„Es ist immer dasselbe Lied: wer durchaus Schriftsteller werden muss, der wer’ es; er wird schliesslich in dem Gefühl, an der ihm einzig passenden Stelle zu stehen, auch seinen Trost, ja, sein Glück finden. Aber wer nicht ganz dafür geboren ist, der bleibe davon.“
Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1849 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten.
«Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlechtsitzenden Hose.“ (Brief an Georg Friedländer, 3. Oktober 1893)
Um finanziell über die Runden zu kommen, wird er Journalist und reist in dieser Funktion nach London, von wo er unter anderem über Kunstausstellungen berichtet – es zeigt sich darin der Kunstkenner Fontane. Daneben verfasst er Theaterkritiken und Reisebücher – alles befriedigt ihn nicht, so dass er wieder freier Schriftsteller wird. Diesem Entschluss verdanken wir heute viele grossartige Bücher.
Theodor Fontane stirbt am 20. September 1898 in Berlin.
Die Romane Theodor Fontanes Romane werden dem poetischen Realismus zugeordnet. Er beschreibt in seinen Büchern das Leben von ganz normalen Menschen, zeigt ihre Befindlichkeiten und Schwierigkeiten. Es sind stille Bücher, die trotzdem eine grosse Tragkraft haben und in denen immer wieder Fontanes ironischer Humor durchkommt. Seine Bücher beginnen meistens gleich: Man fährt – wie bei der Kameraführung im Film – die Strasse entlang zum Haus, in den Garten, die Treppe hoch in die Wohnung und wird dann mit den Hauptfiguren des Romans bekannt. Man lernt ihre Stube kennen, die Bilder an der Wand, erfährt von einem auktorialen Erzähler einiges über ihre Geschichte und ihr aktuelles Leben.
Theodor Fontane ist aber nicht nur ein Meister der Beschreibungen, er ist auch ein Meister der Lücken. Ganz viel steht bei ihm zwischen den Zeilen, man kann es erahnen, sieht sich aber erst später in dieser Ahnung bestätigt. Teilweise sind es gerade die wichtigsten Dinge, die sich in Lücken befinden – man denke nur an Effi Briests Seitensprung.
Die meisten grossen Romane Fontanes sind erst nach seinem 60. Geburtstag entstanden. Was Thomas Mann in seinem Essay Der alte Fontane in Bezug auf dessen Briefe schrieb, könnte auch bei den Romanen gelten:
«Scheint es nicht, dass er alt, sehr alt werden musste, um ganz er selbst zu werden?»
Bekannte Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).
Auch unbedingt lesenswert sind die Briefe Fontanes, allen voran seine Ehebriefe.
Wer könnte zu diesem Anlass ein besseres Gedicht schreiben als der grosse Meister selber?
Nicht Glückes bar sind Deine Lenze, Du forderst nur des Glücks zu viel. Gib Deinem Wunsche Maß und Grenze, und Dir entgegen kommt das Ziel.
Wie dumpfes Unkraut lass vermodern, was in Dir noch des Glaubens ist. Du hättest doppelt einzufordern des Lebens Glück, weil Du es bist.
Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen, es ist nicht dort, es ist nicht hier. Lern überwinden, lern entsagen, und ungeahnt erblüht es Dir.
Sie waren zwei Vordenkerinnen, zwei, die für ihre Gedanken einstanden, nie müde wurden, für die richtige und wichtige Sache zu kämpfen. Rosa Luxemburg bezahlte das mit ihrem Leben, Hannah Arendt musste oft Kritik einstecken, einmal so viel, dass sich Freunde abwandten und sie sogar Morddrohungen bekam (nach ihrem Buch über Eichmann). Und doch liessen sie nicht ab von dem, was Hannah Arendt einst «Denken ohne Geländer» nannte.
Beide kritisierten sie die Konsumgesellschaft, das gedankenlose Partizipieren am Leben ohne wirklich politisch relevant zu werden. Joke J. Hermsen verbindet die Gedanken der beiden Denkerinnen immer wieder mit der politischen Lage in Frankreich und den Niederlanden, zeigt daran auf, wie zeitgemäss diese auch heute noch sind. Die hier so zusammengetragenen Gedanken sind sicher nicht neu, die Passagen über die aktuelle Situation etwas gar umfassend für dieses schmale Büchlein, und doch ist es die Lektüre durchaus wert, sei es nur schon, sich gewisse Gedanken wieder zu vergegenwärtigen und dadurch bewusst zu werden.
So stellte Hannah Arendt zum Beispiel fest, dass die Welt finster werde, wenn die Menschen keine gemeinsame Verantwortlichkeit mehr spüren, jeder nur noch seine eigenen Belange sähe und der Politik so misstraue, dass er sich abwendet. Sie hatte das 1968 in ihrem Buch «Menschen in finsteren Zeiten» geschrieben). Oder aber Rosa Luxemburg befand in Anbetracht der Schieflage der Welt, dass es vor allem wichtig sei, Mensch zu bleiben, was heisse: fest, klar und heiter – heiter trotz allem. Die Welt mag ab und an undurchsichtig sein, das Leben beschwerlich – die Heiterkeit kann vieles besser machen. Trotzdem. Da haben wir dieses „Trotzdem“, das wir bei Viktor Frankl finden oder das „Dennoch“ bei Hilde Domin.
Bei Rosa Luxemburg dominierte immer die Hoffnung über alles, auf sie setzte sie. Hannah Arendt setzte auf die Liebe und auf die Verantwortung, denn nur Kraft der beiden, davon war sie überzeugt, könne man die Selbstsucht, das oberste Primat des Kapitalismus, überwinden, und frei, das heisst, wirklich Mensch werden.
Abgerundet wird das schmale Bändchen mit Briefen von Rosa Luxemburg, die durch ihre Poetik, ihre grosse Liebe zur Literatur, Musik und auch Natur beeindrucken.
Zum Autor Joke J. Hermsen, geboren 1961 in Middenmeer, studierte Literatur und Philosophie in Amsterdam und Paris. In ihrer Doktorarbeit befasste sie sich mit Lou Andreas-Salomé und Ingeborg Bachmann. Für ihre Romane und Essays erhielt sie viele Preise. Ihr Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Fazit Ein wunderbares, wichtige Gedanken grosser Denkerinnen aufgreifendes Büchlein, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert!
Angaben zum Buch Herausgeber: Wagenbach, K (4. März 2021) Gebundene Ausgabe: 144 Seiten ISBN-13: 978-3803113580
Ich hebe mein Glas auf Marcel Reich-Ranicki, der heute vor 8 Jahren leider verstorben ist. Ich liebte an ihm seine grosse Liebe für die Literatur und die Leidenschaft, mit der er diese vertrat.
Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Wloclawek als Sohn einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden geboren. Er verlebte seine Schulzeit in Berlin, doch aufgrund seines Judentums blieb ihm ein Studium in Deutschland verwehrt, 1938 wurde er nach Warschau deportiert, wo er 1940 im Ghetto landete. Verschiedene glückliche Zufälle, seine Tätigkeit als Übersetzer im Judenrat und die Hilfe von mitfühlenden Menschen liessen ihn und seine Frau Teofila, welche er am Tag der Ghettoräumung geheiratet hatte, die Schrecken der Naziherrschaft überleben.
In den 50er Jahren führt der Weg von Marcel Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, wo er sich (unter anderem) als Literaturkritiker ganz seiner Liebe zur Literatur widmet.
Ein Leben als Ode an die Literatur. Literatur als Lebensinhalt, als Stütze, als Trost.
Marcel Reich-Ranicki nannte Else Lasker-Schüler eine der besten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts (neben Ingeborg Bachmann und Anette von Droste-Hülshoff), deswegen ein Gedicht von ihr an dieser Stelle:
Herbst
Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön … Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen – Denn ich muß andere Welten weiter tragen.
Das ewige Leben dem, der viel von Liebe weiß zu sagen. Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen! Haß schachtelt ein! wie hoch die Fackel auch mag schlagen.
Ich will dir viel viel Liebe sagen – Wenn auch schon kühle Winde wehen, In Wirbeln sich um Bäume drehen, Um Herzen, die in ihren Wiegen lagen.
Mir ist auf Erden weh geschehen … Der Mond gibt Antwort dir auf deine Fragen. Er sah verhängt mich auch an Tagen, Die zaghaft ich beging auf Zehen.
Edgar Rai wurde 1967 im hessischen Hinterland geboren. So idyllisch sollte es nicht bleiben, auf diverse Umzüge folgten mehrere Schulverweise, danach führte der Weg nach Amerika. Wieder zurück studierte er verschiedene Fächer und brachte zwei zum Abschluss: Musikwissenschaften und Anglistik. Als ob das nicht genug wäre, kamen noch die unterschiedlichsten Tätigkeiten dazu: vom Chorleiter über den Basketballtrainer bis zum Handwerker ist alles dabei – und noch einiges mehr. 2001 befand er dann, dass dies nun ein Ende haben muss, er wurde Schriftsteller. Daneben unterrichtete er von 2003 bis 2008 als Dozent für kreatives Schreiben an der FU-Berlin und ist zudem seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin.
Edgar Rai hat drei Kinder und lebt in Berlin.
Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?
Was für eine Einstiegsfrage! Wie viele Seiten wollen Sie? Hundert? Tausend? Weiß nicht recht, wie ich das auf kurze Strecke beantworten soll. So vielleicht: Drei Kinder, lebt in Berlin, seit zwanzig Jahren Schriftsteller, demnächst Großvater.
Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen konkreten Auslöser?
Ich hatte nie die Vorstellung, einen bestimmten Beruf auszuüben. Schreiben und Musik machen waren einfach zwei Dinge, die mich mehr interessiert haben als anderes. Einen konkreten Auslöser allerdings gab es, nämlich als nach meinem ersten und wirklich nicht guten Roman mein Lektor fragte: Wann kommt denn der zweite? Von dem Tag an war ich Schriftsteller.
Sie haben in verschiedenen Genres geschrieben, unter anderem Krimis im Duo Rath & Rai oder auch den historischen Roman „Der Sixtinische Himmel“ unter Pseudonym. Wäre es nicht einfacher, immer im gleichen Gewässer zu fischen oder brauchen Sie die Abwechslung, um sich nicht selber zu langweilen?
Ich weiß nicht, ob es einfacher wäre. Viele machen das ja, für die scheint es einfacher zu sein. Ich möchte es lieber nicht ausprobieren, sondern mir weiterhin das Privileg erhalten, einfach zu machen, was mich interessiert und worauf ich Lust habe. Roman ist immer Langstrecke, das sollte man wirklich wollen. Außerdem frage ich mich, ob „einfacher“ nicht erst recht ein Grund wäre, den Weg nicht zu gehen. Wer es sich einfach machen will, hat als Künstler den falschen Weg gewählt.
Ich las, Sie seien durch Ihren Roman „Im Licht der Zeit“ auf die Figur Erich Maria Remarques gestoßen und haben nun den Roman „Ascona“ geschrieben. Was hat sie an der Person angezogen und wieso haben Sie diese paar Jahre seines Lebens gewählt?
Stimmt nicht. Auf Erich Maria Remarque bin ich eher zufällig gestoßen – bei der Recherche zu Ascona und dem, was sich in diesem kleinen, abgeschiedenen Ort in den Jahren 1933-39 zugetragen hat. Womit denn auch schon die Frage beantwortet ist, warum die Jahre 33 bis 39. Victoria Wolff hat einmal sinngemäß gesagt: Ascona in den 30er Jahren, das war kein Ort, das war ein seelischer Zustand.
Ihr Roman „Ascona“ besticht durch teilweise sehr poetische Passagen – dürfen wir uns bald auf einen Lyrik-Band von Ihnen freuen?
Das würde ich niemandem zumuten. Und freuen würde sich da auch niemand drauf. Ich hab es immer wieder mal versucht, daher weiß ich: Als Lyriker wäre ich ein Stümper. Liedtexte dagegen könnte ich mir vorstellen.
Woher holen Sie Ihre Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte daraus?
Was die Ideen angeht, so habe ich wirklich eher das Gefühl, die kommen zu mir. Ist ein Klischee, ich weiß, ändert aber nichts. Damit aus einer Idee eine tragfähige Geschichte wird, braucht es dann vor allem Handwerk, Arbeit, Muße, Langmut, Beharrlichkeit und eine hohe Frustrationstoleranz.
Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern, die selbst Kurse anbieten. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen, oder sitzt es in einem?
Ich glaube, man kann vieles lernen. Gutes Handwerk macht eine Idee nicht schlechter. Es gibt allerdings auch Aspekte, die nicht erlernbar sind und ohne die einem immer der Schlüssel fehlen wird.
Wenn Sie auf Ihren eigenen Schreibprozess schauen, wie gehen Sie vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreiben Sie drauf los und schauen, wo das Schreiben hinführt? Variiert das in den verschiedenen Genres?
Meine Erfahrung mit mir selbst ist, dass die gut durchdachten Texte die besseren sind. Das mag bei anderen Autor*innen anders sein, aber meinen Romanen tut es gut, wenn ich zu Beginn jedes neuen Kapitels weiß, was ich damit greifen will und wohin es führen soll. Überrauschungen warten auf dem Weg auch so noch genug.
Wie schreiben Sie? Sind Sie der Haptiker mit Papier und Stift oder passiert alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel Ihrer Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?
Das glaube ich sicher. Jedes Werkzeug, ganz gleich, ob es ein Hammer oder ein Mixer ist, gibt uns seine Geschwindigkeit vor. Deshalb schreibe ich die meisten Texte von Hand, mit Füller, und gebe sie erst anschließend in den Computer ein.
Gab es Zeiten in Ihrem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingen Sie damit um?
Ist noch nicht vorgekommen. Eher andersherum: Da sind so viele Ideen, und nie komme ich hinterher. Auf jeden Roman, den ich schreibe, kommen zwei, die ich nie schreiben werde. Meine Freundin hat mich neulich als „schreibsüchtig“ bezeichnet.
Ich hörte mal, der größte Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?
Ich sitze am liebsten im Café und lasse die Welt an mir vorbeiziehen, während ich schreibe. Einsamkeit tut mir nur in kleinen Dosen gut. Und mangelndes Talent ist definitiv ein Feind.
Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend oder sind Sie ständig „auf Sendung“? Wie schalten Sie ab?
Inzwischen bekomme ich das mit dem Abschalten ganz gut hin. Allerdings nie besonders lange. Ich kann mit meiner Familie drei Wochen in Urlaub fahren und in der Zeit nichts schreiben. Aber ich kann nicht drei Wochen nichts denken.
Was sind für Sie die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet Ihnen Mühe?
Die Euphorie, die einen erfüllt, wenn man merkt, dass man gerade seine Fangzähne in den Hintern einer großen Geschichte geschlagen hat, kann einen sehr weit tragen, manchmal bis über die dritte Überarbeitung des fertigen Romans hinweg.
Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Rai Edgar steckt in Ihren Büchern? Klar, „Ascona“ war ein biographischer Roman, in anderen Genres ist das vielleicht anders?
Natürlich steckt in jedem meiner Romane auch viel von Edgar Rai. Allerdings versuche ich, der Story nach Möglichkeit nicht zu sehr im Weg zu stehen.
Wenn Sie auf Ihre Bücher zurückschauen, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das Ihnen am nächsten ging, am wichtigsten oder persönlichsten war oder noch ist?
Es gibt Aspekte an bestimmten Romanen, die mir auch nach Jahren noch sehr nah sind: Die Atmosphäre in „nächsten sommer“, wie traumwandlerisch auf den letzten 50 Seiten von „Der sixtinische Himmel“ die Fäden zusammengeführt werden, die Stimmigkeit von „Im Licht der Zeit“.
Die meisten Schriftsteller lesen selbst viel – gibt es Bücher, die Sie geprägt haben, die Ihnen wichtig sind, Bücher, die Sie empfehlen würden?
Da ich nicht nur Schriftsteller bin, sondern außerdem gemeinsam mit Katharina von Uslar und meiner Tochter Leoni Kapell eine Buchhandlung betreibe: Ja, viele.
Welche fünf Tipps würden Sie einem angehenden Schriftsteller geben?
Willst du es wirklich?
Warum?
Wenn du anfangen musst, darüber nachzudenken, was du schreiben könntest – warte lieber noch.
Intuition ist ein Werkzeug. Den Umgang damit muss man üben.
Wenn du dich nur im flachen Wasser aufhältst, bist du ziemlich sicher am falschen Ort. Spannend wird es da, wo deine Füße den Bodenkontakt verlieren.
Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich Ein Blümchen stehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen, Da sagt es fein: Soll ich zum Welken Gebrochen sein?
Ich grubs mit allen Den Würzlein aus, Zum Garten trug ichs Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder Am stillen Ort; Nun zweigt es immer Und blüht so fort.
Das Gedicht wirkt in seiner Sprache und in seinem Gang sehr einfach und leicht verständlich.
Wir haben es mit einer einfachen Ballade zu tun ohne strenges Reimschema (Kreuzreim, aber es reimen sich nur jeweils zweiter und vierter Vers pro Strophe) aber mit einem zugrundeliegenden Rhythmus (ein durchgängiger Jambus mit abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen), der die erzählte Geschichte in einen Fluss bringt. Ein lyrisches Ich geht ohne Ziel in den Wald und stösst da auf eine Blume, strahlend schön. Er will sie mitnehmen, doch die Blume weist ihn darauf hin, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Das Ich lässt sich überzeugen und nimmt sie samt Wurzeln mit nach Hause, um sie wieder einzupflanzen.
Das Gedicht weist viele Merkmale der Philosophie der Weimarer Klassik auf, es kann damit als typischer Vertreter der Epoche gelten. Ein zentrales Element dieser Epoche war die Hochachtung der Schönheit. Es herrschte die Überzeugung, dass die Anschauung des Wahrhaften und Schönen den Menschen selber in seinem Charakter veredle. Dies passiert mit den lyrischen Ich bei der Betrachtung der schönen Blume. Will er sie erst noch brechen und ihr damit quasi das Leben nehmen, behandelt er sie danach sorgsam und bereitet ihr einen passenden Ort, an welchem sie auch in Zukunft gedeihen kann. «Gefunden» zählt zu den grössten Werken Goethes und es ist eines der am Häufigsten vertonten Gedichte von ihm.
Goethe schrieb dieses Gedicht am 26. 8. 1813 auf dem Weg nach Ilmenau und schickte es dann an seine Gartenarbeit liebende Frau Christiane als nachträgliches Geschenk zum 25. Jahrestag. Interessant ist dabei, dass die beiden sich das erste Mal in einem Park trafen. Das Wissen um diese Geschichte verstärkt den schon beim Lesen entstehenden Eindruck, dass eine weitere Ebene in dem Gedicht steckt, nämlich eine Liebesgeschichte.
Die Blume wird zur Frau mit sternenschönen Augen, das ruft dazu auf, achtsam mit der Geliebten umzugehen. Ziel des Zusammentreffens soll nicht einfach ein kurzes, impulsives Erlebnis sein, aus welchem Trauer und Vergänglichkeit entstehen, es soll ein lebenslanges Miteinander werden, in welchem die Frau weiter blühen und gedeihen kann. Malt man das Bild des Gedeihens der Blume weiter, ruft das Gedicht auch zur Pflege der Beziehung auf, da nur eine Beziehung hält und gedeiht, in welcher man sich auch – wie bei einer Blume im Garten – um den geliebten Menschen kümmert.
Zum Autor Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.
Matt geworden von der Zeiten Lauf hängt er seit Jahren an der Wand. Ein Bild, das keinen Inhalt trägt und nie verklärt, nur spiegelt was sich neu ihm zeigt.
Ich seh’ ihn an und sehe mich, und um mich rum nur wenig Welt, wie wenn ich ganz alleine wär’ für alle Zeit, die dieses Bild vor mir aufschlägt bis weit zurück.
Ich seh’ mich jung durch alle Falten, sehe freies Walten, wenig Pflicht, nur einfach tun. Ich sehe Leiden auch und Bangen,
Seh’ mich suchen, manchmal finden, alles steht in dem Gesicht. Ich möcht’ nichts missen, doch noch einmal jung sein möcht’ ich nicht.
Es kann die Ehre dieser Welt Dir keine Ehre geben, Was dich in Wahrheit hebt und hält, Muß in dir selber leben.
Wenn’s deinem Innersten gebricht An echten Stolzes Stütze, Ob dann die Welt dir Beifall spricht, Ist all dir wenig nütze.
Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm Magst du dem Eitlen gönnen; Das aber sei dein Heiligtum: Vor dir bestehen können.
Fontane kann es, Fontane darf es, Fontane trauen wir, wenn er etwas sagt. Wieso? Er kommt nicht nur mit weisen Ratschlägen daher, er sagt uns die Dinge auf den Kopf zu, die wir eigentlich selber wissen, aber doch immer wieder dagegenhandeln. Er kommt nie überheblich oder abwertend daher, er nennt die Dinge schlicht beim Namen und wir sitzen da, lesen es und denken: Ich hätte es eigentlich wissen sollen.
Aber von vorne. Was immer wir im Aussen suchen an Ehre, an Ruhm – es wird uns nie genügen. Von aussen wird nichts so sein, dass es uns hält oder gar hebt, dazu müssen wir in uns gehen. Wenn da nichts ist an Halt, an Erhebung, dann können wir im Aussen suchen, was wir wollen, es wird nichts nützen. Selbst wenn alle laut klatschen: Unser Zweifel bleibt.
Was immer von aussen kommt, ist flüchtig, selten von Dauer. Es mag ein kurzer Freudenmoment sein, doch dann ist dieser auch schon wieder vorbei. So sehr man sich drin suhlt, am nächsten Morgen wacht man ernüchtert auf und es ist nichts besser als am Tag davor – im Gegenteil. Das kurze Lob dient nur dem Eitlen, der es sich auf die Fahnen streichen will – nach aussen. Tief drin bleibt alles wie gehabt. Es gibt also nur eins: Sei so, wie du für dich sein willst und kannst. Und tue alles dafür, deine eigenen Massstäbe zu erfüllen, dir selbst als das beste Ich, das du sein kannst und das du sein willst, zu sein.
Dann wirst du den Applaus von aussen nicht mehr brauchen, denn er könnte nichts hinzufügen. Und wenn das nicht ist, kann er ausbleiben, denn er könnte nichts bringen, das dir nützen könnte. Für dich.
Ausgesetzt In einer Barke von Nacht Trieb ich Und trieb an ein Ufer. An Wolken lehnte ich gegen den Regen. An Sandhügel gegen den wütenden Wind. Auf nichts war Verlaß. Nur auf Wunder. Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht, Trank von dem Wasser das dürsten macht. Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen, Fror ich mich durch die finsteren Jahre. Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.*
Ein trauriges Gedicht, das von der Vertriebenheit, von der Fremdheit spricht. Das lyrische Ich befindet sich an einem Ort, an dem es nicht zu Hause ist, an einem Ort, den es nicht selber gewählt, sondern an welchem es ausgesetzt wurde. Es ist ein düsterer Ort, ein Ort der Dunkelheit, dafür spricht die Nacht. Die Barke deutet darauf hin, dass nicht wirklich auf ein Ziel hin treibt, mastlos, antriebslos liegt sie im Wasser, bis dieses sie an einem Ort an Land spült.
Die Welt selber zeigt sich von ihrer harten Seite mit Regen und Wind. Alle Orte, wo das Ich Zuflucht erhofft, zeigen sich als wenig vertrauenswürdig. Sie geben nach, sie geben nicht den gewünschten Schutz. Es gibt nur eines, was noch hilft: Ein Wunder.
Die Sehnsucht nach diesem Wunder ist gross, und es besteht Hoffnung. Beides wird geschürt, denn es ist alles, was ist in dieser Fremde, in diesem unbekannten Land. Die Fremdheit und die Einsamkeit lassen Kälte aufkommen, nichts ist da, was wärmt.
In dieser Kälte, Dunkelheit und Fremdheit gibt es nur eines, das Zuflucht verspricht: Die Liebe. Sie ist der Hort, sie ist, worauf sich bauen lässt. In der Liebe liegt ein Gefühl von Heimat, von Aufgehoben-Sein.
Erst noch ohne Punkt und Komma gleitet das Gedicht dahin gleich dem Treiben der Barke auf dem Wasser. Dann die Versuche, Schutz zu finden, die Orte als einzelne Zeilen durch Punkte getrennt. Das Fazit, dass es vergebens ist, ebenso abgesetzt. Man spürt förmlich, wie bei jedem Ich eine Stagnation, eine Resignation steht. Es folgen neue, hoffnungsvolle Versuche, fast atemlos über zwei Zeilen hinweg. Und wieder ein Punkt, an dem die Hoffnung stockt, gefolgt von der Bilanz und wohl auch Hoffnungslosigkeit, das Gesuchte, Erhoffte im Aussen zu finden.
Was bleibt, ist die Liebe.
Zur Autorin Mascha Kaleko war eineVertriebene und Heimatlose. Am 7. Juni 1907 als Tochter eines russischen Vaters und einer österreichischen Mutter in Chrzanow geboren, floh die Familie 1914 vor den Pogromen nach Westen. 1918, der Vater war grad aus Gefangenschaft (in die er wegen seiner russischen Staatsbürgerschaft gekommen war) freigekommen, zog Mascha mit ihren Eltern nach Berlin, wo sich Mascha endlich zu Hause fühlte. Nach der Schule begann sie eine Arbeit im Büro, belegte daneben Abendkurse an der Universität (das gewünschte Studium versagte ihr der Vater) las daneben viel und schrieb Gedichte. Sie heiratete 1928 den Philologen Saul Kaléko, veröffentlichte ein Jahr später erste Gedichte, 1933 ihren ersten Gedichtband und feierte grosse Erfolge, die 1935 ein jähes Ende nahmen, als das Regime ihre jüdische Identität bemerkte.
1935 lernte sie den Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen. Als bald darauf das gemeinsame Kind unterwegs war, wollte sich Mascha scheiden lassen, erst ohne Erfolg, ihr Mann willigte nicht ein. Erst 1938 kam es zur Scheidung, die zweite Hochzeit und die Emigration in die USA. Mascha fühlt sich entwurzelt, vermisst die Sprache. Erst 1955 besucht Mascha erstmals Deutschland. 1960 der nächste Ortswechsel, Mascha und Chemjo ziehen nach Palästine, wieder eine Fremde für Mascha, die ewig Heimatlose. Der Tod des Sohnes 1968 stürzt die beiden Eltern in ein tiefes Loch, Chemjo stirbt nach schwerer Krankheit 1973, lässt Mascha einsam und noch melancholischer zurück. Sie rafft sich nochmals auf, geht auf Reisen nach Deutschland, in die Schweiz, wo sie 1975 stirbt.
«Er war 53 und weltberühmt. Ja, berühmt, aber auch scheu und in neuen Lebenssituationen und unter vielen Menschen seltsam ungelenk, nie wirklich selbstsicher. Stefan Zweig war ein suchender Mensch, immer auch auf der Suche nach dem ruhenden Pol in sich selbst, nach Selbstgewissheit.»
Im Sommer 1936 zieht es Stefan Zweig nach Ostende. Er will arbeiten, in Ruhe, Ruhe haben von seiner Frau, mit der er schon lange nicht mehr glücklich ist, Ruhe haben von dem, was zu Hause abgeht politisch. Er schreibt an seine Sekretärin und Geliebte, Lotte Altmann nach London, sie solle mitsamt ihrer Schreibmaschine nach Ostende kommen. Sie würden da einfach leben. Es ist nicht das erste Mal, dass Stefan Zweig in Ostende ist, es ist ein sicherer Wert, er weiss, wer und was ihn da erwartet: Viele seiner Schriftstellerkollegen und Freunde, die wie er auf der Flucht sind vor einem Regime in einem Land, das das ihre nicht mehr sein kann, weil ihre Bücher da nicht mehr erscheinen dürfen: Joseph Roth, Irmgard Keun, Hermann Kesten, Ernst Toller, Egon Erwin Kisch.
«Jetzt sind sie Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt.»
Besonders mit Joseph Roth verbindet Stefan Zweig eine enge Freundschaft – eigentlich mehr als das. Es ist eine grosse Bewunderung für dessen Schaffen, das er aber am Alkohol zugrunde gehen sieht; und Roth damit. Der jüngere Freund, dem Alkohol durchaus zugetan, steht finanziell und gesundheitlich immer am Abgrund, ist auf die Hilfe seines brüderlichen Freundes angewiesen, kann sie aber doch nicht ganz annehmen, da er sich für die Abhängigkeit schämt und sich nicht unterlegen zeigen will.
Roth trifft in Ostende auf Irmgard Keun, es ist der Beginn einer zweijährigen Beziehung, welche neben der grossen Liebe (Roth ist wohl Keuns grösste Liebe in ihrem Leben) aus Schreiben und Trinken besteht, die beiden sind in beidem sehr fleissig.
Volker Weidermann ist ein wunderbares Porträt der Schriftsteller auf der Flucht gelungen. Mit feinem Blick, zielsicherer Sprache und genügend Wissen, die Inhalte auf leichte Art zu erzählen malt er ein Bild einer Oase in der Zeit, welche einerseits die Wunden durchscheinen lässt, andererseits die Kompensationsstrategien der Einzelnen aufzeigt – und dies ohne moralinsaure Stimme, ohne abschätzigen Ton, ohne zu stark zu Psychologisieren.
Persönlicher Bezug Stefan Zweig war meine erste grosse Liebe in der Welt der grossen Literatur. Liebte ich ihn in der Jugend vorbehaltslos, kam im Zuge meines Studiums durchaus ein kritischer Blick auf ihn, die Überfülle des Adjektivgebrauchs, die teilweise doch sehr überschwängliche, blumige, sentimentale Herangehensweise an seine Stoffe, entsprachen durchwegs nicht ganz dem, was ich als grosse Literatur im strengen Sinne bezeichnen wollte, und doch war da etwas eigentümlich Packendes in seinen Darstellungen sowohl von Menschen als auch von Zeiten. Es gelang Stefan Zweig immer wieder, sowohl die Menschen authentisch und erfahrbar zu präsentieren, und die Zeiten plastisch werden zu lassen. Und durch Zeit und Mensch schien immer etwas durch: Stefan Zweig selber.
Als ich dann auch noch auf seine Gedichte stiess, die mich sehr berührten und einnahmen, war die Liebe wieder intakt. Es war schon von daher ein Muss, dieses Buch zu lesen. Aber es gab noch mehr Gründe:
Irmgard Keun ist eine in meinen Augen viel zu wenig beachtete Schriftstellerin. Die kecke Art, auf eine vordergründig naive Weise von den Zuständen im Dritten Reich zu schreiben, dabei aber tief in die Abgründe zu stossen und diese sichtbar zu machen, beläufig und doch nicht als Nebenschauplatz, ist grossartig. Und nicht zuletzt schätze ich Volker Weidermann für sein Wissen, für seine Art, dieses auf gut nachvollziehbare und unterhaltsame Weise zu Papier zu bringen, so dass jedes Buch nicht nur informativ, sondern auch eine grosse Lesefreude ist.
Fazit Ein grossartiges Buch über die Geschichte einiger Schriftsteller auf der Flucht, das mit viel Hintergrundwissen, Menschlichkeit und einem gut lesbaren Erzählfluss aufwartet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.
Zum Autor Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist seit 2015 Autor beim SPIEGEL und war Gastgeber des »Literarischen Quartetts« im ZDF. Zuletzt erschien von ihm »Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft«, »Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen« und »Das Duell. Die Geschichte von Günther Grass und Marcel Reich-Ranicki«.
Angaben zum Buch Taschenbuch: 160 Seiten Verlag: btb Verlag (10. August 2015) ISBN: 978-3442748914 Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH
Deine Seele, die die meine liebet, Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.
Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben.
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit Maschentausendabertausendweit.
Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzenthron, Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl Und Wang die Wange bunt geknüpfte Zeiten schon.
Dieses Gedicht (geschrieben 1906, erschienen 1910) ist wohl eines der schönsten von Else Lasker-Schüler und es trägt in sich all das, was ihre Poesie so herausragend, so einzigartig macht. Schon die ersten beiden Zeilen sind sinnbildlich für ihr Schreiben und ihre Fähigkeit, durch Worterfindungen neue Bedeutungsebenen zu machen, welche in einem Bild daherkommen, das die Sprache übersteigt. Ebenfalls typisch ist das orientalisch-exotisch Anmutende und die Symbolsprache.
Formal haben wir vier Verse, dreimal zwei Zeilen, einmal drei, alles im Trochäus mit ansteigender Zahl der Hebungen. Der Reim ist paarweise, bis auf den letzten Vers, da ist quasi ein Störfaktor durch die mittlere Zeile, welche sich nicht wirklich reimt, man könnte höchstens eine Assonanz anbringen. Zufall? Nein, da wusste eine Dichterin ganz genau, was sie tut, dazu später mehr. Das soll auch genügen als Formanalyse.
Zwei liebende Seelen, die miteinander verbunden sind. Schon das Bild des Tibetteppichs mit den Seelen als Fäden wäre grossartig, durch die Umstellung des Worts wurde aus dem Teppich ein ganzes Land, quasi eine neue Welt nur für die beiden Liebenden. Damit verlässt Else Lasker-Schüler das Bild des Teppichs, sucht neue Metaphern und Symbole, um die Liebe auszudrücken. Aus Fäden werden Strahlen, Farben bringen sich ein, der Sternenhimmel wird dazu genommen, alles, um immer wieder das gleiche Bild zu beschwören: Zwei Seelen, die miteinander verbunden sind. Die Sprache kann es allein nicht ausdrücken, es braucht Bilder.
Im nächsten Vers kehrt Else Lasker-Schüler zum Teppich zurück, nun ist er die Grundlage, auf welcher die Liebenden stehen. Nicht nur im Moment, sondern «maschentausendabertausendweit» – ein Bild der Unendlichkeit. Daraus spricht der Wunsch, dass die Liebe halten möge, ein Wunsch, den Else Lasker-Schüler zeitlebens hatte, der ihr aber nie erfüllt werden sollte. Sie war eine ewig nach Liebe suchende, sie sich Ersehnende, aber sie nie wirklich auf Dauer Findende.
Der vierte Vers bringt nochmals eine neue Symbolsprache. Mit dem Lamasohn wird quasi ein Prinz angesprochen – landläufig gilt der Lama als Oberhaupt einer buddhistischen Schule, was nicht stimmt, aber dem Bild keinen Abbruch tut. Da die Erbfolge durch Wiedergeburt funktioniert, könnte man den Nachkommen als Sohn bezeichnen. Moschus wiederum wurde früher als Sexuallockstoff eingesetzt. Hier kommt zur seelischen Ebene die körperliche dazu. Und dann der oben erwähnte Reim-Bruch. Die mittlere Zeile des vierten Verses stört das Reimmass. Hier schweift Else Lasker-Schüler ab, sie geht vom Beschrieben der Verbundenheit hin zur Hoffnung und auch Angst: Wie lange wird das dauern? Und wie lange hält das schon an?
Man hätte sich diese Interpretation wahrlich leicht machen können: Da schreibt eine über ein lyrisches Ich, das durchaus autobiographisch zu werten ist, wie so vieles in Lasker-Schülers Lyrik, das sich Liebe wünscht, sie sucht, sie findet, und zu verlieren befürchtet. Aber die Bilder, welche sie zum Aufzeigen dieser Verbundenheit durch die Liebe wählt, sie sind grossartig. Und drum sind Analysen teilweise so toll: Man geht nicht einfach mit dem Gefühl «Ist das schön» über ein Gedicht hinweg. Man schaut hin und merkt, wieso es so schön ist. Ab und an hilft das, zu erkennen, was man selber gerne hätte. Und wieso. Man lernt, hinzuschauen. Dafür danke ich der Lyrik und dafür mag ich so grossartige Dichterinnen wie Else Lasker-Schüler. Sie lehren einen das Sehen.
Zur Autorin Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband.
Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.
Inhalt Anfang der 1930er-Jahre flieht Erich Maria Remarque aus Berlin in sein Haus in Ascona. Der Autor, der mit seinem Buch «Im Westen nichts Neues» grosse Erfolge feierte, fühlt sich in Deutschland nicht mehr sicher und hatte ein gutes Timing: Am Tag nach seiner Flucht wird Hitler zum Reichskanzler ernannt und wenig später landen Remarques Bücher im Feuer.
«Hier saßen sie, am Lago Maggiore, während ihr Land in einem Strudel aus Willkür und Gewalt versank. Ohnmacht war ein quälender Zustand.»
Erich Maria Remarque ist nicht der einzige in Ascona, mit ihm finden sich 1933 eine ganze Reihe in Deutschland nicht mehr gewünschter Künstler ein, unter anderem Else Lasker-Schüler, Marianne von Werefkin, Ernst Toller oder Emil Ludwig.
Er selbst würde immer ein Hineingeworfener bleiben, trotz seines Erfolgs, seiner Villa, des Autos und der Kaschmirschals. So teuer konnten die Zigarren und der Wein nicht sein, dass die Thomas Manns und Bertold Brechts dieser Welt ihn nicht dahinter erkannt hätten. Alles Staffage.
Remarque leidet an der Zeit, an Selbstzweifeln und unter seinem blockierten Schreiben, er ertränkt sein Leiden im Alkohol, treibt Raubbau mit seinem Körper, flüchtet sich in Liebschaften, die ihm dann doch wieder zu eng werden. Als auch noch seine Exfrau in Ascona auftaucht, wird alles noch komplizierter. Dann trifft er die eine Frau, in die er seine Hoffnungen setzt, obwohl sie teilweise innerlich wie äußerlich viel zu weit weg scheint. Als die Lage sich in ganz Europa zuspitzt, ist sie es, die ihn aus seinem Schweizer Exil holt.
Zum Buch Anhand von Erich Maria Remarques Biografie wird in «Ascona» das Bild einer Zeit wieder lebendig, die wohl als die schwärzeste unserer hiesigen Welt bezeichnet werden darf. Wir treffen zusammen mit Remarque auf eine ganze Reihe namhafter Persönlichkeiten, die alle ihre Heimat verloren haben und im Exil zwischen Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnung schwanken, wobei jeder für sich anders damit umgeht.
Edgar Rai ist es gelungen, sowohl Remarque als auch das Leben im Exil auf anschauliche, authentische, eindrückliche Weise zu schildern, die sowohl kompetent recherchiert und doch flüssig zu lesen ist. Es ist ihm gelungen, das Zeitzeugnis als unterhaltsame, mitreißende, betroffen machende und einnehmende Weise zu erzählen. Zudem weckt das Buch den großen Wunsch, mehr über die Zeit und die in der Geschichte spielenden Figuren zu erfahren.
«Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineingab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm bei Schreiben wirklich ging.»
«Ascona» ist aber nicht nur die Geschichte einer Zeit, es ist auch die Geschichte von Remarques Schreiben, mit allen Kämpfen, die damit zusammenhingen. Es ist die Geschichte der Entstehung seines Romans «Drei Kameraden», die Geschichte um das Ringen mit der Geschichte und mit sich selbst.
„Arbeiten, das sollte er! Das Schaffen im Exil war ja auch immer ein Akt der Selbstbehauptung.“
Persönliche Einschätzung Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Wollte ich es erst noch neben anderen Büchern und in kleinen Etappen lesen, musste ich alles andere bald zur Seite legen und mich nur noch diesem Buch widmen. Einerseits liegt das sicher daran, dass mich diese Zeit und alles damit Zusammenhängende interessiert und ich generell Künstlerbiographien, vor allem solche von Schriftstellern, liebe. Andererseits liegt es aber auch an der wirklich großartigen Erzählleistung von Edgar Rai.
Es finden sich in diesem Buch immer wieder wunderbare Sätze, die fast poetisch anmuten. Dabei wirken diese aber nie deplatziert, gekünstelt oder irgendwie unpassend, sondern sie machen das Buch zu einer noch größeren Freude für den Leser. Hier nur ein Beispiel:
„…der See flirrte als blaue Ahnung durch das Grün.“
Fazit Eine sehr intensive Geschichte um einen in Depressionen und Alkohol versunkenen Schriftsteller, die das Leiden an der Zeit sowie das Kämpfen ums eigene Überleben in derselben auf plastische, sprachlich hochstehende und trotzdem lesbare Weise erzählt. Ganz große Leseempfehlung.
Zum Autor Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 war er Dozent für Kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 ist er Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie zuletzt »Die Gottespartitur« (2014) und »Halbschwergewicht« (2018). Als Autorenduo zusammen mit Hans Rath entwickelte er die Kriminalromanreihe »Bullenbrüder«, zu denen die beiden auch die Drehbücher verfasst haben. Außerdem legte Edgar Rai unter dem Pseudonym Leon Morell den Bestseller »Der sixtinische Himmel« vor. Er lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Amelie Thoma, und den gemeinsamen Kindern in Berlin.
Die Möwe fliegt mit weiter Spanne, zieht in Kreisen übers Meer. Mit heis’rem Ruf, der um sich greift, durchschweifend Raum und Zeit, im Wolkenweit des Himmelsfelds; und wer
ihr mit dem Blicke folgt weit übers Meer, verliert sich hinterm Horizont und kommt dann wieder her. Er zieht ganz einem Engel gleich und lässt zurück das Erdenschwer.
So ziehen oft Gedanken auch in ferne Welten weit hinweg, verlassen diese schwere Zeit und suchen einen Hort,
wo sie sich tief geborgen fühlen, Frieden finden für sich selbst; wo sie vom Trubel Zuflucht suchen, einen Heimatort.