Rassismus akzeptiert?

Ein Schweizer Politiker verbreitet fragwürdige, stark rassistische Sätze über Twitter. Ein kurzer Aufschrei, er wird aus allen Stellen ud Ämtern entlassen. Einen Tag später herrscht Stille. Deutschland spielt gegen Italien, Europameisterschaft. Noch nie las ich so oft das Wort „Neger“ und hörte abfällige Bemerkungen über Menschen anderer Hautfarbe. Ist Rassismus in der Schweiz heutzutage Kavaliersdelikt? Ist mit dem Stempel „ich will ja nur Spass“ alles erlaubt?

Diese Tendenz ist in meinen Augen bedenklich. Man nimmt es hin, dass Menschen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe wegen verspottet oder gar todgewünscht werden. Man schweigt, verschliesst die Augen. Klar droht bei diesen Äusserungen keine Gefahr. Sie sind Ausgeburt unserer unüberlegten Schnellschusskommunikation über Medien wie Facebook und Twitter. Wo werden sie enden? Was säen sie? Die Gegner schweigen, die Befürworter werden sie schlucken, auf den Haufen der eigenen Diffamierungen werfen und irgendwann wird der gross sein. Sie werden sich zusammen scharen. Die Parolen vorbringen. Und dann? Und selbst wenn nicht… Was passiert hier? Wieso interessiert das niemanden?

Dasselbe in einem anderen Land hätte zu tagelangem Entsetzen geführt. Die Medien sämtlicher Länder schreiben mehr über die Kristallnachtaffäre als die Schweizer Presse, die Presse des Landes, in dem der Skandal passierte. Wieso ist das so? Wieso schweigt die Schweiz, wo sie sprechen müsste? SInd wir so liberal, dass uns nichts etwas angeht? Muss die so hochgehaltene Toleranz und Meinungsfreiheit auch hier hinhalten? Wir enthalten uns. Schweigen. Vielleicht stirbt so alles?

Bedenklich. Traurig! Ich hoffe, dass irgendwann eine Generation heranwächst, die den Mund aufmacht. Die nicht mehr toleriert, dass nur schon solche Äusserungen bei einem Fussballmatch stillschweigend hingenommen werden. Von Kristallnachtsmeinungen ganz zu schweigen.

Himmel hoch jauchzend – zu Tode betrübt

Es gibt Tage, da könnte ich die ganze Welt umarmen. Ich bin dankbar für das Leben, das ich lebe, für die Möglichkeiten, die ich hatte und habe. Ich sehe mich als Glückspilz und es sprudelt förmlich aus mir raus. In dieser Zeit geht alles leichter von der Hand, mein Umfeld ist zufrieden, wir lachen, lieben uns, der Tag nimmt seinen Lauf mit all den schönen kleinen Dingen am Wegesrand. Schön wäre, wenn nun wie im Märchen der Abspann käme: Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute in Friede, Freude und essen Eierkuchen, strahlen mit der Sonne um die Wette und halten sich an den Händen, Ringelreihen tanzend. Doch das Leben ist kein Märchen.

Plötzlich dreht der Wind. Wo vorher Sonne schien, ziehen Wolken auf, ab und an ein wahrer Platzregen, Wirbelsturm. Alles düster, alles fies. Die Mundwinkel verziehen sich von fünf vor zwölf (was es wohl auch war) zu fünf vor halb sieben, drei Tage Regenwetter sind ein Dreck dagegen. Und irgendwie klappt nichts mehr. Was vorher noch einfach so flutschte, geht nicht mehr, die zufriedenen Umfeldmenschen werden anstrengend, motzig, am Wegesrand fällt mir nichts mehr auf, da ich mit anderem beschäftigt bin und dass das Leben kein Märchen und schon gar kein Zuckerschlecken ist, scheint offensichtlich.

Der Auslöser für solche Dinge? Keine Ahnung. Ein Wort, eine Nachricht, ein Blick, etwas, das nicht ging, eine enttäuschte Erwartung, unfaires Verhalten anderer. Der ganz normale alltägliche Wahnsinn halt, der mich aus meiner eigenen Welt reisst und mich mit den Tücken des Lebens konfrontiert. Was dagegen hilft? Auch keine Ahnung. Erst grummle ich vor mich hin. Schimpfe auf die Welt, die Menschen, mich selber. Dann igle ich mich ein, wurstle vor mich hin. Dann setzt sich langsam Ruhe. Und irgendwann geht die Sonne wieder an. Und es geht aufwärts. Das kann Stunden dauern, Tage, selten länger. Aber es nervt. Ab und an. Und dann wünschte ich mir ein sonniges Gemüt tagein, tagaus, immer lächelnd, immer nett. Wünschte mir, mir nicht alles ständig so zu Herzen zu nehmen, nicht immer mich selber und das Leben zu hinterfragen, sondern locker flockig durch die Welt zu gehen. Dann frage ich mich, wieso ich bin, wie ich bin. Und höre von rundrum, ich denke zu viel. Tue ich das? Kann man das abstellen? Wo?

Will ich das? Eigentlich nicht. Ich mag mein Denken, mag meine Logik, meinen Verstand und meine Kreativität. Sind die Schwankungen der Preis dafür? Ab und an denke ich es. Ein weiser Mann sagte mir mal, alles hätte seinen Preis. Er hatte wohl recht. Die Frage sei, so der Mann weiter, ob man bereit sei, den Preis zu zahlen. Das zeige, wie viel einem etwas wert sei. Bin ich bereit? Habe ich eine Wahl? Wohl kaum. Ich habe nur die Wahl, wie ich damit umgehen will. Und da bleiben zwei Möglichkeiten:

  • Mich annehmen, wie ich bin
  • Mit mir hadern und schimpfen und anders sein wollen

Beide sind möglich, nur wird die zweite Möglichkeit das Problem nicht lösen, sondern noch eines dazu bringen. Möglichkeit eins sollte nicht absolut stehen. Ich denke, man kann an solchen Schwankungen arbeiten. Allerdings sehe ich, dass eben genau die Grummelphasen auch sehr viel an Energie, kreativer Energie freisetzen. Und genau die möchte ich nicht missen. So bleibt wohl nur: Annehmen, durchstehen, rausnehmen, was fliesst und dran glauben, dass es wieder hoch geht.

Dankbar bin ich für ein Umfeld, das mich nicht so schwierig empfindet, wie ich das ab und an tue. Dankbar bin ich für die, welche mich mögen, lieben, da sind und mir immer das Gefühl geben, ich sei gut, wie ich bin. Vor allem dann, wenn ich ins Hadern verfalle. Und so bleibt am Schluss die Erkenntnis, dass alles immer zwei Seiten hat. Und diese Seiten immer wieder selber zwei Seiten. Und so blättern sich die Seiten auf zu einem ganzen Leben, das bunt und farbig ist und lebendig. Und eigentlich ist das gut so und genau so, wie ich es haben möchte. Ich bin ein Glückskind!

Beschneidung – Körperverletzung oder religiöse Tradition?

Der Entscheid des Kölner Landgerichts, dass die Beschneidung von Jungen strafbar sei, stösst nicht überall auf Begeisterung. Das Amtsgericht hatte noch befunden, die Beschneidung sei Ausdruck einer Zugehörigkeit und damit statthaft, stellte sich das Langericht Köln auf den Standpunkt, dass die Beschneidung nicht dem Kindswohl diene, sondern eine Körperverletzung darstelle. Der jüdische Zentralrat verurteilt den Entscheid des Landgerichts als „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“. Der muslimische Zentralrat enthält sich bislang einer Stellungnahme.

Während die Beschneidung von Mädchen bereits seit einigen Jahren rechltich nicht mehr zulässig ist, war die Beschneidung von Knaben bislang medizinische Grauzone. Immer wieder gab es Diskussionen, ob man nicht auch der Beschneidung des männlichen Nachwuchs Einhalt gebieten solle, sofern diese nicht medzinisch angezeigt sei. Allerdings haben sich sowohl der muslimische wie auch der jüdische Zentralrat dagegen gewehrt und den Kritikern Diskriminierung und Bevormundung vorgeworfen.

Wo liegt der Unterschied zwischen der Beschneidung von Jungen und Mädchen? Die Argumente gleichen sich ziemlich:

  • Hygiene
  • Religion
  • Tradition

Bei Mädchen kommt noch der Anspruch auf Treue in der Ehe dazu, so dass man ihnen die Geschlechtsorgane abschneidet, um ihnen die Lust an sexuellen Aktivitäten nimmt. Dies wird vor allem aus feministischen Kreisen als Unterdrückung der Frau gewertet. Allerdings beklagen beschnittene Frauen selten ihre Sexualität, will man Artikeln zu dem Thema glauben. Dazu kommt, dass in den traditionellen Regionen vornehmlich Frauen Frauen beschneiden. Sind sie alle unterdrückt?

Was unbestritten ist, dass eine Beschneidung – egal ob bei Jungen oder Mädchen – ohne medizinische Versorgung und sterile Gerätschaften eine Gefährdung für Leib und Leben darstellt, die nicht zu tolerieren ist. Die meisten gesundheitlichen und lebensbedrohlichen Folgen stammen von unhygienischen und unprofessionellen Eingriffen. Ein solcher Eingriff ist verständlicher Weise als Gefährdung von Leib und Leben zu werten. Wie sieht es aber aus, wenn ein Arzt mit dem entsprechenden Können und Werkzeug den Eingriff vornimmt? Was bleibt?

Ein nicht medizinisch indizierter Eingriff sein eine Grenzüberschreitung, die körperliche Integrität des Kindes werde tangiert. Es ist ein Eingriff gegen die körperliche Unversehrtheit. Nur: wo fängt die an, wo hört die auf? Was ist mit abstehenden Ohren? Ein rein ästhetisches Problem ohne medzinische Indikation. Was mit der Operation einer nicht medzinisch gefährlichen Trichterbrust? Was mit Ohrlöchern? Nasenlöchern? Andern Piercings? Tattoos? Wo ist die Grenze? Und wenn man all das weiter toleriert, was rechtfertigt dann ein Verbot der Beschneidung? Oder war es endlich mal Zeit, für das Recht des Kindes am eigenen Körper einzustehen?

Kinder sind immer abhängig, da sie selber noch nicht handlungsfähig sind. Den Eltern obliegt die Pflicht, für ihr Kind nach bestem Wissen und Gewissen innerhalb rechtlicher Grenzen zu entscheiden. Die Grenzen sind meist da gesetzt, wo das Kindswohl tangiert ist. Doch wie setzt sich Kindswohl zusammen? Sicherlich auch durch die eigene Identität, welche durch die Gemeinschaft, in welcher ein Kind lebt, geprägt ist. Traditionen und Religion sind stark Identätsbegründend. Das Wirgefühl einer solchen Gemeinschaft verhilft zu Halt und Stabilität, welche für den Menschen und vor allem für Kinder wichtig sind. Gemeinschaften wiederum haben verbeindende Rituale, welche in ihren Traditionen und ab und an in Büchern verankert sind. Die Beschneidung ist eines davon. Nun wandelt die Zeit und gewisse Dinge erscheinen überholt. Doch wer entscheidet, was überholt ist? Kann das ein Gemeinschaftsfremder tun? Sich über die Gemeinschaft setzen und befinden, was geht und was nicht?

Man kann argumentieren, dass sich die Gemeinschaft innerhalb eines Landes befindet, in dem diese Gemeinschaft willkommen ist, in dem aber die Gesetze der entsprechenden Kultur gelten. Diese Kultur (im Falle Deutschlands und anderer westlicher Staaten) besagt, dass die körperliche Unversehrtheit oberstes Gebot ist. Beschneidung kommt in unserer Kultur nicht vor, sie wird als Eingriff gewertet. Man könnte also Integration fordern, Anpassung an die eigenen Gesetze. Allerdings fällt das schwer bei religiös begründeten Ritualen, da Menschen-/Grundrechte höher zu werten sind als nationale Rechte. Sie sind in der Hierarchie der Gebote und Verbote zu oberst, alles andere darf nicht widersprechen.

Wer kennt die Antwort und wer hat das Recht, sie vollumfänglich und absolut gültig zu erteilen?

 

Den vollständigen Artikel findet man im Internet unter der URL
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,841084,00.html

Zum Thema
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Initiative: Bundesländer wollen Genitalverstümmelung zur Straftat
erklären
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,659639,00.html

Genitalverstümmelung: „Ihr Körper muss das Zeichen der Klinge tragen“
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,744488,00.html

Ländervergleich: Wo es für Frauen am gefährlichsten ist
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,768517,00.html

Frankreich: Eltern wegen Beschneidung ihrer Töchter verurteilt
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,836561,00.html

 

Die Schweiz, ein Klassensystem?

Die SVP hat eine neue Idee: Künftig sollen die Schweizer nach Urschweizern und Eingebürgerten unterschieden werden. Damit das besser geht, soll ein Vermerk in den Pass. Man hätte sich in der Schweiz die Probleme eingebürgert, da Menschen mit Migrationshintergrund mehr Sozialhilfe empfingen, mehr Delikte verüben. Überspitzt gesagt: Alles Schlechte kommt von aussen. Und dem will man nun mit Statistiken auf den Leib rücken. Hätte man die klare Sichtbarkeit über die Herkunft der Menschen, könnte man die prozentuale Beteiligung an den Fällen statistisch darstellen und in der Folge besser fassen.

Die Idee an sich weckt schon schlechte Gefühle. Es klingt nach staatlichem Abstempeln von Menschen, nach Kategorisierung in Menschen erster Klasse und Menschen zweiter Klasse. Wagt man einen Blick in die Geschichte, verstärken sich die Gefühle: Stempel in Pässen… das hatten wir schon einmal. Die Juden im Dritten Reich wurden auch damit bedacht. Jeder als Jude definierte Mensch musste im Pass einen Stempel tragen. Das reichte bald nicht mehr. Das nächste war die Armbinde. Was schwebt der SVP da vor? Binden mit Schwarzen Schafen?

Was aber soll mit den so gebrandmarkten passieren? Dass es nicht bei der Statistik bliebe, liest man fast zwischen den Zeilen, denn eine Papierstatistik alleine hilft noch nichts. Es mag zwar nett sein, Diagramme zu zeichnen, Vergehen und Herkunft miteinander in Verbindung zu setzen und daraus farbige Kuchenstücke zu kreieren. Das alleine wird auf Dauer nicht reichen. Die weitere Folge könnte ein Vorstoss sein, Bürgerrechte wieder zu entziehen. Nur: das könnte man sogar ohne Stempel im Pass. Mit einem Gesetz im Stil von „Wenn ein Eingebürgerter innerhalb einer Frist straffällig wird, verliert er seine Bürgerrechte.“ Das wäre heikel. Das im Kollektiv zu machen wohl noch mehr. Der Justizdirektor Martin Graf tendiert zu dieser Annahme (laut Tagesanzeiger). Das war auch mein erster Gedanke.

In Anbetracht der staatspolitischen und staatsrechtlichen Überlegungen sehe ich dies allerdings als (so hoffe ich doch) schwer umzusetzen. Ich denke eher, es ginge dann um eine noch viel höhere Schwelle bei der Einbürgerung. Hätte man erst schwarz auf weiss, was man gerne so hätte (und man kriegt fast jedes Resultat statistisch hin, wenn man nur die Fragestellung entsprechend legt und die Auslegung den eigenen Zielen folgend formuliert), wäre wohl der nächste Schritt, die nun als These vorgelegte Behauptung „Wir haben uns die Probleme eingebürgert!“ (Zitat von SVP-Parlamentarierin Barbara Steinemann im Zürcher Kantonsrat am 25. Juni 2012) als Begründung dafür zu nutzen, dass Einbürgerungen viel härteren Kriterien ausgesetzt werden müssten. Das ist ja schon lange Ziel der SVP und wird in stark SVP-lastigen Gemeinden schon so ab und an sp praktiziert.

All die Spekulationen über mögliche Folgen ungeachtet, bleibt zu sagen: Eine solche Motion, wie sie die SVP im Zürcher Kantonsrat vorbrachte, ist ein grosser Schritt in eine Ecke, die bedenklich ist. Dies nicht nur wegen der Assoziationen zu einer der schwärzesten Zeiten der europäischen Geschichte, sondern schon aus ethischen Gesichtspunkten. Die Motion führt zur Brandmarkung von Menschen, teilt diese in Klassen ein. Es wäre dann nur ein echter Schweizer, wer als solcher geboren wurde, der anfere ein Schweizer zweiter Klasse quasi. Klar kann die SVP dagegen halten, das hätten sie nie so gesagt und es sei ein Schuft, wer so denke. Die Geschichte der SVP und ihr Gedankengut und ihre Parolen sprechen eine deutliche Sprache, die diesen Schluss durchaus zulässig machen – fast schon nahelegen. Dass eine Partei wie die Grünliberalen sich an diesen Karren anhängen, lässt diese noch junge Partei in einem sehr schlechten Licht erscheinen. Schade drum. Ich hoffe, es finden sich genug Parteien, die vehement dagegen sind. Es wäre bedenklich, mit solchen Zeichen und solchem Verhalten im Ausland gesehen zu werden.

Zur selben Zeit findet man bei Twitter eine Meldung eines SVP-Politikers, der Moscheen und die Kristallnacht innerhalb von 160 Zeilen in Beziehung setzt. Der klare Wortlaut ist Streitsache und liegt bei der Staatsanwaltschaft. So oder so: schaut man auf die Geschichte der letzten Jahre in dieser Partei, so stehen schon grosse Fragezeichen am Firmament. Ist das tragbar? Ist das das, was mit Meinungsfreiheit toleriert werden muss? Kann man ein Recht, das entstand, um eben Randgruppen und Minderheiten zu schützen vor der Unterdrückung der grossen und starken Stimmgruppen, darauf verwenden, genau gegen diese kleinen Gruppen zu schiessen und zwar auf eine Weise, die deren Persönlichkeitsrechte verletzen? Mein Fazit bleibt: bedenklich und beängstigend.

Dackel Herkules und die komplizierten Menschen

Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem grossen Lastwagen verstauen, der auf der Strasse davor parkt.

Dackelmischling Herkules’ Frauchen Carolin hat endlich den richtigen Mann gefunden, auch wenn der ein gebrauchter Mann ist. Was das genau ist, weiss Herkules noch immer nicht, sein bester Freund Herr Beck versucht es ihm aber zu erklären, so wie er ihm immer die Welt erklärt bei ihren Streifzügen durch den Garten. Er warnt Herkules auch, dass das Zusammenleben mit Menschen meist kompliziert ist, da Menschen kompliziert sind. Von Happy Ends hält Herr Beck gar nichts.

Herkules kann das nicht glauben und schimpft Herrn Beck einen alten Zyniker. Er sieht das Happy End deutlich vor sich, da er nun endlich eine ganze Familie hat mit Carolin, ihrem neuen Freund Marc und dessen Tochter Luisa. Was so idyllisch anfängt, wird bald wirklich kompliziert, als Marcs Exfrau Sabine auftaucht, welche nicht gut auf Carolin zu sprechen ist. Carolin teilt diese Abneigung. Dass Marcs Mutter, die vorübergehend in Marcs und Carolines Haus ein und aus geht, Position gegen Carolin einnimmt, macht das Zusammenleben nicht einfacher. Zwischen Carolin und Marc entsteht ein handfester Streit.

Als ob das nicht genug wäre, erlebt Herkules am eigenen Leib, dass es mit der Liebe wirklich nicht leicht ist. Er verliebt sich im Park in die wunderschöne Golden Retriever Hündin Cherie. Seine Gedanken drehen nur noch darum, wie er sie am besten von sich einnehmen kann. Dass ihn dabei seiner Grösse wegen niemand ernst nimmt, trägt nicht wirklich zu seiner Freude bei. Als dann auch noch Carolins alter Freund und Verehrer Daniel auftaucht, wird Herkules’ Leben wirklich schwierig:

Auweia. So schön friedlich dieses Bild auch ist – ich kann mich daran nicht erfreuen. Denn Caro ist doch Marcs Frau, nicht Daniels. Und auch, wenn sie von Marc nun nur das Schlechteste denkt – ich weiss ja, dass es nicht stimmt.

Herkules muss Herrn Beck recht geben: Das Leben ist kompliziert und die Menschen sind es erst recht. Herkules gibt aber alles, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Das Leben und Lieben von Menschen aus der Warte eines kleinen Dackelmischlings erzählt. Die Perspektive wirft eine erfrischend naive Sicht auf die sonst so normalen Dinge und lässt sie dadurch in neuem Licht erscheinen. Man könnte Herrn Beck ab und an fast recht geben: Wir Menschen sind kompliziert.

 

Fazit:

Sommerlich leichte Lektüre herzerwärmend und witzig erzählt. Das perfekte Buch, einfach mal abzuschalten und sich treiben zu lassen. Absolut lesenswert. Einzige Gefahr: man möchte nachher selber einen Hund, wenn man noch keinen hat.

Frauke Scheunemann: Katzenjammer, Goldmann Verlag, München 2012.

Angaben zum Buch:           

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag (18. Juni 2012)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442477921

ISBN-13: 978-3442477920

Preis: EUR 8.99; CHF 14.90

Zu kaufen bei:  und 

Woran misst sich Wert?

Der Blog von Gesine von Prittwitz hat mich auch heute wieder zum Nachdenken gebracht. Vielleicht bin ich eher am Thema vorbei gerauscht und auf eigene Gedanken gekommen, trotzdem möchte ich Ihren Blog als Stein des Anstosses (absolut positiv) nennen.

Der erste Gedanke zur Aussage „ich hasse kostenlos“ war, dass ich das immer gegenteilig erlebe. Wie oft werde ich gefragt, ob ich nicht schnell für jemanden etwas schreiben könnte, etwas durchlesen könnte, etwas korrigieren könnte. Dabei wird natürlich angenommen, ich mache das mal schnell nebenbei, für lau, es läge mir ja quasi. In diesem Zusammenhang hasst niemand kostenlos, im Gegenteil, es wird sogar so erwartet…

Dann las ich weiter und sah, dass es im Blog darum ging, dass das, was einfach kostenlos dargeboten wird, nichts wert sein soll, weil eben nicht gewollt, nicht gezielt und exklusiv. Die Aussage “Ich hasse kostenlos” und die damit verknüpfte Assoziation von Geld und Wert kann ich so nicht stehen lassen. Ist alles nur wertvoll, das Geld kostet oder einbringt? Ist es nicht gerade diese Mentalität, welche vielen Menschen zu schaffen macht bei ihrem Selbstwert sowie bei ihrem Status in der Gesellschaft? Ist ein Verwaltungsrat oder CEO eines Grosskonzerns mit Jahresgehalt von Millionen dementsprechend mehr wert als die Putzfrau des Spitals? Die Krankenschwester leistet weniger für die Gesellschaft, die Menschen an sich als der Bankdirektor?

Und um den Bogen zu schlagen: Ist Kunst, die kostet wertvoller (nicht nur als Geldanlage) als Kunst, die nicht kostet, die im Hinterhof entsteht? Hat nur der Künstler, der profitabel künstlert Kunststatus, der andere ist Hobbyist? Was ist Kunst? Vermarktbare und verwertbare Produktion?

Ich denke, die heutige Gesellschaft driftet sehr in diese Richtung. Sag mir was du verdienst und ich sage dir, was du wert bist – ob du überhaupt wert bist, dass ich mit dir spreche. Fehlt das Geld, fehlt oft das Umfeld bald damit. Billig wird mit Ramsch gleichgesetzt, einfach auch, weil das natürlich von grossen Ladenketten so vorgemacht und in den Köpfen festgesetzt wird. Alles, was nichts taugt (vor allem für den Profit des Unternehmens, weil es zu viel teuren Lagerplatz füllt ohne in warmer Semmel-Manier wegzugehen) wird verramscht. Bücher dabei oft mit Stempel drauf: Mängelexemplar. Abgestempelt. Als Müll gebrandmarkt. Was mal mit Eifer geschrieben wurde, dümpelt auf dem Ramschtisch.

Wie kam man dazu, nun plötzlich die Renner so anzubieten, wie man früher den Ramsch verhökerte? Das hat wohl viele Gründe: Massenproduktion ist günstiger als Einzelanfertigung. Je grösser die Auflage, desto geringer die Kosten pro Exemplar. Des Weiteren gaukelt eine grosse Masse eines Buches mit knalligem Plakat drüber vor, das Buch sei ein Renner, drum hätte man so viele davon, dass es auch ja reiche. Und keiner will der sein, der gerade das Buch nicht gelesen hätte, wenn es denn dann in aller Munde wäre. Spiegelbestseller. Buch des Jahres. Neuerscheinung des Millionenverkäufers. Das muss man gelesen haben. Noch hat es Stapel. Also auf sie mit Gebrüll. Mit Wert hat das wohl wenig zu tun. Aber auch nicht mit Unwert. Es ist eine Zeiterscheinung. Und nicht die positivste in meinen Augen.

Was ist Wert? Was verdient das Prädikat wertvoll? Wem geben wir wieviel Wert und nach welchen Kriterien? Keine einfache Frage. Vor allem nicht allgemein beantwortet. Grundsätzlich würde ich mal auf die Schnelle sagen: Wert für hat ein Mensch oder eine Sache dann, wenn sie mir gut tut. Das ist nicht im Sinne von “Ich kann davon profitieren” gemeint, sondern eher im Sinne von “ein gutes Gefühl vermitteln”. Genauso möchte ich mir selber Wert sein, mich mit solchen Dingen zu umgeben. Und vor allem auch, mich anderen gegenüber so zu verhalten, dass sie eben auch ein gutes Gefühl haben. SO würde wohl vieles in dieser Welt an Wert gewinnen. Und dann könnte sogar ein Buch, das irgendwo gratis abgegeben wird, sehr wertvoll sein, während auch die Platinvergoldete Ausgabe eines für mich unlesbaren Buches noch keinen Wert (für mich) hätte.

Vor dem Tod sind alle gleich

 „Würden Sie meine Trauerrede halten?“
Ich verstehe nicht recht, antwortete ich.
„Meine Trauerrede?“, fragte der alte Mann noch einmal. „Wenn ich gehe.“

Als der alte Rabbi Mitch diese Frage stellt, weiss dieser, dass er diese Bitte nicht ablehnen kann. Er sieht sich aber auch einer Aufgabe gegenüber, die schwer ist. Sein Leben hat sich seit damals, als er in der jüdischen Gemeinde in New Jersey lebte, stark verändert, der Glaube spielt in diesem neuen schnellen und erfolgreichen Leben keine tragende Rolle. Trotzdem ist der Rabbi ein grosser Mann, etwas zwischen Gott und den Menschen, auf alle Fälle aber über ihm. Und für ihn soll er die Trauerrede halten? Dazu will Mitch den Rabbi besser kennen lernen, persönlich kennen lernen.
Der ersten Frage folgen viele Besuche, teils in der Synagoge, teils beim Rabbi zu Hause.  Es wird gelacht, grosse Themen behandelt. Das Kennelernen dauert manche Jahre. Die Trauerrede ist schon lange nicht mehr treibende Kraft.
Dass Mitch just in dieser Zeit Henry kennen lernt – Zufall? Henry, ein ehemaliger Junkie mit Gefängnisvergangenheit, der alles getan hat, was der liebe Gott verboten hat, um nun als Priester in einer heruntergekommenen Kirche mit Loch im Dach die Gnade Jesus an die zu verkünden, die sie am meisten brauchen: die Obdachlosen, Randständigen, Verstossenen der Gesellschaft.
Ein Buch, das die Fragen des Lebens und Sterbens aufwirft, ohne wirkliche Antworten zu liefern. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, ohne dogmatisch zu sein. Ein Buch, das mitreisst, ohne auf die Tränendrüse zu drücken.

Und in mir wurde bewusst, dass wir in gewisser Weise alle ein Loch im Dach haben, eine Lücke, durch die Tränen tropfen und schlimme Erlebnisse eindringen. Wir fühlen uns verletzlich und sorgen uns, welches Unwetter uns als Nächstes zusetzen wird.

Fazit:
Ein Buch über die grossen Fragen des Lebens und Sterbens. Ein Buch, das die dunklen Seiten des Lebens zeigt, ohne plakativ oder reisserisch zu wirken, das die hellen Seiten zeigt und religiösen Fragen aufwirft, ohne dogmatisch oder missioniarisch zu werden. Absolut lesenswert!

Mitch Albom: Damit ihr mich nicht vergesst, Goldmann Verlag, München 2012. Neu als Taschenbuch ab Juli 2012)

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. August 2012)
Sprache: Deutsch
Preis: EUR: 8.99 ; CHF 14.90

Neue Intelligenzia

Heute stellte ich bei Facebook (im letzten Post verflucht, nun zitiert) ein Bild rein, das ich bei einer Freundin fand:

 Ich sah es, fand es schön, fand es auf seine Weise wahr und es passte gerade in die Situation, die ich hatte. Ich betitelte es mit „to whom it may concern“. Für eine ganz liebe und langjährige Freundin, die mein Leben über Jahre begleitete, meine zwei dunkelsten Momente begleitete. Die ich ab und an begleitete. Der Spruch passte heute irgendwie rein. Sie wusste, sie war gemeint. Und es war gut.

Der Spruch entspringt einer Denkart, die heute populär ist. Es sind kurze Merksätze, die gut klingen, die schön klingen, die auf den ersten Blick wahr kingen. Und wenn man in einer entsprechenden Situation steckt, klingen sie sogar kraftbringend. Ein Freund von mir hat den Spruch dann zum Anlass genommen, ihn zu zerpflücken. Er fand ihn ärgerlich, platt, sinnlos und meinte, der Text rufe nur zum Egozentrismus auf. Er unterstellte, dass Menschen, die solche Sprüche mögen, kleines Selbstbewusstsein haben müssten und dieses damit ausgleichen, andere für sich zu benutzen. Das alles etwas gehobener dargestellt und ausgedrückt. 

Ich las den Blog, dachte zuerst: Ich habe was übersehen. Ich war zu schnell, habe es unbedacht reingestellt. Dann dachte ich zurück an den Kontext des Reinstellens. Und dachte für mich: Nein, es ist ok.

Es ist populär, sich gegen alles zu stellen und alles zu zerpflücken (damit meine ich nicht konkret den Blogschreiber). Die neue Intelligenzia brüstet sich gerne mit ihrer ach so klarsichtigen Scharfzüngigkeit, indem sie Dinge auseinander pflückt und das Zerpflückte in rigoros klingenden Lettern an den Pranger stellt. Was raus kommt, klingt nach Verurteilung, klingt nach messerscharfer Sezierung. Und man denkt im ersten Moment: Oh wow, der hat mehr gesehen als ich. Fiel ich auf die nett klingenden Worte rein, hat der den vollen Durchblick und mich mit meiner Oberflächlichkeit entlarvt.

Das ist wohl auch das, das der messerscharf Analysierende erreichen will. Wissenschaft agiert gerne in dieser Weise. Zerpflücken,was ein anderer tat. Argumente findet man immer, wie man die Argumentationskette stringent aufbauen muss, ist lange eingeübt und professionell indoktriniert. Wenn man dann noch ein paar Fremdworte einflicht, das ganze in gehobene Sprache packt, ist ein grosser Teil schon mundtot und fühlt sich ganz klein.

Was ist gewonnen damit? Ich denke wenig. Vielleicht fühlt man sich nach dem Schreiben eines solchen Textes ganz gut und gross. Denkt, man hätte Amerika neu entdeckt und der Welt die Augen geöffnet, die vorher noch geschlossen waren. Was aber, wenn jemand aus so einem Spruch Kraft schöpfte? Den Anstoss fand in einer schweren Zeit, mal wieder für sich zu schauen, zu sich zu stehen? Wenn sich jemand über Tage, Wochen, Monate nur aufopferte, selber an die Grenzen und drüber ging? Nicht mehr mochte, konnte? Und dann von einem Freund den Text kriegte und merkte: Ich bin auch noch da. Ich DARF mal für mich schauen? Und daraus etwas ganz Gutes und Wertvolles entstand?

Was helfen dann all die wissenschaftlichen Ergüsse? Ich kenne sie auch – man siehe oben. Ich habe, glaube ich, selten je so viele Fremdworte verwendet. Es klingt gut. Ich bin stolz. Es macht Spass. Ich halte wenig davon. Habe das in meiner ganzen wissenschaftlichen Zeit vermieden. Und mache es weiter. Und finde solche Sprüche ab und an heilsam. Sie regen zum Denken an. Sie sollen keine absoluten Wahrheiten sein, dafür greifen sie immer zu kurz. Klar kann man sie zerpflücken. Das klappt mit allem. Erfolgreich. Aber mit der Zerpflückerei geht es niemandem besser. Mit ein wenig Menschlichhkeit schon.

Beziehungsgeschichten

Beziehungen waren seit je her Anlass zu Überlegungen. Was macht sie aus, wie funktionieren sie, wie laufen sie ab? Literaten übten sich daran, sie zu beschreiben und in dem Beschreiben blosszulegen. Philosophen versuchten auf dem normativen Weg zu erläutern, was in Beziehungen gegeben sein muss, dass sie funktionieren, sei es im privaten oder auch im öffentlichen Rahmen. Psychologen gaben Anleitungen und Hilfestellungen, was man tun könnte, wenn sie eben nicht funktionieren, oder was man vermeiden sollte, damit man nie dahin kommt. Pfarrer predigen am sogenannt schönsten Tag, worauf zu achten sei, dass man sich bewusst sein solle, was man eingehe und dieses auch wertschätze. Und hinter allem steckt der Wunsch des Menschen, nicht alleine zu sein, ein Gegenüber zu haben, Liebe zu fühlen – erhaltene wie auch gegebene.

Der Wunsch ist gross, genau so gross wohl auch die Enttäuschung, wenn er eben nicht erfüllt wird oder man in diesem Wunsch eins ums andere Mal auf die Nase fällt. Wenn man sucht und sucht und sucht und  nie findet. Bald an sich zweifelt, bald am Gegenüber. Wenn man denkt, es müsse doch bald mal der kommen, der passt. Er aber nicht kommt. Und Frau verzweifelt nur noch um das eine Thema dreht, schreibend, redend, denkend. Solche Fälle gibt es und ich habe das Gefühl, das Verhalten steigert sich mit der Torschlusspanik des Alters. Orte werden nicht mehr an sich gesehen, sondern nur im Hinblick auf die Möglichkeit, den passenden Mann zu finden.

Doch wenn man ihn gefunden hat, scheint das Problem nicht aufzuhören. Dann fangen die Probleme erst an. Und dank der modernen Medien und sozialen Plattformen schaut die ganze Welt zu. Da werden Herzen ausgetauscht, Essen kritisch beäugt, über Facebook Einrichtungen diskutiert und Gutenachtwünsche platziert. Frau liest die gegenseitigen Kosenamen – fühlt sich an eine Episode im Supermarkt erinnert, als Frau dem Mann mit schriller Stimme LIIIIIIIEEEEEEEBLING hinterherrief und sieht dem eigenen Mann deutlich ins Gesicht geschrieben „hoffentlich macht meine das nie nie nie“ – und denkt sich ihren Teil.

Und ab und an kriegt man auch die Leiden und Herzschmerze mit. Und hilft. Hört zu, rät, ist da. Nimmt es ernst. Weil man fühlt. Mitfühlt. Es entsteht ein Band, eine Freundschaft? Man könnte meinen. Dass die eine oder andere Anmerkung drüber hinausgeht, ignoriert man, in der Hoffnung, es sei ein Versehen. Und freut sich, wenn alles wieder im Lot, der Herzschmerz getilgt – mit einem kleinen Fragezeichen im Kopf der Anmerkung wegen. Das grössere Fragezeichen bleibt, weil plötzlich Stille herrscht. Das Band zerschnitten. Wieso? Was blieb von all den Worten? Phrasen nur? Schlechtes Gewissen? So oder so: was wirklich blieb ist das Gefühl, dass vieles leicht daher gesagt ist, man oft zweimal  überlegen sollte, ob man sich wirklich einhängen soll, Hilfe anbieten soll, wie man es im wahren Leben sofort täte. Und was noch viel mehr bleibt: man kriegt verdammt viel mit über andere Menschen. Über deren Beziehungen, deren Probleme, deren Lebenslügen. Und das ist erschreckend, weil man denkt: was kriegen die da draussen von mir mit? Und will ich das? Vor allem, wer kriegt es alles mit? Und wie tief? Und was macht er damit?

Soziale Medien sind sowieso Teufelszeug. Was mein bals 8ojähriger Papa schon lange unkt, scheint ein paar Wahrheiten zu haben. An dieser Stelle ein grosses Sorry zu meinem Papa, den ich immer mit genervtem Schnauben bedachte bei seinen Tiraden über das Internet und dessen Gefahren, über seine Warnungen vor Kinderfressern, Betrügern und Dieben, die da ihr Unwesen trieben. Ganz unrecht mag er nicht haben. Das Internet hat vieles erleichtert. Den Zugang zu Daten, den Zugang zu Menschen, den Zugang zu Herzen – oder wenn nicht Herzen so doch zur Versuchung. Ab und an vielleicht nicht mal bewusst, verstrickt man sich im Spiel mit dem Feuer. Beziehungen gehen in Brüche, weil der eine plötzlich den Mann/die Frau der Träume im Netz findet. Wenn das nur eine Illusion war, schaut man ganz schön doof in die Röhre (heute Flachbildschirm).

So sitzen dann Tag für Tag hunderte und tausende Menschen vor dem Bildschirm, twittern, facebooken vor sich hin, taggen, hooken, machen neue Freunde – und löschen sie wieder. Ganz cool, ganz unverbindlich, einfach mal so. Macht Spass. Der Begriff der Spassgesellschaft aus den 90er Jahren geht in eine neue Epoche. Und man muss wohl lernen, sich anzupassen. Sonst könnte man das noch ernst nehmen. Man könnte denken, Freunde seien Freunde und wollen nicht verletzen um des Spasses willen. Man könnte auch denken, Aussagen sind ernst gemeint. Da würde man wohl meist einer ganz grossen Illusion aufsitzen. Eigentlich schade. Und umso schöner, wenn man die Ausnahmen findet. Drum auch mal ein ganz grosses Dankeschön an die, welche ich über diese Medien kennen lernte und die mich doch teilweise über Jahre begleiten in meinem (realen) Leben.

Das nächste Jahr wird besser

Es ist wohl komisch, im Juni ein Silvester-Thema anzuschneiden. Trotzdem kam es mir heute in den Sinn. Ich dachte nach. Das kommt ab und an vor. Bei mir zumindest. Und ich ging in Gedanken Jahre zurück. Ich erinnerte mich an all die Silvester, an denen ich dachte: Das nächste Jahr wird besser. Ich sass da und liess das vergangene Jahr Revue passieren, sah alles, was schwer war, was düster war, was Kraft kostete und war der festen Überzeugung: Das Jahr, das kommt, ist meines. Nun kann es nur noch aufwärts gehen. Und irgendwie… traf das nie ein. Im Gegenteil, es kam fast noch schlimmer. Enttäuschungen, Krankheiten, Todesfälle, schwierige Situationen pflasterten den Weg. Kämpfe an verschiedenen Fronten, ums Überleben, um Gerechtigkeit, um Liebe… und es hörte nie auf.

Man könnte denken, dass man das ein Jahr macht und eines Besseren belehrt wird. Vielleicht ein zweites Mal… aber Jahr für Jahr? Und doch: auch letzten Silvester sass ich wieder da und dachte: Das nächste Jahr wird besser. Es wird mein Jahr. Und das Jahr war wie jedes andere. Hatte schwierige Seiten. Herausforderungen, Rückschläge, Tiefschläge. Nur: es gab auch unendlich viele schöne Dinge. Immer wieder Highlights. Momente des Glücks. Kleine, grosse, wertvolle. Momente, in denen man die ganze Welt umarmen könnte. Einige zerbrachen wieder. Einige blieben. Aber sie waren da. Und gaben Kraft. Weiterzumachen. Weiterzuhoffen.

Und bei all dem kommt mir langsam die Erkenntnis: Das ist das Leben. Niemand sagte, es sei leicht. Niemand versprach das Paradies auf Erden (ausser vielleicht irgendwelche Heil versprechenden Märchenbücher). Das Leben ist ein Wachsen. An uns selber, an äusseren Umständen, an Beziehungen, an einsamen Momenten – am Leben selber. Wohin wir wachsen weiss niemand so genau. In die Erleuchtung? Die wahre Erkenntnis? Eigentlich ist es nicht wichtig. Wichtig ist, zu erkennen, dass wir es nicht ändern können. Wir können nur das in unserer Macht Stehende tun, das Beste draus zu machen.

Die Frage, die sich aufdrängt ist: Was ist das Beste? Ich denke, ein grosser Teil ist schon damit getan, sich einzugestehen, dass das Leben seine eigenen Gesetze hat, denen wir nicht entkommen. Es gibt Dinge, die liegen schlicht nicht in unserer Hand. Und die, welche in unserer Hand liegen, können wir nach bestem Wissen und Gewissen angehen. Im Wissen darum, dass das, was wir tun, das Beste ist, was wir geben können – für uns und andere. Und darum mit gutem Gewissen. Selbst wenn es dann schief geht, das Ergebnis nicht das erhoffte, erwünschte ist: wir haben uns nichts vorzuwerfen.

Mein Sohn sagte mal: „Weisst du Mama, ich kann nicht immer alles geben. Manchmal geht einfach nur ein Teil davon. Und dann gab ich ja nicht das Beste.“ Ich fand den Gedanken gut. Denn: Was ist das Beste? Es ist nicht das beste überhaupt Mögliche, sondern das, was in einem bestimmten Moment geht. Ab und an fehlt die Kraft, alles zu geben. Woher soll man also alles nehmen, wenn nichts da ist? Wenn man aber denkt, ich geb mal ein wenig, sehe dann, ob es reicht, kann wieder nachreichen, wenn nicht – dann darf man sich gerne an die eigene Nase fassen. Klar kommt man so ab und an durchs Leben, einige Glückspilze sogar sehr lange. Doch irgendwann wird man anstehen. Und merken, es geht nicht weiter. Im Gegenteil. Und dann wird man sehen, dass man nie gelernt hat, an seine Grenzen zu gehen. Einsatz zu zeigen. Man ruhte sich auf halber Strecke aus. Gab sich zufrieden. Es reichte. Und selbst wenn man so ab und an bessere Ergebnisse erreichte als andere: Sie waren nicht höher zu bewerten. Weder nach aussen noch nach innen. Denn im Innern, irgendwo, bleibt die Stimme: Ich habe das nicht verdient. Und sie nagt. Am Anfang unbemerkt, später lauter. Glücklich macht das nicht. Und auch all das Geld, aller Reichtum, alle äussere Achtung nicht. Wirklich zählen tut die innere Achtung. Schlussendlich. Wenn alles andere wegfällt, weil es platt wurde. Und dann steht man da. Nackt. Vor sich. Und fragt sich.

Ja, es kann besser werden. Immer wieder. Anfangen kann man nur in sich selber, bei sich selber. Indem man tut, was man tun kann. Und diese Gewissheit bewahrt: Ich habe mein Bestes gegeben. Und stolz auf sich ist. Sein kann. Denn dann erkennt man auch: Wahre Zufriedenheit kommt nie von aussen. Sie wächst aus einem selber. Und klar ist es schön, wenn äussere Dinge sich ergeben, schön sind, Freude machen. Wenn aber das innere Feuer der Freude und der Zufriedenheit nicht brennt, werden die äusseren in Rauch aufgehen, ohne je Wärme abgegeben zu haben.

Julia Stuart: Der verborgene Charme der Schildkröte

Was haben ein Kaplan, welcher erotische Romane schreibt, eine einhundertachtzigjährige Schildkröte, eine Wirtin, die ein Geheimnis in sich trägt und ein aufmüpfiges Gespenst gemeinsam? Sie alle sind Teil einer märchenhaften Geschichte rund um den Tower of London. Der Roman „Der verborgene Charme der Schildkröte“ erzählt vom Leben Balthazar Jones’, einem Wächter im Tower of London, und dessen Frau Hebe. Aus finanziellen Überlegungen bewirbt sich Balthazar für die Stelle als Beefeaters (so werden die Wächter landläufig genannt) und bekommt diese auch.

[Hebe Jones] schlug die Warnungen ihres Ehemanns in den Wind, dass sie fortan im Tower würden wohnen müssen. „Jede Frau träumt davon, in einer Burg zu leben“, log sie, ohne den Blick vom Herd abzuwenden.

Gemeinsam mit ihrer Schildkröte Mrs. Cook und dem Sohn Milo ziehen sie in den Turm ein und merken bald, dass die runden Wände das kleinste der Probleme in der neuen Behausung sind.  Doch dann stirbt Milo.

Seine Gedanken wanderten wieder zu der Nacht zurück, in der Milo gestorben war, und zu seinem schrecklichen, schrecklichen Geheimnis.

Mit dem Tod des gemeinsamen Sohnes Milo stirbt auch die Liebe Balthazar Jones, Beefeater und späterer Oberaufseher der Königlichen Menagerie im Tower of London, und dessen Frau Hebe Jones, Mitarbeiterin im Fundbüro der Londoner Untergrundbahnen, langsam.  Während Hebe über den gemeinsamen Verlust trauern möchte, zieht sich ihr Mann Balthazar immer mehr zurück, nicht zuletzt belastet von einer geheimnisvollen Schuld.

Als Hebe eines Tages ihre Koffer packt und dem ehelichen Schweigen entflieht, bleibt Balthazar Jones traurig zurück. Dass zur selben Zeit auch noch Mrs. Cook verschwindet, ihres Zeichens die älteste Schildkröte der Welt und Familienmitglied der Familie Jones, lässt bei Balthazar das erdrückende Gefühl der Leere und Einsamkeit zurück.

Einzigen Halt findet er bei den Tieren der neu im Tower eingerichteten Menagerie, bestehend aus Tieren, welche der Englischen Königin von Staatsoberhäuptern aus aller Welt geschenkt worden waren. Als die Tiere wieder zurück in den Londoner Zoo geschafft werden, schwindet auch noch der letzte Halt in Balthazars Leben.

Julia Stuarts Roman nimmt den Leser mit in die Geschichte des Towers of London, welche von den Enthauptungen der Hingerichteten bis hin zur Herkunft von Löchern in den Türen reicht. Er entführt zu den Einzelschicksalen der Menschen hinter abgegebenen Fundgegenständen und lässt ihn teilhaben am Leben eines Mannes, dem nach und nach die Liebe abhanden kommt.

 

Fazit:

Eine humorvolle Geschichte, die alles in sich trägt, was man sich wünscht: Feingefühl, Humor, Geheimnis, Geschichte. Trotz der oft grossen Tragik des Geschehens wird der bedrückende Kloss im Hals nie erstickend.

Julia Stuart: Der verborgene Charme der Schildkröte, Goldmann Verlag, München 2012.

Bernhard Schlink: Die gordische Schleife

Georg, ein Anwalt aus Karlsruhe, beschliesst mit seiner Freeundin Hanne ein neues Leben zu beginnen und alles hinter sich zu lassen.

Der Abschied von Karlsruhe war nicht gut gewesen; Streit mit dem Rechtsanwalt, mit dem Georg zusammengearbeitet hatte, Tränen und Vorwürfe von Hannes Exfreund, Krach mit den Eltern, Angst vor dem Abbruch aller Brücken. Was ein befreiender Aufbruch aus der heimatlichen Enge hätte sein sollen, wurde fast zur Flucht.

Während der Neuanfang in Paris nicht klappt, finden sie in Cucuron, einem kleinen Städtchen ein neues Zuhause, richten sich ein. Die Beziehung geht in die Brüche, nicht zuletzt, weil das Geld knapp ist. Hanne geht zurück nach Karlsruhe, Georg bleibt und schlägt sich mehr schlecht als recht mit Übersetzungen durch.  Eines Tages scheint das Blatt zu drehen, er kriegt plötzlich von einem Übersetzungsbüro Aufträge und später sogar die Möglichkeit, nach dem Tod des Besitzers ein anderes selber zu übernehmen. Dass er in Froncoise auch eine neue Liebe findet, macht das Glück perfekt. Die diversen Anzeichen des nahenden Unglücks übersieht Georg, bis er eines Nachts erwacht, das Bett neben sich leer findet und seine Liebe im Büro dabei ertappt, geheime Pläne, die ihm streng vertraulich zum übersetzen überlassen worden waren, zu fotografieren. Georg fand sich mitten drin in einer Verschwörung geheimer Mächte wieder, ausgeliefert, unfrei. War sein ganzes bisheriges Leben nur darauf ausgerichtet, keinen Druck von aussen zu erfüllen, will er sich diesem auch jetzt nicht ausliefern und weigert sich, zu kooperieren. Die Folgen sind gravierend. Seine Katzen werden getötet, in sein Haus eingebrochen, sein Büro ist nicht mehr sicher. Er wird im ganzen Ort diffamiert und muss irgendwann einsehen, dass er nicht bleiben kann.

Mit Hilfe eines Fotos macht er sich nach New York auf, um dort Francoise wiederzufinden. Die Suche erweist sich als schwierig und zu allem Übel merkt er, dass er verfolgt und beschattet wird. Er fühlt sich getrieben, ausgeliefert.

Ist das mein Leben geworden? Dinge geschehen, die ich nicht begreife und auf die ich nur mit Angst und mit unbeholfenen Bewegungen reagiere. Ich muss agieren statt reagieren – Georg hatte in den letzten Wochen oft darüber gegrübelt.

Georg entwickelt einen Plan, wie er an seinen Verfolgern, welche sein ganzes Leben zerstört und unfrei gemacht haben, Rache nehmen kann und zugleich zu Geld kommt. Er verhandelt mit verschiedenen Parteien, welche alle Interesse an geheimen Plänen zum Bau eines Kampfhelikopters haben und schafft es schliesslich durch einen geschickt eingefädelten Coup, heil aus dem Ganzen zu kommen. Unterzwischen hat er auch Francoise, die in Wirklichkeit Fran heisst, gefunden und die Geschichte endet in einem Happy End.

 

Fazit:

Spannende Geschichte, die einen unverhofft in das Milieu von Geheimdiensten, Agenten und Verfolgung entführt. Die eingewobene Liebesgeschichte ist mit leisen Tönen erzählt, endet am Schluss etwas sehr kitschig, wenn der Kitsch auch nur am Rande erwähnt wird.

Bernhard Schlink: Das Wochenende

Ich flehe nicht um Gnade. Ich habe diesen Staat bekämpft, und er hat mich bekämpft, und wir schulden einander nichts. Wir schulden Treue nur dem eigenen Anspruch.

Nach zwanzig Jahren Haft ist der ehemalige RAF-Terrorist Jörn vom Bundespräsidenten begnadigt worden. Seine Schwester Christiane lädt für das erste Wochenende in Freiheit die alten Freunde auf ein abgelegenes Landgut ein. Alle Freunde haben früher mit der Revolution sympathisiert, dann aber ihren Platz im bürgerlichen Leben gefunden. So sitzen sie sich gegenüber, die, deren Leben weiter ging und der, dessen Leben stehen geblieben war. Während er noch immer dem Gedankengut von damals verhaftet ist, sich in der neuen Welt und in der Freiheit vor allem nicht richtig  wohl fühlt, suchen die alten Freunde ihren Standpunkt zwischen Distanz, Neugier und Nostalgie.  In der Auseinandersetzung mit Jörn werden sie aber immer mehr auch auf ihre eigene Biographie zurückgeworfen, erkennen die Schwachpunkte in ihrem eigenen Leben. Sie erkennen ihre Lebenslügen und erinnern ihre Lebensträume. Sie erkennen die Realität als Exil, in welches sie flüchteten, weil die Träume nicht lebbar waren. Stück für Stück für Stück wird die Vergangenheit wieder lebendig.

Wir bewahren die Jugend in uns, können zu ihr zurückkehren und uns in ihr wiederfinden, aber sie ist vergangen – Wehmut zog ihnen durchs Herz und Mitgefühl, füreinander und für sich selbst.

Es ist eine Geschichte über Schuld und Sühne, über richtig und falsch. Allerdings sind diese Urteile nicht klar verteilt, sondern jeder sucht für sich die Wahrheit im Ganzen. Jeder versucht, sich und sein Leben zu verteidigen, vor sich und vor anderen. Die wahre Verbundenheit und Freundschaft ist nicht mehr zu spüren, die Jahre haben zu viel Distanz geschaffen. Trotzdem will jeder seinen Beitrag leisten, ob aus Schuldgefühlen, aus Dankbarkeit, dass man selber einen anderen Weg hatte oder aus Nostalgie und Freundschaft heraus, wird nicht klar.

Das Stück spielt vornehmlich an einem Ort, in dem alten Haus auf dem Land, die Besetzung ist auf wenige Menschen beschränkt. So mutet es fast wie eine Aufführung auf einer Theaterbühne an. Die Themen sind vielfältig, oft nur am Rande angeschnitten. Vieles kommt nicht über Allgemeinplätze hinaus. Trotzdem ist Schlinks Erzählung nicht oberflächlich oder beliebig, sondern führt ohne Pathos oder wirklich schmerzvolle Anklage vor Augen, wie sich Lebensanschauungen verändern können im Laufe eines Lebens, was passiert, wenn sie das nicht tun und vor allem auch, dass sie nie ganz weg sind, sondern im Untergrund weiter ihre Fäden ziehen. Zentrales Thema dabei ist das Miteinander, sowohl im zwischenmenschlichen wie im staatlichen Gebilde. Nach welchen Regeln und mit welchen Maximen soll man zusammen leben? Wann lohnt es für den einzelnen, sich an die Regeln zu halten und wann muss er sie brechen?

 

Fazit:

Ein lesenswertes, kurzweiliges Buch, welches lehrreich ist ohne moralinsauer zu werden. Es spannt den Bogen über eine ganze Bandbreite an Themen wie Liebe, Krieg, Revolution, Vergangenheit und Gesellschaftsvertrag und präsentiert diese in einer klaren und flüssigen Sprache packt.

 

Bernhard Schlink: Das Wochenende, Diogenes, Zürich 2008.

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?

Pinneberg trifft sein Lämmchen und weiss, dass dies was anderes ist als die sonstigen Frauengeschichten. Lämmchen wird schnell schwanger, sie heiraten und ziehen zusammen nach Ducherow, wo Pinneberg eine Stelle innehat. Durch Intrigen der Frau des Chefs verliert er diese, die Reise geht alsbald nach Berlin, wo er durch die Hilfe des lebenslustigen Jachmann, Freund seiner Mutter, eine Stelle beim Ankleidegeschäft Mandel findet. Was zuerst als grosses Glück erscheint, entpuppt sich als immer grösserer Druck. Die Angestellten werden mit Absatzauflagen unter Druck gesetzt, so dass Pinneberg unter der Angst des Versagens immer kleiner und kleiner wird, bis er schliesslich ganz zusammenbricht. Er wird entlassen und ist fortan arbeitslos. War alles sonst schon weniger als knapp, so sind nun auch die letzten Notgroschen aufgebraucht. Pinnebergs und der mittlerweile auf die Welt gekommene Murkel schlagen sich durch die kalte Welt derer, welche am längeren Hebel sitzen und die kleinen Leute plagen und unterdrücken. Sie kämpfen gegen Amtsschimmel und Arroganz.

Ach, was hat es für einen Sinn? Er ist drin in diesem Betrieb, einer von sechs Millionen, schiebt er sich an den Schaltern vorbei, warum sich aufregen? Zehntausenden geht es schlimmer, Zehntausende haben keine tüchtige Frau, Zehntausende haben nicht ein Kind, sondern ein halbes Dutzend – weiter, Mann Pinneberg, nimm dein Geld und hau ab, wir haben wirklich keine Zeit für dich, du bist nichts Besonderes, dass wir uns nicht mit dir aufhalten können.

Trotz der schwierigen Situation sieht er doch immer auch das Positive, das er hat im Leben: sein Lämmchen und den Murkel. Kriegt er auch oft von aussen zu hören, es sei mutig, in der heutigen Zeit noch Familie zu haben, ist gerade diese Familie der einzige Kraftort dieses kleinen Mannes. Lämmchen ist es, die ihn immer wieder besänftigt, wenn er am Boden ist, der Murkel scheint als Freudenquell, für den es sich lohnt, zu leben. Pinnebergs haben ihre kleine eigene Idylle aufgebaut, welche der Welt trotzt.

Pinneberg sinkt tiefer, die Schmach nagt an ihm. Mehr und mehr fühlt er sich als Ausgestossenen der Gesellschaft. Lämmchen muss mit Flickarbeiten die Familie über Wasser halten. Er findet keine neue Arbeit, sein Selbstverständnis gerät ins Wanken. War er früher adrett gekleideter Angestellter, so sah er heute aus wie ein heruntergekommener Bettler.

Und plötzlich begreift Pinneberg alles […], begreift er, dass er draussen ist, dass er hier nicht mehr hergehört, dass man ihn zu Recht wegjagt: ausgerutscht, versunken, erledigt. Ordnung und Sauberkeit: es war einmal. Arbeit und sicheres Brot: es war einmal. Vorwärtskommen und Hoffen: es war einmal. Armut ist nicht nur Elend, Armut ist auch strafwürdig. Armut ist Makel, Armut heisst Verdacht.

Pinneberg schämt sich – schämt sich vor sich, vor der Welt und auch vor Lämmchen. Er traut sich nicht mehr unter die Augen der Menschen, versteckt sich im Dunkel. Die Welt erscheint nur noch kalt, er ist am Boden. Und wieder rettet ihn Lämmchens Liebe.

In einer einfachen Sprache, die der Geschichte und ihren Protagonisten angepasst ist, erzählt Hans Fallada vom kleinen Angestellten Johannes Pinneberg, seiner Frau Lämmchen (Emma Mörschel) und ihrem Murkel. er zeigt auf, mit welchen Demütigungen die kleinen Leute in der Weltwirtschaftskrise zu kämpfen haben, zeigt ihren Kampf ums Überleben und lässt den Leser hautnah daran teilhaben.

Fazit:

Ein leises Buch, das unaufdringlich und diskret die Zustände der Welt zwischen 1930 und 1932 anhand der Geschichte der Pinnebergs aufzeigt. Absolut lesenswert.

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 62. Auflage, Hamburg 2011.

Dang Nghiem: Ich war einmal ein Fluss

Während des Krieges in Vietnam geboren als Tochter einer Vietnamesin, sieht sich Dang Nghiem als Produkt des Krieges. Ihre Kindheit ist geprägt von Armut, von Schlägen ihrer Mutter, von der Ausgrenzung durch andere Kinder und von einem Onkel, der sich an ihr vergreift, aber auch von der Liebe und Fürsorge ihrer Grossmutter. 1985 gelangt sie mit ihrem Bruder in die Vereinigten Staaten, wo sie die Schule abschliesst und ein Medizinstudium aufnimmt. Dang Nghiem engagiert sich in Projekten für Häftlinge, will den Menschen Heilung bringen. Der Tod ihres Lebensgefährten zeigt ihr, dass sie nicht in der Lage ist, andere Menschen zu heilen, wenn sie sich selber nicht heilt. Zu tief sind die Wunden ihres vergangenen Lebens. Die einzige Möglichkeit für die eigene Heilung sieht sie in einer Abkehr von der westlichen Welt hin und sie reist nach Plum Village, um Nonne zu werden.

Durch Achtsamkeitsübungen, Traumverarbeitungen und die vielen Lehren ihres Lehrers Thay (so der Name Thich Nhat Hanhs in Plum Village)  lernt Dang Nghiem, ihre Gefühle zu erkennen, ihre Leiden wahrzunehmen und sie nach und nach zu verarbeiten und zu heilen. „Wenn ihr Schmerzen habt oder euch körperlich unwohl fühlt, dann nehmt es wahr, umarmt es. Atmet ein und erkennt, dass dieser Schmerz nicht mit euch identisch ist – ihr seid nicht der Schmerz. Wir können für den Schmerz sein, ohne der Schmerz zu sein. Wir brauchen uns von ihm nicht auffressen zu lassen und ihn zusätzlich noch mit Gefühlen der Reue, der Schuld und des Zorns zu nähren.“  Diese Rede ihres Lehrers Thay zeigt ihr einen Weg, mit ihrem Kummer umzugehen. Dang Nghiem lernt, loszulassen, um nicht das eigene Leid durch die eigene Wahrnehmung und die eigenen Gedanken zu verstärken.

Durch einen Schicksalsschlag in ihrem eigentlich nach aussen perfekten Leben gelingt Dang Nghiem eine Wende für sich selber. Sie lernt, die eigenen Leiden zu erkennen und zu heilen. Sie lernt, dass sie sich nur in den Dienst anderer stellen kann, wenn sie selber gesund ist. Und sie geht diesen Weg zur eigenen Heilung durch all die Täler, die er führt mit Achtsamkeit und Bewusstheit.

Das Buch eines Lebens, das berührt, das nachdenklich macht und das einem Anregungen für den eigenen Lebensweg mitgibt.

Dank Nghiem: Ich war einmal ein Fluss, Theseus Verlag, 2012. (Rezension erscheint im Schweizer Yoga Magazin)