Wenn ich mal gross bin

Bist du noch klein,
hörst du gar oft,
das was du sollst,
das was du musst.

Du sehnst dich dann
bald gross zu sein,
willst selber sagen,
was du willst.

Du stellst dir vor,
wie schön es wär’,
ganz ohne Zwang,
ganz ohne Druck.

Du siehst vor dir,
die Freiheit klar,
und sie ist bunt,
und sie ist prall.

Schon malst du eifrig
an dem Bild,
dir deine Zukunft,
dir dein Leben.

Siehst dich wandeln,
siehst dich tanzen,
freust dich über
Leichtigkeit.

Denkst dich gross
und denkst dich frei,
und all das Sollen,
wär vorbei.

Es kommt der Tag
und du bist da,
angelangt
an diesem Punkt,

Du schaust dich um,
horchst in dich rein,
hörst immer noch,
du sollst, du musst.

Was soll der Mist,
so fragst du dich,
wie stell ich’s ab,
wie brech’ ich aus?

Was lang’ gesät,
zeigt Blüten nun,
die Früchte werden
nur zu bald.

WO will ich hin,
was ist mein Weg?
Kann ich ihn geh’n?
Was hindert mich?

Man merkt,
es ist gar jammerschad’
dass auch das gross sein
Tücken hat.

Von Wunsch und Traum
wird man nicht satt
und fremde Stimmen,
hallen nach.

Man kämpft mal an,
nimmt es mal hin,
ist einmal gross,
wär oft gern klein.
(S.M.)

Ich und Du

Alles glänzt, die Welt scheint gross.
man schaut hin und fühlt sich klein.
Sieht, was andre lassen, tun,
gerade so, wie’s ihnen passt.
Man denkt sich klein und unscheinbar,
sieht gar alle Felle schwinden,
hadert, zürnt und weint zu oft,
weil das Leben unfair war.

Alle andern haben alles,
nur man selber sitzt und darbt.
Dabei fehlt der Blick auf das,
was hinter der Fassade war,
die man glänzend sah, bestaunt,
denn das Dunkel sitzt bedeckt,
wo es auch bei einem liegt,
wenn man denn nach aussen spricht.

Niemand prahlt mit seinen Schwächen,
alle zeigen nur das Licht.
Sieht man hin, dann sieht man nur,
was andre zeigen wollten.
Horcht man bei sich selber dann,
hört man bloss den ganzen Rest.
Dort das Gute, das, was zählt,
hier das Kleine, viel das fehlt.

Ulla Egbrinhoff: Franziska von Reventlow

Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow wurde am 18. Mai 1871 in Husum geboren. Ihr Lebensweg führte über Lübeck, München bis hinab nach Ascona, wo sie am 26. Juni 1918 starb. Es war ein bewegter Weg, ein Weg voller Brüche, voller Kampf um die eigenen Ideale und eine ständige Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit.

Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen.

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, unterdrückt von einer Mutter, die aus ihr eine der Zeit und dem Stand angepasste junge Frau machen wollte, brach sie alsbald aus diesem Leben aus und brach damit mit ihrem Elternhaus. Sie wollte sich nicht abfinden mit den mangelnden Möglichkeiten als Frau, sah sich zur Künstlerin, zur Malerin geboren.

Franziska zu Reventlow widersetzte sich den Konventionen ihrer Zeit. Sie setzte sich für sexuelle Freizügigkeit ein, war allein erziehende Mutter eines Sohnes, den sie über alles liebte, dessen Vater sie aber zeitlebens nicht bekannt gab. Sie unterhielt wechselnde und teilweise überschneidende Männerbekanntschaften und verkehrte in Münchens Künstlerkreisen, ständig mit Geldsorgen kämpfend. Ihr Job als Übersetzerin reichte kaum je für den Lebensunterhalt, die gelegentlichen Geldbeschaffungsmassnahmen machten auch vor Körpereinsatz nicht Halt. Zwar hätte sie einige Male die Möglichkeit gehabt, in den Ehehafen einzulaufen und damit auch eine sicherere Lebensgrundlage zu haben, doch konnte sie sich nicht dazu entschliessen, ihre Freiheit aufzugeben.

[…] es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses masslose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.

Gab sich Franziska von Reventlow nach aussen lebenslustig und kämpferisch, kämpfte sie im Innern oft mit Depressionen und auch Einsamkeit. Die angeschlagene Gesundheit machte ihr auch oft zu schaffen. Trotz allem liess sie sich nicht von ihrem eigenen Weg abbringen, begann, als sie merkte, dass es mit der Malerei nicht klappte, zu schreiben und veröffentlichte Erzählungen in Zeitschriften wie der Neuen Rundschau oder Zürcher Diskussionen.

1900 beginnt sie mit ihrem autobiographischen Roman Ellen Olestjerne, welchen sie 1903 publiziert. Es folgen noch weitere Romane, doch aus ihren finanziellen Nöten kommt sie nicht heraus. 1910 zieht sie mit ihrem Sohn nach Ascona, wo sie 1918 bei einer Operation stirbt.

 Ich finde, dass das Leben [der Reventlow] eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. (Rainer Maria Rilke in „Die Zukunft“, 1904)

Ulla Egbringhoff hat dieses Leben dargestellt und dies auf eine sanfte, menschliche und fundierte Weise. Sie hat ein klares Bild der Lebensumstände und der damaligen Gesellschaft gezeichnet und die eigenwillige und kämpferische Künstlerin hinein gebettet. Die konventionellen Geschlechterrollen sind dabei ebenso Thema wie künstlerische Strömungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Franziska von Reventlow wird in diesem Buch lebendig, man fühlt sich ihr verbunden, erkennt in ihr eine Frau, die ihren Weg gehen will und dafür einen hohen Preis zahlt. Das Buch handelt vom Leben einer Künstlerin, die in sich einen enormen Lebenswillen und Freiheitsdrang spürt, dem sie nicht entkommen kann. Sie muss diese ausleben, verzweifelt dabei aber innerlich ab und an, fühlt sich unzulänglich und allein.

Fazit:
Das Portrait einer unkonventionellen, freiheitsliebenden, kreativen Frau, welche sich ihre eigene Welt schaffte und doch nie zu Hause schien. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Ulla Egbringhoff
1965 in Metelen/Westfalen geboren, studierte Ulla Egbringhoff in München und Köln Literatur, Theaterwissenschaften und Philosophie. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Regieassistentin, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Rundfunkbeitrräge für den WDR sowie Aufsätze zu Autorinnen der Jahrhundertwende.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (August 2000)
Preis: EUR 7.90 / CHF 12.50

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Hans-Ulrich Wehler: Die neue Umverteilung

Nicht nur in Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, das Phänomen lässt sich weltweit beobachten. Während die Reichen mit immer mehr Gier und Eifer ihre Millionen horten, verhungern ganze Völker. Dass genug für alle da wäre, wenn es gerecht verteilt wäre, ist längst bekannt. Die Frage, wieso dies nicht endlich geschieht, steht im Raum. Um zu verstehen, wie es zu dieser Situation kommen konnte, reicht es nicht, die gegebenen Zustände anzuklagen, sondern es bedarf des Blicks zurück auf die Geschichte dieser Zustände.

Für beides: für die aufklärende Diskussion wie für das praktische Handeln sind möglichst genaue historische Kenntnisse von Nutzen, ja unentbehrlich. Bleibt doch die Geschichte – dies erneut gegen die geläufige Skepsis – das einzige Erinnerungs- und Denkmaterial, aus dem wir lernen können, denn allein Gegenwartskonstellationen und Zukunftsprojektionen reichen dafür nie aus. Historische Kenntnisse belehren über den gewöhnlich langsamen Gang der sozialen Evolution

Dabei wird klar, dass man nicht einfach erkennen kann, dass die Gesellschaft in eine falsche Richtung läuft, um dann eine Kehrtwende zu machen. Systeme bewegen sich langsam, je grösser, desto langsamer.

Blickt man zurück, sieht man, wie die vom Staat auferlegten Regeln über das menschliche Zusammenleben nach und nach durch marktwirtschaftliche Prinzipien unterlaufen wurden, der Markt verdrängte quasi den Staat Schritt für Schritt. Was zuerst als erstrebenswert galt, nämlich die Aufhebung von durch Abstammung definierten Hierarchien, wich bald einer neuen Hierarchie nach Wirtschaftlichkeit.

Sie [die Geschichte, S.M.] belehrt darüber, wie sich mit der modernen Marktwirtschaft auch die Marktgesellschaft Schritt für Schritt durchgesetzt hat, in der die „marktbedingten Klassen“ (Max Weber) die überkommenen ständischen Formationen effektiv verdrängt haben. Denn in dieser Marktgesellschaft entscheiden zusehends Marktprinzipen über die Zuteilung von Lebenschancen und Lebensrisiken.

Neue Ungleichheiten entstehen, sie messen sich an Einkommen, Alter, Bildung und Geschlecht, Chancen variieren nach kultureller Herkunft und Gesundheitsstand, die durch Geburt gegebenen Fähigkeiten multiplizieren die durch andere Kriterien bestimmten Lebenschancen.

Alle Ungleichheiten wird man nie aus der Welt schaffen, eine durch und durch gerechte Gesellschaft herstellen zu wollen, wird eine Utopie bleiben. Wichtig ist es, machbare und fruchtbare Lösungswege hin zu einer Verbesserung aufzuzeigen und anzugehen.

Als realistische Politik kann daher nur die Abmilderung einer allzu krass ausgeprägten Hierarchie gelten.

Hans-Ulrich Wehler liefert mit seinem Buch Die neue Umverteilung eine verständliche und trotz knapp bemessenem Umfang fundierte Darstellung wichtiger soziologischer und ökonomischer Theorien. Er zeigt auf, wie im Lauf der Geschichte soziale Ungleichheiten die Schere zwischen Reich und Arm auseinander klaffen liess. Er zeigt zudem auf, wie politische Macht mit der wirtschaftlichen Kraft einhergeht und deutet auf die Gefahr dieses Zusammenspiels hin.

Wehler zeigt auf, wie auch in Zukunft die sowieso schon Privilegierten immer noch mehr Privilegien geniessen, wie sich Working Poors mehr schlecht als recht durchs Leben kämpfen und wie die Mittelschicht einen aussichtslosen Kampf austrägt. Die Sachlichkeit von Wehlers Darstellung lässt seine Schlüsse glaubhaft klingen und die Lage bedrohlich erscheinen. Seine aufgezeigten Anstösse hin zu einer Umkehr lassen die Hoffnung weiterleben.

Fazit:
Eine fundierte, sachliche Diagnose der heutigen Zeit und der Lage der (deutschen) Nation sowie der allgemeinen Wirtschaftslage. Ich kann dieses Buch jedem ans Herz legen, der etwas über die heutige Lage erfahren und neue Wege erkennen möchte.

 

Zum Autor:

Hans-Ulrich Wehler
Hans-Ulrich Wehler wurde 1931 geboren, besuchte nach dem Gymnasium Geschichte, Soziologie und Ökonomie. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Für sein Schaffen erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen. Von ihm erschienen sind auch Eine lebhafte Kampfsituation (2006), Notizen zur deutschen Geschichte (2007), Land ohne Unterschichten (2010), Nationalismus (2011)

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Verlag C.H.Beck (2013)
Preis: EUR 14.95 / CHF 21.90

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Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Heute vor 229 Jahren, am 10. März 1788 kam Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff als zweiter Sohn eines preussischen Offiziers, Adolf Theodor Rudolf von Eichendorff, und dessen Frau Karoline auf Schloss Lubowitz in Oberschlesien zur Welt. Er liebte Abenteuer- und Ritterromane sowie antike Sagen und versuchte sich schon als Kind selber im Schreiben. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Breslau studierte Eichendorff in Halle Jura und Geisteswissenschaften. Er reiste viel, liebte das Theater und war überhaupt Kunst und Kultur sehr angetan.

Nach Abschluss seines Jura-Studiums 1812 nahm Eichendorff von 1813 bis 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Kurz nach seiner Rückkehr nach Breslau heiratete er, es folgten 4 Kinder, von denen das letzte kurz nach der Geburt starb. 1818 starb auch Eichendorffs Vater, nach dessen Tod viele der hoch verschuldeten Ländereien und Güter verkauft wurden. Ein Verlust, der an Joseph von Eichendorff zehrte, von dem er sich kaum mehr erholte.

Ab 1816 arbeitete Eichendorff im Staatsdienst und arbeitete sich zum Geheimen Regierungsrat hoch. Nach einer schweren Lungenentzündung 1943 quittierte er seinen Dienst 1944 und trat frühzeitig in Ruhestand. Er schrieb hauptsächlich Romane und Erzählungen, in welche er den grossen Teil seines lyrischen Werkes einbaute. 1857 auf, selber zu schreiben, um publizistisch zu betätigen. Er starb im selben Jahr am 26. November in Neisse.

Zum literarischen Schaffen:
Zahlreiche Gedichte Eichendorffs wurden vertont, allen gemein ist die idyllische Darstellung der Natur, die bildliche Sprache:

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Entstanden  um 1835, das erste Mal veröffentlicht 1837 zählt das Gedicht zur Spätromantik und gehört in die Gattung der Naturlyrik. Es wurde 1840 von Robert Schumann vertont und zum Mittelpunkt seines Liederkreises gewählt.

Wenn der Himmel die Erde küsst, kann das als Segnung Gottes verstanden werden. Diese träumt von der Erhebung hin zu ihm. Es breitet sich eine Idylle auf der Erde auf, die sich in wogenden Ähren und rauschenden Wäldern ausdrückt. In der sternenklaren Nacht kann sich die Seele des Menschen erheben, durchs stille Land gleiten, in Frieden,  und frei aller Sorgen. Es ist ein Gefühl von Heimkommen in die Geborgenheit.

Heimweh, Erinnerung und Sehnsucht sind zentrale Elemente i Eichendorffs Lyrik. Sicherlich drückt da der nachwirkende Verlust der elterlichen Güter durch.

Eichendorffs bekanntestes Werk war sicher Aus dem Leben eines Taugenichts. Die 1826 erschienene Novelle wiederspiegelt ganz deutlich das Lebensgefühl der Spätromantik. Es handelt von jungen Sohn eines Müllers, welcher (nicht ganz freiwillig, sagt doch der Vater:

Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich nicht länger füttern.)

in die weite Welt hinaus geht, um sein Glück zu finden. Zufälle und Abenteuer säumen seinen Weg, er wird Gärtner auf einem Schloss, verliebt sich in Aurelie, welche unerreichbar scheint, und wandert weiter. In Italien sieht er sich inmitten farbenprächtigen Lebens und einiger Liebschaften, bis ihn die Sehnsucht nach der Heimat und nach Aurelia die Zelte abbrechen lässt und er zum Schloss zurückfährt. Es folgt die Aufklärung eines Missverständnisses, Heirat und das märchenhafte Happy End. Die Novelle gleicht einem naiven Märchen, in eben dem Ton ist sie auch geschrieben.

Werke

  • Ahnung und Gegenwart, Roman (1810-12 geschrieben, erschienen 1815)
  • Das Marmorbild,  Novelle (1818)
  • Die Freier, Lustspiel in drei Aufzügen (Vorstufen entstanden 1816-1820, fertiggestellt und erschienen 1833)
  • Krieg den Philistern, dramatisches Märchen in fünf Abenteuern (1824)
  • Aus dem Leben eines Taugenichts, Erzählung (1817 begonnen, abgeschlossen 1822/23, erschienen 1826)
  • Auch ich war in Arkadien, Politische Satire in Form eines Reiseberichts (1832 entstanden, 1866 posthum erschienen)
  • Dichter und ihre Gesellen, Novelle (erschienen 1834)
  • Das Schloss Dürande, Novelle (1837)
  • Die Glücksritter, Novelle (1841)
  • u.a.

Valeria Luiselli: Die Schwerelosen

Eine junge Frau, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus in Mexico City lebt, schreibt über ihr Leben in einer anderen Zeit, als sie noch in New York lebte. Sie schreibt über ihre Liebschaften und andere schräge Gestalt, über ihr Leben zwischen Wahrheit und Lüge, weit ab von Konventionen.

In jener Phase war mir zum Lügen zumute. Ich log immer öfter, sogar in Situationen, die es nun wirklich nicht erforderten. Ich vermute, das ist die Logik der Lüge: Eines Tages legst du den ersten Stein, und am nächsten musst du zwei legen.

Es ist ein Leben, das sie selber in die Hand nimmt, das ihr aber trotzdem ab und an zu entgleiten droht.

Es gibt zwei Typen von Menschen: diejenigen, die einfach leben, und diejenigen, die ihr Leben designen.

Es ist ein Leben voller Gespenster und Besessenheiten, die ab und an zur Last werden, aber doch so viel Lust beinhalten, dass sie das Leben weiter lebt. Vielleicht auch, weil sie nicht anders kann.

Zwischen den Schreibphasen lebt sie ihr Leben heute in Mexico City, mit ihrem Mann, mit ihren Kindern. Sie sitzt eingesperrt in einem Haus, welches kein Zuhause bietet. Das einzig Lebendige scheinen die Fragen und Worterfindungen ihres Sohnes zu sein. Während ihres Schreibens wächst das Misstrauen in der jetzigen Welt, Fiktion nimmt immer mehr Raum ein in der Wirklichkeit, bis niemand – vermutlich nicht mal sie selber – mehr weiss, wo die Grenze liegt.

Zunächst das gegenseitige Belauern. Den anderen verfolgen und sich verfolgen lassen, bis keiner von beiden mehr ein Quäntchen Luft zum Atmen hat. Einen unendlichen Hass auf den anderen entwickeln. Nicht so sehr Überdruss […]. Nicht so sehr Verachtung […]. Vielmehr Hass

Die Schwerelosen ist ein Buch voller Brüche. Die Brüche sind innerhalb der Personen, zwischen den Personen, zwischen den Zeiten und im Erzählstrang. Es sind Brüche, die es schwer machen, sich zurechtzufinden. Man hangelt sich von Häppchen zu Häppchen, sammelt Informationen, um sie wieder zu verwerfen, versucht, sich zurechtzufinden und verliert sich wieder.

Valeria Luiselli schreibt in einer klaren Sprache, spinnt phantastische Geschichten, in denen man sich ständig fragt, was wahr und was falsch ist, in denen man sich mitten im Ernsten einem Witz gegenüber sieht. Wenn das Buch eines nicht ist, dann ist das langweilig, trotzdem fällt es nicht immer leicht, dran zu bleiben.

Fazit:
Literarisch, wild, poetisch, chaotisch, orientierungslos, mit Witz, Charme, ohne roten Faden. Verwirrend – es ist schwer, ein wirkliches Fazit zu ziehen, selber lesen und entscheiden kann ich dazu nur sagen.

Zur Autorin
Valeria Luiselli
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie hat für das New York City Ballet Libretti und den Essay-Band »Papeles falsos« geschrieben, der von der Kritik hoch gelobt wurde. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York.

LuiselliSchwerelosAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 190 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Denken als Sein

Ich denke, also bin ich. (René Descartes)

Wer ist das Ich, das denkt? Indem dieses Ich denkt, ist es, existiert es. Es existiert nicht nur als Sein, es existiert als Ich. Das Denken gestaltet das Ich, dieses steuert  das Denken.

Was ich denke, bin ich – wie ich bin, denke ich.

Denken als Gespräch mit sich selber. Einer spricht, einer hört zu, gibt Antwort, ein Diskurs im Ich. Das Abwägen von Argumenten führt zu Entscheidungen, welche das eigene Handeln anleiten.

Was ich denke, lässt mich handeln.

Durch das Handeln (auch sprechen und Kommunikation allgemein sind Handeln) interagieren wir mit unserer Umwelt. Wir wirken auf sie ein, sie wirkt auf uns ein. Unser Denken verändert sich durch neue Einflüsse.

Wie ich handle, betrifft mein Denken.

Erneutes Denken und Abwägen hilft, den eigenen Platz in der Umwelt zu erfassen, das eigene Sein unter anderen zu sehen und zu gestalten.

Ich denke, also bin ich ich.

Oft handeln wir, ohne zu denken. Lassen uns leiten, folgen alten Mustern. Wir lassen uns treiben und erschrecken darüber, wo wir landen. Nur wenn wir selber denken, können wir auch dahin gelangen, wo wir hin wollen. Ab und an versperren Hürden und ganze Berge die Sicht. Der Gedankenfluss stoppt, weil Geröll die Leitungen blockiert. Man muss nicht jeden Stein alleine tragen, ab und an braucht man dazu Hilfe.

Denken

Gedanken fliessen
ständig
spiralförmig
ohne Unterhalt
von einem
zum andern
wie ein springender Brunnen
sprudelnd
schäumend
in sich versinkend.
(S.M.)

Max Bronski – Nachgefragt

bronski-maxMax Bronski – wer auch immer er sei – stellte sich meinen Fragen. Max Bronskis Biographie könnte man auch mit „Geheimnis um…“ umschreiben. Niemand weiss, wer er ist, der Name ist ein Pseudonym. Auf Spekulationen verzichtend belassen wir es bei den (so überlieferten) bekannten Tatsachen: Max Bronski wurde 1964 in München geboren, studierte ebenda Theologie und Musikwissenschaften, allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Er interessiert sich ausserdem für Physik, was sich in seinem neusten Thriller Der Tod bin ich niederschlägt. Von ihm erschienen sind ausserdem Sister Sox (2009),  Münchner Blues (2010), Schampanninger (2010) und Der Tod bin ich (2013).

1. Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie?

Zunächst einmal hat man ja einen Fundus an Erlebtem und Erfahrenem. Aus dem kommt aber normalerweise außer Pubertätsromanen und Tagebüchern nichts Bemerkenswertes heraus, es sei denn, man liest viel, eignet sich so die Gedanken anderer an und schafft es, den wirren Haufen mit zündenden Idee zu ordnen.

2. Wann und wo schreiben Sie?

In intensiven Schreibphasen frühmorgens ab halbsechs und immer in meinem Arbeitszimmer, weil dort alles, was ich für meinen Stoff brauche, verfügbar ist.

3. Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie loslegen?

Geht gar nicht! Wenn ich nicht weiß, wo ich hin will, komme ich nirgendwo an. Zwei Möglichkeiten: Ich habe eine bestimmte Atmosphäre, ein paar markante Figuren und eine Ausgangssituation, die Rätsel aufgibt. So sind meine München-Krimis entstanden. Bei „Der Tod bin ich“ hatte ich es mit eine Fülle komplexer Themen, Kalter Krieg, die Politik in den fünfziger und sechziger Jahren, Quantenphysik u.ä. zu tun. Das muss sorgfältig recherchiert und ausgearbeitet werden.

4. Was steckt von Ihnen in ihrem Roman?

Mein Leben, vor allem aber mein Kopf!

5. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schalten Sie ab?

Schriftstellerei ist kein Beruf, sondern eine Lebenshaltung. Die kriegen sie nie weg, noch nicht mal in der Badehose.

6. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Das ergäbe eine lange, sehr heterogene Liste. Aber Bücher mit tiefsinnigem Witz und Selbstironie schätze ich immer.

7. Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

ICH BRAUCHE VIER!

Ich möchte mich herzlich  bei Max Bronski bedanken für diesen Einblick in sein Schreiben!

Max Bronski: Der Tod bin ich

Der Sterbende schlug die Augen auf und begegnete noch einmal dem Blick seines Mörders. Dann glitt sein Kopf zur Seite und die zunehmend undeutlicher werdende Wahrnehmung verlor sich in der feinkörnigen, hellen Fläche seines Gartens wie in einer weit gestreckten Wüste.

Auf einem Hollandrad, mit Hut und Pfeife radelt der Mörder übers Land, um eine Tat zu verrichten, die ihre Ursachen in der tiefen Vergangenheit hat: Er bringt den mittlerweile pensionierten Gutsverwalter Eulmann um. Derselbe Täter fährt aufs Land und tötet auch noch eine Bauersfrau. Die einzige Verbindung zwischen den zwei Personen ist ein junger Mann, Tino Senoner, einerseits Nachfolger von Eulmann, andererseits Neffe der Bauersfrau.

Dass ein Zusammenhang zwischen den Toten besteht, welcher es ist, sieht Tino erst, als die Hinterlassenschaft Eulmanns in Händen hält und dadurch ins Jahr 1957/58 zurück versetzt wird. Eine wilde Geschichte rund um den kalten Krieg und einen jungen naiven Kernphysiker im Kreuzfeuer von Agenten verschiedener Lager und deren Druckmittel eröffnet sich und nimmt ihren Lauf.

Die anfängliche Orientierungslosigkeit Tinos schlägt auf den Leser über. Er hat am Anfang mit wirrem Hin und Her, wechselnder Erzählform (Ich-Erzähler und auktorialer Erzähler wechseln ab) und einem fehlenden Zusammenhang zu kämpfen. Nach und nach lüftet sich der verhüllende Schleier und man wird von der sichtbar werdenden Geschichte gepackt und mitgerissen, so dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen möchte, um zu erfahren, wie es endet.

Bronskis Geschichte hat verschiedene Ebenen und Thematiken. Sie handelt von einem Physiker, welcher seine Formeln in Musik umwandelt und die daraus entstehende Musik trifft auf die Struktur des Romans zu:

Musikalisch bildeten Petris Entwürfe ein aus den Fugen geratenes System ab, das sich selbst parodierte. Schräg und leicht dissonant, aber immer unterlegt mit einer klaren Struktur.

Hier tut sich quasi eine Metaebene im Roman auf, indem dieser als Musikstück paraphrasiert wird. Der Roman wirkt oft wie eine Parodie, ist aber trotzdem auch mit Ernst versetzt. Er ist fundiert geschrieben, hat alles, was ein Agententhriller haben muss. Es ist eine moderne Fassung der Faust-Thematik, indem ein Wissenschaftler seine Seele dem Teufel (hier sind es mehrere sich gegenseitig bekämpfende Teufel) verkauft und diesen Pakt schlussendlich mit dem Tod bezahlt.

Fazit:
Eine Geschichte voller Intrigen, Zahlen, Musik, Agenten, Mord und Verfolgung. Chaotisch anfangend kommt immer mehr Ordnung in die Geschichte, bis sie schlussendlich aufgeht. Fast wie Mathematik. Eine gelungene Komposition.

Zum Autor
Max Bronski
Max Bronskis Biographie könnte man auch mit „Geheimnis um…“ umschreiben. Niemand weiss, wer er ist, der Name ist ein Pseudonym. Auf Spekulationen verzichtend belassen wir es bei den (so überlieferten) bekannten Tatsachen: Max Bronski wurde 1964 in München geboren, studierte ebenda Theologie und Musikwissenschaften, allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Er interessiert sich ausserdem für Physik, was sich in seinem neusten Thriller Der Tod bin ich niederschlägt. Von ihm erschienen sind ausserdem Sister Sox (2009), Münchner Blues (2010) und Schampanninger (2010).

BronskiTodAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 397 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (15. Januar 2013)
Preis: EUR 16.95 / CHF 26.90

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Björn Bicker – Nachgefragt

bicker-bjoernBjörn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Von ihm erschienen sind ILLEGAL (2009) und Was wir erben (2013).

Björn Bicker hat mir einige Fragen zu seinem Schreiben beantwortet. Dies auf eine sehr kurze und knappe, dabei aber humorvolle Weise. Ich möchte mich dafür bedanken!

1. Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie?

Ich habe Augen und Ohren. Und eine Geschichte. Und Menschen um mich rum.

2. Wann und wo schreiben Sie?

Morgens. An meinem Arbeitsplatz, in meinem Büro.

3. Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie loslegen?

Alles gleichzeitig.

4. Was steckt von Ihnen in ihrem Roman?

???

5. Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schalten Sie ab?

Ahoi! Immer im Dienst.

6. Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Es muss eine Stimme haben, eine unverwechselbare Stimme. Zum Rest der Frage: Verrate ich nicht.

7. Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Das geht gar nicht. Ups, das waren ja vier Worte.

Ein visueller Eindruck vom Autoren und ein Einblick in sein jüngstes Buch Was wir erben:

Björn Bicker: Was wir erben

Auf dem Foto sieht man den Vater als sechsundreissigjährigen Mann an der Seite einer blonden Frau, die ein buntes, eng geschnittenes Sommerkleid trägt. Sie legt ihren Arm um seine Hüfte, er schaut seitlich zu Boden. Sie posiert. […] Der Körperhaltung nach passt ihm die Situation nicht, aber das kann täuschen.

Elisabeth lebt ein Leben, das sich im Alltag erprobt hat. Sie ist Schauspielerin an einem renommierten Theater und lebt mit Holger, einem Arzt zusammen. Die Ruhe und Beschaulichkeit wird mit einem Telefonanruf jäh durchbrochen. Ihr Bruder, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste, bittet um ein Treffen.

Du lächelst verlegen. Du versuchst, Deine Hände vor mir zu verbergen. Ich höre meine Stimme: Eine Affäre. Weiter nichts. Das sieht ihm ähnlich. Deine Augen werden feucht.
Ehrlich gesagt, das Foto spricht eine andere Sprache. Das sieht nach Doppelleben aus, nach Liebe, nach grossem Kino.

Elisabeth bittet um Zeit, weiss nicht, was mit all dem anfangen. Sie hat ihre Vergangenheit und vor allem ihren Vater aus ihrem Leben verdrängt. Nun bricht alles auf, Bild für Bild kehrt es zurück und Elisabeth merkt, dass sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss. Zuerst noch denkend, dass sie das nur für ihren Bruder macht, um diesem ein Bild seines Vaters aufschreiben zu können, macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist eine Reise zurück zu den Plätzen seiner wie auch ihrer Vergangenheit. Erinnerungen tauchen auf an seinen Alkoholkonsum, ihre Angst vor ihm, seine Wut und ihre Flucht.

Je mehr Elisabeth über ihren Vater erfährt, desto weiter entfernt sie sich von ihrem gewohnten Leben, vom Mann an ihrer Seite. Sie verstrickt sich immer tiefer in ihre eigene Herkunft und will von allem, was bis vor kurzem noch Alltag war, weg, hinein in eine neue Zukunft, die ihr echter und wahrer erscheint als alles, was bislang ihr Leben ausmachte.

Gesucht hat sie ihren Vater, gefunden hat sie sich selber. Björn Biker erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die aus der sorgsam aufgebauten Welt in ihre eigenen Abgründe taucht und dabei viel über sich selber herausfindet, sich erst selber kennen lernt. Der schonungslose Blick eröffnet ihr eine neue Sicht auf ihr eigenes Leben und sie realisiert am Schluss, was wirklich zählt im Leben.

Der Roman ist ein Buch über Wahrheit, Heimat, Liebe und Hass, es ist ein Buch über das Vergessen und das Erinnern, über Sucht und Verdrängen, ein Buch darüber, dass man die eigene Vergangenheit immer in sich trägt und doch jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben selber zu gestalten, indem man es in die Hand nimmt. Es ist ein Buch über das Erwachsenwerden.

Was wir erben besticht durch einen klaren Realismus, in welchem doch nie ganz klar ist, was Spiel, was wirkliches Leben ist und war. Es erzählt Geschichten des Lebens und erfundene, zeigt die Menschen im Leben und im Spiel desselben. Björn Biker schreibt in einer schnörkellosen und direkten Sprache. Er verzichtet auf Sentimentalität und Pathos, sondern erzählt, was ist oder zu sein scheint. Er legt die Gedanken seiner Figuren offen, stellt sie dar in ihrem Schein und Sein, ohne sie blosszustellen. Er zeigt die menschlichen Schwäche und was sie anrichten können, wenn es die von Eltern sind, ohne dabei zu sehr auf Opfer-Täter-Konstruktionen zu verfallen.

Fazit:
Eine Reise durch die Vergangenheit, um ganz in der Gegenwart anzukommen. Eine Geschichte, die etwas von jedem in sich trägt, ohne psychologisierend den Spiegel vorzuhalten. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Björn Bicker
Björn Bicker ist 1972 geboren und studierte in Tübingen und Wien Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Rhetorik. Er arbeitete nach dem Studium an diversen Theatern und versuchte in verschiedenen Projekten, eine Brücke zwischen Kunst und politischer Praxis zu schlage. Seit 2009 arbeitet er als freier Autor, Projektentwickler und Kurator, schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Essays und ist Dozent für Dramaturgie und Szenisches Schreibe an diversen Hochschulen. Er lebt in München. Auch von ihm erschienen ist ILLEGAL (2009).

BickerErbenAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (6. März 2013)
Preis: EUR 19.95 / CHF 29.90

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Bethan Roberts – Das Interview

Photograph by Charlie Hopkinson
Photograph by Charlie Hopkinson

 Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind u.a. Stille Wasser (2008), Köchin für einen Sommer (2009), Der Liebhaber meines Mannes (2013).

Woher hast du die Ideen für deine Bücher? Was inspiriert dich?

Eine Idee kann von überall kommen. Alles ist interessant, wenn man nur genau hinschaut. Wenn man Schriftsteller ist, muss man immer neugierig sein. Ich liebe Klatsch und Tratsch, interessiere mich für das Leben anderer Leute und schreibe schliesslich auch darüber.

Wann und wo schreibst du?

Ich schreibe teilweise zu Hause (ich habe einen kleinen Raum in meinem Haus, welchen ich als „Studierstube“ nutze) und teilweise in Cafés. Ich schreibe von Hand in ein Notizbuch, welches ich immer dabei habe. Mein 3jähriger Sohn ist an vier Nachmittagen die Woche  im Kindergarten, diese Zeit nutze ich zum Schreiben. Manchmal ist es dann gut, aus dem Haus zu gehen und die Gespräche anderer Menschen zu belauschen, während ich auf meinem Notizblock herumkritzle.

Schreibst du frisch drauf los oder recherchierst du erst, planst, machst Notizen, bevor du zu schreiben beginnst?

Das variiert. Kurzgeschichten schreibe ich manchmal einfach so, ohne vorherige Nachforschungen oder Notizen. Meistens schaffe ich auf diese Weise aber nur ¾ der Geschichte und weiss dann nicht mehr, wie weiter. Dann beginnt ein langer Prozess des Umschreibens und ich muss herausfinden, worum es in der Geschichte überhaupt geht, um zu wissen, wie sie enden soll.

Wenn ich einen Roman schreibe, geht dem meist eine lange Phase der Recherche voraus (bei Der Liebhaber meines Mannes war es etwa ein Jahr). Darauf folgt das Schreiben, danach das Umschreiben und am Schluss die Textredaktion. Den grössten Anteil beim Schreiben hat das Umschreiben. Zum Glück ist das auch der Teil, den ich am meisten liebe.

Steckt etwas von dir in deinem Roman? Wenn ja, was ist es?

Oh ja, zweifelsohne. Wenn ich wüsste was es ist und wieso dem so ist, bräuchte ich keine Therapie.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schaltest du ab?

Wenn ich mit meinem Sohn zusammen bin, habe ich Pause vom Schreiben, denn ich finde es sehr anstrengend, an einen Roman zu denken und mich gleichzeitig auf einen Dreijährigen zu konzentrieren. Was Urlaub betrifft, so würde ich gerne eine Lesereise machen, irgendwohin, wo es warm und schön ist. 5 Tage lang nur ich und ein paar Bücher. Im Moment ist das reine Phantasie.

Welche Art Bücher magst du? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die du speziell liebst?

Es ist schwer zu sagen, welche Art Bücher ich mag. Ich liebe Romane, die schöne Sätze haben und faszinierende Charaktere. Bücher, die mich immer wieder überraschen und in denen sich trotzdem Details aus dem normalen Leben finden. Ich mag gute Familiensagas und auch Bücher, die mich zum Weinen Lachen bringen. Das hilft nicht wirklich weiter, nicht wahr? Wenn ich ein paar wirkliche Lieblinge nennen müsste, dann wären das A Room With A View (E.M.Forster: Zimmer mit Aussicht), The Prime of Miss Jean Brodie (Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie), The Sportswriter (Richard Ford: Der Sportreporter), The Corrections (Jonathan Franzen: Die Korrekturen), The Hours (Michael Cunningham: Die Stunden), My Father and Myself (J.R.Ackerley), The Great Gatsby (F.Scott Fitzgerald: Der grosse Gatsby), The Go-Between (L.P. Hartley) und die Kurzgeschichten von Claire Keegan. Des Weiteren mag ich auch Posy Simmonds Comic Romane.

Wenn du dich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Klein,wählerisch, stur

Bethan, herzlichen Dank für dieses Interview.

Blogger-Themen-Tage – ein Fazit

Die letzten drei Tage waren den Blogger-Themen-Tagen gewidmet. Es waren wunderbare Tage mit wunderbaren Themen. Das klingt schräg? Wie können Themen rund um Behinderung wunderbar sein? Es waren echte Tage. Ich habe selten so viele offene und ehrliche Artikel gelesen wie in den letzten drei Tagen. Ich habe selten so viel Mitgefühl und positive Stimmung erlebt wie in den letzten drei Tagen. Und es war wunderbar zu sehen, wie Menschen zusammen kamen und schrieben, sich öffneten, etwas preis gaben von sich und ihrem Denken.

Dem Thema Behinderung haftet so vieles an. Und selten ist es positiv. Behinderung klingt nach Trauer, nach Versagen, nach Verlierer, nach Kampf, nach Randgruppe und Minderheit. Es klingt nach Wegschauen, Ignorieren, Nicht-Wollen. Und genau das fehlte alles. Es war vielleicht ab und an Nachdenklichkeit dabei – doch was gibt es Besseres als Nachdenken? Nachdenken heisst Hinterfragen. Heisst, etwas in Frage zu stellen, was einfach so da steht mit all seinen negativen Nebenklängen.

Wenn ich eines gesehen habe in diesen drei Tagen, ist es, dass ganz viele Menschen sehr viel zu sagen haben. Und es sind Menschen, die Gefühle haben und sich trauen, sie zu zeigen, sie zu beschreiben. Es sind Menschen, die eine Sprache haben, Gefühle lesbar und damit verständlich zu machen. Und es sind Menschen, die diese Welt viel lehren können. Ab und an überkam mich das seltsame Gefühl: Waren das wirklich die Behinderten in unserer Gesellschaft?

Heute gelten die Menschen als normal, die funktionieren, in Schubladen passen, die an Massstäbe gebunden sind, welche man nach Jahreszahlen und in Perzentilen messen kann. Ihr Kind ist 5 Jahre alt? Es muss so und so schwer und gross sein, dies und das können. Passt das nicht, ist ihr Kind zumindest abnormal – zur Behinderung ist es ein kleiner Schritt. Es folgen Therapien, welche nur eines zum Ziel haben: Alles passend für die Schublade zu machen. Glückt die Therapie, läuft das Kind später im Gleichschritt. Altersgemäss und normgerecht passend. Therapie geglückt, Mensch platt gemacht möchte man sagen und weiss, dass man damit verspottet wird. Gegen die Norm auflehnen geht nicht. Sie basiert auf Studien und Wissenschaften. Und die müssen schliesslich recht haben.

So oder so – in den letzten Tagen las ich viel über Menschen, die in keine Schublade passten und dies in wunderbaren Worten beschreiben konnten. Ich las von ihrem Kampf im Leben und ich las davon, dass sie lebten – und leben gelassen werden wollten. Der Kampf um das eigene Leben wie es ist, ohne Zwang und Druck von aussen, passend gemacht zu werden. Der Kampf, wahrgenommen zu werden, wie man ist, ohne in Schubladen gepresst zu werden. Wann hört er auf?

Ein weiser Mann sagte einmal zu mir: Sie sind ein Schmetterling unter Maulwürfen. 90% der Menschen dieser Welt sind Maulwürfe. Sie wollen Sie in ihre Höhle ziehen, weil die Höhle normal sei. Wenn sie in die Höhle wollen, werden sie nie glücklich. Breiten sie die Flügel aus und fliegen sie so hoch sie können. Es ist nicht einfach. Es sind viele Maulwürfe, die einen in die Höhle zwingen wollen. Für sie passt diese Höhle, sie sollen da leben.  Zum Glück gibt es ein paar Maulwürfe, die sehen, dass auch Schmetterlinge in diese Welt gehören. Und es gibt andere Schmetterlinge, die einem zeigen, dass fliegen schön ist.

Hellmut Flashar: Aristoteles. Lehrer des Abendlandes

Ohne Freunde möchte niemand leben, auch wenn er die übrigen Güter alle zusammen besässe: gerade auch den reichen Leuten und denen, die Amt und Herrschaft haben, tun Freunde bekanntlich ganz besonders not. Denn wozu ist solcher Wohlstand nütze, wenn die Möglichkeit des Wohltuns genommen ist, das doch vor allem und in seiner preiswürdigsten Form dem Freunde gegenüber sich entfaltet?

Diese Worte, die aktuell klingen und in die heutige Zeit passen, stammen von einem Philosophen, der vor über 2000 Jahren lebte. Aristoteles prägte mit seinem Denken die geistige Entwicklung des Abendlandes nachhaltig. Sein Name ist bis heute bekannt, seine Philosophie wird noch immer zitiert und hat in vielen Bereichen noch immer Geltung, ist noch aktuell in ihren Inhalten.

Über Aristoteles ist viel geschrieben worden, Bücher über diesen griechischen Philosophen füllen ganze Regale. Das vorliegende von Hellmut Flashar ist nicht einfach eines mehr, sondern es sticht heraus durch seine umfassende und verständliche Darstellung des Lebens wie des Werkes von Aristoteles. Aus verschiedenen Quellen rekonstruiert Flashar Aristoteles’ Biographie, legt dabei auch die Tücken der Quellen offen. Er beleuchtet nicht nur die Familie des Philosophen, sondern zeichnet auch ein Bild der Stadt, der politischen Umstände zu seiner Zeit sowie der Einflüsse, die sein Denken prägten.

Leider ging ein Teil von Aristoteles Werk verloren. Die noch erhaltenen Werke setzen sich aus Lehrschriften zusammen, welche aus dem Unterricht Aristoteles’ hervorgegangen sind. Flashar widmet den einzelnen Gebieten des umfassenden Werks von Aristoteles je ein Kapitel und behandelt so in verständlicher Art und doch fundiert sämtliche Themen mit einer Einleitung, der Zusammenfassung und Darlegung der wichtigsten Punkte sowie Hintergründe und Ausblicke.

Den Abschluss dieses umfassenden Werkes bildet ein Kapitel über die Rezeption Aristoteles’ in der griechischen, arabischen, lateinischen Tradition sowie in der Neuzeit. Flashar beweist in diesem Buch sein grosses Wissen über diesen herausragenden Philosophen sowie seine Fähigkeit, den nicht immer einfachen Stoff verständlich und lesbar zu vermitteln.

Fazit
Informativ, fundiert, umfassend – ein grosser Philosoph und sein Werk werden hier mit viel Liebe und Wissen porträtiert. Sehr empfehlenswert.

Hellmut Flashar
Hellmut Flashar wuchs in Berlin auf, studierte Klassische Philologie und Philosophie in Berlin und Tübingen und promovierte mit einer Dissertation über Platons Dialog Ion. Nach seiner Habilitierung hatte er zuerst eine Professur in Bochum inne, wechselte 1982 an die LMU München, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb, daneben an anderen Unis lehrte
Flashar gilt als Spezialist vor allem für griechische Philosophie. Er ist Herausgeber der deutschen Aristoteles-Gesamtausgabe und arbeitete bei verschiedenen Fachjournalen. Weitere Werke sind u.a. Inszenierung der Antike. Das griechische Drama auf der Bühne. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (2009), Sophokles. Dichter im demokratischen Athen (2010).

FlasharAristotAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 2013
Preis: EUR: 26.95 ; CHF 36.90

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Martina: „Im Gefängnis der Anderen“

Dieser Gastbeitrag von Martina wird im Rahmen der Blogger-Themen-Tage zum Thema Behinderungen, Medien und die Gesellschaft geschrieben. Ich möchte Martina an dieser Stelle für Ihre Offenheit danken, mit der sie ihren Weg mit uns teilt und für ihr Vertrauen, dass sie dies in meinem Blog tut. 

Im Gefängnis der Anderen

Damals als Kind habe ich gelernt auszuhalten, eine Fremde unter Fremden zu sein. Mit einer zweiten Haut habe ich nach außen Erwartungen entsprochen, mein Inneres habe ich verborgen und war auf der Suche. Auf der Suche nach dem, was für mich richtig war. Denn ich fühlte mich immer falsch.

Die Menschen um mich herum hatten ihre Maßstäbe, nach denen ich mich entwickeln sollte. Ob diese Maßstäbe mir angemessen waren, war nicht maßgeblich. Da ich in der Welt der anderen leben musste, bemühte ich mich darum, ihren Anforderungen zu entsprechen. Bis ich nicht mehr konnte. Ich wurde in meine Welt zurückgeschleudert, weil es in der Welt der anderen nicht wirklich einen Platz für mich gab.

Ich suchte weiter um einen Platz für mich, in meiner Welt. Das dauerte 13 Jahre. 13 Jahre, in denen ich auf die Unterstützung und Diagnosefähigkeit von Ärzten und Therapeuten angewiesen war. In denen ich von Amt zu Amt ging. Ich suchte und kämpfte immer weiter, weil der Eindruck in mir blieb, dass meine Welt in der Welt der anderen nicht wirklich ankam, sie mich nicht wirklich verstanden. Ich sah mich eingesperrt in ihren Aussagen, Diagnosen und Empfehlungen, die Teilbereiche von mir betrafen, aber mich nicht als ganzen Menschen wahrnahmen.

Dieses Gefängnis löste sich auf, als ich mit 46 Jahren die Diagnose „Asperger Syndrom“ erhielt. Ich bin ganz und ich bin frei, denn ich bin mir nicht mehr entfremdet.

Heute wünsche ich mir besonders für autistische Kinder, dass sie einen solchen Weg nicht mehr gehen müssen. Ich wünsche mir eine Welt, die als „unsere Welt“ bezeichnet wird. In der sich alle Menschen offen und unvoreingenommen begegnen können.

Die öffentliche Berichterstattung ist hier ein wichtiges Hilfsmittel. Aber solange es Berichte gibt, in denen autistische Menschen aufgrund von Vorurteilen, die auf oberflächlichen Teilkenntnissen beruhen, für eine gewinnbringende Schlagzeile benutzt werden, wird dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Solange werden wir immer wieder aufs Neue entfremdet, behindert und eingesperrt.

Deshalb bitte ich Berichterstatter, dass sie nicht nur Oberflächliches von sich geben, sondern bei ihrer Recherche wirklich suchen und nicht aufgeben, bis sie die Wahrheit mit gutem Gewissen veröffentlichen können.

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Das komplette Programm findet sich hier: Programm der Blogger-Themen-Tage