Cara Nicoletti: Yummy Books (Rezension)

In 50 Rezepten durch die Weltliteratur

NicolettiYummyWas entsteht, wenn eine Frau aus einer Metzgerfamilie, die Literatur liebt, ein Buch schreibt? Wer sich die Frage schon mal gestellt hat, der findet die Antwort in diesem Buch. Cara Nicoletti kam als Kind einer Metzgersfamilie schon früh mit dem Kochen in Berührung. Von klein an zog sie sich aber auch gern mit einem guten Buch zurück. Halfen die Bücher ihr in der Kindheit und Jugend, vor der oft überfordernden Realität zu fliehen, so identifizierte sie sich auch später noch gerne mit den Figuren aus den fiktiven Welten. Noch näher fühlte sie sich ihnen, wenn sie ass, was diese assen, sprich: Sie kochte sich die Rezepte aus den Büchern einfach selber.

Ihr Literaturstudium verdiente sie sich mit Jobs in Restaurants, als Köchin, Metzgerin und vieles mehr. Sie merkte bald, dass sie ebenso gut beim Essen-Zubereiten mit Kollegen über Literatur wie mit Studienfreunden übers Essen reden konnte – die Idee für das Buch nahm Gestalt an.

Yummy Books vereint 50 Rezepte aus 50 Büchern, die sich Cara Nicolettis Lebenszeit entlang hangeln, von der Kindheit bis ins Heute. Anhand von persönlichen Anekdoten, die sie mit den einzelnen Büchern verbindet, und einer kurzen Inhaltsangabe oder Figurenbeschreibung werden die einzelnen Rezepte eingeführt. Diese enthalten neben den Inhaltsangaben eine Anleitung zur korrekten Zubereitung. Auf diese Weise kann man mit Laura von der kleinen Farm Frühstücksbratwurst essen, mit Pippi Langstrumpf Buttermilchpfannkuchen, man kann den Rollbraten vom Schweinekopf aus Herr der Fliegen kochen oder aber die in Rotwein geschmorte Lammkeule mit Wildpilzen.

Die Idee, Kochen und Bücher zu verbinden, ist gut, zumal in vielen Romanen gekocht und gegessen wird und man ab und an wirklich gerne mit am Tisch sitzen würde. Die Umsetzung mutet teilweise sehr wie ein Erinnerungs- und Lesetagebuch an, die Rezepte sind vom Layout her wenig übersichtlich gestaltet. Auch die Fotos sind eher gewöhnungsbedürftig, man sieht einige Metzgereiinterna (für sensible Gemüter und Vegetarier als eher schwierig), die einzelnen Rezepte sind wenig dekorativ abgelichtet – was aber wiederum dem Buchstil, das explizit kein Hochglanzkochbuch ist, entspricht und daher absolut passend ist. Eine Bibliographie der behandelten Werke macht es leicht, diese zum Rezept zu kaufen und zu lesen. Was fehlt, ist eine Aufstellung der einzelnen Rezepte in den Kategorien Frühstück, Hauptgang, Dessert, etc. So muss man sich, sucht man für einen bestimmten Gang ein Rezept, unter Umständen durch 50 Rezepte lesen, um etwas Passendes zu finden.

Fazit:
Die Idee, Kochen und Literatur zu verbinden, ist durchaus interessant, entstanden ist aber eher ein Erinnerungs- und Lesetagebuch statt ein Kochbuch im engeren Sinne.

Zur Autorin
Cara Nicoletti ist Metzgermeisterin, Köchin und Gründerin des literarischen Foodblogs Yummy Books. Sie kommt aus einer Metzgerdynastie aus Boston und lebt derzeit in Brooklyn, New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 332 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (13. Juni 2017)
Übersetzung: Tanja Handels, Susanne Kammerer
ISBN-NR: 978-3518467763
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 24.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Link zum Verlag: HIER

Scheingefechte*

In Hamburg schlagen sie sich
die Köpfe ein.
Als Protest gegen Gewalt,
gegen Weltzerstörung derer,
die nichts verstehen,
nur sich selber sehen.
Sagen sie.
Zum Schein!

Sie zerstören Läden und Wagen,
schiessen auf Menschen und Häuser.
Strassen brennen
und Menschen rennen,
weil ein paar zum Schein
und aus Spass an der Freude
finden: So
soll es sein!

©Sandra Matteotti

________

*aus aktuellem Anlass und dem Unverständnis heraus, wie nur irgendwer ernsthaft denken kann, mit Zerstörung und Gewalt diese beiden bekämpfen zu können…

Freitagsfüller – Klappe, die Erste

Ich habe im Netz eine neue Aktion gefunden, die ich einfach mal mitmachen möchte:

1. Ferien im Sommer sind______
Ich mag eigentlich keine Ferien. Ich bin ein Alltagsmensch, der seine alltäglichen Abläufe mag. Was ich aber mag ist, dass keine wirklichen Fixtermine regelmässig von aussen kommen wie Schule und dergleichen. Ich freue mich auf einige Wochen, die ich möglichst frei von äusseren Störungen meine Dinge machen kann, so wie sie mir zufallen, so wie sie sich grad zeigen.

2. ________Favoriten auf dem Grill
Ich habe gar keinen Grill

3. Meine Bikinifigur_____
Ich habe kein Bikini – also ich hätte eines oder sogar zwei, allerdings weiss ich nicht, wo die sind und ich denke, als ich letztes Mal einen Teil des einen fand, war es eben nur ein Teil und der Rest fehlte. Insofern mache ich mir keine Gedanken über eine da reinpassende Figur.

4. Denk ich an Michael Jackson, ________
Da denke ich an mein erstes Konzert, zu welchem ich mit meiner Freundin und deren Vater durfte, als ich so 7 oder 8 war. War ein Erlebnis. Vielleicht war ich auch 9? Egal, ich fühlte mich sehr gross.

5. Mein Lieblingsschmöker diesen Sommer_______
Das war Claire Fullers „Eine englische Ehe“ – ein tiefes, lebendiges, mitreissendes Buch über die Liebe, über deren Ende, über Verrat, Trauer und das Leben – und immer wieder doch die Liebe –, das mich sehr berührt hat. Oder nein, das war Kent Harufs Buch „Unsere Seelen bei Nacht“ – ein wunderbares Buch über zwei ältere Menschen, die auf das Geschwätz der Menschen pfeifen und einfach glücklich sind. Sagen wir, es waren die beiden…

6. ______ ist die beste Art, den Tag zu beginnen
Ein Gedicht lesen und guter Kaffee – oder guter Kaffee und ein Gedicht lesen – diese beiden auf alle Fälle.

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf ___________, morgen habe ich geplant, _________ und Sonntag möchte ich _________ !
Heute Abend freue ich mich auf ein gutes Glas gekühlten Chardonnayes, dazu guten Käse, Brot, etwas Rohschinken. Danach vielleicht noch ein Glas Primitivo mit der gleichen Begleitung ☺
Morgen will ich meine Gedichte sichten und in eine geeignete Reihenfolge. Daneben lesen, lesen, lesen, fürs Seelenheil eine Schnulze im TV schauen, eventuell noch eine Rezension schreiben. Das Abendprogramm dann wieder wie heute.
Weil das morgen so schön wird, mach ich das am Sonntag gleich nochmals, nur dass ich die Schnulze durch eine Philosophie-Sendung ersetze. Und immer – das tue ich eh immer: Schreiben, schreiben, schreiben….

Danke für die Inspiration an Mia, die mich in ihrem BEITRAG  auf die Aktion von Barbara aufmerksam machte: HIER der originale Textimpuls

Peter Boxall (Hrsg.): 1001 Bücher (Rezension)

…die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist

Eine Zeitreise durch die Literatur

Die Lektüre von Romanen und Erzählungen ist und bleibt für viele Menschen das höchste Vergnügen. Mancher erinnert sich noch an das erste selbstgelesene Buch als einen wichtigen Meilenstein der persönlichen Entwicklung, und viele zählen das Lesen rückblickend zu den grössten Freuden ihrer Kindheit.

5165E1UEWjL._SX384_BO1,204,203,200_Das vorliegende Buch entält eine Zeitreise durch unsere Weltliteratur. 1001 Bücher, die man gelesen haben sollte, bevor man stirbt, will es beinhalten. Ausgewählt wurden diese 1001 Bücher von 157 Schriftstellern, Literaturwissenschaftlern und Journalisten aus der ganzen Welt. Wir lassen uns am Anfang unserer Reise durch die Literatur von Scheherezade aus 1001 Nacht verzaubern, der Weg führt weiter zu Jane Austens Romanen über heiratswillige junge Damen, sticht mit Moby Dick ins Meer, wendet sich nach einer Wegstrecke dem Bildnis des Dorian Gray zu, führt bei Max Frischs Stiller vorbei zu Jakob dem Lügner, um dann weiter zu gehen zum Parfum von Süskind, Henning Mankells Mörder ohne Gesicht und schliesslich bei Swetlana Alexejiewitschs Secondhand-Zeit zu enden.

Der Band enthält bekannte und eher unbekannte Werke. Viele, die man persönlich vielleicht gerne drin hätte, fehlen, von anderen, die sich drin finden, hört man zum ersten Mal. 1001 Bücher erhebt denn auch nicht den Anspruch der Vollständigkeit oder gar den, einen neuen Kanon auszubilden. Vorgestellt werden schlicht Bücher, welche 157 Menschen als lesenwert erachtet haben und welche diese andern Lesern ans Herz legen möchten, denn.

Jedes vorgestellte Buch wird mit den Lebensdaten seines Verfassers, seiner Entstehungszeit, seiner Erstveröffentlichung und Originaltitel vorgestellt, kurz zusammengefasst und teilweise auch in der Zeit oder einem anderen Kontext verortet. Bilder des Umschlags oder des Filmplakats bei verfilmten Büchern runden das Ganze ab. Ein Index nach Buchtiteln sowie nach Autoren hilft, gezielt nach Büchern zu suchen. Ein rundum gelungenes Buch.

Ein kleiner Kritikpunkt sei gestattet: Ein Projekt von so grossem Umfang ist wohl anfällig für Fehler – so finden sich denn auch vereinzelt welche hier. Stefan Zweigs Novelle Der Amokläufer wird schlicht als Amok betitelt – so heisst auf Deutsch die Sammlung, welche die Novelle beinhaltet. Dieser Fehler dürfte bei der Übersetzung passiert sein, da im Englischen die Novelle Amok heisst. Etwas grösser wiegt der Fehler, dass das Buch im Autorenverzeichnis Arnold Zweig statt Stefan Zweig zugeordnet ist. Das sind ärgerliche Fehler, die aber dem Vergnügen mit dem Buch keinen Abbruch tun. In einer nächsten Auflage könnte man diese leicht beseitigen.

Fazit:
Eine informative, kurzweilige, schön illustrierte Zeitreise durch die Weltliteratur. Absolute Leseempfehlung!

Der Herausgeber
Peter Boxall, der Hauptherausgeber, hat in Zusammenarbeit mit 157 (!) internationalen Rezensenten, das Mammutwerk federführend erstellt. Peter Boxall ist außerordentlicher Professor für englische Literatur an der University of Sussex (England). Er hat zahlreiche Studien zum Roman und zum Drama des 20. Jahrhunderts veröffentlicht, zuletzt erschien Don DeLillo: The Possibility of Fiction (2006).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 960 Seiten
Verlag: Edition Olms (16. Februar 2017)
ISBN-Nr 978-3283012502
Preis: EUR 29.95 / CHF 41.90
Übersetzer: Maja Ueberle, Thomas Marti
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Didier Ottinger (Hrsg.) Magritte. Der Verrat der Bilder (Rezension)

Malerei als Ausdruck philosophischen Denkens

Magritte ging mit seiner Malerei neue Wege. Was er betrieb, könnte man als Philosophieren mit dem Pinsel bezeichnen. Sein Malen war Denken bildhaft dargestellt. Er setzte das Wort neben das Bild und umgekehrt. Die Malerei Magrittes befasst sich ohne Unterlass mit den Fragen über das Wesen und den Status der Kunst.

Vorhänge, Wörter, Flammen, Schatten, Fragmente und Collagen verweisen auf Legenden und Allegorien, die allesamt den Status der Bilder und deren Beziehung zur Wirklichkeit oder zur Wahrheit hinterfragen.

Immer wieder tauchen dabei die fünf Motive Feuer, Schatten, Vorhänge, Wörter und fragmentierte Körper auf. Der vorliegende Band setzt sich mit diesen Motiven auseinander, zeigt deren Funktion im Malen und Denken Magrittes und illustriert das anschaulich anhand der entsprechenden Bilder.

Magritte wollte hinter den gewohnheitsmässigen Gebrauch der Sprache blicken, er wollte offenlegen, das Worte beliebig Gegenständen zugeordnet werden und dann durch Generationen tradiert ohne je zu hinterfragen, was genau Objekt, was Wort und wie der Zusammenhang beider aussieht. Diesen Gedanken stellte er das Bild entgegen, welches auch ein Abbild des Objektes ist, aber nicht der Gegenstand selber. Dabei ist er der Überzeugung, dass die Verbindung Bild – Objekt weniger beliebig ist als die zwischen Wort und Objekt.

Aus der Ähnlichkeitsbeziehung zwischen der Wahrnehmung des Bildes und der des Gegenstandes ergibt sich unter anderem, dass es „in dem Sinne, in dem es Fremdsprachen gibt, keine Fremdbilder gibt“. Fremdsprachen kann es nur geben, weil die Beziehung zwischen den meisten Wörtern und dem, was sie bedeuten, beliebig ist und daher erlernt werden muss.

Mit seinen Bildern wollte Magritte das Denken sichtbar machen. Immer wieder stellt er den Bezug zur Philosophie her, bringt die Gedanken der grossen Denker auf die Leinwand.

Die vorliegende Monografie stellt die Persönlichkeit des Künstlers ins Zentrum und legt dessen Verständnis von Kunst und Wirklichkeit sowie der Beziehung zwischen den beiden offen. Hochstehende und tiefgründige Essays führen den Leser in Magrittes Denken, seine Motivwahl und deren Bedeutung im Hinblick auf sein Denken und Malen ein:

  • Magritte als Philosoph – ein Porträt (Didier Ottinger)
  • Wörter, Schatten, Flammen, Vorhänge, Fragmente. Magritte und die Gründungsmythen der Malerei (Didier Ottinger)
  • Zwischen Wahlverwandtschaft und Beliebigkeit. Anmalen gegen die imaginären Grenzen der Imagination (Klaus Speidel)
  • Sehen, um zu glauben. René Magritte und die Erfindung der Kunst (Jan Blanc)
  • Der Maler-König (Barbara Cassin)
  • Magrittes Vorhänge (Victor I. Stoichita)
  • Schönheit ist ein bildnerisches Problem (Jacqueline Lichtenstein)
  • Vom Bild als Deckmantel zur Kunst des Problems (Michel Draguet)

Auch Magritte selber kommt zu Wort in seinem Vortrag von 1938 mit dem Titel Lebenslinie I, sowie in ausgewählten Briefen.

Veranschaulicht werden all diese Theorien anhand ausgewählter und farblich hochwertiger Bilder, durch ein stilvolles Layout in Szene gesetzt werden. Ein rundum gelungenes Buch, das jedem Magritte-Fan nur empfohlen sei.

Fazit
Ein informatives, tiefgründiges und hochwertig gestaltetes Buch, das sich fundiert mit Magrittes Bildern, Motiven sowie seinen Gedanken und Theorien auseinandersetzt. Absolut empfehlenswert.

Zum Herausgeber:
Didier Ottinger ist stellvertretender Direktor des Musée national d’art moderne, Centre de création industrielle und Autor zahlreicher Bücher.

Angaben zum Buch:
MagritteGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (16. Januar 2017)
ISBN: 978-3791355979
Preis: EUR: 39.95 ; CHF 52.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Gefühle

Im Wagen
zum Abgrund
und kurz vor dem Ende
die Wende

Achterbahn
Rummel im Kreis
und mal hoch
und mal runter

vom Berg
bis ins Tal
hin zu holprigen
Strassen

schluchten
mal wieder
und doch
einzigartig

bei jeder
Fahrt.

____________________

2017_27-17_2_zwei

Für die abc.etüden, Woche 25.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Bruni von Wortbehagen.de und lauten: Achterbahn, Strassenschlucht, einzigartig.

Der Ursprungspost: HIER

 

Hermann Hesse (*2. Juli 1877)

Heute würde Hermann Hesse 140 Jahre alt – ich hebe mein Glas!

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie eines kreativen Lebens

Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich weit vorn anfangen. Ich müsste, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch weit über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück.

Mit diesen Worten beginnt Hermann Hesse seinen Demian und drückt damit ein Verständnis von Sein und Werden aus, das sich durch sein ganzes Werk zieht. Die kindliche Seele, ihre Entwicklung und die Nöte dabei prägen Hermann Hesses ganzes Werk. Kaum ein anderer Schriftsteller hat Themen wie (Persönlichkeits)Bildung und Erziehung so ins Zentrum gerückt wie er.

Hermann Hesse erblickt als Sohn einer christlichen Missionarsfamilie am 2. Juli 1877 in Calw, einer kleinen Stadt im nördlichen Schwarzwald, das Licht der Welt.  1881 folgt der Umzug nach Basel, wo die Familie fünf Jahre bleibt und Hermann Hesse die Internatsschule der Basler Mission, für die seine Eltern tätig sind, besucht. 1886 führt der Weg zurück…

Ursprünglichen Post anzeigen 569 weitere Wörter

Micaela Jary: Die Villa am Meer (Rezension)

Lebenslügen und ewige Liebe

Inhalt

Eine Braut, die sich von der Kirche lautstark zankte, würde vom Pastor gewiss nicht freundlich empfangen werden. Vom Bräutigam ganz zu schweigen. Immerhin eine Möglichkeit, der Sache ein Ende zu bereiten.
[…]
Rasch drückte er ihre Hand. Aufmunterung und väterlicher Liebesbeweis zugleich, aber auch seine Art, ihr seine Zuversicht mitzuteilen.
Wenigstens einer, der überzeugt von meiner Wahl ist, sinnierte Katharina.

Katharina liebt Joachim, es ist die ganz grosse Liebe. Als dieser jedoch für zwei Jahre in den See sticht, um seine beruflichen Chancen für später besser zu machen, weiss Katharina, dass sie nicht zur Seefahrerfrau taugt, dass sie sich vor Sehnsucht verzehren wird. Ein Jahr nach Joachims Abfahrt tritt sie mit Olaf Borcherts, einem älteren, erfolgreichen Unternehmer, der sein Vermögen mit Strandkörben gemacht hat, vor den Traualtar. Er ist zwar nicht die grosse Liebe, verspricht aber ein sicheres Leben und Halt. Das muss sie sich bei aufkommenden Zweifeln selber immer wieder sagen.

Es war ein zweiter Abschied von Joachim. Diesmal noch endgültiger als der Brief, den sie ihm geschrieben und dem sie das wunderschöne Gesangbuchbeigelegt hatte. Tränen stiegen in ihr hoch.

Die Ehe erweist sich immer mehr als Gefängnis. Nicht nur trauert sie ihrer grossen Liebe Joachim nach, auch sonst stösst sie an Grenzen: Sie würde gerne selber als Geschäftsfrau etwas bewirken und nicht nur den Stoff für die Strandkörbe ihres Mannes aussuchen, doch das ist in der Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts noch nicht gerne gesehen. Dass sie bei ihren Bestrebungen ausgerechnet auf Joachim zählen kann, macht die Situation nicht einfacher.

Beurteilung
JaryVillaVilla am Meer ist eine Familiensage, ein historischer Roman und die Geschichte des Strandkorbs in einem. Zwar soll der Roman ausdrücklich nicht als Sachbuch über den Strandkorb, sondern als fiktive Geschichte verstanden werden, trotzdem wirkt das hier geschilderte sehr authentisch.

Micaela Jary erzählt in einer eingängigen, leicht lesbaren, flüssigen Sprache die Geschichte einer Frau, die auf ihre grosse Liebe verzichtet, um ein Leben in gesicherten Bahnen zu führen. Es ist die Geschichte einer Frau, die alles daran gibt, trotz dieser schwierigen Voraussetzung glücklich zu sein mit ihrem Mann, die ihren Mann unterstützt, aber auch selber Ambitionen hat und damit aneckt.

Entstanden ist ein Roman, der durch einen stimmigen Plot, plastische Figuren und einen authentischen Schauplatz – der aufstrebende wilhelminische Urlaubsort Warnemünde an der deutschen Ostseeküste – besticht. Ein wunderbares Buch für den Sommerurlaub am Strand oder zu Hause im Liegestuhl.

Fazit:
Ein stimmiger Plot mit plastischen Figuren und einer flüssigen Sprache, ein Roman, der zugleich Familiensaga wie auch historischer Roman ist und die Geschichte einer Liebe, die überdauert, auch wenn sie nicht gelebt werden kann. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin:
Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben taucht sie aber auch in einem Landhaus Nähe Rostock ab.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. März 2017)
ISBN-Nr.: 978-3442485956
Preis: EUR 9.99; CHF 14.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

John Maxwell Coetzee

Das Leben

Wann wird er endlich kein Kind mehr sein? Was wird ihn davon befreien, ihn zum Mann machen?
Befreien wird ihn, wenn es soweit ist, die Liebe. Wenn er auch nicht an Gott glaubt, an die Liebe und die Macht der Liebe glaubt er.[1]

CoetzeeJ. M. Coetzee wird am 9. Februar 1940 in Kapstadt als Kind einer Grundschullehrerin und eines Juristen, die Familie hat niederländische Wurzeln, geboren. Gesprochen wird wird in der Familie Englisch, trotzdem ist er auch des Afrikaans mächtig. Die politischen Umstände sind alles andere als einfach, die Apartheid bahnt sich an und spaltet das Land. Coetzee studiert Englisch, absolviert daneben ein Zweitstudium in Mathematik. Er fühlt sich – glaubt man seinem autobiographischen Roman Die jungen Jahre – immer zum Dichter berufen, findet aber selten die richtigen Umstände, um wirklich mit dem Schreiben zu beginnen, so wie er es gerne täte. Entweder wähnt er sich am falschen Ort oder er fühlt von der Muse – der richtigen Frau, die für ihn bestimmt ist und die in ihm die Kreativität entzünden wird – ungeküsst.

Um beides zu ändern bricht John nach London auf, wo er eine Stelle als Programmierer bei IBM annimmt. Neben der Arbeit sucht er nach Frauen und nach literarischen Vorbildern, an denen er sich festhalten und wachsen könnte – beides klappt nicht wie gewünscht und auch der Arbeitsalltag setzt ihm mehr und mehr zu.

Unter dem schattenlosen Neonlicht fühlt er sich im Innersten bedroht. Dem Gebäude, ein charakterloser Würfel aus Beton und Glas, entströmt offenbar ein Gas, geruchlos, farblos, das in sein Blut gelangt und ihn betäubt. IBM, das kann er beschwören, ist dabei, ihn umzubringen, ihn in einen Zombie zu verwandeln.[2]

Neben dem immer unbefriedigenderen Brotberuf schreibt Coetzee eine wissenschaftliche Arbeit über Ford Madox Ford und erhält damit 1963 den Master in Englisch der Universität Kapstadt. Im gleichen Jahr heiratet er auch. Es folgt 1965 das Doktoratsstudium, welches er 1969 erfolgreich abschliesst, um danach eine Lehrtätigkeit an der State University of New York at Buffola aufzunehmen. Sein politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg wird ihm zum Verhängnis: Sein Antrag auf ein unbefristetes Aufenthaltsrecht wird abgelehnt, die ganze Familie (mittlerweile sind zwei Kinder geboren) reist nach Südafrika, wo Coetzee 1970 einen Lehrauftrag für Englisch, Linguistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Uni Kapstadt übernimmt, 1984 wird er zum Professor ernannt.

Das Werk

Coetzees Romane, Erzählungen und auch seine Sachbücher zeugen von seinem politischen Engagement. Immer weist er auf die Missstände in seinem Land hin, zeigt die prekäre Lage in Bezug auf die Menschlichkeit, aber auch die Vergehen des Menschen am Tier auf.

Ebenfalls Thema ist bei Coetzee die Grenze zwischen Literatur und Fiktion. In einigen Werken tritt ein stark autobiographischer Zug zutage, trotzdem bleibt der Protagonist des Romans eine Kunstfigur, die zwar viele Lebensfakten des Autors in sich trägt oder Stationen durchläuft, dabei aber nie ein genaues Abbild desselben darstellt. Das persönliche Selbstverständnis eines Menschen, so Coetzee, ist denn auch selten eine realistische, objektive Sicht auf sich selber, es entspringt vielmehr einem Bewusstsein, das bewusst oder unbewusst manipulierbar ist. Eingehend befasst hat sich Coetzee damit in seinem Buch Eine gute Geschichte: Ein Gespräch über Wahrheit, Erfindung und Psychotherapie, welches in Zusammenarbeit mit der Psychologin Arabella Kurtz 2016 herausgekommen ist.

Aktuelle Lesung

John M. Coetzee liest am Dienstag, 4. Juli am Openair Literatur Festival in Zürich aus seinem bisher unveröffentlichten Text The Glass Abattoir (Das Glas-Schlachthaus). Es geht in dem Text im weitesten Sinne um die Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter, aber auch um das Verhältnis von Mensch und Tier, um die Missstände in Bezug auf die unwürdige Behandlung des Tieres durch den Menschen.
Link zur Veranstaltung: HIER

Ausgewählte Werke:

Romane und Erzählungen

  • 1977 In the Heart oft he Country (Im Herzen des Landes)
  • 1980 Waiting fort he Barbarians (Warten auf die Barbaren)
  • 1983 Life & Times of Michael K (Leben und Zeit des Michael K)
  • 1997 Boyhood. Secenes from Provincial Life (Der Junge. Eine afrikanische Kindheit)
  • 1999 Disgrace (Schande)
  • 2002 Youth (Die jungen Jahre)
  • 2007 Diary of a Bad Year (Tagebuch eines schlimmen Jahres)
  • 2009 Summertime (Sommer des Lebens)

Sachbücher, Essays, Briefe

  • 1988 White Writing. On the Culture of Letters in South Africa
  • 1997 What is Realism?
  • 2001 Stranger Shores. Essays 1986 – 1999
  • 2007 Inner Workings. Essays 2000 – 2005
  • 2006 Was ist ein Klassiker? Versch. literarische Essays

______
[1] zit. aus J. M. Coetzee: Die jungen Jahre, Fischer Taschenbuchverlag, 2004.
[2] ebd.

Ernst Jandl: Mein Gedicht und sein Autor (Rezension)

Was einer tut, wenn einer dichtet

Dichtung, ausgelöst durch die Zusammenstösse eines Menschen mit der Umwelt; Dichtung, die mit dem Anlass, der sie auslöst, identisch ist; Dichtung, die den Menschen in den Ring stellt

JandlGedichtAutorKaum einer, der Ernst Jandls Gedicht von Ottos Mops nicht kennt. Kaum einer, der nicht darüber lachte, sich auch fragte, was den Dichter bewegt hat, ein solches Gedicht zu schreiben. Was bewegt einen Dichter überhaupt? Was macht Dichtung aus? Kann man es allgemein sagen?

Der vorliegende sechste und letzte Band der Neuausgabe der Werke Ernst Jandls vereint Aufsätze, Reden und Vorträge des Autors, darunter auch seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

In verschiedenen Statements lernt der Leser den Autoren besser kennen, erfährt über dessen Gedanken und Beweggründe für einzelne Gedichte, sein Leben als Lehrer, sein Schreiben als Kunst sowie seine Meinung zur Dichtkunst und ihre Situation. Neben seinen eigenen Gedichten analysiert Jandl auch einige seiner Partnerin Friederike Mayröcker, zeigt sowohl bei sich wie auch bei ihr auf, was ihrer beider Dichtung bewirken soll.

…stiftet der Dichter, der uns angeht, Unruhe dort, wo die einen die Furcht lähmt und die andern ruhig schlafen.

Neben diesen Statements finden sich Reden und Vorträge, gehalten anlässlich von Preisverleihungen sowie Laudationen. Autobiographische Texte runden den Band ab, sie enthalten neben Selbstporträts auch Einsichten, wie man einen Verlag findet als Dichter.

Wer mehr über diesen innovativen und kreativen, immer an der Sprache und an deren Wirkung interessierten Dichter erfahren möchte, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. Müsste man einen Kritikpunkt anfügen, so ist das Layout eher gewöhnungsbedürftig. Das Verwenden einer serifenlosen, etwas grösseren Schrift lässt den Text sehr dicht wirken. Dass die Nachbemerkungen dann in der üblichen Serifenschrift daherkommen, lässt das Buch uneinheitlich wirken und der Grund für diese Schriftenwahl erschliesst sich nicht. Dies aber nur eine Bemerkung am Rande, die den Inhalt in keiner Weise schmälert.

Fazit:
Ein Muss für alle, die sich eingehender mit dem Dichter Ernst Jandl befassen möchten, die dem Autor von „Ottos Mops“ auf die Finger schauen und mehr über sein Denken und Arbeiten erfahren wollen.

Autor und Mitwirkende
Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren. Nach Schule, Militärdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er Germanistik und Anglistik. Von 1949 bis 1974 arbeitete er als Gymnasiallehrer. Seit 1952 schrieb und veröffentlichte er Gedichte, seit 1954 bis zu seinem Lebensende war er mit Friederike Mayröcker befreundet. Sein Werk wurde mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter 1968 dem Hörspielpreis der Kriegsblinden (gemeinsam mit Friederike Mayröcker), 1982 dem Mülheimer Dramatikerpreis, 1984 dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis. 1995 erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis und ein Jahr danach das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Klaus Siblewski, geboren 1950 in Frankfurt am Main, lebt in Holzkirchen bei München. Er ist Verlagslektor, lehrt als Professor am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim und veranstaltet seit Jahren die „Deutsche Lektorenkonferenz“. Er hat u.a. die Werke von Ernst Jandl, Peter Härtling und Peter Turrini herausgegeben. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Die diskreten Kritiker. Was Lektoren tun“ (2005) und die Bände „Wie Romane entstehen“ (2008 zusammen mit Hanns-Josef Ortheil) und „Wie Gedichte entstehen“ (2009 zusammen mit Norbert Hummelt).

Angaben zum Buch:
Broschiert: 464 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (21. März 2016)
Herausgeber: Klaus Siblewski
ISBN-Nr: 978-3630874869
Preis: EUR 16.99/ CHF 25.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht (Rezension)

Ein kleines bisschen Glück

…es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss.

harufSeelenAddie Moore und Louis Waters leben im kleinen Städtchen Holt, nur wenige Häuser voneinander, trotzdem kennen sie sich nur oberflächlich. Beide sind allein, ihre Partner sind verstorben, die Kinder längst ausgezogen. Eines Tages klingelt Addie bei Louis und stellt ihm eine ungewöhnliche Frage: Ob er nicht ab und an für die Nacht zu ihr käme, damit sie einfach im Dunkeln nebeneinander liegen, reden und dann nicht allein einschlafen könnten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Kent Haruf ist mit Unsere Seelen bei Nacht eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die auf Kitsch und Romantik vollständig verzichtet und durch ihre stille Ehrlichkeit und Tiefe besticht. Die Geschichte zweier Menschen, die sich ihr Leben erzählen und all die Werte leben, die eine gute Beziehung ausmachen, geht zu Herzen. Erzählt wird die Geschichte im Aufsatzstil, in einer einfachen und eingängigen Sprache. Der Leser fühlt sich immer mittendrin, so unmittelbar und authentisch wird das Leben dieser beiden Menschen vermittelt.

Unsere Seelen bei Nacht ist die Geschichte einer späten Liebe, es ist aber auch eine Geschichte darüber, was Beziehungen ausmacht, eine Geschichte über die Fehler, die man in Beziehungen macht, eine Geschichte über das Leben. Der Mensch ist nie allein, er wird immer von anderen Menschen beeinflusst und in seinem Handeln geprägt oder gesteuert. Auch wenn sich Addie anfänglich vornimmt, nichts darauf zu geben, was andere denken, so muss sie doch lernen, dass das nicht ganz so leicht ist – irgendwann wird sie vor die Wahl gestellt und muss sich entscheiden.

Fazit:
Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, einnehmendes Buch über die Liebe, das Leben und darüber, was Menschen prägt und sie leitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Kent Haruf
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Mountains & Plains Booksellers Award und dem Wallace Stegner Award ausgezeichnet. Unsere Seelen bei Nacht ist sein letzter Roman, den er kurz vor seinem Tod beendete.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Diogenes Taschenbuch (22. März 2017)
Übersetzung: Pociao
ISBN: 978-3257069860
Preis: EUR 20/ CHF 29.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH