10. Juni

„Nur freie Menschen sind einander wahrhaft dankbar.“ Baruch de Spinoza

Wer kennt sie nicht: Die Mutter, die ihrem Kind sagt, es solle sich bedanken. Sie sagt es im Befehlston. Das Danke des Kindes (wenn es denn kommt) klingt dementsprechend mehr nach Pflichterfüllung denn als Herzensangelegenheit. Und die Freude über einen solchen Dank ist eher klein.

Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie ist ein Geschenk. Schön, wer sie spürt und ihr Ausdruck verleihen kann.

9. Juni

„Das Undankbarste, weil Unklügste, was es gibt, ist Dank erwarten oder verlangen.“ Theodor Fontane

Hilfe, die nur darauf abzielt, als Held dazustehen und die grosse Dankbarkeit zu erwarten, ist eigentlich keine ehrliche Hilfe, sondern eine Selbstdarstellung. Zwar mag es durchaus sein, dass dem anderen dadurch trotzdem geholfen ist, aber das gute Gefühl bleibt oft bei beiden aus: Man selber weiss, dass das eigene Tun nicht von Herzen kommt, darum bringt es keine Freude. Der andere spürt dasselbe und fühlt sich in der Schuld.

Was ist die Motivation hinter meinem Tun? Wieso helfe ich anderen Menschen? Wieso bin ich für andere da? Tue ich es, weil es mir ein Anliegen ist, dass es ihnen gut geht, oder tue ich es nur, um selber besser dazustehen? Folge ich meinem Herzen oder dem Spruch „Tue Gutes und sprich darüber“?

8. Juni

„In jede hohe Freude mischt sich eine Empfindung der Dankbarkeit.“ Marie von Ebner-Eschenbach

Das Leben ist kein Ponyhof und nicht immer sind die Tage hell und heiter. Schicksalsschläge, schwierige Situationen und Lebensumstände können ganz schön auf dem Magen liegen und aufs Gemüt schlagen.

Wie schön sind dagegen die fröhlichen, beschwingten Tage. Wie gut fühlt es sich an, sich freuen zu können, zu lachen. Es sind Tage, an denen eine grosse Dankbarkeit mitschwingt, dass es sie gibt. Sie zeigen nicht nur das Leben von seiner schönen Seite und lassen dich lebendig fühlen, sie helfen auch, die anderen Tage zu tragen.

7. Juni

„Was ist vergesslicher als Dankbarkeit?“ Friedrich von Schiller

Wem wolltest du schon lange mal danke sagen, hast es aber immer vergessen? Wer war da für dich, als du jemanden brauchtest, und du hast ihm nie gesagt, wie viel dir das bedeutet hat? Wer hat dir einen Abend versüsst, einen wunderbaren Tag beschert, dir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert?

Heute wäre ein guter Tag, danke zu sagen.

6. Juni

„Wen die Dankbarkeit geniert,
Der ist übel dran;
Denke, wer dich erst geführt,
Wer für dich getan!“ Johann Wolfgang von Goethe

Warst du schon einmal in einer Situation, die dir peinlich war, in der du Hilfe benötigt und sie auch erhalten hast? Wie froh warst du um die Hilfe? Nur: Weil die Situation schon so peinlich war, wäre jede Erinnerung daran auch peinlich – und ein Danke hätte für dich die Peinlichkeit wieder geweckt. Und du dachtest, wenn du dich nun bedankst, nachdem alles vorbei ist, erinnerst du auch den anderen an deine Peinlichkeit. Und du unterliessest den Dank.

Wem war damit gedient? Keinem. Im Gegenteil. Situationen sind, wie sie sind, ab und an auch peinlich, schambehaftet, unangenehm. Hilfe ist immer ein wertvoller Dienst und in der Situation, in welcher man sie braucht, mehr als willkommen. Der Dank wird es beim Helfenden ebenso sein. Er wird nicht mehr oder weniger an deine Peinlichkeit denken, sondern sich freuen über die Wertschätzung, die du ihm durch deinen Dank zuteil werden lässt.

3. Juni

„Die Kälte der Welt rührt daher, dass wir das, was wir an Dankbarkeit empfinden, denen, denen sie gilt, nicht genugsam kundgeben.“ (Albert Schweizer)

Wann hast du das letzte Mal „Danke“ gesagt? Wenn uns jemand etwas gibt, Gesundheit wünscht, in dem Moment geholfen hat, geht ein Danke noch schneller von den Lippen. Wie oft danken wir aber den Menschen, die tagtäglich um uns sind, für uns sind, mit uns sind? Danken einfach dafür, dass sie da sind, dass sie uns gut tun, dass sie uns Gutes wünschen?

Wem könntest du heute „Danke“ sagen?

31. Mai

„Recht sehen und hören ist der erste Schritt zur Wahrheit des Lebens.“ Johann Heinrich Pestalozzi

Siehst du, was wirklich da ist, oder nur das, wovon du denkst, dass es da wäre, weil du es täglich gesehen hast und eigentlich gar nicht mehr wirklich hinschaust?

Hörst du, was wirklich gesagt wird, oder hörst du nur das, wovon du denkst, dass der andere es sagt, weil du denkst, ihn zu kennen und zu wissen, was er sagen will?

Und denkst du, dass du mit dem, was du siehst und hörst, wirklich die Welt da draussen wahrnimmst, oder nur immer deine eigene (beschränkte) Sicht derselben? Und wie wäre es wohl, wenn du den Blick und die Ohren öffnen würdest für das, was wirklich ist?

Echte Dialoge

Eine Chance zum persönlichen und gemeinsamen Wachstum

„Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. […] Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.“(Michael Ende, Momo)

Wer kennt es nicht: Wir sind in einem Gespräch, der andere spricht. Schon während seines Sprechens fallen uns tausend Entgegnungen ein und wir beginnen innerlich, die Antwort zu formulieren. Noch während er spricht. Viele Gespräche funktionieren so.

Ab und an merkt der andere, was in uns passiert und er spricht uns darauf an. Wie schnell sind wir dabei, zu versichern, doch zugehört zu haben, können sogar noch ganze Satzfetzen wiederholen. Und ja, die Worte hörten wir wohl, doch den (gemeinten, nicht interpretierten) Sinn dahinter?

Gespräche dienen der Kommunikation. Oft wird die verstanden als Informationsaustausch. Ich habe was zu sagen, der andere soll es hören. Und meist bin ich davon überzeugt, dass meine Meinung, meine Information richtig ist. Ich will den anderen davon überzeugen. Dieser aber geht mit derselben Haltung daran. Er hat seine Meinung, die hält er entgegen. Im besten Fall teilen wir eine Meinung und nicken uns wohlwollend zu.

Wie viel ist uns entgangen. Wir haben nichts über den anderen erfahren, nichts über uns selber, keine neue Sicht dazugewonnen – wir stehen noch immer am selben Punkt wie vorher, es flossen nur ein paar Worte hin und her.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr. Er erfordert aber auch mehr. Ein wirklicher Dialog bedingt, dass wir einander begegnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lassen uns auf den anderen ein als der, welcher er ist. Wir nehmen ihn ernst und wissen uns selber auch ernst genommen. Wir sind offen dafür, was er zu sagen hat, setzen ihm nicht gleich unsere Sicht entgegen. Wir sind offen für seine Botschaft, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Beide kommentieren oder werten wir nicht gleich. Wir nehmen beides wahr. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen.

„Schliesslich besteht der Zweck dieser Reden darin, dass wir miteinander kommunizieren. Es geht nicht darum, Ihnen eine Reihe von Vorstellungen aufzudrängen. Vorstellungen und Ideale verändern nie den Geist, führen nie zu einer radikalen Veränderung des Bewusstseins. Aber wenn wir zur gleichen Zeit auf der gleichen Ebene persönlich miteinander kommunizieren können, dann ist vielleicht ein Verstehen möglich, das nicht blosse Propaganda ist.“ (Jiddu Krishnamurti)

Ein wirklicher Dialog hilft, unsere doch sehr begrenzte Sicht zu erweitern. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Sicht – auf sich und auf die Welt. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert. Erst durch den anderen können wir überhaupt auch etwas über uns selber erfahren, denn: Die blindesten Flecken haben wir bei uns selber. Andere zeigen sie uns auf – weil wir durch sie uns selber besser wahrnehmen. Wir brauchen andere Menschen, ohne sie wären wir nichts, ganz sicher nicht lebensfähig.*

Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Dinge:

• die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
• Begegnung auf Augenhöhe
• die Bereitschaft, sich selber einzubringen
• Authentizität in Wort und Gefühl
• direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
• Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
• Wirkliches Zuhören
• Gegenseitiger Respekt
• Offenheit
• Verantwortung übernehmen
• Gegenseitiges Lernen
• Mitgefühl

Nur wenn sich Menschen als Menschen auf Augenhöhe begegnen, wenn sie sich ganz und so, wie sie sind, einbringen, wenn sie sich so geben, wie sie sind, statt etwas darstellen zu wollen, wenn sie auf das reagieren, was wirklich ist, statt auf vorgefertigte Muster zurückzugreifen, anderen Sichtweisen und Meinungen gegenüber offen bleiben, diese wirklich anhören und in sich hineinhören, was das mit einem selber macht, dann ist ein wirklicher Dialog möglich. Und dann wird sich etwas verändern. In allen am Dialog beteiligten. Dann lernen alle voneinander und gehen gestärkt und reicher aus dem Dialog heraus.**

„Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Aussen und Innen: das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“ (Pablo Picasso)

_____

* Die diesen Gedanken zugrunde liegende Theorie wird in einem nächsten Artikel weiter ausgebreitet, hier steht der Gedanke als nicht weiter erläutertes Axiom.

** Das Thema ist nicht spezifisch auf die Schule zugeschnitten, da es in allen Altersgruppen ein wichtiges ist. Gerade aber im Schulbetrieb erachte ich den echten Dialog als sinnvoll und für ein autonomes Lernen im Sinne einer Begleitung des Lernenden durch seinen Lehrer auf dem eigenen Weg und eine Begegnung auf Augenhöhe für unabdingbar.

Schweizers Sicht auf Österreich (2019)

Er war einmal Kanzler,
er war es nur kurz,
so hiess er ja auch,
doch das ist nun schnurz.

Er ging bald ganz schnell,
so knapp nach nur kurz,
es war nicht sehr lang,
es war schlicht nur kurz.

Was nun nur noch zählt,
ob lang oder kurz,
ist was nun denn wird;
wohl wieder nur kurz?

Ob dieses Mal lang,
oder wieder nur kurz,
man wird es wohl sehn,
es ist eigentlich schnurz.

Ein Kommen und Geh’n,
und keiner versteht’s,
man tut, was man soll,
es kommt, wie es muss.

©Sandra Matteotti

28. Mai

„Jede Minute, die wir damit verschwenden, uns um die Zukunft zu sorgen oder die Vergangenheit zu bedauern, ist eine Minute, in der wir unsere Verabredung mit mit dem Leben verpassen.“ (Thich Nhat Hanh)

Was war, war, wir können es nicht ändern. Ebensowenig wissen wir wirklich, was kommt – wir werden es sehen, wenn es eintrifft. Alles, was wir haben, ist das heute. Nur heute können wir wirklich leben, heute können wir was bewirken.

Das bedeutet nicht, dass man sich nicht an gestern erinnern darf. Ebenso kann man sich mal hinterfragen in seinem Tun von gestern, um nicht heute ähnliche Fehler wieder zu machen. Auch können wir durchaus Pläne schmieden für die Zukunft, damit wir heute wissen, in welche Richtung wir gehen wollen, um unsere Ziele auch zu erreichen.

Was aber sicher wenig bringt, ist, wenn wir uns den Kopf zermartern wegen Dingen, die schlicht ausser unserer Reichweite sind. Horrorszenarien ausmalen, was alles passieren könnte, wird uns weder davor schützen, dass es passiert, noch gibt es uns etwas an die Hand, dann angemessen zu reagieren. Alles, was wir können, ist, das Heute so zu leben, dass wir das uns Mögliche getan haben, dass es ein gutes Morgen wird.

die lebensreise

ich bin eine suchende,
die finden will
und zieht,
um ecken und
durch gänge hin.
ich bin eine suchende,
die hofft auf mehr,
und leben will,
erleben gar.

ich bin eine suchende,
die immer mal
so wieder find’t
und dann hinschaut
und neu befind’t.

ich bin eine suchende,
die oft am ziel,
doch im gefühl
noch viel mehr will.
so wie ich bin.

©Sandra Matteotti

27. Mai

„Nimm dich voll Menschenhuld der Kleinsten willig an. Auch wisse, daß dir oft der Kleinste nützen kann.“ Karl Wilhelm Ramler

Wieso kümmerst du dich um andere Menschen? Weil es dir ein Anliegen ist? Weil du hoffst, dass auch was zurück kommt? Weil du dir etwas für dich davon versprichst?

Wirkliche Anteilnahme ist nicht berechnend. Wenn ich etwas gebe, muss ich dafür nicht auch etwas kriegen. Ich bin aber überzeugt, dass der, welcher von ganzem Herzen und wirklich anteilnehmend gibt, immer genug zurück bekommt. Vielleicht nicht von dem, dem er gegeben hat, sondern durchs Leben von anderen. Und dies vielleicht gerade drum, weil sie einen als einen Menschen erkennen, der ohne auf den eigenen Profit zu achten, Anteil nimmt. Und gibt.

Und nicht zuletzt: Gutes tun tut immer auch einem selber gut. Insofern kriegt man immer sofort etwas zurück, wenn man Gutes tut.

soziale medien

gefällt dir das, was ich hier tu?
und: hast du mich auch gern?
gibst du mir ein like und
bleibst du auch mal steh’n?

scrollst du nur so durch oder
nimmst du wirklich wahr?
und wenn ich einmal schweige,
kennst du mich dann noch?

bestätigung? ein klick per maus,
und lebenssinn durch augenschein.
was zählt ist weder stil noch sein,
was zählt ist blosser schein.

wer auf sich hält,der zeigt sich stets
in allen lebenslagen, gerne nackt.
die schwächen werden retouchiert,
wen kümmert schon der mensch?

wir wollen schein und wollen prunk,
denn wer die hat, gehört dazu.
wer nicht geseh’n, den gibt es nicht,
wozu wär so ein leben gut?

©sandra matteotti

26. Mai

„Das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wenn wir unsere volle Aufmerksamkeit auf etwas richten, hat daneben nichts mehr Platz. Egal wie klein oder gross das so beachtete ist: Es ist in dem Moment alles für uns. Wenn wir uns ganz unserem Hobby hingeben, verlieren wir förmlich das Gefühl für Zeit, wir sind tief in unserem Tun versunken. Schön!
Aber: Wie oft geht es uns genau so, wenn wir ein Problem haben? Wir sehen nur noch dieses, kreisen den ganzen Tag darum, sehen all die anderen – oft auch guten – Dinge in unserem Leben kaum mehr.

Aufmerksamkeit alleine ist nicht per se gut oder schlecht, die Frage ist immer auch: Worauf richten wir sie?

25. Mai

„Es ist leicht, einen Schlafenden zu wecken, aber die Achtlosen sind so gut wie tot.“ Abu’l Madschd Madschdud Sana’i

Ist es dir auch schon passiert, dass du dich am Abend hingesetzt hast und dich gefragt, was du eigentlich an dem Tag alles gemacht hast? Wie oft laufen wir quasi im Automatenmodus durch die Welt und nehmen diese nicht wirklich wahr? Wie oft nehmen wir uns selber nicht wahr, sondern funktionieren einfach?

Manchmal muss erst etwas passieren, damit wir realisieren, wo wir im Leben eigentlich stehen und was wir durchs Leben tragen. Vielleicht könnten wir das eine oder andere vermeiden, würden wir schon vorher immer mal wieder bewusst innehalten und achtsam wahrnehmen, wie sich unser Leben anfühlt, wie wir uns in unserem Leben fühlen, wie sich unser Körper anfühlt, wie sich unsere Seele fühlt.