Das Leben ist eine Einbahnstrasse

Wir gehen durchs Leben und hören immer wieder: Alles ist möglich. Du musst es nur wollen. Wenn man mal zaudert und zögert, wird man mit der Frage konfrontiert: „Was willst du?“ Oft weiss man besser, was man nicht will, als was man will. Und wenn man weiss, was man will, ist das eher so eine Vorstellung, zu der ein Weg führt, der genauso schwammig ist, wie die Vorstellung selber, da es nur eine Vorstellung sein kann, sonst wäre es ja – und man wäre ziellos. Und: Wer kein Ziel hat, hat keinen Plan, der ist planlos. Und wer planlos ist, weiss nicht, was er will.

Ist alles möglich? Grundsätzlich wohl schon, ob individuell und aktuell und immer und überall? Das wage ich zu bezweifeln. In all den Fragen des Wollens und des Möglichen steckt immer auch die Frage des freien Willens drin. Ob es ihn gibt oder nicht, ist Streitfrage. Philosophen und Neurowissenschaftler schlagen sich Argumente dafür und dagegen um die Ohren. Ich denke, dass sie es grundlos tun, denn: Es kommt schlicht nicht drauf an.

Ich sehe die grossen Augen, die zu Berge stehenden Haare schon vor mir, drum erkläre ich mich:

Wer bestreitet, dass es einen eigenen Willen gibt, der steht dafür ein, dass wir als Wesen determiniert sind (A). Wir funktionieren nach unseren Anlagen, irgendwelche Synapsen bilden sich und lassen unser Hirn in einer Weise funktionieren, die dann unser Tun (und die dafür notwendigen Entscheidungen) steuert (man verzeihe mir die stark vereinfachte und abgekürzte Erklärung). Wer für den freien Willen eine Lanze bricht, der sagt, dass wir immer eine Wahl haben, egal, wie die Synapsen liegen. Wir können entscheiden, ob wir etwas wollen und tun oder nicht (B). Und schlussendlich gibt es noch die in der Mitte, die sagen, dass wir nicht entscheiden, was wir wollen, aber immerhin, was wir tun (C).

So weit, so gut. Wieso also kommt es nicht drauf an, in welchem Lager man steht? Ich mache ein (fiktives!!) Beispiel.

 Wir haben mich und eine Flasche Wein.

Nach (A) wären irgendwelche Synapsen dafür verantwortlich, ob ich die Flasche trinke oder stehen lasse. Diese Synapsen wären durch meine Erfahrungen, Kultur, Veranlagungen, genetischen Grundlagen, etc. zustande gekommen.

Nach (B) könnte ich mich entscheiden, ob ich trinken will und es auch tue, ob ich trinken will und es nicht tue oder ob ich nicht trinken will und es auch nicht tue (und der Vollständigkeit halber auch noch nicht trinken wollen – so wirklich – und es trotzdem tun).

Nach (C) könnte ich trinken wollen und es doch nicht tun, weil es ja ach so gesund ist, es nicht zu tun und ich schliesslich gesund leben und sterben – oder eben gerade nicht (also sterben) – will.

Nur: Schlussendlich kann ich so oder so nur das eine tun. Und werde nie wissen, was das andere gebracht hätte. Ist es wirklich so relevant, ob ich das nun ganz frei gewollt habe oder eine Einschränkung des Willens (bis hin zu seiner Negierung) bestand? Strafrechtlich ja, wenn man den Willen als strafnormbestimmend ansieht (wenn man das Recht mehr als Schutz der Gesellschaft ansähe und Strafen damit präventiven Charakter hätten, wäre es auch da nicht wichtig, aber das würde nun hier und jetzt zu weit gehen und darum sollen sich bitte die Juristen kümmern, ich bin nur für die philosophischen Gedanken zuständig). Ansonsten? Das Leben nimmt seinen Lauf. Und man hat seine Anlagen. Und Prägungen. Bewusst. Unbewusst. Sonst wie – die Psychologie bleibt ja auch nicht stehen mit ihren Begriffen und Diagnosen.

Schlussendlich haben wir dieses eine Leben und gehen hindurch. Jede Entscheidung ist eine für etwas und damit eine gegen etwas. Ob frei gefällt oder irgendwie „erzwungen“ – wir müssen sie leben. Und weiter gehen. Ein Zurück gibt es nie. Drum ist das Leben so oder so immer eine Einbahnstrasse. Es geht immer nur vorwärts, nie zurück. Selbst wenn wir voll determiniert wären, ohne jegliches eigenes Zutun, wäre ja jeder positive Gedanke ein Schritt in die richtige Richtung. Denn: Synapsen gehen den Weg des geringsten Widerstandes (sehr abgekürzt formuliert). Und wenn wir was mitbestimmen können: Umso mehr! Es gibt nur das eine Leben. Leben wir’s! Und ab und an weiss man nicht wie. Aber eines ist sicher: Es geht immer nur vorwärts.

Die Moral von der Geschicht?

19 Gedanken zu “Das Leben ist eine Einbahnstrasse

    • A kam vor allem mit der modernen Hirnforschung auf. Mit bildgebenden Verfahren und entsprechenden Experimenten versuchte man herauszufinden, welche Regionen aktiv sind bei Entscheidungen und auch, wie diese zustande kommen. Allerdings sind die Auswertungen eher Interpretationen als wirkliche Beweise.

      Trotzdem viele wohl die Verantwortung für ihr Tun gerne abgeben würden, so ist die Vorstellung, nicht dafür verantwortlich zu sein, kein eigentliches „Ich“ zu besitzen, das steuert, für die meisten doch nicht so prickelnd.

      Gefällt 2 Personen

    • Ich denke eher, dass A sich auf unbewußte Handlungen beziehen könnte, wie auch jeder sich manchmal nach einer getroffenen Entscheidung fragt, wie er gerade darauf gekommen ist. Das nimmt einem nicht die Verantwortung ab, aber es erklärt maches Tun, das nicht auf den ersten Blick logisch erscheint. Es ist ohnehin schwierig genuge selbst sein ganzes Sein von außen zu betrachten.

      Gefällt 1 Person

  1. Ich kenne das Thema bruchstueckhaft, dahingehend, dass vor Entscheidungen schon diverse Millisekunden vorher Bewegung in Richtung der getroffenen Entscheidung im Gehirn geschieht. Fuer mich ist eine gut gefuehlte und durchdachte Entscheidung eine Art Spiegelbild einer synchronen Zwillingsinstanz, die , daneben und mit dem Denken zusammen, wirkt.
    Es ist vielleicht aehnlich wie das ploetzlich instinktive Versehen einer Wahrheit, die man dann auch sofort ueberzeugend in Worte fassen kann. Allerdings transportieren die gefundenen Worte nur fuer einen selbst den Kern des vorher Verstandenen. Das zeigt sich auch darin, dass die gleichen Worte vielleicht Jahre zuvor nichts fuer einen selbst transportierten.

    Sprache kam ja entwicklungsgeschichtlich sehr spaet. Das ist auch zu bedenken.

    Naja, weiss nicht, ob das alles jetzt hilfreich war.

    Gefällt 2 Personen

    • Das würde dahin deuten, dass die Impulse und Instinkte dem Denken einen Schritt voraus sind, dieses aber doch selbständig stattfinden kann? Die Frage ist, ob das auch gilt, wenn man sich Zeit nehmen kann oder nur, wenn man eben unter Druck (der ein Experiment immer auch ist) steht.

      Gefällt 1 Person

      • Das muessten Wissenschaftler beantworten.

        Ich denke, aufgrund anderer Leseerfahrungen in Biologie, dass es grundsaetzlich unterschiedliche Generierungen von Entscheidungen geben kann…und muss. Das zum „Zeitnehmen“.
        Unser Gehirn ist so komplex, dass sein Verhalten m.E. nie auf schlichte, lineare Mechanismen zurueckfuehrbar sein duerfte. Wenn schon einfache biologische Systeme bei naeherer Betrachtung ungemein kompliziert sind, dann duerfte das Gehirn sich natuerlich analog als hyperkomplex herausstellen.
        Ich habe den Eindruck, dass man allmaehlich zurueckrudert und nicht mehr sehr vermessen Entgueltiges in Sachen Neurowissenschaften verkuendet. Etwa beim Thema „Ich“ oder „Bewusstsein“.
        Ich bin da noch jung in dem Gebiet, finde es aber sehr spannend.

        Gefällt 3 Personen

  2. Stimme Gerhard zu. Reflektion ist eine durchaus menschliche Eigenschaft, während Reaktion weit verbreitet ist. Je kürzer die Entscheidungsphase ist, desto eher werden wir „aus dem Bauch heraus“ entscheiden. Das wird von unserem Hirn sogar vorgegeben, und sollte zu Urzeiten verhindern uns durch bloße Gedanken in eine Gefahrensituation zu bringen, aus der wir mit sofortiger Reaktion entkommen können. Das ergab sich früher aus vermittelten Fähigkeiten, eigenen Erfahrungen, und dem angeborenen Charakter. So wurde auch entschieden, ob man eher zu den Sammlern oder Jägern gehört hat. Heute werden solche Instinke zivilisatorisch unterdrückt und angebliche Vernunft übernimmt unsere Entscheidung, also die Abwägung von Aussichten, Konsequenzen und Möglichkeiten. Besonders im Berufsleben spielt das eine Rolle, und so trauen sich viele Menschen nicht, das zu machen, was ihnen ihr „Bauch, Herz, Instinkt“ sagt, sondern was gesellschaftlich richtig erscheint. Beispiele gibt es genug, wie kreative Tätigkeiten, die oft als nicht seriös eingeschätzt werden, obwohl einen die innere Stimme dahin drängt. Dann beginnen sich diese Fhigkeiten in einem anderen, eigentlich nicht kreativen Umfeld, auszubreiten, und es entsteht entweder etwas Neues, oder man stumpft ab, und bringt sich durch den Alltag. Ich bin fest überzeugt, dass wir trotzdem nicht immer Herr unserer Entscheidungen sind, weil die Urinstinkte sich nicht völlig negieren lassen, und für mich ist das auch gut so. Danke fürs Lesen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Ja, der Charakter und die Motive spielen auf jeden Fall eine Rolle. Bei Menschen kommt der Intellekt dazu. Ich persönlich gehe immer davon aus, dass man zwischen Handlungs- und Willensfreiheit unterscheiden muss. Der Wille unterscheidet sich dann nochmal: Zuerst will (wünscht man sich) etwas, danach braucht man einen Willen, um es zu erreichen. Der erste ist nicht beeinflussbar. Schlussendlich wird alles vom ersten Willen „gesteuert“. Die Handlungsfreiheit besteht meiner Meinung nach zwar, wird aber von ganz anderen Dingen mit beschränkt, nämlich Gesetzen, Natur usw. Also wie eine Kette, von der man nicht weiß, wo genau sie aufhört.

    Gefällt 1 Person

  4. Denke auch, dass die Frage einfach falsch ist: Bin ich frei oder nicht? Wer ist schon dieses Ich? Dass dieses nicht frei ist, dazu brauchen wir nicht die Hirnfritzen, das wissen wir seit mindestens 100 Jahren von der Tiefenpsychologie. (Mal ganz abgesehen von der Philosophie). Wenn man fragt, was den Menschen ausmacht, dann kommt man auf das bekannte Bild vom Eisberg oder einer Insel im Ozean, oder von Ich, Selbst, Persona, Anima/Animus, Schatten usw. Jedenfalls ein Bild der Komplexität.

    Es ist wohl keine Frage des Ich, sondern eine des Bewusstseins. Werde ich mir der Traumatisierungen der Kindheit bewusst, bin ich schon viel freier als vorher. (Fixiere ich mich darauf, dann eher nicht). Jedenfalls ist es keine Frage des Ja oder Nein. So wie es ein isolierte Subjekt und Objekt nur in der Grammatik, nicht aber im Leben gibt. Und diese Grammatik oder Denkgewohnheit suggeriert eine eindimensionale Welt, die es in Wirklichkeit nicht gibt.
    Vielleicht geht es ja gar nicht um Freiheit oder nicht (wie du ja sagst), sondern um maximale Offenheit in möglichst jeder Situation.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s