Erich Fromm: Authentisch leben

Wer denkt, wenn ich denke, wer fühlt, handelt, wenn ich handle oder fühle? Erich Fromm beleuchtet die wirkliche Motivation hinter dem Handeln, Fühlen, Denken, hinter dem Sein des Menschen. Lebt er wirklich selbstbestimmt und frei oder sprechen durch ihn die vielen Stimmen der Umwelt, die er als Erwartungen an sich zu Handlungsmaximen erhoben hat?

[…] dass wir Gedanken, Gefühle, Wünsche, ja sogar Sinnesempfindungen haben können, die wir subjektiv als unsere empfinden, obwohl sie uns von aussen suggeriert wurden und uns daher im Grunde fremd sind und nicht das, was wir wirklich denken, fühlen und so weiter.

Der Mensch entfernt sich damit immer mehr von sich selber, wird zum Ding, zur Ware auf dem Markt, die daran gemessen wird, ob sie Erfolg hat, ankommt, die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Dies wirkt sich sowohl auf das menschliche Selbstgefühl als auch auf die Beziehungen zwischen Menschen aus.

Es handelt sich nicht um eine Beziehung zwischen zwei menschlichen Wesen, die ein Interesse aneinander haben, abgesehen davon, dass sie sich gegenseitig von Nutzen sind.

Erich Fromm analysiert in diesem Buch den Menschen in seinem Sein, er schaut auf die Gesellschaft und ihre Instrumentalisierung von Menschen hin zu Waren, die ihr dienen. Er analysiert die Ohnmachtsgefühle, die das im Menschen auslöst und wie er darauf reagiert. Und er versucht, durch diese Analyse ein Bewusstsein für diese Mechanismen zu wecken, die dabei helfen können, zu sich selber und dem wirklich eigenen Denken, Fühlen, Handeln zu finden.

Mut, sich um nichts zu kümmern als um die Wahrheit und zwar um die Wahrheit nicht nur in Bezug auf das eigene Denken, sondern auch in Bezug auf das eigene Fühlen.

Fazit:
Ein Buch, das dem Leser auf gut lesbare Weise das Wesen und die Masken des eigenen Seins aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 155 Seiten
Verlag: Herder Verlag 2000
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 14.90

Zu kaufen bei BOOKS.CH und BÜCHER.DE

 

Meine Liebe zur Literatur

Als ich ein kleines Mädchen war, ging meine Mutter mit mir in die Bibliothek in unserem Ortsteil. Jede Woche gingen wir ein bis zweimal dahin, holten neue Bücher, brachten alte zurück. Ich habe mich über die Jahre wohl durch grosse Teile der Kinder- und Jugendliteratur gelesen. Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke? Noch mehr Bücher (natürlich auch anderes). Die Schulzeit war eine harte Bewährungsprobe für meine Literaturliebe, doch sie überlebte. Dass ich danach Literaturwissenschaft studierte, war nicht wirklich erstaunlich. Die zweitschönste Zeit im Studium war die Vorbereitung auf die Zwischenprüfung. An die 100 Werke wollten gelesen werden. Ein halbes Jahr hatte ich Zeit. Die schönste Zeit war meine Masterarbeit. Ich lebte 9 Monate mit Thomas Mann. Hörte seine Musik, las seine Bücher, seine Biographien, seine Briefe, schaute Filme über sein Werk. Wo ich ging und stand – er war dabei, in mir, mit mir.

Immer wieder hörte ich in der Zeit des Studiums, vor allem bei meinem Masterthema, aber auch danach: Wie kann man das nur lesen? Das ist so öde, so langatmig alles, schwere Kost. Wieso las ich es und wieso mit so viel Freude? War das wirklich alles nur Schnee von gestern? Ich empfand es nie als schwere Kost und wenn, liess ich es sein, sie zu lesen. Lesen muss berühren, lesen muss mir was geben. Wenn ein Buch nicht gefällt, lass ich es sein, egal, wie sein Autor heisst. Es gibt Autoren, die ich liebe, aber eines ihrer Werke nicht lesen konnte, weil es mir nicht gefiel, es gibt auch sogenannt grosse Namen, die ich schlicht nicht lesen kann, weil mich ihr Stil nicht anspricht, mir ihre Bücher nichts geben und nur Zeit nehmen. Durch einige kämpfte ich mich durch, die meisten liess ich nach einigen Seiten links liegen.

Heute lese ich viel zeitgenössische Literatur. Verglichen mit meinen Klassikern ist sie oft wirklich sehr leichte Kost, wobei ihr die Leichtigkeit nicht wirklich als Qualitätsmerkmal gereicht. Darf ich sie kritisieren? Ist es als Rezensent meine Aufgabe, sie zu zerreissen und in die Tonne zu werfen? Tue ich damit nicht einem Schriftsteller unrecht, der sich Mühe gab, eine Idee hatte und sie auf seine Weise kreativ umsetzte? Gibt es objektive Qualitätsmerkmale von Literatur und wer setzt sie fest? Erhofft sich nicht jeder Leser etwas anderes von einem Buch und stellt damit andere Ansprüche, bei denen es oft nicht um literarische Qualität sondern um reine Unterhaltung, Ablenkung, Freude geht? Kann nicht jemand etwas ansprechend finden, das mir das Gesicht einschlafen lässt? Darf ich schreiben, dass es mir so geht oder schreibe ich besser gar nichts?

In vielen Bücherblogs lese ich, dass sie nur Bücher loben wollen, keine kritisieren. Bücher, die nicht gefallen, werden einfach nicht besprochen. Vielleicht auch mal ne Kritik verschluckt, wenn das Buch sonst ok war? Ich weiss es nicht, ich habe mich schon bei der Versuchung ertappt, weil ich niemandem auf die Füsse trampeln wollte, weder dem herausgebenden Verlag noch dem Schriftsteller (wobei ich nicht denke, dass die meine Rezension lesen, insofern wäre es ja eigentlich egal, könnte man meinen). Bislang verzichtete ich auf die Beschreibung eines Buches, das mir nicht gefiel, vor allem, da ich es vermied, es fertig zu lesen.

Kann ich ein Buch kritisieren, das ich nicht lesen konnte, weil es einfach nur zum Einschlafen war oder gänzlich schlecht? Kürzlich gab es eine Diskussion zu dem Thema und es war viel Entsetzen über dieses Vorgehen zu lesen. Man werde dem Buch dabei nicht gerecht. Das mag sein, doch wenn man deklariert, dass man nur einen Teil gelesen hat und sagt, wieso nicht mehr, dann ist das doch eigentlich die reine Wahrheit? Und auch eine Aussage, nämlich, dass das Buch es nicht schaffte, den Leser zu packen.

Ich habe beschlossen, in Zukunft auch Bücher zu besprechen, die ich nicht mag, die mir nicht gefallen, gegen die ich Einwände habe. Habe ich vorher gedacht, es zu tun wäre vielleicht unfair dem Schriftsteller gegenüber, der es geschrieben hat, so denke ich heute, es zu unterlassen wäre unfair den Schriftstellern gegenüber, die gute Literatur schreiben, die wirklich lesenswert sind, die sich abheben von dem oft so ermüdenden Einheitsbrei, der sich durch besondere Originalität und abstruse Stilmittel von anderen abheben will und dabei nur noch langweiliger wird, weil die Geschichte in den Bemühungen untergeht.

Dabei bleibt immer zu bemerken, dass alles, was ich über das Gelesene schreibe, meine Meinung widerspiegelt und keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit hat. Auf der Seele brennt mir dieses Thema schon eine Weile, es wird brennender, da ich seit Wochen an ein und demselben Roman lese (oder eben nicht lese), mittlerweile kämpfend bei Seite 117 angelangt bin und es mir graut, nur noch eine Zeile weiter zu lesen. Die Chance bestünde sicher, dass alles noch besser wird, beim blättern durch die verbleibenden über 200 Seiten sieht das aber nicht so aus. Man darf gespannt sein, was ich damit anstellen werde.

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (Der Film)

Marcel Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Wloclawek als Sohn einer deutschen Jüdin und eines polnischen Juden geboren, verlebte seine Schulzeit in Berlin, wo er auch seine Liebe zur Literatur entdeckte. Aufgrund seines Judentums blieb ihm ein Studium in Deutschland verwehrt, 1938 wurde er nach Warschau deportiert, wo er 1940 im Ghetto landete. Verschiedene glückliche Zufälle, seine Tätigkeit als Übersetzer im Judenrat und die Hilfe von mitfühlenden Menschen liessen ihn und seine Frau Teofila, welche er am Tag der Ghettoräumung geheiratet hatte, die Schrecken der Naziherrschaft überleben.

1944 begann Marcel Reich-Ranickis Arbeit für die polnische Geheimpolizei, in welcher er eine Karriere machte, die jäh mit seiner Entlassung aus derselben endete. Zuvor wurde er unter Verdacht des Verrats (was nur ein Vorwand gewesen zu sein scheint, um sein Judentum nicht explizit als Grund nennen zu müssen) inhaftiert und verhört. In den 50er Jahren führt der Weg von Marcel Reich-Ranicki zurück nach Deutschland, wo er sich (unter anderem) als Literaturkritiker ganz seiner Liebe zur Literatur widmet.

Ein Leben als Ode an die Literatur. Literatur als Lebensinhalt, als Stütze, als Trost. Was mich beim Lesen des Buches so berührte, das als Grundlage dieses Filmes diente, war die Funktion der Literatur in Reich-Ranickis Leben, war das Aufzeigen der Funktion von Literatur in dieser Zeit generell. Das fällt im Film etwas mager aus. Wenige Szenen befassen sich mit der Literatur, die Hauptsache liegt auf dem Krieg, auf der Unterdrückung, auf der rohen Gewalt und auch auf den wohlwollenden Schicksalsweisungen, die das Leben Reich-Ranickis immer wieder retteten.

Wie hätten sie sich in der Situation verhalten?

Diese Frage, Marcel Reich-Ranicki stellt sie in einem Verhör bei seiner Inhaftierung, eröffnet eine grosse moralische Diskussion. Kann man aus heutiger Sicht verurteilen, wie sich die Menschen damals verhielten? Hätte man für ein zusätzliches Stück Brot nicht auch kooperiert? Die Verurteilung des Handelns der Menschen ist sicher einfach aus der sicheren Gegenwart und im Rückblick auf alles, was war. Auf der anderen Seite gibt es moralische Urteile und die lassen sich nicht einfach verbiegen, weil die Zeit es so fordert. Gerade das war es ja, was den Schrecken der Naziherrschaft ausmachte: Die Ausradierung der gängigen Moral zugunsten einer von oben diktierten, welche in der Folge auch wieder ausradiert wurde, um sie zu verurteilen. Ein zweifacher Bruch der Moral, welcher Moral als solches als unsicher, wankelmütig und willkürlich erscheinen liess.

Die Frage an sich ist, wie ich denke, nicht ehrlich zu beantworten, da man es schlicht nicht wissen kann, wenn man nicht in der Situation steckt.

Fazit:
Ein absolut sehenswerter Film, welcher aber weit hinter dem Buch zurück steht, welches mich wirklich sehr berührt hatte, als ich es las.

Krieg der Meinungen

Wir schlagen den anderen mit unseren Argumenten. Wir beabsichtigen, den anderen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Wir siegen in Diskussionen nach Punkten und haben dazu schlagkräftige Argumente verwendet. Die Argumente haben wir ins Feld geführt wie Krieger und hofften, der andere gibt nach, gibt auf.

Man könnte meinen, wir befinden uns im Krieg aller gegen alle, wenn man die Wortwahl in Bezug auf Diskussionen analysiert. Kriegsmetaphorik wird dazu verwendet, einfache Gespräche darzustellen. Die Frage, die sich dabei stellt ist, ob man einen Freund gewinnt, wenn man ihn im Gespräch als Kriegsgegner hinstellt.

Die Frage beim Gespräch ist immer, was man dadurch zu erreichen hofft. Hofft man auf einen Austausch, ein Miteinander im Entwickeln von Gedanken oder will man auf Gedeih und Verderben den anderen von sich und seinen Gedanken überzeugen? Was hilft dieser verzweifelte Überzeugungsversuch? Als erstes wohl, dass man selber als ziemlich verbissener, kämpferischer und vehementer Verfechter der eigenen Sicht wahrgenommen wird. Selbst wenn die eigene Sicht danach angekommen ist, sympathisch ist man dadurch nicht geworden. Das hilft schlussendlich weder der Sache noch einem selber.

Verschiedene Meinungen sind gut und wichtig. Sie helfen, die Sichtweisen offen zu halten. Meinungen dürfen auch verschieden bleiben. Man kann auch Menschen lieben, die nicht immer alles gleich sehen. Wenn sie dabei authentisch und offen bleiben für fremde Sichten, sind sie umso liebenswerter. Es wäre vielleicht also angebrachter, sich mit Argumenten zu umgarnen, auf dem Tanzparkett der verschiedenen Meinungen verschiedene Rhythmen auszuprobieren, dabei im Miteinander den jeweils eigenen zu finden, dabei den anderen gelten zu lassen. Vielleicht bringt sogar das Akzeptieren der anderen Sicht als durchaus genauso möglich wie die eigene mehr Glück und Zufriedenheit, als der aggressiv kriegerische Versuch, sie zu ändern. Denn – und davon müsste man doch eigentlich überzeugt sein – wenn etwas wirklich gut und richtig ist, wird es durch die richtigen Argumente überzeugen, nicht durch ihren kriegerischen Einsatz.

Das Andenken an die Geschwister Scholl

Vor 70 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit,  zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist –  wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

Hannah Arendt: Über das Böse

ArendtBöseHannah Arendt versucht in diesen hier versammelten vier Vorlesungen über Ethik, sich dem Begriff des Bösen zu näheren. Sie geht dabei von dem sie nie loslassenden (wie könnte es) Thema des Holocaust und den damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus, im Besondern beruft sie sich immer wieder auch auf Eichmann, über dessen Prozess sie berichtet hatte.

Im Buch Eichmann in Jerusalem prägte sie den Begriff der Banalität des Bösen, welcher auch in diesem Buch eine zentrale Rolle spielte. Die Banalität sah Hannah Arendt darin, dass das Böse von ganz normalen Menschen verübt wird, dass keine Monster oder Teufel am Werk sind. Das macht das Böse so erschreckend, da es wohl in allen angelegt zu sein scheint. Die Frage stellt sich also, wie man es vermeiden kann.

Unter Berufung auf Sokrates, Platon, Aristoteles, Kant und andere sowie durch eigene Schlussfolgerungen näherst sich Hannah Arendt immer mehr dem, was sie als zentral im Kampf gegen das Böse sieht: Dem Denken. Das gedankenlose Handeln (wie bei Eichmann wahrgenommene) erachtet Hannah Arendt als grosse Gefahr.

[…]Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar, […]

Hannah Arendt geht von der Hypothese aus, dass jeder Mensch in sich weiss, was gut und böse, was recht und unrecht ist. Sich für das eine oder andere zu entscheiden, heisst, zwischen Vernunft und Begierde zu entscheiden, Schiedsrichter dabei ist der eigene freie Wille. Sich für das Unrecht zu entscheiden würde einen in Konflikt mit sich selber bringen, lautet Hannah Arendts Überzeugung, die sie mit Sokrates’ Ausspruch, dass es besser ist, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, abstützt. Hielte man sich an das, was in einem als Rechtes erkannt ist, statt äusseren Einflüssen blind zu folgen, hätte das Böse keine Chance.

[…] die häufig anzutreffende Tendenz, das Urteilen überhaupt zu verweigern. Aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit, seine Beispiele und seinen Umgang zu wählen, um dem Unwillen oder der Unfähigkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten, entstehen die wirklichen „skandala“, die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurden. Darin liegt der Horror des Bösen und zugleich seine Banalität.

Sehr informativ und auf den Punkt gebracht ist das Nachwort von Franziska Augstein, welches nochmals auf die wichtigen Punkte von Hannah Arendts Text hinweist und diesen auch in den zum Entstehen wichtigen Kontext rückt. Augstein weist dabei auf Hannah Arendts Täuschung in Bezug auf Eichmanns Aussagen hin, worauf sie ihre Diagnose eines gedankenlosen Täters begründete. Diese Fehleinschätzung wurde später durch die „Sassen-Protokolle“ offengelegt. Vermutlich hätte Hannah Arendts Einschätzung des Falles Eichmann anders ausgesehen, hätte sie davon Kenntnis gehabt. Nichts desto trotz schmälert das nicht den Wert ihrer Arbeit.

Fazit
Unbedingt lesenswert. Tiefgehende Gedanken von zeitloser Aktualität von einer herausragenden Philosophin.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Piper Verlag, 5. Auflage (März 2012)
Übersetzung: Ursula Ludz
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 16.90

 

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Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation

RifkinZivilisation

Jeremy Rifkin schöpft aus der ganzen Menschengeschichte, um seine These des von Natur auf Empathie angelegten Menschen zu stützen. Dabei bedarf es zur Entwicklung dieser Anlage immer das Bewusstsein des Selbst sowie die Wahrnehmung der anderen als ebensolche Individuen. Im Miteinander können die Anlagen zur Empathie entwickelt werden.

 

 

Unsere empathische Prädisposition ist kein fehlersicherer Mechanismus, der es uns erlaubt, unsere Menschlichkeit zu vervollkommnen. Sie stellt vielmehr eine Chance dar, die Menschheit zu einer Grossfamilie zu machen. Allerdings muss die Empathie ständig trainiert werden.

Rifkin besticht durch sehr fundierte und genaue Abläufe der Menschheitsgeschichte, verortet verstärktes Aufkommen von Empathie nach Krisen und Revolutionen, welche er sehr detailliert und dadurch auch oft zu ausschweifend und langatmig präsentiert. Ob all der Geschichtsflut geht die Argumentationskette oft unter. Überzeugen seine Geschichtskenntnisse mit Fakten, erscheinen seine Fazits in Bezug auf die Empathie mehr als Spekulation und wenn auch sinnvoll klingende, doch nicht wirklich belegte Gedankenexperimente. Dass Rifkin ob all der Geschichtsflut die Jahre der beiden Weltkriege völlig ignoriert, bei 1920 aufhört und 1947 wieder einsetzt, mutet merkwürdig an. Auch verwundert es, dass er über die gelebte Empathie der Jungsteinzeit besser informiert scheint als über heute, wo er alles in der Schwebe empfindet. Wie genau die gelebte Empathie der Jungsteinzeit fundiert gewusst werden kann, ist mir auch nach dem Lesen des Buches ein Rätsel.

Trotz dieser Kritikpunkte finden sich in dem Buch einige sehr zutreffende Analysen der menschlichen Psyche und ausführliche Beschreibungen der Entwicklungen der Menschlichen Identität und deren Erforschung durch die Wissenschaft. Rifkin erkennt die Problematik der heutigen auf Materialismus eingestellten Welt deutlich und benennt die damit einhergehende Tendenz zur Selbstsucht, welche der Empathie im Wege steht.

Je materialistischer der Mensch eingestellt ist, desto weniger grosszügig ist er im Umgang mit anderen, desto weniger versetzt er sich in sie hinein, desto geringer ist seine Achtung von deren Standpunkten. Die Selbstlosigkeit weicht der Selbstsucht.

Die Untersuchungen zum Glückssyndrom lassen vermuten, dass eine Gesellschaft mit einem gewissen behaglichen Lebensstandard und relativ geringen Unterschieden im Vermögen und Einkommen wahrscheinlich die glücklichsten Bürger hervorbringt.

Wie realisierbar er die Lösung eines auf gleichem Einkommen und gleichem Vermögen basierenden Staates wäre, lässt er offen, ebenso zeigt sich an der Verwendung des Wortes „wahrscheinlich“, dass es auch reine Spekulation ist, dass dann alles besser und der Mensch glücklich wäre.

Fazit
Ein sehr informatives, detailliertes Geschichtsbuch, das in Bezug aufs Hauptthema der Empathie oft falsche Schlüsse zieht und zu Spekulationen neigt. Lesenswert als Ganzes, streng thematisch eher enttäuschend.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; Auflage (15. Dezember 2011)
Übersetzung: Ulrike Bischoff, Waltraut Götting, Xenia Osthelder
Preis: EUR: 11.99 ; CHF 19.90

Welcher Autor ist etwas wert?

Unlängst hat SteglitzMind einen Artikel mit dem Titel „Statt Schriftsteller ist man Schreib-maschine“ ins Netz gestellt. Die Kommentare waren zahlreich. Nun legte sie einen Artikel nach, in dem Angela Charlotte Reichel von ihren Gedanken zum Thema, ihren Zweifeln am Schreiben ohne Verlag, welche schlussendlich auch Selbstzweifel sind, erzählt. Ein sehr offener und nachdenklich stimmender Artikel: „Dabei will ich nur Bücher schreiben“

Was mich wundert? Wieso sich diese Zuschussverlage noch halten.

Was ist so unersetzlich bemerkenswert an einem sogenannten namhaften Verlag? Ich muss jetzt einfach mal aussprechen, wie sehr mich erschüttert, dass sich die Häupter des Suhrkamp öffentlich versuchen gegen selbst errichtete Mauern zu schlagen.

Bestimmt wirklich Geld was wie wann geschrieben wird?

Die Fragen, die ACR aufwirft, sind nicht neu, sie liegen auf der Hand und wurden so vermutlich auch von anderen schon gedacht. Und doch bleibt schlussendlich vieles beim Alten. Aber wie ist es wirklich? Bestimmt wirklich Geld und ein namhafter Verlag, ob etwas geschrieben wird oder nicht, ob etwas taugt oder nicht? Wenn ich all das lese, was momentan so den Markt überflutet, ist vor allem eines klar: Vieles, was von sogenannt namhaften Verlagen gedruckt wird, ist das Papier ( in meinen Augen) nicht wert, auf dem es steht und es ist vor allem meine Zeit nicht wert, die das Lesen mich kosten würde. Literarisch schwach, sprachlich noch schwächer, möglichst neumodisch geplottet und chronifiziert kommt eine Geschichte daher, die nie das hält, was die Kurzfassung zu versprechen scheint. Wer hat das lektoriert? Aus welchem Grund ging das durch die Schere durch und anderes wird zerschnitten, weggeworfen, ignoriert? Ich denke, da ist viel Glück dabei, viel von persönlichen Stimmungen und auch Vitamin B abhängig.

Schaut man auf früher, auf all die grossen Namen der Literatur, fällt auf, dass viele entweder einen Brotberuf hatten oder aber gar nicht etwa auf Rosen gebettet waren. Viele waren von Gönnern abhängig oder lebten am Rande des finanziellen Ruins. Wieso sollte das heute anders sein? Man verklärt das Ganze wohl auch und hält sich an ein paar wenige, die doch recht gut von ihren Büchern leben – oft steckt da auch noch anderes dahinter und sie konnten von einem finanziellen Polster aus losschreiben. Aber ja, die anderen gibt es immer und ab und an denke ich, sie sind wie Lottogewinne und Casinomillionen: Eher selten. Aber sicher machbar.

So oder so wünschte ich mir, dass jeder sich traut, zu schreiben, wonach ihm ist und dem Schreiben an sich den Wert beimisst, den es hat. Klar schreibt sich das hier leicht, denn leben muss jeder und überleben kostet in der heutigen (wie in der früheren) Welt doch was. Und da beisst sich die Ratte in den Schwanz und die Zweifel und Ängste kommen auf: Kann ich wirklich schreiben ohne Verlag? Was, wenn niemand es liest? Was, wenn niemand es kauft? Was, wenn mich alle verachten, weil kein Verlag mich haben wollte?

Eigentlich schade! Und doch so menschlich. Man denkt, wenn einen wer annimmt, dann ist man gut. Man gibt damit dem anderen mehr Wert und misst den eigenen an der Akzeptanz von aussen. Wer bräuchte die nicht? Identität und was wir darin sehen bestimmt sich immer auch durch die Resonanz von aussen. Und ein angesehener Verlag ist dabei nicht die schlechteste Resonanz, die man sich vorstellen könnte. Wie in jedem anderen Beruf auch, wo man auf die „Oberen“ schaut.

Ich hoffe sehr, dass nicht zu viele Bücher nicht geschrieben werden, weil sie ob der oft quälenden Fragen verworfen wurden.

Joseph Roth: Ich zeichne das Gesicht der Zeit

RothGesichtDer Name Joseph Roth ist heute bekannt durch seinen grossen Roman Radetzkymarsch oder auch den Hiob. Roths literarisches Werk zeichnet sich durch eine gewisse Sachlichkeit und eine Authentizität der Erzählung aus. Roth selber sah sich in seinem literarischen Schreiben der Wahrheit verpflichtet:

Der Erzähler ist ein Beobachter und ein Sachverständiger. Sein Werk ist niemals von der Realität gelöst, sondern in Wahrheit (durch das Mittel der Sprache) umgewandelte Realität.(1)

Diese Liebe zur Sachlichkeit erstaunt nicht weiter, war er doch, was vielen unbekannt ist, auch als Journalist tätig. Im vorliegenden Buch sind erstmals einige seiner journalistischen Texte chronologisch zusammengestellt.  Das Buch vereint Glossen, Reportagen und Feuilletons sowie auch Texte, welche Roth aus dem Exil schrieb. Das Buch vereint Berichte aus den Jahren 1916 bis 1939, Berichte über Italien, Polen, Österreich, Frankreich, Deutschland, Sowjetrussland (Roths Schreibweise), handelt von Madame Antoinette wie auch vom lieben Gott – alles aus der Sicht Joseph Roths. Ein Stück Zeitgeschichte, autobiographisch geprägt wie alles von Roth, trotzdem – oder gerade deswegen – klar analysiert.

Roth besticht durch eine klare Sprache, durch einen analytischen Blick, welcher jegliche Moralinsäure mageln lässt. Zeitgeschichte wird lesbar und hochpoetisch präsentiert. Das Buch regt zum Nachdenken an, es lädt ein, in eine andere Zeit abzutauchen und diese durch die Augen eines intelligenten und hinterfragenden Literaten wahrzunehmen.

Fazit

Ein sachlicher und doch poetischer Blick auf vergangene Zeiten. Ein Zeitdokument, das trotz wunderbarer Literarizität den klaren Blick offen lässt. Absolut lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 544 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag Februar 2013
Preis: EUR: 14.90 ; CHF 19.90

 

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(1) Schluß mit der „Neuen Sachlichkeit“. In: Die literarische Welt, 17. und 24. Januar 1930. Ausgabe in: Roth, Werke Bd. 4 Köln 1976, S. 250 f

Hauptsache, es klingt gut

BücherbergeKürzlich stolperte ich über einen Artikel über Empathie. Da mir das Thema sehr am Herzen liegt, war ich erfreut, dass es anderen auch so geht. Die Autorin bezeichnete sich denn auch als Expertin auf dem Gebiet der Empathie. Empathie, so meinte sie, sei ein Akt des gegenseitigen Verständnisses. Nun gut, das ist sehr kurz gefasst, aber nicht grundsätzlich falsch. Im Nächsten Satz fordert sie den Leser auf, Empathie für einen elektronischen Dienst aufzubringen, Empathie für all das Gute, das dieser Dienst für uns täte. Da wurde mir das Ganze schon mehr suspekt. Das wäre in etwa dasselbe, wie wenn ich morgens Empathie mit meinem Käsebrot verspürte, weil es meinen Hunger stillt.

Leider steht die gute Dame nicht allein mit dem, was sie tut. Werbung und Kommunikation lebt häufig von leeren Worten, die gut klingen. Man packt alles, was Klang, Rang und Namen hat, zusammen, mixt etwas peppig klingendes zusammen und spuckt es dem Kunden vor die Füsse. Vermeintliche Botschaft:

Wir sind cool, du hast nur auf uns gewartet.

Empfangenes Gefühl:

Die denken, ich bin dumm, was wollen die von mir?

Ich denke kaum, dass die Rechnung wirklich langfristig aufgeht. Das gerade aktuelle Zugpferd Empathie lässt sich nicht beliebig einsetzen, schon gar nicht, wenn es offensichtlich nicht verstanden wird. Auch wenn die mehrfache Nennung des Schlagwortes und die ebenso offensive Verwendung des Produktenamens dazu führen werden, den Link weit nach oben in den Google Rankings zu bringen, wird ihm ausser vielleicht einigen Klicks wenig zuteil werden.

Auch hier wäre mehr Inhalt und weniger Schein schlussendlich mehr gewesen. Das hätte dann von Empathie mit dem Kunden gezeugt.

Frans de Waal: Primaten und Philosophen

DeWaalPrimatenDas vorliegende Buch bietet einen interdisziplinären Diskurs, welcher auf einer Vorlesung Frans de Waals innerhalb der „Tanner-Lectures on Human Values“ basiert. Drei Philosophen und ein

Evolutionspsychologe nehmen de Waals Sicht in der Folge kritisch unter die Lupe, halten ihre Argumente dagegen, worauf Frans de Waal in einer abschliessenden Antwort reagiert.

Frans de Waal führt seine jahrzehntelange Erfahrung in der Primatenforschung sowie evolutionstheoretische Betrachtungen ins Feld, um darauf aufbauend über die Moral des Menschen nachzudenken. Beim Blick auf die Natur des Menschen unterscheidet er zwei grundlegende Strömungen, mit der Moralität des Menschen umzugehen. Die eine, die Fassadentheorie, sieht den Menschen als von Natur böse und Moral als kulturelles Konstrukt, das zu wählen dem Menschen möglich ist. Auf der anderen Seite steht die evolutive Ethik, welche Moralität als Ergebnis einer Entwicklung vom Sozialverhalten der Tiere hin zu einer menschlich immanenten Wesenseigenschaft sieht.

Mit Beispielen aus seiner Primatenforschung zeigt Frans de Waal Grundzüge sozialer Interaktion und auch Emotionen wie Empathie bereits bei diesen Tieren vorhanden. Aufgrund dieser Entdeckung schliesst er, dass die menschlichen Anlagen zur Empathiefähigkeit sowie die Bedürfnisse nach Kooperation und Moral nicht kulturelle Fassade, sondern sich in einer evolutionären Kontinuität entwickelte Natur sei.

Bei allen Parallelen zwischen Tieren und Menschen gibt es durchaus Unterschiede, welche sowohl Frans de Waal wie auch die anderen Autoren des Buches thematisieren. Zentral sind dabei sicher die Sprachfähigkeit und kognitive Fähigkeiten, welche beim Menschen weiter ausgebildet sind.

Peter Wright behandelt im Anschluss an de Waals Artikel die Problematik von Anthropomorphismen, Philip Kitcher und Christine M. Korsgaard sehen die menschliche Moralität stärker im kognitiven Bereich (im Gegensatz zum eher emotional gesteuerten Verhalten der Tiere), wozu auch Peter Singer tendiert, welcher aufgrund von Versuchen mit Hirnscans für eine kognitiv rationale Moralität beim Menschen plädiert

Die Wahrheit findet man durch dieses Buch nicht, aber sicher viele Ansätze aus diversen Forschungsrichtungen, die sich gegenseitig in Frage stellen aber auch befruchten. Das Buch zeugt von der gegenseitigen Achtung der Autoren und vermittelt dem Leser damit eine unbeschwerte Sicht auf die grundlegenden emotionalen Verhaltensweisen des menschlichen Tieres. Denn:

Es ist klar, dass Tiere keine Menschen sind, genauso klar ist aber, dass Menschen Tiere sind.

Fazit
Themen wie Mitleid, Empathie und Selbstlosigkeit bei Mensch und Tier werden kontrovers diskutiert. Informative, kurzweilige Lektüre. Absolut lesenswert.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 220 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag 2011
Übersetzung: Hartmut Schickert, Birgit Brandau, Klaus Fritz
Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

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Die Wissenschaft, die einer treibt

Wissenschaftliches Arbeiten erfordert die Einhaltung von gewissen Maximen, allen voran die Kenntlichmachung von fremden Zitaten. Es ist unwissenschaftlich, Passagen abzuschreiben oder auch nur schon in abgeändertem Wortlaut zu übernehmen, wenn man nicht offen legt, woher man die Gedanken hat. Das wird als Plagiat verschrien und führt zur Aberkennung der durch solche Arbeiten erlangten Titel.

Wie gut, war Thomas Mann kein Wissenschaftler. Er müsste seinen Titel als Schriftsteller zurückgeben. Thomas Mann arbeitete mit grossen Notizkonvoluten. Er schrieb oft Geschichte, die ein anderer schon mal geschrieben hatte. Tristan und Isolde, Der Erwählte, Doktor Faustus, Jakob – alles keine neuen Ideen, neu war nur seine Umschreibung, seine Adaption des Themas. Dadurch, dass er vor allem seinen Arbeitsprozess am Doktor Faustus sehr genau dokumentierte, wurde ersichtlich, dass in diesem Werk sehr vieles nicht neu war, sondern teilweise sogar Wort für Wort abgeschrieben. In der Literaturwissenschaft trägt dieses Vorgehen den Namen Montagetechnik. Thomas Mann schrieb ganze Passagen aus dem Volksbuch ab, bediente sich bei Nietzsche, bemühte Theodor Adorno um musiktheoretische Ausführungen, die er fast Wort für Wort undeklariert übernommen hat. Daraus entstand, was man heute als letzten grossen Roman Thomas Manns bezeichnet.

Nun könnte man denken, dass der arme Herr Nietzsche einfach ungefragt seiner Ideen beraubt wurde. Der hätte sich aber gar nicht wehren dürfen, tat er es doch selber gleich. Er schrieb unter anderem bei seinen zweiten Unzeitgemässen Betrachtungen bei Schopenhauer, Wagner, Schiller und Grillparzer ab. Auch da oft wortgenau. Während er andere Autoren offensichtlich und kenntlich zitierte, erschien das Gedankengut der oben genannten annektiert und als quasi eigener Gedankenfluss. Wie gut, kann ihm kein Titel mehr aberkannt werden. Er sässe bitterlich weinend in Sils Maria und sähe die Menschen mit Finger auf ihn zeigen. Man könnte in Anbetracht auf seine geistige Verfassung vermuten, dass es ihm egal wäre und ihn nur zu einer weiteren bitterbösen und doch treffenden Tirade gegen die Zustände der Welt verlockte.

Kürzlich diskutierte ich mit meinem Sohn über Shakespeare. Er fand es gemein, dass man munkelt, dieser hätte seine Werke nicht selber geschrieben. Der sei nun tot und als grosser Mann bekannt, man solle ihm den Ruhm lassen. Wäre es in der heutigen Zeit so, wäre er aber auch dafür, dass man den rechtmässigen Schreibern den Ruhm ihres Tuns zuteil werden liesse, diesen dem sich mit falschen Federn Schmückenden aberkenne. Dieses Denken scheint  im Menschen von klein auf angelegt.

Die undeklarierte Aneignung fremden Gedankenguts ist alles andere als eine Lappalie. Indem man ehrlich kundtut, wer Gedanken ursprünglich hatte, respektiert man dessen Leistung und geht ehrlich mit dem Eigentum anderer um. Niemand erfindet das Rad neu und dass man sich dann und wann auf andere beruft, um eigene Gedanken zu stützen, liegt in der Natur der Sache. Während man bei den Grossen wie Thomas Mann und Friedrich Nietzsche gewillt ist, grossmütig die Augen zu schliessen und ihren Ruf unangetastet lässt, zumindest ihre Grösse nicht schmälert, geht man mit Menschen unserer Zeit sehr hart ins Gericht. Wieso? Weil man es kann? Weil sie noch leben? Rachebestreben einer auf Gerechtigkeit pochenden Gesellschaft? Und wieso war es den Abschreibenden so wichtig, einen Titel zu erhaschen, wenn sie ganz offensichtlich nicht gewillt waren, die formalen Anforderungen zu erfüllen? Geltungssucht? Opportunismus, Machtstreben? Wo liegen die Gründe?

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Um allen Regeln gerecht zu werden, sei darauf verwiesen, dass ich beim Schreibprozess Thomas Manns aus meiner eigenen Schrift zitierte (die immerhin 554 Fussnoten auf 128 Seiten verteilt und somit alles zugeordnet hat, was nur irgendwie zuzuordnen war) und bei Nietzsches Schreibprozess den Artikel von Thomas Fries und Glenn Most, Von der Krise der Historie zum Prozess des Schreibens: Nietzsches zweite Unzeitgemässe Betrachtung, im Hinterkopf hatte.

Denken? Unbequem und unerwünscht

In einem Artikel des NZZ Campus konstatiert  Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand .

Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?