Achterbahn

Des Lebens Tücken
Kennt man lange,
hat sich damit
arrangiert.

Kennt die Höhen,
kennt die Tiefen,
schickt sich drein,
kooperiert.

Findet Ruhe,
die man suchte,
die man braucht,
egal was wird.

Bis dass von aussen,
jemand kommt
und alles stürzt,
ganz ungeniert.

Weil er es kann,
weil er es will,
und er es tut,
so unbeirrt.

Und man steht da,
und fühlt sich klein,
ja hilflos gar,
man resigniert.

Sieht die Gefahren,
fühlt sie klar,
fühlt die Ohnmacht,
deprimiert.

Nimmt alle Kraft
Und sammelt sich,
schaut wieder auf,
noch reduziert.

Sucht einen Halt,
ergreift ihn sich,
und geht dann weiter,
garantiert.

Die Musik lebt weiter

Ein junger Mensch geht in ein Tonstudio, nimmt ein paar Songs auf. Der Erfolg schlägt ein, er wird einer der ganz großen Stars. Er schafft, wovon er wohl nicht im Entferntesten geträumt hat. Er kann tun, was er liebt, singen – und die Menschen jubeln ihm zu. Aus einfachen Verhältnis über Nacht fast in den Himmel gehoben.

Seine Seele scheint mit dem Erfolg nicht mitgekommen zu sein. Plötzlich wollten alle etwas von ihm. Alle waren seine Freunde, bis sie ihren eigenen Profit durch ihn realisieren konnten. Es scheint fast, dass er einsamer war, je mehr Menschen sich um ihn scharten, da immer noch schwerer wurde, zu sehen, wer wirklich ihn als Menschen meint und wer den eigenen Status als sein Freund anstrebte.

Das ist wohl das Schicksal vieler Künstler: sind sie erfolglos, werden sie verlacht, haben sie Erfolg, werden sie benutzt. Und beide sind nur Mittel zum Zweck: sie werden benutzt von gelangweilten Menschen, die sich entweder besser fühlen durch den Verriss oder durch die Teilhabe am Erfolg.

Heute vor 35 Jahren erlosch ein Licht, das zwar durch seine Musik immer weiter brennen wird, doch der Mensch, der ist tot. Ich habe mit 6 zum ersten Mal bewusst ein Lied von ihm gehört – diese Stimme, dieses Gefühl… für mich einzigartig. Ich bedanke mich. Für so viele Emotionen, für so viele Stunden mit Musik. In ihr lebt er weiter. Und das ist gut so!

Urteile

Mein Vater war immer für mich da. Mein Held, mein Ein und Alles. Ich liebe ihn, liebte ihn, über alles. Er war schwierig, ist es noch. Rechthaberisch, stur, brummig, mittlerweile alt und damit verstärken sich all die Marotten noch mehr. Seine Witze hörte ich mittlerweile 100 Mal, die Anekdoten ebenso. Ab und an jammere ich, was ich gerne anders gehabt hätte. Anders hätte. Ab und an schimpfe ich, wieso er ist, wie er ist. Wieso er war, wie er war. Und doch. Ich liebe ihn, weil ich immer auf ihn zählen konnte. Er sich Zeit für mich nahm. Mit mir baute, bastelte, spielte. Mir die Welt erklärte, mit mir Berge bestieg. Vor mir stand, hinter mir, neben mir. Immer. Und doch. Ab und an ist er alles andere als toll und die Schwächen treten zu Tage. Und ich schimpfe wie ein Rohrspatz und ich kann das gut. Nur: wenn ein anderer kommt und über ihn schimpft. Dann stoppt mein Schimpfen und die Empörung tritt ein. Das innerliche „Das geht doch gar nicht. Das hat er nicht verdient.“ Zwar kenne ich seine Schwächen, aber auch seine Stärken. Ihm nur seine Schwächen vorzuhalten fände ich unfair.

Mein Sohn ist ein lieber Junge. Von Anfang an ruhig, verständig, konnte sich gut selber beschäftigen, hatte und hat ein grosses Herz, will es eigentlich allen recht machen. Und er ist sensibel, sehr sensibel. Dass die Welt oft hart ist, macht das nicht besser. Ich kenne das. Aber er hat auch seine schwierigen Seiten. Er kann unglaublich stur sein. Kann auf objektiv falschen Meinungen beharren und einen angreifen, wenn man nicht klein beigibt. In solchen Momenten könnte ich aus der Haut fahren. Wünschte mich weit weg. Muss bleiben. Möchte toben, muss mich beherrschen. Und dann kommt jemand. Beklagt sich. Erzählt, mein Sohn sei genau so, wie oben beschrieben. Und ich werde zur Löwin. Finde, das geht gar nicht. Mein herzensgutes Kind. Das so gut und humorvoll und anständig ist. Das Kind, das so ein so grosses Herz hat. Klar hat er seine Macken, aber ihn so zu kritisieren, ohne seine guten Seiten zu loben? Das geht ja gar nicht. Das ist unfair.

Grossvater und Enkel lieben sich innig. Doch der Grossvater ist, wie er ist. Der Enkel ebenso. Und es knallt. Der Enkel tobt, motzt, wird ausfällig, der Grossvater kritisiert. Und ich steh da. Finde, so kann man meinen Papa in der Tat nicht behandeln. Finde, so kann man meinen Sohn wirklich nicht verurteilen. Stehe in der Mitte und habe einerseits für beide Verständnis, andererseits fühle ich mit beiden mit und will jeden verteidigen.

Schlussendlich lieben wir uns alle drei weiter. Der Ärger verfliegt, der nächste kommt, die Geschichte geht weiter. Nur: wie oft verurteilen wir sonst im Leben? Aufgrund von kleinen Geschehnissen, kurzen Erlebnissen? Daran messen wir einen Menschen und bilden unsere Meinung. Bauen manchmal gar Feindbilder. Einseitig, geprägt von dieser einen Situation. Zu recht?

Alt und neu

Ich lebe mein Leben

so still vor mich hin.

Lasse es laufen,

gebe mich hin.

 

Liebe die Ruhe,

schätze den Fluss.

Kommt etwas Neues,

bringt es Verdruss.

 

Lässt mich erschauern,

die Ängste schrein stumm,

weiss nicht wo halten,

es wirft mich fast um.

 

Muss es ertragen,

hab keine Wahl,

möchte nur rennen,

raus aus der Qual.

 

Fühl mich gefesselt,

im Jetzt und im Hier,

was wird passieren,

was wird nun aus mir?

 

Suche nen Ausweg,

suche nach Halt,

suche nach Wärme,

ist alles so kalt.

 

Schlage wild um mich,

spüre mich nicht,

möchte die Kür,

seh nur die Pflicht.

 

Und es rückt näher,

bedrohlich und gross,

will mich erschlagen,

was mach ich jetzt bloss.

 

Fühle mich klein,

so unendlich klein,

möchte doch nur

im alten Trott sein.

 

Fühlte mich sicher,

wusste was war,

alles war einfach,

alles war klar.

 

Nun droht mir das Neue,

noch kenn ich es nicht,

und schon diese Schwebe,

raubt mir das Licht.

 

Klar zu sehen,

wie es wird sein.

Zurück bleibt die Trauer,

um das, was war mein.

 

Zurück bleibt die Wut,

dass nun es ist aus,

dass nun kommt das Neue

mit all seinem Graus.

 

Doch ist es dann da,

ist’s meistens ganz gut,

man schickt sich hinein,

und tut, was man tut.

 

Gewohnheit entsteht,

man ist wieder froh,

und bis es neu dreht,

bleibt das auch so.

Vertrauen in den eigenen Weg

Kein Mensch kennt mich länger und besser als mein Vater. Geboren als sein Sonnenschein gab er mir seine Liebe, seine Zeit. Er stand hinter mir, auch wenn ich oft nicht so spurte, wie er sich das wünschte. Gar oft hörte ich, das ginge so nicht, ich mache alles falsch, folge nicht dem richtigen Weg, dem, den er gut fände, den, den er mit seiner Lebenserfahrung als einzig Richtigen erkannt hatte. Da ich meinen Vater sehr liebe, wollte ich nichts mehr, als ihm gefallen, wollte nichts mehr, als alles richtig machen. Und doch traf ich den Weg nie, wie er ihn gerne gehabt hätte. Ich war immer falsch, reichte nicht. Er bestritt das darauf angesprochen immer, doch das Gefühl im Moment kam immer wieder und verfestigte sich mehr und mehr. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht auszureichen.

Ich könnte nun dahin gehen und sagen: Mein Vater ist schuld. Er hat das verbrochen, seinetwegen leide ich nun, habe ich meine Unsicherheiten. Seinetwegen habe ich ab und an Mühe, mir und meinem Weg zu vertrauen. Seinetwegen bin ich schüchtern und zurückhaltend im Umgang mit anderen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass sie mit mir was zu tun haben wollen. Seinetwegen habe ich Probleme zu glauben, dass ich geliebt werde – kann doch nicht sein, dass man mich liebt, mit meinen Unzulänglichkeiten, Mängeln, Fehlern, Unsicherheiten. Seinetwegen? Nein, das wäre ihm und mir selber Unrecht getan. Das habe ich ganz schön selber verbrochen – wenn schon. Er war ein liebender Vater, der das Beste wollte und auf den ich immer zählen konnte, heute noch zählen kann. Seine Liebe war Halt in bald 40 Jahren. Darauf konnte ich bauen. Aus tiefsten Tiefen hat er mich geholt, hat Seile runter geworfen und mich raufgezogen. Hat mir einmal das Leben geschenkt und hat es einige Male gerettet. Immer bereichert. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich bin, wie ich bin. Und in mir drin ist diese Unsicherheit, dieses Empfängliche für Kritik, für Selbstzweifel. Ich reagiere mit diesem Wesen auf das, was auf mich kommt anders als es jemand täte, der anders im Leben stünde. Wenn ich meinen Vater früher um Rat fragte, sagte er immer: „Ich sage dir nichts, du machst sowieso das Gegenteil von dem, was ich sage.“ Ich bestritt dies immer vehement, irgendwann rückte er raus. Und in der Tat – ich ging nachher meist doch einen anderen Weg. Hatte er recht, dass ich das aus Prinzip tat? Und da musste ich verneinen. Der Grund für den anderen Weg, als den, den er zeigte, lag in unseren unterschiedlichen Naturellen. Der Weg, der für ihn richtig war, war es für mich nicht. Lange versuchte er mich auf seinen Weg zu ziehen, weil er den als den richtigen, den normalen sah.

Ich musste fast 40 werden. Irgendwann sprach ich mit meinem Vater am Telefon. Sprach über meine Ängste, meine Unsicherheiten. Sprach davon, dass ich alles hinwerfe, was mich ausmachte, was ich wollte, einen „normalen“ Job suche und ein „normales Leben“ lebe. Ich dachte, ihm damit endlich zu entsprechen, wie viele Jahre forderte er von mir Normalität? Was kam? „Kind, du bist, wie du bist und du bist toll. Geh den Weg weiter – DEINEN Weg.“ Und ich sass da und mir kamen die Tränen. Mir kamen die Tränen, zu hören, dass mein Vater mich toll fand, wie ich war. Und ich wusste mit einem Schlag: Das fand er immer. Aber er wusste um die Schwierigkeiten dieses Wegs. Und wollte mich wohl beschützen. Ich war sein Sonnenschein, seine Prinzessin. Bin es noch. Und er ist mein Papa, ich liebe ihn.

Und da stehe ich nun. Die Stimme des Vaters noch immer in mir: Mach mal was Normales. Pass dich an. Es war nicht die seine, es war die der Gesellschaft. Er hatte sich selber angepasst. Die Zeit und die Umstände forderten es damals. Er war so begabt. Und sie hallt in mir weiter. In letzter Zeit haderte ich oft mit meinem Weg. Rückte davon ab, kam zurück, rückte ab, kam zurück. Zweifelte an mir, an meinem Talent. Zweifelte an meinem Naturell, an allem eigentlich. Und kam immer wieder zum Schluss: Nein, es ist mein Weg, ich will ihn gehen. Woher die Zweifel kamen? Sie lagen in den Fragen begründet: Was sagen andere? Wie sieht es nach aussen aus? Womit werde ich umgehen müssen? Trag ich es? Bin ich nicht zu schwach? Habe ich nicht schon zu lange gekämpft?

Und da kam mir etwas in den Sinn. Eine Geschichte meines Lebens, in der ich dem Weg der Gesellschaft folgte. Und der Preis war hoch. Ich verliebte mich, liebte, wurde geliebt. Die Liebe überschritt eine in der Gesellschaft nicht akzeptierte Grenze. Ich hörte Ablehnung und Verachtung und entschied mich zu meinem und seinem Schutz dagegen. Brach ihm das Herz. Nahm mir den Halt, den Sinn, die Liebe. Und dann starb er. Zurück blieb Sehnsucht, Schuldgefühl, Leere. Was hatte ich getan? Habe ich ihn auf dem Gewissen? Oder sein Glück? Oder mein Glück? Dankten es mir die Stimmen, die vorher verachteten? Halfen sie in meiner Trauer? Taten sie überhaupt etwas?

Es gibt immer Menschen, die denken, richten zu müssen. Sie setzen ihre Massstäbe, befinden sie als allgemeingültig und wenden sie auf die Welt an. Unerbittlich. Sie sitzen im bequemen Sofa, Bier (oder Cüpli, man hält ja was auf sich) und Chips (Häppchen) in der Hand und bewerten den Alten der Sesamstrasse gleich das Geschehen in der Welt, das Verhalten der anderen. Wirkliche Erfahrung haben sie selten, alles reine Theorie, von aussen, aber eloquent vertreten und mit Statistiken belegt. Sachlichkeit und Wirtschaft unterstützen meist noch die Thesen – was kann man dagegen halten? Ab und an kommen noch Kriterien wie „das war schon immer so“ oder „das steht in dem Buch und das Buch ist ein Bestseller“. Dann muss es ja stimmen. Und man steht da und denkt: Uff, ich laufe falsch, mein Weg führt in die Irre. Die haben recht, müssen sie haben, denn sie hinterfragen sich nicht, sondern sind so sicher auf ihrem Weg.

Doch vielleicht muss man irgendwann mal sehen: Jeder hat seinen Weg. Und niemand geht schlussendlich den des anderen, jeder geht seinen und das grundsätzlich alleine. Also muss er auch für einen selber stimmen. Man wird ihn gehen müssen bis zum bitteren (hoffentlich nicht) Ende. Niemand übernimmt wie in einer Stafette einen Part, wenn man mal nicht mag. Niemand trägt dich wirklich. Schlussendlich steckt man immer selber in den eigenen Schuhen. Und muss sie ausfüllen. Es wird mir niemand danken, wenn ich noch eine Liebe aufgebe. Wenn ich noch einen Weg aufgebe, weil er nicht irgendwelchen Alten auf dem Balkon entspricht. Dazu braucht es eines: Das Wissen, dass man nur den eigenen Weg gehen sollte, nie einen anderen, und das Vertrauen, dass man ihn gehen kann. Weil das der eigene Weg ist.

Misstrauen

Ich fühle mich verletzlich klein,

möchte hinter Mauern sein,

möchte dort verstecken mich,

fühle mich gar jämmerlich.

 

Suche Schutz und find ihn nicht,

suche Schatten, meid‘ das Licht,

weil kein Mensch erahnen soll,

dass mein Leben jammervoll.

 

In tiefe Täler eingetaucht,

wo Angst die letzte Kraft verbraucht.

Sehne mich nach Liebe bloss,

Fürchte mich und schlage los.

 

 Baue Wände, Stein auf Stein,

lasse keinen zu mir rein.

Setze mich ganz klein und stumm,

fühle mich unendlich dumm.

 

Kaue meine Seele wund,

schliesse trotzig meinen Mund.

Dass nicht raus kommt, was mich plagt,

was an meinen Festen nagt.

 

Fühle in mir tief versteckt,

die kleine Flamme, die noch brennt,

will sie löschen, will erkalten,

glaub‘ es nicht mehr auszuhalten.

 

Fürchte nur den Schmerz, der wird,

wenn man immer das verliert,

was man an sich ran gelassen,

irgendwann wird man verlassen.

 

Dann steht man da und grämt sich sehr,

traut dem ganzen Sein nicht mehr,

Dies zu meiden, schütz ich mich,

und stosse weg, verletze dich.

 

Auf dass du weg gehst, von mir weichst,

bevor du wirklich mich erreichst,

und die Macht hast zu verletzen,

neue Wunden mir zu setzen.

 

So sitz ich hier, so ganz allein,

möchte doch nur bei dir sein,

trau mich nicht, zieh mich zurück,

weil ich nicht traue meinem Glück.

Der Zauberer stellt sich vor

Vielleicht liebe ich mein Leben nicht genug, um zum Autobiographen zu taugen.

Diese Worte stammen von dem Mann, der eigentlich nichts anderes tat, als über sein Schaffen und sein Leben zu schreiben, wenn auch meist in einem literarischen Werk oder Essay verpackt. Das vorliegende Buch enthält Reden, Lebensläufe und Aufsätze Thomas Manns, welche einen unverhüllten Blick auf sein Wirken zulassen. Sie zeigen einen Menschen, der sein Leben ganz dem Schreiben unterordnet. Sie zeigen aber auch einen Menschen, der trotz seines Erfolgs an sich zweifelt, getrieben ist vom Wunsch und der Sehnsucht nach Achtung und Anerkennung.

Denn selten wohl ist die Hervorbringung eines Lebens – auch wenn sie spielerisch, skeptisch, artistisch und humoristisch schien – so ganz und gar vom Anfang bis zum sich nähernden Ende, eben diesem bangen Bedürfnis nach Gutmaching, Reinigung und Rechtfertigung entsprungen, wie mein persönlicher und so wenig vorbildlicher Versuch, die Kunst zu üben.

Thomas Mann zeigt seinen Zuhörern und Lesern seine Zeit, seinen Werdegang, seinen Tagesablauf und sein Schreiben. Dabei ist immer zu bedenken, dass er ein Bild von sich darlegt, welches er darlegen will, dass er dieses mit dem Werkzeug zeichnet, welches er meisterhaft beherrscht: der Sprache. Und es ist ein Bild, das all die stilistischen Mittel auch trägt, die sein Werk ausmachen: Ironie, Humor, Prägnanz, Detailtreue – alles auf die Wirkung ausgerichtet, die beim Empfänger gewünscht ist. So mag das Bild vielleicht nicht immer ganz realistisch sein, es fehlen die Seiten, die verschwiegen werden wollen und glänzen die, welche präsentiert werden sollen, trotzdem spricht gerade das für die Authentizität des Berichts, denn genau so war er: ein Zauberer mit der Sprache, welcher immer die Worte aus dem Hut zaubert, die das Gegenüber erstaunen lassen.

Thomas Mann lebte zum grossen Teil für sein Schreiben und er sah dieses Schreiben als eine Form von Dankbarkeit:

Wir werden daran gewahr, dass Produktivität aktiv gewordene Empfänglichkeit ist, Dankbarkeit für das Leben, für das Glück und das Leiden, das es dem schöpferischen Menschen reichlicher spendet als anderen.

Fazit:

Thomas Mann beleuchtet sein Leben, sein Schaffen, einzelne Werke und gibt dem Leser somit Einblicke in sein Schaffen und die Motivationen, die hinter diesem stehen. Absolut lesenswert.

(Thomas Mann: Über mich selbst. Autobiographische Schriften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994.)

Bild

Zweite Schattengeneration im Hause Mann

Als Sohn von Michael Mann in Amerika geboren, führte der Weg Frido Manns bald in die Schweiz, wo er nach einem kurzen Intermezzo in Österreich die Schule abschloss und ein Musikstudium aufnahm. Eine grosse Zeit wohnte er bei seinen Grosseltern, sehr zur Freude seines ihn vergötternden Grossvaters.

Er ist ein sehr ruhiger Grossvater, trotzdem präsent, auch wenn er wenig oder gar nicht spricht. Gelegentlich sprudeln Meinungsäusserungen oder Erzählungen aus ihm heraus, heiter, hell, prägnant; gesetzt und doch leicht und oft lustig. Und durch alles hindurch spüre ich, obwohl wir einander körperlich kaum berühren, seine durchgehende, verlässliche Liebe und Zärtlichkeit mir gegenüber, besonders bei den alltäglichen Begrüssungen oder Verabschiedungen.

 Frido findet auch einen Platz in Thomas Manns Schreiben. Im Werk Doktor Faustus erschafft dieser den fünfjährigen Nepomuk, genannt Echo, und lässt ihn im Werk qualvoll sterben. Frido Mann zahlt den Preis dafür, in dem er fortan die Blicke der Kundigen auf sich spürt und nicht weiss, ob sie bewundernd oder mitleidig sind. Der Doktor Faustus wird zum Stigma, welches er nie in einem klärenden Gespräch auflösen kann.

Dies ist vermutlich der Hauptgrund dafür, denke ich heute, dass ich meinem Grossvater lange jene literarische Vereinnahmung nachgetragen und mich deshalb mein halbes Leben über geweigert habe, seine Werke zu lesen.

Frido Mann erscheint als Suchender im Leben. Nach einem Musikstudium stürzt er sich in die Theologie, promoviert da, beginnt danach mit Psychologie, habilitiert. Dass er irgendwann noch zu schreiben beginnt, erstaunt in der Familie nicht, es scheint nicht anzugehen, dass ein Mann-Nachkomme nicht schreibt. Alle stehen sie im Schatten Thomas Manns und beklagen ebendiesen Schatten. Zwar ebnet Thomas Manns Ruhm und Bekanntheitsgrad so manchen Weg, öffnet manche Tür und bringt Interesse für die eigene Geschichte, trotzdem betonen seine Nachkommen oft lieber das Leiden im Leben, welches sie dem Schatten geschuldet sehen. Doch auch hier, im Falle Frido Manns:  Gäbe es diesen Grossvater, Thomas Mann, nicht, wäre dieses Leben wohl kaum je erzählt und gelesen worden.

Das Buch macht dem Titel alle Ehre, in einer Achterbahn schwirrt es zwischen näheren und ferneren Zeiten hin und her, führt durch diverse Orte, Studien und Lebensstationen, mischt Erinnerungen mit Briefen, verliert sich in Ausschweifungen und rettet sich durch kleine Anekdoten um Thomas Mann. Die Frage bleibt: wie viele Generationen prägt das Erbe eines solchen Vorfahren?

Fazit:

Zeugnis eines bewegten Lebens, welches den Anschein macht, dass in der äusserlichen Suche nach dem richtigen Platz im Leben die innere Suche nach der eigenen Identität repräsentiert ist.

(Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.)

Bild

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Es ist, wie es ist

Ich wurde kürzlich gefragt, wie es mir geht. Ich antwortete:

Ich kann nicht klagen, im Gegenteil. Mir geht es sehr gut, privat wie beruflich bin ich glücklich, so leben zu können, wie ich es mir wünsch(t)e. Ein grosses Privileg, das ich nie zu träumen gewagt hätte. Bin sehr dankbar dafür.

Dann las ich das nochmals und fand, das könne man nicht so stehen lassen, das klänge nicht glaubwürdig oder einfach übertrieben. Ich schob hinterher:

Logischerweise bleiben auch die Tiefs nicht aus, das Leben ist nie nur rosa

Das war nun schon besser. Aber irgendwie passte es noch nicht, da es nun eher negativ endete, ich aber doch wirklich nicht klagen kann. Also schob ich nochmals etwas hinterher:

…aber ich bin zufrieden!

Und dann sass ich da und war immer noch nicht zufrieden damit. Und vor allem fragte ich mich, wieso ich Mühe damit hatte, zu sagen, dass es mir gut geht. So ganz uneingeschränkt.

Logisch, das Leben ist nicht immer himmelhoch jauchzend. Ich bin ein eher turbulentes Gemüt, das von Emotionen geschüttelt wird, mal hoch, mal tief. Ich nehme mir Dinge zu Herzen, leide, schimpfe, tobe ab und an, komme drüber weg, fliege hoch, lache, tanze, lebe. Doch auch wenn ich gerade unten im Tal sässe, das Leben grundsätzlich ist gut, wie es ist. Ich könnte mir kein besseres wünschen. Ich wüsste nicht wie.

Vor allem glaube ich nicht an den ewig währenden Sonnenschein. Auch Schatten ist mal nötig, er regt zum Nachdenken an, treibt weiter, weil man das, was man sieht, angeht, für sich und das Leben Lehren zieht. Wären die Täler nicht, wozu wären Berge gut? Es gäbe sie nicht, alles wäre Ebene. Nie hätte man den Blick über alles, die Freude, die Erhabenheit, das Hochgefühl.

Woher aber rührte nun das Gefühl, das Glück und die Dankbarkeit für das eigene Leben nicht so stehen lassen zu können? Ich habe keine Ahnung, es fiel mir nur auf, verwunderte mich. Denn es ist wirklich so. Es geht mir gut und ich bin froh, ist es so. Es gab in meinem Leben wenig Zeiten, in denen ich das so uneingeschränkt hätte sagen können. Nicht dass ich keine Sorgen hätte momentan, nicht dass einiges noch besser sein könnte, keine Frage, es nagen gewisse Dinge. Aber es ist gut… und schon wieder tue ich es. Schwäche ab. Rechtfertige. Als ob es in der heutigen Zeit nicht angebracht wäre, zu sagen, dass es genau so gut ist, wie es ist. Besser geht immer, keine Frage. Schlechter aber auch. Viel schlechter sogar. Schön, ist es, wie es ist. Genau so.

Michael Degen: Familienbande

[Es] ist festzstellen, dass ich für den Knaben bei Weitem die Zärtlichkeit nicht aufbringe, wie vom ersten Augenblick für Lisa, – was Wunder nehmen könnte.

Bibi, wie Michael Mann in der Familie genannt wurde, war ein von Anfang an ungewolltes Kind. Dass er auch ein schwieriges Kind war, das viel schrie und tobte, erleichterte seinen Stand in der Familie nicht. Der Vater, Thomas Mann, der ihn lieber hätte abtreiben lassen, brachte nicht nur keine Zärtlichkeit für ihn auf, er ekelte sich vor ihm und seinem Wesen, was der Junge deutlich in des Vaters Gesichtszüge geschrieben sah.

Jähzornig und zugleich sentimental und liebesbedürftig, lief er mit seiner zurückgewiesenen Liebe wie ein halbblindes Tierchen herum, stiess gegen Wände, die er sich selbst errichtet hatte.

Die fehlende Liebe liess ihn nie los, der ständig präsente Schatten des übermächtigen Vaters erdrückte ihn. Zuflucht fand er in Gewalt und Alkohol. Obwohl er selber erfolgreich wird als Musiker, kann er sich nie von der Verletzung durch den Vater befreien.

Nein, mich kränkt allein die Tatsache, wie verschwenderisch er anderen gegenüber mit dem Gefühl, das Sie Liebe nennen, umgeht. Ich stehe ewig in der zweiten Reihe, bin quasi der Zaungast […]

In seiner zweiten Karriere als Germanistikprofessor widmet er sich intensiv dem Werk des zugleich gehassten und geliebten Vaters. Dabei beschäftigt er sich mit dessen Tagebüchern, und wird erneut mit der Ablehnung und dem Ekel des eigenen Vaters konfrontiert.

Je mehr Bibi las, desto grösser wurde seine Verzweiflung. Was er als Kind nur ahnte; jetzt hatte er es schwarz auf weiss.

Die Erschütterung über diese offenkundige Abneigung erträgt er nicht mehr.

Fazit:

Die packend geschriebene, fundiert aufgearbeitete Lebensgeschichte eines todtraurigen Jungen und Mannes, welcher an der Kälte und Lieblosigkeit seines Erzeugers zerbrach.

(Michael Degen: Familienbande, Rowohlt Berlin, Berlin 2011.)

Bild

Suizid – Verbrechen oder Recht?

„Nichts ist dümmer und letzlich auch krimineller, als ein kaum angefangenes Leben wegzuwerfen, ohne auch nur zu ahnen, welche Überraschungen und spannenden Erlebnisse es für einen bereithält. Die Sterbezeit beginnt doch erst, wenn Neugierde und Lebenslust dauerhaft nachlassen, wenn der Überdruss unüberwindlich wird“, hörte er des Vaters Stimme von fern her flüstern.

Hat der Vater – in diesem Fall Thomas Mann, wie ihn Michael Degen in seinem Buch „Familienbande“ nach dem Selbstmordversuch seines jüngsten und ungeliebten Sohn Michael sprechen lässt – recht? Ist es dumm und (in einem moralischen Sinne) kriminell, sein Leben eigenständig zu beenden, bevor die Uhr abgelaufen ist? Oder gibt es eine Altersgrenze, welche besagt, dass man es vorher nicht dürfe, danach der Schritt aber akzeptabler wäre? 

In Thomas Manns Familie war Selbstmord keine Seltenheit. Seine beiden Schwestern haben sich umgebracht und zwei seiner Söhne gingen diesen Weg ebenfalls. Klaus wählte diesen Weg wohl aus Verzweiflung, weil trotz seines Talents nichts so gelang, wie er sich das wünschte, weil die Drogen kein Entrinnen zeigten, weil das Leben ihn von einer Enttäuschung in die nächste führte, immer den dominanten und erfolgreichen Vater im Nacken, aus dessen Schatten er nie kam. Michael Mann war erfolgreich.  Als Musiker und als Professor für Germanistik. Und doch beendete er sein Leben lange nach seiner schweren Zeit als ungeliebtes Kind zu Hause bei den Eltern. Konnte er sich nie von den Verletzungen lösen, die dieses kalte und lieblose Elternhaus bei ihm zurückliess?

Darf man einfach dahin gehen und sich umbringen? Hat man das Recht, das Leben, das einem geschenkt wurde, mutwillig zu beenden? Glaubt man an Gott, ist das Leben ein Gottesgeschenk. Sich dem zu entziehen wäre in dem Fall Undank gegen den grossen Schöpfer. Doch was ist, wenn man nicht an Gott glaubt? Wem schuldet man sein Leben? Den Eltern? Haben sie einen gefragt, ob man leben will? Sie haben das für einen bestimmt, wie so vieles mehr im Leben. Sie bestimmen die Religion, in die man hineingeboren wird und in welcher man die ersten Jahre des Lebens verbringt, bestimmen die Regeln, moralischen Grundsätze und Wertvorstellungen, die im familiären Haushalt gelten und zu befolgen sind. Sie sagen, was gut ist und was schlecht und sie prägen damit ganz massgeblich das Heranwachsen und die Entwicklung einer Persönlichkeit. Irgendwann wird man flügge und entscheidet selber. Man kann sein Leben selber in die Hand nehmen und trägt fortan die Verantwortung für sein Leben. Kann man sich aber wirklich ganz lösen? Von allem? Der Blick auf die Familie Mann scheint eine andere Sprache zu sprechen. 

Muss man leben, wenn man dieses Leben nun mal hat? Gibt es eine Pflicht zu leben? Es gibt ein Recht zu leben, dieses Recht ist ein Menschenrecht und niemand darf es einem nehmen. Aber eine Pflicht? Und wenn ich das Recht auf mein Leben habe, habe ich dann nicht auch das Recht auf meinen eigenen Tod? Darf ich nicht frei entscheiden, was ich mit diesem Leben anfangen will, ob ich es weiter führen oder aber beenden möchte? Bin ich kriminell und dumm, wenn ich beschliesse, dass das Leben nicht lebenswert ist für mich, zu hart, zu grausam, zu kalt? Vielleicht auch hoffnungslos?

Bin ich schwach, wenn ich den Weg in den Suizid gehe, weil ich mich feige vor den Herausforderungen des Lebens drücke oder bin ich  mutig, da ich den Weg in den Tod gehe, den Weg also, den die meisten Menschen so sehr fürchten? Welche Angst wäre grösser als die vor dem Tod? Und wenn einer ihn wählt gegen das Leben, wie schwer muss ihm dann dieses Leben gefallen sein?

Muss man jemanden retten, der nicht mehr leben will oder sollte man seinen Entscheid respektieren? Welche Gründe sind Grund genug für diesen Schritt, wo ist er akzeptabel? Nie? Immer? Mal so, mal so?

Suizid ist ein grosses Tabuthema. Er wird als feige, als schwach, als rücksichtslos, als egoistisch gesehen. Immer aber steckt viel Leid dahinter. Leid bei dem, der den Weg wählt. Wie verzweifelt muss er gewesen sein? Er sah sah nicht mehr genug Licht, das ihn hielt, das Dunkel erdrückte ihn. Er sah nicht mehr genug Sinn, fühlte sich nur noch hilflos, ausgeliefert, allein, überfordert. Das Leben war schlimmer als die gröste Angst des Menschen: der Tod.

Nach der Tat ist das Leid beim Umfeld. Im Raum stehen all die offenen Fragen: Hätten wir was tun können? Haben wir versagt? War es unsere Schuld? Haben wir nicht hingeschaut? Wie konnte er uns das antun? Was hat er aufgegeben? Wieso er? Er hatte doch so viel. Und man fängt an zu sehen, was er alles (in den eigenen Augen) hatte. Erfolg, Geld, Familie – all das, was einem selber erstrebenswert vorkommt legt man in die Waagschale des Lebens und sieht den Tod als sinnlos und unverständlich. Vergisst dabei aber, dass der Gegangene wohl eine andere Rechnung hatte. Dass ihm etwas (Lebens-)Wichtiges fehlte. Dass er ohne dieses Etwas das Leben nicht mehr lebbar empfand. Und sich zu einem Schluss entschloss. Für sich.

Ich denke, Selbstmord ist immer egoistisch. Das ist nicht negativ gemeint, sondern soll heissen, dass es nicht gegen jemanden anders gerichtet ist. Mit Selbstmord will man niemandem etwas heimzahlen, keine Rache üben. Es ist eine Tat an sich für sich. Man will sich selber erlösen aus etwas, das man selber nicht erträgt, nicht ertragen will und vermutlich nicht ertragen kann. Die Schuldfrage ist dabei müssig, es kommt wohl zu viel zusammen. Bei den Söhnen Thomas Manns ist man schnell dabei, die Kälte, Härte und Dominanz des Vaters als schuldig zu sehen. Die Söhne zerbrachen daran. Mag sein. War er schuld? Liest man seine Tagebücher, litt er genauso und konnte nicht ausbrechen, kanalisierte sein Leiden im Schreiben. Die Schuld ginge damit eine Generation zurück – der Selbstmord der Schwestern würde diese Schlussfolgerung unterstützen. Und vermutlich könnte man auf die Weise Glied für Glied zurück gehen und sehen, dass keiner aus seiner Haut konnte, jeder aber wohl die Möglichkeit hatte, mit dem Erlebten umzugehen. Die einen schafften es, für sich einen Weg im Leben zu finden, die anderen sahen nur den Tod. Und alle gingen ihren Weg.

Von aussen zu urteilen ist einfach. Man steckt nie drin. Fühlt nie das Leid. Fühlt nie den Schmerz. Schlussendlich hat jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben. Man kann da sein für den anderen, kann helfen, unterstützen, lieben, die Hand bieten. Am Schluss wird man akzeptieren müssen, welchen weg er wählt. Im Leben oder ausserhalb. 

 

Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen

Empfindlich war er wie eine Primadonna und eitel wie ein Tenor. Er war ichbezogen und selbstgefällig, kalt und rücksichtslos und bisweilen sogar grausam.

Dieses sehr hart ausfallende Urteil fällt Marcel Reich-Ranicki über Thomas Mann. Der so bezeichnete Schriftsteller erscheint in einem nicht wirklich positiven Licht, so einen Menschen würde man, so denkt man, meiden im eigenen Leben. Und doch geht von ihm eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann. Von der ganzen Familie. Reich-Ranicki zeichnet anhand von Thomas Manns Tagebüchern und Briefen sowie mit Blick auf seine Werke in kurzen Essays ein Bild von Thomas Mann. Er beleuchtet Thomas Manns Leben als Deutscher, als Ehemann, Vater und Schriftsteller. Und er zeigt dabei einen Menschen, der trotz seines Erfolgs auf der ständigen Suche nach Achtung und Anerkennung ist.

„Wir alle tragen Wunden“, heisst es in der „Entstehung des Doktor Faustus“, „ und Lob ist, wenn nicht heilender, so doch lindernder Balsam für sie.“

 Das Leben der Familie Mann ist geprägt von Thomas Manns Schreiben, alles scheint nur darauf ausgerichtet und davon geleitet. Diesem Schreiben ordnet er alles unter und alle müssen sich ihm unterordnen.

Sichtbar wird ein Mensch, der in sich selber gefangen scheint, der als einziges Ventil das Schreiben sieht. Sowohl in seinem Werk wie auch in seinen Tagebüchern drückt er die Gefühle aus, welche er zu leben nicht wagt. Im Leben prägt ihn eine Distanz, eine Kälte und Härte, Freunde hat er keine wirklichen, Kontakte sind lose und nur da gesucht, wo sie ihm dienen. An Egozentrik ist er kaum zu überbieten, alles wird darauf hin analysiert, was es ihm bringt.

Ein kurzer Blick fällt auch auf die Familie Thomas Manns, auf die geliebte älteste Tochter, welche sich nie aus seinem Bann lösen konnte, auf seine Frau, die ihr Leben dem seinen widmete, auf den ältesten Sohn, der in seinem Schatten nach Licht suchte und nicht fand. Ein Leben wie ein Roman, packend, mitreissend, faszinierend.

Fazit:

Ein lesenswertes Buch über einen grossen Schriftsteller. Reich-Ranicki schöpft aus einem tiefen Fundus von Wissen, Literaturliebe und sprachlicher Prägnanz.

(Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen, Fischer  Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002.)

Am Anfang war…

Ich hatte heute den ganzen Tag Ideen. Was will ich schreiben, wenn endlich Ruhe ist. Schreiben muss ich, ich warte den ganzen Tag auf den Moment, wenn alle schlafen, Ruhe einkehrt, nichts mehr muss, alles kann. Wenn meine Minuten kommen, die stillen, leisen, die, in denen keiner was will, keiner da ist, alle schweigen.

Ich wollte über das Schreiben schreiben, das mir so sehr Wunsch und Erfüllung ist, das Leben ist. Wollte über Thomas Mann schreiben, der das Schreiben als Lebensersatz nahm, weil er das Leben, das er leben wollte, nicht leben konnte, es sei denn, er hätte sich aus dem Platz werfen wollen, den er einnahm in der Gesellschaft. Schreiben war für ihn das Ventil für all die ungelebten, weil unlebbaren Gefühle und Lebensinhalte. Kunst stand dem Leben, dem Bürgertum gegenüber, war aber die einzige Art, wie er sein Leben leben konnte, leben wollte. Wie er das Leben ertrug.

Ich wollte über Arschengel (den Begriff bei Robert Betz stehlend)  schreiben, die das eigene Leben so schwer machen, weil sie einem Hürden legen, negative Gefühle bringen, alles erschweren. Wollte die Erschwernis gutheissen, weil sie weiter bringt. Weil man nur durch das, was drückt, hinschaut und sieht, was man ändern könnte, müsste, dass es nicht mehr drückt. Und so viel über sich selber gelernt hätte dann.

Ich schrieb es. Das eine wie das andere. Löschte wieder. Ging in mich. Fand alles banal. Es sollte ausdrücken, wer ich bin, was ich will. Sollte eine Hymne an das Schreiben sein, das mir so sehr Lebensinhalt ist, dass ich ohne Schreiben nicht leben wollte, könnte. Und alles war nur flach. Entsprach nicht dem, was es sein sollte, was es war.

Am Anfang war das Wort. Danach kamen viele neue Anfänge, alle klingen gut. Kraft, Tat, Mut. Doch den ersten Anfang nahm das Wort. Erst daraus wuchs der Rest. Gesprochen ist es flüchtig. Erst geschrieben trägt es Kraft, Beständigkeit. Gesprochen ist es laut, ist es einehmend, dominant. Geschrieben hat es Musse, hat es Zeit. Und damit überdauert es. Lässt Gedanken zu, lässt die Ruhe sich ausbreiten. In mir selber und in anderen.

Was geschrieben steht, wird wahr. Seine Erscheinung, schwarz auf weiss macht es real. Schreiben ist Zeugnis von dem, was in einem ist, was raus muss. Und irgendwo sitzt einer, liest es und denkt: So ist es, ich sehe das auch so. Oder denkt: Nein, Schwachsinn, es ist genau anders. Und beide denken nach. Über sich und die Welt. Und ich tu es auch, wenn ich ihre Gedanken lese. Und so gewinnen wir alle. Jeder für sich. Die Welt entwickelt sich im Diskurs. Worte sind flüchtig, bis sie geschrieben sind. Und drum schreibe ich. Muss schreiben. Und danke dafür. Was täte ich ohne das?