Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten: Wie ich Feministin wurde

Inhalt

«Ich fühlte mich eingeengt, gejagt. Wieder und wieder wurden Frauen und Mädchen angegriffen, und zwar nicht wegen irgendwas, was sie getan hätten, sondern weil sie gerade zur Stelle gewesen waren…sondern dafür, was sie waren. Was wir waren. Tatsächlich allerdings deshalb, weil er war, was er war: ein Mann, der das Verlangen und, wie er meinte, auch das Recht hatte, Frauen etwas anzutun.»

Aufgewachsen in einem gewaltsamen Umfeld, ist Gewalt an Frauen für Rebecca Solnit an der Tagesordnung in der Umgebung, in welcher sie später lebt. Alles, was sie über Übergriffe an Frauen liest, könnte auch ihr passieren. Frauen haben weniger Rechte, sind schutzlos, müssen sich einschränken, um nicht zum Opfer zu werden und werden, wenn sie es werden, nicht ernst genommen. Nichts davon wird hinterfragt, es wird hingenommen in einer Gesellschaft, die diese Mechanismen seit Jahren und Jahrzehnten so vervollkommnet hat. So kann es nicht weiter gehen.

Als junge Frau findet sie ihre Stimme, schafft sich Raum zum Denken, zum Schreiben, um Aufmerksamkeit zu erlangen für das, was vorher im Verborgenen stattfand: Unterdrückung und Unrecht.

«Unziemliches Verhalten» ist ein eindrücklicher Bericht über eine Frau, die nicht länger hinnehmen wollte, was nicht sein darf.

Weitere Betrachtungen

«Sexuelle Belästigung ist der männliche performative Akt schlechthin, die Handlung, durch die ein Mann sein Objekt nicht nur davon überzeugen will, dass er die Macht hat – was stimmt –, sondern auch, dass seine Macht und seine Sexualität ein und dasselbe sind.»

Die männliche Machtstellung innerhalb der Gesellschaft ist über Jahrzehnte gewachsen, die Marginalisierung der Frau hat also System. Ein solches zeigt sich auf verschiedenen Ebenen des Lebens, unter anderem auch in der Sexualität, in welcher einer Rechte hat, der (die) andere quasi in der Pflicht steht. Dem Mann steht es nach dieser Logik zu, sich zu nehmen, was er will, während die Frau dieses geben muss.

«Sie waren Kultur: bestimmte Personen und ein System, das ihnen freie Hand liess, wegschaute, erotisierte, entschuldigte, ignorierte, abtat und trivialisierte. Diese Kultur und somit die Verhältnisse zu verändern schien mir die einzig angemessene Reaktion. Und das sehe ich noch genauso. »

Es hängt von der Stellung im System ab, wie sicher man in diesem leben kann, davon, zu welchem Geschlecht, zu welcher ethnischen Kultur man gehört, welche sexuelle Orientierung man hat. Dieses System zu ändern sollte das Ziel sein. Aber es gibt auch etwas bei sich selber, das man ändern kann, das man entwickeln kann, um diesem System und den Übergriffen, die in diesem passieren, entgegenzustehen:

«Vertrauen in dich selbst und deine Rechte, Vertrauen in deine Version, deine Wahrheit, deine Reaktionen und Bedürfnisse. Vertrauen darauf, dass da, wo du stehst, dein Platz ist. Vertrauen darauf, dass du wichtig bist.»

In einer Gesellschaft, in welcher man durch das eigene Geschlecht benachteiligt ist, in welcher einem weniger geglaubt wird, weil man eine Frau ist, in der man weniger Rechte und Möglichkeiten hat, ist es wichtig, an sich selber zu glauben und sich nicht in die untergebene Rolle zu fügen. Nur wenn man als einzelne Frau und als Frauen zusammen hinsteht und den eigenen Platz behauptet, sich dafür einsetzt, dass dieser nicht unter dem des Mannes ist, sondern diesem gleichwertig, gibt es eine Chance auf eine Veränderung der Lebensumstände hin zu einer Welt, in welcher Frauen und Männer als gleichwertige Menschen leben können.

Persönlicher Bezug

«Unsere Glaubwürdigkeit hängt nicht zuletzt davon ab, welches Bild von uns in der Gesellschaft vorherrscht, und es hat sich wieder und wieder gezeigt, dass eine Frau, mag sie objektiv gesehen auch noch so glaubwürdig und ihre Aussage durch Zeug*innen, Beweise und unser Wissen um hinlänglich dokumentierte Verhaltensmuster geschützt sein, bei all jenen, die Männer und ihre Privilegien schützen wollen, keinen Glauben finden wird. Im Patriarchat rechtfertigt die Definition der Frau per se schon ihre Ungleichbehandlung, und das betrifft auch ihre Glaubwürdigkeit.»

Beim Lesen dieses Buches ist mir einmal mehr bewusst geworden, womit ich als Frau oft lebe, ohne es wirklich zuordnen zu können, nur mit der leisen Ahnung, dass etwas daran nicht in Ordnung ist. Wie oft wird mir weniger Glauben geschenkt, wenn ich etwas wusste. Dinge, sogar aus meinem Fachgebiet, mit welchem sich der andere – wie er selber zugibt – noch wenig auseinandergesetzt hat, werden automatisch in Zweifel gezogen, man(n) muss sie nochmals nachprüfen. Wie oft, wenn ich es anspreche, werde ich obendrauf belächelt, weil der Mechanismus wohl so tief sitzt, dass er dem, der ihn lebt, wohl selber nicht auffällt. Und genau da liegt das Problem:

Es ist so viel so tief in unseren Köpfen verankert, dass wir ein eigentlich krankes System, welches verschiedene Gruppen (es sind ja nicht nur Frauen, es sind auch Schwarze, Behinderte, Homosexuelle und mehr) aufgrund verschiedener Kriterien unterdrückt und ausschliesst, nicht mehr als solches erkennen, dass wir unseren eigenen Beitrag dazu nicht wahrnehmen. Es gilt, hier mehr Bewusstsein zu schaffen, den Finger drauf zu halten und dafür einzustehen, dass sich etwas ändert. Nur so können wir den Weg hin zu einer gerechteren Welt gehen.

Fazit
Ein eindrückliches, persönliches und doch auch sachliches Buch darüber, was es heisst, in einem patriarchalischen System Frau zu sein, über die aus diesem Frausein entstehenden Missstände, und die Notwendigkeit, diese anzugehen für eine gerechtere und gleichberechtigtere Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Rebecca Solnit, Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Herausgeberin des Magazins Harper’s und schreibt regelmäßig Kolumnen für den Guardian. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem ihre Bände Wenn Männer mir die Welt erklären (2015) und Die Dinge beim Namen nennen (2019). Rebecca Solnit lebt in San Francisco.

Angaben zum Buch
Herausgeber: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH; 1. Edition (1. September 2021)
Taschenbuch: 272 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3455009521

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Jahresrückblick in Büchern – meine Highlights

Ein Jahresübergang bietet sich immer an, zurückzuschauen auf das, was war. Bücher haben in meinem Leben natürlich eine grosse Rolle gespielt. Es war ein sehr abwechslungsreiches Jahr, das einer Reise glich. Ich startete sehr intensiv mit Lyrik, konzentrierte mich dann bald auf die dichtenden Frauen – und auf Rilke. Es folgte eine Zeit, die hauptsächlich Ingeborg Bachmann gewidmet war, ich las ihre Gedichte, Biographien, Kurzgeschichten – und ich war fasziniert von dieser Frau, mit der ich doch in verschiedenen Punkten Parallelen zu haben schien.

Dann verschob sich der Fokus langsam hin zu Romanen, erst noch bunt gemischt, dann immer mehr darauf blickend, wer das Buch geschrieben hat. Ich kann nicht mal sagen, woher diese Ausrichtung kam. Es kamen verschiedene literaturtheoretische Bücher dazu und dann bewegte ich mich weiter auf meiner Reise, der Feminismus kam in den Fokus und er hat mich gepackt – mit allen Themen, ohne die er kaum zu denken ist: Sexismus, Rassismus, Patriarchat, Klasse – Intersektionalität also. Da bin ich noch, die Reise führte mich also hin (oder zurück, wie man es auch sehen könnte) zur Philosophie, daneben auch mit einer Faszination für Soziologie (und einem kleinen Bedauern, das damals nicht studiert zu haben – bleibt das Selbststudium, das mir sowieso am meisten liegt).

Zu meinen Lesehighlights, dies ohne den Anspruch, dass es wirklich die besten Bücher waren, aber es sind die, welche mir spontan im Sinn waren, als ich danach suchte:

  • Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – Rilke ist wohl mein Lieblingsdichter, wenn man eine Rangliste machen wollte. Ich habe im Frühjahr dieses ganze Buch durchgearbeitet, habe mich mit der Interpretation einzelner Gedichte und deren Verbindung zum Leben Rilkes beschäftigt. Eine sehr spannende Zeit.
  • Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter – ich liebe diese Lyrikerin für ihre Melancholie, ihren versteckten und teilweise auch offensichtlichen Witz.
  • Edgar Rai: Ascona – einer der ersten Romane, mit denen ich in die nächste Phase stieg. Edgar Rai ist eine packende Romanbiographie über Erich Maria Remarque gelungen, die von der ersten bis zur letzten Seite spannend zu lesen ist und Lust auf Remarque macht.
  • Erich Maria Remarque: Drei Kameraden – das war dann das Resultat, für mich eine Entdeckung, da ich zwar den Namen kannte, aber noch nie etwas von ihm gelesen hatte. Diese Geschichte über drei Freunde und eine Liebe hat er in Edgar Rays Roman geschrieben – ein grossartiges Buch mit sehr viel Witz, Tiefe und Zeitkolorit.
  • Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – ein fundierter Einblick in Leben und Werk einer inspirierenden Frau, die mich ziemlich in ihren Bann zog, ich las viel von ihr und über sie danach, auch Alois Prinz’ Biographie, die ich ebenfalls empfehlen kann.
  • Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frau – ein wichtiger Einblick in die Situation der Frau in der heutigen Gesellschaft, ihre Kämpfe, ihre Rollen, ihre Erschöpfung, die daraus resultiert. Ein deutliches Bild, dass wir noch nicht erreicht haben, wonach wir schon so lange streben: Gleiche Rechte, gleiche Entlöhnung, gleiche Chancen, gleiche Sichtbarkeit, gleiche Anerkennung.
  • Nicole Seifert: Frauenliteratur – ein Blick auf die Welt der Literatur, auf die Frauen, die vergessen gingen, auf die, welche nicht berücksichtigt werden, auf die Abwertung, Ignoranz, die ungerechte Verteilung von Sichtbarkeit und Bewertung.
  • Daniel Schreiber: Allein – sehr persönliche Einblicke in ein zwiespältiges Lebensmodell, sein Ruf in der Gesellschaft und das persönliche Erleben.
  • Alice Schwarzer: Lebenslauf – durch ein Interview wurde ich auf sie aufmerksam und war in ihren Bann gezogen. Ich hatte sie vorher völlig anders, falsch eingeschätzt und lernte durch das Interview, vor allem aber auch durch dieses Buch eine grossartige Frau, die mit Mut und Leidenschaft ihren Weg ging und geht, kennen. Den zweiten Band werde ich sicher auch noch lesen (Lebenswerk).
  • Gisèle Halime: Seid unbeugsam – aufgewachsen in Tunesien merkte sie schon bald, dass für Mädchen andere Regeln gelten als für Jungen. Da sie das nicht wollte, begehrte sie auf – mit Erfolg. Sie ging ihren Weg gegen alle Widerstände: Eine beeindruckende Frau, die dafür kämpfte, als Frau Rechte zu haben – für sich und für andere.

Ich freue mich auf mein Lese-Jahr 2022, viele Bücher liegen schon bereit, die thematische Ausrichtung wird da ansetzen, wo das Jahr 2021 aufhörte: Die Gesellschaft und die darin vorherrschenden Verteilungen, Intersektionalität, (soziale) Gerechtigkeit – und sicher werden auch der eine oder andere Roman und ein paar Gedichte Platz finden. Ich hoffe, ihr begleitet mich weiter durchs 2022.

Was waren eure Buchhighlights?





Juliane Frisse: Feminismus

Inhalt

«Feminismus (von lateinisch ‘femina für Frau):
umfasst als Oberbegriff alle politischen, geistigen, gesellschaftlichen und akademischen Strömungen, die sich kritisch mit Geschlechterordnungen auseinandersetzen und die für die Gleichberechtigung der Frau sowie gegen Feminismus eintreten.»

Zwar würde ich die Definition etwas anders schreiben, den Begriff «Frau» durch einen weiteren, die ganze Menschheit in all ihren Ausprägungen inkludieren wollen, aber er bringt doch gut zur Geltung, worum es geht – in diesem Buch und beim Feminismus.

Juliane Frisse hat eine gut verständliche und leicht lesbare, dabei trotzdem fundierte und aufschlussreiche Einführung in ein noch heute aktuelles Thema geschrieben. Neben der Klärung einschlägiger Begriffe stellt sie Feministinnen und Frauenrechtlerinnen vor, richtet den Blick auf die einzelnen Geschlechter und die jeweiligen Zuschreibungen, aus welchen (unter anderem) Rechte, Pflichten und Stellung resultieren und richtet den Blick auf verschiedene Themen im privaten wie öffentlichen Leben: Quoten, Liebe und Sexualität, Gewalt, und mehr.

Das Buch richtet sich an ein jugendliches Zielpublikum, ist aber auch für Erwachsene durchaus ein Gewinn.

Weitere Betrachtungen

«Denn dass unsere und andere Kulturen zwischen verschiedenen Geschlechtern unterscheiden – oft zwischen genau zwei Geschlechtern, Männern und Frauen -, beeinflusst viele Dinge: wie wir als Menschen leben, wie wir handeln, wer Macht hat und wer nicht.»

Der Begriff ‘Feminismus’ legt es nahe, dass es dabei um die Frau geht. Ihre Anliegen sollen behandelt werden, Missstände in der Gesellschaft, die sie betreffen, beseitigt werden. Dabei ist, auch darauf weist das Buch gut hin, zu sagen, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern deren viele. Sie unterscheiden sich in der Ausgangslage, indem sie Geschlechterzuschreibungen anders sehen, und auch im Hinblick auf die Ziele und die Methoden, die zu erreichen. Nun ist aber das biologische Geschlecht nicht der einzige Grund, weswegen es zu Diskriminierungen kommen kann, es ist darf folgendes nicht vergessen werden

«…, dass Menschen aus vielen Gründen Benachteiligung erfahren, nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern beispielsweise auch wegen ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion. »

Auch mit der Intersektionalität, der Begriff für die Betrachtung verschiedener Gründe für Diskriminierung, befasst sich das Buch. Daneben werden Begriffe wie Patriarchat, Bodyshaming, Rape Culture, Queer und einige mehr ausführlich behandelt und in einem Glossar am Schluss des Buches nochmals kurz definiert. Die verwendeten Quellen werden im Anhang aufgeführt und bieten so die Möglichkeit der Überprüfung oder auch der vertiefenden Lektüre. Ein wirklich informatives Buch für eine solide Einführung in ein aktuelles und wichtiges Thema.

Persönlicher Bezug

«Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.»

Was so offensichtlich klingt, ist es in Tat und Wahrheit nicht und vor allem noch nicht lange. War früher in Büchern vom Menschen die Rede, waren Männer gemeint, meist wurde sogar das noch mehr eingegrenzt und es waren nur freie und weisse impliziert. Es gab zu allen Zeiten Frauen, die sich dagegen auflehnten, manchmal konnten sich einzelne auch durchsetzen, doch in der Gesellschaft verfestigte sich nach und nach eine Struktur der männlichen Dominanz, die sich in alle Bereiche des täglichen Lebens ausbreitete. Das zu ändern ist das Hauptanliegen des Feminismus: Eine Gesellschaft aus gleichwertigen und gleich freien Menschen zu schaffen, denen die gleichen Chancen und Möglichkeiten offenstehen, sich ihr Leben einzurichten und zu leben – unabhängig vom Geschlecht, von der Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sonstigen individuellen oder auch kollektiven Zuschreibungen. 

Ich habe lange nicht gemerkt, wie sehr mich das Thema betrifft – auf persönlicher wie auch auf sachlicher Ebene. War Gerechtigkeit schon immer ein Thema, das mir am Herzen lag (im Leben und in der Forschung), so habe ich Missstände unserer Gesellschaft am eigenen Leib erfahren müssen durch die Jahre hindurch. Ich bereue, mich dem Thema nicht früher angenommen zu haben, denke aber: Besser jetzt als nie!

Fazit
Eine Einführung ein immer noch aktuelles Thema, gut lesbar, informativ und aufschlussreich. Nicht nur für junge Menschen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Juliane Frisse hat in Berlin Soziologie und Politikwissenschaft studiert und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. Seit September 2017 ist sie Redakteurin bei ZEIT ONLINE. Davor hat sie beim Bayerischen Rundfunk, bei jetzt.de und beim DUMMY VERLAG gearbeitet, zuletzt als redaktionelle Leitung für fluter.de. Für ein Radiofeature über das Frauenbild im Film wurde sie mit dem Juliane Bartel Medienpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Carlsen; 4. Edition (22. März 2019)
Taschenbuch: 208 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3551317445

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Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Was kann man vom eigenen Leben wissen?

„Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat“.

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

„Natürlich waren wir prätentiös – wozu ist Jugend sonst da?“

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte

„Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir. […] Sie stösst einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst.“

Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

„Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.“

Nach der Schule trennen sich ihre Wege, bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die ehemaligen Freunde ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert und Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man schnell lesen möchte und dabei doch immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

Dazu passt ein Zitat von Max Frisch:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.“

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julian Barnes
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Preise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Prize, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter die Romane „Flauberts Papagei,“ „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ und „Darüber reden“. Julian Barnes lebt in London. Gertraude Krueger, 1949 geboren, lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Siri Hustvedt, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & WitschVerlag (1. Dezember 2011)
ISBN-Nr.: 978-3462044331
Preis: EUR  18.99 / CHF 29.90

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Jasmina Kuhnke: Schwarzes Herz

Inhalt

«Schleichend verfestigte sich ein Selbstbild, gegen das ich nicht ankam, weil ich den Zuschreibungen von aussen nichts mehr entgegensetzen konnte. Ein Selbstbild, das nicht nur sagte: Ich kann nichts, sondern auch: Ich bin nichts.»

Am Rande des Ruhrgebiets wächst Anfang der neunziger Jahre ein Mädchen auf. Es ist eine Kindheit, wie man sie keinem Kind wünscht: Ein gewalttätiger Stiefvater, Ausgrenzungen in der Schule und Alltagsrassismus prägen ihr Leben. Während sie heranwächst, fühlt sie sich immer kleiner, rechnet immer und überall mit Gefahren. Als sich plötzlich ein Mann ernsthaft für sie interessiert, übersieht sie die Alarmzeichen, begibt sich in eine Beziehung, die bald zum Gefängnis wird. Und wieder prägen Gewalt und Herabsetzungen ihren Alltag. Sie weiss nur eines: Sie muss einen Ausweg finden, denn sonst wird sie das alles nicht überleben.

Weitere Betrachtungen

«Meine Oma, mein Onkel und meine Tante, mein Cousin und meine Cousine, wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Wenn sie mir das Gefühl gaben, anders zu sein, dann nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil sie es nicht besser wussten. Oft war ihr Vergalten eine Strategie, um mit den eigenen Kränkungen umzugehen, die das Leben bereithielt.»

Jasmina Kuhnke erzählt einerseits eine Geschichte, andererseits deutet sie auf gesellschaftliche Strukturen. Sie zeigt auf, wie Menschen mit anderen Menschen umgehen, wenn die nicht ihrer Norm entsprechen. Die Schwarze Hautfarbe ist dabei ein deutlich sichtbares Zeichen für eine Abweichung derselben, der Umgang damit vielfältig, im besten Falle gut gemeint oder schlecht durchdacht, im schlimmsten Fall ausgeprägter und verachtender Rassismus. Während der zweite offensichtlich ist, sind es die anderen Formen nicht. Das macht sie umso gefährlicher, weil sie unter der Oberfläche ein Milieu bereiten, auf welchem der Rest wachsen kann.

«Das Gefühl, richtig zu sein, wie ich war, ist mir schon als Kind abhanden gekommen. Als Teenagerin richtete ich mich nur darin ein, falsch im Leben zu sein.»

Wenn man von klein auf spürt, dass man anders ist, richtet das etwas mit einem an: Sich nicht dazugehörig zu fühlen gibt das Gefühl der Einsamkeit, des Alleingelassenseins in einer Welt, in welcher die anderen nicht nur zusammenstehen, sondern sich als solche Gemeinschaft auch noch gegen einen richten. Es ist schwer, wenn nicht fast unmöglich, in einem solchen Umfeld ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen, das hilft, das Unrecht, das einem widerfährt, tatkräftig zu bekämpfen. Einerseits ist die Angst, alles noch schlimmer zu machen, wohl gross, andererseits herrscht wohl auch das Gefühl vor, dass einem das nicht zusteht.

Jasmina Kuhnke ist ein eindringliches Buch gelungen, ein Buch, das berührt, erschüttert, aufrüttelt. Es ist ein Buch, das aufzeigt, was man in einem Leben als weisser Mensch nicht mal erahnen kann. Es ist dem Buch und der Menschheit zu wünschen, dass sich viele davon bewegen lassen, genauer hinzuschauen und Teil einer Veränderung werden zu wollen.

Beim Lesen des Buches passierte es leicht, die Protagonistin mit der Autorin gleichzusetzen. Zwar weiss man als professioneller Leser, dass man dies nicht tun sollte, selbst wenn die Geschichte in der Ich-Form erzählt wird, und doch fiel die Trennung bei dem Buch schwer. Und da liegt ein mögliches Problem: Die Geschichte ist in gewissen Details sehr extrem, weit weg von dem, was wohl viele der Leser selbst erfahren haben. Ist das Buch wirklich «nur» Roman, stellt sich die Frage, was Übertreibung, was wirkliche Realität ist. Das ist bei anderen Büchern unproblematischer, bei der Behandlung eines so aktuellen und brennenden Themas stellen sich mehr Fragen.

Die verwendete Sprache ist wenig literarisch, sondern oft sehr hart und teilweise vulgär. Das mag vor allem am Anfang durchaus zum Inhalt und dem sozialen Milieu der Geschichte passen, wirkt manchmal aber als zuviel und erscheint gegen den Schluss mit der Entwicklung der Protagonistin immer unpassender. Man hätte erwartet, dass sich die Sprache an die Entwicklung anpasst. Störend wirkten sehr viele Wiederholungen. Ein Lektorat hätte diese streichen müssen, um den Erzählfluss weniger zu stören.

Persönlicher Bezug

«Ohne den Druck, sich Gedanken darüber zu machen, was die Gesellschaft von mir hält, war ich frei. Sie hat mich eh nie als vollwertiges Mitglied betrachtet. Nun gibt es keine Zwänge mehr. Keine Anspruchshaltung oder die Angst vor Verurteilung. ich weiss, es liegt nicht in meiner Hand, ob man mich respektiert. Ich muss anfangen, mich selbst zu respektieren, und mein Selbstwertgefühl nicht weiter von aussen bestimmen zu lassen.»

Sätze wie dieser machen das Buch für mich zu einer Entdeckung. Nicht dass die Botschaft neu wäre, nur wirkt sie im Kontext dieser Geschichte nochmals deutlicher. Ich kenne von mir selbst das Gefühl (wenn auch zum Glück aus anderen Gründen und mit weniger dramatischen Auswirkungen), nicht dazuzugehören, in meinem Sein und Denken und Tun nicht der sich als normal setzenden Gesellschaftsmehrheit zu entsprechen. Auch ich habe schon gelitten unter Unverständnis, Spott, Ablehnung oder zumindest Ignoranz. Zu sehen, wie ein Mensch nach so vielen Rückschlägen, Tiefpunkten auf- und hinsteht, ist beeindruckend und macht Mut.

Fazit
Rassismus und soziale Ungerechtigkeit – wichtige Themen erzählt in der eindrücklichen und bedrückenden Geschichte einer Frau, die gegen Gewalt und Diskriminierung kämpfen und ihren Platz in einer ihr feindlich gesinnten Welt finden muss. Empfehlenswert!

Autorin
Jasmina Kuhnke wurde 1982 in Hagen geboren. Sie arbeitet als TV-Autorin und Kolumnistin für ein Satire Magazin. Jasmina lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Köln. Sie engagiert sich in der Öffentlichkeit unter ihrem Künstlernamen Quattromilf – „Mom I´d like to follow“ gegen Rassismus und Diskriminierung.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Buchverlag; 3. Edition (19. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3498002541

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Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens

Wer liest, sollte liebevoll auf Einzelheiten achten. Gegen den Mondschein der Verallgemeinerung ist nichts einzuwenden, vorausgesetzt, er zeigt sich, nachdem die sonnigen Kleinigkeiten des Buchs liebevoll zusammengetragen wurden. Wer mit einer fertigen Verallgemeinerung an ein Buch herangeht, beginnt am falschen Ende und bewegt sich von ihm fort, bevor er angefangen hat, es zu verstehen.

Literatur lesen bedeutet für Nabokov, mit Liebe an ein Werk heranzugehen und zuerst unbedarft und ohne Erwartungen aufzunehmen, was das Buch einem bietet. Nur so sei es möglich, die neuen Welten, die in einem Werk drin stecken, zu erfassen, sie zu erleben. Jede vorgefasste Meinung über ein Buch und Erwartung daraus stellt nach Nabokov einerseits eine Ungerechtigkeit dem Autor gegenüber dar und nimmt einem andererseits die wahre Freude an dem Buch, weil man sie so nie auf das Buch selber einlässt.

Wir sollten immer daran denken, dass mit jedem Kunstwerk, ausnahmslos, eine neue Welt erschaffen wird und diese stets als erstes so gründlich wie möglich erforschen, uns ihr als etwas völlig Neuem nähern, als einer Sache, die keine offensichtliche Verbindung mit den uns bereits bekannten Welten hat.

Romane sind so gesehen immer Märchen, sie stellen nie die Wirklichkeit dar, sondern sind erfundene Geschichten in erfundenen Welten. Dabei liefert immer die Realität den Rohstoff, aus denen man die Kunst schafft, die uns am Schluss als Roman entgegen tritt. Um dies zu erfassen, muss auch der Leser Eigenschaften mitbringen, die es ihm möglich machen, so zu lesen, dass sich die neuen Welten eröffnen.

Selbstverständlich ist ein guter Leser, wie Sie es sich schon gedacht haben, jemand, der über Vorstellungskraft, ein Gedächtnis, ein Wörterbuch und eine gewisse künstlerische Einfühlungsgabe verfügt.

Nachdem Vladimir Nabokov diese Grundzüge des Lesens und Lesers geklärt hat, geht er über, grosse Werke der europäischen Literatur auf diese Weise zu durchleuchten. Er zeigt, wie in Jane Austens Mansfield Park die einzelnen Personen eingeführt werden, wie man nach und nach in die Welt eintaucht, die Jane Austen zeichnet. Er analysiert den Aufbau, die Einleitungen von Szenen, die Darstellung von Gefühlen, die Beschreibung von Situationen, weist auf Austens Stilmittel hin. Neben aller wohlwollenden Liebe zu dem Werk zeigt er auch auf dessen Schwachstellen, die sich besonders am Schluss zeigen, indem er der Autorin einen gewissen Überdruss am eigenen Werk zuschreibt, welchen er an der zerfasernden Struktur desselben festmacht.

Als nächstes Wendet sich Nabokov Dickens zu, setzt das Leseerlebnis bildlich von dessen Bleakhaus in Beziehung zu dem des Mansfield Parks. Wieder sticht er in die Tiefe des Werkes, beleuchtet die Kernmotive, analysiert sie und zeigt ihren Gang durch den Roman. Er beleuchtet die Beziehungen der Figuren untereinander, zeigt, wie diese lebendig wirken und geht auf so manches Detail der Dickenschen Romanschreibung ein. Ebenso verfährt er mit Flauberts Madame Bovary, Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde und Kafkas Verwandlung.

Doch wieso soll man überhaupt lesen, vor allem in Anbetracht der Umstände, die das reale Leben mit sich bringen? Lesen wird, so Nabokov, nicht helfen, das Leben zu meistern oder mit seinen Umständen besser zurecht zu kommen. Es kann aber, wenn es auf die richtige Weise und mit Liebe zum Kunstwerk geschieht, ein gutes Gefühl und eine Befriedigung über einen bringen, so dass es im Leben nicht nur Widrigkeiten, sondern auch Vollkommenheit und Inspiration gibt.

In einem zweiten Teil wendet sich Vladimir Nabokov Meisterwerken der russischen Literatur zu, er spricht über Gogols Der Mantel, Tolstois Anna Karenina und Tschechows Die Dame mit dem Hündchen. Auch ein Kapitel über Dostojewski findet sich, zu dem er sich eine eigentümliche und schwierige Haltung attestiert. Er sieht in schwanken zwischen brillantem Humor und literarischen Plattheiten. Dass Nabokovs Verhältnis zur Literatur Dostojewskis gespalten ist, zieht sich durch den ganzen Text, der sich stark auf die Schwächen des Schreibens konzentriert und diese auch gut belegt. Trotz alledem hat er ihn seine Auswahl der russischen Meisterwerke aufgenommen, dies wohl eher wegen der begeisterten Rezeption als wegen des in seinen Augen mangelhaften literarischen Werts.

Aus Nabokov spricht eine grosse Liebe zur und Kenntnis der Literatur. Diese Liebe geht beim Lesen dieses Werkes auf einen über, man möchte hingehen und alle vorgestellten Bücher nochmals lesen, sie noch genauer lesen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über die Liebe zum Lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Vladimir Nabokov
Vladimir Nabokov wurde am 22. April 1899 in St. Petersburg als Kind einer russischen Adelsfamilie geboren. Er kam wegen seines westlich orientierten Vaters schon als Kind in Kontakt mit der Weltliteratur, sprach französisch und englisch. Bereits mit 17 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband.   Das politische Engagement des Vaters bringt diesem verschiedene Inhaftierungen und führt schliesslich zur Flucht nach London. Nabokov studiert an der Universität Cambridge Romanistik und Russische Literatur und zieht nach dem Studium nach Berlin. Er publiziert unter dem Pseudonym V. Sirin, kann aber nicht leben von der Literatur und hält sich mit Tennis- und Boxunterricht über Wasser. 1937 folgt die Emigration nach Paris, 1940 die Flucht in die USA, wo er als Kurator des zoologischen Museums an der Harvard University arbeitet und wissenschaftlich schreibt. 1948-1958 hat er eine Professur für russische und europäische Literatur an der Cornell Universität inne. 1955 erscheint sein Roman Lolita, der für Aufruhr sorgte, aber  grosse Erfolge einfuhr. Er kann in der Folge vom Schreiben leben. 1961 folgt die Übersiedlung in die Schweiz, nach Montreux, wo er 1977 stirbt. Werke Nabokovs sind unter anderem Die Mutprobe (1932), Verzweiflung (1934), Lolita (1955), Ada oder das Verlangen (1969).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 253 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (Juli 2010)
Übersetzung aus dem Englischen: Karl A. Klewer
ISBN: 978-3596902804
Preis: EUR  12/ CHF 17.90

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Gisèle Halimi: Seid unbeugsam!

Inhalt

«Es ist und bleibt ein Fluch, auf jeden Fall in den meisten Ländern der Erde, als Mädchen geboren zu werden. Zumindest bedeutet es weniger Chancen […] Überall auf der Welt lehnen sich unterdrückte Völker gegen ihre Unterdrücker auf, und Versklavte befreien sich. Also – warm mobilisierte die Frauenfrage nicht mehr Menschen? Worauf warten die Frauen, um sich zu erheben und laut zu sagen: ‘Es reicht!’?» .»

Schon von klein an erlebt Gisèle Halimi, dass es ein Fluch ist, als Mädchen geboren zu werden, dass man nicht die gleichen Rechte hat wie Jungen. Das will sie sich nicht gefallen lassen, weil sie es unfair findet und auch, weil sie Träume im Leben hat. Sie studiert Jura und setzt sich für die Belange von Frauen ein, aus der Überzeugung heraus, dass wir eine gerechtere Welt brauchen, eine, in welcher Frauen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben wie Männer.

«Ich war fest entschlossen, meinen Weg zu gehen, egal, ob das gut ankam oder nicht. Mein Weg führte zunächst über diesen masslosen Wissensdurst. Und über Bücher […] Damals begriff ich, dass Bücher mir Vertrauen und Kraft gaben. Vertrauen in meine Zukunft. Kraft, um die erdrückende Last zu tragen, die es mit sich brachte, als Frau geboren zu sein. Als Mensch zweiter Klasse.»

In einem Gespräch mit Annick Cojean erzählt Gisèle Halimi von ihrem Leben. Sie erzählt, wie sich ihr (tunesischer) Vater schämte, dass sie als Mädchen auf die Welt kam, wie sie sich als Kind weigerte, ihre Brüder bedienen zu müssen, sich einer Zwangsheirat widersetzte, nach Paris zum Jurastudium ging und als eine der ersten Frauen vor Gericht stand. Sie erzählt auch von den Schwierigkeiten, die sie auf diesem Weg hatte, immer aus einem Grund: Weil sie eine Frau war.

Entstanden ist ein bewegender Blick auf ein bewegtes Leben, ein Leben, das im Dienst einer gerechteren Welt steht, das Leben einer Frau, die etwas verändern will und sich dafür einsetzt. Unermüdlich.

Weitere Betrachtungen

«Mein Geschlecht sollte auf keinen Fall meiner Sache schaden! Ich tat also alles, was ich konnte, damit man vergass, dass ich eine Frau war. Damit sie mir zuhörten. Damit sie mich ernst nahmen. Damit ich eine Chance hatte, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, allein durch die Kraft meiner Worte und meiner Argumentation.»

Halimi beschloss, sich nicht von ihrem Frausein beirren oder gar behindern lassen zu wollen. Mit grossem Wissensdurst durchlief sie die Schule und setzte sich ein. Sie wusste, dass sie mehr leisten musste als die anderen, um bestehen zu können – und sie tat es. Sie fand Halt und Mut in Lehrern, in Büchern, und immer wieder auch in sich selber. Und sie wusste vor allem eines schon früh:

«dass ich etwas verteidigen, für etwas eintreten wollte. Gegen Ungerechtigkeit kämpfen und die Welt verändern wollte, die ich als so schlecht empfand.»

Ihr Leben war zu einem grossen Teil dem Feminismus gewidmet, dem Einsatz für einen besseren Stand der Frau in einer von Männern dominierten Welt. Dabei war sie aber nie eine Männerfeindin, eng an ihrer Seite war immer ihr Mann, der sie in ihrem Tun begleitete und unterstützte. Und viele andere Menschen, da man die Welt nie alleine verändern kann, man braucht Gleichgesinnte, man kann es nur gemeinsam schaffen. Darum auch ihr Aufruf:

«Habt keine Angst, euch Feministinnen zu nennen. Das ist ein wunderbares Wort. Der Feminismus ist ein entschlossener Kampf ohne Blutvergiessen. Eine Philosophie, die die Beziehung zwischen Männern und Frauen neu erfindet und sie endlich auf Freiheit gründet. Ein Ideal, das eine friedliche Welt in Aussicht stellt, in der das Schicksal der einzelnen Menschen nicht von ihrem Geschlecht bestimmt wird und in der die Befreiung der Frauen bedeutet, dass auch die Männer befreit werden – vom Diktat der Männlichkeit. Denn auf ihren Schultern lastet die grosse Bürde.»

Persönlicher Bezug
Diese Frau fasziniert mich in ihrer Leidenschaft für eine Sache und ihrem unbeugsamen Willen, einzustehen für ihre Werte, für ihre Überzeugung. Gerechtigkeit ist ein Antrieb, den auch ich kenne. Schon als kleines Kind war es mir eines der wichtigstes Gut, der Satz «Das ist ungerecht» fiel oft bei uns zu Hause. Im Studium konnte ich dieses Thema vertiefen, ich forschte in der Philosophie danach, was Gerechtigkeit überhaupt sein könnte, ob es sie überhaupt gibt. Das Thema liess mich nicht los. Ich hatte das Glück, für meine Dissertation ein Stipendium im Bereich «Historische Wahrheit, historische Gerechtigkeit zu erhalten». Das Thema ist leider ein wenig in den Hintergrund geraten. Nicht dass es nicht auch heute noch einer meiner wichtigsten Werte ist, aber ich setze mich (zu) wenig dafür ein. Das möchte ich auch wieder ändern. Dieses Buch hat mir Mut gemacht.

Fazit
Ein inspirierendes und packendes Buch einer grossartigen Frau, die ihr Leben unermüdlich in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt hat und mit grossem Einsatz dafür einsteht. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Mitwirkende
Gisèle Halimi, 1927 in Tunesien geboren und 2020 in Paris gestorben, gilt als Ikone der Frauenbewegung. Als Rechtsanwältin setzte sie sich u.a. für die Legalierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Frankreich ein. Ihr Einsatz für die algerische Freiheitskämpferin Djamila Boupacha an der Seite von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre machte sie weltberühmt. Sie kämpfte ihr Leben lang für die Freiheit und die Rechte der Frauen.

Annick Cojean arbeitet als internationale Korrespondentin für die französische Tageszeitung Le Monde und ist eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. Sie hat bereits mehrere preisgekrönte Bücher veröffentlicht, zuletzt den Porträtband „Was uns stark macht“ (2019) über inspirierende Frauen wie Patti Smith, Virginie Despentes, Joan Baez, Aslı Erdoğan, Vanessa Redgrave u.a.

Kirsten Gleinig hat Germanistik, Kunstgeschichte und Romanistik in Göttingen und Aix-en-Provence studiert. Seit 2002 ist sie freiberuflich als Lektorin tätig sowie als Übersetzerin und Autorin mit den Schwerpunkten Belletristik, Biografien, Kunst, Frankreich und Reise.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau; 1. Edition (15. November 2021)
Gebundene Ausgabe: 140
ISBN-Nr.: ‎ 978-3351038953

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Andrea von Treuenfeld: Erben des Holocaust

Inhalt

«Was bedeutet es für die Nachgeborenen, in dieser Atmosphäre aufzuwachsen? Wie war es, wenn Schweigen herrschte, nicht gesprochen wurde über das, was allgegenwärtig war, aber nicht benannt wurde?»

Was die Menschen im Zweiten Weltkrieg durchmachen mussten, welches Leid sie erlebt haben, ist wohl unermesslich. Dass die Überlebenden nach dem Krieg oft geschwiegen haben, hat dies noch befördert. Und doch trugen sie das Erlebte weiter, sie erzählten es den Kindern nicht, sie gaben es durch ihr Verhalten weiter, sie vererbten es sogar.

«Dennoch haben die Überlebenden ihre aus dem Holocaust resultierenden Traumata an die nächste Generation weitergegeben, was sogar festzustellen ist anhand der bei den Eltern und Kindern identischen Veränderungen bestimmter Gene.»

In diesem Buch berichten Kinder von Überlebenden darüber, wie es war, mit ihren Eltern und deren Vergangenheit aufzuwachsen und zu leben.

Weitere Betrachtungen

«Meine Eltern hatten eine grosse Last zu tragen, das spürte ich diffus. Doch ich hatte keine Ahnung, was das denn sein könnte. Sie sprachen ja nicht darüber. Deshalb feixte das Gespenst hinter dem Vorhang, und meine Jugend durchzog das Gefühl von Verlorenheit.»

Die Überlebenden des Krieges waren oft traumatisiert und sie konnten über das Erlebte nicht sprechen. Einerseits fehlten ihnen selber die Worte oder der sprachliche Ausdruck hätte es nochmals zu präsent gemacht, andererseits wollten sie auch keinen belasten. Doch gerade das taten sie mit dem Schweigen. Die daraus resultierenden Verletzungen, Prägungen und Verunsicherungen haben das Leben der nachkommenden Generation nachhaltig geprägt.

«Alles war Disziplin. Und Verdrängung. Für sie war das der absolute Weg, ich möchte das nicht verurteilen.»

Es geht in dem Buch nie um eine Verurteilung, um eine Anklage. Es sind Zeugnisse von heute erwachsenen Kindern über ihre Kindheit und das, was sie daraus nachhaltig geprägt hat.

«Natürlich bin ich geprägt durch dieses disziplinierte Durchhalte-Muster der Eltern. Ich strotze bis heute vor Selbstdisziplin […] Ich neige dazu, mich beruflich bis an alle Grenzen zu fordern.»

Obwohl jede Familie anders war, zeigte sich in allen Familien etwas Gemeinsames. Das Vergangene ist nicht einfach vorbei. Marcel Reif, Nina Ruge, Sandra Kreisler, Ilja Richter und viele andere erzählen von ihren Erfahrungen als Kinder von Überlebenden, sie berichten von der Zeit damals und ihren Empfindungen und den prägenden Folgen für ihr Weiterleben. Entstanden sind eindrückliche und persönliche Zeugnisse davon, wie Leid weitergegeben wird, wie traumatische Erlebnisse nicht einfach verschwinden, sondern noch Jahre nachwirken, oft über Generationen. Ein Grund mehr, dass die Ursachen nicht vergessen werden dürfen, in der Hoffnung, dass eine Wiederholung dadurch und daraus resultierendes Leid verhindert werden können.

Persönlicher Bezug
Ich habe im Zug meiner Forschung um den Zweiten Weltkrieg, welche eine tiefe Auseinandersetzung mit Überlebenden und deren Zeitzeugnissen beinhaltete, viel über das Leid der direkt Betroffenen erfahren. Ich habe gelesen und gehört, was sie erlebt haben, wie sie die Nachkriegszeit erfahren haben, was für sie das Weiterleben bedeutet hat. Dieses Buch hat mir nun aufgezeigt, welche Auswirkungen all das auf die nachkommende Generation hatte. Da ich sehr gerne persönliche Geschichten, Memoirs und Biografien lese, kam mir die in dem Buch gewählte Form natürlich sehr gelegen.  

Fazit
Ein wichtiges Buch, weil es hilft, nicht zu vergessen, was nie vergessen werden darf. Ein persönliches und berührendes Buch darüber, wie Traumata vererbt werden und was dies für die nachkommenden Generationen bedeutet. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Andrea von Treuenfeld hat Publizistik und Germanistik studiert und als Kolumnistin, Korrespondentin und Leitende Redakteurin u.a. bei der Welt am Sonntag gearbeitet. Heute lebt sie in Berlin und schreibt als freie Journalistin Porträts und Biografien.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Gütersloher Verlagshaus (27. Februar 2017)
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
ISBN: 978-3579086705

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Sprache und Haltung

In einer Woche ist Weihnachten und ich kann es irgendwie noch gar nicht ganz fassen, dass das so sein wird. Ich bin kein Weihnachtsfan, vielleicht, weil Weihnachten für mich mit wenig Geschichten, wenig Erinnerungen, wenig positiven Gefühlen verbunden ist. Ich erinnere mich nicht an die Feste, weiss nicht mehr, wie wir zusammensassen, ob und wie ich mich freute über etwas. Ich erinnere mich an nichts und somit verbinde ich nichts mit Weihnachten. Die Gründe dafür können vielfältig sein, vermutlich ist es eher ein Verdrängen als ein Vergessen, schlussendlich ist es irrelevant – es ist, wie es ist. Heute kommt noch etwas dazu bei Weihnachten: Es ist irgendwie ein „Von-allem-Zuviel“: Zu viele Geschenke, zu viele Termine, zu viel Hektik… und zu wenig Ruhe, Musse, wirkliche Besinnlichkeit, die man der Zeit doch immer auf die Fahnen schreiben will. 

Eigentlich komisch, dass ich dann kürzlich sagte, das sei wie Weihnachten, als mir was wirklich Gutes widerfuhr. Ich hatte Zeit und Musse, wirklich lange in einer Buchhandlung zu sein, mich durch Regale und Bücher zu bewegen, zu stöbern, zu versinken. Am Schluss lief ich mit einer wunderbar gefüllten Tasche und ganz viel Vorfreude auf das Leseerlebnis hinaus. Ich kann mich nicht daran erinnern, an Weihnachten früher so ein Gefühl gehabt zu haben. Vielleicht ist es das Gefühl, das ich gerne gehabt hätte. Aber noch eher ist es einfach eine spontane Sprachwendung ohne tiefere Wort-Bedeutung.

Vor nicht langer Zeit kam es zu Diskussionen, weil ein süsses schokoladeüberzogenes Schaumgebäck seinen Namen ändern sollte. Nachdem das N-Wort schon lange nicht mehr adäquat war, sollte es nun auch dem M-Wort an den Kragen gehen. Die Begründung dafür war einfach: Das Wort verletzt die Gefühle von Menschen mit schwarzer Hautfarbe, sie fühlen sich dadurch herabgesetzt und beleidigt. Man könnte meinen, dass so eine Begriffsänderung eine Bagatelle sei, dass es nicht wirklich wichtig wäre, wie das Ding heisst, solange es schmeckt. Weit gefehlt. Das habe man immer so genannt. Das habe nichts mit den sich verletzt fühlenden Menschen zu tun. Die sollen sich mal nicht so anstellen, zumal man ja nichts gegen sie habe, dies nur ein Wort sei. Aber das wollte man sich nicht nehmen lassen. Schliesslich, so die Argumentation, denke man sich ja nichts dabei. Und vermutlich ist gerade das das Problem.

Wir verwenden Sprache oft auf eine unbewusste Weise. Wir hängen an alltagssprachlichen Gewohnheiten, ohne wirklich hinzuschauen. Dass es da nicht ausbleibt, dass Begriffe unbedacht verwendet werden, liegt auf der Hand. Das hat bei einer Redewendung wie eingangs erwähnt wenig Konsequenzen, kann aber in anderen Fällen schwerwiegendere Folgen haben: Dann nämlich, wenn man Menschen durch verletzende Ausdrücke und Zuschreibungen abwertet und diskriminiert. Das sind Menschen, die sich ihre Identität(en) nicht ausgesucht haben, die damit geboren wurden und nun damit leben. Sie wünschen sich in ihrem So-Sein genauso angenommen zu sein wie alle anderen. Sie möchten als gleichwertige Menschen unter Menschen leben können, ohne Angst zu laufen, in ihrer Würde und ihrem Sein angegriffen zu werden.

Wird das alles zum Thema, hört man die immer gleichen Argumente: Es ist nicht böse gemeint, das sagte man immer so, man wolle sich den Mund nicht verbieten lassen. Mir stellen sich dabei zwei Fragen:

  1. Ist ein offensichtlich unangebrachtes Wort so viel Wert und so wichtig, dass es egal ist, wenn damit ein Mensch (eine ganze Gruppe von Menschen) verletzt, abgewertet und sogar entwürdigt wird?
  2. Ist Sprache nicht auch etwas Prägendes? Was ich sage, prägt mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln.

Wenn ich davon ausgehe, dass Sprache nicht nur einen Einfluss auf das Befinden des anderen hat, sondern auch auf mich als Sprechenden eine Wirkung ausübt, ist es umso wichtiger, mir dessen bewusst zu sein, was ich sage. Die Wahl der Worte, der bewusste Einsatz derselben kann mein Denken ändern und damit auch meine Haltung. Selbst wenn ich vordergründig wirklich nichts gegen Menschen habe, die ich mit einer unbedachten Sprache abwerte, würde in der Weigerung, diese zu ändern, sobald ich auf die Verletzung dieser Menschen durch mein Sprechen erfahre, ein latenter Angriff und eine Herabsetzung ihres Seins und Fühlens stecken. Und dann wäre es umso wichtiger, wirklich hinzusehen und etwas zu ändern. Die angemessene Sprache ist ein erster Schritt dahin.

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen

Inhalt

«Erschöpfung ist kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck eines kollektiven Leidens, das auch gesellschaftliche und nicht zuletzt ökonomische Ursachen hat.»

Frauen haben in der heutigen Zeit so viele Möglichkeiten, wie wohl nie zuvor. Sie waren wohl auch noch nie so vielen Erwartungen ausgesetzt wie heute, und müssen gleichzeitig noch immer mit Benachteiligungen leben, die keiner rationalen Grundlage, sondern nur einer über Jahrzehnte gewachsenen Struktur geschuldet sind. Noch immer verdienen Frauen weniger, erwartet man von ihnen die Sorge um die Mitmenschen, oft auch als Gratisarbeit, sollen sie am besten gefällig, nett anzuschauen und möglichst angepasst sein.

Das stille sich Hineinfügen in die immer noch vorhandenen Ungerechtigkeiten aber auch der Kampf, etwas zu ändern, kosten Kraft, Kraft, die nicht unendlich vorhanden ist und die mehr und mehr ausgeht und Frauen in die Erschöpfung treibt.

Franziska Schutzbach schaut genau hin, thematisiert die Missstände, belegt sie mit eindeutigen Zahlen und zeigt so den dringenden Handlungsbedarf, der auch heute noch herrscht.

Weitere Betrachtungen

«Eine feministische Arbeit gegen die Erschöpfung ist eine Arbeit an Beziehungen. Wenn Menschen ihre Sehnsucht nach Bezogenheit und ihre Bedürftigkeit nach Umsorgung ernst nehmen, wenn sie zueinander in Beziehung stehen, können sie sich einander verletzlich zeigen – und auch erschöpft. Wenn Menschen in Beziehung stehen, können sie ohne Angst verschieden sein.»

Wir haben es noch nicht geschafft, Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. Bücher wie dieses können dabei helfen, die Augen zu öffnen für die Missstände, die noch immer herrschen. Dass dies nicht das Anliegen eines Einzelnen sein kann, liegt auf der Hand. Wir leben in einer Welt, in welcher sich ein System über Jahrzehnte herausgebildet hat. Es liegen klare Rollenbilder vor, wie Frauen (und Männer) zu sein haben und wie sie behandelt werden (dürfen, wie die landläufige Meinung zu sein scheint). Es reicht nicht, wenn eine Einzelne in einer persönlichen Situation einfach reagiert, es bedarf des gemeinsamen Kampfs gegen diese Missstände, denn sonst wird sich nie etwas im Grossen ändern, sonst werden sich das System und dessen immanente Struktur nie zu einem Besseren verändern.

«Im Nachhinein wird ausgeklammert, welche Radikalität notwendig war, damit sich überhaupt etwas verändert, und dass Frauen für ebendiese Radikalität angegriffen und gehasst wurden.»

Franziska Schutzbach zeigt auf, wie Frauen in vielen Belangen des täglichen Lebens in ihren Ressourcen ausgenutzt, wie sie kulturell und sozial benachteiligt und in ihren Rechten beschnitten werden. Zwar haben wir durch den langen Weg der Frauenbewegungen schon einiges erreicht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Dass es kein einfacher Weg war, zeigt die Geschichte, er wird auch jetzt nicht leichter werden, da die Privilegierten ungern auf ihre (unverdienten) Privilegien verzichten wollen und alles dransetzen, sich diese zu bewahren.

Franziska Schutzbach ist eine fundierte, gut recherchierte und informative Arbeit gelungen. Die Autorin verweist auf aufschlussreiche Studien und Schriften namhafter Theoretikerinnen und präsentiert die Ergebnisse auf eine gut lesbare und verständliche Weise. Entstanden ist so ein Buch, das zum Nachdenken und Weiterdenken und hoffentlich auch zur Tat anregt.

Persönlicher Bezug

«Wer sich öffentlich für feministische Anliegen ausspricht, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Diese massiven Widerstände sind erschöpfend.»

Es war und ist nicht einfach, sich Feministin zu nennen, da man dann sofort in eine Ecke gedrängt und oft angefeindet wird. Die Reaktionen, die von Ignoranz über Belächeln bis hin zum Angriff und zur Beleidigung reichen, zeigen deutlich, wie viel noch im Argen liegt, denn wenn etwas so heftig abgelehnt und bekämpft wird, dann hat man in ein Wespennest gestochen, einen Missstand entdeckt. Es wird nichts bleiben, als weiterzumachen, Feminismus als wichtige Aufgabe und aktives Tun zu sehen, um den Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft weiterzugehen. Ich hoffe, dass gerade auch Frauen merken, dass sie nur gemeinsam Erfolg haben werden, dass nur gelebte Solidarität und ein aktives Miteinander helfen, so eingefahrene Strukturen zu verändern. Leider mangelt es gerade daran oft.

Fazit
Ein wichtiges Buch über ein aktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt. Ein Aufruf, weiterzukämpfen für eine gerechte Welt, in welcher Menschen nicht ihres Geschlechts wegen benachteiligt sind. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Droemer HC (1. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
ISBN: 978-3426278588

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Christa Wolf: Sämtliche Essays und Reden

Inhalt

«Ist es überhaupt noch möglich, Bücher zu schreiben, die hüben wie drüben in gleicher Weise wirken? […] Wir haben nur noch nicht genügend verstanden, dass es nicht irgendeine, sondern die Forderung an einen deutschen Schriftsteller unserer Zeit ist, Nationalbewusstsein schaffen zu helfen.»

Diese Zeilen schrieb Christa Wolf 1961 in ihrem Diskussionsbeitrag ‘Probleme junger Autoren’ zur Vorbereitung des V. Deutschen Schriftstellerkongresses. Christa Wolf hat sich in ihrem langen Leben immer wieder mit dem Schreiben, Lesen, der gesellschaftlichen und politischen Situation Deutschlands sowie vielem mehr beschäftigt und dazu tiefgründige und zum Nachdenken anregende Essays geschrieben und Reden gehalten. Diese sind nun von Sonja Hilzinger für die vorliegende Publikation zusammengetragen worden.

Weitere Betrachtungen

Christa Wolf selber machte keinen Unterschied zwischen ihrer literarischen Prosa und der Essayistik. Beides, so Wolf, entspringe ihrer Erfahrung, der Erfahrung sowohl mit sich selber wie auch der Welt um sie herum. In ihrer Essayistik behandelt sie denn auch die ganze Bandbreite ihrer Interessen und Lebensinhalte: Das Schreiben, das Lesen, die Politik sowie die gesellschaftlichen Umstände. Durch die hier gesammelten Essays und Reden erhält man so einen sehr interessanten (und natürlich auch persönlich-subjektiven) Einblick in das kulturelle und sozialpolitische Geschehen der Jahre von Christa Wolfs Leben und Schaffen.

Der Umfang der Texte erforderte eine dreibändige Ausgabe:

  • Band 1: Lesen und Schreiben 1961 – 1980
  • Band 2: Wider den Schlaf der Vernunft 1981 – 1990
  • Band 3: Nachdenken über den blinden Fleck 1991 – 2010

Sie zeigt darin auf, wie der Einzelne auf das Ganze der Welt wirkt:

«Unsere blinden Flecke, davon bin ich überzeugt, sind direkt verantwortlich für die wüsten Flecken auf unserem Planeten.»

Worin das Talent von Künstlern liegt:

«Ein grosses Talent zeichnet sich nicht dadurch aus, dass ihm zufällt, was anderen Mühe macht. Viel eher kennzeichnet es die Fähigkeit, sich aller Mittel zu seiner Verwirklichung, die seine Zeit ihm in die Hand gibt, auf ertragreichste Weise zu bedienen.»

Reflexionen zum eigenen Schreiben:

«Ich schreibe, um herauszufinden, warum ich schreiben muss. – Tatsächlich wird Schreiben für mich immer mehr der Schlüssel zu dem Tor, hinter dem die unerschöpflichen Bereiche meines Unbewussten verwahrt sind; der Weg zu dem Depot des Verbotenen, von früh an Ausgesonderten, nicht Zugelassenen und Verdrängten; zu den Quellen des Traums, der Imagination und der Subjektivität.»

Und vieles mehr. Wer mehr von und über Christa Wolf erfahren will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt, es ist eine wunderbare Wundertüte voller weiser Gedanken zu einer grossen Bandbreite von Themen.

In ausführlichen und informativen Kommentaren erfährt der Leser den Zeitpunkt der Entstehung, der Publikation sowie den Anlass oder das Medium derselben. Dies ist gerade bei den politischen Texten sehr wertvoll, hilft es doch, die Texte noch besser ins Zeitgeschehen einzuordnen.

Persönlicher Bezug
Ich mag literarische Texte, liebe die Literatur, was ich aber ebenso und manchmal noch mehr liebe, sind Essays, gerade die von Literaten. Sie versprechen oft einen klaren Blick auf ein bestimmtes Thema und präsentieren diesen in einer literarischen, schön zu lesenden Sprache. In Essays zeigt sich noch viel mehr als in der Literatur der Scharfbllick des denkenden Menschen, offenbaren sich die Gedankengänge der jeweiligen Person, öffnen sich Einblicke in die Meinungen und Ansichten eines schreibenden Menschen. Christa Wolfs Essays und Reden sind ein grossartiges Beispiel dafür.

Fazit
Ein wunderbar umfassender Blick auf Christa Wolfs Denken und Schaffen. Kompetent und aufschlussreich zusammengetragen und präsentiert. Sehr empfehlenswert.

Autorin und Herausgeberin
Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas Mann Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb 2011 in Berlin.

Sonja Hilzinger, Privatdozentin für Neuere deutsche Literatur, lebt in Berlin und arbeitet als freie Autorin, Lektorin und Wissenschaftsberaterin. Zum Werk Christa Wolfs veröffentlicht sie seit 25 Jahren und hat u.a. die zwölfbändige Werkausgabe ediert.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Suhrkamp Verlag; Originalausgabe Edition (16. August 2021)
Taschenbuch: 1800 Seiten (Drei Bände im Schuber)
ISBN-Nr.: ‎ 978-3518471609

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#abcdeslesens – T wie The Road Not Taken (Robert Frost)

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Eines der wohl bekanntesten Gedichte von Robert Frost, fast möchte ich sagen, der englischsprachigen Dichtung. Im Spiel mit dem Bild eines Weges, der für den Lebensweg stehen kann, trifft der Gehende auf eine Weggabelung. Welchen Weg soll er beschreiten? Was verspricht der eine, was der andere? Was werden sie beide halten? Vor dem Gehen wird man es nicht wissen, man kann nur Abwägungen machen, die Wege von aussen betrachten, Vorstellungen zu Hilfe ziehen – und dann wird man eine Entscheidung treffen müssen.

Das Ich im Gedicht schaut sich die Wege an, schaut dem einen nach, bis er sich der Sicht entzieht, begutachtet den anderen. Vieles deutet darauf hin, dass beide etwa gleich viel begangen worden sind, und doch gibt es Spuren für das Gegenteil. Beide Wege liegen gleich vor ihm an diesem Morgen. Und so entscheidet sich das Ich für einen, behält sich den anderen für später vor, im Wissen, dass ein Weg oft in einen anderen führt, die Chance also gross ist, dass es nie mehr an den Punkt von heute zurück kehren wird.

Oft im Leben stehen wir vor Entscheidungen und überlegen nach allen Seiten, welche die für uns beste sei. Wir wägen ab, stellen uns Konsequenzen vor und wissen, dass jede Entscheidung für etwas, auch eine gegen etwas anderes sein wird. Nur: Wir können nicht alles haben, wir müssen eine Wahl treffen. Und: Vieles im Leben kommt nicht wieder.

Bemerkenswert ist der letzte Vers. In der ersten Zeile heisst es da, dass das ich dies mit einem Seufzen sagen werde. Das Ich sagt es nicht mal jetzt, sondern erst irgendwann und irgendwo, dann, wenn der Weg gegangen ist und es sehen wird, wohin er geführt hat. Was aber bedeutet das? Ein Seufzen ist keine eindeutige Angelegenheit. Je nachdem, wie man seufz, kann es Erleichterung oder Bedauern ausdrücken. Wir wissen nicht, welche Art des Seufzen es hier sein wird.

Und dann wird alles nochmals zusammengefasst: Wir haben die klare Ausgangslage der zwei Strassen, die sich trennen in einem Wald. Und dann folgt die Entscheidung: Das Ich nimmt den Weg, der weniger begangen ist. Und das macht den ganzen Unterschied. Was nun so klar daliegt, ist allerdings alles andere als klar. Wir wissen nicht, welchen Unterschied das macht, ob dieser positiv oder negativ ist für das Ich, das den Weg gegangen ist. Und vermutlich ist das gar nicht wichtig. Nur schon das Treffen einer Entscheidung hat einen Unterschied gemacht, indem ich nämlich weiter gehe im Leben und nicht stehen bleibe. Einmal getroffen, gilt es, den Weg zu gehen. Bis sich wieder neue Weggabelungen zeigen.

Ich konzentriere mich in meinem Blog und auch in meinem Lesen allgemein mehrheitlich auf deutschsprachige Literatur, doch gibt es so ein paar Lieblinge aus anderen Ländern, die ich nicht missen möchte. Robert Frost ist einer davon. Die Schwierigkeit, die sich dabei zeigt, ist die des Übersetzens – gerade in der Lyrik (sie ist aber auch in der Prosa ein grösseres Thema, als landläufig angenommen wird, da ein falscher Sprachduktus in der übersetzten Sprache das ganze Buch komplett verändern kann und viel vom Charme wegfällt, welchen das Original hatte). Zwar verstehe ich Englisch durchaus ziemlich gut, was bei anderen Sprachen leider nicht mehr der Fall ist, ich habe mich bei diesem Gedicht aber doch um Übersetzungen bemüht, vor allem auch, weil ich das Gedicht so liebe und es auch Menschen zugänglich machen möchte, welche im Englischen nicht so bewandert sind.

Deutsche Übersertzung von Lars Vollert:

Ein Weg ward zwei im gelben Wald.
Betrübt, dass ich nicht beide gehen
Und Einer sein kann, macht’ ich Halt
und sah dem einen nach, der bald
im Dickicht war nicht mehr zu sehn.

Ich nahm darauf den andern dann.
Sein gutes Recht gewährt’ ich ihm:
Das Gras stand dort schon wieder lang,
obgleich er durch der Leute gang
genauso ausgetreten schien.

Auf beiden an dem Morgen lag
das Laub von Tritten nicht zerdrückt.
Dem ersten blieb ein nächster Tag!
Weil eins zum andern führen mag,
ahnt’ ich, ich käm wohl nicht zurück.

Ich sag mit einem Seufzen sicherlich,
wenn viele Jahre ich verbracht:
Ein Weg ward zwei in einem Wald, und ich –
ich nahm den einsamen für mich,
das hat den Unterschied gemacht.

_____

Literaturhinweis:
Robert Frost: Promises to keep. Poems Gedichte, Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert, C. H. Beck textura, 9. Auflage, München 2016.

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

Inhalt

«Niemand hofft 1929 noch auf eine Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.»

Schon 1929 liegt der Bruch in der Luft, 1933 besiegelt die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler endgültig das, was man landläufig als die goldenen Zwanziger nennt.

«Joeseph Goebbels schreibt am späten Abend des 30. Januar in sein Tagebuch: ‘Hitler ist Reichskanzler. Wie im Märchen.’

*

Klaus Mann schreibt am späten Abend des 30. Januar in sein Tagebuch: ‘Hitler Reichskanzler. Schreck. Es nie für möglich gehalten. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.’»

Florian Illies erzählt aus einer dunkeln Zeit, in der Menschen verfolgt, Bücher verbrannt und Hoffnungen ausgelöscht wurden. Er erzählt aber auch von einzelnen Menschen in dieser Zeit, zeigt ihre Nöte sowie ihre Freuden. Während die Welt in eine der grössten Katastrophen schlittert, suchen und finden Menschen die Liebe, welche sie wohl doppelt brauchen unter diesen Umständen.

Weitere Betrachtungen

«Alle glücklichen Paare ähneln einander. Aber alle unglücklichen sind auf ganz eigene Weise unglücklich.»

Simone de Beauvoir trifft auf Jean Paul Sartre, mit dem sie fortan eine Geistesverwandtschaft sowie eine unkonventionelle Beziehung verbindet. Erich Maria Remarque verliebt sich in Marlene Dietrich, welche nach Amerika geht und ihn durch kleine Gemeinheiten am langen Arm fast verhungern lässt. Klaus und Erika Mann verstricken sich in komplizierte Liebschaften und Scheinbeziehungen. Berthold Brecht heiratet Helene Weigel, um danach seiner Geliebten den Brautstrauss als Präsent zu bringen. Pablo Picasso liebt schon die nächste, malt aber noch immer die frühere Geliebte. Hermann Hesse trifft auf Ninon, Wittgenstein versteht alles ausser der Liebe, Tucholsky vermisst in Schweden den Liebeszauber – es wird geliebt und entliebt in Florian Illies Buch «Liebe in Zeiten des Hasses» und neben all den liebestollen Verstrickungen zeichnet sich ein Bild einer Zeit, in welcher Hass die Menschen regiert.

Es ist Florian Illies gelungen, auf eine sehr unterhaltsame Weise einerseits ein Zeugnis der Zeit abzulegen, andererseits die Verirrungen und Verwirrungen einzelner Menschen darzustellen – dies aber nie wertend, nie verurteilend, immer mit einem leisen Augenzwinkern. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, die dieser am liebsten nicht unterbrechen, sondern immer noch tiefer eintauchen will. Eine grossartige Mischung aus kompetenter Information und erzählerischer Leichtigkeit, politischer Geschichte und menschlichen Erlebens.  

Persönlicher Bezug
Mein Interesse für diese Zeit lässt seit vielen Jahren nicht nach, der Blick auf Biografien lässt diese in meinen Augen immer wieder lebendig werden. Dieses Buch vereint beides auf eine grossartige Weise. Ich bevorzuge zwar Erzählweisen, welche einen Faden von Anfang bis Ende spinnen und nicht hin und her springen, das hätte aber in diesem Fall die Chronologie durchbrochen, so dass die Entwicklung der Zeitgeschichte nicht gleich sichtbar gewesen wäre.  

Fazit
Ein sehr informatives, kompetentes, trotzdem leicht lesbares und humorvolles Buch über eine dunkle Zeit unserer Geschichte, mehr noch aber über die persönlichen Liebeserfahrungen verschiedener Dichter und Denker in ihr. Sehr empfehlenswert.

Autor
Florian Illies, geboren 1971, studierte Kunstgeschichte in Bonn und Oxford. Er war Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« und der »ZEIT«, Verleger des Rowohlt Verlages, leitete das Auktionshaus Grisebach und gründete die Kunstzeitschrift »Monopol«. Heute ist Florian Illies Mitherausgeber der »ZEIT« und freier Schriftsteller in Berlin.

Angaben zum Buch

Herausgeber: ‎ S. FISCHER; 3. Edition (27. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
ISBN: 978-3103970739

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Nicole Seifert: Frauenliteratur: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

Inhalt

«Nicht das Erinnern, sondern das Vergessen ist der Normalfall in Kultur und Gesellschaft. Vergessen geschieht lautlos, unspektakulär und allüberall. Erinnern ist demgegenüber die unwahrscheinliche Ausnahme, die auf bestimmten Voraussetzungen beruht.» (Aleida Assmann)

Nicole Seifert hat es sich in diesem Buch zur Aufgabe gemacht, die Ungleichverteilung der Aufmerksamkeit gegenüber Literatur von Frauen und Männern aufzudecken. Sie beleuchtet einerseits die Verlagsprogramme, andererseits die Feuilletons von Zeitungen und Zeitschriften sowie verschiedene Literaturkanons, darunter auch den der Schulen und Universitäten. Die Ergebnisse sind frappant: Frauen sind nicht nur stark untervertreten in allen Bereichen, die Behandlung von Literatur von Frauen in den unterschiedlichen Medien erfolgt ebenfalls in reduzierter Form (weniger umfangreich und oft mit dem Schwerpunkt auf Attributen der Autorin statt auf dem Werk selber).

«Damit Künstlerinnen und ihre Werke in Erinnerung bleiben, müsste demnach aktiv etwas dafür getan werden.» (Nicole Seifert)

Es ist wichtig, diese Missstände mal zu durchleuchten und ins Bewusstsein zu bringen, denn nur so kann sich etwas ändern.  

Weitere Betrachtungen
Nicole Seifert hat sich vorgenommen, ein Jahr nur noch Literatur von Frauen zu lesen. Es wurden drei daraus und das Vorhaben, das vorliegende Buch zu schreiben.

«Es ist ein sich selbst erhaltender Kreislauf – und die Frage, wer dafür verantwortlich ist, führt nicht weiter. Gegen strukturelle Probleme helfen nur strukturelle Veränderungen, und die sind nur zu erreichen, wenn genug Menschen aus den unterschiedlichen Bereichen ein Interesse daran haben oder sich für die Benachteiligten einsetzen – in den Verlagen, in den Redaktionen, in den Kultusministerien. Und auch Leser*innen und Konsument*innen können dazu beitragen.»

Nicole Seifert hat einen gut fundierten und breit abgestützten Bericht darüber geschrieben, wie Frauen in der Literatur vergessen, ignoriert und abwertend behandelt werden. Sie räumt dabei mit landläufig ins Feld geführten Argumenten auf. Zwar stimmt es, dass früher weniger Frauen geschrieben haben als Männer, aber selbst damals gab es viele, die Erfolg hatten und dann in Vergessenheit gerieten. Die Gründe für das Vergessen sind wohl vielfältig, sicher aber lag es nicht an der mangelnden Qualität des Geschriebenen. In der heutigen Zeit stimmt das Argument noch weniger, gibt es doch viele schreibende Frauen, welche durchaus qualitativ hochstehende Literatur schreiben. Und doch fristen Sie ein Dasein in der Wahrnehmung im unteren Drittel der Berücksichtigung und damit Sichtbarkeit.

Persönlicher Bezug
Ich habe Literatur studiert und lange Jahre keinen Gedanken darauf verwendet, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben worden ist. Die Mehrzahl der von mir gelesenen Bücher während der Schule und dem Studium waren von Männern (in der Kindheit war es anders) – das fiel mir auf, als ich bewusst hinschaute. Und ja, als ich nachdachte, wären mir einige Frauen in den Sinn gekommen, die zu lesen sich gelohnt hätte. Als ich mich weiter mit der Thematik befasste, stiess ich auf mir unbekannte Namen, die ich nach eigener Lektüre als lesenswert und zu Unrecht vergessen anerkennen musste.

Das Thema ist mir wichtig geworden, wie mir das Thema Frausein in unserer Gesellschaft immer wichtiger wird. Ich finde dieses Buch aus diesem Grund wertvoll und bedenkenswert, hoffe, dass es Menschen anstösst, sich aktiv einzusetzen. Es geht mir dabei nicht um einen Feldzug gegen die Literatur von Männern, sondern es ist nötig, das Bewusstsein für einen Missstand zu wecken.

Dass sich dieser Missstand von selbst irgendwie ausgleichen wird in der heutigen Zeit, ist ein Irrglaube, den man in der jüngeren Vergangenheit gut nachweisen kann. Selbst wenn dann und wann der Ruf nach einer ausgeglicheneren Verteilung von Frauen und Männern in Literaturkanons aufkam, wurde dies selten wirklich ausreichend umgesetzt. Der Wurm liegt in der Gesellschaftsstruktur, welche über Jahrzehnte und mehr patriarchische Mechanismen förderte und in den Köpfen festsetzte. Das wächst sich nicht einfach aus, daran muss aktiv gearbeitet werden.

Fazit
Ein wichtiges Buch. Nicole Seifert liefert einen fundierten, breit abgestützten Überblick auf die Situation der Literatur von Frauen und deutet damit auf einen Missstand hin, der behoben werden sollte. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Nicole Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gelernte Verlagsbuchhändlerin und arbeitet in Hamburg als Übersetzerin und Autorin. Ihr Blog »NachtundTag«, der sich ausschließlich mit Schriftstellerinnen beschäftigt, wurde 2019 mit dem Buchblog Award von Netgalley und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (9. September 2021)
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
ISBN-Nr.: ‎ 978-3462002362

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Roxane Gay: Hunger

Inhalt

«Dieses Buch ist kein Motivationsbuch. Ich habe nicht herausgefunden, wie man einen unbändigen Körper und unbändige Gelüste kontrolliert. Meine Geschichte ist keine Erfolgsgeschichte. Meine Geschichte ist einfach eine wahre Geschichte.»

Roxane Gay erzählt die Geschichte ihres Körpers, den sie anwachsen liess, um sich und ihn zu schützen. Sie erzählt die Geschichte von einem traumatischen Erlebnis, welches sie zum Schweigen brachte und einen Kreislauf von immer mehr Leid und Isolation auslöste, was zu immer mehr Leere führte, die dann gefüllt werden musste – durch Essen, das den Körper wachsen liess.

«Dieses Buch erzählt von meinem Körper, von meinem Hunger, und letztich erzählt es vom Verlorengehen und Verschwinden und von der Sehnsucht, der wirklich starken Sehnsucht, gesehen und verstanden zu werden.»

Roxane Gay erzählt von allen Versuchen, die sie unternommen hat, ihren Körper wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie erzählt von ihren Ängsten, Hoffnungen, ihrer ganzen Verzweiflung.

Weitere Betrachtungen
Zu sagen, dieses Buch sei schwere Kost, träfe den Nagel auf den Punkt und wieder auch nicht. Es ist ein Buch, das berührt, erschüttert, den Atem stocken lässt, traurig macht. Es erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, dem etwas widerfährt, das das ganze Leben prägen wird. Es ist die Geschichte eines Missbrauchs, der nicht nur den Körper versehrt, sondern auch die Seele krank macht. Es ist die Geschichte einer Frau, die von Schuld und Scham geplagt ist, die das Vertrauen in sich und die Menschen verloren hat und sich nach nichts mehr sehnt, als nach Liebe, derer sie sich nicht würdig scheint.

«Ich war schon immer anders. Meine wahre Liebe galt und gilt noch immer den Büchern, dem Schreiben von Geschichten, dem Tagträumen.»

Wenn die Welt kalt und gefährlich erscheint, bleibt die Flucht nach innen. So ist «Hunger» auch die Geschichte eines Menschen, der in Büchern und im Schreiben einen Weg gefunden hat, dem Schrecken zu entkommen. Schreiben wurde zudem ein Weg, der in eine Zukunft führte, auch beruflich.

Persönlicher Bezug

«Ein Grund, warum Beziehungen und Freundschaften so schwierig für mich werden können, ist, dass ein Teil von mir immer glaubt, alles richtig machen zu müssen. Ich muss die richtigen Dinge sagen und die richtigen Dinge tun, sonst mag und liebt man mich nicht länger. Das ist anstrengend. Ich will unbedingt die beste Partnerin oder Freundin sein, und gerade durch diese ungeheure Anstrengung entferne ich mich immer weiter von der, die ich eigentlich bin: jemand mit einem guten Herzen, die aber vielleicht nicht immer alles richtig macht.»

Ich habe noch selten ein Buch gelesen, das eine Passage beinhaltet, die so gut auf mich passen könnte wie diese. Auch in vielen anderen Gedanken von Roxane Gay erkannte ich mich wieder, in all den Minderwertigkeitskomplexen, all dem Leiden an Stigmatisierungen und Zuschreibungen. Ich erkannte mich wieder in ihrer Flucht ins Lesen und Schreiben, in ihrer Einsamkeit, in ihrem Wunsch und ihrer Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit.

Ich bin als Kind den umgekehrten Weg gegangen. Sie fütterte sich fast zu Tode, ich hungerte in die andere Richtung – fast mit Erfolg. Ich war eine derer, welche sie im Buch bewunderte als die, welche die Kontrolle hatten, Disziplin. Disziplin habe ich gehabt, was für eine, aber keine Kontrolle, die hatte schon lange etwas in mir übernommen.

Die Zerstörung des Körpers steht hinter beiden Methoden. Ich hoffe, Bücher wie dieses öffnet vielen Menschen die Augen: Denen, die leiden, und denen, die durch ihre Reaktion noch zusätzlich zu dem Leiden der Betroffenen beitragen.

Leider gibt es an dem Buch etwas zu bemängeln. Ein guter Lektor hätte dies mit einem Schlag ausräumen können. Das Buch weist sehr viele Wiederholungen auf. Einige kann man damit rechtfertigen, dass sie die Scham, das Zögern, die inneren Kämpfe widerspiegeln, selbst dann sind es sehr viele. Andere wirken schlicht überflüssig, sehen nach unsorgfältigem Redigieren und fahrlässigem lektorieren aus. Das Buch wäre wohl nur halb so lang, aber doppelt so wirksam geworden. Es wäre schade, wenn das Buch deswegen aus der Hand gelegt würde, was ich oft gerne getan hätte, da ich mich wirklich ärgerte.

Fazit
Ein wichtiges Buch! Ein offenes und schonungslos ehrliches Buch über die Folgen traumatischer Erlebnisse, über das Stigma des Dickseins und der damit verbundenen Selbstzweifel, Selbstanklagen bis hin zum Selbsthass. Ein Buch, das hoffentlich hilft, Augen zu öffnen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Roxane Gay, geboren 1974, ist Autorin, Professorin für Literatur und eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen und literarischen Stimmen ihrer Zeit. Sie schreibt u.a. für die New York Times und den Guardian, sie ist Mitautorin des Marvel-Comics »World of Wakanda«, Vorlage für den hochgelobten Actionfilm »Black Panther« (2018), dem dritterfolgreichsten Film aller Zeiten in den USA. Roxane Gay ist Gewinnerin des PEN Center USA Freedom to Write Award. Sie lebt in Indiana und Los Angeles.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ btb Verlag (11. Oktober 2021)
Taschenbuch: ‎ 320 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3442771417

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