Kleine Poesie: Tibetteppich

Else Lasker-Schüler: Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Kleine Poesie: Im hohen Gras

Joseph Freiherr von Eichendorff: Im hohen Gras

Im hohen Gras der Knabe schlief,
Da hört‘ er´s unten singen,
Es war, als ob die Liebste rief,
Das Herz, wollt ihm zerspringen.

Und über ihm ein Netze wirrt
Der Blumen leises Schwanken,
Durch das die Seele schmachtend irrt
In lieblichen Gedanken.

So süße Zauberei ist los,
Und wunderbare Lieder
Geh´n durch der Erde Frühlingsschoß,
Die lassen ihn nicht wieder.

Kleine Poesie: Herbstbild

Frierich Hebbel: Herbstbild
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Kleine Poesie: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
(Rainer Maria Rilke: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen)

Schweigemauern

Ein liebes Wort,
Gefühl gezeigt,
fällt häufig schwer –
wie oft man schweigt.

Viel leichter gehen
Tadelworte,
Unmutsgesten,
Wutgeschrei.

Da ist man stark,
da ist man gross,
da zeigt man drauf,
und nicht sich auch.

Dort steckt die Angst,
da zögert man,
was mal gezeigt,
das sieht man dann.

Drum mauern wir
mit Stein und Sand,
und bauen höher
jede Wand.

Auf dass sie schütze,
was uns eigen,
doch der Preis
ist häufig Schweigen,

das verdammt
in Einsamkeit,
das damit nimmt
Gemeinsamkeit.

©Sandra von Siebenthal

seelenhalt

ein schleier liegt auf meiner seele
legt sich über freud und leid
nun liegt sie da in ihrer leere
und wirkt gar erdenschwer

es fehlen worte, fehlt gefühl
es fehlt der halt und wer ich bin
es weint das kind von ganz tief drin
ich fühl mich klein und ohne sinn

ich träume leis von bunten wiesen
sehne mich nach sternenmeer
ich möchte singen, möchte lachen
doch es fliessen tränen mehr

so leg ich mich dann auf den boden
schling die Arme eng um mich
als ob mich jemand ganz fest hielte
und im herzen dieser stich

eine kleine stimme flüstert
dass auch dann wenn alles fällt
die hoffnung bleibt auf neues licht
und bis dahin halt ich mich

©Sandra von Siebenthal

Herbstnebel

Unter tausend Blicken
Ohne Schutz
Die Seele nackt
Verletzlich schwer

Am Himmel dunkle
Wolken ziehen
Und unten drückt
Das kalte Grau

Durch dichten Nebel
Leer die Sicht
Such ich den Weg
Ich ahne bloss

Es ist als ob es
Nie mehr Licht
Mehr würde und
Der Abgrund nah

©Sandra von Siebenthal

Loslassen

Der Morgen dampft,
Ein Schleier liegt,
Im kühlen Frost
Ein Blatt sich wiegt.

Es neigt sich leis
Das Jahr zum End,
Wenn ich dir diese
Botschaft send.

Es war sehr gross,
Es war so viel,
Was wir erlebt,
Ganz ohne Ziel,

Nur mit dem Wunsch
Auf Glück zu zweit,
So gingen wir
Durch diese Zeit.

Wir nahmen mit,
Was sich uns bot,
Genossen sehr
Und ohne Not.

Und wenn es auch
Mal schwierig war,
Es ging uns gut,
Wir warn’s gewahr.

So lassen wir
Das Jahr nun zieh’n,
Und schau’n nach vorn,
Mit dem im Sinn:

Das Leben hält
Noch viel bereit,
Es wartet auf uns
Neue Zeit.

©Sandra von Siebenthal