6. April

„Wir werden alles unserem Nutzen Widerstrebende, das uns begegnet, mit Gleichmut ertragen, wenn wir uns bewußt sind, daß wir unsere Pflicht erfüllt haben, und daß das Vermögen, welches wir haben, sich nicht soweit erstreckt, daß wir es hätten vermeiden können, und daß wir nur ein Teil der Natur sind, deren Ordnung wir folgen.“ (Baruch de Spinoza)

Wenn wir vor einer Aufgabe stehen, die knifflig erscheint, kommen schnell auch mal Ängste auf: „Was, wenn ich es nicht schaffe?“, „Bin ich gut genug?“ Und wir malen uns aus, wie wir durch Prüfungen fallen, uns blamieren bei einem Vortrag, eine gestellte Aufgabe nicht bewältigen und vielleicht sogar ausgelacht werden.

Nur: Wir sind Menschen mit Stärken und Schwächen. Wenn wir eine Aufgabe angehen, kann sie gelingen oder misslingen, das liegt in der Natur der Sache. Ein Misslingen ist aber kein Scheitern, denn das wäre es erst, würden wir die Aufgabe meiden aus Angst, sie nicht zu meistern. Wenn wir also alles tun, was wir können, um uns einer Aufgabe zu stellen, ist das genug. Egal, wie es dann rauskommt. Wir haben uns nichts vorzuwerfen und jeder, der darüber lachen würde, wäre es nicht wert, dass wir ihn ernst nehmen.

Wir sind nicht perfekt und müssen es nicht sein. Wenn wir tun, was wir tun können, reicht das. Es ist genug.

Die Wut loslassen

„Wenn du deinen Hass und deinen Zorn schürst, verbrennst du dich selbst.“ Thich Nhat Hanh

Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, kann es gut sein, dass ich wütend werde, dass ich mich wehren will. Die Wut brodelt richtig in mir und ich ertappe mich dabei, wie ich mir innerlich immer wieder vorsage, wie ungerecht das ist, dass ich dagegen vorgehen will, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen kann. Nur: Wenn ich ganz achtsam hinschaue, was mache ich damit eigentlich wirklich?

Das Unrecht ist passiert. Das ist unschön. Indem ich mir das aber nun ständig wieder vor Augen führe und darüber innerlich schimpfe, halte ich es am Leben, befeuere es wohl sogar noch. Statt dass es mir besser geht, geht es mir immer noch schlechter, ich werde noch wütender. Ich leide also nicht nur unter dem Unrecht, sondern auch noch unter meiner Haltung diesem gegenüber.

Das Unrecht ist passiert, ich kann es nicht ändern. Ich kann aber meine Haltung dazu ändern und akzeptieren, dass es passiert ist, wie so vieles anderes auch passiert. Ich kann mich darin üben, es auch wieder aus den Gedanken loszulassen, statt es ständig weiter zu tragen und damit meine Wut zu schüren.

Und: Wenn ich doch etwas daran ändern kann, sollte ich es besser sachlich und in angemessenem Stil tun, nicht im Affekt aus einer Wut heraus. Wut ist nicht nur schlecht, sie kann auch Positives bewirken, indem sie Energien frei setzt. Allerdings sollte sie nicht immer tiefer gehen, sondern erkannt und dann auch wieder losgelassen. Es lebt sich friedlicher ohne Wut im Bauch.

Wenn du nächstes Mal wütend wirst: Achte mal, wie die Wut sich im Körper anfühlt. Wo sitzt die Wut im Körper? Wie fühlt sich der Atem an? Und vielleicht atmest du dann ganz bewusst in die Wut hinein, in den Körper hinein. Und lässt sie los.

5. April

„Lerne loslassen, das ist der Schlüssel zum Glück.“ (Buddha)

Prüfung verhauen, vom Freund verlassen worden, ins Fettnäpfchen getreten, einen dummen Fehler gemacht – wer hat es nicht schon erlebt und sich danach in Gedanken gewälzt und gedreht und im Selbstmitleid gebadet oder sich mit Selbstvorwürfen beschossen? Wozu? Was passiert ist, war der erste Pfeil, der uns traf und schmerzte, wir schiessen nun den zweiten hinterher und treffen uns damit erneut, indem wir das Leiden weiterziehen.

Was passiert ist, ist passiert, das können wir nicht mehr ändern. Wir können analysieren, wie es dazu kam, und für die Zukunft was lernen. Aber dann gibt es nur noch eines, was wir tun können: Loslassen und weiter gehen.

Was tut mir gut?

Ich habe da dieses Problem. Ich studiere hin, studiere her, das Problem ist da und ich sehe keinen Weg hinaus. Tag und Nacht zermartere ich mir mein Hirn: Was könnte ich tun, das Problem zu bewältigen? Wie ich es drehe und wende: Ich sehe keine Möglichkeit. Es bleibt bestehen.

Das Problem hat eine Geschichte erhalten, ich habe sie ihm gegeben. Indem ich meine ganzen Gedanken um das Problem kreisen liess, wurde es zu meinem Leben.

Nur: Mein Leben besteht noch aus viel mehr. Wieso nicht das Ganze betrachten und das Problem dann da einordnen? Als Teil des Ganzen, aber niemals alles.

Manchmal hilft es, aufzuschreiben, was alles gut ist im Leben. Das Problem auf die eine Seite der Tabelle, auf die andere Seite all die guten Dinge. Auch die – und vor allem die – welche wir gerne als selbstverständlich sehen: Dach über dem Kopf, gutgesinnte Menschen, etc.

Damit ist das Problem nicht bewältigt, es besteht weiter. Mit der Kraft des Guten im Leben und der richtigen Relation des Problems können wir dieses nun genauer anschauen und schriftlich analysieren:

  • Wie genau lautet das Problem?
  • Was für einen Einfluss hat es auf mein Leben?
  • Was wäre, wenn das Problem nicht lösbar wäre? Im schlimmsten Fall?
  • Wie fühle ich mich bei dem Gedanken?
  • Kann ich das Problem in Teilprobleme aufteilen, die leichter zu lösen sind’
  • Wenn sich das Problem nicht lösen lässt: Kann ich mich vom Problem lösen?
  • Was wäre ein Alternativleben, in dem das Problem keines wäre?
  • Kann ich das realisieren?
  • Was brauche ich dazu?
  • Wo kriege ich es?

Vielleicht sieht man keine Lösung. Trotz all der Fragen überzeugt keine Antwort. Dann gibt es noch die letzte Frage:

  • Was tut mir gut?

Wir haben gesehen, dass das Problem da ist, sich im Moment nicht lösen lässt. Wir haben aber auch gesehen, dass das Problem nur ein Teil ist. Neben diesem Teil existiert noch ganz viel – vieles, wofür wir dankbar sein können. Wieso also nicht das ganz bewusst ausbauen?

  • Was hat mir in der Vergangenheit gut getan? Was davon kann ich wiederholen?
  • Wer tut mir gut? Kann ich diese Menschen mehr um mich haben?
  • Wie kann ich mir selber etwas Gutes tun?

Ab und an verabschieden sich Probleme klammheimlich, wenn wir uns auf die guten Dinge konzentrieren im Leben. Und selbst wenn sie bleiben, haben sie ihren Stellenwert zurück: Sie sind ein Teil, aber nicht das Ganze.

4. April

„Wir müssen die Dinge, die in unserer Macht stehen, möglichst gut einrichten, alles andere aber so nehmen, wie es kommt.“ (Epiktet)

Der Dalai Lama wurde einmal gefragt, wie er es schafft, trotz allem, was er erlebt hat, immer freundlich und zufrieden zu wirken. Seine Antwort war, dass er das Geschehene nicht hätte ändern können, aus dem Leid der Vertreibung und des Exils aber auch Chancen und Möglichkeiten gewachsen seien, die ihn dankbar sein lassen. Er lächelte dabei.

Nun sind wir nicht alle der Dalai Lama und mitunter sind Dinge, die nicht so laufen, wie wir sie gerne hätten, schwer zu ertragen. Und doch hilft es vielleicht im Ärger über etwas nicht Gewolltes innezuhalten und sich zu fragen, ob man etwas daran ändern könnte. Wenn nicht, haben wir zwei Möglichkeiten: Wir ärgern uns weiter oder wir lächeln. Es ist erwiesen, dass man sich, wenn man lächelt, besser fühlt. Wir haben die Wahl, welche der zwei Möglichkeiten wir wählen.

You

You are my day –
you make me live,
You are my air –
you make me breathe.
You are my night –
you make me dream,
You are my sun –
you make me gleam.
You are my light –
you make me see,
You are my life –
you make me be !

©Sandra Matteotti

3. April

“ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Reinhold Niebuhr)

Es ist eine Tatsache, dass wir nicht alles im Leben in der Hand haben. Ganz viel entzieht sich unserer Kontrolle, beruht auf Zufällen oder ist von etwas abhängig, das ausserhalb unserer Macht liegt. Wenn wir uns nun über diese Dinge aufregen und uns daran aufreiben, passiert nur eines: Wir ärgern uns, ändern aber nichts am Grund für den Ärger.

Es gibt aber durchaus Dinge, die wir selber in der Hand haben. Da dann einfach abwartend zu sitzen und zu hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, wäre mehr als schade. Dinge zu verändern ist nicht immer nur einfach, Gewohnheiten wiegen mitunter schwer, und doch: Es wäre schade, es nicht zu tun, da wir damit das Steuer unseres Lebens aus der Hand geben und auf etwas verzichten, das wir insgeheim (wir würden uns sonst nicht ärgern) wollen.

Es ist nicht immer einfach, zwischen beiden zu unterscheiden, aber was sicher ist: Der Ärger an sich bringt wenig. Entweder gilt es, sich in die Situation zu schicken und das Beste draus zu machen, oder aber die Ärmel hochzukrempeln und das Leben anzupacken.

Sei dein eigener Steuermann

„Unbeständigkeit lehrt uns, in jedem Augenblick all das, was es in uns und um uns herum an Kostbarem gibt, zu achten und Wertzuschätzen.“ Thich Nhat Hanh

Wer kennt nicht den Gedanken, ein Augenblick sei so schön, er solle für immer bleiben. Nur: Würden wir ihn noch genauso schätzen, wenn alles immer so wäre? Sehen wir tagtäglich all das Gute und Schöne, das da ist und sehnen wir uns nicht im Gegenteil immer nach Dingen, die eben nicht hier und jetzt präsent sind?

Das Wissen, dass alles, was gut ist, auch vergeht, kann helfen, dem Guten, das ist, mehr Gewicht und Aufmerksamkeit zu geben. Stellt man einem Menschen die Frage, was er täte, wenn er morgen sterben würde, kommen ganz viele Dinge plötzlich ans Licht, die er machen wollte – und oft sind es durchaus alltägliche und vor allem machbare Dinge, die wir aber im Leben selber immer wieder aufschieben.

Nur schon das sollte uns zu denken geben: Setzen wir die Prioritäten richtig? Wieso schieben wir das auf, was uns, hätten wir nicht mehr viel Zeit, das wichtigste wäre, um Dinge zu tun, die wir an diesem einen Tag sofort fallen lassen würden? Leben wir wirklich das Leben, das wir leben wollen, oder sind wir durch irgendwelche Zwänge (und damit meine ich nicht nur Geld verdienen, oft wollen wir auch Erwartungen genügen, eigenen und anderen, und vieles mehr) getrieben und gar nicht mehr der Steuermann in unserem eigenen Leben?

Möchtest du das Ruder wieder übernehmen? Dann frage dich:
– Was ist mir wichtig im Leben?
– Was möchte ich (er-)leben?
– Wer möchte ich sein?
– Was kann ich dafür tun?

Und dann pack es an. Jetzt!

Theodor Fontane: Nicht Glückes bar sind deine Lenze

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Nicht Glückes bar sind deine Lenze

Nicht Glückes bar sind deine Lenze,
Du forderst nur des Glücks zu viel;
Gib deinem Wunsche Maß und Grenze,
Und dir entgegen kommt das Ziel.

Wie dumpfes Unkraut laß vermodern,
Was in dir noch des Glaubens ist:
Du hättest doppelt einzufodern
Des Lebens Glück, weil du es bist.

Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen,
Es ist nicht dort, es ist nicht hier;
Lern‘ überwinden, lern‘ entsagen,
Und ungeahnt erblüht es dir.

(Geburtstagsgedicht)
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man das Glück sucht oder glücklich ist, oder wenn man Geburtstag hat

Oft wollen wir zu viel, denken, mehr sei besser. Oft denken wir, wir hätten mehr verdient, und sehen nicht, was wir schon haben. Glück ist nicht, mehr zu haben. Glück ist zu sehen, was gut ist, und sich dran zu freuen. Nicht das Streben führt zum Glück, sondern das Geniessen.

2. April

„Gelassenheit können nur jene erreichen, die ein unerschütterliches und klares Urteilsvermögen haben – der Rest hadert ständig mit seinen Entscheidungen schwankt hin und her zwischen Ablehnung und Akzeptanz.“ (Seneca)

Ich bin, um es gelinde auszudrücken, nicht immer sehr entscheidungsfreudig gewesen. Ich konnte sogar bei den banalsten Fragen hin und her überlegen, Argumente wälzen und zu keinem Schluss kommen. Bei den schwierigen Fragen war es umso schlimmer. Schlussendlich wollte ich die richtige Entscheidung treffen.

Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, zeigt sich meist erst hinterher. Oft sind aber nicht mal Argumente ausschlaggebend, man weiss tief drin, was man eigentlich will und was passt – eine innere Stimme, ein Bauchgefühl. Und wie oft sagen wir im Nachhinein: „Hätte ich nur drauf gehört.“

Was dazu kommt: Würden wir drauf hören, hätten wir unsere Entscheidung und damit auch wieder Ruhe. Dieses andauernde Wälzen von Argumenten, dieses Hin und Her im Geist bringt meist vor allem eines mit sich: Unruhe.

Wenn also wieder einmal eine Entscheidung ansteht: Eigentlich weißt du die Antwort. Wenn du ihr nicht traust, wirf eine Münze. Fällt sie und du bist enttäuscht, hast du die Antwort auch, fällt sie und du bist froh, ebenfalls.

Klimawandel – oder: Baby, it’s hot outside

In letzter Zeit habe ich einige Male gelesen, dass alles Jammern und Klagen und aufmerksam Machen auf eine Klimakatastrophe Unsinn wäre. Klimaerwärmung sei Humbug, denn wir hätten schon 1540 mal eine Hitze- und Dürrekatastrophe erlebt. Dazu fällt mir einiges ein:

  1. ICH habe das nicht erlebt.
  2. Dass das Klima Schwankungen unterliegt, ist nicht neu, es gab auch Eiszeiten, nur:
  3. weil es etwas schon mal gab, heisst das nicht automatisch, dass es toll ist.
  4. Es war auch damals eine Katastrophe
  5. Wir kennen die Gründe für damals nicht – oh, und wenn doch, bitte melden und anführen, ich lerne gerne dazu und bin zu faul zum googeln, da es mir um das Heute geht. Was 1540 war, können wir nicht mehr ändern oder irgendwie beeinflussen, das heute vielleicht schon.
  6. Es gibt Menschen, die tagein und tagaus wenig anderes tun, als zu forschen. Auf unterschiedlichen Gebieten. Ich tat es im Bereich der Philosophie. Andere tun es im Bereich Klima, Umwelt, Lebenswelten. Ich berufe mich dann darauf, wenn ich normativ argumentiere, wie man leben sollte. Und ich vertrau drauf, dass sie ihre Aufgabe wahrgenommen haben. Wenn aber irgendwer da draussen findet, er hätte bessere Argumente, bin ich interessiert, sie zu hören.

Betrachtet man den landläufigen Lebensstandard, ist augenfällig, dass wir mehr Ressourcen nutzen, als wir haben, dass wir mehr Abfall produzieren, als die Welt schlucken kann. Der ökologische Fussabtritt eines Jeden in der sogenannt zivilisierten Welt ist bedenklich.

Systeme passen sich an. Wir passen uns der Umwelt an, diese sich uns. Unsere „Fortschritte“ gingen wohl zu schnell. Systeme sind träge. Nur werden wir ohne System nicht überleben können. Entweder wir bremsen und besinnen uns, oder wir gehen Hand in Hand unter.

Mir könnte das egal sein, ich werde den Untergang wohl nicht mehr erleben. Zudem mag ich es warm, es käme mir also entgegen, wenn die Temperaturen stiegen. Und: Ich bin alt genug, die Folgen nicht mehr erleben zu müssen – denke ich mal. Aber: Ich bin überzeugt, dass wir eine Verantwortung der nachkommenden Generation gegenüber haben. Es wäre nur gerecht, eine Welt zu übergeben, die trägt. Es wäre nur gerecht, dafür zu sorgen, dass auch unsere Nachkommen leben können, dass sie eine Welt von uns übernehmen, die lebenswert und das Überleben ermöglichend ist. Eine Welt, wie wir sie auch von unseren Vorfahren übernahmen. Sie war nicht perfekt, aber sie trug. Bis heute. Der Rest liegt in unseren Händen.

Das Leben als Kunst

Was ist es, das das Leben zu einem guten Leben macht?
Wann ergibt das, was wir tun, Sinn?
Was streben wir an?
Wo wollen wir hin?
Wer wollen wir sein?

Leben ist eine Kunst. Wir können was tun, damit es gut ist. Es liegt in unserer Hand. Das heisst nicht, dass wir bestimmen können, was um und mit uns geschieht. Das heisst nur, dass wir es in der Hand haben, wie wir darauf reagieren.

Lebenskunst heisst, sein Leben zu gestalten. Lebenskunst ist die Kunst, das Leben bewusst anzunehmen mit allem, was es bietet und das beste draus zu machen. Lebenskunst heisst, dem Leben Sinn zu geben. Lebenskunst bedeutet, einen Weg zu gehen, der zum Glück führt, zu einem Leben also, das erfüllt.

Wege gibt es viele. Welchen man wählt, ist individuell verschieden. Was allen gemeinsam ist: Ich muss sie gehen. Auch wenn sie ab und an schwer sind – und gerade dann – muss ich dabei bleiben und weiter gehen. Wege hin zu einem guten Leben brauchen Ausdauer, Mut, Disziplin und Hingabe. Es wird uns nichts geschenkt dabei.

Und darum ist das Leben eine Kunst. Es fällt uns nicht einfach in den Schoss und ist gut, wir müssen etwas tun dafür. Picasso malte seine Bilder auch nicht einfach so, dahinter steckten Jahre und Jahrzehnte der permanenten Übung und Auseinandersetzung. Genauso ist das in der Lebenskunst. Wir müssen einfach mal den ersten Pinselstrich tun – und dann weiter malen.

 

1. April

„Du musst dich (im Leben) wie bei einem Gastmahl benehmen. Es wird etwas herumgereicht, und du kommst an die Reihe.“ (Epiktet)

Wolltest du auch schon mal etwas um jeden Preis und es konnte dir nicht schnell genug gehen? Dein ganzes Denken drehte sich nur noch um diese eine Sache, du fandest keine Ruhe mehr, kaum noch Ablenkung, konntest dich auch nicht wirklich an anderen Dingen freuen, da all dein Denken und Fühlen und Sein von diesem einen Wunsch erfüllt war.

Wir können den Lauf des Lebens nicht beschleunigen. Viele Dinge brauchen und haben ihre Zeit. Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Wenn wir aber nur noch wie besessen Dingen hinterher rennen, die wir doch nicht beeinflussen können, verpassen wir dabei das, was wir hätten: Das Leben, wie es hier und heute ist. Und das ist das einzige, was wir haben und gestalten können.

Determinismus – das Ende jeglichen Denkens?

Beim Determinismus geht man davon aus, dass jegliches Tun und auch Wollen von Verschaltungen im Gehirn vorgegeben ist. Wir kommen mit einer Hirnstruktur zur Welt, welche alle Möglichkeiten des Lebens auf dieser Erde beinhaltet, sich danach den vorgefundenen Gegebenheiten (Familie, Kultur, Region, etc.) anpasst. Es bilden sich aus den Möglichkeiten also reale Verschaltungen aus, welche der tatsächlichen Umwelt entsprechen.

Diese Verschaltungen sind zwar ein Leben lang veränderbar, allerdings nicht durch eigene Steuerung, sondern durch unsere Existenz in einer Umwelt, aus der Einflüsse auf uns treffen, welche wieder um etwas in uns bewirken.

Bei dieser Sicht der Dinge existiert so etwas wie ein freier Wille nicht, wir haben nicht die Wahl, wie wir uns verhalten, sondern wir tun es unseren Anlagen gemäss. In der aktuellen Literatur stellt sich die Frage, inwiefern wir noch verantwortlich gemacht werden können für unser Tun, wenn wir es nicht frei wählen konnten, sondern quasi als Marionette von Synapsen gesteuert waren. Da Verantwortung immer auf einer freien Wahl gründet, auf dem Umstand, dass man auch anders hätte wählen können, als man es tat, wird es schwer, bei der Negation dieser Wahl noch von Verantwortung und Verantwortlichkeit zu sprechen.

In einem milderen Sinne kennen wir das heute im Strafrecht bei den mildernden Umständen. Der Verweis auf eine schwere Kindheit oder den übermässigen Gebrauch von Alkohol oder Drogen sowie psychische Probleme soll die eingeschränkte Verantwortung des Handelnden begründen. Der Determinismus würde diese Sicht verabsolutieren, indem der Handelnde nie verantwortlich für sein Tun wäre.

Eine andere Frage, die viel diskutiert wird, ist die der Legitimität von Recht und Sanktionen: Wenn die Verantwortung für ein Tun wegfällt, steht das Rechtssystem auf dem Radar: Ist es legitim, einen Menschen für etwas zu verurteilen, wofür er gar nichts konnte? Darf ich einen Mörder lebenslang seiner Freiheit berauben, wenn er gar nicht die Wahl hatte, sein Opfer nicht umzubringen? Was würde eine solche Haltung für unsere Gesellschaft bedeuten? Hätte sie überhaupt eine Auswirkung?

Die Frage stellt sich auch schon im privaten Gebrauch: Kann ich mein Kind loben, wenn es etwas gut machte, oder tadeln, wenn es nicht gehorchte? Es hätte ja gar nicht anders gekonnt? Man könnte nun argumentieren, dass das Lob als äusserer Einfluss auf das Hirn wirkt, die Schaltungen beeinflusst und somit zu einem zukünftig besseren Verhalten führt. Dasselbe wäre bei der Frage zum Recht anzubringen.

In meinen Augen liegt dabei aber ein Denkfehler vor: Wenn wir nicht wählen können, was wir tun, können wir auch nicht wählen, ob wir tadeln oder nicht. Wir können nicht entscheiden, ob wir das Recht weiter so führen können, wie wir es tun, wir wären quasi hirngesteuert, das zu tun, was eben der Steuerung entspricht. Ein Determinismus im absoluten Sinne würde jegliches Hinterfragen von Tun und Wollen obsolet machen, ebenso die Reaktionen und deren Gründe auf das Tun anderer. Es bliebe ein „es ist was was es ist“ zurück und wir wären nur noch Beobachter eines mit uns selber ablaufenden Films. (Wobei natürlich auch das Hinterfragen wieder gesteuert und insofern nicht wirklich wählbar wäre – das Spiel liesse sich unendlich weiterspielen).

Eine solche Sicht behagt uns wahrlich wenig, sie entspricht auch nicht dem, was wir selber denken, dass wir es tun und können. Wir erleben uns als freie Wesen, die (in gewissen Grenzen) wählen können, was sie tun und lassen. Wir erleben uns als fähig, nachzudenken und die Gedanken selber zu entwickeln. Zwar gibt es durchaus Situationen, in denen wir uns wie gesteuert verhalten, dann nämlich, wenn Muster und Prägungen aus dem Unterbewussten auf uns wirken und uns zu Handlungen bewegen, welche wir bei genauerem Denken unterlassen hätten. Der Umstand aber, dass wir sie reflektieren könnten und können, deutet für uns darauf hin, dass wir durchaus anders hätten handeln können, hätten wir in dem Moment genauer hingeschaut. Und ebenso sind wir der Überzeugung, dass wir in vielen anderen Situationen genauer hinsehen und dann so handeln, wie es uns entspricht, wie wir handeln wollen – weil wir uns für diese Art des Handelns entschieden haben.

Nun gibt es die Stimmen, die behaupten, diese Möglichkeit der freien Wahl sei eine blosse Illusion, die nicht zuletzt dem Umstand geschuldet ist, dass wir es gerne so hätten. Der Gedanke, blosse Marionetten zu sein, hat wenig Positives an sich. Nur: Allein die Ablehnung dieser Sichtweise macht sie noch nicht falsch.

Es stellt sich also die Frage: Können wir überhaupt entscheiden, ob wir frei wählen können oder aber unser Denken und unsere Handlungen determiniert sind? Da die Sicht immer eine eigene von innen auf unser Handeln und Denken ist, sind wir die einzigen Stützen des Ergebnisses. Oder gibt es eine Sicht von aussen? Welchen Beitrag kann die moderne Hirnforschung leisten?

Unterm Strich erscheint die ganze Diskussion als eine rein akademisch-wissenschaftliche, als solche sehr theoretische und nur für einen klein Teil relevante. Im Alltag stellt sich uns die Frage, ob wir frei entscheiden, was wir tun oder nicht, kaum – wenn nicht gar nicht. Ich stelle sogar die These auf, dass eine Antwort darauf überflüssig ist, wenn es darum geht, eine lebenswirksame zu finden. Wieso?

Wir leben unser Leben auf eine Weise, die Entscheidungsfreiheit voraussetzt. Auf dieser baut unsere Sicht auf die Welt auf (unsere Urteile, unsere Begründungen, unsere Weltanschauungen, etc.), unser Rechtssystem fusst auf ihr (Strafe als Sühne und Wiedergutmachung) und unsere Sicht auf uns selber basiert auf ihr. Sollte sie eine reine Illusion sein, könnten wir an nichts etwas ändern, da alles so determiniert wäre, wie es ist, sogar unsere Illusion und das darüber Nachdenken, ob es eine Illusion ist. So lange keiner beweist, dass wir rein determinierte Wesen sind, die nichts selber in der Hand haben, so lange können wir also davon ausgehen, dass es anders ist. Und das bedeutet, dass alles, was wir tun, in unserer Verantwortung liegt – vorausgesetzt, wir sind mündige Wesen.