Herr der eigenen Gedanken sein

„Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.“ (Marc Aurel)

Der morgendliche Blick aus dem Fenster – Wolken, grau, Regen… es macht sich schon ein bisschen die Überzeugung breit: Das wird ein übler Tag. Hat dann noch der Chef blöde Laune, beim Einkauf ist die Verkäuferin unfreundlich und der Bus fährt vor der Nase weg, ist die Sache geritzt:

Das ist ein blöder Tag.

Und dann kommst du nach Hause und setzt dich so hin und lässt den Tag Revue passieren. Und alles kommt hoch: Du ärgerst dich nochmals über die unfreundlichen Verkäuferinnen, die rücksichtslosen Buschauffeure, du haderst mit den Autofahrern, die dir den Weg absperrten, schimpfst innerlich über den Nachbarn, der ständig Streit sucht und den unsäglichen Chef mit der immer miesen Laune. Dann denkst du vielleicht zurück an den einen Lehrer, der dich auch schon das Leben schwer machte, die Eltern, die hier und da nicht waren, wie du es dir gewünscht hättest.

Und so sitzt du dann da. Zu Hause. Allein. Und ärgerst dich. All die anderen, die vermeintlich für deinen Ärger verantwortlich sind, merken davon nichts. Sie machen sich vielleicht gerade einen schönen Abend, geniessen ein Nachtessen, lassen ein Bad ein – oder ja, vielleicht treiben sie sich mit ähnlichen Gedanken rum. Nur: Was du gerade mit deinem Abend machst, dafür ist nur einer verantwortlich:

Du selber!

Du ärgerst dich über das, was war, du holst es zurück, du belastest deinen Abend damit. Alle anderen haben davon wohl keine Ahnung. Sie haben dir vielleicht für dein Empfinden einen Moment versaut, aber du gibst ihnen die Macht, den Rest des Tages noch mit zu versauen. Weil du es nicht nur zulässt, sondern weil du es aktiv heraufbeschwörst.

Du kannst oft nicht bestimmen, was dir über den Tag hinweg alles passiert. Was du aber in der Hand hast, ist, wie viel Platz du dem einräumst. Und wie lange du es für dich selber weiter trägst. Ab und an hilft es, anzuerkennen, dass es nicht optimal gelaufen ist, dass es aber vorbei ist. Wenn man es dann loslässt, gehört der Rest des Tages einer Person: Dir selber. Und du kannst diesen nun für dich geniessen. Kein anderer funkt mehr rein. Wenn du ihn nicht lässt in deinen Gedanken.

Wenn du also wieder mal zu Hause sitzt und denkst, wer dir alles den Tag vermiest, frage dich: Wer tut es aktuell wirklich? Bin ich es nicht vielleicht selber? Will ich das? Vor allem auch: Bringt es was? Ab und an kann man sich vielleicht überlegen, wie man künftig ähnliche Situationen vermeiden könnte. Aber auch da hilft Ärger wenig. In der Entspannung finden sich meist die besten Ideen.

Das Leben in die Hände nehmen

“ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Reinhold Niebuhr)

Es gab in meinem Leben leider viele Momente, in denen ich dachte, dem, was grad passiert, einfach hilflos ausgeliefert zu sein. Ich fühlte mich ohnmächtig (es lag nicht in meiner Macht, etwas zu ändern), hilflos (ich wusste mir nicht zu helfen und fand auch im Aussen keine Hilfe) und vor allem sehr verletzlich (die Welt schaut auf mich und urteilt….).

Und ja, es ist so: Es gab viele Situationen, in denen das Gefühl nicht falsch war: Ich konnte die Dinge nicht ändern. Dabei wollte ich es so gerne. Ich studierte ganze Nächte, suchte tagsüber nach Wegen und Möglichkeiten. Am Schluss… blieb alles, wie es war. Und dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit, hatte sich eingebrannt.

Wie oft greifen wir genau auf das Gefühl zurück, wenn wir vor Schwierigkeiten stehen? Denken: Ach, das bringt ja eh nichts, es gelingt ja nicht.

Es ist eine Tatsache, dass wir nicht alles im Leben in der Hand haben. Ganz viel entzieht sich unserer Kontrolle, beruht auf Zufällen oder ist von etwas abhängig, das ausserhalb unserer Macht liegt. Wenn wir uns nun über diese Dinge aufregen und uns daran aufreiben, passiert nur eines: Wir ärgern uns, ändern aber nichts am Grund für den Ärger. Die Dinge nehmen ihren Lauf.


Es gibt aber durchaus Dinge, die wir selber in der Hand haben. Da dann einfach abwartend zu sitzen und zu hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, wäre mehr als schade. Wir könnten da selber Hand anlegen, nur: Dinge zu verändern ist nicht immer nur einfach, Gewohnheiten wiegen mitunter schwer. Sind sie doch erstens erprobt und oft auch bequem. Und doch: Es wäre schade, es nicht zu tun, da wir damit das Steuer unseres Lebens aus der Hand geben und auf etwas verzichten, das wir insgeheim (wir würden uns sonst nicht ärgern) wollen.

Schubladendenken

„Gelassenheit können nur jene erreichen, die ein unerschütterliches und klares Urteilsvermögen haben – der Rest hadert ständig mit seinen Entscheidungen schwankt hin und her zwischen Ablehnung und Akzeptanz.“ (Seneca)

Schon bei kleinen Fragen kann ich mich aufhängen: Markiere ich in Büchern nun mit Bleistift oder mit Leuchtstift? Waren andere klar gegen Markierungen oder aber verwendeten, was grad da ist, konnte ich mich Tage und Wochen mit der Frage aufhalten, was dem Buch angemessener wäre – die Frage nach meinem Nutzen aus der Markierung und welche diesem besser dienen würde, kam erst später – so weit kam ich eigentlich selten.

Ich wollte genügen. Dem landläufigen Usus folgend, wie man mit Büchern umgeht, gewissen ästhetischen Prinzipien, wie das Buch nach meinem Lese- und Arbeitsvorgang (und ja, Bücher und Lesen war und ist immer noch teilweise mein Beruf) aussehen sollte. Dies nur ein Beispiel.

Ich bin, um es gelinde auszudrücken, nicht immer sehr entscheidungsfreudig gewesen. Ich konnte sogar bei den banalsten Fragen hin und her überlegen, Argumente wälzen und zu keinem Schluss kommen. Bei den schwierigen Fragen war es umso schlimmer. Schlussendlich wollte ich die richtige Entscheidung treffen.

Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, zeigt sich meist sowieso erst hinterher. Oft kann man im Vorfeld noch so viele Argumente hin und her wälzen, sie sind schlussendlich selten ausschlaggebend, denn: Man weiss tief drin eigentlich sehr genau, was man will und was passt – eine innere Stimme, ein Bauchgefühl. Nur: es ist so ungesichert, worauf will man sich berufen, wenn man sich später rechtfertigen will? Die Ratio erschien mir da oft der sicherere Weg. Das kann ich, das hat Hand und Fuss, das hat Argumente, die ich dem anderen auftischen kann. Und doch fühlt es sich oft so mühsam an. Und wie oft sagte ich im Nachhinein: „Hätte ich nur auf meine innere Stimme gehört.“

Was noch dazu kommt: Würden wir drauf hören, hätten wir eine Entscheidung, die unserem Fühlen und Sein entspräche, und damit auch wieder Ruhe. Dieses andauernde Wälzen von Argumenten, dieses Hin und Her im Geist, bringt meist vor allem eines mit sich: Unruhe.

Wenn also wieder einmal eine Entscheidung ansteht: Eigentlich kenne ich meine Antwort. Wenn ich ihr nicht traue, hilft es, eine Münze zu werfen. Wenn sie fällt, weiss ich, wie ich mich fühle. Bin ich enttäuscht, ist diese Entscheidung nicht die, welche ich mir wünsche. Bin ich zufrieden, sollte ich den Weg ausprobieren.

Ich sage nicht (NIE!!), dass man den Kopf einfach ausschalten soll. Nur: Wenn es um Entscheidungen geht, die zu einem persönlich stimmigen Weg führen sollen, sollte man den Bauch nicht ignorieren. Das heisst nicht, dass der Weg immer einfach, toll, gewinnbringend und erfolgreich ist. Aber: Es war zumindest der eigene Weg. Jeder andere kann genauso misslingen. Und dann habe ich doppelt verloren. Ich habe mich, meine Bedürfnisse und Wünsche aufgegeben, um in eine Schublade zu passen – und sie schloss immer noch nicht…

Wir werden nie in jede Schublade passen, wir sollten aber immer im Auge behalten, was in unsere passt.

Geduld ist eine Zier…

„Du musst dich (im Leben) wie bei einem Gastmahl benehmen. Es wird etwas herumgereicht, und du kommst an die Reihe.“ (Epiktet)

Jeder kennt sie wohl, die unliebsamen Zeitgenossen, die sich überall vordrängeln wollen, die sich bei einem Essensbuffet an dir vorbei zwängen, nur um der erste beim Fleisch zu sein. Während ich mich hier – vor allem aus Gründen des Anstands – zurückhalte, gibt es durchaus Situationen, in denen ich ungern geduldig warte, bis die Zeit reif und ich am Zug bin.

Ich war schon immer ein eher ungeduldiger Mensch. Vor allem wenn es darum ging, etwas zu lernen, hätte ich es lieber bereits gestern gekonnt, als mich erst mühsam dahin zu begeben. Auch ersehnte Ferien oder gewünschte Dinge hätte ich lieber sofort, als noch lange drauf warten zu müssen. Wenn der Entscheid, etwas zu wollen, mal gefällt war, dann gab es keinen Grund für einen Aufschub, ausser, dass die Zeit sich nicht an meine Wunschvorstellungen hielt.

Ich muss allerdings gestehen: Die Vergangenheitsform stimmt nicht immer – allerdings mit fortschreitendem Alter mehr. Denn: Wie ich es auch drehte und wendete, vieles liess sich nicht beschleunigen. Die Ferien kamen erst zu einem bestimmten Datum und um «Für Elise» auf dem Klavier zu spielen, brauchte ich erst gewisse Grundlagen.

Wir können den Lauf des Lebens nicht beschleunigen, da gewisse Dinge ihre Zeit brauchen. Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Was wir aber beeinflussen können, ist unsere Haltung. Die Ferien mögen wunderbar klingen, aber auch jetzt gibt es schöne Momente, die wir vielleicht verpassen, wenn wir nur immer sehnsüchtig auf die Ferien schielen. Es wäre auch toll, jetzt schon ein anspruchsvolles Lied spielen zu können, aber es gibt durchaus auch einfachere, die wunderbar sind. Und mit einem neuen Paar Hosen wird das Leben auch nicht schöner, vor allem nicht, wenn wir noch viele haben, die wir heute anziehen und damit einen schönen Tag verleben könnten.

Manchmal hilft es, auch im Leben nicht der sein zu wollen, der sich vordrängeln will, sondern im Wissen darauf, das alles seine Zeit hat und kommen wird, wenn es denn sein soll.

Der Weg zum besseren Selbst

„Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zutage kommt, wenn sein Schicksal anfängt, ihm über den Kopf zu wachsen.“ (Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)

Nietzsche prägte einst den Spruch, dass uns das, was uns nicht umbringt, stärker mache. Ich kam im Leben oft an Punkte, wo ich dachte, dass ich nicht mehr kann, nicht mehr mag, dass ein Punkt erreicht sei, an dem es nicht weiter geht. Doch: Es gab keine Alternative. Irgendwie. Und ja, es ging weiter. Ich bin wohl nicht an allem gewachsen, ich bin bei weitem nicht für alles dankbar, und doch haben mich all die Situationen eines gelernt:

Ich kann mehr, als ich mir zutraue.

Wir wachsen an unseren Herausforderungen. Ich hätte auf so einiges in meinem Leben gerne verzichtet. Und doch hat es mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich bin noch immer ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit Höhen und Tiefen, mit Fähigkeiten und Schwächen. Ich höre oft, wenn ich etwas schreibe:

So einfach ist das nicht!

Oder aber man denkt, dass ich alles, worüber ich schreibe, gross überwunden hätte und nun wie im Märchen selig bis zum Lebensende lebe. Weit gefehlt. Ich habe lange geforscht, viel gelesen, pflege eine langjährige Praxis der Einkehr und Innenschau auf unterschiedlichen Pfaden. Ich habe dadurch einiges erkennt, vieles ergründet, manches auch durchschaut. Aber die Überwindung braucht Zeit, sie braucht Praxis. Es ist ein Weg. Und dieser beginnt mit dem Erkennen. Das ist aber erst der erste Schritt.

Der goldene Käfig

Du fragtest mich, wie es mir geht,
was war dein Wunsch, was war das Ziel?
Du sagtest mir, dir geht es gut,
war das real, war das nur Spiel?

Was ist gemeint, was nur gesagt?
Wo liegt das Herz, wo nur Benimm?
Was ist noch echt, was darf so sein,
wo ist die Box, wo muss ich rein?

Wo Menschen sind, da gibt es Regeln,
nur manche töten schlicht das Sein.
Was wirklich gilt, das ist Gebot,
was man nicht will, sagt das Verbot.

So laufen wir in strammen Rastern,
geh’n im Schritt, sind gar genehm.
Und wo’s nicht passt, da greifen Strafen,
gesetzlich klar, privat bequem.

Man lässt so durch, was einem passt,
der Rest, der ist gar liederlich,
man nimmt so hin, was ganz entspricht,
den Rest verstösst man, weg damit.

Wir leben so in einer Box,
Die jemand anders definiert,
wir woll’n gefallen, dies die Krux,
es sind wir selber, die verlier’n.

©Sandra Matteotti

Sein eigener Steuermann sein

„Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
erkennen; denn er mißt nach eignem Maß
sich bald zu klein und leider oft zu groß.
Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
das Leben lehret jeden, was er sei.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Wie oft stossen wir im Leben immer wieder auf gleiche Situationen und oft wissen wir nicht, wie es kommen konnte. Wieso streiten wir immer wieder – auch mit unterschiedlichen Menschen – über gleiche Themen? Wieso fühlen wir uns unverstanden? Wieso fühlen wir uns in gewissen Umgebungen unwohl und wollen gewisse Dinge einfach nicht gelingen? Ein grosser Teil liegt wohl daran, dass wir unseren eigenen Anteil daran nicht erkennen. Wir sind für unsere eigenen Muster und Eigenheiten oft betriebsblind, gehen nach altbewährten und lange eingefahrenen Mustern durchs Leben, ohne bewusst hinzusehen, was wir da tun. Teilweise können wir es nicht sehen, teilweise wollen wir auch nicht, denn: Wer gräbt schon gerne im eigenen Sumpf? Man könnte drin versinken.

Oft brauchen wir einen Spiegel von aussen, um uns wirklich zu sehen. Wir erhalten ihn durch Beziehungen. Wenn diese immer wieder an ähnlichen Stellen schwierig werden, können wir irgendwann die Augen nicht mehr davor verschliessen, was abläuft. Und: Es wird uns auch bewusst, dass es nicht einfach abläuft, sondern dass wir aktiv daran beteiligt sind. Nicht willentlich vielleicht, aber doch agierend.

Wenn wir wirklich hinschauen, wahrnehmen was passiert, erkennen, was wir dazu beitragen, dann haben wir die Chance, etwas zu ändern. Dann können wir das Steuer selber in die Hand nehmen und uns so verhalten, wie wir es wirklich wollen. Wir sind nicht nur die Marionetten unserer Prägungen und Muster aus der Vergangenheit, sondern frei(er) agierende Menschen, die aufgrund ihrer Überzeugungen und Werte handeln.


Es liegt dabei auf der Hand, dass dies nicht alles von einem Tag auf den anderen klappen wird, was sich lange eingebrannt hat, braucht auch Zeit, wieder zu verschwinden. Aber: Je früher wir damit anfangen, desto besser sind die Chancen, dass es gelingt.

Der Liebe geschuldet

Liebst du mich?
Das frag ich mich,
und gäbe viel,
dass du es tust.

Bin ich so gut?
Müsst’ ich was tun?
Was willst du denn,
wo reich ich nicht?

Ein Wort von dir,
ein Blick danach,
schon fühl ich mich
in meiner Pflicht.

Es wög wohl schwer,
wär ich noch mehr,
doch das, was ist,
scheint schlicht mir Mist.

Ich würde gern
in Normen passen,
wäre gern so
ein Gewinn.

Ich würde gern
die Welt bespassen,
bin doch aber
manchmal ernst.

Ich wär so gern der,
den man mag,
doch bleib ich schliesslich
doch nur ich.

Ich würd so vieles
tun für dich, doch
bleiben muss ich
letztlich ich.

©Sandra Matteotti

Bett aus Rosen

Wie eine Rose
aus Knospen erblüht,
die Liebe so zärtlich,
sie hat mich berührt.

In zart rosa Farben,
mit Engelsmusik,
das Leben als Traum fast,
versprach ach so viel.

Ein Fels in der Brandung,
ein Netz vor dem Fall,
ein Herz voller Tiefe,
ich gab mich ihm hin.

Ich fühlt’ mich geborgen,
ich fühlt’ mich zuhaus…
doch dann wankt der Boden,
es flutet das Meer.

Erst fehlt nur der Halt, doch
dann fehlt noch mehr.
Da ist nirgends Wärme,
es ist nur noch kalt.

Ich stehe am Abgrund,
ich blicke hinab.
Ich sehe ins Dunkel,
es ist wie ein Bett.

Es ruft mich leis zu sich,
es wirkt sanft und still,
es wirkt wie ein Heim mir,
es scheint, was ich will.

©Sandra Matteotti

Wolkenbruch

Bedrohlich erst, noch sehr subtil,
brach es dann aus, so voll und ganz,
in Strömen kamen, Wellen gleich,
in Flüssen strömten, Wogen reich.

So über mich, in vollen Zügen,
unter mir, ganz weggefegt,
kein Boden mehr, wie Scheine trügen,
kein Himmel mehr, die Sicht belegt.

Ich sitze hier, ich bin allein,
ich fühle mich, gar hilflos klein,
ich sitze hier, ich weiss nicht aus,
und ein schon gar, wo könnt es sein?

So heimatlos und eingeklemmt,
in käfiggleichen Stabstrukturen,
seh ich kaum Welt, krieg ich kaum Luft,
und sehne mich nur nach dem Du.

Ich merk sogleich, es wird nicht sein,
ich bin hier schlicht so ganz allein,
es gibt nur eins, das mir noch bleibt,
ich nehm den Strom, ich geb mich rein.

©Sandra Matteotti

Auf Selbst-Vertrauen bauen

„Man wirft den Menschen immer vor, daß sie ihre Mängel nicht erkennen. Noch weniger aber kennen sie ihre Stärken. Sie sind wie das Erdreich. In vielen Grundstücken sind Schätze verborgen, aber der Besitzer weiß nichts von ihnen.“ (Jonathan Swift)

Kennst du das auch, dass die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten, oder etwas Herausforderndes ansteht und du dir dann sagst:

„Ich bin nicht gut genug.“, „Das schaffe ich nie!“, „Ich mache zu viele Fehler!“

Wie oft werfen wir uns vor, was wir nicht können? Wie oft glauben wir nicht an uns? Wie oft hadern wir mit unseren Schwächen und fürchten, nicht gut genug zu sein – für den Partner, für die Arbeitswelt, für die Schule, am schlimmsten: Für uns selber?

Wie oft aber kommt es vor, dass wir vor den Spiegel stehen und finden

„Ich bin gut.“, „Ich gefalle mir!“, „Wenn ich es will, schaffe ich es.“?

Wenn etwas gut geht, haben wir sicher schnell Freude, betrachten es aber sehr schnell auch als Normalfall, als selbstverständlich. Nur: Wir haben etwas dafür getan, dass die Dinge gut laufen. Wir haben in unsere Beziehung, in unsere Ausbildung, in unser eigenes Sein investiert, uns eingesetzt dafür, dass es eben gut läuft in dem Sinne, wie wir es uns wünschen.

Schlussendlich ist es doch so: Niemand kann alles, doch jeder hat seine Talente und Fähigkeiten. Statt also ständig auf dem rumzureiten, was (vermeintlich?) nicht geht, wäre es viel sinnvoller, sich vor Augen zu führen, was man alles kann und das dann auch zu leben. Aus dieser inneren Haltung sich selber gegenüber könnte eine Kraft wachsen, die zu einem positiveren Selbstbild führt, zu einem, das auf Vertrauen in die eigenen Kräfte, aber auch auf Vertrauen ins eigene Sein baut. Aus diesem Vertrauen wiederum kann Mut entstehen. Wenn wieder einmal etwas ansteht, könnte der erste Gedanke nicht sein „Ach, das schaffe ich sowieso nicht!“, sondern: Das probiere ich einfach mal aus! Und wenn es gelingt, ist super, wenn nicht, habe ich es versucht.

Es ist schon so: Nicht alles im Leben wird gelingen. Was gelingen kann, kann auch ebenso misslingen. Nur: Mit einem Misslingen ist noch nicht alles verloren. Es war ein Weg, der nicht zum gewünschten Ziel führte, aber es gibt noch viele weitere Wege, die zu gehen wunderbar und zielführend sein können. Und manchmal ändern sich auch die Ziele oder früher angestrebte erweisen sich als gar nicht wirklich wünschenswert. Das alles aber erfährt man erst, wenn man den Mut hatte, etwas auszuprobieren, eigene Träume zu verwirklichen, im Vertrauen darauf, dass man auch, wenn es nicht gelingt, ein guter Mensch ist und genug. Einfach nur, weil man ist, wer man ist.

Dichterstubengedicht

Der Mann, der schaut fern,
der Hund nagt grad hart,
nur ich sitze hier,
und kämpf Wort um Wort

so durch das Gedicht,
mein Fuss scharrt im Takt,
ergreift dann den Reim –
ist das wohl schon Sport?

Ich ring um Gefühl,
und kämpf mit dem Stil,
ich tanz mit den Vers,
und schweif auch mal ab.

Ich fliesse im Fluss
von dem, was grad kommt,
und gebe mich hin,
nur so bringt es Sinn

ins Sein dieses Tuns,
nur so ist es das,
was aus mir raus muss,
weil’s leben schlicht will.

©Sandra Matteotti

endlich ankommen

ich bin manchmal schwer,
und oft ist’s nicht leicht.

ich leide dann sehr,
der boden durchweicht

von tränen und meer,
ganz tief, selten seicht,

ich wollte nichts mehr,
und nichts scheint erreicht.

ich mach’s mir oft schwer,
und dir selten leicht,

bemühst dich dann sehr,
doch alle müh weicht

dem uferlosmeer,
das keiner erreicht.

es geht kaum mehr mehr,
hast mich schon erreicht,

es fällt mir nur schwer,
und zu selten leicht,

dass, was schon da sehr,
nicht einbildung weicht,

die tiefdunkles meer,
real mehr als seicht,

stets tief beschwört mehr,
statt hafen erreicht.

©Sandra Matteotti

Ein gutes Leben – trotzdem, nicht weil

Heute Morgen stand ich vor dem Spiegel, schaute mich an und dachte plötzlich: Es geht mir gut. Eigentlich geht es mir wirklich gut. Schnell kam der Gedanke auf, dass dies nicht immer so war, ich dachte an viele schwierige Zeiten in meinem Leben, Zeiten, die mich heraus- und auch ab und an überfordert haben. Im gleichen Moment kam aber auch der Gedanke auf, dass selbst da, in diesen Zeiten, vieles auch gut war. In mir ratterte auch gleich eine Liste runter, was das alles gewesen ist. War mein Leben damals also gut oder nicht?

Meist denken wir dann, dass es uns gut geht, unser Leben ein gutes ist, wenn die Dinge so sind, wie wir sie uns wünschen. Wir haben ein gutes Leben, weil ist, was ist. Das als gutes definierte Leben hängt also von Gründen ab. Als Grund wiederum gilt das, was mit unseren Hoffnungen, Erwartungen, Wünschen übereinstimmt. Nur: Was passiert, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das wünschen? Was, wenn wir gerne dünner, reicher, klüger wären, einen Mann hätten, einen loswürden, eine Prüfung bestünden? Wäre das Leben dann gut? Und was, wenn nicht? Ist es dann nicht gut?

Es gab einige Zeiten in meinem Leben, die schwer waren. Chronische Krankheiten, der Tod meines Vaters, unglückliche Beziehungen, die Schwierigkeiten als Alleinerziehende mit verschiedenen Hindernissen, die mir deswegen in den Weg gelegt wurden. Und doch: Wenn ich zurück schaue, gab es in all diesen Phasen auch immer gute Momente, gab es in diesen Zeiten auch immer Glück und Lachen und Freude. Und auch im Nachhinein kann ich sagen: Ich hatte in meinem Leben ganz viel Glück – trotzdem. Nicht weil. Es musste dazu nichts anders sein oder besser sein als es war, es konnte alles so bleiben (natürlich wünschte ich mir das alles nicht, aber ich konnte es nicht ändern in dem Moment), und doch: Ich hatte ein gutes Leben. Weil da auch noch mehr war. Und weil ich tief drin einen Sinn sah in diesem Leben, in meinem Leben.

Ich hatte Dinge, die mich erfüllten, hatte Menschen, die mich liebten und die ich liebte. Ich hatte Hoffnungen, Ziele, Träume, denen ich mich hingeben konnte, die mir Sinn ins Leben brachten, die mein Leben nicht zu einem sinnlosen weil leeren Leben werden liessen. Einer, der die Wichtigkeit von Sinn in seiner Theorie und Therapie immer wieder betont (und es auch in seinem eigenen Leben erfahren hat), ist Viktor Frankl. Er ist der festen Überzeugung, dass jeder Mensch in der je eigenen Situation nach Sinn sucht. Findet er diesen nicht, sucht er Ablenkungen und Kompensationen, gibt sich Bedürfnissen hin, welche von der Konsumgesellschaft als notwenig hingestellt werden, dabei erst von dieser produziert wurden. Es sind keine lebenstragenden Bedürfnisse, was vor allem daran sichtbar wird, dass selbst mit jeder Erfüllung eines aktuellen materiellen Bedürfnisses oft eine innere Leere, ein (wie Viktor Frankl es nennt) Existenz-Vakuum bleibt.

Das Leben per se hat keinen Sinn in sich. Es gibt auch keinen Sinn, der jedem übergestülpt werden und damit sein Leben zu einem erfüllten machen kann. Sinn ist individuell. Sinn ist situations- und menschenabhängig. Was gemeinsam ist, ist die Ausrichtung insofern, als sie sich auf ein Ding/Tun oder aber die Liebe zu einem Menschen bezieht. So stellt sich also immer wieder die Frage: Was gibt meinem Leben Sinn? Was fesselt mich so sehr, dass ich mich und die Zeit vergesse und eintauche? Was gibt mir so viel, dass ich es tun will und in diesem Tun ganz bei mir bin, dabei aber doch selbstvergessen? Gibt es einen Menschen, für den es sich zu leben lohnt? Wem bedeutet es etwas, dass ich auf dieser Welt bin? Nur schon das ist ein Sinn, weiter zu leben.

Es mag sein, dass nun ein „ja, aber…“ auftaucht. Was bringt mir dieser Sinn wirklich? Die wirkliche Frage ist aber wohl: Was fehlt, wenn er fehlt? In meinen Augen die Grundlage für ein erfülltes Leben, da dieses Leben immer nur auf kurzzeitigen Gründen, nicht aber auf einem stabilen Fundament gründet, welches aus einem selber und nicht von aussen begründet ist. Nur wenn ich meinem Leben aus meinem Sein heraus, aus meinem So-Sein heraus, Sinn verleihe, kann ich dieses Leben auch aus mir heraus leben und damit glücklich sein. Auch wenn die Zeiten mal schwer sind. Auch wenn die Dinge nicht immer ganz so liegen, wie ich sie gerne hätte. Denn: Mein Leben hat trotzdem einen Sinn. Wie sagte schon Nietzsche:

„Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.“