Steglitz stellt Sandra Matteotti mit „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“ vor

Das Netz-Buch-Dickicht etwas lüften will die Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“. Gedacht ist das so: Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber ich wiederum einlade, die acht Fragen zu beantworten. –  Langfristig, könnte so ein bibliophiles Blog-Brevier entstehen, das von allgemeinerem Interesse ist. Und darüber hinaus profitieren wir von den Erfahrungen anderer Blogger für unsere eigenen Wege im Netz … (Wer es noch genauer wissen will, was die lose Gesprächsreihe soll, kann das hier nachlesen.)

Den acht Fragen stellt sich heute die Schweizerin Sandra Matteoti, die seit einigen Jahren bloggt. Ihre beiden Hauptblogs sind „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“. Als Interviewgäste empfiehlt sie die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“.

Dein Steckbrief in wenigen Stichworten …

Ich habe als Kind die ganze Ortsbibliothek verschlungen und die Liebe zu Büchern, zur Literatur führte mich dann geradewegs ins Studium. Ich habe Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, mit einer Arbeit über Thomas Mann, der mich als Schriftsteller und Mensch fasziniert, abgeschlossen. Danach promovierte ich in Philosophie, mit literarischem Exkurs. Dabei ging es mir weniger um den Titel als mehr ums Schreiben, die Vertiefung in ein Thema. Danach schrieb ich in den unterschiedlichsten Bereichen und zu unterschiedlichen Themen weiter. Sei es freischaffend als Journalistin, als Texterin im Bereich Kommunikation und PR oder als Autorin in eigenen Projekten. – Schreiben ist mein Leben, bestimmt es maßgeblich.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich blogge seit einigen Jahren. Den genauen Anfang weiß ich nicht mal mehr, der erste Blog existiert auch nicht mehr. Früher war es Tagebuch, waren es Texte für die eigenen Notizbücher und die Nachttischschublade, heute geschieht das meiste Schreiben am Computer. Schreiben ist meine Leidenschaft, ich muss schreiben, sonst fehlt mir etwas. Ich drücke mich in Buchstaben und Texten aus, lebe mich aus, finde auch immer wieder ganz neue Dinge über mich heraus, indem ich schreibe, Texte fließen lassen. Oft haben die Texte wie auch die Gedichte eine eigene Dynamik. Ich beginne irgendwo und am Schluss hat mich mein Schreiben geleitet. Das geht natürlich nicht in allen Bereichen. In mir gibt es zwei Seiten, die sehr strukturierte und die kreativ-intuitive. Ich habe gelernt, dass ich beiden ihren Raum geben muss.

Sandra Matteotti © Sandra Matteotti

Ich habe zwei Hauptblogs. Einer enthält meine Gedanken, meine Gedichte. Er befasst sich mit dem Leben, der Welt, mit dem, was mir gerade durch den Kopf geht, mich beschäftigt, mir zufliegt. Er heiß Denkzeiten. Hier lebe ich meine philosophische Ader aus. Der andere heißt Bücherwelten. Hier findet man hauptsächlich Rezensionen, aber auch Artikel und Gedanken zur Literatur. Den zweiten Blog habe ich relativ neu gestartet. Ich habe früher schon Rezensionen verfasst und natürlich rund um die Literatur geschrieben, allerdings in anderen Formaten und zu anderen Zwecken.

Ich bloggte zuerst auf Blogger, wechselte dann zu WordPress. Das hatte nicht einmal wirkliche Gründe. Zuerst hatte ich meine Blogs auf beide Portale verteilt, dann entschloss ich mich, dass es einfacher wäre, nur bei einem zu sein. Bei WordPress habe ich mehr Vernetzung, da die meisten Blogs, die mir gefallen, bei WordPress sind. Dazu kommt, dass mir die Plattform irgendwie sympathisch ist. Bauchgefühl.

Der Austausch ist dir beim Bloggen wichtig …

Ja, ich schätze es, wenn ich Menschen kennen lerne, die mit ähnlichen Interessen und Themen beschäftigt sind, ich finde einen Austausch da schön. Das ist mir insofern auch wichtig, als ich doch meistens alleine zu Hause an meinem Tisch sitze und vor mich hin schreibe. Vom universitären Bereich bin ich jedoch vielleicht ein wenig vorbelastet, als ich da sehr viel Neid und Intrigen kennenlernte. Das hat mich sicher ein Stück weit zurückhaltend und vorsichtig gemacht. Bislang kann ich mich aber nicht beklagen. Alle werden sich nie mögen, in keinem Bereich …

Deine Themenschwerpunkte …

Die Schwerpunkte sind – wie bereits erwähnt – Literatur und Philosophie. Ich bin lange Zeit immer hin und her geschwankt, dachte, mich für das eine oder andere entscheiden zu müssen. Es hat beides Platz, manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere …

Was treibt dich in der Literatur-, Kulturszene derzeit besonders um?

Eigentlich nicht viel. Ich befasse mich wenig mit der Szene.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich verbreite sie momentan hauptsächlich über Twitter und Facebook. Die Rezensionen findet man auch auf anderen Bücherseiten wie LovelyBooks und Amazon.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich denke, das muss jeder für sich selber wissen. Wichtig ist, dass man sich immer bewusst ist, dass das, was man schreibt, danach öffentlich sichtbar ist, wenn man es nicht schützt. Man muss sich also immer überlegen, was man preisgeben will, wie offen man sein will. Es kommen Reaktionen und die Menschen neigen dazu, das, was steht, eins zu eins auf dich anzuwenden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ab und an kommt die Sinnfrage auf: Wozu machst du das eigentlich? Das liest doch eh niemand, das braucht die Welt doch nicht, niemand wartet auf deine Texte. Das zweite Problem ist die Isolation teilweise. Kein berufliches Umfeld da ist beim Schreiben, wie ich es tue. Auf der anderen Seite ist es ja genau das Leben, das ich leben will. Die Zweifel gehören wohl einfach zu mir dazu.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Schön sind Feedbacks, die mir sagen, sie hätten sich wiedererkannt in meinen Texten, die Texte hätten ihnen etwas gegeben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude. Es ist schön, jemandem etwas mit auf den Weg geben zu können. Und wenn es nur ein Lächeln ist oder eine kleine Hilfe, etwas zu sehen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Grundsätzlich freue ich mich darüber. Schwierig wird es ab und an, wenn ich das Buch wirklich schlimm finde. Schönreden werde ich nie ein Buch, dann verzichte ich eher auf eine Rezension. Einen Verriss schreiben möchte ich eher nicht, Kritikpunkte anmerken aber immer!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich habe ein iPad und sowohl darauf wie auch auf dem Computer die Kindle-App. Ich war schon einmal froh darum, im Store Bücher zu finden, die nicht mehr publiziert werden und vergriffen sind. Sie waren sogar gratis! In schlaflosen Nächten nutzte ich den Kindle auch deshalb, weil man dann kein Licht anmachen muss. Ich mag es allerdings nicht wirklich, so zu lesen. Ich bin sehr technisch interessiert, kenne mich mit Technik auch recht gut aus, aber etwas wird dadurch nie zur Seite geschoben: Papier und vor allem Bücher. Dass ich auch meine Papieragenda liebe, gehört hier wohl nicht her. Ist aber auch so.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

SteglitzMind darf ich nicht empfehlen, lese ich aber sehr gerne. Daneben lese ich eigentlich wenig Bücher- oder Literaturblogs. Ich klicke mich ab und an durch die Blogs durch, finde einzelne Artikel gelungen. Einige möchte ich aber doch nennen, die mir als Ganzes positiv aufgefallen sind: Gunnar Kaisers Philosophieblog Philosophisch leben – eine Reise durch verschiedene Themen des Alltags, philosophische Themen, die zum Nachdenken anregen.Zeitspiegel – vielfältige Themen wie Politik, Kultur, Leben, Wissen. Schön geschrieben, mit viel Hintergrund und Tiefe. Christian Köllerers Blog „Dr. Christian Köllerers Notizen“ – ich mag seinen Zugang zur Literatur und seine Auswahl der Werke. Und Karla Pauls Buchkolumne –  ein Blog direkt aus dem Leben. Ihre Texte gefallen mir durch ihre Natürlichkeit. Zudem spricht eine große Liebe zur Literatur aus ihren Zeilen. Ich kenne sie nicht persönlich, aber irgendwie habe ich sie ins Herz geschlossen. – Für ein Gespräch würde ich gerne die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“ empfehlen. Da möchte ich mich nicht festlegen.

Danke sehr, Sandra. Vielleicht unterstützt du mich dabei, Karla Paul und den Betreiber von Zeitspiegel dazu zu bewegen, die Fragen ebenfalls zu beantworten?

Im Original nachzulesen bei SteglitzMind – Ich danke für die Plattform und das Interesse. Hat Spass gemacht!

Steglitz stellt Sandra Matteotti mit „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“ vor

Das Netz-Buch-Dickicht etwas lüften will die Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“. Gedacht ist das so: Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber ich wiederum einlade, die acht Fragen zu beantworten. –  Langfristig, könnte so ein bibliophiles Blog-Brevier entstehen, das von allgemeinerem Interesse ist. Und darüber hinaus profitieren wir von den Erfahrungen anderer Blogger für unsere eigenen Wege im Netz … (Wer es noch genauer wissen will, was die lose Gesprächsreihe soll, kann das hier nachlesen.)

Den acht Fragen stellt sich heute die Schweizerin Sandra Matteoti, die seit einigen Jahren bloggt. Ihre beiden Hauptblogs sind „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“. Als Interviewgäste empfiehlt sie die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“.

Dein Steckbrief in wenigen Stichworten …

Ich habe als Kind die ganze Ortsbibliothek verschlungen und die Liebe zu Büchern, zur Literatur führte mich dann geradewegs ins Studium. Ich habe Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, mit einer Arbeit über Thomas Mann, der mich als Schriftsteller und Mensch fasziniert, abgeschlossen. Danach promovierte ich in Philosophie, mit literarischem Exkurs. Dabei ging es mir weniger um den Titel als mehr ums Schreiben, die Vertiefung in ein Thema. Danach schrieb ich in den unterschiedlichsten Bereichen und zu unterschiedlichen Themen weiter. Sei es freischaffend als Journalistin, als Texterin im Bereich Kommunikation und PR oder als Autorin in eigenen Projekten. – Schreiben ist mein Leben, bestimmt es maßgeblich.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich blogge seit einigen Jahren. Den genauen Anfang weiß ich nicht mal mehr, der erste Blog existiert auch nicht mehr. Früher war es Tagebuch, waren es Texte für die eigenen Notizbücher und die Nachttischschublade, heute geschieht das meiste Schreiben am Computer. Schreiben ist meine Leidenschaft, ich muss schreiben, sonst fehlt mir etwas. Ich drücke mich in Buchstaben und Texten aus, lebe mich aus, finde auch immer wieder ganz neue Dinge über mich heraus, indem ich schreibe, Texte fließen lassen. Oft haben die Texte wie auch die Gedichte eine eigene Dynamik. Ich beginne irgendwo und am Schluss hat mich mein Schreiben geleitet. Das geht natürlich nicht in allen Bereichen. In mir gibt es zwei Seiten, die sehr strukturierte und die kreativ-intuitive. Ich habe gelernt, dass ich beiden ihren Raum geben muss.

Sandra Matteotti © Sandra Matteotti

Ich habe zwei Hauptblogs. Einer enthält meine Gedanken, meine Gedichte. Er befasst sich mit dem Leben, der Welt, mit dem, was mir gerade durch den Kopf geht, mich beschäftigt, mir zufliegt. Er heiß Denkzeiten. Hier lebe ich meine philosophische Ader aus. Der andere heißt Bücherwelten. Hier findet man hauptsächlich Rezensionen, aber auch Artikel und Gedanken zur Literatur. Den zweiten Blog habe ich relativ neu gestartet. Ich habe früher schon Rezensionen verfasst und natürlich rund um die Literatur geschrieben, allerdings in anderen Formaten und zu anderen Zwecken.

Ich bloggte zuerst auf Blogger, wechselte dann zu WordPress. Das hatte nicht einmal wirkliche Gründe. Zuerst hatte ich meine Blogs auf beide Portale verteilt, dann entschloss ich mich, dass es einfacher wäre, nur bei einem zu sein. Bei WordPress habe ich mehr Vernetzung, da die meisten Blogs, die mir gefallen, bei WordPress sind. Dazu kommt, dass mir die Plattform irgendwie sympathisch ist. Bauchgefühl.

Der Austausch ist dir beim Bloggen wichtig …

Ja, ich schätze es, wenn ich Menschen kennen lerne, die mit ähnlichen Interessen und Themen beschäftigt sind, ich finde einen Austausch da schön. Das ist mir insofern auch wichtig, als ich doch meistens alleine zu Hause an meinem Tisch sitze und vor mich hin schreibe. Vom universitären Bereich bin ich jedoch vielleicht ein wenig vorbelastet, als ich da sehr viel Neid und Intrigen kennenlernte. Das hat mich sicher ein Stück weit zurückhaltend und vorsichtig gemacht. Bislang kann ich mich aber nicht beklagen. Alle werden sich nie mögen, in keinem Bereich …

Deine Themenschwerpunkte …

Die Schwerpunkte sind – wie bereits erwähnt – Literatur und Philosophie. Ich bin lange Zeit immer hin und her geschwankt, dachte, mich für das eine oder andere entscheiden zu müssen. Es hat beides Platz, manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere …

Was treibt dich in der Literatur-, Kulturszene derzeit besonders um?

Eigentlich nicht viel. Ich befasse mich wenig mit der Szene.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich verbreite sie momentan hauptsächlich über Twitter und Facebook. Die Rezensionen findet man auch auf anderen Bücherseiten wie LovelyBooks und Amazon.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich denke, das muss jeder für sich selber wissen. Wichtig ist, dass man sich immer bewusst ist, dass das, was man schreibt, danach öffentlich sichtbar ist, wenn man es nicht schützt. Man muss sich also immer überlegen, was man preisgeben will, wie offen man sein will. Es kommen Reaktionen und die Menschen neigen dazu, das, was steht, eins zu eins auf dich anzuwenden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ab und an kommt die Sinnfrage auf: Wozu machst du das eigentlich? Das liest doch eh niemand, das braucht die Welt doch nicht, niemand wartet auf deine Texte. Das zweite Problem ist die Isolation teilweise. Kein berufliches Umfeld da ist beim Schreiben, wie ich es tue. Auf der anderen Seite ist es ja genau das Leben, das ich leben will. Die Zweifel gehören wohl einfach zu mir dazu.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Schön sind Feedbacks, die mir sagen, sie hätten sich wiedererkannt in meinen Texten, die Texte hätten ihnen etwas gegeben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude. Es ist schön, jemandem etwas mit auf den Weg geben zu können. Und wenn es nur ein Lächeln ist oder eine kleine Hilfe, etwas zu sehen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Grundsätzlich freue ich mich darüber. Schwierig wird es ab und an, wenn ich das Buch wirklich schlimm finde. Schönreden werde ich nie ein Buch, dann verzichte ich eher auf eine Rezension. Einen Verriss schreiben möchte ich eher nicht, Kritikpunkte anmerken aber immer!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich habe ein iPad und sowohl darauf wie auch auf dem Computer die Kindle-App. Ich war schon einmal froh darum, im Store Bücher zu finden, die nicht mehr publiziert werden und vergriffen sind. Sie waren sogar gratis! In schlaflosen Nächten nutzte ich den Kindle auch deshalb, weil man dann kein Licht anmachen muss. Ich mag es allerdings nicht wirklich, so zu lesen. Ich bin sehr technisch interessiert, kenne mich mit Technik auch recht gut aus, aber etwas wird dadurch nie zur Seite geschoben: Papier und vor allem Bücher. Dass ich auch meine Papieragenda liebe, gehört hier wohl nicht her. Ist aber auch so.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

SteglitzMind darf ich nicht empfehlen, lese ich aber sehr gerne. Daneben lese ich eigentlich wenig Bücher- oder Literaturblogs. Ich klicke mich ab und an durch die Blogs durch, finde einzelne Artikel gelungen. Einige möchte ich aber doch nennen, die mir als Ganzes positiv aufgefallen sind: Gunnar Kaisers Philosophieblog Philosophisch leben – eine Reise durch verschiedene Themen des Alltags, philosophische Themen, die zum Nachdenken anregen.Zeitspiegel – vielfältige Themen wie Politik, Kultur, Leben, Wissen. Schön geschrieben, mit viel Hintergrund und Tiefe. Christian Köllerers Blog „Dr. Christian Köllerers Notizen“ – ich mag seinen Zugang zur Literatur und seine Auswahl der Werke. Und Karla Pauls Buchkolumne –  ein Blog direkt aus dem Leben. Ihre Texte gefallen mir durch ihre Natürlichkeit. Zudem spricht eine große Liebe zur Literatur aus ihren Zeilen. Ich kenne sie nicht persönlich, aber irgendwie habe ich sie ins Herz geschlossen. – Für ein Gespräch würde ich gerne die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“ empfehlen. Da möchte ich mich nicht festlegen.

Danke sehr, Sandra. Vielleicht unterstützt du mich dabei, Karla Paul und den Betreiber von Zeitspiegel dazu zu bewegen, die Fragen ebenfalls zu beantworten?

Im Original nachzulesen bei SteglitzMind – Ich danke für die Plattform und das Interesse. Hat Spass gemacht!

Blosser Schein

Worte fliessen,
ganze Salven,
wissen besser,
wissen alles.
Bringen Schmus
und Schleimerei,
bis Taten warten,
warten lassen.

Wollten da sein,
schickten Herzen,
Freundschaft sei es,
Zuneigung.
Dahin gesagt,
man traute drauf.
Sitzt alsbald da
und nichts war wahr.

Alleine bleibt man
lebt dahin,
Alles and’re
blosser Schein.
Es fällt bald auf,
man schickt sich drein,
wer nichts erwartet,
fällt nicht rein.

Anders sein – sich anpassen

Ich bin anders als die andern Männer.

Wie oft hört man als Frau genau diesen Satz. Was anders ist? Das ist austauschbar, es sind meist Klischees, oft genau die Punkte, die Frau an Männern anprangert. Und das Gegenüber behauptet dann, genau anders zu sein. Witziger Weise sind genau die Männer, die selber behaupten, so anders zu sein, die, welche dann finden, Frauen seien genau so. Auch da ist nicht relevant, wie „so“ ist. Es wird immer dann verwendet, wenn Frau etwas von sich preis gibt.

Wer sind eigentlich „alle Frauen“? Wer „alle Männer“? Was ist typisch und was dem Geschlecht geschuldet? Was bezweckt man damit, anders zu sein? Ist das spannend? Erstrebenswert? Löst man sich damit von Mustern? Gegebenheiten? Sind diese immer schlecht? Zwangsläufig? Anders zu sein erscheint erstrebenswert.

Oft leiden Menschen dann, wenn sie denken, nicht der Norm zu entsprechen. Die Gesellschaft prägt ein Bild, wie man zu sein hat. Es gibt eine ungeschriebene Norm des akzeptierten Seins und Verhaltens. Weicht man davon ab, gehört man nicht dazu. Ist Aussenseiter. Als Aussenseiter fällt man oft durch Maschen, steht aussen vor, ist verachtet, geächtet, einfach nicht dabei. Das schmerzt. Der Mensch ist ein Rudeltier. Er will dazu gehören. Will geliebt werden. Geliebt sind die, die dabei sind, nie die, welche daneben stehen. Anders zu sein ist ein Stigma. Ein Makel. Das will keiner. Die anderen wollen es nicht und darum will man es selber nicht.

Was denn nun? Anders sein oder gleich sein? Kann ja nicht angehen, dass man sich je nach Gegebenheit das Passende aussucht und sich dazu Lorbeeren zum Kranz windet. Schlussendlich läuft alles auf dasselbe hinaus: Schubladen. Man denkt sich die Welt in Kommoden, die Schubladen enthalten. Die einen beherbergen das Gewollte, die andern das Unerwünschte. Je nach Situation greift man in das eine oder andere Behältnis, betitelt es mit „anders“ oder „gleich“. Und fühlt sich unendlich gut dabei, da man immer zielgerichtet in die richtige Lade greift. Oder man fühlt sich unglaublich schlecht, weil man sprichwörtlich keine falsche Lade auslässt.

So oder so: zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille ist nicht erstrebenswert. Sie zementiert dasselbe Denken, das in kleinkarierten Mustern. Das, welches Menschen verurteilt. Schubladisiert. Verachtet. Zwängt. Unterdrückt. Die Schubladen sind es, die Leid zufügen. Egal, ob es die guten oder schlechten Schubladen sind. Greifen wir in die guten, sitzt jemand in den schlechten. Sitzen wir in den schlechten, bestimmt jemand anders die guten. Und in all dem verkennen wir, dass wir alle sind, wie wir sind. Und wir ignorieren, dass es alle braucht. Fehlte einer, wäre die Welt weniger bunt. Und würde uns eine schwarze Welt gefallen? Wenn Rosen schwarz auf schwarzen Stengeln in schwarzem Gras von schwarzer Sonne vor schwarzem Himmel mit schwarzen Wolken beschienen würden? Wo bliebe das Rot, das Grün, das Gold, das Blau und das Weiss, die die Welt ausmachen und deren Schönheit?

Was es ist

Claudia stand am Bahnhof und wartete. Um sie herrschte emsiges Treiben, Leute gingen, Leute kamen, alle stürmten sie an Claudia vorbei, ohne sie zu bemerken, in sich versunken, ohne Zeit, ohne Ruhe, nur dem eigenen Ziel zugewandt, den Moment missachtend. Claudia hatte Zeit. Sie war zu früh. Sie war immer zu früh. Das hatte sie von ihrem Vater geerbt. Ihr Vater war sehr streng und tolerierte keine Unpünktlichkeit. Sie erinnerte sich an einen Vorfall, als sie 10 Minuten zu spät heim kam und er mit ihr schimpfte, als ob sie ein Kapitalverbrechen begangen hätte. Er liess sie nicht mal erklären, wie es dazu gekommen war. Es war auch nicht aus Sorge, weil er dachte, ihr hätte was passiert sein können, es war einfach nur der Umstand, dass sie ihn 10 Minuten hatte warten lassen. Respektlos nannte er sie. Gedankenlos. Eigensüchtig. Das tat weh. Sie wollte es immer recht machen. Allen. Das schien unmöglich. Sie wusste es. Und doch versuchte sie es weiter.

Es zog am Treffpunkt im Bahnhof. Sie blickte die Rolltreppen hinauf und sah den dunklen Himmel über sich. Anfangs Januar wurde es früh dunkel, die Tage waren kurz. Ungeduldig blickte sie zur Uhr. Noch 15 Minuten. Dann musste er kommen. Sie freute sich sehr. Vor zwei Monaten hatte sie Thomas kennen gelernt. Sie hatte einen Beitrag im Internet von ihm gelesen, der ihr Herz berührt hatte mit der Tiefe und dem Wissen, die darin steckten. Sie hatte nicht umhin gekonnt, ihm zu schreiben und ihm das zu sagen. Nach dem Abschicken ihrer Nachricht hatte sie sich gescholten, gedacht, sich lächerlich gemacht zu haben. Und doch – sie hatte nicht anders gekonnt. Thomas fühlte sich aber gar nicht gestört und sie auch nicht lächerlich. Im Gegenteil, er hatte eine sehr liebenswürdige Mail zurück geschrieben. Und bald folgte eine Mail der anderen, sie tauschten sich aus, über München, wo er wohnte, über Literatur, über Kunst, Philosophie, sich selber. Das Leben schlechthin. Sie ertappte sich, wie sie täglich mehrmals die Mailbox anschaute, ob etwas von Thomas gekommen war. Wie gross die Freude, wenn es so war. Wie gross die Enttäuschung, wenn nicht. Und wie gross die Ungeduld bis zum nächsten Nachschauen.

Die Mails flossen bald täglich mehrmals zwischen Zürich und München hin und her. Thomas war Galerist in München. Er schrieb daneben an einem Lebenswerk über die Löcher in Menschenseelen und deren Ursachen. Jeder hat ein Loch im Leben. Das war auch Claudias Überzeugung. An einem Punkt kranken Menschen und oft ist es mangelnde Liebe, mangelnde Aufmerksamkeit. Daraus resultiert die oft verzweifelte Suche danach – oft bis hin zur Selbstaufgabe. Claudia war von Thomas in den Bann gezogen. Ihr ganzes Denken drehte um ihn. Als er sie eines Abends das erste Mal anrief, fügte sich dem Bild noch ein Teilchen hinzu. Seine Stimme war weich, warmherzig und sein Dialekt herzerwärmend. Sie liebte den Münchner Dialekt schon lange, seinem war noch ein Stück Wien beigemischt, was dem Ganzen eine spezielle Note gab. Claudia telefonierte eigentlich nicht gerne. Früher hatte sie ihr Vater ausgelacht, weil sie gleich nach der Schule mit Schulfreundinnen telefoniert hatte, was ihm ein Rätsel gewesen war, da sie sich ja eben erst getrennt hatten. Seit sie erwachsen war, telefonierte sie kaum noch. Sie wüsste nicht, wen sie anrufen sollte. Zudem kamen Anrufe meist dann, wenn man beschäftigt war. Selten sitzt man nur da und tut nichts, selten ist man bereit, einen Anruf entgegen zu nehmen, weil sonst grad nichts läuft.

Der Zeiger der grossen Bahnhofsuhr rückte nur langsam vorwärts. Es war ja immer so: Wenn man was erwartet, geht es umso länger, bis es eintrifft. Neu war diese Erkenntnis wahrlich nicht. Eigentlich mochte Claudia keinen solchen Sprüche. Sie waren zwar wahr, aber wenig originell. Doch was war heutzutage noch neu? Alles war schon mal dagewesen. Jeder Gedanke schon mal gedacht. Der Mensch erlebt selten mehr was Neues – je älter er wird, desto mehr Erfahrungen hat er schon und wiederholt sie nur noch in wechselnder Besetzung. Eigentlich eine trübe Sicht und Claudia wollte nicht Trübsal blasen, denn sie freute sich. Trotzdem konnte sie selten aus ihrer Haut. Sie war ein nachdenkliches Gemüt und alles, was ihr begegnete, regte immer zu 100 neuen Gedanken an. Und so konnte es kommen, dass sie vom einen zum andern floss gedanklich, ohne Unterlass, oft sprunghaft, so dass ihr niemand mehr folgen konnte. Oft sie sich selber nicht.

18.05 – nun musste der Zug angekommen sein. Claudia merkte, wie ihr Herz unruhiger schlug. Sie spähte neugierig in die Masse. Dann wieder zwang sie sich, wo anders hinzusehen. Sie wollte nicht allzu erwartungsvoll erscheinen. Sie könnte jemanden beobachten, dass es fast so aussah, als ob sie gar nicht wirklich wartete, sondern beschäftigt wäre. Das würde cool wirken. Aber sie musste nicht cool sein. Thomas war es auch nicht. Endlich mal ein Mann, der eben nicht cool war, sondern echt. Sie hatte in ihrem Leben genug andere kennen gelernt. Und ja, sie gab es zu, die hatten ihren Reiz. Sie konnten so schön blenden und sie liess sich viel zu oft und zu schnell blenden. Nicht weil sie geblendet werden wollte, im Gegenteil, sondern, weil sie eben nie davon ausging, dass etwas nicht wahr sein könnte. Vermutlich war sie naiv. Ihr Vater warf ihr das immer vor. Sie hörte innerlich seine Stimme: „Kind, du bist sonst so intelligent, wieso menschlich so dumm? So dumm kann man doch nicht sein.“ Offensichtlich doch…

Die coole Masche lag ihr nicht. Sie blickte doch wieder in die Richtung der Gleise, hoffnungsvoll. Sie sah in ein Meer von Köpfen, blonde, braune, schwarze, weisse, herausragende, untergehende – und in den einen herausragenden. Nicht weil er besonders gross wäre oder sonst auffällig, sondern, weil er es war. Er sah genau so aus wie auf dem Bild. Dick eingemummt – es war bitterkalt –  kam er ihr entgegen. Er umarmte sie zur Begrüssung. Wie alte Freunde. Irgendwie waren sie das. Oder was waren sie eigentlich?

Was war es, das sie verband? All die Mails, die Telefonate? Das schönste Telefonat war vor einem Tag gewesen. Sie war zum Silvester eingeladen gewesen und Punkt Mitternacht klingelte ihr Handy: Thomas. Er wünschte ihr einen guten Rutsch, sagte, wie sehr er sich freute auf ihr Treffen, auf seinen Besuch in Zürich. Claudia freute sich ebenso.

Nun war er also da. Sie liefen Seite an Seite durch die Gassen Zürichs zum Hotel, in dem Thomas ein Zimmer reserviert hatte. Er wollte nur schnell die Koffer abgeben, danach wollten sie essen gehen. Es war alles vertraut. Sie sprachen, als ob sie sich ewig kennen würden. Irgendwie taten sie das auch. Sie hatten über so viel geredet, über so viel geschrieben. Beim Essen ging das Gespräch weiter. Sie lachten, scherzten, schauten sich in die Augen. Er hatte liebe Augen. Wie auf dem Bild. Sie fühlte sich so nah, so aufgehoben, so geborgen. Sie fühlte, da sass ein Mann, ein Mensch, der sie wahrnahm. Wie sie war. Der sie so akzeptierte und toll fand. Sie kannte das nicht. Bislang kannte sie nur das Gefühl, nicht zu genügen. Es war immer zu wenig oder zu viel. In allem. Zu dumm, du gescheit, zu gross, zu klein, zu laut, zu leise. Einfach immer zu. Nie gut. Zumindest empfand sie es so. Bei Thomas war das anders.

Der erste Anruf nach dem Besuch war schön. Aber wehmütig. Die Stimme so nah, der Mensch so fern. Und doch so nah. Die Nähe zwischen Claudia und Thomas wuchs ständig. Sie hatten eine innere Verbundenheit, weil jeder beim anderen fand, was er im Leben sonst vermisst hatte. Verständnis, Zuneigung, Echtheit, Tiefe. Claudia war traurig, dass Thomas schon wieder weg war, vor allem, weil sie nun ihren Geburtstag alleine verbrachte. Er hatte ihr ein Geschenk dagelassen, einen Gedichtband von Erich Fried. Ein wunderbares Buch, es hiess „Was es ist“ – was war es? Was war es, das Thomas und Claudia verband? Liebe? Es fühlte sich so an. Was sollte es sonst sein? Was spräche gegen Liebe?

Claudia merkte, wie gut ihr Thomas tat. Und auch er sagte, dass sie seinem Leben einen neuen Sinn gebe, einen, welchen er sich immer gewünscht hatte. Beide konnten tiefe Löcher in sich und im Leben stopfen durch die Präsenz des anderen. Die gegenseitigen Besuche waren immer viel zu schnell vorbei, zurück blieben Vermissen und doch Glück über das Wissen, dass der andere auch in der Ferne nah war. Sie hatten schon ein paar Mal darüber geredet, wie es wäre, wenn Claudia nach München käme. Sie könnte in Thomas‘ Galerie arbeiten, wenn sie wollte, in der Hauptsache aber ihre Projekte verfolgen. Einfach zusammen sein, das wäre es, was sich beide wünschten. Zuerst aber stand noch ein Besuch in München an. Thomas hatte eine Vernissage organisiert. Claudia freute sich. Es war das erste Mal, dass sie dabei sein konnte bei so einem Anlass.

Claudia stand am Rand des Geschehens, neben ihr Thomas‘ beste Freundin. Eine sehr nette Frau, die Thomas viel bedeutete. Claudia konnte es verstehen. Die Gäste bestaunten die Bilder, der Künstler sass in der Mitte des Geschehens, lächelte freundlich, sichtlich zufrieden mit seinem Werk und der Wirkung, die es erzielte. Die Gesichter, die ein und ausgingen, sah man sonst in Derrick oder im Alten, alte Bekannte aus dem Wohnzimmer der Kindertage, als die Serien noch häufiger liefen. Unter den Gästen auch ein Schriftsteller mit seiner neuen Freundin. Claudias Nachbarin am Rande beäugte das Paar kritisch und konnte nicht verstehen, was sich ein Mann dabei dachte, sich eine so viel jüngere Freundin zu suchen. Dekadent nannte sie es. Dumm dazu, da sie wahre Gefühle kategorisch ablehnte in solchen Fällen, in seinem Fall Dummheit, in ihrem Geltungsdrang als Motive nannte. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich zumindest. War das wirklich das übliche Bild? Wohl schon. Sie hatte sich die Gedanken auch schon gemacht. Sie war sich nicht sicher, wie sie dazu stand. Aber sie musste sich klar werden.

Thomas war zufrieden mit der Vernissage. Er war sichtlich aufgeräumter Stimmung. Sie sassen im Restaurant bei ihm um die Ecke, tranken ein Glas Wein und liessen den Tag Revue passieren. Thomas nahm Claudias Hand. Er blickte ihr in die Augen. Er dankt ihr, dass sie gekommen war. Es hätte ihm viel bedeutet. Generell bedeute ihr seine Anwesenheit sehr viel. Endlich sei das Loch in seinem Herzen zu. Und er fühle sich wieder ganz. Thomas fragte Claudia, ob sie zu ihm ziehen wolle. Ob sie sich vorstellen könnte, seine Frau zu werden. Und bei ihm zu bleiben. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich. Sie bat sich Bedenkzeit aus. Der Abschied nahte, die Zugfahrt nach Hause war dieses Mal noch trauriger. In Claudias Kopf drehten die Gedanken. Sie fuhren Karussell. Was war richtig, was falsch? Was ist es? Was kann ich? Was soll ich? Was darf ich? Würde sie ja sagen, wäre Thomas der Dumme, sie die Geltungssüchtige. 31 Jahre. Das war eine Menge. Die Welt würde sie anstarren. Verurteilen. Aburteilen. Und mit der Welt Thomas beste Freundin. Thomas würde das nicht gut wegstecken. Das wusste Claudia instinktiv.

Es war die wohl schwierigste Mail gewesen, die sie je geschrieben hatte. Und die Antwort von Thomas war noch schwieriger – zu verkraften. Er brauche Zeit. Das wegzustecken. Abstand. Claudia musste es akzeptieren. Es zerriss sie förmlich. Nun war er weg. Weit weg. So fern. Er, der ihr näher gewesen war als selten jemand. Täglich ferner, in Gedanken täglich nah. Im Herzen sowieso. Sie konnte die Distanz nicht ewig halten. Nach ein paar Wochen schrieb sie ihm. Wollte wissen, wie es ihm ging. Er antwortete prompt. Aus einem Mail pro Tag wurden zwei, wurden Anrufe, wurde ein Besuch – wurde die erneute Frage, ob sie käme. Wurde der erneute Bruch. Der erneute Schmerz. Wurden erneut wieder vereinzelte Mails. Ein Besuch wurde besprochen – er wurde nie realisiert. Dann Schweigen. Tiefes Schweigen. Sie schrieb. Nichts kam. Sie schrieb wieder. Keine Antwort. Dann ein Anruf. Es sei alles in Ordnung. Er sei im Spital. Routine.

Claudia hörte Alarmglocken. Er hatte immer schon Probleme gehabt. Bauchweh. Unwohlsein. Wollte zum Arzt. Ihretwegen. Weil sie drängte. Und er durch sie einen Sinn sah. Den er dann verloren hatte. Nun war er wohl gegangen. Gut. Er würde sich melden, meinte er. Claudia freute sich drauf. Nur meldete er sich nicht. Ob sie ihm nochmals schreiben sollte? Oder ihn in Ruhe lassen? Sie konnte nicht. Was er wohl machte, womit er sich wohl beschäftigte? Sie suchte im Netz die Homepage seiner Galerie.

Der Boden öffnete sich, schien sie zu verschlingen. Sie fühlte nichts mehr – nur Leere. Ein grosses, gewaltiges Nichts. Das sie erstickte. Sie kriegte keine Luft mehr. Das konnte nicht sein. Das musste ein Irrtum sein. Noch weiter weg. Einfach gegangen. Ohne ein Zeichen. Einfach verlassen hatte er sie. Einfach so. Wobei: Deswegen wohl der Anruf. Doch ein Zeichen. Deshalb das eindrückliche „pass auf dich auf“. Er war weg. Einfach gestorben. Claudia starb ein Stück mit.

Vier Jahre später, Claudia blätterte wieder einmal in Frieds Gedichtband, sah sie sich die erste Seite des Buches an. Und sah, was sie davor noch nie gesehen hatte:

Was es ist…..

In Liebe Thomas

Geschrieben vor seinem ersten Besuch bei ihr. Es war ihm damals also gleich gegangen wie ihr. Sie hatte es nicht gewusst. Hatte die Signatur nie gesehen. Sah sie jetzt. Durchlebte alles noch einmal. War es richtig gewesen? Falsch? Was war es gewesen? Was war es noch? Es ist, was es ist.

© Sandra Matteotti

Nicole Dill: Leben!

Der Weg in den Tod, der ein gewaltsames Ereignis sein wird, ein durch Menschenhand absichtlich herbeigeführtes Sterben, ist ein monströses Ereignis. Wer ermordet wird, kann nicht in Würde sterben, und der nackte Überlebenswille löst bösartig eine unmenschliche Furcht aus.

 

Eingesperrt in einen Kofferraum, vergewaltigt und das Geschoss einer Armbrust in der Brust ist Nicole Dill stundenlang ihren Todesängsten und ihrer Ohnmacht ausgeliefert. Sie ist zudem dem Mann ausgeliefert, der sich in ihr Leben, in ihr Herz gedrängt hatte. Der Mann, den sie geliebt hatte, mit dem sie schöne Momente erlebte, bis nach und nach dunkle Wolken aufkamen. Zuerst noch unbemerkt, dann immer bedrohlicher, bis die Situation eskalierte.

Dass Roland A. ein verurteilter und als gefährlich eingestufter Vergewaltiger und Mörder war, wusste sie nicht. Niemand warnte sie, niemand stand ihr bei. Als sie eine Gefahr fühlte, wurde sie nicht ernst genommen, stand alleine.

Nicole Dill hatte Glück. Sie überlebte, auch wenn sie dieses Überleben lange oft als Strafe empfand. Der Weg zurück ins Leben war lang und steinig, die Einsicht, Opfer zu sein, hart.

Niemand will Opfer sein. Das widerspricht unserer kulturellen Auffassung, wonach wir selbstbestimmt handeln und für unser Glück und unser Unglück selbst verantwortlich sind. Gesellschaftlich ist das Opfer mit einem Stigma behaftet.

Die Einsicht in den eigenen Opferstatus ist aber nötig, um die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie ist nötig, um zu erkennen, dass man selber nicht Schuld ist. Sie ist zudem nötig, da nur durch die Öffnung gegenüber dieser Vergangenheit auch wieder ein Blick in die Zukunft und ein Leben nach der Tat möglich wird.

Ob es für die erlebte Ungerechtigkeit eine wiedergutmachende Gerechtigkeit gibt, ist fraglich. Die Gesetzeslage scheint mehr auf Seiten der Täter als auf der der Opfer zu stehen. Der zwar verständliche, hier aber hinderliche Satz „in dubio pro reo“ verlangt von Opfern Beweise, welche oft schwer bis unmöglich zu liefern sind. Das hilft Tätern und deren Protektoren oft, mit ihrer Fehlhaltung durchzukommen, keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Das Opfer wird dabei ein zweites Mal Opfer. Zumindest fühlt es sich so. Die einzige Möglichkeit, selber aktiv zu werden und nicht in einer passiven Rolle, im Opferstatus zu verharren, ist, über das Geschehene zu reden, es Sprache werden zu lassen. Das hat Nicole Dill getan und sich so selber Schritt für Schritt ihr Leben wieder lebenswert gemacht.

Fazit:

Die erschütternde Lebensgeschichte einer Frau, die sich den Weg in ihr zweites Leben nach ihrer Ermordung erkämpfen musste. Berührend und ergreifend.

(Nicole Dill: Leben! Wie ich ermordet wurde, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012.)

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 208 Seiten

Verlag: Rowohlt Verlag (4. Auflage, Januar 2012)

Preis: EUR: 8.99 ; CHF 38.90

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Egoismus oder Rücksicht – Bedürfnisse im Konflikt

Ab und an könnte ich mich ohrfeigen. Ich habe oft das Gefühl, Rücksicht nehmen zu müssen, niemandem im Weg sein zu dürfen und nehme mich dadurch zurück. Sage zu Dingen ja, die ich eigentlich nicht will, aus Angst, anzuecken, blöd angeschaut zu werden, nicht mehr gemocht zu werden, nicht geliebt zu sein. Und so tue ich, was ich eigentlich nicht tun will, helfe, wo ich mich ausgenutzt fühle, stimme Dingen zu, die ich so nicht will. 

Vom Verstand her weiss ich, dass es nicht gut ist. Ich weiss, dass ich auch Rechte habe, mir Wert sein sollte, zu mir und meinen Bedürfnissen zu stehen. Ich weiss, dass ich Grenzen setzen soll, dass ich Grenzen habe, dass die respektiert werden müssen. Ich weiss, dass ich nein sagen darf. Dass jemand, der mich eines Neins wegen nicht mehr mag, es nicht wert ist. Vor allem ist er es sicher nicht wert, dass ich seinetwegen über mich hinweg gehe. Ich würde jedem andern raten, das gerade nicht zu tun. Und tue es immer wieder.

Und dann sitze ich da und fühle ich schlecht. Fühle mich übergangen. Denke, er hätte es merken müssen. Rücksicht nehmen sollen. Fühle mich dabei auch schlecht, weil ich mich egoistisch fühle. Weil ich die eigenen Bedürfnisse so hoch stelle. Und denke, da gehören sie nicht hin, die seinen waren viel höher zu werten. Und ich verstehe seine ja auch. Wieso also nicht ja sagen und zurückstecken? 

Und ich tue es. Immer wieder. Und fühle mich schlecht, weil ich zurück stecke. Und fühle mich schlecht, weil ich mich schlecht fühle, weil ich das egoistisch finde. Und fühle mich schlecht, weil ich trotzdem leide. Egoismus hin oder her. Und eigentlich finde ich ihn egoistisch. Und bin enttäuscht, dass es so ist. Dass er so ist. Dass er meine Bedürfnisse, sogar die ausgesprochenen, nicht so hoch stellte, seine höher sah. Das macht doppelt traurig. Es fühlt sich an wie fallen gelassen zu werden. In einem Punkt, nicht generell, aber immerhin. Im Wissen, umgekehrt hätte man es nicht getan.

Und ich schelte mich: So darf man nicht denken. Man darf vom andern nicht erwarten, was man selber gibt. Oder doch? Oder kann man so gar nicht denken?

Und nun wage ich es mal. Ich weiss, einige lesen diesen Blog. Man sieht es nicht in den Kommentaren, aber ich weiss es halt: Was darf ich von andern erwarten und was darf ich für mich fordern? Wer hat mir eine Antwort? Eine Meinung? Wie sieht sie aus?

Franziska zu Reventlow: Das Männerphantom

Werden die Mädchen am Anfang behütet grossgezogen und wachsen im Unwissen um die Eigenschaften des anderen Geschlechts heran, so kommt irgendwann der Tag, da diese Unwissenheit aufhört.

Daß er, »der Mann«, existiert, hat man ja auch schon vorher gewußt, aber wie er existiert, wie er beschaffen ist, auf welchen Bedingungen sein Dasein sich aufbaut, weshalb, wozu und inwiefern er eben »der Mann« ist, das wird bekanntlich dem heranwachsenden Weibe so lange wie möglich verborgen gehalten.

Franziska zu Reventlow schreibt in diesem Werk über die Mädchen und Frauen ihrer Zeit und darüber, wie diese zum anderen Geschlecht stehen. Sie beschreibt das Erwachen aus den Illusionen der Mädchenjahre hin zur Erkenntnis darüber, wie der Mann wirklich beschaffen ist.

Es ist daher ein furchtbarer Moment, wenn sie schließlich doch einmal erfährt, daß alle Männer »so« sind. Das Mädchen mag vor solcher Erkenntnis behütet bleiben, einmal durch sein eignes Wesen und dann durch die tausend und abertausend Schranken, die Brauch und Sitte um sie her aufrichten, sie mag älter und selbst alt werden, ohne ihre Illusionen einzubüßen. Wird sie aber Braut und Frau, so ist es unvermeidlich, daß ihre Ideale Schiffbruch leiden.

Der Mann kommt nicht wirklich gut weg, doch verharrt Franziska von Reventlow nicht in dieser einseitigen Schuldzuweisung. Sie zeigt auch das Wesen der Frau unbarmherzig auf.

Die einen ergeben sich in ihr Schicksal, als stille Frau an der Seite des Sünders auszuharren, und versuchen in tausendfacher Entsagung das zertrümmerte Götterbild wieder zusammenzuflicken, und wenn sie Mutter werden, in ihren Kindern die vernichteten Ideale wieder aufzubauen. Die andern wenden sich und werden »moderne Frauen«.

Frauen sind dabei nicht nur Opfer im Spiel der Geschlechter und unterliegen dem Mann, sie zementieren die ständige Idealisierung in ihrer Erziehung und helfen damit, das System zu festigen. Nicht mal die Frauen, die sich emanzipieren, kommen gut weg, denn sie kehren den Spiess einfach um, pflastern ein Bild durch Verallgemeinerungen:

Und sie gehen hin und werden Bewegungsweiber. Der Mann ist ihnen fortan etwas, das überwunden werden muß. Und das Bewegungsweib konstruiert sich ein seltsames Phantasiegebilde zurecht und sagt: das ist der Mann, so ist der Mann, wir haben ihn endlich erkannt.

In einem locker flockig anmutenden Plauderstil behandelt sie Themen wie Eifersucht, Muttersein und die Rollen von Mann und Frau. Dabei ist sie in ihren Erkenntnissen erschreckend aktuell, auch wenn man heutzutage gerne dahin ginge, sich fortgeschrittener zu sehen. Sicher fliesst Franzsika zu Reventlows Biographie in diesen Text mit ein, die persönlichen Erfahrungen mit Männern wie Frauen und vor allem auch die gesellschaftliche Stellung der Frau in der damaligen Zeit haben ihren Blick durchaus geprägt. Da sie in der damaligen Gesellschaft aber eine durchaus ungewöhnliche Biographie aufzuweisen hat, indem sie Wege beschritt, die nicht gewöhnlich waren, zeigte sie selber, dass auch gesellschaftliche Strukturen nicht immer in Stein gemeisselt sind, ein Ausbrechen offensichtlich möglich ist.

Fazit:

Eine schonungslose Analyse der Geschlechter und ihres Umgangs miteinander, die an Aktualität über die Jahre nichts eingebüsst hat. Absolut lesenswert.

BildAngaben zum Buch:

Format: Kindle Edition

Dateigröße: 108 KB

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 13 Seiten

Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 0 / CHF 0

Zu erwerben als e-book beiBild

Alles zu seiner Zeit

Das Leben hält oft mehrere Möglichkeiten bereit. Man steht davor und hadert mit sich, weiss nicht, welche ergreifen. Wenn dann noch äussere Faktoren dazu kommen, von denen man abhängig ist, wird alles noch schwerer. Dann steht man wie auf einem Abstellgleis, wartet auf eine Entscheidung von aussen, auf ein Feedback, auf eine Zu- oder Absage, und hat in dieser Zeit viel Musse, darüber nachzudenken, was man selber wollte, was man selber könnte, wenn man könnte, wie man wollte und wüsste, was man wollte.

Es bleibt nicht aus, dann schwarz zu malen, mit einer Absage von aussen zu rechnen. Man biegt sich diese innerlich zurecht, redet sich ein, andere Wege wären sowieso besser, um dann wieder zurückzufallen auf die Möglichkeit, die eben noch nicht steht. Man schafft sich mit den eigenen Gedanken neue Realitäten, die noch gar nicht wirklich sind, aber wirklich scheinen, weil sie bis ins letzte Detail ausgemalt sind von der eigenen Phantasie. Man wägt Konsequenzen ab, für die noch nicht mal die Ursachen geschaffen sind. Und irgendwann steht man da und weiss nicht mehr, wo einem der Kopf steht. 

 

„Du musst dich endlich entscheiden, was du tun willst, sonst machst du nie etwas.“

Muss ich das? Wieso? Gibt es nicht auch ab und an Zeiten, die zum Suchen da sind? Bringt nicht die Suche auch immer wieder neue Erkenntnisse, solche, die man nie gehabt hätte, wenn man einfach drauflosgeschossen wäre? Klar steht irgendwann eine Entscheidung an, denn keine Entscheidung wäre ein Treten an Ort oder gar ein Rückschritt. Eine vorschnelle Entscheidung kann aber auch Sackgasse sein und wenn nicht, so doch einen Weg zur Folge haben, der einem nicht entspricht. Und ab und an sind die Möglichkeiten, zwischen denen man entscheiden soll, so vielschichtig, dass es nicht leicht fällt, zu sehen, welche am besten passt. 

Ich schwanke seit Jahren zwischen Literatur und Philosophie hin und her. Klar kann man sagen, das eine tun und das andere nicht lassen. Zwei grosse Projekte lassen sich aber nicht parallel verwirklichen, dazu fehlt die Zeit und die Kraft. Und man kann kaum je wirklich auf zwei Hochzeiten tanzen und mit dem ganzen Herzen dabei sein. Und ohne ganzes Herz bleibt die Freude am Tun aus und es bleibt auch die Tiefe im Ergebnis aus. Und das würde mich nicht befriedigen. 

Welche Strasse nehme ich also? Tauche ich besser in Plots und Charaktere ein oder verstricke ich mich in Gedanken, Thesen und normative Konstrukte? Zeichne ich lieber Welten und lasse die Figuren darin tanzen oder analysiere ich die vorhandene? Ab und an denke ich auch, dass mir die eine liegt, die andere gefällt. Dann wieder sehe ich, dass beide passen, jede auf ihre Weise.

Im Moment gefallen mir beide Welten sehr und ich bewege mich in beiden. Irgendwann wird die Entscheidung für mein nächstes grösseres Projekt fallen müssen. Wie sie ausfallen wird, weiss ich noch nicht – oder weiss es jeden Tag neu, aber jeden Tag anders. Irgendwann wird die Klarheit da sein. Da es dieses Mal wohl  für eine Weile die letzte Weiche ist, die sich stellt, fällt die Entscheidung schwerer als sonst. Treu bleiben werde ich beiden Welten, die Frage ist: Was ist Haupt-, was Nebenwelt. 

 

Arthur Schnitzler: Fräulein Else

Else wird von ihrer reichen Tante in ein nobles Hotel eingeladen, als sie eine Depesche ihrer Mutter erreicht, dass zur Rettung ihres Vaters, welcher Mündelgelder veruntreut hatte,  dreissigtausend Gulden nötig wären. Sie verlangt von Else, sich in dieser Angelegenheit an Vicomte Dorsday, einen alten Freund des Papas, zu wenden. Er sei die letzte Hoffnung.

Also, ich soll Dorsday anpumpen… Irrsinnig. Wie stellt sich Mama das vor? Warum hat sich Papa nicht einfach auf die Bahn gesetzt und ist hergefahren?

Immer schneller drehen die Gedanken, Else ahnt, dass das Geld nicht ohne Gegenleistung zu haben ist. Sie schwankt zwischen der Aufopferung als Tochter und der Scham vor dieser Aufgabe. Schlussendlich ringt sie sich durch und wendet sich an Dorsday

…für diesmal will ich genügsam sein, wie Sie. Und für diesmal will ich nichts anderes, Else, als – Sie sehen. […] ich bin nur ein Mensch, der mancherlei Erfahrungen gemacht hat, – unter andern die, dass alles auf der Welt seinen Preis hat…

Eine zweite Depesche der Mutter erhöht den geforderten Betrag noch und Else versinkt in einer inneren Verzweiflung. Die Gedanken überschlagen sich, gehen von Selbstmord über die Suche nach einer anderen Lösung bis hin zur Rechtfertigung einer solchen Handlung für diesen Preis. Sie denkt sich förmlich in einen Fieberwahn hinein, verzweifelt an dieser ihr gestellten Aufgabe. Sie fühlt sich allen ausgeliefert, dem Vater, den Männern, der ganzen Welt.

Sie hat sich selber umgebracht, werden sie sagen. Ihr habt mich umgebracht, Ihr alle, Ihr alle.

Arthur Schnitzler erzählt die Geschichte von Else aus deren Innensicht, aus ihrem inneren Monolog. Durch ihre Augen und ihre Gedanken erlebt man die Welt der Reichen und sieht die Verzweiflung der jungen Frau, welche sich in dieser Welt prostituieren soll, um ihren Vater vor dem Gefängnis zu retten. Fräulein Else ist eine kritische Sozialstudie und ein unbarmherziger Blick auf die Zustände der Gesellschaft der damaligen Zeit, ohne dabei moralisierend zu wirken.

Fazit: 

Die mitreissende und einnehmende Geschichte einer jungen Frau, die zwischen die Welten gerät und in diesem Zwiespalt untergeht. Meisterhaft erzählt und absolut lesenswert.

(Arthur Schnitzler: Fräulein Else, in: Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Fischer Taschenbuch Verlag, 21. Auflage, Frankfurt am Main 2012.)

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten (enthält die Erzählungen Blumen, Der Andere und Fräulein Else)

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (21. Auflage, Mai 2012)

Preis: EUR: 6.95; CHF 11.90

 

 

 

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Arthur Schnitzler: Der Andere

Nach vielen glücklichen gemeinsamen Jahren ist die geliebte Frau gestorben. Zurück bleibt ihr trauernder Mann, welcher in einem inneren Monolog seine Trauer reflektiert. Sein Leben, all sein Tun ist geprägt von dieser Trauer und von der Erinnerung an die Verblichene, welche ihn auffrisst.

 Meine Trauer hat nichts Mildes…ich bin zornig, ich knirsche mit den Zähnen, ich hasse alles und alle… Vor allem diejenigen, die mit mir leiden.

 Er steht am Grab und sieht die anderen Trauernden. Er spürt keine Verbundenheit mit ihnen, im Gegenteil.

 Etwas in mir lehnt sich dagegen auf, dass alle diese da zwischen den Gräbern herumirren mit demselben unsäglichen, ewigen Schmerz.

 Wäre der Schmerz nicht ewig, wäre das Betrug, dessen ist er sich sicher. Die Zeit, welche den Schmerz schwinden liesse, die Betrügerin. Er ist gefangen in seinem Schmerz, bis er einen anderen Trauernden sieht, der ihn mitleidig anschaut. Dieser Mann nimmt ihn in seinen Bann, bis er ihn eines Tages am Grab seiner Frau sieht und die Gedanken vom Schmerz über den Verlust hin zu einem möglichen Betrug im Leben wandern. Gefangen von dieser Idee verurteilt seine Frau, zögert an ihrer Liebe, zögert an seiner eigenen Geschichte mit ihr.

 

Fazit: 

Im inneren Monolog entwickelt sich eine Phantasie, welche zur Realität wird. Die Geschichte zeigt auf, wie wir unsere eigenen Realitäten schaffen, welche uns beherrschen. Schnitzler zeigt auch hier sein Geschick und sein Gespür für die Vorgänge in der Psyche des Menschen. 

 

(Arthur Schnitzler: Der Andere, in: Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Fischer Taschenbuch Verlag, 17. Auflage, Frankfurt am Main 2000.)

Wellenschlag

Wellen schlagen,

reissen nieder,

Stürme brechen,

in die Welt.

Zerstören, töten

alles Leben,

das noch ist

für kurze Zeit.

Dunkelheit beherrscht

mein Denken

und mein Fühlen.

Fühl ich noch

wenn ja, was ist?

Kälte, Härte,

eiserne Gewalt,

klammert sich

mein Herz erstarrt,

wird klein

bis dass es bricht,

in tausend Stücke,

Scherben gleich,

klirrend scharf,

entschwindend bald.

Die irgendwann

am Himmel steh’n

als Sterne klar

und niederseh’n

auf die da unten,

die zerbersten,

sterben,

durch die Wellen,

die zerschlagen,

niederreissen.