Gedankensplitter: «Memento mori»

«Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds
Wenn wir uns mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns»
Rainer Maria Rilke

Kaum ein Thema meiden wir wohl so wie den Tod. Viele fürchten ihn, die meisten ignorieren ihn, indem sie ihn aus dem Bewusstsein streichen, manche tun alles, um ihn möglichst zu vermeiden – ganze Forschungszweige beschäftigen sich damit, ewige Jugend, Vermeidung des Alterns, Hinauszögern des Sterbens zu ermöglichen. 

«Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.»
Marie von Ebner-Eschenbach

Was macht uns Angst am Tod? Das eigene Nicht-Sein? Das Aufhören von etwas, das für uns so zentral ist, nämlich das Sein des eigenen Selbst? Der Tod nimmt uns was. Er nimmt uns die Möglichkeit, all das noch zu erleben, was wir, sind wir erst tot, nicht mehr erleben können. Dabei ist der Tod an sich weder gut noch schlecht, da nicht nur das Freudvolle nicht mehr sein wird, sondern auch das Leidvolle. Und doch denken wir beim Tod mehrheitlich an all das, was wir noch wollten, was wegfällt. 

Irvin D. Yalom sagte in diesem Sinne, dass sich die Angst vor dem Tod aus der Fülle der ungelebten Wünsche speist. All das, was wir gerne tun wollen und in die Zukunft schieben, trägt zur Angst bei. Und wenn wir dann irgendwann auf dem Sterbebett liegen, denken wir: Hätte ich doch… ich wollte doch noch. 

«Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat.»
Jean-Jacques Rousseau

Wieso nicht einfach mal tun? Wieso nicht Wünsche leben, statt sie für später zu notieren? Wieso statt einer Bucking List einen konkreten Umsetzungsplan erstellen und umsetzen? Was hält uns zurück? Sind es wirkliche Hindernisse oder nur Dinge, von denen wir glauben, sie zu müssen, die wir aber in Tat und Wahrheit auch ändern könnten – natürlich mit Einbussen, bei denen sich dann die Frage stellt: Was ist mir mehr wert?

Hast du Angst vor dem Tod? Und: Was willst du unbedingt mal noch machen und schiebst es hinaus? Und wieso?


Habbo Knoch: Im Namen der Würde. Eine deutsche Geschichte

Inhalt

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dass sie schutzbedürftig ist, hat der Lauf der Geschichte immer wieder gezeigt, gerade in den grausamsten Kapiteln derselben. Aus denen speist sich auch der Wert der Würde und der Wunsch, sie zu sichern und zu schützen.

«Denn es lässt sich, und das soll dieses Buch zeigen, eigentlich nur sagen, was unter der Würde des Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und Bedingungen verstanden wurde, und damit auch, ob und wie dies mit Kontinuitäten und Diskontinuitäten in Politik, Recht und Gesellschaft einherging.»

Habbo Knoch erzählt die Geschichte der Würde, ihrer Einbettung in die historischen Gegebenheiten der einzelnen Jahrhunderte. Er beleuchtet die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Veränderungen, welche einen Wandel des Würde-Begriffs mit sich brachten. Was ist Würde, wem steht sie weswegen zu und wie können wir sie schützen?

Gedanken zum Buch

«Kontingent ist Würde dann, wenn sie als moralische oder soziale Auszeichnung und Bewertung zugeschrieben, erworben und verloren werden kann… Anders die inhärente Würde: Sie ist eine unsichtbare Idee, ein Konzept oder eine Eigenschaft.»

Bevor wir über Würde sprechen, müssen wir erst wissen, was Würde überhaupt bedeutet. Da fängt das Problem an, da man vergeblich nach einer eindeutigen, allgemeingültigen Definition sucht. Die verschiedenen Disziplinen des Rechts, der Politik, der Soziologie, Philosophie und mehr haben sich mit ihr befasst und sind zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen, je nachdem, woran sie den Begriff festmachten. Grundsätzlich lassen sich zwei Sichtweisen unterscheiden: Der kontingente und der inhärente Würdebegriff. Beim ersten ist die Würde eine konventionell vorgenommene, der Zeit und Kultur angepasste Grösse, beim zweiten ist sie dem Menschen qua seines Menschseins zugeschrieben. Beiden gemein ist, dass sie schutzbedürftig ist, da Machtansprüche sie in Gefahr bringen können.

«Um der Menschenwürde eine fundamentale politische und gesellschaftliche Bedeutung einzuräumen, musste sie sich die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft erst als etwas bewusst machen, das dem Menschen durch systematische Massenverbrechen an Körper und Geist genommen werden kann.»

Der Wert der Würde zeigt sich dann am besten, wenn sie in Gefahr ist oder schon mit Füssen getreten wurde. In Unrechtsregimen wurde oft mit Methoden gearbeitet, welche den Opfern ihre Menschenwürde durch entsprechende Behandlung nahmen, sie so als Personen noch vor dem wirklichen Tod sterben liessen.

«[Im Prinzip der wechselseitigen Anerkennung] spiegelt sich der wachsende Bedarf einer hochgradig diversen Gesellschaft wider, für deren konfliktintensive Verflechtungen gemeinschaftsorientierte Praktiken entworfen werden, um individuelle Spielräume im Zeichen von Respekt und Toleranz auszuhandeln. Die Menschenwürde dient hierbei als eine diskursive Schutznorm, um die Verletzlichkeit des anderen jederzeit bewusst zu machen und die Grenzen der eigenen Selbstentfaltung wie von anderen Machtinstanzen aufzuzeigen.»

Gesellschaften, die nach Gleichheit streben, die sich als gerechte Verbände von Menschen verstehen, die jedem Einzelnen seine Rechte zugesteht, basieren auf dem Konzept der gegenseitigen Anerkennung. Diese ist umso wichtiger, je grösser die Diversität in der entsprechenden Gesellschaft ist. Diese auszuhalten bedarf des gegenseitigen Einfühlungsvermögens, der Bereitschaft, den anderen so zu nehmen, wie er ist, im Wissen, dass sein Wert und seine Würde gleich der eigenen ist. Diese Bereitschaft ist ungleich grösser, wenn man erlebt hat, was es heisst, wenn diese fehlt und die menschliche Grausamkeit sich in ihrer ganzen Schwärze zeigt.

Habbo Knoch reist durch die Jahrhunderte, zeichnet die gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Veränderungen nach und zeigt, wie diese auf den Begriff der Würde wirkten aufgrund eines sich verändernden Menschen- und Gesellschaftsbilds. Er tut dies auf eine gut lesbare, kompetente, umfassende Weise, so dass man ihm gerne durch die Jahrhunderte folgt, um dem Konzept der Menschenwürde auf die Spur zu kommen. Ob sie allerdings nach der Lektüre wirklich fassbarer ist als vorher, ist fraglich, aber man hat doch so weit hinter die Kulissen gesehen, um sich ein Bild zu machen und selbst weiterzudenken.

Fazit
Ein fundiertes, kompetentes, umfassendes Buch zum Begriff der Würde, wie er in verschiedenen Zeiten entwickelt und verstanden wurde. Ein mehr zeithistorischer als ideengeschichtlicher Ansatz.

Zum Autor
Habbo Knoch, geboren 1969, studierte Geschichte, Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie in Göttingen, Bielefeld, Jerusalem und Oxford und war ab 2008 Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Seit 2014 lehrt er Neuere und Neueste Geschichte an der Universität zu Köln. Er interessiert sich besonders für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und für Fragen der kollektiven Erinnerung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446274167

Grenzen einreissen

«In den Zwischenräumen finden die interessantesten Gespräche statt.» James Bridle

So lange wir in Gegensätzen denken, wird es nie ein Miteinander geben. So lange wir Fronten bauen, gibt es keine Beziehungen. So lange jeder denkt, seine Meinung sei dir richtige, seine Sicht entspräche der einzig möglichen Wahrheit, werden wir nie ein umfassendes Bild erhalten, denn dazu bedürfte es einer Öffnung hin zum anderen. 

Wir müssen die Demut wiederentdecken, mit der wir sehen, dass wir alle verwundbare Wesen sind, welche weit davon entfernt sind, über allem zu stehen. Wir müssen aufhören, die Macht an uns reissen zu wollen, auch die Deutungsmacht ist kein Privatbesitz. Im Wissen, dass wir alle Organismen in einem grösseren Organismus sind, die alle miteinander in Beziehung stehen und dabei jeder den anderen auch stückweise in sich trägt, weil die Grenzen diffus sind, zeigt sich, dass unsere krampfhafte Suche nach Abgrenzung und Ausstossung zu nichts Gutem führen kann, weil sie uns von der Welt, zu der wir gehören und ohne die wir selbst nicht leben können, trennt. 

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Vom Verfasser des Zitats oben, James Bridle, ist ein spannendes Buch erschienen, das ich nur empfehlen kann:

James Bridle: Die unfassbare Vielfalt des Seins.
James Bridle löst darin die Grenzen zwischen Natur und Technik auf und zeigt auf, wie wir alles zusammen denken können und müssen.


Bruno Heidlberger: Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken

Inhalt

«Es geht mir um eine konstruktive Neubewertung einer der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts und um die Sichtbarmachung der ungebrochenen Aktualität ihrer Themen.»

Was hat uns Hannah Arendt heute noch zu sagen? Wie aktuell sind ihre politischen Theorien, gerade auch im Hinblick auf die Kriegssituation zwischen Russland und der Ukraine?

Bruno Heidlberger liefert eine fundierte Darlegung der Hintergründe der Kriegssituation sowie deren Entstehung, und beleuchtet anhand dieses Beispiels Hannah Arendts Theorien zum Totalitarismus sowie der Freiheit, welche Ziel des gemeinschaftlichen politischen Handelns in einer Demokratie sein soll.

Gedanken zum Buch

«Eine Welt, die Platz für Öffentlichkeit haben soll.»

Politik nach Arendt bedeutet die gemeinsame Gestaltung der Welt, welche nur möglich ist durch Beziehungen und Begegnungen. Damit sich Menschen in ihrer Vielfalt begegnen können, bedarf es öffentlicher Plätze, in denen das gemeinsame Handeln, das politsche Handeln seinen Anfang hat.

«Während für Kant der Wille und der Gebrauch der Vernunft vonnöten sind, um Böses zu verhindern, das Böse eine Option der menschlichen Freiheit ist, betont Arendt die Notwendigkeit des autonomen Denkens, des ‘Denkens ohne Geländert’.»

Sich auf die Vernunft zu berufen ist mitunter eine gute Ausrede, nicht selbst denken zu müssen, sondern sich der gängigen Meinung als aktuell verbindliche Vernunft anzuschliessen. Die Sicht, was vernünftig, gut und richtig ist, wandelt aber mit Zeit und Ort, je nach Kulturkreis und Epoche gelten andere moralische Massstäbe, denen es zu folgen gilt. Erst das eigene Denken, das Denken ohne vorgeschriebene Geländer, bringt den Einzelnen dazu, sich und sein Handeln zu hinterfragen und dafür auch Verantwortung zu übernehmen. Dies ist die wirkliche Freiheit, derer es bedarf, will man dem Guten Vorschub leisten und das Böse nicht selbst befeuern.

«Freiheit als Handeln bleibt für Arendt immer ein riskantes Ereignis, das allein auf der Anerkennung der Pluralität und dem Versprechen und Verzeihen beruht.»

Menschen sind unterschiedlich, aus dieser Pluralität setzt sich die Gesellschaft zusammen, die als Gemeinschaft aufgefasst werden sollte, will man zusammenleben. Dies gelingt nur, wenn diese Pluralität, jeder in seinem Sein, akzeptiert ist und das gegenseitige Versprechen im Raum steht, seinen Teil dazu beizutragen, diese Gemeinschaft zu schützen und zu stützen.

«Freiheit ist jedoch keine Willkür, sondern vielmehr eine kollektive Verantwortung, die wir alle für die Dinge tragen, die in unserem Namen geschehen.»

Dazu ist es wichtig, sich nicht nur als einzelnes Individuum zu sehen, sondern als Kollektiv, als Zusammenschluss verschiedener Einzelner, die gemeinsam entscheiden in demokratischer Absicht, um dann die Verantwortung dafür zu übernehmen, was durch dieses und in diesem Kollektiv geschieht.

«Die dunkelste Zeit ist für Hannah Arendt die des Totalitarismus. In ihm ist der Raum für politisches Handeln zerstört.»

Das ist in totalitären Systemen nicht mehr möglich, weil es da um die Gleichschaltung der Einzelnen geht, bei welcher eigenes Denken und Vielfalt nicht mehr gefragt, sondern im Gegenteil verurteilt, ausgegrenzt und oft mit harten Mitteln bestraft wird.

Fazit
Ein fundiertes und aufschlussreiches Buch über die aktuelle Situation zwischen Russland und der Ukraine (wie auch die Vorgeschichte des Krieges) sowie die Anwendbarkeit von Hannah Arendts Gedanken zu einer funktionierenden Politik verstanden als gemeinsames Handeln zwischen Verschiedenen und doch Gleichen als Kollektiv zur Schaffung einer gemeinsamen Welt.

Angaben zum Autor
Bruno Heidlberger (Dr. phil.), geb. 1951, ist Studienrat für Politik und Philosophie. Er ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Medizinischen Hochschule Brandenburg und an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Philosophie, Philosophie der Aufklärung, Kulturphilosophie, kritischer Rationalismus, Wissenschaftstheorie und kritische Theorie der Gesellschaft.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ transcript; 1. Edition (28. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 282 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3837666588

Klimakrise: Heiligt der Zweck die Mittel oder schaden diese eher der Sache?

Es ist fünf vor Zwölf. Heisst es. Klimakrise. Heisst es. Wir machen unsere Welt kaputt. Wir, das sind die Alten, die, welche schon da waren und den Schlamassel angerichtet haben. Angeklagt werden wir von der jungen Generation. Zu Recht. Sie gehen dafür nicht auf die Strasse, sie kleben sich drauf. Sie zerstechen Pneus, zünden Autos an, bewerfen Bilder mit Kartoffelstock. Und sie kriegen Aufmerksamkeit. Die Medien werden nicht müde, davon zu reden. Die problembewussten Bürger loben das politische Engagement, die Gegner fluchen und verstehen nicht, wie man diese Aktionen gutheissen kann.

«Immerhin kriegen sie Aufmerksamkeit.»

Das ist das Argument, dass dann oft ins Feld geführt wird. Das Engagement mit medienwirksamen Aktionen fällt auf. Und auffallen will man, schliesslich will man die Welt retten.

Die Welt ist in der Tat in einem desolaten Zustand. Wir haben sie benutzt, wir haben sie ausgebeutet, wir lebten, als gäbe es kein Morgen. Weil wir so weit nicht dachten. Und wenn wir daran dachten, hiess es, es sei fünf vor zwölf, wir waren alle entsetzt und machten weiter wie bisher – oder noch schlimmer: Seit über dreissig Jahren ist es nun fünf vor zwölf. Man solle weniger verbrauchen, weniger fliegen, weniger auf Wasser und Strassen verkehren. Die Flieger wurden grösser und mehr, die Schiffe ebenso, die Autoproduktion machte Kosmetik – teilweise mit energiesparenderen Modellen, teilweise nur auf dem Papier.

Haben sie also recht, unsere jungen Klimakleber, wie man sie gerne etwas abschätzig nennt? Ich würde mit einem bestimmten «Jein» antworten. Wir haben es zu weit getrieben, unser Leben in der westlichen Welt kostet zu viele zu viel: Menschen in anderen Ländern, Tiere, die Natur. Aber: Sind das wirklich die Massnahmen, die helfen? Einerseits ist es gut und wertvoll, wenn Demokratie gelebt wird, was immer auch Widerspruch bedeutet. Nur stellt sich die Frage der Mittel. Wären Mittel, die auf positive Weise auf die Missstände hinweisen, nicht sachdienlicher, weil sie weniger Opposition wegen plakativer Aktionen, die man mit wirklich sachlichen Mitteln verurteilen könnte, hervorrufen würden? Zum Beispiel ein Aufruf zum «Tag des Müllsammelns» – diese Massen anschaulich demonstriert wären auch eindrücklich. Dies nur ein Beispiel. Man hätte mit so einer Aktion gleichzeitig auch etwas Gutes getan.

Solche Vorschläge treffen meist auf das Argument, dass damit wenig Aufmerksamkeit generiert würde, sicher weniger als die aktuellen Aktionen. Das mag stimmen. Nur: Was genau bewirken die aktuellen Aktionen? Sie halten Medien, Polizei, Justiz und eventuell Politik in Trab, welche darüber berichten, für Ordnung sorgen, Sanktionen überlegen und Massnahmen gegen die Akteure diskutieren. Die Welt pfeift derweil weiter aus dem letzten Loch. Berechnet man, was all die Aufräumarbeiten und Reparaturen der beschädigten Dinge kosten (an Geld und Ressourcen jeglicher Art), sieht die Bilanz düster aus.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit als hohes Gut gewertet wird. Likes, Sternchen, Herzchen – je mehr du hast, desto besser bist du. Und dann giltst du was und machst es quasi richtig. Was in den sozialen Medien stimmen mag, verliert leider in einem gelebten, demokratischen Leben, in welchem es darum geht, miteinander in Frieden in einer Welt, die dieses Leben trägt, auszukommen. Da geht es um die Sache. Um Handlung.

Ein kleines Beispiel, wie Klimarettung konkret im Kleinen aussehen könnte:

Sebastião Salgado, ein berühmter Fotograf, wuchs auf einem fruchtbaren Bauernhof auf. Er zog in die Welt, die Eltern wurden alt, der Hof war verlassen, die Erde trocknete aus. Es hörte auf, zu regnen, es war eine unfruchtbare Öde. Salgado zog wieder hin, fing an, Bäume zu pflanzen. Von Hand. Mit seiner Frau, dann mit Helfern. Immer mehr Bäume. Es fing wieder an zu regnen. Das Klima änderte sich. Nachzuschauen ist das im wunderbaren Film «Das Salz dieser Erde».

Wir können nicht alle Bäume pflanzen. Aber wir können etwas bewirken. Auch mit guten und legitimen Mitteln. Diese würden auf mehr Zustimmung auch für die Sache stossen und sicher den einen oder anderen mitbewegen, selbst etwas zu tun. Wir können allein nie die Welt retten. Aber wir können einen Anfang machen. Im Guten. Für die Sache und nicht für blosse Aufmerksamkeit.

Stine Volkmann: Das Schweigen meiner Schwestern

Inhalt

„Es ist, als hätte es diesen Sommer nie gegeben, obwohl nach drei Wochen Inselurlaub ihr ganzer Familienalltag auf dem Festland ein anderer geworden war, und niemand bereute es laut.“

Vier Schwestern treffen sich für die Beisetzung der Urne ihrer Mutter auf Langeoog, der Insel, welche in der Kindheit die schönsten Erlebnisse beheimatete, bis zu einem Sommer, in dem ein Erlebnis alles mit einem Schlag verändert. Waren die vier vorher ein eingeschworenes Team, gingen sie danach innerlich und mehr und mehr auch äusserlich getrennte Wege.

„Sie hat es sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf Langeoog zu setzen. Nie wieder. Und jetzt, da sie so nah dran ist, beginnen wieder die Lügen.“

Bei diesem Zusammentreffen brechen alte Wunden auf, Vorwürfe, die im Raum stehen, werden ausgesprochen, die Erinnerung wird wieder lebendig. Doch: Hat sie sich in den einzelnen Köpfen wirklich richtig eingenistet?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte der vier Schwestern auf zwei Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven. Immer wieder pendeln wir beim Lesen so zwischen der Gegenwart der erneuten Zusammenkunft und der Vergangenheit der Kindheit hin und her, erfahren mehr über die einzelnen Charaktere, ihre Beziehung untereinander und den Sommer, welcher das Leben der ganzen Familie nachhaltig geprägt hat. Langsam fügt sich Stein für Stein das Mosaik zusammen, bis am Schluss die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt.

Gedanken zum Buch

„Wie immer, wenn es um ihre Familie geht, steigt die altbekannte Wut in ihr auf, sie spürt Machtlosigkeit, fühlt sich wie so oft ungehört und ungesehen“

Familien sind Systeme mit eigenen Dynamiken, in welchen jeder eine bestimmte Rolle innehat. Diese Rollen zu durchbrechen, fällt schwer, sie brennen sich über viele Jahre ein und werden auch sorgfältig aufrechterhalten, da sie das System von innenheraus stützen. Nicht immer ist jeder mit seiner Rolle zufrieden, oft kommt es zu Streit, zu Eifersucht, zu negativen Gefühlen, mit denen jeder einzelne anders umgeht.

„Vielleicht sollte sie davonlaufen. Niemals wieder Eltern oder Schwestern haben. Niemals wieder so zerbrechen.“

Die einen können sich anpassen und kommen so gut zurecht, andere rebellieren und gehen auf Konfrontation, die dritten fliehen.

«Wer nichts ersehnt, wird nicht enttäuscht.»

Und dann gibt es die, welche schweigen, die sich immer weiter in sich zurückziehen und resignieren, weil sie die Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Besserung aufgegeben haben. Auch das ist wohl eine Flucht, die Flucht in die Verweigerung, für die der betroffene aber einen hohen Preis zahlt.

«Ich falle aus der Welt.»

Das Resultat dieser Verweigerung ist die Entfremdung – die von der Welt um einen und auch die von sich selbst, kann man doch ohne die Welt nicht existieren, nicht auf eine zufriedenstellende und lebenswerte weil sinnvolle Weise.

„Wer ist sie in der ganzen Geschichte?“

Wir erzählen uns Geschichten, die wir für unser Leben halten, sagte einst Max Frisch. Wir konstruieren aus der Vergangenheit eine Geschichte, die wir als unsere Lebensgeschichte in uns und nach aussen tragen. Was wir oft nicht bedenken, ist, dass Erinnerungen einerseits selektiv sind, andererseits wandelbar durch die Zeit. Was wissen wir wirklich? Was haben wir nur gedacht und durch die Wiederholung des Erzählens plötzlich zu einer Tatsache erhoben? Wovon wissen wir nur aus dritter Hand, dies aber so tief, dass wir glauben, es erfahren zu haben? Und was, wenn die Geschichte sich ändert, weil wir auf einen Irrtum aufmerksam werden? Was bedeutet das für die eigene Identität? Was verändert das für das Sein und das Selbstbild? Für die Verortung in der Welt, im eigenen Leben?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte von vier Schwestern, doch stecken in dieser Geschichte ganz viele Fragen aus dem Leben: Was bedeutet Familie? Darf man lügen? Wie geht man mit einer Lüge um, und wie mit Schuld? Wer bin ich und wer bin ich in dieser Welt? Was, wenn die Welt sich ändert und ich keinen Platz mehr in ihr finde? Wie gehen wir mit Erinnerungen um?

Entstanden ist ein mitreissender Roman mit authentischen Charakteren, einem guten Spannungsbogen in einer flüssig lesbaren Sprache, der gegen Ende etwas an Tempo verliert. Das Ende selbst ist an Pathos und Kitsch leider kaum zu übertreffen, doch die Geschichte bis dahin mag das tragen, so dass es doch eine klare Leseempfehlung ist.

Fazit
Die grossen Fragen des Lebens in Romanform, die Geschichte von vier Schwestern, die in einem Sommer ihr Familiengefühl und irgendwie sich selbst verlieren, bis sie das Leben wieder zusammenbringt und sie einen Umgang mit der Vergangenheit finden müssen. Eine klare Leseempfehlung.

Zur Autorin
Stine Volkmann wurde 1991 in Detmold geboren – wie die vier Schwestern in ihrem Buch. Genau wie sie verbrachte Stine Volkmann die Sommer ihrer Kindheit auf Langeoog, wohin sie es auch heute als Wahlbremerin nicht weit hat. Stine Volkmann studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim, sie arbeitet als Journalistin und Drehbuchautorin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Krüger; 1. Edition (24. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 432 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3810503633

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Ich hebe mein Glas auf die wunderbare Dichterin Mascha Kaléko – sie würde heute 116 Jahre alt

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Sandra von Siebenthal

RosenkranzKalekoMascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) als nichteheliches Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen geboren (Die Eltern heiraten 1922 und der Vater adoptiert Mascha).

1914 reist die Mutter mit Mascha und deren Schwester Lea nach Frankfurt, um den Pogromen in ihrer Heimat zu entgehen, Mascha besucht hier die Volksschule. Weil Maschas Vater die russische Staatsbürgerschaft hat, wird er als feindlicher Ausländer verhaftet, kommt aber bald darauf wieder frei. Die Familie zieht 1916 nach Marburg um, 1918 folgt der Umzug nach Berlin. Mascha leidet unter den vielen Umzügen, das Gefühl von Heimat geht ihr verloren. Dieser Verlust wird sie zeitlebens prägen und auch Gegenstand ihrer Gedichte sein.

IMG_2417Mascha hätte gerne studiert, doch ihr Vater fand das für ein Mädchen unnötig, so dass sie 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands eine Bürolehre beginnt und nebenbei an…

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Claire Marin: An seinem Platz sein. Wie wir unser Leben und unseren Körper bewohnen

Inhalt

«Bei der Suche nach dem richtigen Platz geht es um die Frage nach unserer Einzigartigkeit, aber auch darum, wie wir uns in eine Gesellschaft, eine Familie oder Gruppe einfügen, der wir angehören oder gern angehören würden.»

Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Diese Frage stellt sich dem Individuum und sie lässt sich nicht so leicht beantworten. Es ist eine Frage nach dem Ort und der Zugehörigkeit im Leben und im Sein, es ist die Frage, welches der Platz ist, den man in diesem Leben, in dieser Gesellschaft innehat. Was prägt den Platz und wie prägt er den Einzelnen? Was passiert, wenn der Platz nicht mehr verfügbar ist und was, wenn er uns in eine Rolle zwängt, die uns nicht entspricht? Diesen und weiteren Fragen nach dem Platz des Einzelnen in der Welt, in der Gesellschaft, in der Familie und im eigenen Sein geht Claire Marin in diesem Buch nach.

Gedanken zum Buch

«Man stellt sich seinen Platz wie eine sichere Bank vor, und er entspricht ja zweifelsohne einem gewissen Bedürfnis nach Ordnung, nach genauer Bestimmung und Abgrenzung.»

Wir werden an einen Ort geboren, wachsen in einem Milieu auf und nehmen die da herrschenden Strukturen. Innerhalb dieser äusseren Welt leben wir in Familien mit eigenen Gepflogenheiten, die in Räumen stattfinden, die wir als Zuhause empfinden.

«Unsere Zugehörigkeit zu einem Ort, einem Milieu, prägt und schreibt sich bekanntlich körperlich wie emotional in uns ein. Sie strukturiert auch grundlegend unsere affektiven Schemata.»

All das prägt uns in unserem Sein und Werden. Wir haben es nicht ausgesucht, doch wir werden es kaum mehr los. Selbst wenn wir einen bewussten Bruch provozieren, wenn wir das Umfeld, gar die Klasse wechseln, hängen die Anteile der Herkunft in uns fest (Pierre Bourdieu stützte darauf seine Theorie des Habitus ab), sie wirken in uns weiter und suchen oft unbewusst ihren Weg durch die Oberfläche in neue Umgebungen hinein, wo sie nicht mehr passen. Misstöne kommen auf, das Gefühl, zwischen den Welten zu sitzen, nirgends dazuzugehören, macht sich breit.

«Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir in unserem Alltag wie in einer Falle festsitzen, aus der wir nicht mehr herauskommen, ohne einen Teil von uns zu opfern, ohne Schaden und Verlust in Kauf zu nehmen.»

Manchmal flüchten wir auch in neue Welten, die sich nach und nach als nicht passend erweisen. Und doch haben wir uns in ihnen eingerichtet, die darin uns entsprechenden Rollen übernommen, die fortan unser Leben ausmachen. Was, wenn das Leiden am Unpassenden überhandnimmt? Was, wenn die Sehnsucht nach der Herkunft grösser wird, bis sie kaum ertragbar scheint? Was ist der Preis dafür, erneut auszubrechen, zurückzugehen? Und gibt es ein Zurück überhaupt? Günther Anders schrieb in seinen Tagebüchern, es gäbe keine Rückkehr, denn dies sei nur eine erneute Erfahrung des Verlustes, weil das, was verlassen wurde, nicht mehr existiert – wie auch der Zurückkehrende nicht mehr der ist, der ging.

«Er [der Emigrant] ist jeglicher Orientierung und Verankerung beraubt. Er befindet sich ausserhalb von Boden, Sprache, Zeit.»

Nicht immer ist das Gehen freiwillig, manchmal werden Menschen aus dem, was sie Heimat nannten, vertrieben. Man nimmt ihnen damit nicht nur die vertraute Umgebung, man nimmt ihnen auch alles, was den Boden ihrer Identität ausmacht. Was erschwerend dazukommt, ist, dass mit der Vergangenheit und der Gegenwart auch die Zukunft gestohlen wird, die man sich in dieser Heimat erhofft hatte. Man steht vor der Leere des Seins ohne Grund und Boden, ohne Rückhalt und Zugehörigkeit.

Claire Marin schafft es, in immer wieder neuen Denkräumen den Platz des Menschen in der Welt zu umkreisen, zu entdecken, zu verorten und wieder zu öffnen, um neue denkbare Plätze zu entdecken. Sie beleuchtet dabei all die verschiedenen Facetten, die das Konstrukt «Platz» ausmachen, nimmt die soziale, lokale und zeitliche Dimension ins Visier und leuchtet sie aus.

Fazit
Ein grossartiges Buch, das dazu anregt, das eigene Sein in Raum und Zeit zu bedenken und weiterzudenken.

Zur Autorin
Claire Marin, geb. 1974, lehrt Philosophie in Frankreich und feiert seit einigen Jahren mit ihren philosophischen Essays große Erfolge. Ihre Bücher »Hors de moi« (2008) und »Rupture(s)« (2019) wurden mehrfach ausgezeichnet.

Übersetzung: Ute Kruse-Ebeling

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (19. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 197 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Ute Kruse-Ebeling
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3150114384

Lebenskunst: Die innere Burg

„Was ist also zu tun? Das Beste aus dem zu machen, was in unserer Macht liegt, und den Rest so zu nehmen, wie es von Natur aus geschieht.“ Epiktet

Als Menschen sind wir soziale Wesen und von anderen abhängig. Ohne sie entgeht uns alles, was uns zu Menschen macht, ohne Beziehungen bleiben wir und die Welt uns fremd. Nun reicht es nicht, dass da einfach andere Menschen sind, zwischen mir und diesen Menschen muss eine Verbindung entstehen, eine Beziehung, in der ich mich als mich angenommen fühle. Was, wenn das nicht klappt?

Du bist, wie du bist und du bist nicht genehm
Du bist, wer du bist, und du wirst nicht geseh’n.
Du wirst ausgemessen und sorgsam geprüft,
man schaut nur von aussen, mehr will man nicht seh’n.

Das reicht schon zu wissen, ob du wirklich passt.
Du denkst dir nichts Böses, du möchtest nur sein.
Und merkst ganz tief drin, ich gehör’ hier nicht rein.
Du fühlst dich alleine, verlassen und leer.

Du fühlst dich verloren, und möchtest weggeh’n.
Du stellst dir die Frage: «Wo soll ich nur hin?
Wo ist der Ort bloss, für mich, wie ich bin?»

Allen werde ich nie gefallen, danach zu streben hiesse, mich immer wieder selbst zu verletzen durch falsche Hoffnungen und Erwartungen und die darauffolgenden Enttäuschungen. Es bleibt wohl nur eines: Ich muss mir immer wieder klar werden, wer ich bin und was ich will und brauche im Leben. Und dann muss ich sehen, ob ich das in solcher Form kriege an dem Ort, wo ich bin, oder ob ich vielleicht am falschen Platz bin. Gäbe es einen passenderen? Vielleicht reichen auch schon kleine Anpassungen aus, um einen Ort zu einem passenden zu machen.

Auch helfen könnte, mir ein Schutzschild zu errichten, eine innere Burg, in der ich für mich geborgen bin, wenn ich mich im Aussen nicht mehr zurechtfinde. Eine Möglichkeit, mich zurückzuziehen, in mich zu gehen, bis ich wieder zur Besinnung komme: Ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Und dann trete ich wieder hervor und schaue, ob das auch noch andere finden. Und wenn ich mich auf die konzentriere, statt immer jene im Blick zu haben, die mich ablehnen, stehe ich plötzlich in einer Welt, in der ich mich wohlfühlen kann.

Wir bilden unsere Kinder kaputt

Rousseau beschrieb den Menschen als „edlen Wilden“, der durch die Zivilisation verdorben würde. Der Staat, so Rousseau, lege den Menschen in Ketten. Und er fängt bei Lichte betrachtet sehr früh damit an, indem er extra ein System geschaffen hat, das schon die Kleinen auf den richtigen, weil vorgesehenen, weil für das Staats- und Gesellschaftssystem passenden Weg bringt: Die Schule. Sollte sie eigentlich dem Kind zur Fähigkeit der Selbstbestimmung verhelfen, wie das von namhaften Philosophen und Pädagogen definiert und landläufig angenommen wird, nimmt sie dem Kind die natürliche Unbefangenheit und unterwirft es Leistungszwängen. 

Kinder müssten geschützt werden, so Rousseau, sie müssten ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen und sich nicht in Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt wiederfinden. Rousseau ist sicher nicht unumstritten. Er stellte hohe Ansprüche in den Raum, denen er selber im eigenen Leben nicht folgte, gewisse Ansichten klingen auch sehr naiv und verklärend, aber: Statt sich auf die Unzulänglichkeiten zu konzentrieren, wäre es zweckdienlicher, sich den durchaus sinnvollen Postulaten zu widmen und zu sehen, wie es heute darum steht. Die Antwort ist ernüchternd: Nicht zum Besten.

Das heutige Schulwesen mit seinen Bildungsplänen hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch zweckdienliche Selektion für die Privatwirtschaft funktionierende Arbeitskräfte zu generieren. Es geht nicht um die Ausbildung von individuellen Fähigkeiten und Talenten oder gar die Möglichkeit des Einzelnen, ein gutes Leben zu führen, es geht darum, wie man Menschen für die ökonomischen Anforderungen unserer kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaft passend macht. Dazu werden Hierarchien von Bildungsstufen definiert, deren höchste die ist, bei welcher die Schüler am längsten in den Schulbetrieben sassen. Die mit den weniger langen Schulwegen sind damit in diesem System und in den Köpfen der Allgemeinheit, die selbst vom System geprägt sind, unterlegen. Sie dürfen, wenn sie überhaupt ein Arbeitsfeld finden, das sich mit dieser Schulabgängerstufe zufriedengibt, Hilfsdienste leisten, oder schon in der Schule lernen, wie sie die entsprechenden Formulare ausfüllen müssen, damit sie Anspruch auf staatliche Sozialleistungen haben.

Wer also etwas gelten will in dieser Welt, muss sich gut ausbilden – nach Norm und Lehrplan. Er muss Unmengen an unnützem Wissen in den Kopf stopfen, nur um es gleich nach der hoffentlich erfolgreich bestandenen Prüfung wieder zu vergessen. Er lernt schon früh, dass die Mitschüler Konkurrenten sind, weil der Notenschnitt mathematisch verschlüsselt, nicht nach Fähigkeiten eruiert ist.

Unsere Schulen bilden nicht mehr aus, sie stellen Arbeitskräfte nach Bedarf und in der Wertigkeit klar unterteilt zur Verfügung. Wer nicht passt, wird passend gemacht, klappt das nicht, fliegt er. Erst vor die Tür, später in Therapien, dann in Sondersettings, notfalls aus der Schule. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Schliesslich hat man einen Lehrplan zu erfüllen. Kinder müssen Sinuskurven berechnen und Infinitesimalrechnungen bewältigen können. Sie müssen wissen, wie ein Vogel sein Gefieder einfettet und welcher Baum in Nachbars Garten steht. Sie müssen Schillers Glocke aufsagen können und alle Flüsse Uruguays blind in einer Karte eintragen. Das ist heute Bildung. Man streicht dann lieber Sport und Kunst, die taugen nichts, um noch ein wenig mehr chemische Formeln reinzupacken. Alles, was der Seele guttut und das Leben und selber Denken und Tun befördert, streicht man aus den Lehrplänen, um das passive Gehorchen und Erfüllen aufs Podest zu heben.

Und dann stehen wir in dieser Welt und fragen uns, wieso sie so krank ist – und die Kinder und die Erwachsenen damit. Wir fragen uns, wieso immer mehr Kinder an Depressionen leiden, wieso sich Kinder umbringen, weil sie keinen Sinn mehr sehen im Leben – kein Auskommen mit ihm. Kinder! Wir fragen uns, wieso wir uns als Erwachsene nicht wohl fühlen in diesem Hamsterrad, für das wir doch all die Infinitesimalrechnungen, Formeln und Glocken-Gedichte auswendig gelernt haben, nur um dann entweder keine Stelle zu finden oder aber in einer so unter Druck zu stehen, dass wir mit Burnout aussteigen.

Und: Wir fragen uns, wieso Lehrer selbst mit ihrer Aufgabe nicht mehr leben können, so dass sie oft nach wenigen Jahren aufgeben, aufgeben müssen. Weil alles ein Kampf ist, weil das Geradebiegen von Menschen schlicht kaputt macht. Alle Beteiligten.

Wir haben seit Rousseau nichts gelernt. Wann werden wir es tun? John Locke meinte, dass der Mensch als „Tabula Rasa“ auf die Welt kommt. Das stimmt wohl nicht, man sollte ein bisschen Gen-Material durchaus mitberücksichtigen. Aber: Alles, was dann kommt, lernt er aus Erfahrungen, durch sein Umfeld, vom Leben. Der Mensch will lernen, der Mensch will sich entwickeln. Es ist an uns, ihm das zu ermöglichen. Es ist an uns, ein System zu schaffen, das den Menschen in seinem Mensch-Sein unterstützt, so dass er die ihm entsprechenden Fähigkeiten ausbilden kann. Wir dürfen ihn begleiten auf dem Weg dahin, dass er weiss, wie er sie brauchen kann, und merkt, dass er damit teilhaben kann an der Gesellschaft als Teil eines Ganzen. Dass es wichtig ist, seinen Teil zu dieser Gesellschaft beizutragen. Das würde zu mündigen Menschen führen, die im wirklichen Sinne demokratische Bürger wären, die ihre Aufgabe wahrnehmen könnten und würden.

Dahin zu kommen liegt in unserer Verantwortung und wir hätten es in der Hand. Es wäre an der Zeit.

Lesemonat Mai 2023

Nachdem im April ein Lesehighlight dem anderen folgte, war der Mai etwas durchzogener. Ich hatte teilweise Mühe, überhaupt zu lesen, fand in viele Bücher nicht rein, unwissend, ob es an mir, an den Büchern, an beiden gelegen hat. Zum Glück besteht das Leben nicht nur aus Lesen, auch wenn das eine wunderbare Sache ist, denn: Ansonsten war es ein grossartiger Monat, der mir unter anderem ein wunderbares Fest mit Musik und Tanz (nur schon beim Drandenken juckt es wieder in den Beinen) auf einem Schiff beschert hat, von dem ich sicher noch lange zehren werde.

Lesend bin ich mit einigen Frauen in deren Vergangenheit gereist, habe mir mit anderen Gedanken über unsere Gesellschaft und die Demokratie gemacht. Ich habe überlegt, was es heisst, am eigenen Platz zu sein und welche Freiheit es ist, da auch bleiben zu dürfen. Ich studierte über soziale Schichten und deren verfügbaren Räume nach, wurde mir einmal mehr darüber bewusst, was es heisst, arm zu sein, und wieso wir als Gesellschaft vor Armut nicht die Augen verschliessen dürfen.

Hier die komplette Leseliste:

Ulrike Draesner: Die Verwandelten – abgebrochenEine tote Mutter, ein adoptiertes Kind, eine Grossmutter, ein Heim der Nazis, viele Namen, manchmal mehrere für eine Person – die Geschichte springt von Person zu Person, von einer Situation zu einer anderen, durch Orte und Zeiten, so dass man kaum einen Zusammenhang findet, geschweige denn einen roten Faden. 
Annika Büsing: Nordstadt – abgebrochenIch-Erzählung einer jungen Frau, flapsig, naiv, mündliche Sprache, spätpubertär-trotzig klingend – es ging mir schlicht auf die Nerven. 
Bruno Heidlberger: Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken. Gefahren der Selbstzerstörung von DemokratienEine Darlegung des politischen Denkens Hannah Arendt, die Kritik daran sowie die Gedanken, die auch heute noch aktuell und wichtig sind. Es fehlt ein wenig der rote Faden, doch es ist ein guter und interessanter Überblick, der zeigt, dass diese Denkerin noch wichtig ist.4
Birgit Birnbacher: Wovon wir lebenEine junge Frau aus einem kleinen Dorf geht in die Stadt, um Krankenschwester zu werden. Sie geht in dem Beruf auf, bis ihr ein Fehler unterläuft und sie entlassen wird. Sie geht zurück in ihr Elternhaus, hofft, von ihren Eltern aufgefangen zu werden, doch die Mutter ist nach Sizilien weg und der Vater hofft, von ihr betreut zu werden. Sie ringt körperlich und seelisch nach Luft, sieht sie sich doch all dem, was sie hinter sich gelassen zu haben glaubte, erneut ausgesetzt. Sie ist gefordert, ihren Platz im Leben zu finden. 5
Ulrike Guérot: Wer schweigt, stimmt zu. Über den Zustand unserer Zeit und darüber, wie wir leben wollenEin Aufruf zu mehr Offenheit für andere Meinungen, ein Aufruf für mehr Dialogbereitschaft und Schaffung öffentlicher Räume, um die Demokratie und damit auch unsere Freiheit zu bewahren, statt autoritären Systemen die Hand zu reichen. Im Grundsatz ein guter Ansatz, oft zu populistisch und plakativ, sowie mit fragwürdigen Thesen, welche nirgends abgestützt werden. 3
Bruno S. Frey/Oliver Zimmer: mehr demokratie wagen. für eine teilhabe allerAufbauend auf einer Rede Willy Brandts legen die Autoren ihre Sicht auf die aktuelle Demokratie dar, erklären, wieso Repräsentation und Demokratie nicht gleichzusetzen sind und zeigen Lösungen auf, wie Bürger und Bürgerinnen wieder zu mehr Teilhabe an der Demokratie motiviert werden können. Gute Ansätze, aber mich haben die endlosen Ausführungen historischer Beispiele immer wieder abgehängt. Ein klarerer roter Faden und eine stringentere Argumentation wäre mehr gewesen. 3
Sophie Schönberger: Zumutung DemokratieEin Essay darüber, dass Demokratie auf Gemeinschaft beruht, die dann entsteht, wenn der Einzelne bereit ist, sich mit anderen in diese zu integrieren, die Pluralität anzunehmen und auch auszuhalten. Demokratie ist dann eine Zumutung, wenn der andere nicht verstanden wird, die gemeinsame Basis und das gemeinsame Verbundensein im Staat fehlt. Abhilfe schafft die persönliche Begegnung, die Möglichkeit von sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen. 5
Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habeEine alleinerziehende Schriftstellerin mit Zwillingen, die bald ausziehen, erinnert sich an ihr Leben. Sie erinnert in kleinen Episoden an Zeiten aus ihrer Kindheit, aus der Jugend, an ihre Beziehungen. Sie ist sich nie ganz sicher, was davon wirklich erinnert und was vergessen und neu erfunden ist. Und manches ist wirklich vergessen. Es ist eine Zeit des Umbruchs: Die Kinder ziehen aus, ihr Leben allein beginnt – nur wo soll es stattfinden?5
Eva von Redecker: BleibefreiheitWas, wenn Freiheit nicht mehr als Bewegungsfreiheit räumlich, sondern als örtliches Bleiben zeitlich gedacht würde? Wie muss diese Zeit gefasst und gefüllt, wie erfüllt sein, damit sie die Freiheit erlebbar macht, sie überhaupt gewährt? Was, wenn wir das Leben nicht mehr vom Tod her denken, sondern von der Geburt? Wenn in jeder Geburt ein neuer Anfang und damit eine Freiheit des sich neu Erschaffens läge? Wenn wir immer wieder neu geboren und damit frei in der eigenen Gestaltung wären? Das sind die Fragen, denen Eva von Redecker in diesem Buch nachgeht. Es ist ein Sammelsurium an Gedankengängen und Ausflügen, irgendwie fehlt die praktische Relevanz und wirkliche Antwort, aber es ist eine Fundgrube an weiterzudenkenden Ideen und Konzepten.4
Claire Marin: An seinem Platz sein. Wie wir unser Leben und unseren Körper bewohnen.Welchen Platz nehme ich ein auf dieser Welt? Wie stehe ich in der Zeit und im Raum, im Gefüge von Gesellschaft, Familie, Umfeld? Welche Prägungen hinterlassen Räume in uns und gibt es diesen einen, sicheren Platz, der unserer ist? Ein Nachdenken über die Räume unseres Lebens, ausserhalb und in uns selbst. 5
Stine Volkmann: Das Schweigen meiner MutterVier Schwestern treffen sich für die Beisetzung der Urne ihrer Mutter auf Langeoog, der Insel, welche in der Kindheit die schönsten Erlebnisse beheimatete, bis zu einem Sommer, in dem ein Erlebnis alles mit einem Schlag verändert. Waren die vier vorher ein eingeschworenes Team, gingen sie danach innerlich und mehr und mehr auch äusserlich getrennte Wege.Bei diesem Zusammentreffen brechen alte Wunden auf, Vorwürfe, die im Raum stehen, werden ausgesprochen, die Erinnerung wird wieder lebendig. Doch: Hat sie sich in den einzelnen Köpfen wirklich richtig eingenistet? Ein mitreissender Roman mit authentischen Charakteren, einem guten Spannungsbogen in einer flüssig lesbaren Sprache, der gegen Ende etwas an Tempo verliert 4
Franz Xaver Baier: Der Raum. Prolegomena zu eienr Architektur des gelebten RaumsEin tiefer Blick auf die Architektur verstanden nicht als blosse Konstruktion von Häusern, sondern als Schlüssel zur Wirklichkeit. Was macht einen Raum zum Raum, aus welchen Gesichtspunkten heraus ist er wahrzunehmen und was macht diese Wahrnehmung aus dem Raum? Zum Nachdenken anregend, komplex, teilweise verwirrend, originell und Augen öffnend.4
Dieter Lamping: Hannah Arendt. Leben für die FreundschaftDas Porträt von Hannah Arendt aufgrund der von ihr gepflegten Freundschaften. Ihre wichtigsten Freundinnen und Freunde werden vorgestellt und das, was die jeweilige Freundschaft ausmachte anhand von Zitaten und beleuchtet. 3
Brigitte Reimann: Die Geschwister – abgebrochenDie Geschichte einer kleinbürgerlichen Familie in der DDR, von den drei Geschwistern fliehen zwei wegen mangelnder Zukunftsaussichten in den Westen. Ein Bild der gesellschaftlichen Zustände der ehemaligen DDR sowie des Lebens mit Mauern – real und in den Köpfen. Mich hat es zu wenig angesprochen, die verschiedenen Zeitwechsel machten das Lesen zeitweise schwierig. 
Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen RadikalismusPlessner thematisiert verschiedene Formen menschlichen Zusammenlebens, stellt dabei Gemeinschaft und Gesellschaft gegenüber, indem er der Gesellschaft als offenes System verbundener Menschen, die das Zusammenleben immer wieder neu entwerfen den Vorzug gibt. Es plädiert im Umgang miteinander für Diplomatie und Takt, da dieser zu einem wohlwollenden und feinfühligen Miteinander führt. 4
Esther Schüttelpelz: Ohne mich – abgebrochenEine junge Frau richtet sich nach der Trennung von ihrem Mann wieder neu ein – in ihrer Wohnung und in ihrem Leben. Diese schnoddrige, mit Flüchen und Kakophonien durchsetzte mündlich anmutende Sprache war für mich nicht lesbar. Abbruch nach wenigen Seiten (zweimal versucht mit demselben Ergebnis)
Daniela Brodesser: ArmutDie persönliche Geschichte der Autorin, wie sie und ihre Familie in die Armut gerieten. Zahlen und Fakten zur Armut in Österreich und Deutschland, die Beschreibung, womit betroffene zu kämpfen haben und was Armut aus Menschen und mit Menschen macht. Das Buch versucht, Aufmerksamkeit für ein Thema zu gewinnen, das noch zu sehr als Tabu behandelt und mit Vorurteilen belastet ist. Es fehlt ein wenig die praktische Hilfe, so bleibt es hauptsächlich das Zeugnis einer Betroffenen, das betroffen macht. 3
Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und KlassenBourdieu untersucht den sozialen Raum, analysiert, durch welche Kriterien sich Gruppen bilden und was sie zusammenhält. Er thematisiert die verschiedenen Kapitalsorten, welche für die Klassenzuteilung ausschlaggebend sind, und wie sich Repräsentation einer Klasse legitimiert. Die Materie wäre nicht so komplex, wie sie durch die unglaublich unverständliche Sprache dargestellt wird. 3
Katharina Mevissen: Mutters Stimmbruch – abgebrochenEine älterwerdende Frau, deren Mann und Kinder ausgezogen sind, die aber doch als einzige Identität die der Mutter der Erzählerin hat. Herbst ist im Leben und im eigenen Körper, mit beidem kämpft sie und das auf eine so schräge, komische Art, dass es nach einem kurzen Amüsement den Reiz verloren hatte, zumal kein Bezug herzustellen war aus dem eigenen Erleben, Empfinden, aus eigenen Erfahrungen. 
Heinz Bude: Das Gefühl der WeltWorauf gründen Stimmungen in der Welt und wie wirken sie sich aus? Heinz Bude geht diesen Fragen in sehr loser und wenig analytischer Weise eher plaudernd nach, es fehlt ein roter Faden und auch ein Ergebnis. Nett zu lesen, aber es bleibt wenig haften.3

Eva von Redecker: Bleibefreiheit

Inhalt

«Unser gängiger Freiheitsbegriff ist untauglich für das Anthropozän.»

Was, wenn Freiheit nicht mehr als Bewegungsfreiheit räumlich, sondern als örtliches Bleiben zeitlich gedacht würde? Wie muss diese Zeit gefasst und gefüllt, wie erfüllt sein, damit sie die Freiheit erlebbar macht, sie überhaupt gewährt? Was, wenn wir das Leben nicht mehr vom Tod her denken, sondern von der Geburt? Wenn in jeder Geburt ein neuer Anfang und damit eine Freiheit des sich neu Erschaffens läge? Wenn wir immer wieder neu geboren und damit frei in der eigenen Gestaltung wären? Das sind die Fragen, denen Eva von Redecker in diesem Buch nachgeht.

Gedanken zum Buch

«So wie Bleibefreiheit das Abzugsrecht voraussetzt, ist Bewegungsfreiheit auch nur Freiheit, wo das Bleiben möglich wäre.»

In einer Zeit, in der die Menschen dazu aufgerufen sind, das von ihnen verursachte Übel auf der Welt wieder in den Griff zu kriegen, in einer Zeit, in welcher die Natur an ihre Grenzen stösst und der Mensch die massgebliche Ursache dafür ist, muss Freiheit umgedacht werden. Freiheit kann nicht mehr bedeuten, alles tun und wohin man will gehen zu können, sondern dafür zu sorgen, dass ein Bleiben möglich bleibt.

«Bleiben-Können ist weitaus voraussetzungsreicher. Es erfordert die Wahrung der bewohnbaren Welt.»

Was, wenn langsam die Arten sterben, das Klima sich in einer Weise entwickelt, die dem menschlichen Leben nicht mehr entspricht? Was passiert, wenn die Schwalben nicht mehr kommen und die Gezeiten sich langsam verabschieden, die doch das Leben ausmachen? Diese und andere Fragen nimmt Eva von Redecker zum Ausgangspunkt ihrers Essays über die Bleibefreiheit, die eine Freiheit ist, die sich in der Zeit zeigt, nicht im Ort. Sie beleuchtet, wieso wir nicht den Mars bewohnen wollen sondern die Erde bewahren sollen. Sie zeigt auf, was das ökologisch bedeutet, indem sie auf die Lebenskreisläufe des Ökosystems verweist.

«Wir können unsere Zeit mit anderem Lebendigem teilen, ohne sie zu verlieren… Bleibefreiheit wächst mit der Fülle der Gezeiten. In einer Zeit der Fülle haben wir grössere Freiheit.»

Aus der Fülle können wir schöpfen, quasi aus dem Vollen. Virginia Woolf sagte, sie wolle das Leben immer voller machen. Voll ist das Leben, wenn es erfüllt ist, voll mit dem, in was wir aufgehen, uns vergessen, uns leicht fühlen. Indem wir in diesem Erfüllt-Sein sind, haben wir nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, wir vermissen nichts und damit keine Freiheit, etwas anderes tun oder woanders sein zu wollen. In dem Moment an dem Ort sind wir frei. Doch können wir nur dableiben, wenn wir die Erde so behandeln, dass sie uns diese Bleibefreiheit gewährt. Das ist die Aufgabe des Menschen im Anthropozän, er ist der Schöpfer seiner Freiheit in der Zeit, seiner Bleibefreiheit.

Das Buch weist keine stringente Argumentationskette auf. Es ist mehr eine Aneinanderreihung von Gedanken, die sich oft aus persönlichen Begegnungen und Erfahrungen speisen. Es ist ein Sammelsurium an Gedankengängen und Ausflügen, denen keine klare Handlungsanleitung oder konkrete praktische Relevanz folgt, auch eine klare Antwort sucht man vergebens. Es ist mehr ein Mitnehmen auf eine Gedankenreise, ein Eintauchen in eine neue Form des Denkens von Freiheit, und damit ist es sehr inspirierend.

Fazit
Ein Buch, das dazu anregt, die ausgetretenen Pfade unseres Freiheitsdenkens zu verlassen und mit Blick auf die aktuelle Wirklichkeit unserer Zeit eine neue Art der Freiheit zu denken – eine in der Zeit.

Zur Autorin
Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin und freie Autorin. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität und als Gastwissenschaftlerin an der Cambridge University sowie der New School for Social Research in New York tätig. 2020/2021 hatte sie ein Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatium an der Universität von Verona inne, wo sie zur Geschichte des Eigentums forschte. Eva von Redecker beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus und Kapitalismuskritik, schreibt Beiträge für u.a. »Die ZEIT« und ist regelmäßig in Rundfunk- und TV-Interviews zu hören. Seit Herbst 2022 richtet sie am Schauspiel Köln die philosophische Gesprächsreihe »Eva and the Apple« aus. Bei S. FISCHER erschien zuletzt ihr Buch »Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen« (2020) sowie ein Vorwort zur Jubiläumsausgabe der »Dialektik der Aufklärung«. Aufgewachsen auf einem Biohof, lebt sie heute im ländlichen Brandenburg.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ S. FISCHER; 1. Edition (24. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3103974997

Bücherwelten: Mutter

Man soll sie lieben, achten, Respekt haben. Eine zu sein, bedeutet Liebe, Fürsorge, (Selbst-?)Aufgabe. Kaum ein Begriff, eine Rolle ist so befrachtet mit Ansprüchen, Zuschreibungen und Erwartungen wie die Mutter. Sie wird verklärt und verflucht, sie ist an allem schuld und für vieles verantwortlich. Man könnte meinen, wenn man so viel drüber weiss oder zumindest «geregelt» hat, sei alles klar und einfach, doch wie so oft in diesen Fällen fangen genau da die Probleme an: Was, wenn man diese Punkte nicht erfüllt? Was, wenn man einfach nicht fühlt, was man fühlen soll? Was, wenn diese engste aller Beziehungen einfach nicht entsteht? Oder aber irgendwann verloren geht?

Fragen über Fragen und ein Thema, über das es sicher viel nachzudenken gäbe. Die folgenden vier Bücher haben alle in einer Form mit dem Thema „Mutter“ zu tun:

Bonnie Garmus schreibt über eine Frau, der nichts ferner lag, als Mutter zu werden, die diese Rolle dann aber alleinerziehend mit Tatkraft und selbstbestimmt auf ihre persönliche Weise ausfüllt. 

Anneleen Van Offel schreibt von einem Band der Liebe, das durch Distanz zerrissen wurde, und dessen sich die Mutter nach dem Tod des Sohnes wieder versichern will.

Thommie Bayer erzählt von einem Sohn, der sich seiner Rolle im Leben der Mutter gewahr wird und in diesem Bewusstwerden auch die Mutter für sich besser kennenlernt. 

David Rieff wollte über das Sterben seiner Mutter schreiben und zeichnete stattdessen ein starkes Bild einer grossartigen Frau mit all ihren Herausforderungen, ihrer Tatkraft, ihrer Widerspenstigkeit und ihrem Mut.

Habt einen schönen Tag!

Sophie Schönberger: Zumutung Demokratie

Ein Essay

Inhalt

«Die ‘Herrschaft des Volkes’ setzt voraus, dass sich so etwas wie ein ‘Volk’ im Sinne einer demokratischen Gemeinschaft erst einmal konstituiert und als Kollektiv begreift.»

Eine Demokratie braucht, um wirklich gelebt zu sein, Gemeinschaft. Diese bedarf der Bereitschaft des Einzelnen, sich mit anderen zu verbinden und diese zu bilden. Es geht darum, den anderen als Verschiedenen und doch Gleichen zu akzeptieren und durch eine offene Kommunikation einen Gemeinsinn herauszubilden, der für alle verbindlich ist, auch wenn nicht alle derselben Meinung sind.

Diese Bereitschaft fehlt in der letzten Zeit, die Konfliktfähigkeit hat abgenommen und die Akzeptanz für andere Meinungen schwindet. Wie kam es dazu, dass das Vertrauen in den Staat mehr und mehr schwindet, und was können wir dagegen tun? Wie stark darf der Staat eingreifen in die Kommunikationsmöglichkeiten und -inhalte der Bürger, wo ist die Grenze der Freiheit des Einzelnen im Hinblick auf ein funktionierendes Miteinander?

Diesen und anderen Fragen geht der vorliegende Essay nach.  

Gedanken zum Buch

«Die Hölle sind die Anderen.»

Das wusste schon Sartre und es hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil. Die anderen, die man nicht versteht, führen dazu, dass es eine Zumutung darstellt, mit ihnen zusammen zu leben. Dieses Nicht-Verständnis führt zu Abgrenzungen, zu Ausgrenzungen, zu Blasenbildungen und Meinungspolaritäten. Dies wird umso mehr verstärkt durch die aktuelle Zeit, in welcher persönliche Begegnungen immer mehr den digitalen weichen.

„Demokratie braucht Gemeinschaft.“

Um da Abhilfe zu schaffen, bedarf es der persönlichen Begegnung. In sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den Anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen, entsteht ein besseres Gefühl für die Pluralität und doch Gleichheit der verschiedenen Mitglieder der Demokratie. Aus diesem Verständnis heraus kann sich die Gemeinschaft bilden und entwickelt einen Sinn für gemeinsame Interessen und Ziele für das Zusammenleben.

„Denn die elementaren Mindeststandards des Miteinanderredens, die das Strafrecht vorgibt, müssen auch in Zeiten des Medienwandels effektiv durchgesetzt werden, damit die Kommunikation in der demokratischen Gemeinschaft funktionieren kann. Diese Aufgabe muss der Staat auch als Mittel der Demokratiesicherung selbst wahrnehmen.“

Der Staat hat sich zu lange zurückgehalten bei der Einmischung in die kommunikativen Möglichkeiten und Auswüchse der digitalen Medien. Dadurch ist eine Kommunikationskultur entstanden, in welcher Blasenbildung, Meinungsmanipulation und Aggression sich ausbreiten konnte. Die notwendige Verantwortung für Eingriffe in diese den demokratischen Prozess gefährdenden Auswüchse überliess der Staat bislang zu stark privaten Akteuren. Die Sicherung der Demokratie verlangt aber eine staatliche Regulierung durch klare und rechtlich verbindliche Vorschriften, denn sie sind auch das demokratische Mittel und damit die Sicherung der Demokratiesicherung.

Fazit
Ein wichtiges Buch darüber, was Demokratie bedeutet, woran es heute mangelt und was man dagegen unternehmen kann. Ein Aufruf für mehr Akzeptanz, demokratieförderliche Kommunikation und wirkliche Begegnung.

Angaben zur Autorin
Sophie Schönberger ist Professorin für Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ko-Direktorin des Instituts für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 189 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406800085

Lebenskunst: Leben aus tiefstem Herzen

„Gunst suchen ist erniedrigend:
erschreckend, wenn sie erlangt ist,
erschreckend, wenn sie verloren geht.“
Laotse (Tao Te King, 13)

„Was denken wohl die anderen?“ Ein Satz, der oft auf Gedanken kommen, was man eigentlich machen möchte, sich aber nicht traut und drum verbietet, weil man fürchtet, von anderen abgelehnt, belächelt, gar verstossen würde. Wie oft trauen wir uns nicht, unsere Sehnsüchte und Wünsche zu leben, passen und über Gebühr an, um anderen Erwartungen zu entsprechen. Wir unterdrücken unser ureigenstes Sein für Anerkennung, Ruhm, Geld, Macht – alles Dinge im aussen, die einem zugesprochen werden, wenn man systemkonform lebt. Ansonsten – so fürchtet man zumindest – steht man am Rand, im Dunkeln, ausgeschlossen. Wie sagte schon Brecht so schön:

„Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Und so streben wir oft zum Licht des schönen Scheins, vergessen dabei unser inneres, das unseres Seins. Im Tarot gibt es die Karte des Narren, die Null. Sie symbolisiert Unwissenheit, stellt einen Anfang dar. Sie steht dafür, unbedarft in die Welt zu gehen, aus sich selbst heraus sich darin einzurichten mit seinen eigenen Wünschen, Sehnsüchten, (Lebens-)Träumen. Dazu braucht es Vertrauen, Vertrauen in sich, in die Welt und das Vertrauen, dass man als Ich in dieser Welt seinen Platz hat und findet. Denn: er steht jedem Wesen zu.

Wieso soll ich mir also nicht die Narrenfreiheit nehmen, mit Mut und Entschlossenheit das leben, was ich tief in mir drin bin und will? Ganz im Sinne von Udo Jürgens Lied:

„Heute beginnt der Rest deines Lebens.“