Politisches: Alles Menschen

Als ich kürzlich die Nachrichten der verschiedenen Portale las, stiess ich bei einem ganz weit unten, nach all den Prominews, nach Informationen zu sich paarenden Seekühen und der Mitteilung, dass Barbie und Ken durch den Film zu beliebten Kindernamen geworden sind, auf die Nachricht (mit ganz kleinem Bild und sehr wenig Text), dass ein Boot mit Migranten „verunglückt“ sei, 40 Menschen würden noch vermisst.

Diese Nachricht macht mich aus verschiedenen Gründen wütend:

Erstens ist die Platzierung in der Zeitung mehr als deplatziert, sie ist menschenverachtend und zeigt einmal mehr, welchen Wert Migranten in unseren Breitengraden haben. Der Umstand, dass sich diese Nachricht in keiner anderen Zeitung, die ich durchsuchte, finden liess, erst in den Radionachrichten hörte ich mehr dazu.

Zweitens ist es kein Unglück, wenn ein Boot kentert, auf dem sich 40+ Menschen befinden, weil sie aus dem Land, das ihre Heimat war, fliehen mussten. Das ist eine von Menschen gemachte Katastrophe. Das kann nur darum passieren, weil Menschen, die in grösster Not sind, die alles hinter sich lassen müssen, weil da, wo sie sind, kein Leben mehr möglich ist, und sie kaum Möglichkeiten haben, das zu ändern. Diese Not wird von einigen wenigen ausgenutzt, indem Unsummen für eine Flucht erhoben werden, die immerhin einen Ausweg erhoffen lässt, auch wenn er mehr als gefährlich ist. Viele Familien legen dann alles, was sie auftreiben können, zusammen, damit wenigstens einer rauskommt.

Ist dieser Eine dann mit vielen anderen (mehrheitlich zu vielen für die Transportmittel, die den Weg in eine bessere Welt versprechen) unterwegs stossen sie an Grenzen – an Landesgrenzen und an Grenzen der Menschlichkeit. Keiner will sie haben. Schaut man auf die jüngsten Verträge, die im Rahmen des Asylwesens geschlossen wurden, sprechen sie eine deutlich menschenverachtende Sprache. Hört man, dass auch die Schweiz Tunesien viel Geld bezahlt, dass sie dafür sorgen, dass die Migranten nie in die Schweiz kommen, bläst das ins gleiche Horn. Dies vor allem auch deswegen, weil der aktuelle tunesische Präsident Kais Saied mit rechtem Gedankengut die Bevölkerung gegen die Migranten aufhetzt, indem er von «organisiertem Bevölkerungsaustausch» spricht und andere Verschwörungstheorien bemüht, so dass es vermehrt zu rassistisch motivierten Übergriffen kommt. Auch werden Migranten in Tunesien in die Wüste verschleppt, wo sie elend sterben. Wir unterstützen ein solches menschenunwürdiges, menschenverachtendes System mit unserem Geld, damit wir uns um nichts kümmern müssen und unsere Hände in Unschuld (zu) waschen (vorgeben) können.

Nennt man nun ein gekentertes Boot ein Unglück, verklärt man all diese Hintergründe. Dann bewirkt man, dass der Empfänger der Nachricht vielleicht einen betroffenen Seufzer von sich gibt, und sich dann wieder den Nachrichten über Barbie, Ken und Seekühe zuwendet. Man bewirkt, dass man wegschauen kann, dass man nicht genauer hinschauen muss, dass man die Hintergründe ausblenden kann und damit die Schuld, die das eigene Land mit seiner Politik auf sich lädt, ignorieren kann. Dann werden weiter Menschen in zu kleinen Booten «verunglücken», während wir in der warmen Stube vor dem Fernseher sitzen.

„Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.“ (Hannah Arendt)

Wenn es diese Menschen doch schaffen, auf ihren beschwerlichen Wegen in ein sogenannt sicheres Land zu kommen, ist ihre Odyssee bei weitem nicht zu Ende, dann fängt sie oft erst an: Man will sie nicht haben. Man prüft oft über lange Monate, Jahre, ob diese Menschen (immer Flüchtlinge genannt und damit als Kategorie und nicht mehr als einzelne Menschen mit Schicksalen, Trauer, Leid, Hoffnungen und Wünschen wahrgenommen) überhaupt das Recht haben, hier zu sein (und es mutet fast so an, als hofft man, Gründe dagegen zu finden). Wer ein solches Verfahren nicht mit positivem Ausgang übersteht, ist nicht legal, der muss gehen. Legalität als Entscheidung über das weitere (Über-?)Leben eines Menschen. Vergessen wird dabei folgendes:

„Legalität ist eine Frage der Macht, nicht der Gerechtigkeit.“ (Jose Antonio Vargas)

Ich bin mir durchaus bewusst, dass Migration eine Herausforderung darstellt für alle Beteiligten, auch für die aufnehmenden Länder. Ich bin mir bewusst, dass Lösungen nicht einfach zu finden sind und dass sie auch Umdenken und wohl Abstriche bedeuten würden. Doch sollten wir mit dem Umdenken beginnen, damit nicht noch mehr Menschen einfach ertrinken, nur weil sie sich erhoffen, was eigentlich allen Menschen zusteht aufgrund ihres Menschseins (und in den Menschenrechten verankert):  Ein würdevolles Leben.

Gedankensplitter: «Ich bin so frei»

Ein höflicher Satz. Ein Satz des Anstands, oft begleitet mit einer entsprechenden Geste. So hat sich das eingeprägt, das ist unsere kulturelle und damit unhinterfragte Sicht. Schaut man aber genauer hin, holt man die Wendung aus ihrer gewohnten und damit unreflektierten Bedeutung heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Verwendet wird diese Wendung mehrheitlich dann, wenn man einen eigentlichen Grenzüberschritt höflich verpacken will. Man würde es nicht sagen, wenn man nicht tief drin wüsste, dass das, was man zu tun vorhat, eine Grenze überschreitet, nämlich die des anderen: Man tritt ihm zu nah. Man begrenzt dessen Freiheit indem man sich explizit die eigene gewährt. Damit ist diese Wendung in Tat und Wahrheit eigentlich eine höfliche Entschuldigung, die aber nicht nach einer passierten Handlung nachgereicht wird und damit eine Einsicht des eigenen Fehlverhaltens impliziert, sondern eine vorweggenommene Rechtfertigung für ein noch auszuführendes Tun.

Würde man stattdessen fragen: «Darf ich?» und (ganz wichtig) die Antwort abwarten, um sie dann auch wirklich als Richtschnur für das eigene Handeln zu nehmen, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätten wir zwei Menschen auf Augenhöhe, von denen einer etwas will, bei dem er an die Grenzen eines anderen stösst. Der andere hat dann die Möglichkeit, seine eigenen Bedürfnisse oder Abneigungen zu formulieren, in denen er gesehen und respektiert würde. Ansonsten werden diese ignoriert und übergangen.

Ist das alles reine Sprachklauberei, eine weitere Form eines woken oder identitären Sprachverhunzungsprogramms, wie sie heute oft angeklagt werden? Nein, es ist die Aufforderung, hinzuschauen, was wir wirklich tun und sagen, die Worte auf ihren tatsächlichen Inhalt und die damit verbundenen Implikationen zu prüfen. Es ist die Aufforderung, Abwertungen und Machtverhältnisse im alltäglichen Sprachgebraucht zu sehen und zu überwinden, da diese die Strukturen unserer Welt schaffen. Sprache schafft Wirklichkeit oder wie Ludwig Wittgenstein sagte:

«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

Die Art und Weise, wie ich spreche, offenbart viel von meinem Weltbild. Oft agieren wir unbewusst aus diesem heraus, weil wir schon die Sprache unbewusst verwenden. Wenn wir mit einem «Ich denke, also bin ich» durch die Welt gehen, unsere Gedanken als die richtigen sehen und diese den anderen überstülpen wollen, bleiben wir in unserer eigenen kleinen Welt gefangen und sehen die Weite hinterm Horizont nicht. Es entstehen Fronten von lauter Ichs, die die Welt erklären können, nur verstehen sie sich leider gegenseitig nicht, so dass jeder in seiner eigenen Welt vereinzelt lebt.

Wir müssen hin zu einem «Wir denken, also sind wir» kommen, im Wissen, dass der gemeinsame Blick auf eine Sache diese erst wirklich sichtbar macht – nämlich von verschiedenen Seiten. Indem wir unser Denken durch eine zugewandte und respektvolle Sprache mit dem Denken anderer zusammenbringen, schaffen wir eine gemeinsame Welt, in der jeder seinen Platz findet, weil durch das gegenseitige Verständnis und die Erweiterung des eigenen Blicks ein Miteinander möglich wird. So finden wir eine gemeinsame Sprache und schaffen damit eine gemeinsame Welt. Dann ist diese Welt grösser, da die Grenzen meiner Sprache nicht mehr die Grenze meiner Welt ist, sondern sie sich ausweitet hin zu den Grenzen unserer Sprache, die eine gemeinsame Welt begründen.

Gedankensplitter: Ehrlich leben

«Tue, was sich in deinem Herzen richtig anfühlt, kritisiert wirst du so oder so.» Eleanor Roosevelt

Und plötzlich merkte ich: Ich habe genug, ich mag nicht mehr. Was mal Freude war, verkam zur Pflicht, was mal Leidenschaft war, wurde zur Aufgabe. Und dann dachte ich, ich kann das nicht einfach ändern, schliesslich gehört das zu mir und ich werde damit identifiziert. Und als ich mal aufhörte, kamen gleich die Stimmen:

«Du hast doch immer…», «War das gelogen?», «Du kannst doch nicht…»

Sie kamen von aussen und verlagerten sich ins Innen. Da wühlten sie weiter, vor allem mich auf. Getrieben von widerstrebenden Gedanken sass ich da, fragte mich, ob ich weiter tun müsste, was ich schon immer tat. Mit ach so rationalen Argumenten kam ich zum Ergebnis, dass man sich ja immer ändere, dass das ja wohl legitim sei, dass… und ich kam mir vor mir selbst vor wie ein leerer Phrasendrescher.

Und irgendwann sagte ich zu mir: «Es reicht!»

Und ich hatte die Antworten auf die Einwände: Ja, ich habe immer und das gerne. Es war also nie gelogen. Gelogen wäre, wenn ich nun weitermachen würde, wie bisher, denn dann würde ich eine alte Leidenschaft vorspielen, die erloschen ist. Und doch: Ich kann. Drum tue ich es.

Hannah Arendt sagte, dass mit jedem Menschen etwas Neues in die Welt kommt, dass jede Geburt ein neuer Anfang sei. Wir haben in unserem Leben viele mögliche Geburtsmomente, wir können neu anfangen und Neues schaffen. Das ist ein Geschenk und wir sollten es annehmen.

Michel Friedman: Fremd

Ein Buch, das für sich selbst spricht.

«Ich bin so viele.
Nicht nur ein Ich.
Ich bin auch nicht Wir.
Das Wir kostet zu viel.
Kostet zu viel Ich.
Das Wir saugt das Ich auf.»

Ein stilles Buch. Ein tiefes Buch. Ein Buch, das uns alle was angeht. Ein Buch, das betrifft – emotional und als Anstoss, nachzudenken, zu hinterfragen, auch sich. Ein Buch, das auffordert, hinzuschauen, mitzufühlen, Mensch zu sein – zu werden oft auch.

«Ihr seid
nichts
Niemand.»

Ein Buch, das auf Vorurteile, Abwertungen, Unmenschlichkeit hinweist.

«Ankommen,
irgendwo,
irgendwann,
zu Hause sein.
Heimat haben.»

Ein Buch, das gelesen werden sollte. Langsam, nie schnell. Mit Pausen. Zum Atmen. Zum Denken. Zum Fühlen.

«Lebenslang
ein Fremder.
In diese Welt geworfen,
als Fremder.»

Danke für dieses Buch!

«Jeder Mensch ist ein einzigartiges Ich.
Wer ist dieser Andere?»

Politisches: Wir müssen reden!

Kürzlich sprach ich mit einem Freund über das Thema «Klassismus», weil ich gerade ein Buch darüber lese. Als ich von den Erkenntnissen erzählte, die ich bislang hatte, kam sofort: «Das ist ja alles bekannt, was nun?» Und ich merkte, wie mich das verletzte. Ich merkte, wie mit einer solchen Aussage eine Thematik schon fast abgehakt ist, die zwar in den offensichtlichen Teilen wirklich bekannt ist, in den subtilen strukturellen Prägungen aber als normal läuft und tagtäglich praktiziert wird, ohne Thema zu sein. Und wenn etwas nicht Thema ist, immer wieder, fehlt die Sprache der Benennung, vor allem bei den Betroffenen. 

Betroffene erleben dann, wie Zeitungen über die «faulen Arbeitslosen» berichten, wie in den Medien Stereotypen direkt «vom Brennpunkt» plakatiert werden, wie in Schulen die einen schon früh aussortiert werden, weil in ihnen kein Potential gesehen wird und man keine unnötige Liebesmüh verschwenden will. Dass die Eltern der anderen in einem solchen System sich vehement gegen Gesamtschulen aussprechen (alle Volksentscheide in D sprechen die Sprache), liegt auf der Hand, sehen sie doch in den so gesehen Schwachen eine Bremse für ihre ach so aussichtsreichen Kinder. Erhebungen in den verschiedenen Bereichen (Politik, Schule, Journalismus, etc.) zeichnen ein deutliches Bild: Herkunft entscheidet. Die Betroffenen aus sozial schwachen Familien, Migranten – sie alle sind untervertreten und von vielem (auch Wissen um Aufstiegschancen, Möglichkeiten, nützlichen Verbindungen…) ausgeschlossen. 

Nein, es ist nicht alles bekannt. Und vor allem nicht allen. Klassismus ist ein Thema, das wir dringend auf der Agenda haben müssen. Menschen werden diskriminiert und ihrer Chancen und Möglichkeiten beraubt, ihre wirklichen Fähigkeiten zu entdecken und zu verwirklichen. Also reden wir darüber! Immer wieder. Und ja: Suchen wir nach Lösungen und setzen sie um. Utopien brauchen wir, ein Schwanken zwischen Realität und Wunsch, dem die Machbarkeit doch eingeschrieben ist.

Buchempfehlung:

Francis Seek, Brigitte Theißl (Hg.) Solidarisch gegen Klassismus. Organisieren, intervenieren, umverteilen, Unrast Verlag, Münster 2023.

Lesemonat Juli 2023

Der Juli begann im warmen, sonnigen Spanien, ging dann bald in der zuerst warmen, sonnigen, dann kühleren und verregneten Schweiz weiter. Es war ein Monat voller Emotionen, tiefer Gedanken, grosser Lebensfragen und neuer Erkenntnisse. Ich habe mich vier Wochen ziemlich zurückgezogen, habe innerlich und äusserlich aufgeräumt, mich in die Lese- und Schreibarbeit gestürzt, und es wirklich genossen, die Zeit mit mir für mich zu gestalten. Ich bin mir aber bewusst, dass ich dies in der wunderbar privilegierten Position mache, Menschen im Leben zu haben, die da sind, die einen Rahmen und ein Beziehungsgefüge geben, in dem ich aufgehoben bin. Der August steht vor der Tür und damit zieht auch der Alltag wieder ein – und auch das wird wieder schön sein.

Mein Lesemonat war sehr philosophisch-politisch, also ganz so, wie es mir gefällt. Es war teilweise sehr schwere Kost drunter, die so manche Rauchwolke aus dem Hirn aufsteigen liess, aber insgesamt war es ein bereichernder Monat. Ich habe mit Charles Taylor die Quellen des Selbst erforscht, bin dem Ursprung dieses Konstrukts nachgegangen, um nachher mit Franz Wuketits zu fragen, wie viel Moral überhaupt menschlich ist und wie diese zustande kommt. Ich habe mich mit dem Bösen beschäftigt und mit der Freiheit, habe mich des Wertes der Menschenrechte nochmals versichert, die in den Geschlechter- und epistemischen Ungerechtigkeiten sicher oft tangiert werden, habe mich mit Demokratie und der notwendigen Pluralität in dieser befasst, damit, wo und wie wir fremd sein können und andere zu Fremden machen. Und ich bin mit Julian Nida-Rümelin einig gewesen, dass all das in der Schule gelernt und gelebt werden sollte, so dass das letzte Buch eigentlich komplett hätte markiert werden können.

So kann es weitergehen.

Was waren eure Lesehighlights im Juli?

Hier die komplette Leseliste:

Charles Taylor: Die Quellen des SelbstEin Blick auf die Entwicklung der menschlichen Moral und ihren Bezug zum Selbst (-bild) des Menschen. Wie hat sich die Identität des Menschen entwickelt, worauf gründet seine Auffassung dessen, was es heisst, ein handelndes Wesen zu sein. Sehr ausführlich, sehr tief in der Philosophiegeschichte verankert, ab und zu geht der rote Faden gefühlt verloren und es bleibt am Schluss das Gefühl, was nun damit anzufangen sei. Aber: ein Grundlagenwerk, das die verschiedenen philosophischen Standpunkte kompetent zusammenführt. 4
Franz Wuketits: Wie viel Moral verträgt der MenschEine Studie zur Moral, welche nie universal und absolut ist, sondern immer konstruiert von Menschen in bestimmten Gruppen, getrieben von egoistischen Wünschen. Verabsolutierung von Moral zusammen mit Macht wird gefährlich. Viel Geplauder, viel Populismus, einige gute Gedanken, aber mehrheitlich nichts Neues. 3
Bettina Stagneth: Böses DenkenMit Kant und Hannah Arendt auf der Suche nach der Moral, sie zwischen dem radikalen Bösen und der Banalität desselben einpendeln, für eigenes Denken plädieren und Moral als Gefühl der inneren Stimmigkeit sehen, als Hoffnung auf eine bessere Welt, indem wir als aufgeklärte Menschen unseren eigenen Verstand gebrauchen und nicht blinden Gehorsam an den Tag legen. Gute Gedanken in einem Buch über ein spannendes Thema, und doch wurde ich nicht warm damit. Der Sprachstil war zu plauderhaft. 3
Gerhart Baum: FreiheitEin kluges, kleines Buch darüber, was Freiheit bedeutet und was sie von uns fordert. Freiheit ist dem Menschen als Sehnsucht eingeschrieben, wir müssen an einer Welt arbeiten, welche diese möglich macht, eine Welt, in der unsere Werte unser Handeln leiten zugunsten von mehr Gleichheit und Teilhabe, von freiem Leben für alle. Freiheit ist auch eine Verantwortung, nämlich die Missstände zu sehen und dazu beizutragen, sie zu beheben. 5
Gerhart Baum: MenschenrechteEin Blick auf die Menschenrechte, auf ihre Geschichte, auf ihre Notwendigkeit, auf ihre Probleme, und darauf, wie wir für eine bessere Zukunft für die Menschenrechte einstehen müssen. Menschenrechte sind immer Einmischung, aber diese ist notwendig, im die Menschenwürde zu bewahren – für alle. Viele Berichte aus Baums eigener Erfahrung aus seiner Arbeit für die Menschenrechte, aktuelle Analysen. Ab und zu dringt die Parteipolitik durch, aber nie dominant. 4
Scherger, Abramowski, etc.: Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und FamilieEine Festschrift für Karin Gottschall mit diversen Aufsätzen zum Thema der Geschlechterungleichheiten. Beleuchtet werden institutionelle, arbeitsmarktstechnische und familiäre Umstände und die jeweiligen Geschlechterverhältnisse. Die Aufsätze sind qualitativ sehr unterschiedlich, von in Wissenschaftssprache verpackten Alltagsweisheiten hin zu analytisch interessanten Erkenntnissen ist alles dabei3
Wendy Brown: Wir sind jetzt alle Demokraten… (in: Demokratie? Eine Debatte)Ist Demokratie zu einer symbolbeladenen leeren Hülse verkommen, in die jeder seine Hoffnungen  stecken kann? Ein Blick auf das Kranken unserer Demokratien, dessen Gründe und die offene Frage: Ist Demokratie wirklich (noch) die richtige Staatsform? Es gilt, genau hinzusehen, was wir wollen, können und was für eine wirkliche Demokratie nötig wäre. 5
Michel Friedman: FremdEine Vergangenheitsbewältigung in Bruchstücken, formal fast lyrisch anmutend, doch es sind mehr Worte. Es sind Fetzen, die sich Zeile für Zeile zu Gefühlen und Bildern formen. Man darf es nicht einfach schnell lesen, sonst lenkt die Form zu sehr vom Inhalt ab. Man muss es langsam, am besten laut (noch besser vorlesen lassen), lesen – und fühlen. Dann berührt es. Tief in der Seele, es bewegt und macht nachdenklich. Und sprachlos.  5
Hadija Haruna-Oelker: Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denkenEin Buch darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die keine Anderen mehr kennt, sondern durch mehr Offenheit, durch die Anerkennung von Menschen in ihrer Diversität, durch gegenseitige Solidarität und Unterstützung ein Verbündetsein von Menschen mit all ihren Verschiedenheiten anstrebt. Dazu bedarf es der Bereitschaft, zuzuhören, Vorurteile, auch eigene, zu entdecken und zu verlernen, um ein neues Miteinander zu lernen. 5
Eva Lohmann: Das leise Platzen unserer TräumeEin Paar, das sich auseinander gelebt hat, er geht schon lange fremd. Doch trennen können sie sich nicht. Eine alleinerziehende Mutter, die Geliebte, denkt an die Frau, deren Mann in ihrem Bett liegt, spricht mit ihr in Gedanken. Lesend gerät man immer tiefer in die Geschichte hinein, denkt mit, fühlt mit, ist gefangen, kann nicht loslassen. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag.5
Miranda Fricker: Epistemische UngerechtigkeitBei Ungerechtigkeit dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. 3
Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidetWie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.     5+

Gedankensplitter: Das Schöne wollen

« Es taumelt eine von Verdummung trunkene, verwahrloste Menschheit unter Ausschreien technischer und sportlicher Sensationsrekorde ihrem gar nicht mehr ungewollten Untergang entgegen»

Diese Worte wählte Thomas Mann 1955 in seinem «Versuch über Schiller anlässlich dessen 150. Geburtstag. Sie wären heute noch genauso passend, es scheint, die Welt ist, stillgestanden. Ich korrigiere: Die Welt hat sich (leider?) weitergedreht, doch wir Menschen sind stillgestanden und schauen ihr zu beim Untergang. Hier und da hört man ein schwaches «Man kann halt nichts tun.» Es erinnert mich immer an das «Man konnte halt nichts tun.» aus anderen Zeiten, aus dunklen Zeiten, aus Zeiten, aus denen wir offensichtlich wenig gelernt haben, schaut man sich in der Politik um.

Friedrich Schiller glaubte an die Moral, er glaubte an einen unbedingten Willen zur Moral, zu einer ästhetisierenden Moral. Indem der Mensch sich mit schöner Kunst beschäftige, finde er den Zugang zur Freiheit und zu vernünftigem Handeln, das auf moralischen Einsichten gründet. Das befördere nicht nur das Glück des Einzelnen, sondern das aller. 

Thomas Mann attestierte Schiller einen

„Willen zum Schönen, Wahren und Guten, zur Gesittung, zur inneren Freiheit, zur Kunst, zur Liebe, zum Frieden, zu rettender Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst»

Und vielleicht ist das der Weg hin zu einer Welt mit weniger Angst, zu einer Welt mit mehr Miteinander, zu einer Welt, in der der Mensch Mensch ist und als solcher zählt als Gleicher unter Gleichen. Das wäre Freiheit. Das wäre Menschenwürde. Sie stehen allen zu. 

Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe

Inhalt

„Wir befinden uns in einer Art Limbus, einer verwaschenen Zwischenwelt ohne erkennbaren Horizont: die Zwillinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, ich zwischen erwachsen und alt, alle zwischen dieser Familienwohnung und unseren neuen Lebenssituationen.“

Eine alleinerziehende Schriftstellerin mit Zwillingen, die bald ausziehen, erinnert sich an ihr Leben. Sie erinnert sich in kleinen Episoden an Begebenheiten aus ihrer Kindheit, aus der Jugend, aus dem Leben danach. Sie denkt an verflossene Beziehungen, an ihre Geschwister und an ihre Eltern, denkt an die Rolle, die sie in all diesen Beziehungen spielte. Sie ist sich nie ganz sicher, was davon wirklich erinnert und was vergessen und neu erfunden ist. Und manches ist wirklich vergessen. Doch irgendwie ist das nicht wichtig.

Es ist eine Zeit des Umbruchs: Die Kinder ziehen aus, ein neuer Abschnitt, ihr Leben allein beginnt – nur wo soll dieses stattfinden?

Gedanken zum Buch

„Wenn wir erst mal Kinder haben, sind wir Frauen in den Augen der anderen nichts mehr ohne sie.“

In unserem Leben übernehmen wir viele Rollen. Wir sind Kinder, Freunde, Partner, Arbeitende, Sportler, Mütter. All diese Rollen sind prägend, sie prägen unser Bild von uns selbst und unser Verhalten, aber sie prägen auch das Bild nach aussen, das die anderen von uns haben. Fälle eine dieser Rollen weg, gerät unser Selbstbild ins Wanken. Die Frage, was von uns bleibt, nach innen und nach aussen, steht im Raum. An diesem Punkt steht die Protagonistin, die sich fragt, was es für sie bedeutet, wenn ihre Kinder ausziehen.

Es bleibt nicht aus, an dem Punkt auch das eigene Muttersein zu überdenken, hinzuschauen, wie sie diese Rolle ausgefüllt hat. Sie tut dies auf eine offene, selbstkritische Weise, sieht, wo ihr die Rolle auch schwer fiel, wo sie (eigenen oder fremden) Idealvorstellungen nicht genügt hat. Es gilt aber auch, sich neu zu besinnen, zu sehen, was nun kommt, was das Wegfallen der Rolle für das eigene Leben nun bedeutet, was es nach sich zieht. Vordergründig präsent ist die Wohnung. Wo sie ist, kann sie nicht bleiben, die Frage, wo sie hin soll, stellt sich schwierig dar (zumindest für die Protagonistin, die Leserin hat wohl schon lange eine Idee).

„Mein Problem ist lächerlich. Es ist nur eine behagliche Wohnung, die ich gegen eine andere, vermutlich ebenso behagliche Wohnung eintauschen muss. Aber an keinem anderen Ort habe ich länger gewohnt als hier. “

In dieser Suche nach dem richtigen Raum für sich zeigt sich die Wichtigkeit, die Raum auf das Leben von Menschen hat. Im eigenen Raum spielt es sich ab, er prägt das Leben, er beinhaltet es, er schützt es auch. Der Raum trägt die Erinnerungen in sich, er zeugt von dem, was war und bietet auch Möglichkeiten, was sein könnte. Das macht die Entscheidung für einen neuen Raum oft schwer – es hängt ein Leben dran.

„Ich wollte darüber schreiben, dass ich ein schwieriges Kind war, das Probleme hatte, aber es gelang mir nicht. Was ich schrieb, sagte nicht die Wahrheit über mich, es malte ein völlig falsches Bild von meiner Familie.“

Doris Knecht hat die Geschichte einer Frau an einem Umbruch ihres Lebens geschrieben. Oft sind es diese Situationen, die dazu anregen, uns zu erinnern, zurückzublicken, um zu sehen, wie wir an diesen Ort kamen, an dem wir nun stehen. Erinnerungen tauchen auf, die wir uns erzählen und merken, dass zwar alles stimmt, und doch das entstehende Bild sich falsch anfühlt.

„Die Frau, über die ich schreibe, gibt es nicht. Sie ist ein Konstrukt, zusammengesetzt aus Erinnerungen, viele davon fehlerhaft, aus Selbstüberhöhung und Selbsthass, aus Erzählungen von anderen, aus Bildern in Fotoalben.“

Die Vergangenheit ist mehr als die Summe einzelner Teile, durch das Erinnern kommen Dinge dazu, es schleichen sich Stimmen von anderen, Bilder und das Heute mit ein und damit auch ein neuer Blick.

Von der ersten Seite an gleitet man lesend in eine Welt ein, nimmt Anteil am Leben ihrer Bewohner, erinnert sich mit, denkt und fühlt mit. Man gehört förmlich dazu, nistet sich bei diesen Menschen ein und ist zu Hause. Es ist ein warmes, ein menschliches Zuhause mit Menschen, die einem ans Herz wachsen. Es ist schwer, irgendwann wieder auftauchen zu müssen, wenn die letzte Seite gelesen und die geschriebene Geschichte zu Ende ist.

Fazit
Eine warmherzige, menschliche Geschichte über das Erinnern, das Vergessen, das Leben und die Räume, in denen es stattfindet.

Zur Autorin
Doris Knecht, geboren in Vorarlberg, ist Kolumnistin (u. a. beim Falter und den Vorarlberger Nachrichten) und Schriftstellerin. Ihr erster Roman, Gruber geht (2011), war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde fürs Kino verfilmt. Zuletzt erschienen Besser (2013), Wald (2015), Alles über Beziehungen (2017), weg (2019) und Die Nachricht (2021). Die Verfilmung von Wald kommt im Herbst 2023 in die Kinos. Sie erhielt den Literaturpreis der Stiftung Ravensburger und den Buchpreis der Wiener Wirtschaft. Doris Knecht lebt in Wien und im Waldviertel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Hanser Berlin; 1. Edition (24. Juli 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446278035

Maria Barankow, Christian Baron: Klasse und Kampf

Zum Inhalt

«ein manifest über die feinen unterschiede, die eine gesellschaft in OBEN und UNTEN teilen»

So lautet die Zielsetzung von Maria Barankow und Christian Baron bei der Herausgabe des Buches mit dem Titel «Klasse und Kampf». 14 Autor*innen haben einen Beitrag dazu geleistet und mit ihren Texten teils sehr persönliche und erzählerische, teils eher sachliche Ansichten des Problems vorgelegt, wie es ist, in einem reichen Land in Armut aufzuwachsen. Das Buch handelt von Privilegien, Scham, Diskriminierung, es behandelt die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von sozialem Aufstieg genauso wie das bleibende Gefühl danach, zwischen zwei Welten zu wohnen.

Gedanken zum Buch

«Heute ist es angesagt, über Themen wie Race und Gender zu sprechen; das weniger coole Thema ist Klasse. Es ist das Thema, bei dem wir alle verkrampfen, nervös werden, nicht sicher sind, wo wir stehen.» bell hooks

Wir leben in einer Zeit, in welcher Missstände angeklagt werden, in welcher die Menschen hinstehen und für Rechte kämpfen. Menschen gehen auf die Strasse, Bücher werden geschrieben, Rassismus und Sexismus werden offen bekämpft – von Betroffenen selbst und von Menschen, die solidarisch gegen diese Missstände und für eine gerechtere Gesellschaft einstehen. Nur der Klassismus wird merkwürdig stiefmütterlich behandelt. Das mag unter anderem damit zusammenhängen, dass viele Betroffenen Scham empfinden über ihre Armut. In einer Leistungsgesellschaft wie der unseren, in welcher die Meinung hochgehalten wird, dass man alles erreichen kann, wenn man sich nur genügend anstrengt, ist es doppelt beschämend, wenn man es eben in den Augen dieser Gesellschaft nicht geschafft hat. Dass Armut mitnichten mit mangelndem Einsatz einhergeht, dass sie in den seltensten Fällen selbstverschuldet ist, wird oft ignoriert.

«Ausbeutung bedeutet nicht, wie häufig angenommen, einen Verstoss gegen kapitalistische Regeln, sondern resultiert notwendig aus der Befolgung dieser Regeln.»

Es ist Zeit, dass dies ändert. Schon Simone de Beauvoir sagte, dass hinter vielen anderen Problemen – auch die Ungleichbehandlung der Frauen – eigentlich Klassismus stehe. Würde man das beheben, fielen auch viele andere Missstände weg.

«Weil dieser Zustand historische gewachsen und strukturell ist, sind Klassenunterschiede auch Herrschaftsverhältnisse, die sich reproduzieren.»

Der Kapitalismus, mehr noch die Industrialisierung haben zu einem System geführt, in welchem eine Gruppe von Menschen eine andere ausbeuten kann für den eigenen Profit. Obwohl auf dem Papier soziale Schichten durchlässig sind, ein Aufstieg möglich sein sollte, sind es wenige Prozent, die diesen Aufstieg wirklich schaffen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits fehlt Kindern aus sozial schwachen Schichten oft der Zugang zu den nötigen Bildungsangeboten, teils, weil sie diese nicht kennen, nicht vermögen oder aber durch das Herkunftsmilieu mit Abwertungen gegen höhere Schichten aufwachsen.

Gelingt der Aufstieg doch, bleibt oft das Gefühl, nirgends dazuzugehören, quasi zwischen den Welten (Klassen) zu sitzen (Pierre Bourdieu beschreibt das ausführlich in seinen Büchern zum Habitus). Für soziale Wesen, wie der Mensch eines ist, kein einfacher Zustand.

Fazit
Ein persönliches, ein informatives, ein bewegendes Buch über ein wichtiges Thema in unserer Gesellschaft, welches zu wenig Aufmerksamkeit erhält.

Herausgeber*innen und Mitwirkende
Christian Baron, geboren 1985 in Kaiserslautern, lebt als freier Autor in Berlin. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier arbeitete er mehrere Jahre als Zeitungsredakteur. 2020 erschien bei Claassen sein literarisches Debüt Ein Mann seiner Klasse, wofür er den Klaus-Michael-Kühne-Preis und den Literaturpreis »Aufstieg durch Bildung« der noon-Foundation erhielt.  Die von ihm zusammen mit Maria Barankow herausgegebene Anthologie Klasse und Kampf erschien 2021 bei Claassen.

Maria Barankow, geboren 1987 in Russland, Studium der Romanistik und Anglistik in Köln und London, ist seit 2013 Lektorin und Programmleiterin bei den Ullstein Buchverlagen.

Mit Beiträgen von Christian Baron, Martin Becker, Bov Bjerg, Arno Frank, Lucy Fricke, Kübra Gümüsay, Schorsch Kamerun, Pinar Karabulut, Clemens Meyer, Katja Oskamp, Sharon Dodua Otoo, Francis Seeck, Anke Stelling, Olivia Wenzel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Claassen; 3. Edition (29. März 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3546100250

Gedankensplitter: Selber denken

„Moral ist der Ausdruck der Hoffnung, dass unsere Welt besser werden kann, als sie ist, und der Wille, herauszufinden, wie man die Welt verändert, ohne alles noch schlimmer zu machen Aufklärung ist die Forderung an jeden Einzelnen, bei genau dem anzufangen, was er selber ändern kann, also tatsächlich vernünftig zu handeln als vom Paradies zu träumen.“ Bettina Stangneth

Wenn wir heute von Moral sprechen, denken wir an den erhobenen Zeigefinger und Verhaltensnormen, die das perfekte Verhalten in einer perfekt gewollten Welt fordern. Dass diesem Anspruch kein Mensch genügen kann, liegt in der Natur desselben, dass im Wissen um die Erwartungen und das eigene Scheitern daran die Moral in Verruf kommt, folgt unweigerlich. Von Moralaposteln ist die Rede, von moralinsauren Zeitgenossen. Und: Das stimmt grösstenteils auch. Oft ist in so rigiden Forderungen mehr Selbstprofilierungsdenken als wirkliche Sorge um das gute Zusammenleben angelegt. Kann man sich dann mit solchen Forderungen noch zu Gruppen formieren, der gegenüber ein gemeinsamer Feind steht, nämlich einer, welcher den eigenen Anforderungen nicht genügt, kann es gefährlich werden.

„Ich trau dem Wir nicht. Das Wir ist sehr hungrig nach dem Ich.“

Mit diesen Worten beschreibt MIchel Friedman seine Sicht auf Gruppen, die er als grösstes Problem ansieht. In Gruppen verschwindet der Einzelne, er wird zu einem Teil des Kollektivs. Sobald wir uns in Gruppen formieren und diesen Gruppen blind folgen (um dazuzugehören), geben wir das eigene Denken auf. Wir verzichten also auf das, was Hannah Arendt als grundlegend für ein moralisches Verhalten hält. Nur wenn wir uns unseres eigenen Verstandes bedienen, wie Kant es formulierte, haben wir Zugang zu dem Gefühl von richtig und falsch, das tief in uns angelegt ist, wozu wir keine Regeln von aussen bedürfen. Wenn wir aus diesem Gefühl heraus handeln, wenn wir uns für das richtige entscheiden, können wir uns als Menschen unter Menschen begegnen, die einander nichts Böses wollen, dann können wir in Beziehung treten im Vertrauen, unversehrt zu bleiben. Dann ist die Welt noch kein Paradies, aber wir machen sie vielleicht ein Stück besser da, wo wir es können. 

Gedankensplitter: Authentisch sein

Viele kennen ihn wohl, den Satz: «Was werden bloss die anderen denken?» Dieser Satz war keine Frage, es war ein Hinweis darauf, dass etwas Ungehöriges im Gange war, und es gab eine richterliche Instanz: Die anderen, die die Stimme der Moral verkörpern. Sätze wie dieser haben die Angewohnheit, sich in einem festzusetzen. Fortan leben sie gemütlich im eigenen Sein, breiten sich aus und melden sich zu allen möglichen Gelegenheiten wieder zu Wort. Man möchte etwas tun, und zack: «Was werden bloss die anderen denken?»

Wir versuchen uns oft, anzupassen, wollen dazugehören, geben dafür Dinge auf, von denen wir denken, dass sie nicht genehm sind. Dass wir uns damit stückweise selbst aufgeben, nehmen wir in Kauf, wollen wir doch nicht Fremde sein und bleiben in dieser Welt, sondern einen Platz in ihr haben – es ist nicht nur ein Wollen, es ist ein Brauchen. Nur: Auch dann noch wird es Situationen geben, in denen wir in Konflikt geraten mit anderen Wertvorstellungen. Auch dann noch werden wir nicht allen gefallen. Nicht zu gefallen bei allem Bestreben, gefällig zu sein, ist ungleich schmerzhafter, weil man dann alles verloren hat: Sich selbst und das, was man damit erreichen wollte.

Vielleicht darf der Satz «Was werden die anderen denken?» bleiben, man darf ihm aber antworten. Zum Beispiel mit «Lass sie reden!» Wegzukommen von der Fremdbestimmung hin zu einer authentischen Lebensweise ist sehr befreiend. Das wird nie allen gefallen, nur: Wer soll der Massstab sein? Wer einen wegen seines So-Seins ablehnt, beweist damit nur die eigene Intoleranz, sagt aber nichts über einen selbst aus. Mit Humor geht das alles noch viel besser, Epiktet machte es vor:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Als Verschiedene Gleiche sein

«Jeder Mensch hat ein eigenes Mass, gleichsam eine eigene Stimmung aller seiner sinnlichen Gefühle zu einander.» Johann Gottfried Herder

Das Leben in diversen Gesellschaften bringt viele Probleme mit sich. Wir sehen das an den täglichen Problemen des Zusammenlebens. Es herrscht ein Gefälle von oben und unten, einige wenige Menschen haben Macht, einige fühlen sich ohnmächtig, die Mehrheit schwimmt irgendwo in diesem Spannungsfeld, wobei die Dichte hin zur Ohnmacht zunimmt, je näher man zur Macht kommt, desto weniger tummeln sich da. Das gleiche Bild zeigt sich beim Ansehen, bei Geld, bei den Möglichkeiten, das eigene Leben nach eigenen Massstäben und Fähigkeiten zu leben.

Der Mensch als soziales Wesen ist dazu genötigt, Regeln als Ordnungsstruktur und Leitplanken des eigenen Verhaltens zu haben, die das Zusammenleben ermöglichen. Doch sind wir weitergegangen, als das blosse Zusammenleben zu ermöglichen, wir haben Normen aufgestellt, die festlegen, was nicht nur in einem pragmatischen Sinne nötig ist, sondern in einem dogmatischen gefordert wird. An ihnen ist ausgerichtet, ob jemand dazugehört oder ausgestossen ist. Daran wird gemessen, ob jemand genehm ist oder unbequem. Es ist der Versuch, etwas zu homogenisieren, das von der Natur nicht homogen vorgesehen ist. Dass dies mitunter dramatische Auswüchse hat, konnten wir in der Geschichte mehrfach auf grausame Weise sehen.

Jeder Mensch ist einzigartig und in dieser Einzigartigkeit liegt seine Bestimmung, seine Schönheit und seine Würde.

«Die Würde des Menschen ist unantastbar.»

Diese menschliche Würde gilt es zu schützen, sie ist das höchste Gut, an welchem sich alles ausrichten sollte. Wir werden in diversen Gesellschaften nur friedlich zusammenleben können, wenn wir anerkennen, dass jeder Mensch in seinem Sosein seine Daseinsberechtigung hat. Wir können den anderen nicht an unseren Massstäben messen, sondern nur an seinen. Er hat ein Recht auf diese wie wir auf die unseren. Nur so sichern wir gegenseitig unsere Freiheit, unsere Autonomie, unser Sein. All das ist nicht sicher zu haben auf Kosten anderer.

Simone Scherger, Ruth Abramowski, Irene Dingeldey, Anna Hokema, Andrea Schäfer (Hg.): Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und Familie

«Tatsächlich verringern sich jedoch die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in vielen Bereichen nur langsam… Mit diesen Ungleichheiten sind jeweils unterschiedliche soziale Risiken und günstige oder ungünstige Lebenslagen, mithin meist Benachteiligungen von Frauen verknüpft.»

Der Kampf gegen Ungleichheit, die immer einher geht mit Ungerechtigkeit, ist nicht neu. Über die Jahre konnten viele Fortschritte erreicht werden, die Gesetzeslage hat sich mehr und mehr in Richtung Gleichheit verändert und auch im Selbstverständnis vieler Menschen kam es zu einer Entwicklung hin zu einer gleichberechtigteren Sicht auf die Unterschiedlichkeiten der Menschen. Leider sind wir weit davon entfernt, am Ziel zu sein, im Gegenteil, alles Erreichte ist immer in Gefahr, durch Rückschritte zunichte gemacht zu werden (wir sehen es aktuell bei Diskussionen rund um die Abtreibung). Der Kampf um Gleichberechtigung ist ein fortlaufender Prozess gegen Beharrungstendenzen und Rückfälle, die Fortschritte aber zeigen sich nur langsam.

«Sie werden durch das Zusammenspiel verschiedener institutioneller, etwa sozialpolitischer und rechtlicher Strukturen[…], organisatorischer Einflüsse (etwa an Arbeitsplätzen) und normative Leitbilder direkt oder indirekt geprägt, die auch in sich widersprüchliche Arrangements bilden können.»

Ungleichheit und Diskriminierung aufgrund solcher ist nie ein nur individuelles Problem, sondern eines, das in Strukturen stattfindet. Indem es eine Sicht von normal und anders gibt, werden Machtverhältnisse definiert, die fortan das Zusammenleben bestimmen. Dies gilt es, bewusst in den Blick zu nehmen und nach neuen Wegen für ein gleichberechtigtes Miteinander zu suchen, ist auch heute noch wichtig (selbst wenn einige Stimme gerne das Gegenteil behaupten, wohl mehrheitlich aus der Motivation heraus, die eigenen Privilegien zu schützen).

Die im vorliegenden Buch zusammengetragenen Aufsätze diskutieren die geschlechtsbezogenen Ungleichheiten im Hinblick auf Arbeitsverhältnisse, Wohlfahrtsstaat und Familie. Ziel ist es, durch die Analyse geschlechterbezogener Einstellungen und Verhaltensmuster ein Bewusstsein für die gemachten Fortschritte wie auch die noch offenen Problemfelder und Rückschritte zu schaffen, aufgrund dessen dann Wege für neue Veränderungsprozesse eröffnet werden können.

Die Qualität der Aufsätze ist durchzogen, von sehr fundierten, informativen, weiterführenden über interessante bis hin zu wissenschaftlich fragwürdigen (nicht repräsentative Proben, zu offensichtliche Ergebnisse, etc.) ist alles dabei. Trotzdem ist das Buch sehr empfehlenswert, behandelt es doch ein Thema, das wichtig ist und vor dem wir unsere Augen nicht verschliessen dürfen.

Über die Herausgeberinnen und Autorinnen
Simone Scherger, Prof. Dr., Soziologin und Leiterin der Arbeitsgruppe »Lebenslauforientierte Sozialpolitik« am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.
Ruth Abramowski, Dr., Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe »Arbeit, Wohlfahrtsstaat und Gender« von Prof. Dr. Karin Gottschall am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.
Irene Dingeldey, Prof. Dr., Sozialwissenschaftlerin und Direktorin des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.
Anna Hokema, Ph.D., Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) der Universität Duisburg-Essen und der Universität Bremen.
Andrea Schäfer, Magistra, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Sonderforschungsbereich 1342 »Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik« an der Universität Bremen

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Campus Verlag; 1. Edition (13. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 484 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3593514413

Gedankensplitter: Die Macht der Worte

«Nur durch Kommunikation können Menschen ein zivilisiertes, friedliches Leben miteinander gestalten. Die Brückenbildung des Wortes, auch des streitigen Wortes, ist elementar.» Michel Friedman

Worte haben eine Macht, eine Wirkmacht. Sie können verletzen, sie können treffen, sie können umschmeicheln, liebkosen. Worte können ein Pflaster für die Seele sein oder eine Mördergrube, in die man fällt. Worte können Brücken bauen oder Mauern einreissen. Sie können Gefängnisse errichten und Trennwände bilden. Worte sind unser Zuhause, sie machen unsere Welt aus. Mit unseren Worten stellen wir uns in die Welt und zeigen uns dieser als die, die wir sind, weil wir durch die Worte in sie hinein treten. 

„Die Worte, die du sprichst, werden zu dem Haus, in dem du lebst.“ (Hafiz)

Wir sind, was wir sagen, und wenn wir uns selbst sagen, wer wir sind, dann glauben wir uns das. Darum ist es wichtig, gut hinzusehen, welche Botschaft wir uns über uns selbst mitteilen, denn sie malen das Bild, das wir von uns selbst haben. Genauso wichtig ist es, die Worte gut zu wählen, die wir an andere richten, denn mit ihnen malen wir das Bild, das sich den anderen zeigt von uns. 

Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit

Inhalt

«Ungleichheit ist zunächst und vor allem eine soziale, historische und politische Konstruktion.»

Wir leben in einer Welt voller Ungleichheiten. Die Schere zwischen reich und arm klafft weit auseinander, Menschen mit vielen Rechten und Macht stehen anderen gegenüber. Wie ist es dazu gekommen? Ist es ein Problem? Müssen wir es lösen? Können wir es lösen?

Thomas Pickety zeichnet das historische Bild über die Entstehung der Ungleichheiten in unserer Gesellschaft und verweist darauf, dass diese nicht als Naturgewalt über uns kamen, sondern mehrheitlich von uns Menschen selbst konstruiert wurde durch unser Naturell und die Art und Weise unseres Zusammenlebens in Gesellschaften und Staaten. Er bleibt dabei nicht bei der Beschreibung stehen, sondern hat auch einen Lösungsansatz zur Hand, von dem er aber selbst sagt, dass ein solcher nie für immer in Stein gemeisselt ist, sondern einen andauernden Prozess darstellt.

«Der Sozialstaat und die Steuerprogression sind wirkungsvolle Instrumente einer Transformation des Kapitalismus.»

Gedanken zum Buch

«Menschliche Gesellschaften erfinden unablässig Regeln und Institutionen, um sich zu organisieren, um Reichtum und Macht zu verteilen. Aber stets treffen sie dabei politische und reversible Entscheidungen.»

Was vom Menschen gemacht ist, kann der Mensch auch ändern. Der Satz klingt einfach, man könnte hinterherschieben, dass er es nur wollen müsse. Das Hauptproblem dabei ist aber wohl, dass es «den Menschen» nicht gibt, nur «die Menschen», und die wollen selten alle dasselbe. Es wollen die umso weniger eine Änderung, die von der aktuellen Situation profitieren, und mehrheitlich sind die auch in Positionen, dies zu bestimmen.

«So leicht es ist, den inegalitären oder repressiven Charakter bestehender Institutionen und Regierungen anzuprangern, so schwierig ist es, sich auf alternative Institutionen zu verständigen, die wirklich mehr soziale, wirtschaftliche und politische Gleichheit schaffen und zugleich individuelle Rechte und das Recht jeder und jedes Einzelnen auf Andersartigkeit zu respektieren.»

Zentral für eine Änderung der vorhandenen Ungleichheiten in unserer Gesellschaft ist einerseits der klare Blick auf dieselben, das Aufdecken der Missstände. Andererseits bedarf es eines Dialogs, um mögliche Lösungsansätze gegeneinander abzuwägen und eine möglichst grosse Einigung auf die geeignetsten Massnahmen zu gewinnen.

«Dazu braucht es eine ehrgeizige, konsequente und überprüfbare Antidiskriminierungspolitik, ohne darum die Identitäten, die stets vielfältig und vielschichtig sind, zu verhärten.»

Was sich auf dem Papier leicht schreibt, stellt sich in Tat und Wahrheit schwierig an, sind es doch festgefahrene, da über Jahrzehnte, Jahrhunderte gar, gewachsene Strukturen, an denen wir rütteln wollen. Wir müssen wegkommen von einer Politik, welche die bevorteilt, die sowieso schon viel haben, auf Kosten derer, die am anderen Ende der Messlatte sitzen. Wir müssen hinkommen zu einer Form des Zusammenlebens, die Menschen als Menschen sieht, ohne sie nach äusseren Kriterien zu unterscheiden und zu diskriminieren. Wir müssen hinkommen zu einem System, das sozialer ist und auf eine Umverteilung setzt, die es allen ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Thomas Piketty gelingt in diesem für ihn verhältnismässig schmalen Buch eine konzise historische Analyse der gewachsenen Ungleichheiten in unseren Gesellschaften, und liefert einen gezielten Lösungsansatz, den er zur Diskussion stellt. Es ist zu wünschen, dass dieser aufgegriffen wird und zur Umsetzung gelangt. Ich bin überzeugt, dass sich viele andere Probleme auch lösen würden, wären gravierende Ungleichheiten nicht mehr ausschlaggebend, wenn es darum geht, ein würdiges Leben zu führen.

Fazit
Tiefgründig, kompetent, analytisch und konkret – ein gut lesbares, zum Nachdenken anregendes Buch über die Ungleichheiten dieser Welt und wie wir sie beheben können.

Zum Autor
Thomas Piketty lehrt an der École d’Économie de Paris und an der renommierten École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris. Bei C.H.Beck sind von ihm erschienen „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2020), „Ökonomie der Ungleichheit“ (2020), „Kapital und Ideologie“ (2020), „Der Sozialismus der Zukunft“ (2021) und zuletzt „Rassismus messen, Diskriminierung bekämpfen“ (2022).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 2. Edition (29. September 2022)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 264 Seiten
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Übersetzung‏ : ‎ Stefan Lorenzer
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406790980