Hermann Hesse: Bücher

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.

Hermann Hesse schrieb dieses Gedicht im April 1918. Im Herbst 1917 hatte er in nur drei Wochen den Roman Demian geschrieben, die Zeit davor war hart gewesen durch den Tod seines Vaters, eine schwere Erkrankung seines Sohnes und die bröckelnde Ehe mit Maria Bernoulli. Zudem war der einstige Kriegsenthusiast zum Kriegsgegner geworden und überlegte gar, mit allem zu brechen, was sein aktuelles Leben ausmachte, und in die Schweiz zu ziehen. Vor diesem Hintergrund entstand das Gedicht, das so wie eine Erkenntnis aus der Not gelesen werden kann, aber auch für sich stehend eine Wahrheit und Lebensweisheit verkündet.

Der Mensch ist auf der ständigen Suche nach dem Glück. Was er denn zum Glücke brauche, darüber erhofft er Auskunft von aussen, unter anderem aus Büchern. Doch er kann noch so viel lesen, das Glück ist nicht in den Büchern zu finden. Es gibt keine Anleitung, was man tun muss, um glücklich zu sein. Die Bücher werfen einen insgeheim nur immer wieder auf einen selber zurück.

Alles, was man zum zum glücklich Sein braucht, ist schon da, es liegt in einem. Auf sich selber zurückgeworfen, wenn man hinsieht, wird man das erkennen. Wir tragen das ganze Universum in uns, Sonne, Sterne und den Mond. Wir tragen damit das Licht in uns, wenn wir es erkannt haben und leuchten lassen, das man in östlichen Philosophien Erleuchtung nennt. Man kann – mit dem Wissen in sich, mit dem Universum in sich – das erhellen, was man verdeckt und verborgen glaubte, man muss nur den Zugang finden.

Und so schliesst denn Hesse damit, dass die Weisheit und das Glück, die man lange in den Büchern suchte, aber nicht fand, plötzlich aus jedem Blatt, von jeder Seite leuchte, weil sie, hat man mal das innere Licht entdeckt, schon immer da waren und nun beleuchtet werden – von innen heraus.

Heimo Schwilk: Rilke und die Frauen (Rezension)

Biografie eines Liebenden

Das Lieben und Leiden des Rilke

Der Dichter einzig hat die Welt geeinigt,
die weit in jedem auseinanderfällt.
Das Schöne hat er unerhört bescheinigt,
doch da er selbst noch feiert, was ihn peinigt,
hat er unendlich den Ruin gereinigt:
und auch noch das Vernichtende wird Welt.

SchwilkRilkeFrauenRilke, einer der wohl grössten deutschen Dichter, hat ein Thema immer wieder in seine Verse gepackt: Die Liebe. Aus seiner Feder stammen Gedichte, welche daraufhin über Jahrzehnte zwischen Liebenden ausgetauscht wurden. Es sind Gedichte, welche die Liebe feiern, sie hochheben. Es sind aber auch Gedichte eines Mannes, der selber einerseits zeitlebens auf der Suche nach (mütterlicher) Liebe war, sie andererseits aber nie auf Dauer leben konnte.

Heimo Schwilk zeichnet im vorliegenden Buch das Bild eines Mannes, welcher früh von der Mutter verlassen wurde und der unter diesem Verlust zeitlebens litt. So sehr er seine Mutter teilweise in Briefen an verschiedene Adressaten beschuldigte und beschimpfte, so wenig kam er von ihr los. Davon zeugen nicht nur sein ganzes Leben begleitende Rituale, sondern auch ein lebenslanger Briefwechsel mit der Mutter sowie wohl auch sein Verhalten Frauen gegenüber. Und um dieses geht es im vorliegenden Buch.

Heimo Schwilk stellt Rilkes Beziehungen zu den unterschiedlichsten Frauen vor, den meisten von ihnen war eines gemeinsam: Sie unterstützten ihn (vor allem finanziell und teilweise auch emotional) in seiner Kunst. Seinem Schreiben gehörte wohl seine ganz grosse Liebe, denn diesem unterordnete er alles andere. So war denn auch die grösste Angst in seinem Leben immer wieder, ausgeschrieben zu sein. Sein Leben, dessen war er sich bewusst, gehörte der Kunst und für diese brauchte er eines dringend: Einsamkeit. Und natürlich das nötige Geld, um sich das Leben angenehm zu machen.

Wer nun denkt, er sei ein blosser Profiteur der Gunst der reichen Frauen gewesen, dem muss insofern widersprochen werden, als diese ja – vor allem verführt durch seine Worte in der Dichtung und in Briefen – ihn freiwillig unterstützten, weil sie an ihn und seine Dichtung glaubten. Zudem zeichnete Rilke eines ganz gewiss aus: Dankbarkeit. So sagte denn auch der Philosoph Hans Blumenberg über Rilke:

Zwar kein Meister der Verführung, aber ein Meister der Dankbarkeit. Er war es.

Heimo Schwilk gelingt es, in einer leicht lesbaren Weise das Leben und Lieben (auf seine Weise tat er durchaus) des Rainer Maria Rilke nachzuzeichnen anhand seiner Beziehungen zu verschiedenen Frauen. Ab und an tut er das auf eine fast schon spöttisch anmutende Weise, die nicht immer angebracht scheint, dabei beweist er aber grosse Kenntnis des Lebens und Werks Rilkes und öffnet einen Blick hinter die Kulissen des ganz in seiner Kunst aufgehenden Dichters.

Fazit:
Ein gut lesbares, tiefe Einblicke gewährendes Buch über das Leben und Lieben Rainer Maria Rilkes. Absolut empfehlenswert!

Der Autor
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch (1. Juni 2016)
ISBN-Nr: 978-3492308878
Preis: EUR 11/ CHF 16.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Liv Jansen: Oma wird erwachsen (Rezension)

Antistressprogramm an der Ostsee

Inhalt

Ich bin ja kerngesund, Klösschen, aber der Schörner hat gesagt, Edith, hat er gesagt, du musst mal kürzertreten und auch an dich denken. Du bist immer für alle da und zu wenig für dich.

JansenOmaIsabell, unglücklich im Job, und ihr Nachbar und Freund Kalle, nicht weniger unglücklich in der Liebe, sind gefordert: Isabells Oma braucht Hilfe. Die rüstige Rentnerin ist immer im Einsatz für alle, die Hilfe brauchen, rennt vom Kirchenchor zur Häkelgruppe und von da reihum zu allen Nachbarn – und nun ist sie ausgebrannt. Weil sie nicht in eine Klinik will, reisen die Isabell und Kalle aus der Grossstadt in Omas kleinen Ort an der Ostsee, um ihr unter die Arme zu greifen und entwickeln quasi nebenbei eine Antistress-Therapie. Eigentlich könnten nun alle glücklich sein, gäbe es nicht jemanden, der ihnen in die Suppe spucken möchte.

Beurteilung
Eine sommerlich leichte Lektüre für zwischendurch. Die Charaktere werden authentisch und plastisch beschrieben. Neben den Hauptfiguren finden sich auch viele Nebenfiguren, die alle ihre Eigenarten mitbringen. Die Sprache ist locker und umgangssprachlich. Der Roman findet hauptsächlich in der direkten Rede statt, es gibt wenig erzählende Stellen. Das muss einem vom Stil her liegen.

Wenn man einen leicht zu lesenden Roman für den Liegestuhl sucht, gerne auch mal lacht beim Lesen und kein Gesprächemuffel ist, hat man mit Oma wird erwachsen sicher ein paar Momente Lesespass. Viel mehr gibt es aber auch nicht zu sagen, denn mehr gibt das Buch schlicht nicht her.

Fazit:
Locker-flockige Sommerlektüre für ein paar entspannte Lesemomente. Empfehlenswert.

Die Autorin
Liv Jansen, geb. 1979, arbeitete als Redakteurin für verschiedene Fernsehformate, bis sie vor Kurzem das Schreiben für sich entdeckte. Weil ihr das so gut gefällt, hat sie sich gleich mal an ein Buch gesetzt. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter macht sie gern Urlaub in Österreich, weil es da so leckeren Kaiserschmarrn gibt. Und wenn sie zu Hause in Frankfurt ist, trifft man sie eigentlich immer im Pferdestall bei ihrem Schimmel Romeo. Zornröschen ist ihr erster Roman.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Mira Taschenbuch (6. März 2017)
ISBN-Nr: 978-3956496578
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Liebster-Award

AwardIch wurde von Siggi vom Blog Siggispictures für den Liebster Award nominiert, was mich natürlich sehr freut.

Zunächst, die Regeln:

  • Verlinke die Person, die dich nominiert hat.
  • Beantworte 10 Fragen, die dir vom Blogger gestellt wurden, der dich nominiert hat.
  • Nominiere bis zu fünf Blogs
  • Informiere sie über die Nominierung
  • Erstelle 10 eigene Fragen für die Nominierten

Los geht es mit den Fragen:

  1. Was würdest du sagen, ist was sehr interessantes an dir?

Das müsste man wohl andere fragen. Ich selber finde nichts speziell interessant an mir, bin ein ganz normaler Mensch mit Schwächen, Stärken, Interessen, Abneigungen, Widersprüchen.

  1. Was hältst du von der heutigen Gesellschaft?

Das ist schwer zu sagen. Ich kümmere mich eher um Menschen denn um Gesellschaften/Kollektive. Grundsätzlich denke ich, ist die Welt kälter geworden und egoistischer. Man kümmert sich weniger um andere Menschen, ist oft mit sich selber genug beschäftigt, was natürlich auch eine Spirale sein kann, weil Menschen unter der Gesellschaft leiden und dann selber neu dazu beitragen.

  1. Wenn du eine Reise für zwei geschenkt bekommen würdest. Wo gehst du hin?

Ich würde gerne nach New York, denn: Ich war noch niemals in New York *singsingsing – da merk ich: Auf Hawaii war ich auch noch nie 😉 Ich würde aber auch gerne mal an die Nordsee, an die Ostsee, nach Rom und nach Mallorca. Da war ich nämlich überall auch noch nie.

  1. Und mit wem?

Das kommt drauf an, wohin die Reise geht, wie lange sie dauert und auch, wer denn mitkommen wollen würde. Ab und an verreise ich auch durchaus gerne alleine – für den Fall könnte ich dann vielleicht den Hund mitnehmen.

  1. Was ist dein größtes Laster?

Bücher – man hat nie genug.

  1. Was ist dein größter, erfüllbarer Wunsch?

Da fällt mir wirklich nichts ein. Ob etwas erfüllbar ist, zeigt sich erst, wenn man wirklich daran geht – und dann fragt sich natürlich, wieso man ihn bislang nicht erfüllt hat. Und was ist ein grosser Wunsch? Ich möchte nicht sagen, dass ich wunschlos glücklich bin, aber so wirklich materielle Wünsche habe ich keine, die nun in mir drauf drängten, erfüllt zu werden.

  1. Hast du einen Lieblingsfilm? Und wenn ja, wie heißt er?

Der Film, den ich am öftesten gesehen habe, sicher Mamma Mia.

  1. Wein oder Bier?

Wein, immer Wein – ich mag kaum Alkohol ausser Wein, aber den liebe ich sehr.

  1. Liest du zurzeit ein Buch? Wenn ja, erzähl was drüber.

Mehrere Parallel – wie meistens. Jane Austen, Stolz und Vorurteil. Die Geschichte der Elizabeth Bennet, die aus Sicht der Gesellschaft und vor allem ihrer Mutter dringend einen Mann braucht – was sie nicht zwingend so sieht (und schon gar nicht Mr. Darcy, der sie nach anfänglichen Zweifeln doch sehr spannend findet). Ein wunderbares Buch mit Tiefgang, Witz und Gesellschaftsanalyse.

  1. Wie bist du auf meinen Blog aufmerksam geworden?

Ich glaube über Twitter, bin aber nicht ganz sicher.

Wen nominiere ich?

  • Arno Rosen (BLOG) – er hat es getan: HIER
  • Karo-Tina Aldente (BLOG)
  • Robert (BLOG)
  • Arndt (BLOG)
  • Arne (https://arnescomfycouch.com)
  • Ich freue mich natürlich über jeden, der auch noch mitmacht (ich würde ihn dann auch gerne hier verlinken, wenn gewünscht)

Die Fragen für die Nominierten

  1. Wie würdest du dich einem Fremden beschreiben?
  2. Was ist dir wichtig im Leben?
  3. Was ist deine Motivation, deinen Blog zu führen?
  4. Kaffee oder Tee?
  5. Wenn du drei Bücher nennen müsstest, die dich am meisten geprägt, bewegt, gefreut haben, welche wären es?
  6. Du könntest einen Tag nach Wunsch erleben – wie sähe er aus?
  7. Würdest du im Alter auswandern zu wollen? Wenn ja, wieso und wohin? Wenn nein, wieso nicht?
  8. Mit wem würdest du gerne mal Essen gehen und wieso?
  9. Was bedeutet Glück für dich?
  10. Wenn du eine Fähigkeit haben könntest, die du nicht hast, welche würdest du wählen?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mitmacht!

Blick zurück

828156801_47085e952f_oKürzlich wurde ich auf Facebook aufgefordert – ich tappte in eine Spielefalle – ein altes Bild von mir zu posten. Von mir gibt es Kinderbilder und (eher selten) aktuelle. Dazwischen nichts. Ich stellte das Bild rein. Ein Bild von mir, als ich etwa 4 war. Silvesterabend, ich stand am Piano. Ich mag sonst diese Erinnerungsschübe nicht, wenn andere beginnen zu erzählen. Ich finde, das Leben spielt hier und jetzt. Und doch. plötzlich packte es mich.

Wir haben Silvester immer im Berner Oberland gefeiert, immer im gleichen Hotel. Der Ort war für mich Heimat, denn wir waren auch sonst alle Ferien da. Die Besitzer des Hotels waren für mich wie Grosseltern. Der Ort vertraut, mit warmen Gefühlen, Freude und Glück besetzt.

Wenn ich das Bild so ansehe, sehe ich es in den Augen. Es sind fröhliche Augen. Das Lächeln passt dazu. Es war eine glückliche Zeit. Ich hatte eine schöne Kindheit. Es war nicht alles rosig. Es war nie nur pink. Ich hatte Eltern, die da waren, kriegte den Rückhalt und fühlte die Werte. Ich hatte eine Welt und konnte meine entwickeln.

Ich bin dankbar. Für all die Gefühle, all die Möglichkeiten. Ich bin dankbar für dieses Leben. Es war sicher nicht das leichteste. Ist es nicht. Ich hatte ganz viele Freiheiten. Ebensoviele Stäbe, die Gefängnisse schlossen. Es ist immer ein Wechselspiel. Dessen bin ich mir heute sicher. Ob das Fazit stimmt, muss jeder für sich entscheiden. Und das wohl auch immer wieder neu.

Wenn ich das Bild anseh, erinnere ich mich. Ich erinnere mich an laue Abende, in denen ich mit Freunden im Heustock rumhüpfte. Ich erinnere mich an Silvesterparties mit Salzstangen und Pommes ebenda. Ich erinnere mich an die nachbarliche Bauerstochter, die mir französische Worte zu Kühen beibrachte, an Katzenbabies noch blind herumtapsend. Ich erinnere mich an Tänze über Felder, an Sonnenuntergänge hinter Bergen.

Es sind Bilder, Gefühle, Eindrücke, die aufblühen. So passend zum Frühling. Alles schon da. Und doch wieder neu. Was aus einem Bild alles entstehen kann.

Autoren heute – husch husch, zack zack?

Ich lese immer wieder in der Timeline von Autoren, dass sie sich entschuldigen, FB etwas vernachlässigen müssen, weil sie sonst nicht drei Romane gleichzeitig schreiben können oder einen Roman nicht in einem Monat geschrieben haben. Es mutet irgendwie nie wie eine Entschuldigung an, sondern eher wie Beifallssuche. Schaut her, ich bin so toll. Thomas Mann schrieb sehr konsequent jeden Tag zur selben Zeit. Er schaffte etwa 1,5 – 3 Seiten. Pro Tag. Wer seine Wälzer kennt, kann nun rechnen. Goethe war nicht viel schneller. Der schrieb nebenher noch fast täglich Gedichte. Aber man könnte FB als das neue Gedichte-Schreiben werten. Nicht vom literarischen Anspruch natürlich, sondern mehr von der absorbierten Zeit.

Was ich mich frage: Ist das wirklich zu bejubeln? Literatur als Massenproduktion? So cool im Multitasking? Im Eilverfahren? Oder ist das der Grund, dass es immer schwerer wird, noch wirklich gute Bücher zu finden? Weil immer mehr immer schneller immer mehr wollen? Ich meine, ich kann auch Rosamunde Pilcher nehmen, ihre Gechichten abschreiben und einfach Zeiten, Orte und Namen ändern. Dann kriegt man das prima hin. Muss das sein? Ist das toll? Ich finde nicht.

Vielleicht bin ich elitär. Ich möchte keine neuen Geschichten, denn: Es ist alles gesagt. Aber: Ich möchte gerne Geschichten, die das, was schon gesagt ist, neu sagen. Ehrlich. Authentisch. Tief. Mit einer Meinung. Und einer Sprache. Die packt, überzeugt, passt. Berührt.

Schafft man das so nebenbei? So husch husch? Ich denke nicht. Klar: Hermann Hesse schrieb den Demian in drei Wochen. Das war aber nicht mit allem so, und: Das Thema arbeitete in ihm. Lange. Die Gedichte der Entstehungszeit zeugen davon. Dies nur zur Güte, die Aussagen auf FB stossen mir trotz dieses Wissens irgendwie sauer auf. Bin ich zu kritisch?

Henrik Ibsen: Ein Vers

Leben heißt – dunkler Gewalten
Spuk bekämpfen in sich.
Dichten – Gerichtstag halten
Über sein eignes Ich.

Ibsen schrieb dieses Gedicht 1871, diese Übersetzung stammt von Christian Morgenstern. Henrik Ibsen, Dramatiker und Lyriker, schreibt in seinen Werken immer gegen die Moral der Zeit an. Mit klarem Blick sieht er auf die Lebenslügen seiner Zeitgenossen, zeigt auch, dass diese ihre Lügen gar nicht durchschauen wollen, sondern es sich gemütlich in ihnen einrichten. Man denke nur an Die Wildente, wo Gregers Werle durch das Aufdecken der Lebenslügen seines alten Freundes nicht nur dessen Leben, sondern auch das von dessen Frau zerstört. Die Menschen, so die Moral der Geschichte, sind der Wahrheit nicht gewachsen, darum verschliessen sie lieber den Blick vor ihr.

Das vorliegende Gedicht ist kurz – und trotzdem steckt eine grosse Botschaft drin. Ibsen will uns erklären, worin „Leben“ überhaupt besteht, was es heisst, wirklich zu leben – in seinem Sinne eines lebenswerten Lebens. Vier Verse nur, alle dreihebig und im Kreuzreim. Durch die beiden Enjambements verlängern sich die Verse und werden quasi zu zweien. Was also heisst Leben?

Man soll in sich den Spuk der dunklen Gewalten bekämpfen. Ruhmessuch, Machtwillen, Begehren, Hass – all das sind die dunklen Gewalten, die in uns herrschen, die uns und unsere Mitmenschen ins Unglück stürzen. Ibsen sieht in der Dichtung die Lösung, da man beim Dichten Gerichtstag hält über sein Ich. Man schaut hin und urteilt. Und – wenn das Urteil negativ ausfällt, bietet es sich an, etwas zu ändern. Dann hat man die dunklen Gewalten entlarvt und soll sie bekämpfen.

Ibsen sagt selber:

„Alles, was ich gedichtet habe, hängt aufs engste zusammen mit dem, was ich durchlebt habe.“

Damit offenbart er sich als den Richter über sein Leben, der beim Schreiben immer auch mit sich selber ins Gericht geht, nicht nur mit der Gesellschaft um sich. Indem man Gerichtstag hält, nimmt man die Verantwortung für das eigene Leben wahr. Man schaut hin, erkennt die Abgründe und überwindet sie. Man befreit die Seele vom Spuk der dunklen Gewalten. Der Leser von seinen Gedichten und Dramen kann das Wahrgenommene durch ihn erkennen. So kann die Dichtung auch denen helfen, Herr über den Spuk der dunklen Gewalten zu werden, die nicht selber dichten, sich aber damit auseinandersetzen und dann in sich gehen.

Was lange währt…

Bob Dylan erhielt den Nobelpreis für Literatur. Das könnte eine einfache Nachricht sein, doch es war mehr. Nicht nur regte sich der Literaturzirkus auf, dass ein Musiker reüssierte, er holte den Preis nicht ab. Und man wurde nicht müde, zu schimpfen. Gegen die Wahl, gegen sein Verhalten. (Hier der Artikel, dass er ihn doch abholt: LINK)

Wenn man das Auswahlverfahren für den Nobelpreis mal aussen vor lässt (es wäre bei Murakamis neustem Buch schön nachzulesen), bleibt die Frage: Was ist Literatur? Im Schimpfen gegen diese Wahl wurden viele Literaten genannt, die den Preis so lange verdient, aber nie bekommen haben. Wenn es denn schon ein Musiker sein sollte, man zeigte sich quasi kompromissbereit, wieso er? Wären nicht auch andere wählenswert gewesen?

Zur ersten Frage: Was anderes soll Literatur sein, als ein künstlerischer Text? Ob der gesungen, laut oder leise gelesen wird, kann wohl kaum das Kriterium sein – zumal: Brecht hat viele seiner Texte zu Musik geschrieben, Hölderlin und Zeitgenossen wurden oft vertont. hier nun zu motzen, das sei quasi der Preis vor die Säue geworfen, ist etwas gar neidbesessen.

Nun wird also Bob Dylan auserkoren. In einem alles andere als neutralen Verfahren (ich verweise erneut auf besagtes Buch, schlicht, weil ich alles andere suchen müsste, das hier grad greifbar habe und das Beschriebene für richtig empfand). Muss er nun springen? Und jubilieren? Alles fallen lassen? Wieso sind solche Auszeichnungen so wichtig? Vor allem für die, welche es eh schon geschafft haben? Sehnen sich nicht viel mehr die danach, die eben nicht dort sind? Und erachten dann das Verhalten desjenigen, der es für sich geschafft hat, als Affront, weil sie nie da sein würden?

In der ganzen Debatte um diesen Nobelpreis fällt mir nur immer ein Wort ein: Neidkultur. Es gibt KEIN Kriterium gegen die Wahl. Literarischer Text ist Literatur. Wenn er gut ist, sogar grosse. Ob da dann noch Noten unterlegt werden oder nicht, macht aus dem Text nicht weniger Literatur. Sonst müsste man das Heideröslein – das ich als gesangliches Nichttalent unter Qualen singen musste – zur Nicht-Literatur erklären. Man sollte Herrn Goethe ausbuddeln und schauen, was er dazu sagte.

„Sorry Wolfgang, nachdem nun Töne zum Text kamen, können wir dein Gedicht nicht mehr als Literatur anerkennen.“

Herr Goethe würde wohl laut lachen und sagen:

„Who cares?“

Weil er es konnte. Er tauschte sich ja auch mit Herrn Schiller aus, kritisierte dessen Werk und liess diesen mit seinem ebenso umgehen. Man lebte ein Miteinander und wuchs gegenseitig. Heute gönnt man sich nichts, es könnte ein anderer mehr vom Kuchen bekommen. Mit dieser Haltung verlieren alle. Am meisten man selber.

An dieser Stelle nochmals herzliche Gratulation an Bob Dylan. Der Preis war – ungeachtet der Umstände der Sprechung – mehr als verdient. Und wer das nicht glaubt, soll sich mal an die Analyse der Texte machen. Dann sprechen wir weiter.

Rose-Marie & Rainer Hagen: Bildbefragungen (Rezension)

Bildern auf den Grund gehen

Rose-Marie & Rainer Hagen nehmen uns mit auf eine Reise. Quer durch die Zeit gehen sie 100 berühmten Bildern auf den Grund, beleuchten kleinste Details und erklären diese.

Was sehen wir, wenn wir ein Bild ansehen? Bilder erzählen eine Geschichte auf verschiedenen Ebenen. Zuerst sehen wir das offensichtlich dargestellte – mal konkreter, mal abstrakter. Dieses wirkt. Das Bild hat aber noch tiefere Bedeutungsebenen. Sie liegen in Pflanzen, Symbolen, Kleidern, Haltungen. Und ab und an versteckt sich etwas, so dass es fast übersehen werden könnte. Auch das holen die beiden Autoren ans Licht und lassen den Leser so Stück für Stück ins Bild eintauchen und es erkennen.

Fazit
Ein wunderbar lehrreiches Buch, das nicht nur die einzelnen Bilder in ihren Details entschlüsselt, sondern auch den Blick für weitere Bilder schult.

Über die Autoren
Rose-Marie Hagen, geboren in der Schweiz, studierte Geschichte und Romanistik in Lausanne. Nach längeren Studienaufenthalten in Paris und Florenz übernahm sie verschiedene Lehrtätigkeiten, u. a. an der American University in Washington, D.C. Rainer Hagen, geboren in Hamburg, studierte Literatur- und Theaterwissenschaften in München, arbeitete nach seiner Promotion für Rundfunk und Fernsehen, zuletzt als Redaktionsleiter beim Norddeutschen Rundfunk. Gemeinsam haben beide Autoren im TASCHEN-Verlag mehrere Bücher veröffentlicht, u. a. Meisterwerke im Detail und Monografien über Pieter Bruegel und Francisco de Goya.

Angaben zum Buch:
hagenbildbetrachtungenGebundene Ausgabe: 788 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (7. März 2016)
ISBN: 978-3836559232
Preis: EUR 14.99 / CHF 21.90
Erhältlich in einer Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Die Insel

Den ganzen Tag Ärger, und nie auch nur Ruh,
und wenn du’s nicht glaubst, zieh an meinen Schuh.
Nur immer noch mehr, wenn alles schon voll,
nur immer mehr Plagen, wo Trost kommen soll.
Bleibt nur noch Trauer in mir besteh’n,
sie weckt dann den Wunsch, einfach zu geh’n.

Dann träum’ ich von Blumen und blauem Meer,
Sehe nur mich und keinen sonst mehr.
Die einsame Insel, mehr brauche ich nicht,
nur der Gedanke, bringt schon mehr Licht.

Der nächste Tag kommt, bin immer noch hier,
die grasgrüne Insel verblasst schon in mir.
Ich steige hinein, die Hoffnung steigt mit,
so geh’n wir ihn an, geh’n Schritt für Schritt.
Möge er besser und wohlgesinnt sein,
frei von den Sorgen und frei von der Pein

seinen Lauf nehmen, mehr will ich nicht,
ansonsten die Insel – im Schacht ist dann Schicht.

Und irgendwann dann, das weiss ich genau,
fahr’ ich dorthin, denn: Selbst ist die Frau.
Dann lebe ich da und liebe die Ruh,
was vielleicht fehlt, das bist dann nur du.
Doch wärst du bei mir, es fehlte so sehr,
die Ruhe für mich, ich brauche nicht mehr.

Peter von Matt: Sieben Küsse (Rezension)

Glück und Unglück in der Literatur

Vom Küssen und den Folgen

Inhalt

Weil die Literatur immer konkret ist, denkt sie nicht in Begriffen, sondern in Szenen. Das Wissen vom Glück erscheint daher in der Literatur immer und immer wieder als die leibhaftige Begegnung zweier Menschen. Das Nachdenken darüber verkörpert sich in deren Geschichte und weiterem Schicksal.

Mit diesem Wissen beginnen wir unsere Reise durch die Welt der Literatur, wir lassen uns von Peter von Matt die Glück oder Unheil bringenden Küsse der Weltliteratur zeigen und deuten.

Literatur […] ist ein jahrtausendealtes Unternehmen der Welterklärung.

Sieben Küsse hat er sich vorgenommen, die Reise geht kreuz und quer durch die Zeiten und durch die Welt. Wir tauchen in die Welt von Virginia Woolfs Mrs Dalloway ein, erfahren mehr über die Rolle der Frau und ihr Selbstbild, das wohl als Bild der damaligen Zeit gelten kann. Wir feiern mit Gatsby die ausufernden Feste, die nur dazu gedacht sind, die einst Geküsste wiederzugewinnen. Daegen wirkt Gottfried Kellers Welt gar bürgerlich – und doch geht es auch da um einen Kuss, ebenso bei Grillparzer, Kleist, Duras und Tschechow.

Beurteilung
VonMattKüssePeter von Matt gelingt es, auf eine unglaublich schön lesbare Weise, mit viel Humor, Fachwissen und spürbarer Leidenschaft für die Literatur, tiefer in die literarischen Welten einzelner Bücher einzutauchen. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise quer durch die Zeit, analysiert einzelne Werke und stellt sie in einen grösseren Zusammenhang. Er legt literarische Mittel wie Symbole, Metaphern, Verweise und mehr offen und breitet dadurch vor dem Leser einen Fundus an Wissen aus.

Peter von Matt wird dieses Jahr 80. Aus seiner Feder stammen viele wunderbare Bücher zur Literatur, die immer auch ihn selber und seine Leidenschaft durchschimmern lassen. Ich bin dankbar, durfte ich bei diesem Mann studieren, der nicht nur fachlich, sondern auch menschlich toll ist. Er hat die Gabe, Bücher lebendig werden zu lassen. Er vermittelt einem Sichtweisen auf Texte, die helfen, diese mit ganz neuen Augen zu sehen, tiefer zu gehen, weiter zu forschen und mehr herauszuziehen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das von der Liebe zur Literatur, dem immensen Fachwissen, allgegenwärtigem Humor lebt und Lust am (genauen) Lesen vermittelt. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern, war von 1876 bis 2002 Professor für Germanistik an der Universität Zürich. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, der Akademie der Künste Berlin und der Sächsischen Akademie der Künste. 2014 wurde Peter von Matt mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Er lebt bei Zürich.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. Januar 2017)
ISBN-Nr 978-3446254626
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH