine Gedanken- und Gefühlsspirale ziehen, aus der nur eines resultiert: Leiden. Nur wenn wir das erkennen, haben wir die Möglichkeit, diese Spirale zu durchbrechen. Dann sind wir in der Lage auf die Dinge, wie sie sind, zu reagieren im Hier und Jetzt, statt im Aussen einen Schuldigen aus der Vergangenheit zu suchen und uns in unserer Opferrolle zu suhlen. So kann es gelingen, aus Negativspiralen auszubrechen und vom Opfer zum Steuermann des eigenen Lebens zu werden.

Nur ein Esel bleibt stehen

Wenn wir einem Menschen einen Fehler vorwerfen, haben wir dann noch im Sinn, was er vorher alles richtig gemacht hat? Müssten wir es im Sinn haben? Was zählt im Moment? Für uns wohl oft gerade das, was uns stört. Nur: Was trägt das Miteinander? Was hat uns erst zusammen geführt?

Wie oft hängen wir Menschen an einzelnen Fehlern auf, vernachlässigen aber all das, was uns durch sie Gutes widerfährt? Und wie oft denken wir, dass das Leben viel einfacher wäre, wären sie nur ein wenig anders. Oder es wäre gar wer anders da, welcher das abdeckt, was wir grad vermissen.

Nur: Wieso ist der andere dazu da, uns das zu geben, was wir brauchen? Geben wir ihm alles? Können wir das? Kann überhaupt ein Mensch einem anderen all das geben, was dieser braucht, um glücklich zu sein? Muss er es tun?

Ich gebe zu, ich würde mir wünschen, dass die Menschen um mich glücklich sind, weil ich bin, wie ich bin. Und wenn ich etwas tun kann, was sie glücklich(er) macht, tu ich das gerne. ABER: Wenn dieses Glücklichmachen zu einer Pflicht und Erwartung wird, wenn der andere denkt, ich bin dazu da, ihn glücklich zu machen, und ich den Anspruch habe, das tun zu müssen, dann wird aus dem beabsichtigten Glück ganz schnell ein Unglück. Für beide.

Kant sagte einst, dass kein Mensch Mittel zum Zweck sein darf, jeder Mensch sei Zweck. Also bin ich nicht dafür da, andere glücklich zu machen – in der Funktion wäre ich nur Mittel. Ich selber muss glücklich sein. Wenn ich nun eine Beziehung eingehe, ist es mir natürlich ein Anliegen, dass auch mein Partner glücklich ist – schliesslich liebe ich ihn. Erich Fromm sagte von der Liebe, dass sie danach strebe, den anderen als den anzunehmen, der er ist, und sich dafür zu interessieren, dass er sich seinen Anlagen, seinem Sein gemäss zum bestmöglichen Ich zu entwickeln.

Alfred Adler fand, dass das Wir das Ich und Du übersteigen müsse, dass nicht das jeweils einzelne Glück, sondern das Glück zusammen zuoberst stünde. Ich finde beide Ansätze gut, kann sie beide nachvollziehen und befürworten, vor allem auch aus einem Grund: Das Ich tritt zurück aus seiner Selbstbezogenheit, richtet sich aus an einem Du (durch das es auch zum Wir wird). Nur: Das Ich muss dabei bestehen bleiben. Es gibt kein Wir ohne ein Ich. Und keiner sieht das Du, wenn das Ich verschwindet.

Wenn also unser Partner nicht in jedem Punkt so ist, wie wir ihn gerne hätten, stellt sich die Frage: Wieso wollen wir ihn genau so haben? Weil es für uns einfacher wäre? Weil wir selber uns an etwas stören, das uns selber Probleme bereitet und auf das wir durch ihn gestossen werden? Weil wir unsere eigenen Ansprüche so sehr über die des anderen stellen, dass wir es nicht mehr schaffen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen?

Und ja, manchmal mag das Verhalten des anderen wirklich Grenzen sprengen, die wir mit allem Hinterfragen und aller Grossmut nicht mehr gutheissen können. Und vielleicht auch sollen (wer oder was hier auch immer Massstab sein mag). Wenn wir dann daran denken, was er uns alles Gutes tut, können wir vielleicht angemessener reagieren, als wenn wir ihn nur aufgrund eines für unschön befundenen Verhaltens einfach verurteilen. Und wenn wir uns zudem bewusst sind, dass auch uns durchaus das eine oder andere solche Verhalten passieren kann und wir dann für ein wenig Verständnis und den nötigen Blick aufs grosse Ganze dankbar wären, mag das durchaus helfen, sich anbahnende Konflikte im Keim zu ersticken durch eine angemessene Reaktion.

Manchmal gelingt das nicht beim ersten Schritt, man braucht einen zweiten Anlauf. Rom wurde auch nicht an einem Tag erschaffen. Beziehungen sind schliesslich und endlich Wege, die man geht. Zusammen. Und wenn man einmal auseinander driftet, braucht man Schritte. Aufeinander zu. Es kommt nicht drauf an, wer den ersten Schritt tut. Wichtig ist, dass er gemacht wird. Man stelle sich den sturen Esel vor, der durstig drauf wartet, dass der Brunnen sich ihm nähert. So möchte doch keiner sein, oder?

Ein gutes Leben leben

„Es ist nie zu spät, so zu sein, wie man es gerne gewesen wäre.“ (George Eliot)

Wenn ich am Ende meines Lebens zurückschaue: Was für ein Mensch möchte ich gewesen sein? Wie müsste ich gewesen sein, dass ich dann sagen kann: Ich war ein guter Mensch und ich habe ein gutes Leben geführt?

Wir müssen nicht so lange warten damit, der Mensch zu sein, der wir sein wollen. Wir müssen auch nicht so lange warten, anzufangen das Leben zu leben, das wir gerne leben würden. Wir können heute hinschauen und uns fragen:

Lebe ich das Leben, das ich leben möchte? Ist es ein gutes Leben, eines, das mir und meinen Werten entspricht? Bin ich der Mensch, der ich gerne sein möchte? Was könnte ich tun, um noch mehr dieser Mensch zu sein?
Wenn wir eine dieser Fragen mit nein beantworten müssen, stellt sich die Frage: Was kann ich ändern? Manches ist vielleicht im Moment unabänderlich, wenn wir aber wissen, was uns stört, können wir vielleicht an unserer Haltung etwas ändern oder aber Veränderungen planen, so dass wir heute schon die Aussicht auf eine solche haben. Bei anderen Dingen können hier und jetzt neue Wege gehen. Hier liegt es in unserer Verantwortung, so zu leben und zu sein, wie wir es gerne täten und wären.

Und irgendwann stehen wir dann am Ende unseres Lebens und können zufrieden sagen:

Das war MEIN Leben und es war ein gutes.

Nachtgedicht

Ich bin grad so müde und lege mich hin,
schliesse die Augen, das Ohr und den Sinn.
Schlafe dann ein und sehe nur schlicht,
in mir das Liebste, dein lieb’ Gesicht.

Und wenn du dann kommst, dann leg dich zu mir,
decke uns zu und denke bei dir,
wenn ich leise seufzend mich zu dir hinschieb,
dass ich dich gefühlt, weil ich dich so lieb.

©Sandra Matteotti

Lebenssinne

„Glücklich ist also ein Leben in Übereinstimmung mit der eigenen Natur.“ Seneca

Bin ich gut, wie ich bin? Müsste ich nicht ein wenig anders sein, um wirklich gut zu sein? Taugt, was ich tue, wirklich? Wäre es nicht besser, wenn es ein wenig so wäre wie das, das ich so toll finde bei anderen?

Ich ertappe mich immer wieder bei solchen Gedanken. Es sind keine schönen, keine aufbauenden, im Gegenteil, sie werfen mich immer wieder zurück. Erst in ein tiefes Tal, dann auf mich selbst. Das ist nicht per se schlecht, es ist einfach sehr anstrengend. Ob es nötig ist?

Es wäre bestimmt einfacher, mit einem unantastbaren und gross dimensionierten Ego auf der Welt zu wandeln, immer im Glauben: „Ich bin super. So quasi der Beste.“ Leider bin ich davon weit entfernt. Und ganz oft bin ich dafür auch dankbar, denn die tiefen und düsteren Momente sind mitunter die, welche mich immer wieder auch weiter brachten. Wie sagte schon Rilke:

„Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden…“

Ohne sie hätte er vieles nicht vollbracht, das so wunderbar ist. Und ja, auch mich selber brachten sie immer wieder weiter. Hätte ich sie also missen mögen? Im Moment des Daseins ja. Im Nachhinein nie. Mittlerweile weiss ich, dass sie kommen, zu mir gehören, mich weiter bringen. Als ich.

Ich könnte sie kurz vielleicht umgehen. Indem ich im Stadium des Zweifels kopieren würde, was ich da draussen in der Welt Grosses sehe. Schliesslich und endlich hadere ich in den dunklen Stunden mit meinem (so gefühlten) Kleinsein. Das mag von aussen keiner begreifen, mir vorrechnen, was alles toll und gut und erfolgreich ist und war in meinem Leben. Und ja, da lässt sich sicherlich einiges aufzählen. Im Moment sehe ich es aber nicht. Ich bin aber durchaus dankbar für die Erwähnung, da dies mir hilft, die Relationen nicht ganz zu verlieren.

Was aber wirklich klar ist: Würde ich dahin gehen, schlicht andere zu kopieren, weil sie mir gross scheinen, ich mich klein fühle, wäre ich bloss noch eine Kopie. Was sollte das bringen? Kopieren ist toll. Wenn es ein Übungsweg hin zu etwas Eigenem ist. Schlussendlich zählt aber nur eines: „Wer bin ich, was trage ich zu dieser Welt bei, was ist mein Platz hier?“ Und genau den darf ich einnehmen. Ich muss dazu nichts Besonderes sein, es reicht, wenn ich schlicht ich bin. Denn: Es braucht uns alle irgendwie. Wären alle gleich, würde ganz viel fehlen auf dieser Welt. Man kann das ganz leicht nachvollziehen, wenn man sich ausdenken muss, wie alle sein müssten. Man kann dabei praktisch jeden beliebig einsetzen – wären alle so, würde die Welt nicht weiter funktionieren. Sie lebt von der Vielfalt. Dazu tragen wir bei.

Ich werde wieder hadern, wieder an mir verzweifeln. Aber: Ich werde auch immer wieder gestärkt daraus hervor gehen. Und zurück blicken. Und an Rilke denken. Und danke sagen. Denn: Alles hat seinen Sinn. Auch das Leiden. Und zum Thema Kopie:

Oscar Wilde sagte einst:

„Sei du selbst, denn alle anderen gibt es schon.“

Statt also eine schlechte Kopie eines anderen zu sein, könnten wir daran glauben, dass wir selber ein wertvolles Original sind. Und so leben, wie es uns entspricht. Dann stellt sich auch das Glück ein.

Eigene Wege gehen

„Glaube an deine eigenen Gedanken.“ (Ralph Waldo Emerson)

Wir suchen uns oft Autoriäten im Leben, die uns dann sagen sollen, wo es lang geht. Früher hatten Religionen diese Aufgabe, heute sind es Eltern, Lehrer, Gurus, Coaches – Menschen, die sagen, dass sie wüssten, wie der Hase läuft, Menschen, die dich glauben machen, dass es dir gut geht, wenn du ihnen und ihren Anleitungen folgst.

Wir folgen gerne, denn wieso erst einen eigenen Weg trampeln, wenn uns schon jemand die Arbeit abgenommen hat und ihn uns nun zeigen kann? Wieso sollen wir uns erst selber Gedanken machen? Erstens wüssten wir nicht, ob sie richtig sind, wir würden sie also bezweifeln, zweitens steht da jemand, der siegesgewiss lächelnd den Erfolg zu garantieren scheint.

Dabei gibt es nur ein Problem: Jeder kann uns seinen Weg zeigen, nur den eigenen Weg kennt man nur selber. Er ist in einem angelegt und wartet da auf Entdeckung. Indem wir uns immer mehr nach aussen wenden, verlieren wir immer mehr das, was wir eigentlich sind und tun wollen. Wir orientieren uns an fremden Wegen, eifern Vorbildern nach, kopieren die, welche wir verehren. Dabei bleiben wir selber teilweise auf der Strecke. Niemand sagt, wir müssten den Weg alleine gehen, aber: Wenn wir einen eigenen Weg gehen wollen, dann finden wir den nur in uns selber. Andere Menschen können uns vielleicht dabei helfen, ihn zu suchen, sie können uns beim Gehen begleiten, aber nie können sie ihn uns zeigen, ihn für uns gehen, für uns entscheiden, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Das können wir nur selber tun.

Wenn wir uns also wieder einmal auf die Wegessuche machen, gilt es, die eigenen Gedanken zu erforschen. Aus ihnen können wir den Weg lesen. Danach gibt es nur noch dies: An diesen Weg glauben und ihn gehen. Zielstrebig, mit Mut, Zuversicht, Ausdauer und Vertrauen.

Glück aufbauen

Ich wollte dir ein Haus erbauen
ich riss es schliesslich ein.
Ich wollte doch so sehr vertrauen,
es sollt’ auf ewig sein.

Ich wollte mit dir Pferde stehlen,
ich ritt auf ihnen weg.
Ich kann dabei gar nicht verhehlen,
dass mich das selbst bewegt.

Ich steh mir manchmal selbst im Lichte,
und glaube nicht an dich.
Ich mach’ mir alles das zunichte,
was teuer ist für mich.

Ich habe Angst und fliehe dann,
von wo ich doch am liebsten bin.
Ich fürchte mich, dass ich nicht kann,
was eigentlich in meinem Sinn.

Ich möcht’ mit dir mein Leben teilen,
und fürchte alles, was uns trennt,
und statt dann glücklich zu verweilen,
bin ich es, der’s verbrennt.

Ich möchte dir ein Haus erbauen,
ich lass es fortan steh’n,
komm lass uns beide drauf vertrauen,
und mutig in die Zukunft seh’n.

©Sandra Matteotti

Sonnenuntergang

Am Tag, an dem das Licht ausgeht,
die Seele schlicht am Boden liegt.
Am Tag, der dir den Atem nimmt,
und Dunkelheit das Hell besiegt.
Am Tag, an dem das Herz sich leert,
der Magen sich zum Klumpen staut.
Am Tag, an dem du nicht mehr magst,
sich hoch am Himmel Unheil braut.
An diesem Tag weisst du genau,
du nimmst dein Hab und gehst dahin,
an diesem Tag spürst du den Tod
und nirgends scheint ein Neubeginn.

Lügengebilde

Ich hab mein Glück auf Sand gebaut
nun ist es arg am Wanken.
Es fehlen Pfeiler, Fundament,
und die sichern Planken.

Mit dir schien alles mir vertraut,
ich wollt dem Himmel für dich danken.
Nun fiel dein Stern vom Firmament,
mir kreisen die Gedanken.

Ich hab mal sehr an uns geglaubt,
das alles ist am Kranken.
Es fehlen Glaube und auch Halt,
weil plötzlich Zweifel ranken.

©Sandra Matteotti

Liebesmeer

Sanft eingeschlafen
weggeschwebt,
im Atem dich und
im Gefühl.

Weit weggeschwommen,
abgetaucht,
in Traumestiefen,
märchengleich.

Dich mitgenommen,
mitgeschwommen,
im Ozean des
Traumesmeers.

Azurenblau und
Petrolgrün,
mit Haut und Haar
im Wogenkleid.

Ich bin schlicht dort,
wo du auch bist,
und fühle mich da
pudelwohl.

Wir scheiden Wasser
und auch Gischt
und sind vom
gleichen Pol.

©Sandra Matteotti

Wenn nichts mehr bleibt

Ich atme aus, ich atme ein,
ich schlucke leer und tief.
Das Leben stellt mir nun das Bein,
das eben froh noch lief.

Ich sehe meine Hände an,
wo finden sie noch Halt?
Ob ich je wieder lachen kann?
Und: Bleibt die Welt nun kalt?

Ich weine leise, tränenlos,
ein Kloss in Hals und Bauch.
Der Schmerz scheint übererdengross,
mein Ich drin nur ein Hauch.

Das Blut pocht mir vom Herz zum Ohr,
es dröhnt gar fürchterlich,
Das alles kommt mir sinnlos vor,
am meisten aber ich.

©Sandra Matteotti

liebensbejahend

Ich wollte eine Brücke bauen
und igelte mich ein.
Ich wollte dir doch ganz vertrauen –
ich tat es nur zum Schein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und liess nur einen Spalt.
Nur ab und an liess ich dich rein,
doch meistens sagt’ ich: „Halt!“

Ich wollte eine Brücke bauen,
wollte mit dir sein,
in mir jedoch das grosse Grauen
vor zu grosser Pein.

Ich schloss mein Herz in Mauern ein
und mach mir’s hier bequem.
Doch bleib’ ich dabei schlicht allein,
trau ich nicht irgendwem.

Drum will ich es nun wirklich wagen,
und ich bau auf dich.
Drum möchte ich dir heute sagen:
Ja, ich traue mich!

©Sandra Matteotti

Lebenslehre

Hoch oben am Himmel
den Sternen so nah
flog ich zu den Wolken
und drüber noch gar.

Ich wähnte mich glücklich,
ich nutzte den Wind,
nur runter geht’s immer,
und manchmal geschwind.

Ich fiel aus den Wolken,
weit – talbodentief.
Ich lag in der Grube,
der Himmel hing schief.

Ich schaute nach oben
und fühlte mich klein.
Ich fühlte mich dumm auch,
wie könnt’ ich’s nicht sein?

Ich glaubte an Flügel,
an Sinn und an Zweck
ich traute dem Leben,
und lag nun im Dreck.

Am Schluss ist man schliesslich,
wie könnt’s anders sein,
am Schluss ist man schliesslich
doch immer allein.

©Sandra Matteotti

genesung

ein schleier sich hebt
und sacht offen legt
was oft noch erhofft
doch kaum mehr geglaubt

ein Lichtstrahl sich zeigt
und sachte aufsteigt
den Himmel erhellt
das Tal sanft belebt

wenn also schlicht das
was gut einmal war
dann höllentief schien
zum Himmel nun strebt

dann kommt endlich gut
was kaum mehr geglaubt
nur tief drin erhofft
die seele bewegt

dann wird endlich ganz
was bruchstück noch war,
dann wird endlich heil
was tieftraurig war

©Sandra Matteotti