Maria Barankow, Christian Baron: Klasse und Kampf

Zum Inhalt

«ein manifest über die feinen unterschiede, die eine gesellschaft in OBEN und UNTEN teilen»

So lautet die Zielsetzung von Maria Barankow und Christian Baron bei der Herausgabe des Buches mit dem Titel «Klasse und Kampf». 14 Autor*innen haben einen Beitrag dazu geleistet und mit ihren Texten teils sehr persönliche und erzählerische, teils eher sachliche Ansichten des Problems vorgelegt, wie es ist, in einem reichen Land in Armut aufzuwachsen. Das Buch handelt von Privilegien, Scham, Diskriminierung, es behandelt die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von sozialem Aufstieg genauso wie das bleibende Gefühl danach, zwischen zwei Welten zu wohnen.

Gedanken zum Buch

«Heute ist es angesagt, über Themen wie Race und Gender zu sprechen; das weniger coole Thema ist Klasse. Es ist das Thema, bei dem wir alle verkrampfen, nervös werden, nicht sicher sind, wo wir stehen.» bell hooks

Wir leben in einer Zeit, in welcher Missstände angeklagt werden, in welcher die Menschen hinstehen und für Rechte kämpfen. Menschen gehen auf die Strasse, Bücher werden geschrieben, Rassismus und Sexismus werden offen bekämpft – von Betroffenen selbst und von Menschen, die solidarisch gegen diese Missstände und für eine gerechtere Gesellschaft einstehen. Nur der Klassismus wird merkwürdig stiefmütterlich behandelt. Das mag unter anderem damit zusammenhängen, dass viele Betroffenen Scham empfinden über ihre Armut. In einer Leistungsgesellschaft wie der unseren, in welcher die Meinung hochgehalten wird, dass man alles erreichen kann, wenn man sich nur genügend anstrengt, ist es doppelt beschämend, wenn man es eben in den Augen dieser Gesellschaft nicht geschafft hat. Dass Armut mitnichten mit mangelndem Einsatz einhergeht, dass sie in den seltensten Fällen selbstverschuldet ist, wird oft ignoriert.

«Ausbeutung bedeutet nicht, wie häufig angenommen, einen Verstoss gegen kapitalistische Regeln, sondern resultiert notwendig aus der Befolgung dieser Regeln.»

Es ist Zeit, dass dies ändert. Schon Simone de Beauvoir sagte, dass hinter vielen anderen Problemen – auch die Ungleichbehandlung der Frauen – eigentlich Klassismus stehe. Würde man das beheben, fielen auch viele andere Missstände weg.

«Weil dieser Zustand historische gewachsen und strukturell ist, sind Klassenunterschiede auch Herrschaftsverhältnisse, die sich reproduzieren.»

Der Kapitalismus, mehr noch die Industrialisierung haben zu einem System geführt, in welchem eine Gruppe von Menschen eine andere ausbeuten kann für den eigenen Profit. Obwohl auf dem Papier soziale Schichten durchlässig sind, ein Aufstieg möglich sein sollte, sind es wenige Prozent, die diesen Aufstieg wirklich schaffen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits fehlt Kindern aus sozial schwachen Schichten oft der Zugang zu den nötigen Bildungsangeboten, teils, weil sie diese nicht kennen, nicht vermögen oder aber durch das Herkunftsmilieu mit Abwertungen gegen höhere Schichten aufwachsen.

Gelingt der Aufstieg doch, bleibt oft das Gefühl, nirgends dazuzugehören, quasi zwischen den Welten (Klassen) zu sitzen (Pierre Bourdieu beschreibt das ausführlich in seinen Büchern zum Habitus). Für soziale Wesen, wie der Mensch eines ist, kein einfacher Zustand.

Fazit
Ein persönliches, ein informatives, ein bewegendes Buch über ein wichtiges Thema in unserer Gesellschaft, welches zu wenig Aufmerksamkeit erhält.

Herausgeber*innen und Mitwirkende
Christian Baron, geboren 1985 in Kaiserslautern, lebt als freier Autor in Berlin. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier arbeitete er mehrere Jahre als Zeitungsredakteur. 2020 erschien bei Claassen sein literarisches Debüt Ein Mann seiner Klasse, wofür er den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Literaturpreis »Aufstieg durch Bildung« der noon-Foundation erhielt.  Die von ihm zusammen mit Maria Barankow herausgegebene Anthologie Klasse und Kampf erschien 2021 bei Claassen.

Maria Barankow, geboren 1987 in Russland, Studium der Romanistik und Anglistik in Köln und London, ist seit 2013 Lektorin und Programmleiterin bei den Ullstein Buchverlagen.

Mit Beiträgen von Christian Baron, Martin Becker, Bov Bjerg, Arno Frank, Lucy Fricke, Kübra Gümüsay, Schorsch Kamerun, Pinar Karabulut, Clemens Meyer, Katja Oskamp, Sharon Dodua Otoo, Francis Seeck, Anke Stelling, Olivia Wenzel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Claassen; 3. Edition (29. März 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3546100250

Gedankensplitter: Selber denken

„Moral ist der Ausdruck der Hoffnung, dass unsere Welt besser werden kann, als sie ist, und der Wille, herauszufinden, wie man die Welt verändert, ohne alles noch schlimmer zu machen Aufklärung ist die Forderung an jeden Einzelnen, bei genau dem anzufangen, was er selber ändern kann, also tatsächlich vernünftig zu handeln als vom Paradies zu träumen.“ Bettina Stangneth

Wenn wir heute von Moral sprechen, denken wir an den erhobenen Zeigefinger und Verhaltensnormen, die das perfekte Verhalten in einer perfekt gewollten Welt fordern. Dass diesem Anspruch kein Mensch genügen kann, liegt in der Natur desselben, dass im Wissen um die Erwartungen und das eigene Scheitern daran die Moral in Verruf kommt, folgt unweigerlich. Von Moralaposteln ist die Rede, von moralinsauren Zeitgenossen. Und: Das stimmt grösstenteils auch. Oft ist in so rigiden Forderungen mehr Selbstprofilierungsdenken als wirkliche Sorge um das gute Zusammenleben angelegt. Kann man sich dann mit solchen Forderungen noch zu Gruppen formieren, der gegenüber ein gemeinsamer Feind steht, nämlich einer, welcher den eigenen Anforderungen nicht genügt, kann es gefährlich werden.

„Ich trau dem Wir nicht. Das Wir ist sehr hungrig nach dem Ich.“

Mit diesen Worten beschreibt MIchel Friedman seine Sicht auf Gruppen, die er als grösstes Problem ansieht. In Gruppen verschwindet der Einzelne, er wird zu einem Teil des Kollektivs. Sobald wir uns in Gruppen formieren und diesen Gruppen blind folgen (um dazuzugehören), geben wir das eigene Denken auf. Wir verzichten also auf das, was Hannah Arendt als grundlegend für ein moralisches Verhalten hält. Nur wenn wir uns unseres eigenen Verstandes bedienen, wie Kant es formulierte, haben wir Zugang zu dem Gefühl von richtig und falsch, das tief in uns angelegt ist, wozu wir keine Regeln von aussen bedürfen. Wenn wir aus diesem Gefühl heraus handeln, wenn wir uns für das richtige entscheiden, können wir uns als Menschen unter Menschen begegnen, die einander nichts Böses wollen, dann können wir in Beziehung treten im Vertrauen, unversehrt zu bleiben. Dann ist die Welt noch kein Paradies, aber wir machen sie vielleicht ein Stück besser da, wo wir es können. 

Gedankensplitter: Authentisch sein

Viele kennen ihn wohl, den Satz: «Was werden bloss die anderen denken?» Dieser Satz war keine Frage, es war ein Hinweis darauf, dass etwas Ungehöriges im Gange war, und es gab eine richterliche Instanz: Die anderen, die die Stimme der Moral verkörpern. Sätze wie dieser haben die Angewohnheit, sich in einem festzusetzen. Fortan leben sie gemütlich im eigenen Sein, breiten sich aus und melden sich zu allen möglichen Gelegenheiten wieder zu Wort. Man möchte etwas tun, und zack: «Was werden bloss die anderen denken?»

Wir versuchen uns oft, anzupassen, wollen dazugehören, geben dafür Dinge auf, von denen wir denken, dass sie nicht genehm sind. Dass wir uns damit stückweise selbst aufgeben, nehmen wir in Kauf, wollen wir doch nicht Fremde sein und bleiben in dieser Welt, sondern einen Platz in ihr haben – es ist nicht nur ein Wollen, es ist ein Brauchen. Nur: Auch dann noch wird es Situationen geben, in denen wir in Konflikt geraten mit anderen Wertvorstellungen. Auch dann noch werden wir nicht allen gefallen. Nicht zu gefallen bei allem Bestreben, gefällig zu sein, ist ungleich schmerzhafter, weil man dann alles verloren hat: Sich selbst und das, was man damit erreichen wollte.

Vielleicht darf der Satz «Was werden die anderen denken?» bleiben, man darf ihm aber antworten. Zum Beispiel mit «Lass sie reden!» Wegzukommen von der Fremdbestimmung hin zu einer authentischen Lebensweise ist sehr befreiend. Das wird nie allen gefallen, nur: Wer soll der Massstab sein? Wer einen wegen seines So-Seins ablehnt, beweist damit nur die eigene Intoleranz, sagt aber nichts über einen selbst aus. Mit Humor geht das alles noch viel besser, Epiktet machte es vor:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Als Verschiedene Gleiche sein

«Jeder Mensch hat ein eigenes Mass, gleichsam eine eigene Stimmung aller seiner sinnlichen Gefühle zu einander.» Johann Gottfried Herder

Das Leben in diversen Gesellschaften bringt viele Probleme mit sich. Wir sehen das an den täglichen Problemen des Zusammenlebens. Es herrscht ein Gefälle von oben und unten, einige wenige Menschen haben Macht, einige fühlen sich ohnmächtig, die Mehrheit schwimmt irgendwo in diesem Spannungsfeld, wobei die Dichte hin zur Ohnmacht zunimmt, je näher man zur Macht kommt, desto weniger tummeln sich da. Das gleiche Bild zeigt sich beim Ansehen, bei Geld, bei den Möglichkeiten, das eigene Leben nach eigenen Massstäben und Fähigkeiten zu leben.

Der Mensch als soziales Wesen ist dazu genötigt, Regeln als Ordnungsstruktur und Leitplanken des eigenen Verhaltens zu haben, die das Zusammenleben ermöglichen. Doch sind wir weitergegangen, als das blosse Zusammenleben zu ermöglichen, wir haben Normen aufgestellt, die festlegen, was nicht nur in einem pragmatischen Sinne nötig ist, sondern in einem dogmatischen gefordert wird. An ihnen ist ausgerichtet, ob jemand dazugehört oder ausgestossen ist. Daran wird gemessen, ob jemand genehm ist oder unbequem. Es ist der Versuch, etwas zu homogenisieren, das von der Natur nicht homogen vorgesehen ist. Dass dies mitunter dramatische Auswüchse hat, konnten wir in der Geschichte mehrfach auf grausame Weise sehen.

Jeder Mensch ist einzigartig und in dieser Einzigartigkeit liegt seine Bestimmung, seine Schönheit und seine Würde.

«Die Würde des Menschen ist unantastbar.»

Diese menschliche Würde gilt es zu schützen, sie ist das höchste Gut, an welchem sich alles ausrichten sollte. Wir werden in diversen Gesellschaften nur friedlich zusammenleben können, wenn wir anerkennen, dass jeder Mensch in seinem Sosein seine Daseinsberechtigung hat. Wir können den anderen nicht an unseren Massstäben messen, sondern nur an seinen. Er hat ein Recht auf diese wie wir auf die unseren. Nur so sichern wir gegenseitig unsere Freiheit, unsere Autonomie, unser Sein. All das ist nicht sicher zu haben auf Kosten anderer.

Simone Scherger, Ruth Abramowski, Irene Dingeldey, Anna Hokema, Andrea Schäfer (Hg.): Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und Familie

«Tatsächlich verringern sich jedoch die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in vielen Bereichen nur langsam… Mit diesen Ungleichheiten sind jeweils unterschiedliche soziale Risiken und günstige oder ungünstige Lebenslagen, mithin meist Benachteiligungen von Frauen verknüpft.»

Der Kampf gegen Ungleichheit, die immer einher geht mit Ungerechtigkeit, ist nicht neu. Über die Jahre konnten viele Fortschritte erreicht werden, die Gesetzeslage hat sich mehr und mehr in Richtung Gleichheit verändert und auch im Selbstverständnis vieler Menschen kam es zu einer Entwicklung hin zu einer gleichberechtigteren Sicht auf die Unterschiedlichkeiten der Menschen. Leider sind wir weit davon entfernt, am Ziel zu sein, im Gegenteil, alles Erreichte ist immer in Gefahr, durch Rückschritte zunichte gemacht zu werden (wir sehen es aktuell bei Diskussionen rund um die Abtreibung). Der Kampf um Gleichberechtigung ist ein fortlaufender Prozess gegen Beharrungstendenzen und Rückfälle, die Fortschritte aber zeigen sich nur langsam.

«Sie werden durch das Zusammenspiel verschiedener institutioneller, etwa sozialpolitischer und rechtlicher Strukturen[…], organisatorischer Einflüsse (etwa an Arbeitsplätzen) und normative Leitbilder direkt oder indirekt geprägt, die auch in sich widersprüchliche Arrangements bilden können.»

Ungleichheit und Diskriminierung aufgrund solcher ist nie ein nur individuelles Problem, sondern eines, das in Strukturen stattfindet. Indem es eine Sicht von normal und anders gibt, werden Machtverhältnisse definiert, die fortan das Zusammenleben bestimmen. Dies gilt es, bewusst in den Blick zu nehmen und nach neuen Wegen für ein gleichberechtigtes Miteinander zu suchen, ist auch heute noch wichtig (selbst wenn einige Stimme gerne das Gegenteil behaupten, wohl mehrheitlich aus der Motivation heraus, die eigenen Privilegien zu schützen).

Die im vorliegenden Buch zusammengetragenen Aufsätze diskutieren die geschlechtsbezogenen Ungleichheiten im Hinblick auf Arbeitsverhältnisse, Wohlfahrtsstaat und Familie. Ziel ist es, durch die Analyse geschlechterbezogener Einstellungen und Verhaltensmuster ein Bewusstsein für die gemachten Fortschritte wie auch die noch offenen Problemfelder und Rückschritte zu schaffen, aufgrund dessen dann Wege für neue Veränderungsprozesse eröffnet werden können.

Die Qualität der Aufsätze ist durchzogen, von sehr fundierten, informativen, weiterführenden über interessante bis hin zu wissenschaftlich fragwürdigen (nicht repräsentative Proben, zu offensichtliche Ergebnisse, etc.) ist alles dabei. Trotzdem ist das Buch sehr empfehlenswert, behandelt es doch ein Thema, das wichtig ist und vor dem wir unsere Augen nicht verschliessen dürfen.

Über die Herausgeberinnen und Autorinnen
Simone Scherger, Prof. Dr., Soziologin und Leiterin der Arbeitsgruppe »Lebenslauforientierte Sozialpolitik« am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.
Ruth Abramowski, Dr., Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe »Arbeit, Wohlfahrtsstaat und Gender« von Prof. Dr. Karin Gottschall am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.
Irene Dingeldey, Prof. Dr., Sozialwissenschaftlerin und Direktorin des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.
Anna Hokema, Ph.D., Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) der Universität Duisburg-Essen und der Universität Bremen.
Andrea Schäfer, Magistra, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Sonderforschungsbereich 1342 »Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik« an der Universität Bremen

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Campus Verlag; 1. Edition (13. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 484 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3593514413

Gedankensplitter: Die Macht der Worte

«Nur durch Kommunikation können Menschen ein zivilisiertes, friedliches Leben miteinander gestalten. Die Brückenbildung des Wortes, auch des streitigen Wortes, ist elementar.» Michel Friedman

Worte haben eine Macht, eine Wirkmacht. Sie können verletzen, sie können treffen, sie können umschmeicheln, liebkosen. Worte können ein Pflaster für die Seele sein oder eine Mördergrube, in die man fällt. Worte können Brücken bauen oder Mauern einreissen. Sie können Gefängnisse errichten und Trennwände bilden. Worte sind unser Zuhause, sie machen unsere Welt aus. Mit unseren Worten stellen wir uns in die Welt und zeigen uns dieser als die, die wir sind, weil wir durch die Worte in sie hinein treten. 

„Die Worte, die du sprichst, werden zu dem Haus, in dem du lebst.“ (Hafiz)

Wir sind, was wir sagen, und wenn wir uns selbst sagen, wer wir sind, dann glauben wir uns das. Darum ist es wichtig, gut hinzusehen, welche Botschaft wir uns über uns selbst mitteilen, denn sie malen das Bild, das wir von uns selbst haben. Genauso wichtig ist es, die Worte gut zu wählen, die wir an andere richten, denn mit ihnen malen wir das Bild, das sich den anderen zeigt von uns. 

Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit

Inhalt

«Ungleichheit ist zunächst und vor allem eine soziale, historische und politische Konstruktion.»

Wir leben in einer Welt voller Ungleichheiten. Die Schere zwischen reich und arm klafft weit auseinander, Menschen mit vielen Rechten und Macht stehen anderen gegenüber. Wie ist es dazu gekommen? Ist es ein Problem? Müssen wir es lösen? Können wir es lösen?

Thomas Pickety zeichnet das historische Bild über die Entstehung der Ungleichheiten in unserer Gesellschaft und verweist darauf, dass diese nicht als Naturgewalt über uns kamen, sondern mehrheitlich von uns Menschen selbst konstruiert wurde durch unser Naturell und die Art und Weise unseres Zusammenlebens in Gesellschaften und Staaten. Er bleibt dabei nicht bei der Beschreibung stehen, sondern hat auch einen Lösungsansatz zur Hand, von dem er aber selbst sagt, dass ein solcher nie für immer in Stein gemeisselt ist, sondern einen andauernden Prozess darstellt.

«Der Sozialstaat und die Steuerprogression sind wirkungsvolle Instrumente einer Transformation des Kapitalismus.»

Gedanken zum Buch

«Menschliche Gesellschaften erfinden unablässig Regeln und Institutionen, um sich zu organisieren, um Reichtum und Macht zu verteilen. Aber stets treffen sie dabei politische und reversible Entscheidungen.»

Was vom Menschen gemacht ist, kann der Mensch auch ändern. Der Satz klingt einfach, man könnte hinterherschieben, dass er es nur wollen müsse. Das Hauptproblem dabei ist aber wohl, dass es «den Menschen» nicht gibt, nur «die Menschen», und die wollen selten alle dasselbe. Es wollen die umso weniger eine Änderung, die von der aktuellen Situation profitieren, und mehrheitlich sind die auch in Positionen, dies zu bestimmen.

«So leicht es ist, den inegalitären oder repressiven Charakter bestehender Institutionen und Regierungen anzuprangern, so schwierig ist es, sich auf alternative Institutionen zu verständigen, die wirklich mehr soziale, wirtschaftliche und politische Gleichheit schaffen und zugleich individuelle Rechte und das Recht jeder und jedes Einzelnen auf Andersartigkeit zu respektieren.»

Zentral für eine Änderung der vorhandenen Ungleichheiten in unserer Gesellschaft ist einerseits der klare Blick auf dieselben, das Aufdecken der Missstände. Andererseits bedarf es eines Dialogs, um mögliche Lösungsansätze gegeneinander abzuwägen und eine möglichst grosse Einigung auf die geeignetsten Massnahmen zu gewinnen.

«Dazu braucht es eine ehrgeizige, konsequente und überprüfbare Antidiskriminierungspolitik, ohne darum die Identitäten, die stets vielfältig und vielschichtig sind, zu verhärten.»

Was sich auf dem Papier leicht schreibt, stellt sich in Tat und Wahrheit schwierig an, sind es doch festgefahrene, da über Jahrzehnte, Jahrhunderte gar, gewachsene Strukturen, an denen wir rütteln wollen. Wir müssen wegkommen von einer Politik, welche die bevorteilt, die sowieso schon viel haben, auf Kosten derer, die am anderen Ende der Messlatte sitzen. Wir müssen hinkommen zu einer Form des Zusammenlebens, die Menschen als Menschen sieht, ohne sie nach äusseren Kriterien zu unterscheiden und zu diskriminieren. Wir müssen hinkommen zu einem System, das sozialer ist und auf eine Umverteilung setzt, die es allen ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Thomas Piketty gelingt in diesem für ihn verhältnismässig schmalen Buch eine konzise historische Analyse der gewachsenen Ungleichheiten in unseren Gesellschaften, und liefert einen gezielten Lösungsansatz, den er zur Diskussion stellt. Es ist zu wünschen, dass dieser aufgegriffen wird und zur Umsetzung gelangt. Ich bin überzeugt, dass sich viele andere Probleme auch lösen würden, wären gravierende Ungleichheiten nicht mehr ausschlaggebend, wenn es darum geht, ein würdiges Leben zu führen.

Fazit
Tiefgründig, kompetent, analytisch und konkret – ein gut lesbares, zum Nachdenken anregendes Buch über die Ungleichheiten dieser Welt und wie wir sie beheben können.

Zum Autor
Thomas Piketty lehrt an der École d’Économie de Paris und an der renommierten École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris. Bei C.H.Beck sind von ihm erschienen „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2020), „Ökonomie der Ungleichheit“ (2020), „Kapital und Ideologie“ (2020), „Der Sozialismus der Zukunft“ (2021) und zuletzt „Rassismus messen, Diskriminierung bekämpfen“ (2022).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 2. Edition (29. September 2022)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 264 Seiten
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Übersetzung‏ : ‎ Stefan Lorenzer
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406790980

Ein Rückblick in Büchern: Juni

Der Juni war ein … Monat. Ich habe mit dem Satz begonnen und merke, ich kann kein Adjektiv finden. Ich weiss nicht, wie er war, weil irgendwie so viel durcheinander lief in mir und ausserhalb von mir. Es war ein Monat voller Ambivalenzen in meiner Gefühlswelt, Vorfreude paarte sich mit Wehmut, vieles war zu viel oder zu wenig, zu voll oder zu leer. Es war ein Monat mit schönen Begegnungen aber auch mit dem Gefühl der Verlassenheit dann und wann. Und lesetechnisch war es ein suchender Monat – ein Suchen nach Themen, nach passenden Inhalten, nach Büchern, die weder zu populärwissenschaftlich noch zu akademisch, weder zu oberflächlich noch zu akribisch analysierend sind. Was habe ich gefunden?

Ich habe mich der menschlichen Würde, der Wertschätzung und der Moral auseinandergesetzt, habe den Menschen als Gemeinwesen erforscht, begleitete eine Liebe und beschäftigte mich mit dem Thema der Flucht. Es interessierte mich, was das Gute ist und wieso es so oft verloren geht, wenn Ungleichheiten herrschen, liess mich vom Streiten faszinieren und vieles mehr.

Die Lesehighlights für mich waren sicher Michel Friedmans «Streiten» und Hanno Sauers «Moral». Nun sind wir schon im Juli angelangt, ich bin gespannt, was er bringen wird, einiges ist schon gesetzt, anderes noch in der Schwebe.

Was waren eure Lesehighlights im Juni?

Hier die ganze Leseliste:

Klaus Feldmann: Soziologie kompakt. Eine EinführungEinzelne Theorien und Systeme werden vorgestellt, unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft beleuchtet und Ansätze der Betrachtung derselben diskutiert. Sehr informativ, kompetent und gut lesbar. 5
Hanno Sauer: Moral. Die Erfindung von Gut und BöseEine Geschichte unserer Moral über die Jahrtausende hinweg. Wie haben sich Gesellschaften entwickelt, wie ihre Werte, ihre moralischen Haltungen? Erst wenn wir erkennen, woher unsere Moral kommt und die damit verbundenen Probleme in der heutigen Zeit, können wir dahin gehen, diese Probleme zu lösen und gangbare Wege hin zu einer Gesellschaft gehen, die unseren Werten wirklich entspricht. Ein grossartiges Buch, das eigentlich 7 Punkte verdient hätte. 5
Martin Hartmann: Vertrauen – abgebrochenWas sind Lügen, was ist Wahrheit, wie beeinflussen sie das Vertrauen und worauf baut dieses überhaupt? Martin Hartmann plaudert so vor sich hin und hat mich dabei verloren…
Habbo Knoch: Im Namen der Würde. Eine deutsche GeschichteHabbo Knoch erzählt die Geschichte der Würde, ihrer Einbettung in die historischen Gegebenheiten der einzelnen Jahrhunderte, die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Veränderungen, welche einen Wandel des Würde-Begriffs mit sich brachten. Was ist Würde, wem steht sie weswegen zu und wie können wir sie schützen? Das Buch ist fundiert, mir aber – was nahelag durch den Untertitel – zu historisch und zu wenig ideengeschichtlich.3
Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe – abgebrochenDie Geschichte einer Liebe zwischen damals und heute. Erinnerungen inmitten des täglichen Pflegens. Der Alltag inmitten von Ängsten, Ohnmacht, Müdigkeit, und immer wieder Liebe. Ein persönliches, warmherziges, ehrliches Buch – einfach für mich zur falschen Zeit. 4
Heinz Bude: Die Gesellschaft der Angst – abgebrochenWir sind eine Gesellschaft, die von Angst getrieben ist. Die Haltlosigkeit im System, das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, und die Sehnsucht nach Anerkennung kumulieren im Gefühl der Angst, das uns anfällig macht für Abhängigkeiten und Obrigkeiten. Mir fehlte allerdings die stringente Argumentation, es war eher ein Herummäandern, bei dem ich verloren ging. 
Corine Pelluchon: Ethik der Wertschätzung: Tugenden für eine ungewisse WeltAnschliessend an die antike Tugendlehre entwickelt Pelluchon eine Ethik, die den Mensch mit seiner Verwundbarkeit und Körperlichkeit im Blick hat mit all seinen Mängeln und Prägungen, und darauf aufbauend Tugenden entwickelt, die in der Welt von heute dazu führen, die Wertschätzung seiner selbst, aller lebenden Wesen und der Umwelt zu leben und damit ein Zusammenleben zu ermöglichen.4
Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, herausgegeben von Robin Celikates und Stefan GosepathEinzelne zentrale Texte zur Philosophie der Moral, jeder mit einer kleinen Einleitung, die den Philosophen und dessen Verständnis von Moral vorstellt. Ein guter Überblick über die historische Entwicklung eines schwer zu fassenden Begriffs. 5
Michael J. Sandel: Das Unbehagen in der DemokratieWie kam es dazu, dass die demokratische Gesellschaft gespalten ist, die Bürger sich nicht mehr einbringen, sich nicht mal mehr identifizieren? Ein Blick auf die amerikanische Wirtschafts- und Politikgeschichte, um einzelne Strömungen zu. verfolgen und die heutige Problematik in ihrem Gewachsein sein zu präsentieren. Für mich zu geschichtslastig und zu wenig philosophisch. 4
Hannah Arendt: Wir FlüchtlingeHannah Arendt beleuchtet in diesem Essay, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Sie zeigt auf, wie Menschen alles verlieren und aus der Welt fallen, wie sie nur noch auf Wohlwollen angewiesen sind und keine eigenen Rechte oder Möglichkeit der Teilnahme am Gemeinwesen haben. Abgerundet durch einen fundierten Essay von Thomas Meyer, der sowohl die zentralen Punkte Arendts nochmals aufgreift und sie auf die heutige Situation bezieht. 5
Michael Lüders: Moral über alles? Warum sich Werte und nationale Interessen selten vertragenEine Analyse der gegenwärtigen (hauptsächlich Anti-Russland-)Politik und der herrschenden Ideologien (Identitätspolitik und Moralismus). Das Buch zeigt eine andere Sichtweise gegenüber dem Mainstream, ist dabei durchaus ab und zu interessant und durchaus überzeugend, es überwiegen aber Populismus und plakative Aussagen, was das Lesen sehr bemühend macht.2
Philipppa Foot: Die Natur des GutenDreiteilige Abhandlung darüber, was den Menschen zu guten Taten motiviert: Kritik am der humeanischen praktischen Vernunft zugunsten einer werthaften, Verbindung derselben mit dem Speziesgedanken und Tugendgewinnung aus dieser meschlich-werthaften Vernunft heraus. Wenig Neues, etwas zu verworren und wenig stringent – und wenig überzeugend, da mehr Ablehnung als wirklich eigene Ideen. 2
Maria Barankow, Christian Baron: Kampf und Klasse14 Autoren erzählen ihre Geschichte, sie erzählen davon, wie es ist, in einem Land aufzuwachsen, in dem die Schere zwischen arm und reich immer weiter wird, sie erzählen von der Scham, von der Diskriminierung, vom Gefühl, nicht dazuzugehören als Armer. Ein persönliches Buch, das Einblicke gibt in die gravierenden strukturellen Ungleichheiten, teils sachlich, teils sehr erzählerisch. 3
Norbert Bolz: Keine Macht der MoralEin historischer Abriss des STaatsvertrags mit Blick auf Machiavelli, Hobbes, Weber, Schmitt und Rousseau, sehr viel Redundanz, keine klare Argumentationskette. Das Fazit ist schwammig, wenn es denn eines gibt, ein paar wenige klärende Sätze, vielleicht der Schluss: Zu viel moralische Empörung verhindert eine argumentativ gestützte Sachpolitik.2
Michel Friedmann: Streiten? UnbedingtEin kurzes, gut zu lesendes Buch über die Qualität des Streits und den Wert einer Streitkultur. Die Frage ist, wo die Grenze zwischen Diskurs und Streit ist, aber das ist reine Begrifflichkeit. Streiten bedingt Respekt und Zuhören, es ist ein Miteinander auf der Suche nach der Wahrheit. 4
Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der GleichheitWie hat sich unser System in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhundert verändert im Hinblick auf mehr Gleichheit und wie müssen wir uns weiter bewegen, um diese zu verbessern? Das der Weg hin zu mehr Gleichheit immer ein Prozess mit offenem Ausgang ist, liegt auf der Hand, es gibt aber Möglichkeiten, wie wir das Ziel erreichen können: Souveräne staatliche Entscheidungen im Hinblick auf universale Ziele, ein demokratischer, föderalistischer, partizipativer, ökologischer und multikultureller Sozialismus. 5

Anekdoten: Franz Kafka und Else Lasker-Schüler



Man spricht oft von der Sensibilität des Künstlers. Er bedürfe dieser für sein Schaffen, heisst es dann. Beim genaueren Hinschauen entpuppen sich viele Künstler als zwar durchaus sensibel, aber mehrheitlich in Bezug auf sich selbst, nicht auf andere. Im Gegenteil: Da schöpfen sie aus dem Vollen, schauen kritisch, wählen die Worte hart. So auch Franz Kafka. In seinen Briefen an Felice äussert er sich über Else Lasker-Schüler, über die er wenig Rühmliches zu berichten weiss. Er, der selbst an so vielem leidet (am meisten wohl an sich selbst) und ausführlich drüber schreibt, kann kein Mitleid für diese leidende Frau finden, im Gegenteil:

«Ja, es geht ihr schlecht, ihr zweiter Mann hat sie verlassen, soviel ich weiss, auch bei uns sammelt man für sie; ich habe 5 K. hergeben müssen, ohne das geringste Mitgefühl für sie zu haben; ich weiss den eigentlichen Grund nicht, aber ich stelle sie mir immer nur als Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt.»

Er belässt es nicht dabei. Da er schon dabei ist, haut er nach der Dichterin selbst auch noch deren Werk in die Pfanne:

«Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langeweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Grossstädterin.»

Sie sind halt auch nur Menschen, die Künstler. Und mitunter doch sehr schwierige Zeitgenossen.

Hanno Sauer: Moral. Die Erfindung von Gut und Böse

Inhalt

«Denn wer in einer Gesellschaft lebt, grenzt andere aus; wer Regeln versteht, will diese überwachen: wer Vertrauen schenkt, macht sich abhängig; wer Wohlstand erzeugt, schafft Ungleichheit und Ausbeutung; wer Frieden will, muss manchmal kämpfen.»

Unsere Gesellschaft hat sich über die Jahrhunderte hinweg verändert, neue Institutionen, Technologien, Wissensgebiete und -bestände sind entstanden und mit ihnen haben sich auch unsere Werte und Normen verändert. All diese Veränderungen haben das Verhalten der Menschen als Einzelne und als Gesellschaft verändert. Wir stehen vor der Aufgabe, mit diesen Veränderungen umzugehen und immer wieder Wege zu finden, die ein Miteinander möglich machen.

Hanno Sauer macht sich auf die Reise durch die Jahrtausende, er zeichnet die Geschichte der Gesellschaft und ihrer kulturellen und moralischen Entwicklung nach, um die aktuelle Krise zu erklären und aus dieser Erklärung heraus Hoffnung für die Zukunft abzuleiten.

Gedanken zum Buch

Moral ist immer eine konventionelle Entscheidung darüber, was zu einer Zeit an einem Ort von der entscheidenden Mehrheit als gut oder böse, als richtig oder falsch gesehen wird. Daraus ergeben sich dann die entsprechenden moralischen Normen, die für das Zusammenleben verbindlich sind. Diese Normen entstehen also nicht im luftleeren Raum, sondern sie fussen auf dem menschlichen Naturell und dessen Handlungmotivationen, auf Werten und Interessen.

«Als kooperativ wird ein Verhalten genau dann bezeichnet, wenn es das unmittelbare Selbstinteresse zugunsten eines grösseren gemeinsamen Vorteils zurückstellt.»

Menschen sind soziale Wesen, die allein und ohne Zugehörigkeit zu einer Gruppe kaum überleben können, zumal sie von Natur ziemlich verletzlich und damit auf Schutz angewiesen sind. Das Zusammenleben in einer und das Überleben einer Gruppe ist auf Kooperation angewiesen. Der Einzelne muss seine eigenen Interessen zugunsten des grossen Ganzen zurückstellen.

«Strafen halfen dabei, uns zu domestizieren, weil wir durch sie wichtige Fähigkeiten wie Selbstkontrolle, Fügsamkeit, Weitsicht und Friedfertigkeit erlernten, die ein Leben in wachsenden Gruppen möglich machten.»

Bei aller Einsicht in die Vorteile von gemeinsamen Normen und kooperativem Verhalten sind nicht immer alle bereit, sich auch daran zu halten, weil sie sich aus von diesen abweichenden Handlungen Profit versprechen. Um den Rest der Gruppe und damit auch das Zusammenleben zu schützen, hat man Sanktionen erfunden, welche das gemeinschaftsgefährdende Verhalten sanktionieren.

«Imperativ der Integration: Moderne Gesellschaften haben sich gefälligst zu bemühen, ererbte Formen sozialer Segregation und Benachteiligung durch aktive Inklusionsmassnahmen endlich zu überwinden.»

Man hört oft von der Krise der Gesellschaft und davon, dass diese gespalten sei. Rassismus, Sexismus und andere -ismen gefährden ein gerechtes Miteinander von verschiedenen und doch gleichwertigen Menschen. Unsere Anstrengung muss dahin gehen, diese Diskriminierungen und Ausgrenzungen zu überwinden. Die Hoffnung, dass das gelingen kann, besteht.

Fazit
Ein fundiertes, tiefgründiges, kompetentes und dabei doch gut lesbares Buch darüber, wie die Moral in die Gesellschaft kam, wozu sie gut ist, und wohin wir mit ihr gelangen wollen als Gesellschaft. Eine absolute Leseempfehlung für dieses grossartige Buch!

Zum Autor
Hanno Sauer, Jahrgang 1983, ist Philosoph und lehrt Ethik an der Universität Utrecht. Er ist Autor zahlreicher Fachaufsätze und mehrerer wissenschaftlicher Werke. Zahlreiche Vorträge in Europa und Nordamerika. Hanno Sauer lebt in Düsseldorf.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Piper; 2. Edition (30. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 400 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3492071406

Gedankensplitter: «Jeder ist jemand.»

Der Schriftsteller George Tabori sagte einst:

«Jeder ist jemand.»

In diesem Satz steckt eigentlich die ganze Menschlichkeit, die ganze Ethik, derer es für ein friedliches Zusammenleben von verschiedenen Menschen als Gleiche bedürfte. Jeder Mensch, egal, woher er kommt, was er glaubt, was er fühlt, wie er aussieht, was er will und was er braucht oder nicht kann, ist jemand. Und als dieser Jemand gehört er zu uns, ist er ein Teil dieses «Uns». Er ist zwar ein anderer, vielleicht auch ein Fremder, aber kein Ausgestossener, sondern ein Zugehöriger. 

Früher hat man diese Gemeinschaft in religiösen Gruppen, familiären Verbänden oder auch in anderen kleinen Organisationn aktiv leben können. Man hatte den öffentlichen Raum als Zusammenkunftsort, wo man als Verschiedene aufeinandertraf und die gemeinsamen Belange diskutierte. All das ist in der angestammten Form weggefallen. Geblieben sind vereinzelte Individuen, die auf dem Papier eine Gesellschaft bilden, von der sie sich mehr und mehr emanzipieren wollen – und dabei in die Haltlosigkeit und oft auch in die Einsamkeit fallen. 

Wenn wir nur schon anerkennen könnten, dass jeder jemand ist, dass er damit den Respekt verdient, den wir für uns selbst wünschen, weil auch wir jemand sind und als jemand wahrgenommen werden wollen, ist schon viel gewonnen. Den anderen wahrnehmen als jemanden, ihm zuhören, ihn sehen als dieser Jemand. Das ist ein Geschenk und wir sollten grosszügig damit umgehen. 


Ewig lockt der Buchtitel

Manchmal gibt es Buchtitel, die sind so witzig, dass die Phantasie gleich auf Reisen geht und sich etwas vorstellt. Ob das dann schlussendlich viel mit dem wirklichen Inhalt des Buches zu tun hat, ist zweitrangig (ausser wenn die Phantasie Grund für den Kauf ist und das folgende Lesen zur Ernüchterung führt). 

Ich sehe die trunkenen Philosophen vor mir, wie sie um den Stammtisch im Wirtshaus sitzen, Kant ruft «no a Mass» und Paracelsus findet, das richtige Mass müsse eingehalten werden, um das Bier nicht zum Gift zu machen. Epikur wird einwenden, dass Lust das grösste Glück sei und Kant mit verschwörerischem Augenzwinkern zuprosten.

Während die Herren es sich gut gehen lassen, macht die Daniel Klein auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, doch er wird nicht fündig. Der gute Sinn scheint ein windiges Ding, das sich einem Fisch gleich immer wieder entwindet. 

Wenn schon der Sinn nicht zu finden ist, dann doch bitte das Ich. Kommissar Northoff sitzt in der Hotellobby und linst hinter der Zeitung hervor, in der Hoffnung, dass das zur Fahndung ausgeschriebene Ich vorbei kommt. Da er da nicht fündig wird, geht er in sich. 

Kant hat mittlerweile seinen Rausch ausgeschlafen und steht schon wieder Red und Antwort auf die Frage, wie man denn mit einem disziplinlosen Gehirn umgehen solle. Nun, ob der Trunkenbold von oben darauf eine Antwort hat? Aber: Wir wollen den Kant nicht mit dem Bier ausschütten, ist er doch ein kluger Kopf und wird durch Vernunft und Urteilskraft sicher eine Lösung finden. 

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Bücher sind nicht ganz so wie oben beschrieben, teilweise aber doch. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr lesenswert sind. Deswegen hier mehr zu den einzelnen Büchern:

Daniel Klein: Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ist er schon wieder woanders
Wie lebt man ein gutes Leben, was ist ein gutes Leben überhaupt? Das hoffte Daniel Klein zu erfahren, als er sein kleines Notizbüchlein mit Zitaten grosser Philosophen anlegte. Er ergänzte die Sammlung über viele Jahre, bis das Buch irgendwann auf dem Dachstock verschwand, wo er es mit fast achtzig Jahren wieder fand, drin blätterte und beschloss, ein Buch daraus zu machen.

Die Buchbesprechung: HIER

Georg Northoff: Das disziplinlose Gehirn
Kant kam doch aus Königsberg heraus und nimmt im Berlin unserer Tage an einer Tagung von Neurowissenschaftlern teil. Begleitet wird er von einem jungen Studenten, welcher zwar angetan von Kant ist, diesen aber im Namen der Neurowissenschaft widerlegen will. Dies ist die Rahmenhandlung von Georg Northoffs Buch über die Suche nach dem Bewusstsein. Auf amüsante und gut lesbare Art stellt Northoff die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung dar, zeigt auf, was durch Experimente beobachtet werden kann und wo diese Experimente ihre Grenzen haben. Diese  Erkenntnisse werden quasi durch Kants Augen kritisch beäugt, indem die Begrifflichkeiten genau geprüft werden und darauf geachtet wird, dass es zu keinen falschen Zuordnungen kommt. Es soll ja alles seine Ordnung haben.

Die Buchbesprechung: HIER

George Northoff: Die Fahndung nach dem Ich
Zwei Ermittler machen sich auf die Suche nach dem Ich. Ein Hirnforscher und ein Philosoph wollen herausfinden, was es mit dem Ich, dem Selbst auf sich hat. Eine witzige Idee, gut lesbar, ein guter Einstieg in das Thema.

Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen
Das Buch behandelt die Leben und das Denken einiger führenden Denker damaliger Zeit, die sich zum Diskutieren ihrer Ideen oft im Café Laumer in Frankfurt trafen. Adorno, Horkheimer, Mannheim, Elias, Hannah Arendt, Hans Jonas und einige mehr werden zueinander in Beziehung gesetzt und durch die Zeit bis 1943 begleitet. Entstanden ist ein Bild der damaligen Denkgebilde, welche vor allem auch durch die Frankfurter Schule bis heute nachhallen, sowie ein Zeugnis der Zeit.

Die Buchbesprechung: HIER

Haben Buchcover und -titel Einfluss auf euer Kaufverhalten?

Judith Shklar: Liberalismus der Furcht

Inhalt

«Der Liberalismus muss sich auf die Politik beschränken und darauf, Vorschläge zur Verhinderung von Machtmissbrauch zu unterbreiten, um erwachsene Frauen und Männer von Furcht und Vorurteil zu befreien, damit sie ihr Leben ihren eigenen Überzeugungen und Neigungen gemäss führen können, solange sie andere nicht davon abhalten, dasselbe zu tun.»

Wird unter Liberalismus landläufig die Sicherung von Freiheit verstanden, zeichnet Judith Nisse Shklar ein neues Bild, indem sie als Ziel des Liberalismus die Vermeidung von Furcht definiert. Damit strebt er nicht nach dem höchsten Gut, sondern versucht das grösste Übel zu vermeiden.

Über Jahrhunderte lebten Menschen in Angst vor Gräueltaten, Machtmissbrauch, Ausbeutung und Unterwerfung. Diesem Umstand soll der Liberalismus entgegenwirken, indem er ein politisches System sein soll, dass jeden Menschen ungeachtet seiner Anlagen und Fähigkeiten als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft definiert und ihm ein Leben in Freiheit und frei von Furcht ermöglicht. Darüber hinaus kommt dem Staat im Liberalismus keine Aufgabe zu, er beschränkt sich auf die rein politische öffentliche Ebene.

Gedanken zum Buch

«Der Liberalismus hat nur ein einziges übergeordnetes Ziel – diejenigen Bedingungen zu sichern, die für die Ausübung persönlicher Freiheit notwendig sind.

Jeder erwachsene Mensch sollte in der Lage sein, ohne Furcht und Vorurteil so viele Entscheidungen über so viele Aspekte seines Lebens zu fällen, wie es mit der gleichen Freiheit eines jeden anderen erwachsenen Menschen vereinbar ist.»

Furcht lähmt, sie ist ein apolitisches Gefühl, das den Menschen in eine Handlungsunfähigkeit führt. So ist sich Shklar sicher, dass systematische Furcht Freiheit unmöglich macht, weswegen es dem Liberalismus darum gehen muss, diese zu beseitigen. Dabei sind alle Menschen gleich. Damit betont Shklar wie schon Hannah Arendt den Pluralismus der Gesellschaft, welchem Rechnung getragen werden muss: Eine Gesellschaft besteht aus vielen Verschiedenen, die als solche respektiert werden und am öffentlichen Geschehen teilhaben sollen.

«Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt» (Immanuel Kant)

Zentral für Shklars Gedanken des Liberalismus ist zudem, dass er die Freiheit sichern soll für jeden. Allerdings hat die jeweilige Freiheit ihre Grenzen, die sich schon bei Kant finden lassen: Sie endet da, wo sie die Freiheit des anderen beeinträchtigt.

«Wir würden viel weniger Schaden anrichten, wenn wir einander als empfindungsfähige Wesen anzuerkennen lernten, unabhängig davon, was wir sonst noch sind, und wenn wir verständen, dass körperliche Unversehrtheit und Tolerierung keineswegs weniger wert sind als all die Ziele, die wir sonst noch verfolgen.»

Wir müssen lernen, dass wir als Menschen vieles gemeinsam haben, allem voran unsere Verwundbarkeit. Als fühlende Wesen leiden wir, wenn man uns Leid zufügt. Wenn wir fürchten müssen, durch unser Sein und Tun Opfer von Unrecht zu werden, bringt uns das dazu, untätig zu werden, uns zurückziehen, unserer Aufgabe als Mensch in einer Gesellschaft, die in der (politischen) Teilhabe besteht, nicht mehr wahrzunehmen. Davor soll der Liberalismus schützen.

Fazit
Ein schmales Buch mit grossem Inhalt, eine Theorie des Liberalismus, die zu mehr Menschlichkeit durch Wahrung der Pluralität und der Leidvermeidung aufruft.

Zur Autorin und weiteren Mitwirkenden
Judith N. Shklar, 1928 in Riga geboren, lehrte Politikwissenschaften an der Harvard University und starb 1992 in Cambridge, Massachusetts. Die Relevanz ihres Werks findet erst in den letzten Jahren Anerkennung. Ihr Essay Der Liberalismus der Furcht gilt inzwischen als Klassiker der jüngeren politischen Philosophie und als Schlüsseltext der Liberalismustheorie.

Axel Honneth, 1949 in Essen geboren, ist ein deutscher Sozialphilosoph. Seit 2001 ist er Direktor des Instituts für Sozialforschung (IfS) an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er lehrt und forscht seit 2011 als Lehrstuhlinhaber der Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University in New York.

Hannes Bajohr, 1984 in Berlin geboren, ist Übersetzer und Herausgeber der Werke Judith N. Shklars. Er wohnt in New York und Berlin und gehört zum literarischen Experimentalkollektiv oxoa.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Matthes & Seitz Berlin; 3. Edition (1. August 2013)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 174 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Hannes Bajohr
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3882219791

Helga Schubert: Der heutige Tag

Ein Stundenbuch der Liebe

Inhalt

«Ich liebe ihn sehr.»

Das Kennenlernen dauerte lange, die Annäherung war nicht leicht, waren sie doch beide vergeben. Für ihn hätte es zweigleisig weitergehen können, doch sie wollte irgendwann klare Fronten – und kriegte sie. Er zog bei ihr ein. Seit damals sind über fünfzig Jahre vergangen. Als er krank wurde, entwickelte sich das mehr und mehr zu einer Vollzeitaufgabe, die sie mit Hingabe und Liebe übernahm.

Helga Schubert schreibt die Geschichte einer Frau, die ihren kranken Mann pflegt. Sie schreibt von den körperlichen und psychischen Herausforderungen, von den guten und schlechten Zeiten. Sie schreibt von viel Liebe und Zugewandtheit, aber auch von Verzweiflung. Sie schreibt eine Geschichte, die sie gut kennt, denn es ist ihre Geschichte.

Gedanken zum Buch

«Bald wird er sie nicht mehr erkennen.
Das ist das Schlimmste, dachte ich damals.
Dann werde ich nur eine austauschbare Hilfe für ihn sein.
Nicht mehr die Einzige, die unverwechselbare Geliebte.»

Die Betreuung von Angehörigen bringt je nach Krankheit verschiedene Anforderungen mit sich. Während es bei körperlichen Beschwerden vor allem physische Kraft braucht, damit umzugehen, nehmen bei den geistigen Beeinträchtigungen die psychischen Belastungsmomente zu. Helga Schuberts Mann ist zunehmend dement, was es mit sich bringt, dass er immer mehr vergisst – irgendwann wohl auch sie. Der Gedanke, dass ein Mensch, mit dem man so lange das Leben teilte, dem man so verbunden ist und für den man als der Mensch, der man ist, wichtig war, einen plötzlich nicht mehr erkennen könnte, ist nicht leicht zu bewältigen. Es ist quasi ein Weg in die Beliebigkeit, das Kappen eines Bandes, an dem man sich bislang halten konnte.

«Ich muss ein Mittel gegen die Verzweiflung finden, in die ich manchmal falle.»

Helga Schubert redet nichts schön in diesem Buch, sie verklärt nicht, sie klagt auch nicht, sie beschreibt das Leben, wie es ist, mit allem, was es an Schönem und Beschwerlichem mit sich bringt. Entstanden ist so ein sehr liebevolles, warmes, berührendes Buch.

«Eigentlich ist es egal, wo ich lebe, dachte ich, Hauptsache, er ist da, und wenn er nicht mehr in diesem Pflegebett liegen würde, zufrieden und gesättigt und ohne Schmerzen, sondern sein Körper tot wäre und ich in einer Einzimmerwohnung…wäre er ja auch immer da, denn er ist ja in mir.»

Wir lesen von einer Liebe, die tief geht, die dauert, andauern wird, egal, was passiert. Diese Liebe tropft aus den Worten, steht zwischen den Zeilen, fliesst aus dem Buch. Sie macht Hoffnung, hilft, dass aus Mitgefühl kein Mitleid wird, dass die Schwere des Themas nicht erdrückt.

«Auch jetzt als alte Frau, dachte ich plötzlich, habe ich ja noch richtige Lebensaufgaben zu lösen: Es geht nämlich um das Loslassen, um das Annehmen…»

«Der heutige Tag» ist ein Buch, das auch Mut macht. Es lässt an die Liebe glauben, es zeigt, wie viel man als Mensch schaffen kann. Es zeigt auch, dass es wichtig ist, für sich selbst immer wieder Nischen zu suchen, Dinge, die einen freuen. Bei Helga Schubert ist es ihr Schreiben, wenn alles getan ist. Es ist ein Buch, das zeigt, dass das Leben immer wieder neue Herausforderungen an uns heranträgt, und dass wir lernen können, damit umzugehen. Weil der Mensch nie aufhört zu lernen.

Fazit
Ein warmherziges, persönliches, offenes, unsentimentales, aber sehr berührendes Buch über eine grosse Liebe.

Zur Autorin
Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Nach zahlreichen Buchveröffentlichungen zog sie sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte ›Vom Aufstehen‹ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423283199

Erich Maria Remarque (22. Juni 1898 – 25. September 1970)

Ich hebe mein Glas auf Ernst Maria Remarque, der heute 125 Jahre alt würde.

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Sandra von Siebenthal

Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, den Mittelnamen «Maria» legte er sich aus Verehrung für Rainer Maria Rilke zu) wird am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Ebenda besucht er das Lehrerseminar. Der Krieg kommt ihm dazwischen, 1916 wird er in die Armee eingezogen, wo er nach sechs Monaten Ausbildung an die Front berufen wird. Wegen einer Verletzung verbringt er die Zeit ab dem Juli 1917 bis 1918 im Lazarett. Die Armeezeit wird ihn das ganze Leben prägen, sie wird auch seine pazifistische Sicht begründen.

Nach dem Krieg arbeitet Remarque in den verschiedensten Berufen, er versucht sich als Händler, Agent für Grabsteine oder Organist, um nur einige zu nennen. 1919 legt er schliesslich die Lehramtsprüfung ab und arbeitet dann als Volksschullehrer. Daneben veröffentlicht er Gedichte und Kurzprosa, 1920 folgt der erste Roman «Traumbude». Im selben Jahr endet auch seine Lehrerkarriere mit einer Beurlaubung.

Die Jahre drauf reist er als…

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