Thomas Mann und der Erste Weltkrieg – Sublimation einer Neigung

Heute war ich an einem Anlass der Thomas Mann Gesellschaft zum Thema „Thomas Mann und der Erste Weltkrieg“. Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen standen im Zentrum, seine teilweise sehr kriegsverherrlichenden und seiner nicht würdig scheinenden, misst man ihn an seinen sonstigen Schriften und Meinungsbekundungen – vor allem auch im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg – wurden thematisiert, angeprangert, mit hochgezogenen Augenbrauen bedacht und einzuordnen versucht.

Den ersten Vortrag hielt der ausgewiesene Experte Heinrich Detering. Auf unterhaltsame und offensichtlich bewanderte Weise führte er in das Thema ein, zeigte sein Hintergrundwissen durch vielfältige und vielzählige Zitate. Im zweiten Vortrag bot der Historiker Georg Kreis – auf humorvolle, informative und kompetente Weise – den Kontext der Zeit dar. Eine Podiumsdiskussion schloss den Anlass ab, die Fragen waren eher spärlich und wenig tiefgründig, was wohl auch der anberaumten Zeit einer halben Stunde sowie dem Umstand, dass eine wirkliche Diskussion bei so vielen Menschen, die erfreulicher Weise gekommen waren, sowie dem Zeitpunkt an einem Samstag Morgen geschuldet war. Ein wirklich gelungener Anlass, der ob des durchaus fortgeschrittenen Alters der Besucher ein wenig am Nachwuchs der Thomas Mann-Fans zweifeln lässt, in der Hoffnung, dass die Momentaufnahme kein Bild der allgemeinen Situation sei.

Ein Punkt hat mich beschäftigt (sicher unter andern, dieser aber besonders auch aufgrund meiner eigenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Thomas Mann): Es wurde von Heinrich Detering vermehrt die Diskontinuität Thomas Manns gerade in den Betrachtungen eines Unpolitischen erwähnt. War dieser vorher sehr durchdacht, argumentativ stark, liberal und humanistisch eingestellt, setzte er sich im Zweiten Weltkrieg für die Opfer des Krieges ein und war ein Gegner desselben, so zeigte er sich beim Ersten Weltkrieg als euphorischer Befürworter desselben. Man findet Äusserungen, die das Heldentum, die Vormachtstellung, die ausgewiesene Siegerrolle Deutschlands propagieren, die Unterhundrolle der umliegenden Staaten proklamiert. Mit rassistischen, abwertenden, kriegsverherrlichenden Aussagen ergiesst er sich in seinen Betrachtungen. Er stilisiert das deutsche Volk zum männlich mächtigen, das französische zum weiblich verzärtelten, unterlegenen. Damit hat Detering sicher recht. Was mir aber aufstösst, sind zwei Punkte:

Die Diskontiunität eines Menschen verurteilend stellt sich doch die Frage, welcher Mensch in seiner Meinung über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich und ohne Wandel sei. Liegt der Wandel nicht in der Natur der Dinge, somit auch im Menschen und dessen Denken selber? Ist es nicht naturgegeben, dass das Leben, die Umstände der Zeit und vieles mehr Meinungen wachsen, ändern, umstossen lassen? Ist es also so zu verdenken, dass Thomas Mann durchaus Änderungen in seinem Denken, Schreiben und Sein durchmachte? Wieso ist das im normal menschlichen Leben als natürlich akzeptiert, bei einem Schriftsteller des Kalibers Thomas Manns aber so verwerflich?

Der zweite Punkt, der mir aufstiess ist folgender: Es wurde zwar angetönt, dass Thomas Mann durchaus persönliche Gründe zu seiner Haltung haben könnte, dass er sich durch einige stilistische Mittel selber der Lüge in der nun so hasserfüllten, hitzigen Schreibe bezichtigte und damit entlarvte, allerdings wurde der Zweig nicht wirklich weiter verfolgt, versandete in Andeutungen, worauf wieder die Diskontinuität bemängelt wurde. Nun ist Thomas Mann in all seinen Werken ein durchaus autobiographischer Schreiber, er thematisiert sich und seinen eigenen Prozess als Künstler, Schriftsteller in praktisch jedem Werk, legt seine Tagesabläufe offen dar in seinen Romanen. Man weiss mittlerweile um sein Ringen zwischen Bürgertum und Künstlertum, um seine schreiberische Sublimation der eigenen homoerotischen Ausrichtung, kennt seine Aussprüche, dass er sich an strenge Regeln halten müsse, damit er nicht untergehe, will er doch im Bürgertum verhaftet, zu Hause, akzeptiert sein. Er kann und will sich kein Ausbrechen gönnen. Könnte – ja muss – man also seine Betrachtungen nicht als genau das lesen? Als verzweifelter Versuch, die eigene homoerotische Neigung zu unterdrückende, zu verneinende, zu verfluchende Schreibtirade? Deutschland als das Zuhause, als das Bürgertum quasi, mit Regeln, Macht, Ordnung, Männlichkeit allen voran, das gegen Frankreich, das weibische, künstlerische, freie, ungezügelte Land vorgeht? Kann man nicht in dem (nicht nur bei ihm, sondern im gesellschaftlichen Konnex damaliger Zeit vorherrschende) Bild die eigene Zerrisssenheit erkennen und damit diese Bekenntnisse nicht als Diskontinuität, sondern als Bekenntnis eines zutiefst umgetriebenen Menschen lesen?

Und so komme ich zum Schluss, dass die Betrachtungen eines Unpolitischen zwar einerseits durchaus politisch waren, indem sie auf die Politik damaliger Zeit hinweisen, allerdings genauso (wenn nicht mehr) persönlich waren, zeigen sie doch einen verzweifelten Thomas Mann, der zwischen den Zeilen seine Befindlichkeit offenbart, sie aber in Druckerschwärze überdeckt und eine zutiefst zeitgemässe, kriegsverherrlichende und seiner eigentlich ungebührliche Schrift hinterliess – würde sie man eins zu eins nehmen und lesen und nicht als Versuch, sich im Bürgertum zu verankern, den eigenen Neigungen abschwörend.

Und so komme ich einmal mehr zum Schluss: Das Schreiben Thomas Manns ist ein autobiographisches, das von dessen Leben, Denken und Sein nicht losgelöst zu beurteilen ist, dessen Botschaft immer eine eigene ist, die er in verschiedenen Schichten, Montagen und Kniffen überdeckt, so dass man ganz viel hineinlesen, herausinterpretieren kann und schlussendlich da landet, wo er selber gerne gewesen wäre, wären da nicht seine Neigungen, die er nicht leben, aber immer wieder beschreiben musste.

Hochwacht – 29. Mai 2014

Die Zeit reichte nicht für eine ausgedehnte Bergtour, so dass der Weg heute ins Zürcher Unterland führte. Mit dem Auto fuhren wir nach Dielsdorf, ein ausserordentlich malerisches Städtchen, das ich vorher nur vom Namen her kannte. Zwischen Riegelhäusern liefen wir hoch, kamen bald auf einen Weg, der von Wald und Rebbergen gesäumt war. Am Himmel ballten sich Wolken, es war nicht ganz sicher, ob wir den Weg trocken schaffen würden, doch die Sonne drückte immer wieder durch. Der Vorteil des Wetters war, dass es nicht zu heiss war, so dass der doch eher steile Aufstieg keine Schweissflüsse auslöste.

IMG_3204Nächstes Ziel war Regensberg, ein mittelalterliches Städtchen, welches auf einem Felssporn der Lägern hoch über Dielsdorf liegt. Schon vom Städtchen aus hat man einen Blick, der seinesgleichen sucht, steigt man  noch die Stufen zum Turm hoch, wird das noch getoppt, man sieht über weite grüne Flächen, kleine Dörfchen (sogar ein paar Geographielücken meinerseits konnten geschlossen werden) bis hin nach Deutschland, sieht Zürich winzig klein in weiter Ferne. Alles, was mal gross war, wird plötzlich überschaubar.

 Manchmal muss man nur hoch genug steigen, um die Relationen der Dinge zu sehen.

IMG_3207Unser Weg führte weiter zur Hochwacht. Wir waren nicht alleine, was an einem Feiertag und bei doch schönem Wetter nicht erstaunlich ist, trotzdem blieben die ganz grossen Massen aus, was wohl dem nicht ganz klaren Wetter zu verdanken war. Durch einen sehr gepflegten Wald stiegen wir hoch, schon ziemlich hungrig und hoffend, dass das Restaurant auf der Hochwacht geöffnet sei, wir einen ersehnten Wurst-Käse-Salat bekommen können. Wir wurden nicht enttäuscht, das Selbstbedienungsrestaurant war offen. Zwar war der Wurst-Käse-Salat nicht erhältlich (ein kurzes Grummeln wurde durch den Anblick der Alternative schnell beendet), dafür konnten wir uns auf eine sehr leckere Bauernplatte stürzen, die neben einem gut gereiften Greyerzer Speck und Salsiz enthielt. Dass der Ausblick von der Aussichtsfläche einmal mehr wunderbar war, wäre wohl kaum nötig zu erwähnen.

IMG_3209Gestärkt und beschwingt nahmen wir den Abstieg unter die Füsse, er ging zügig, das Wetter hielt den ganzen Tag und schon bald standen wir wieder neben dem Auto, das uns nach Hause fuhr. Insgesamt sind wir wohl 2,5 Stunden gelaufen, keine Anspruchsvolle Geschichte, aber wunderschön und sehr empfehlenswert.

Volker Weidermann: Max Frisch

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

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Judith Winter: Siebenschön

Wettkampf mit der Zeit um Leben und Tod

Theo hat versagt. Tja, Glück für dich! Ich schätze, das bedeutet, dass nummer sibn Dir gehört. Masl-tow! Wohlan denn: Folge dem Pfad der Erleuchtung, und er wird Dich ans Ziel führen. Allerdings solltest Du Dich lieber beeilen. Die Adresse ist: Fordstrasse 237. Ach übrigens: ihr Name ist jennifer, falls es Dich interessiert.

Als Christina Höffgen diesen Brief im Briefkasten findet, ohne zu wissen, wer ihn schickte, wer Jennifer ist und was sie damit zu tun hat, ist Jennifer schon lange tot. Und sie ist nicht das erste Opfer dieses Täters. Schon früher gab es Briefe, damals an andere Empfänger. Schon früher gab es Opfer.

Emilia Capelli, engagierte Hauptkommissarin, wird mit dem Fall betraut. Allerdings hat sie ausgerechnet jetzt eine neue Kollegin an die Seite gestellt bekommen, die ihr so gar nicht in den Kram passt: Mai Zhou. Nicht genug, dass diese ebenfalls Frau ist, sie sieht auch noch gut aus, ist – Emilia muss es zugeben – klug und ebenso engagiert wie sie selber. Konflikte sind vorprogrammiert.

Distanziert. Untadelig höflich. Und einfach nur zum Kotzen, fand Em. So werden wir bestimmt keine Freunde, dachte sie, indem sie ihre Partnerin einer erneuten, ebenso gründlichen wie kritischen Musterung unterzog. Doch zu ihrem bedauern fand sie – zumindest rein äusserlich – wenig Angriffsfläche: Mai Zhous Gesicht war ein Traum in Pastell.

Das Team hat es mit einem gefährlichen Serientäter zu tun, der eine Mission zu verfolgen scheint. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit, nächste Opfer sind in immer schnelleren Abständen zu erwarten.

Ein solider Thriller, nach Lehrbuch aufgebaut, spannend geschrieben mit einem guten und in sich stimmigen Plot. Die Figuren bleiben ein wenig unpersönlich, die Konflikte zwischen ihnen werden nicht ausgeschöpft, versanden nach wenigen Andeutungen. Da wäre noch viel Potential, das der Autorin zugetraut werden kann, das sie in diesem Buch allerdings noch nicht ausgeschöpft hat. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch, der Lesegenuss ist da, einmal zur Hand genommen, mag man das Buch kaum noch weglegen, bis der Täter gefasst ist.

 

Fazit:
Guter Plot, spannend geschrieben, packend zu lesen – sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Judith Winter
Judith Winter, 1969 in Frankfurt am Main geboren, studierte Germanistik und Psychologie in Berlin und Wien und arbeitete viele Jahre in einem renommierten wissenschaftlichen Institut, bevor sie sich selbständig machte. Nach Aufenthalten in Mailand und Paris lebt sie heute mit ihrer Familie in der Nähe ihrer Heimatstadt.

 

WinterSiebenschönAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423214896
Preis: EUR  9.95 / CHF 15.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Ent-Täuschung

Nimm einem Menschen sein Spielzeug weg und er zeigt sein wahres Gesicht.

So lange ein Mensch hat oder kriegt, was er möchte oder zumindest die Hoffnung behält, es (wieder) zu erlangen, zeigt sich derselbe von seiner besten Seite, verspricht, wenn nötig, das Blaue vom Himmel, ist zu allem bereit. Wehe, wenn die Hoffnung schwindet, die Dinge nicht nach seinem Sinn laufen. Wie weggewischt ist das freundliche Lächeln, all die Schwüre, Versprechen, noblen Gesten sind vergessen, zurück bleibt, was immer schon da war, allerdings überdeckt wurde durch den angenommenen Nutzen.

So gesehen erlebt man in solchen Situationen eine wahre Enttäuschung, indem wegfällt, was eh nur vorgetäuscht war und sich zeigt, was wirklich dahinter steckte. Enttäuschungen können insofern befreiend sein, indem sie einem deutlich zeigen, was wirklich Sache ist. Schade, treten sie oft erst dann ein, wenn die Täuschung schon zu gross war und man Folgen trägt, die man mit einer früheren Enttäuschung hätte vermeiden können. Tröstlich ist, dass mit jeder Enttäuschung die Erfahrung wächst und hilft, weitere Täuschungen zu vermeiden. Schade wäre es allerdings, aufgrund negativer Erfahrungen keine neuen mehr machen zu wollen, denn ab und an steckt wirklich drin, was vorne drauf steht.

Die Schweiz – so wunderbar neutral

Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Hier darf man alles sagen, alles denken, muss zu nichts Stellung beziehen und ist nie beteiligt, wenn etwas schief läuft. Schliesslich und endlich sind wir neutral. Wir haben mit nichts etwas zu tun, sind eine Insel inmitten des stürmischen Ozeans. Zwar liefern wir ab und an Mittel, die den einen oder andern helfen, dies aber völlig unabhängig und meist auf den eigenen Profit bedacht (wie löblich). Zwar stecken wir auch gerne Geld ein, von diesem und jenem; dies aber genauso unabhängig, da wir alles nehmen, was wir kriegen können und was uns nützt – egal von wem.

In der Schweiz darf man alles sagen und tun. Sogar einen Hitlergruss darf man machen.

Hand gen Himmel, sei gegrüsst.

Das ist nun sogar amtlich, nachdem das Bundesgericht einen entsprechenden Entscheid fällte. Niemand käme zu Schaden, niemand werde zu irgendwas aufgefordert, heisst es im Urteil. Wie tröstlich. Nationalsozialistisches Gedankengut fällt unter den Paragraphen der Meinungsäusserungsfreiheit. Ein Gut, das erst aufgrund der Vorkommnisse des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden Gräueltaten erkannt und geschützt wurde (vgl. die Uno-Konvention von 1948), wird nun aufgerufen, das zu rechtfertigen, gegen das es überhaupt erst ins Feld gerufen wurde. Wenn das kein Wahnwitz ist, dann weiss ich auch nicht. Aber wir sind ja neutral und beziehen keine Stellung. Also schweigen wir auch dazu.

Man dürfe die Meinungsäusserungsfreiheit nicht einschränken, heisst es. Drum dürfen wir auch über jeden Furz abstimmen. Sogar, wenn er gegen Grundrechte wie die freie Religionsausübung verstösst. Minarette können vom Volk abgelehnt werden, weil sie irgendwie fremd und Unwohlsein auslösend wirken. Klar. Kann man machen. Ausländer müssen reglementiert einwandern, weil das Boot eh schon voll sei. Irgendwoher kennt man den Spruch. Woher bloss? Nur nicht zu lange nachdenken, man könnte noch auf böse Gedanken kommen.

Dass man nun ungestraft den Hitlergruss machen kann, hilft nicht wirklich, die bösen Gedanken zu vertreiben. Neben dem hauptsächlichen Schweigen, wurden ein paar Stimmen laut, die das Bundesgerichtsurteil stützten, meinten, man könne die Meinungsäusserungsfreiheit nicht hoch genug achten und Mist gebaut hätte der, welcher die Handlung zur Anzeige gebracht hätte. Bloss: Selbst wenn das so sein sollte (man beachte den Konjunktiv, denn Stillschweigen und Wegsehen bei offensichtlichem Übel ist nicht wirklich meine Stellung zum Leben), kann es nicht angehen, dass ein Bundesgericht einen so gelagerten Fall auf diese Weise abhandelt und damit Tür und Tor öffnet für Vorfälle derselben Art, also quasi einen Präzedenzfall schafft.  Aber ich vergass, dass wir ja in der Schweiz sind, neutral und offen und frei: Alles kann, alles darf, niemand bezieht Stellung.

Und wenn die Schweizer nicht irgendwann aussterben, jodeln sie ewiglich weiter und leben fröhlich auf ihrer Insel.

 

Twitter, Facebook oder: Das ganz normale Leben

Ich sitze vor meinem Computer, der Browser ist offen, auf einem Reiter sieht man den kleinen blauen Vogel von Twitter, auf dem anderen das blaue Quadrat mit dem F drin. Ich wechsle hin und her, twittere mit den einen, klicke „gefällt mir“ bei den anderen, überlege mir sinnige Sprüche, stelle Lieder ins Netz, damit sie jemandem gefallen mögen, ich wahrgenommen werde im ganzen Wirrwar der Gleiches tuenden Menschen vor ihren Bildschirmen. Vor mir ziehen Timelines durch, vieles übersehe ich, was bei einerseits über 1000 Freunden, andererseits bei über 600 Verfolgten nicht ausbleibt. Wie muss es erst denen gehen, die ein Vielfaches von meinen Kontakten haben? Und was bedeuten diese Kontakte überhaupt? Habe ich so viele Freunde? Verfolge ich so viele Menschen? Schliesslich und endlich nehme ich nur einen Bruchteil von allem wahr, mit den wenigstens komme ich in einen wirklichen Diskurs.

Andere  haben 100e von Reaktionen auf ihre Beiträge, bei mir befindet sich die Zahl meist im einstelligen Bereich und ab und an nicht mal das. Was sagt das über mich aus? Bin ich uninteressant? Unbeliebt? Kein sozialer Mensch? Im sogenannt realen Leben habe ich auch wenig Freunde, da stört es mich nicht, da meine Zeit für mehr nicht reichen würde. Meine Geduld schon gar nicht. Ich mag es nicht, ständig Menschen um mich zu haben, bin gerne zu Hause und für mich. Dass ich dann am Computer sitze und mit Menschen in der weiten Welt in Kontakt zu treten versuche, hat dabei eine etwas skurrile Note.

Ich könnte mal ein Bild von meinem Computer auf Instagram stellen, geht es mir durch den Kopf. Damit man auch noch mit Bild sieht, was ich gerade mache. Nicht dass es speziell wichtig und interessant wäre, aber man stellt sich ja dar. Leben im Jahr 2014. Immer öffentlich, immer präsent. Kaum jemand, der sich diesen Medien entzieht. Böse Zungen behaupten, die Menschheit verarme, da sie nur noch zu Hause sitzt und kein reales Leben mehr hat. Ich bezweifle das. Ich habe über Twitter und Facebook einige tolle Menschen kennengelernt, die ich nun auch im realen Leben treffe. Wir gehen Kaffee trinken, plaudern, wandern, ins Kino, zum Essen. Natürlich bleibt es nicht aus, dass das Ganze über Twitter, Facebook und Instagram verbreitet wird, schliesslich ist man sich und den anderen das schuldig und endlich hat man über diese Kanäle überhaupt zu diesem Vergnügen gefunden. Wenn man sich dann im realen Leben trennt, schickt man via SMS – oder gleich über die öffentlichen Kanäle – noch ein Dankeschön hinterher, soviel muss sein.

Es fällt leichter, übers Internet zu sagen, was man denkt. Man ist anonymer, freier, kann sich hinter den Tasten und Bildschirmen verstecken. War man zu frech, kann man es als Missverständnis auf die Schriftlichkeit schieben, war man zu böse, kreiert man einen ebensolchen Charakter und bildet sich als Kunstprodukt, war man zu romantisch, lief man ins Messer, verlor man gar sein Gesicht, so war es immerhin nur das des Avatars, nicht zwingend das wirkliche. Man rettet sich dann in den Gedanken, dass einen da aussen eh kaum einer kennt, es also egal ist. Eigentlich. Trotzdem brodelt es im Innern. Genauso wie die mangelnden „gefällt mir“-Klicks und Favorisierungen.

Sind wir wirklich den technischen Errungenschaften ausgeliefert? Kinder des Social Media, die sich im wahren Leben kaum mehr zu bewegen wissen, wenn sie nicht in ein Gerät starren, sich nicht der grossen Öffentlichkeit darbieten können? Was treibt uns an? Das Gefühl, unscheinbar, zu klein zu sein, so dass wir mehr Aufmerksamkeit suchen? Das quasi anerkannte und akzeptierte ADHS der Erwachsenengeneration? Wenn dies geschrieben ist, wird es auf WordPress, Facebook und Twitter erscheinen, wird verbreitet werden und eventuell sogar gelesen. Wird man es mögen? Wird es gefallen? Wird jemand was dazu schreiben? Wozu schrieb ich es? Wieso? Weil ich es nicht anders kann? Ein Zwang? Das Streben nach Output, der beim Schreiben am grösseren Text oder gar Buch zu wenig schnell kommt, so dass ich mich in kleinen Texten ergiesse, die sofortige Reaktionen bringen, nicht erst Jahre des Schaffens bedingen, um irgendwann vielleicht genauso wenig gelesen zu werden? Twitter und Facebook also nur Ablenkungsmanöver von den grossen Dingen des Lebens, an die wir uns kaum ran wagen oder aber ab und an an ihnen verzweifeln?

Schliesslich und endlich ist Social Media das, was wir draus machen. Der Sog, den es entwickeln kann, nimmt mitunter suchtähnliche Züge an, man taucht ein in eine Welt, fühlt sich bald getrieben, immer auf dem neusten Stand sein zu müssen, da das Leben im Netz, in der eigenen Timeline, an einem vorbeirauscht, wenn man nicht hinschaut und man so etwas verpassen könnte. Es ist wie im Kindesalter, wenn man nicht ins Bett wollte, weil man dachte, all die spannenden Dinge im Leben passieren dann, wenn man nicht dabei ist. So zögerte man das ins Bett Gehen hinaus und hinaus. Genauso scrollt man sich in allen Lebenslagen durch die verschiedenen Timelines, schaut, wo wer was schrieb, antwortet kurz, egal, ob man gerade auf dem Klo oder beim Mittagessen mit Freunden sitzt. So viel Zeit muss sein, schliesslich spielt da das wahre Leben – zumindest ein Teil davon. Und es ist wahres Leben, auch wenn es virtuell ist. Wenigstens zum Teil.

Nun kann man diesen Teil – und das wird oft getan – mit moralischen und anderen Massstäben bewerten, sich darüber auslassen und alles verdammen. Schliesslich und endlich hat jedoch jede Generation ihre von der letzten Generation mit hochgezogener Augenbraue wahrgenommenen Auswüchse. Dies ist unserer, der nächste wird kommen. Wir werden dann immer noch in altangestammten Timelines scrollen, über die wiederum unsere Nachgeboren die Nase rümpfen ob ihrer Antiquiertheit, während diese schon viel weiter sind. Man darf gespannt sein.

Stockhorn – 25. Mai 2014

DSCF0036Heute führte die Wanderung in meine Heimat, verbrachte ich doch die schönste Zeit meiner Kindheit im wunderbaren Berner Oberland, genauer im Diemtigtal – mit Ausflügen ins Simmental. Seit ich denken kann, habe ich einen Kraftberg, einen Berg, der mir was bedeutet, an den ich Erinnerungen habe, der mir Mut macht, wenn ich ihn sehe, den ich lange vom Wohnzimmerfenster her sah und den ich als Kind jährlich mindestens einmal bestieg.

DSCF0041DSCF0043Um 10 Uhr landeten wir am Bahnhof Erlenbach und liefen zur Talstation der Stockhornbahn hoch. Nicht mehr ganz früh dran, waren wir nicht alleine. Aus Zeitgründen fuhren wir mit der Seilbahn bis zur Mittelstation. Sehr willkommen war die Gepäckannahme der Bahn, so dass wir nicht mit Rollkoffer den Berg hinauf kraxeln mussten. Da der Gepäckraum nicht wirklich bewacht (eigentlich gar nicht) war, blieb der Kitzel, ob wir unten angekommen unser Gepäck wiederfinden würden. Die Fahrt hinauf war wunderbar und eng – wie wohl immer an schönen Tagen. Bald schon sah ich auf der gegenüberliegenden Hangseite das Diemtigbergli, in dem ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, wo ich Ski fahren lernte und einfach zu Hause war. Die Seilbahn landete im Chrindi, der Mittelstation. Aus dem Gebäude getreten eröffnete sich schon der Blick auf den Hinterstockensee – wunderbar zum Fischen und einfach malerisch gelegen. Vor uns steil empor das Stockhorn – des Berges zweiter Teil. Wir marschierten los, leider war der eine Weg noch geschlossen wegen Schnee, so dass wir den Touristenweg wählen mussten. Schnell war ein rhythmischer Tritt gefunden und so ging der Aufstieg flott, er floss förmlich. Heute waren die Gedanken frei, einer Meditation gleich flogen sie dahin, ohne irgendwo anzustehen, einfach im Fluss.

Mit jedem Schritt erweiterte sich auch hier das Panorama. Kindheitserinnerungen kamen auf, wie oft war ich diesen Weg gegangen, teilweise vom Diemtigbergli runter, Stockhorn rauf, runter, wieder zum Bergli rauf. Eine Kindheitsepisode kam mir in den Sinn. Ich war schon den ganzen Hang vom Bergli runtergelaufen, nun wieder auf halbem Weg bis zur Mittelstation rauf, da zog über unserm Kopf die Seilbahn durch, Kinder winkten runter. Empört sagte ich zu meinem Vater: „Wenn ich mal Kinder habe, frage ich die, ob sie fahren oder laufen wollen.“ Mein Vater, der nun nicht wirklich ein Unmensch war ( alles andere) sagte bei der Ankunft an der Mittelstation zu mir: „Schau, hier können wir noch bis zum Gipfel fahren. Magst du?“ Trotzig sagte das Kind (also ich): „Nun bin ich bis dahin gelaufen, nun lauf ich auch noch den Rest.“ Sagte es und lief hoch, wieder runter und die andere Seite wieder hoch. Der Trotz, gemischt mit Ehrgeiz, geht mir wohl heute noch nach.

DSCF0060Nach kurzer Zeit schon war es leider mit der Stille der Berge vorbei. War ich bislang sehr happy, einen Wandergenossen gefunden zu haben, der genauso wie ich schweigend Berge hoch läuft, trafen wir alle paar Meter auf Turnschuhtouristen, die den Berg mit der Bahn hochgefahren waren und nun eifrig plappernd runterliefen. Das trübte das Bergerlebnis ein wenig, hatte ich es doch aus der Zeit vor 30 Jahren (Zahl bitte sofort wieder vergessen) ruhiger in Erinnerung. Nichts desto trotz entschädigte  das Panorama von Meter zu Meter. Eiger, Mönch und Jungfrau, Blüemlisalp, Finsterarhorn – alle zeigten sie sich immer mehr. Erlenbach weit unten im Tal wurde zur Spielzeugeisenbahnlandschaft.

DSCF0063Vorbei an der Oberstockenalp, welche übrigens im Sommer wunderbare Wanderbauernplatten mit leckerem Käse und Hobelfleisch serviert, die kühlenden Getränke nicht zu vergessen, ging der Weg weiter bis zum Gipfel, welcher um die Mittagszeit an einem Sonntag natürlich gut bevölkert war.

 

 

DSCF0076Schnell ein Gipfelfoto geschossen, den Blick in die Weite über Thun bis nach Bern (dieses Mal im Dunst, sonst gut sichtbar) genossen, machten wir uns an den Abstieg, um ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Wir fanden es am Vorderstockensee, wo nicht alle Turnschuhtouristen hinkamen. Von da führte unser Weg über sehr steile Bergwanderwege zuerst nochmals hinauf, dann hinunter, die Knie begannen zu schlottern, aber die Ruhe war herrlich.

DSCF0084Anfangs noch ein wenig grummlig, weil meine Kindheitserinnerung nicht mehr ganz so idyllisch war, wie gedacht, weil ich an einer noch nicht ganz abgeheilten Verletzung litt, der Zeitdruck spürbar wurde, ich musste nach Hause, und Selbstzweifel dem Ganzen die Krone aufsetzten, kehrte schon bald ein wohliges Gefühl zurück: Der Weg war gut ausgeschildert, menschenleer, die Gedanken und der Schritt flossen wieder dahin und die Welt war in Ordnung. Nach 5 Stunden und 45 Minuten Wanderzeit kamen wir bei der Talstation an, wo wir unser noch vorhandenes Gepäck aufgriffen, zum Bahnhof pilgerten und die Heimreise antraten. Im Kopf schon beim Fahren das Lied im Kopf „Ich han Heimweh nach de Berge…..“. Einmal Bergkind, immer Bergkind. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meinem wunderbaren Wanderbegleiter, der sich als Einzelbergwanderer in dieses Tourigewimmel stürzte für mich und mich aus meinen zeitweilig trüben Gedanken riss. Es war wunderbar.

 

Fazit:

Von unten hoch und wieder runter ist das Stockhorn eine Herausforderung für die Ausdauer, da es mitunter sehr steil ist, was beim Weg hinunter (vor allem ab dem Chrindi) in die Knie geht. Wer andere Leute beim Wandern liebt, kann getrost hinaufsteigen, wer die Stille der Berge sucht, sollte den „üblichen“ Weg meiden und andere Routen wählen oder aber unter der Woche hinaufsteigen, wenn es deutlich ruhiger ist. Der Ausblick vom Gipfel ist wundervoll, den kann ich jedem nur ans Herz legen.

 

 

Wasserngrat – 24. Mai 2014

DSCF0003DSCF0017Der Weg startete in Gstaad, zuerst noch harmlos am Bach entlang, durch ein lauschiges Wäldchen, später dann an Bauernhöfen und Chalets vorbei. Bald wurden die Häuser weniger, die Wiesen grüner, vor uns lag der steile Hang. Forschen Schrittes stiegen wir auf, bis wir merkten, dass der verfolgte Weg nicht dem auf der Karte verzeichneten Weg entsprach, worauf wir beschlossen, das Bord gerade hinauf zu kraxeln. Schnell hatte ich meinen Rhythmus gefunden und damit floss der Aufstieg wie von selber.


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Die Gedanken folgten ihm, ich sinnierte über die Zeit. Fragte mich, ob alles seine Zeit habe im Leben (und auch sonst), ob Zeit wirklich Rat bringt oder man ihn sich selber beschaffen muss. Zeit ist grundsätzlich gegeben, wir haben sie und sie fliesst gemächlich dahin. Ab und an wollen wir sie anhalten, dann wieder beschleunigen, wir klagen über Dinge, die unsere Zeit stehlen und verschwenden sie an anderen Ecken und Enden. Haben zu wenig davon und doch dauert manches zu lange, weil zu viel Zeit bis zum Ersehnten liegt. Wenn wir keine Zeit haben – wer hat sie dann? Wenn wir uns Zeit lassen – fliesst sie dann langsamer? Wenn die Zeit vergeht – wo geht sie hin?

DSCF0021 Und mit diesen Gedanken im Kopf stieg ich Meter für Meter den Berg hinauf, nicht ohne immer wieder den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und die wunderbare Aussicht zu geniessen. Irgendwann landeten wir bei der stillgelegten Bergstation des Lifts, das Bergrestaurant war geschlossen und wir hatten die Terrasse für uns. Ich genoss ein Sonnenbad auf einer Holzbank, welches wohl für meinen doch sehr ausgeprägt roten Kopf verantwortlich gewesen sein dürfte. Das Panorama vom Wasserngrat ist bombastisch. Gstaad, Saanen – alle liegen sie ganz klein unten im Tal, mitten in stolz sich erhebenden Bergen, die noch mit Schnee bedeckt sind. Es klingt kitschig zu sagen, dass die Weite des Blicks Herz und Geist sich weiten lässt, aber genau so fühlte es sich an.

DSCF0031 Wir packten unsere sieben Sachen und stiegen weiter hoch. Es folgten Schneefelder und mörderisch rutschige und steile Hänge. Wegweiser waren nicht zu finden, die lagen wohl unter Schneedecken, das einzige, was zu lesen war, war eine Absturz- und Todesnachricht eines an dieser Stelle Verunglückten. Wir beschlossen, dies nicht zu wagen, kehrten um und wanderten wieder ins Tal runter. Der Abstieg führte zuerst wieder über die mit Krokussen übersäten Wiesen, später stiessen wir dann auf den Weg, welchem wir zurück nach Gstaad folgten.

Im Bernerhof (übrigens als Wanderhotel sehr zu empfehlen, stellt es doch am Morgen Reiseproviant für hungrige Wanderer zur Verfügung, ist zentral beim Bahnhof gelegen und überzeugt durch sehr nettes und zuvorkommendes Personal, einladende Zimmer und vieles mehr) in Gstaad gelandet, genossen wir, in die Lounge gelümmelt, eine eiskalte Erfrischung und liessen den wunderbaren Tag nochmals Revue passieren.

 

Fazit:
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Eine wunderbare Wanderung, nicht wirklich schwierig, von Gstaad bis zur Bergstation und zurück in 3,5 Stunden gut machbar – flinke Wanderer schaffen es wohl schneller. Das Bergpanorama ist eine Wucht, die Gegend wunderbar. Absolut empfehlenswert.

Michael Herzig – Nachgefragt

Michael Herzig

herzigmichaelMichael Herzig wird1965 in Bern geboren. Nach der Matur arbeitet er als Musikjournalist und Schallplattenverkäufer, träumt von einem Leben als Rockstar – ein Traum, der nicht in Erfüllung geht. 1998 bis 2014 arbeitet Michael Herzig im Sozialbereich und leitet u.a. niederschwellige, sozialmedizinische Einrichtungen für Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Kranke, Langzeitarbeitslose und Sexarbeiterinnen. 2007 veröffentlicht Michael Herzig seinen ersten Kriminalroman, danach folgen Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften sowie weitere Krimis. Für Töte deinen Nächsten erhält er die mit 10’000 Franken dotierte Zürcher Auszeichnung für herausragende literarische Neuerscheinungen. Im Grafit Verlag Dortmund sind von Michael Herzig bislang vier Romane mit der ebenso eigenwilligen wie leidenschaftlichen Stadtpolizistin Johanna di Napoli erschienen: Saubere Wäsche (2007), Die Stunde der Töchter (2009), Töte deinen Nächsten (2012), Frauen hassen (2014). Michael Herzig lebt in Zürich.

Michael Herzig hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin jemand mit vielen Interessen und arbeite sowohl gerne strukturiert betriebswirtschaftlich als auch kreativ chaotisch. Darum gehe ich diversen Beschäftigungen nach.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Damals habe ich vor allem amerikanische und französische Autoren der fünfziger bis siebziger Jahre verschlungen, die Beat Generation und die Existentialisten beispielsweise. Zusammen mit Punkrock hat mich das animiert, düstere und gewalttätige Kurzgeschichten zu schreiben. Einige dieser Texte habe ich 20 Jahre später in meine Krimis eingebaut.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

So simpel es klingt: mein Deutschlehrer war eine wichtige Motivationsquelle. Nach der Schule habe ich journalistische Erfahrung gesammelt und später in einer Weiterbildung die PR-Schreibe erlernt. Nur kreatives Schreiben habe ich nie gelernt. Mein Rezept: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich beginne strukturiert und höre chaotisch auf. Am Anfang steht eine Idee, anschliessend folgen in einem iterativen Prozess Recherche, Figuren und Plot. Beim Schreiben kommen mir dann meistens bessere Ideen, weshalb ich dreiviertel der Vorbereitung wieder über den Haufen werfe.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten unter einem Baum in einem blumigen Garten. Aber es geht auch im Zug oder in einem Wartezimmer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wie andere auch: mit Lesen, Musik, gutem Essen, Liebe oder was auch immer.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Für mich ist Autor kein Status, an dem ich hänge. Ich schreibe, weil ich den kreativen Prozess liebe. Das Drum und Dran interessiert mich weniger. Aber stehe ich natürlich vor demselben Berg, wie alle anderen auch.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe vor allem mit dem Grafit Verlag in Dortmund zu tun, der mir keinen Grund gibt, zu jammern. Aber ich kriege schon mit, wie die Verlage kämpfen. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch härter werden.

Sie wohnen in der Schweiz, ihre Romane spielen hauptsächlich an Schweizer Schauplätzen (mit Einsätzen im Ausland), die Figuren sind Schweizer. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Es ist ein kleiner Markt, in dem nur extrem wenige Autorinnen und Autoren vom Schreiben leben können. Darum bin ich froh, dass ich einen deutschen Verlag habe. In der Liga, in der ich spiele, würde ich sonst ausserhalb der Schweiz kaum wahrgenommen, vielleicht nicht einmal ausserhalb Zürichs.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von gesellschaftlichen und politischen Themen leiten, z.B. habe ich in „Töte deinen Nächsten“ die schweizerische Deutschenfeindlichkeit in einen Krimiplot gepackt und in der Kurzgeschichte „Tschingg“ die italienische Immigration in die Innerschweiz der Siebzigerjahre. Schreiben ist meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, bloss für die Galerie mache ich das nicht.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Herzig steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist immer eine Frage der Selbstreflexion. Aus der Verarbeitung eigener Erfahrungen ist schon manches spannende Buch entstanden. Fehlende Distanz des Autoren oder der Autorin zu sich selbst endet in narzisstischer Selbstdarstellung, was selten interessant ist und häufig bloss peinlich.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist ein soziologisches Interesse: Wenn Verbrechen geschehen, funktionieren die Gesellschaft schlecht. Diese Disfunktionalitäten sind spannend und die kann man mit Krimis wunderbar ausleuchten.

Frauen hassen spielt in der Rockerszene, des weiteren sind sie sehr nah an ihren Figuren dran – diese nehmen einen grossen Platz ein im Buch -, schildern die Atmosphäre im Polizeidienst. Wie recherchieren sie in den einzelnen Umfeldern?

Die Polizei kenne ich aus eigener beruflichen Erfahrung, andere Milieus recherchiere ich vor allem über Videos im Internet und wenn möglich über teilnehmende Beobachtung. Da ich sehr visuell funktioniere, bevorzuge ich Filme als Informationsquelle einem Buch oder Artikel. Nur bei den Rockern war das anders, da war ein wichtiger Teil meiner Recherche die Lektüre eines amerikanischen Ermittlers, der die Hells Angels unterwandert hat.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jede öffentliche Äusserung ist letztlich politisch. Die Frage ist bloss, wie bewusst ein Autor oder eine Autorin sich dessen ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo und Esprit. Wenn die Form überzeugt, finde ich die Geschichte zwar nicht irrelevant, aber doch weniger wichtig.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ian Rankin, A.L. Kennedy, Sarah Gran, Cormac McCarthy, Charles Bukowski, Friedrich Glauser

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sorry, da muss ich passen. Ich bin selbst noch viel zu unerfahren, als dass ich anderen Tipps geben kann. Höchstens: Leidenschaft muss der Antrieb sein und Herzblut das Benzin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Du bist

Du siehst,
was ich bin
wenn die Maske fällt.

Du fühlst,
wo ich ansteh’,
wenn ich weitergeh’.

Du stützt,
wenn ich stark bin,
ohne es zu sein.

Du fängst,
wenn ich springe,
um zu fallen.

Du hörst,
was ich nicht sage,
nur fühle.

Du verstehst,
was du mir bist,
und bist es.

Weinfreuden

10152405_10202465066121293_7551675068753514742_nHeute hatte ich das Glück, eine wunderbare Degustation besuchen zu dürfen. Ich liebe Wein seit langem, verstehe nichts davon, weiss aber, was mir schmeckt und wenn er schmeckt, ist Wein der Himmel auf Erden. Es geht nicht um Alkohol und Besäufnis, es geht um Geschmack, um eine Bandbreite von Süssen und Säuren, von Früchten, Tiefe, Erde, Holz, Charakter. Es ist eine eigene Welt und diese eröffnet wiederum eine Welt in dir. Wein mit Genuss getrunken lädt dich ein, Genuss pur zu erkunden, zu erkennen, zu erleben. Er lässt dich dazu dich selber entdecken, indem er Dinge freilegt, die in dir angelegt sind, schlummern, nicht durch kommen, weil sie von selbst gebauten Mauern umschlossen sind, gehemmt, nicht zugelassen vom inneren Zensor.

Hier sitze ich nun und bin gar kein armer Tor mehr wie Goethes Faust. Ich spüre Glück und Freude, sehe mein Leben und es ist schön. Sehe die Poesie in den Dingen und sehe die Farben der Welt. Und ich weiss, die dunklen gehören dazu wie die momentan vorherrschenden bunten – und das ist gut, denn ich bin sicher, ich werde auch sie bezwingen, denn die bunten, guten, wunderbaren sind so viel stärker. Und das nicht nur des Weines wegen, dieser lässt sie vielleicht noch ein wenig bunter leuchten, kann aber nichts erschaffen, was nicht schon da war.

Und aus dem Nichts kommt mir eines meiner Lieblingsgedichte in den Sinn:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang. (Rilke)

Mein Gedanke dazu ist nur:

 Es liegt Poesie im Wein,
im ganzen Leben.
Man muss sie erkennen,
man muss sie leben.

In diesem Sinne – es wird noch was gehen. Und davon ganz viel. Zu finden sein wird es hier: Philovinum

Bumerangs Abgesang

Es war einmal ein Bumerang

der flog so manche Strecke lang

und kehrte wieder, noch und noch

dahin, woher er einst auch flog.

Doch als das Wetter mal war trübe,

traf er seines Werfers Rübe,

was demselben nicht gefiel

– und hier endet dieses Spiel.

„Das war’s mit uns, du dummes Stück,

ich will dich nimmer mehr zurück.“

Sprach’s und holte ganz weit aus,

warf ihn in die Welt hinaus.

Daraus sieht man sonnenklar,

dass die Rübe matschig war.

Allen Leuten recht getan

Es gibt Menschen, denen wirst du es nie recht machen können im Leben. Egal, was du machst, sie werden etwas finden, woran sie dich aufhängen können. Selbst wenn du das tust, was sie bei deinem letzten Fehler vorschlugen, wird es nicht gut sein, weil dann etwas anderes plötzlich noch besser wäre. Und so rennst du ständig einer unerreichbaren Bestätigung hinterher, vergisst dabei fast, was du selber gerne möchtest, nur um andern zu genügen.

Wozu? Es ist absolut sinnlos. Wenn man erst einmal bemerkt hat, dass man es gewissen Menschen – wieso auch immer – nie recht machen kann, kann man auch genauso gut das tun, was man selber will, denn dann hat man es immerhin jemandem recht gemacht: Sich selber.

Peter Beck – Nachgefragt

Peter Beck

BeckPeterPeter Beck wurde 1966 geboren und studierte in Bern Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Er trägt im Judo den schwarzen Gürtel, war Geschäftsleitungsmitglied eines Großunternehmens und in mehreren Verwaltungsräten. Heute ist Peter Beck sein eigener Chef und unterstützt Organisationen bei der Gestaltung der Unternehmenskultur.

Mehr zu Peter Beck unter www.peter-beck.net

Peter Beck hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinem Roman Söldner des Geldes zu beantworten.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Meine Biographie ist ziemlich langweilig. Auf die Welt gekommen bin ich 1966 in Bern und soweit ich mich erinnern kann, hatte ich eine glückliche Kindheit.

Dann studierte ich Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Dort lernte ich auch meine Lebenspartnerin kennen. Anschliessend arbeitete ich für ein grosses Unternehmen, war dort in der Geschäftsleitung und in mehreren Verwaltungsräten.

Heute geniesse ich es, mein eigener Chef zu sein. Wir unterstützten Organisationen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung ihrer Unternehmenskultur.

Daneben versuche ich regelmässig Sport zu machen und in spannenden Ländern zu reisen. Die meisten Handlungsorte meines ersten Thrillers Söldner des Geldes habe ich selber bereist.

 

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schreiben tue ich schon seit der Kindheit gerne und es ist mir eigentlich immer leicht gefallen. Söldner des Geldes war ein persönliches Projekt, das ich zwischen meiner Anstellung und meiner Selbständigkeit umsetzen konnte. Solche Gelegenheiten muss man packen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich hatte immer gute Lehrer, aber zu einem Schreibkurs bin ich bis jetzt nicht gekommen. Für mich ist Schreiben tatsächlich vor allem Handwerk. Mit jedem Satz schlägt man einen Nagel ein. Anfangs hat man einen rohen Entwurf, überarbeitet diesen immer wieder und macht den Satz, den Text mit jedem Schritt ein bisschen besser. Hoffentlich!

 

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Der Weg beim Schreiben ist bei mir sicher nicht linear, sondern ziemlich verschlungen. Der Geist ist schliesslich frei.

Für Söldner des Geldes hatte ich die grobe Idee und einige Schlüsselszenen im Kopf. Dann habe ich angefangen die Geschichte abzuarbeiten, hier ein wenig ausgeschmückt, dort eine falsche Spur gelegt, schweren Herzen ein paar Kapitel gestrichen.

Die knapp 500 Seiten des Thrillers habe ich dann mehrmals vollständig durchgeknetet. Am schwierigsten war das Streichen liebgewordener aber unnötiger Stellen. Mein oberstes Gebot war und ist die Spannung für den Leser hoch zu halten, schliesslich bezahlt er für die Lektüre.

 

Wann und wo schreiben Sie?

Am besten schreibt es sich für mich am Morgen an meinem Pult. Dann ist es ruhig, der Kopf noch frei, und ich kann der Fantasie freien Lauf lassen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Abschalten tue ich am besten beim Sport oder in der Badewanne. Aber natürlich halte ich die Augen und Ohren immer offen und sammle Eindrücke, Ideen, Satzfetzen. So tauchen einige meiner Erfahrungen in Söldner des Geldes wieder auf. Für einen Thrillerautor liegen die Nuggets praktisch auf der Strasse, man muss nur hinschauen.

 

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist einfach ein schönes Gefühl, Söldner des Geldes in so vielen Buchhandlungen und Bibliotheken zu sehen. Zum Glück bin ich nicht nur Thrillerautor, sondern auch Partner, Sohn, Sportler, Firmeninhaber, Reisender, etc. Ich darf zum Glück ganz verschiedene Projekte machen. Der Autor in mir hätte gerne mehr Zeit, muss sich aber öfters gedulden.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritische und anklagende Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Der etablierte Emons-Verlag in Köln, der meinen Thriller verlegt hat, arbeitet sehr professionell, ist aber auch ein sehr persönlicher Verlag. So bekomme ich zum Beispiel auf Fragen per e-Mail innert Kürze eine Antwort. Und bei den Diskussionen um die Titelei (Cover, Titel, Rückseite) wurde ich immer mit einbezogen. Ich bin Emons jedenfalls sehr dankbar für die Unterstützung.

 

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben in Ihrem Roman Söldner des Geldes über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Söldner des Geldes ist in erster Linie ein internationaler Thriller und spielt – neben den Schauplätzen in der Schweiz – auch in Ägypten, Norwegen und Amerika. Persönlich bin ich glücklich Schweizer zu sein. Aber als frischer, deutschsprachiger Autor spielt die Nationalität keine grosse Rolle. Meine Verkaufszahlen zeigen, dass sich Söldner des Geldes auch in Deutschland und Österreich verkauft. Und ich hoffe, dass es bald auch eine Englische und Französische Übersetzung gibt. Auch bin ich Mitglied der Amerikanischen ITW (International Thriller Writer Association) und des Syndikates, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. So lese ich Ende Mai in Nürnberg an der Criminale, dem grössten Krimifestival Europas, aus Söldner des Geldes.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Exzellente Frage, aber unmöglich zu beantworten, denn ich weiss nicht, wo meine Ideen letztendlich her kommen. Ich versuche mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und schnappe überall Sachen auf. Es ist wie ein grosses Puzzle, das sich in meinem Kopf zusammensetzt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Peter Beck steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Auch das weiss ich nicht genau. Sicher sind meine Erfahrungen in Söldner des Geldes eingeflossen: Orte, an denen ich war. Bei den Kampfszenen habe ich von meinen Erfahrungen als Judoka gezehrt. Und wahrscheinlich steckt in allen Figuren auch ein bisschen von mir. Aber ich gestalte meine Charaktere in erste Linie nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Bestenfalls lehne ich mich an real existierende Personen an, mische diese miteinander, bis es für die Geschichte stimmt.

 

Wieso schreiben Sie Thriller? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Tatsächlich schreibe ich, was ich gerne selber lese: Rasante und intelligente Unterhaltung zum Abschalten in der Badewanne oder am Strand. Es ging mir beim Schreiben von Söldner des Geldes nie darum, irgend etwas auszuleben. Ich will einfach spannende Thriller schreiben und meine Leser damit so gut wie möglich unterhalten.

 

Ihr Thriller bewegt sich in der Wirtschaftswelt, thematisiert das Bankenwesen, Datenspionage und internationale Intrigen. Was reizt Sie an dieser Thematik?

Tom Winter, der Held von Söldner des Geldes ist Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank. Ich wollte eine unverbrauchte Hauptfigur, nicht irgendeinen schlapphütigen Inspektor oder einen versoffenen Privatdetektiv.

Winters Bank hat Kunden auf der ganzen Welt. Als Autor kann ich ihn deshalb überall hin schicken. Das macht Spass. Da ist Tom Winter fast so frei wie Jack Reacher, der Held von Lee Child. Die Themen „Geld“, „NSA“, etc. leiteten sich dann fast automatisch daraus ab. Und praktischerweise gibt es in der Finanzwelt ja viele Bösewichte.

 

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jeder Mensch hat eine politische Verantwortung. Wir stimmen nicht nur an der Urne, sondern täglich zum Beispiel bei der Wahl der eingekauften Produkte oder unseres Verkehrsmittels ab. Davon sind Autoren natürlich nicht ausgenommen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine spannende Geschichte und faszinierende Figuren. Ein gutes Buch muss mich packen und schwingt auch nach dem Fertiglesen noch nach. Aber zum Glück gibt es dafür keine Formel.

 

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich kann mich an die „Rote Zora“ und die Serie „Drei Fragezeichen“ erinnern. In der Primarschule hatte ich eine tolle Bibliothekarin, Frau Zürcher, die mich mit Stoff versorgte.

Als Jugendlicher habe ich dann alle Maigrets von Simenon verschlungen. Bei den Thrillern ist le Carré mein Lieblingsautor. Der lebte übrigens selber einmal in Bern und hat einige Szenen hier angesiedelt.

Dann habe ich natürlich all die üblichen Verdächtigen gelesen: Lee Child, John Grisham, Ian Rankin, Denise Mina oder Mark Gimenez und Stuart MacBride. Aber auch die Nordländer inspirieren mich: Mankell, Stieg Larsson, Adler Olsen und Jo Nesbo. Ich lese viel auf Englisch aber mit Söldner des Geldes kann man einmal einen Schweizer Thriller im Original lesen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich bin kein Fan von Listen oder Ratgebern, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber ich kann sagen, was mir geholfen hat:

Erstens: Just do it! Die Idee, das Bild, der Dialog nützt im Kopf wenig und muss aufs Papier. Am Anfang ist es nie perfekt, aber es ist ein Anfang.

Zweitens: Nicht aufgeben! Ein Buch zu schreiben ist – ausser man ist ein Genie – zu 99% Schweiss, harte Arbeit und nur zu 1% Inspiration.

Drittens: Gut zuhören! Ich habe Söldner des Geldes vielen Testlesern gegeben und sie um ehrliches und hartes Feedback gebeten. Das war nicht immer leicht, aber hat mir geholfen, den Thriller besser, dichter, rasanter zu machen.

Viertens: Habe Spass! Ein schöner Satz, ein cooler Spruch, ein gelungener Cliffhanger macht Spass und erfüllt mich mit Stolz – und motiviert mich dran zu bleiben (siehe oben…;-)

Fünftes: Vertraue auf Dein Glück! Es gibt tausende von Autoren und letztendlich braucht es immer eine rechte Portion Glück. Es gibt einen abgewandelten Bibelspruch, der einen wahren Kern hat: „Gott gib mir Kaffee, um die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und Wein, um das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann…“

Ich möchte mich bei Peter Beck für diese ausführlichen und interessanten Antworten bedanken, die einen  tollen Einblick in sein Schreiben sowie in sein Leben gewähren!