Kleine Deutung – Paul Fleming: An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

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Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Katers Annäherung

Am ersten Tag war er noch scheu,

am zweiten schnuppert’ er, was neu.

Am dritten kam er zu mir hin,

am vierten wollt‘ er wieder fliehn.

Am fünften hoffte ich nun sehr,

er käm’ am sechsten wieder her.

Am siebten war er wirklich da,

am achten war es langsam klar.

Am neunten folgt‘ er stetig mir,

am zehnten Tag warn wir ein Wir.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutung – Mascha Kaléko: Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer, oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür. 
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!*

Doch: Das alles ist vorbei. Zum Lachen sei das. Mit Ausrufezeichen. Und schon beim Lesen werden die Worte Lügen gestraft. Zum Weinen ist es wohl, weil es nicht mehr ist. Es ist wohl also ein Lachen, das im Halse stecken bleibt, ein sarkastisches Lachen, ein leicht verzweifeltes Lachen. Und auf das Lachen folgen die Fragen nach dem Warum. Wieso ging das, was mal so schön war, auseinander? An wem lag’s? War’s schlicht der Lauf der Zeit?

Und dann versiegt das kurze Fragen und Hadern, die Sehnsucht drückt wieder durch. Wie gerne würde man all das nochmals erleben, wie gerne würde man wieder lieben. Und mit der Sehnsucht kommt die Einsicht: Das wird nie mehr sein.

Trotz des eigentlich traurigen Themas wohnt dem Gedicht etwas Versöhnliches, gar Tröstliches inne. Die Dankbarkeit über das Schöne, das Erinnern an das Gute bringt dies mit sich. Und in diesen Erinnerungen und in der Dankbarkeit lebt das Gute auch weiter. Wer weiss: Hätte man vielleicht früher schon, bei Streit, wenn das Schwere überwog, an die schönen Anfänge und das Gute und Schöne gedacht, wäre es gar nicht zum Ende gekommen, weil im Innern etwas Versöhnliches aufgetaucht wäre? So bleiben nur das «Gewesen!» und das sehnsüchtige Erinnern.

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* zitiert nach „Das lyrische Stenogrammheft“. Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Mein eigener Steuermann

Ich warf einen Stein und
dieser zog Kreise,
fast so wie im Leben
die Jahre hinzieh’n.

Vom Kleinen zum Grossen,
von mir zu euch andern,
so wächst sich das Leben
von innen heraus.

Doch wir schau’n nach aussen
und fühlen verloren
uns selber und mit uns
die Welt um uns auch.

Der Halt, den wir suchen,
und den wir verfluchen
so manches Mal, wenn er
gar starr und steif wirkt,

den brauchen wir oft doch,
selbst wenn wir nicht wollen,
denn ohne ein Halten,
da treiben wir fort.

Es droh’n viele Wellen
uns zu überfluten,
es droh’n viele Wogen,
uns unterzuspül’n –

ein Schiff nur im Wasser,
das uns nicht gewogen,
da hilft nur das Eine:
ans Steuer zu stehen!

©Sandra von Siebenthal

Befreiung der Marionetten

Es stirbt der Mensch,
er wird zum Ding
an Fäden
dieser Welt.

Er wird zum Abbild
einer Norm,
die sagt, wir sind hier
uniform.

Doch ist der Mensch
nicht Opfer bloss,
er schwingt sich auf
und wird Gericht

für andre, die
im selben Zwang
dem eig’nen Leben
sind verlor’n.

So prägt ein jeder
seine Welt,
indem er tut,
was sich gehört.

So lebt ein jeder
seinen Tod,
und wird zum Mörder
an der Welt.

Es bräuchte einen,
der sich traut,
der aufbegehrt
und nicht wegschaut.

Der mutig sich
dagegen stellt,
im Wissen: «Das
ist meine Pflicht!

Denn leben tut
nur der allein,
der selber denkt –
kein andrer lenkt.


Und wer das sieht,
der wird gewahr,
dass, was vermeintlich
Leben war


so nicht mehr geht,
will er besteh’n,
weil Leben heisst
selbst hinzusteh’n.

Heisst gegen Normen,
gegen Fäden,
selber formen
sich, das Leben,

in der Welt
sich selber bleiben,
niemand soll
am andern leiden.

©Sandra von Siebenthal, 30. Mai 2021

Mördergrube


Ein leiser Hauch,
ich spür ihn kaum,
wischt alles weg –
war mal was da?

Worauf noch bau’n?
worauf vertrau’n?
Heisst immer nicht
im Grunde nie?

Heisst ach so sehr,
im Grunde nicht,
ich lieb dich grad
so wie auch die?

Ist Liebe nur
ein Zauberwort,
Gefühlter Hort und
Schmerzensort?

Ist Liebe mehr
erhofftes Gut,
die kurze Glut,
dann wird es schwer?

Am tiefsten trifft dich
jener Keil,
der ungeschützt
dein Herz zerteilt.

©Sandra von Siebenthal

Hermann Hesse: Bücher

Bücher (1918)

Auf den Text muss hier leider verzichtet werden aus urheberrechtlichen Gründen. Das Gedicht kann HIER nachgelesen werden.

Hermann Hesse schrieb dieses Gedicht in einer für ihn schwierigen Zeit. Verschiedene Schicksalsschläge haben ihn psychisch so belastet, dass er sich in Behandlung geben musste, dabei Erfahrungen mit der Psychoanalyse machte. Daneben war seine Ehe am Zerbrechen, seine Kriegsgegnerschaft hat ihm nicht nur Freunde beschert. Kurz vor diesem Gedicht hat Hesse seinen Demian geschrieben, den er folgendermassen einleitete:

«Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.»

Der Roman zeichnet das Leben des Protagonisten Emil Sinclair vom zehnjährigen Kind hin zum sich selber bewussten, sich selber hinterfragenden Erwachsenen auf. Fast scheint es, er hätte diese Thematik im wahrsten Sinne des Wortes verdichtet. Im Gedicht erzählt er nicht vom möglichen Weg hin zur Erkenntnis, er spricht den Leser an, sagt ihm, wo er das Glück sicher nicht findet: In allen Büchern dieser Welt. Dahin flieht vor allem der Literaturliebhaber in schwierigen Zeiten gern, eröffnen sich in Büchern doch neue Welten, welche ein Abtauchen ermöglichen. Und daraus erhofft man sich dann ein bisschen Glück.

Und nun also Hesses Absage an das Glück aus Büchern. Er kommt zum Schluss, dass man unzählige Bücher lesen kann, sie alle werden das Glück nicht bringen. Dabei belässt er es aber nicht: Zwar findet man nicht unmittelbar Glück, aber Bücher helfen, sich durch das Lesen fremder Sichtweisen, durch das Erfahren neuer Möglichkeiten, sich selber genauer zu sehen. So wird Literatur zum Spiegel und sie öffnet dadurch neue Tore, allen voran das zum eigenen Ich.

Ist man erst mal bei sich selber angekommen, merkt man, dass eigentlich alles, was man suchte, schon da ist. Das deckt sich mit dem, was Buddha einst sagte:

«Das Glück liegt in uns, nicht in den Dingen.»

Die Dinge aber, in dem Fall die Bücher, können uns helfen, unseren Blick zu schärfen dafür, was da ist, dafür, was möglich ist. Bei allem, was wir lesen, lesen wir uns mit. Mit allem, was wir erfahren, treten wir in Kontakt mit unserer eigenen Erfahrungswelt. Ist der Blick erstmal klar und wir unserer selbst bewusst, werden wir in uns selber das Licht erzeugen, welches das Dunkel des Unverständnisses, das Dunkel der Welt erhellt.

Mascha Kaleko: Rezept

Jage deine Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein. 
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
(1966)*

Das Lyrische Ich ruft das Du an, gibt ihm Rat mit auf den Lebensweg. Es ist wohl der Rat, dessen es selber bedarf. Fast muten die Zeilen an wie eine Selbstbeschwörung. Ängste plagen und belasten das Leben. Es sind Ängste ums Überleben: Wird genug da sein? Reicht das, was ich habe, bis zum Ende? Was, wenn ich etwas verliere? Kann ich etwas abgeben, wenn jemand etwas von mir wünscht oder fordert? Mit solchen Fragen treibt sich das Ich um und sagt dann selber: Lass sie sein. Es wird alles reichen. Es ist genug. Schau genau hin: So viel brauchst du gar nicht. Wenn du helfen kannst, hilf, schlussendlich gehört nichts wirklich dir. Und irgendwann trittst du die letzte Reise an. Sei darauf vorbereitet.

Das Leben nimmt seinen Lauf und wir können wenig daran ändern. Statt aber zu geniessen, was gut ist, leiden wir durch unsere Ängste schon, bevor die Dinge eintreten, die wir fürchten. Wie hilfreich wäre hier eine gelassenere Sicht und vor allem auch das Wissen: Alles ist vergänglich, nicht nur Glück, auch das Leid. Die Botschaft erinnert an die Stoiker, allen voran Epiktet, welcher genau das als Rezept für ein gutes Leben anführt: Schaue auf dein Leben, schaue, was du in der Hand hast und was nicht. Und dann geh die Dinge, die du selber ändern kannst, an, akzeptiere die anderen. Sich über diese aufzuregen wird nichts verändern, ausser dass du dir selber Leid zuführst.

Es ist ein kleines Gedicht voller Moral und Lebensklugheit, ein Gedicht, das aufzeigen will, wie man auf eine gute und gelassene und zufriedene Weise durch das Leben kommt. Es ist ein Gedicht, das auf die Fallgruben des guten Lebens hinweist und Mittel an die Hand gibt, diese zu umgehen. Es ist sicher keine hohe Poesie, aber beschriebene Lebensklugheit. Es sind keine nie gehörten Ratschläge, aber man spürt aus jeder Zeile, dass sie aus dem eigenen fühlenden Herzen geschrieben ist, um andere fühlende Herzen zu finden und zu beruhigen (und das eigene wohl damit). Das macht dieses Gedicht so menschlich, so tröstlich.

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* zitiert nach „Die paar leuchtenden Jahre“ © 2003 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Sehen was ist

Du bist so ein Vogel
und mir zugeflogen,
ich hatte kein Recht, es
war blosses Glück.

Ich schau auf mein Leben,
wie viel war gelogen,
wie viel war Betrug, und nur
ich mittendrin.

Ich schau auf mein Hoffen,
und seh all die Plagen,
ich fühl’ noch das Leiden,
will nie mehr dahin.

Und manchmal, da merk ich,
dass all diese Nöte,
so fern sie auch scheinen,
noch immer da sind.

Wir leben ein Leben,
und nehmen halt eben,
was ist und was kommt, so
tief in uns auf.

Es gräbt seine Spuren,
wir laufen wie Nadeln
geritzt ins Vinyl.
Nur manchmal da

sitzt so ein kleines und feines
Stück Staub in der Rille,
es hindert die Nadel am
nahtlosen Lauf –

und wir hören hin!

©Sandra von Siebenthal

Ingeborg Bachmann: An die Sonne

An die Sonne

Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,
Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,
Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen
Und zu weit Schönrem berufen als jedes andre Gestirn,
Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hängt, ist die Sonne.

Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat
Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag
An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel
Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.

Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt,
Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh!

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein…

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben,
Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,

Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht,
Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands
Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau!

Schönes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen,
Blau der Fernen, der Zonen des Glücks mit den Wettern für mein Gefühl,
Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen
Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt,
Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,
Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,
Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst
Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

(Ingeborg Bachmann, 1926 – 1973)

Die Sonne. Schöner als Mond und Sterne, mehr als Adel oder Ruhm. Feurig ist sie, hat einen Auftritt. Sie nimmt den Schleier von der Welt, sie spendet unser Licht. Ohne Sonne läge alles im Schatten (das erlauben wir der Dichtung, da der Schatten auch nur durch die Sonne entsteht, es wäre hier wohl das Dunkel – aber mein Gott: ob Schatten, ob Dunkel, es wäre alles dahin, es wäre nur Flucht, eine gepeitschte gar). Mit der Sonne aber haben wir Wärme, sehen Schönes, alles lebt, alles zeigt sich in bunter Farbe. Die ist die Schönheit selber. Sie wird hier besungen. In einer Inbrunst, die ihresgleichen sucht. Sie wärmt, sie erhellt.

In dem Gedicht steckt so viel Schönheit und so viel Lob der Schönheit. Da ist einer, der hinschaut und er sieht. Die Sonne. In all ihrer Pracht. Und alles fliesst. In langen Zeilen, die fast ins grenzenlose gehen. Da ist nichts Böses, nichts Hässliches, nichts Schlechtes. Alles ist schön. Schon fast so schön, dass man in Faust-Manier sagen möchte: Augenblick du bist so schön, verweile doch. Da steckt ein Mut drin, eine Kraft. Ein Wunsch. Eine Utopie. Und man möchte sie annehmen, in all ihrem Wirken in ihrem Gut-Tun.

Wir können nun dahin gehen und Analyse betreiben. Wir würden herausfinden, dass die Strophen akkurat aufgebaut sind: 5 4 3 2 1 2 3 4 5 . Man kann daraus ein Bild entstehen lassen: Das Meer als Horizont, darüber in Kreisen die Farben der untergehenden Sonne. Oben wirklich, unten im Spiegel. Und in der Mitte die Konzentration aller Schönheit. Wenn man in die Runde fragt, haben genau diese Analysen die Lyrik verleidet zu Schulzeiten. Wie schade.

Und doch: Die Analyse mag so leidenschaftslos erscheinen, aber sie zeigt doch etwas auf: Wenn man ganz genau hinsieht, ergibt sich aus den Worten, aus dem Aufbau, auf dem für Bachmann so wichtigen Punkt der Konstruktion, der Komposition ein Bild. Und es ist wieder pure Schönheit. Es ist das Gefühl des Hinschauens auf das Schöne, das sich jeden Tag von Neuem bietet. Wieso also sträuben wir uns dagegen? Weil die Analyse so wesensfremd daherkommt? Ohne Leidenschaft, rein sachlich?

Gute Gedichte sind nie sachlich. Selbst wenn sie absolut sachliche Themen behandeln. Gedichte sind Gefühle auf den Punkt gebracht. Es sind Worte, wenn die Worte eigentlich ausgehen und nur Fühlen bleibt. Ansonsten sind es aneinander gereihte Worte, die irgendeinem analytisch gedachten Zweck gereichen sollen. Die auseinanderzunehmen gliche einem sich in den Schwanz beissenden Fuchs. Wo kein Gefühl ist, ist alle Analyse obsolet. Aber ab und an muss man auch genauer hinsehen, will man die wirkliche Bandbreite erkennen. So auch hier. Schon allein das Lesen eröffnet eine Schönheit.  Die Analyse legt diese in eine Form, formt daraus ein Bild. Worte und Gefühle treten in eine neue Dimension ein. Man könnte darüber hinweglesen, es wäre immer noch so viel da an Bewunderung, an Schönem, an Wert, an Aufforderung da, hinzusehen. Wieso sich also den letzten Rest verschliessen?