Max Frisch: Fragebogen I

FrischFragebogenDas vorliegende Buch umfasst 11 Fragebogen zu Themen wie Hoffnung, Humor, Tod, Eigentum Geld und mehr. Jeder Fragebogen umfasst mehrere Fragen, die man als Leser selber durchdenken kann. Ein spannendes Buch, ein Buch, das anregt, hinterfragen lässt – sich, andere, die Welt und die Beziehungen zwischen allen.

Ich werde mir in unregelmässigen Abständen einen Fragebogen vornehmen und mich einigen Fragen daraus stellen. Die Auswahl unterliegt verschiedenen Kriterien, ein Grund ist sicher, dass der Artikel nicht ausufern soll. Wen die vollständen Fragebogen interessieren, der findet die Angaben zum Buch ganz am Schluss. Hier der erste Fragebogen:

Fragebogen I

  1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

Nein

  1. Warum? Stichworte genügen.

Ich sehe den Menschen nicht als Gewinn für diese Welt.

  1. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Nein, ich erachte Vergessen oft als Segen. Was dann wieder in die Erinnerung zurück kommt oder da geblieben ist, ist es wert, bedacht zu werden.

  1. Wie heisst der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?

Es gibt verschiedene Politiker, die ich lieber nicht mehr im Amt sehen würde, aber: Ich wünsche keinem den Tod, trotz allem, und: Ich glaube nicht, dass das viel helfen würde. Oft liegen die Probleme tiefer und es hängt nicht alles nur an einer Person, sondern auch an den Umständen, die ermöglichten, dass die Person in die Position kommen konnte.

  1. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Natürlich gibt es Menschen, die mir fehlen, deren Tod schmerzte. Nur: Was würde ein Wiedersehen bringen? Ich denke, wir sollten eher so leben, dass wir wissen, dass das Leben (das eigene und das des Anderen) endlich ist und zu Lebzeiten realisieren, was möglich ist.

  1. Hätten Sie lieber einer andern Nation (Kultur) angehört und welcher?

Natürlich habe ich dann und wann was auszusetzen an meinem Land, der Kultur hier, aber ich bin grundsätzlich dankbar, in der Schweiz geboren worden zu sein.

  1. Wie alt möchten Sie werden?

So alt, dass ich noch selber denken, essen und aufs Klo gehen kann.

  1. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.

Nein

  1. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?

Ich halte wenig von Alleingängen in Situationen, die für alle stimmen müssen am Schluss. Ich schätze das Leben in einer Demokratie und dazu gehört, dass man Entscheide diskutiert, abwägt, abstimmt. Klar kann es sein, dass so nicht immer die Entscheidungen gefällt werden, die man sich wünschen würde, doch ich erachte die Gefahr von Alleingängen als grösser als die Beschwernis, ab und an unliebsame Entscheide mittragen zu müssen.

Wo (diktatorische, despotische, idiotische) Alleingänge dominieren, führt das oft zu Chaos, Unterdrückung, Unglück, wie man in der Geschichte oft sah und heute leider in vielen Ländern noch sehen kann.

  1. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv?

Ich neige nicht zu Hass, denke aber, dass ein so starkes Gefühl ein individuelles Gefühl ist. Klar gibt es Aversionen in Ländern gegen Teile ihres Landes, einzelne Gruppierungen, oder auch gegen andere Länder. Ich würde die aber nicht als Hass bezeichnen, eher wohl als durch die Muttermilch und Kultur aufgesogene Stimmungen und Haltungen.

  1. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?

Nein

  1. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschen Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Ich hoffe und glaube, dass der Tod das Ende ist. Da spricht keiner mehr, weder ich noch andere. Irgendwann muss auch mal Ruhe sein.

  1. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht: wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?

Einerseits eine zu hohe Hemmschwelle, es bewusst zu tun, andererseits das Glück, nie durch einen Unfall in die Situation gekommen zu sein.

  1. Was fehlt Ihnen zum Glück?

Das Talent dazu.

  1. Wofür sind Sie dankbar?

Dass ich bin in einem guten und sicheren Land geboren bin, dass ich einen Weg gehen konnte, wie er mir lag, und ich die Möglichkeit habe, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir wichtig sind. Ich bin dankbar, dass ich mich mit und durch das Schreiben täglich neu entdecken und weiter entwickeln kann, dass ich Menschen erreiche mit dem, was ich tue, und ab und an anderen eine Freude bereiten kann damit.

  1. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als ein gesundes Tier? Und als welches?

Ich wäre gerne mein Hund Caruso. Wenn ich ihn so ansehe, wirkt er glücklich – und dafür bin ich dankbar.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Annabel Abbs: Die Tänzerin von Paris (Rezension)

Literatentochter, von der väterlichen Liebe erdrückt?

„Es gibt Sünden (oder lasst uns sie nennen, wie die Welt sie nennt) schlimme Erinnerungen, welche der Mensch in den dunkelsten Winkeln seines Herzens verbirgt. Doch dort verharren sie und warten.“ (James Joyce, Ulysses)

Inhalt
Lucy Joyce möchte eine grosse Tänzerin werden. Das Talent dazu hat sie, doch ihr Vater, James Joyce beobachtet den aufkommenden Erfolg seiner Tochter skeptisch. Er sähe lieber, seine Tochter würde ihm zur Seite stehen und nur für ihn tanzen. Lucy verliebt sich in Samuel Becket, doch die Liebe steht unter keinem guten Stern, ein bislang gehütetes Familiengeheimnis zerstört jegliche Hoffung auf ein eigenständiges Leben der jungen Frau, die sich immer mehr in ihrer Familie gefangen sieht.

Beurteilung
AbbsTänzerinEin Roman, angelehnt an die wahre Geschichte der Lucy Joyce, von der wenig überliefertes Material existiert. Die Geschichte springt hin und her zwischen der Lucy Joyces Psychoanalyse bei C. G. Jung im Jahr 1934 in Zürich, und dem Leben der Familie Joyce in Paris ab 1928. Geschrieben ist alles in einer einfachen Sprache mit kurzen Sätze, die fast ein wenig an einen Plauderton erinnert. Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch die fast inflationär verwendete Koseform „Babbo“, mit welcher Lucy ihren Vater anspricht oder an ihn denkt oder über ihn spricht, oder sehr markig formulierte Gedanken Lucys:

Es gibt einfach Dinge, über die man nicht reden kann. Nicht mit fetten Schweizern, die Taschenuhren tragen und pro Stunde bezahlt werden wie ganz gewöhnliche Prostituierte.

Was wohl dazu gedacht ist, dem ganzen Roman eine authentische Note zu geben, wirkt in Tat und Wahrheit eher aufgesetzt und auf die Figur gestülpt als Wertung aus dem Off, vom Autor in die Protagonistin hineingepflanzt.

Das Ganze wird sprachlich nicht besser durch das Gegenteil, nämlich bemüht gewählte und gesucht klingende Passagen:

Ich werde mit den ersten Anzeichen der Begierde und des Ehrgeizes anfangen, die sich wie gierige Ranken von Unkraut in mein junges Herz schoben.

Nach Seiten mit Beschreibungen von offenen Tänzerinnenfüssen, Schwärmereien für die blauen Augen Samuel Beckets und wenig aussagekräftigen Sitzungen bei Herrn Jung habe ich das Buch enttäuscht beiseite gelegt. Vielleicht hatte ich nach dem grossartigen Buch von Anne Girard, Madame Picasso, zu hohe Ansprüche, da die beiden Bücher in der gleichen Reihe erschienen sind, auf alle Fälle wurde ich nicht warm mit dem Roman, weder mit der Sprache, noch mit dem Aufbau, noch mit dem Fortgang der Geschichte (eigentlich eher eine Stagnation über weite Strecken).

Fazit:
Ein von der Sprache und vom Aufbau her wenig überzeugendes Buch, das in einem seichten Plauderstil dahinplätschert. Schade!

Zur Autorin und Übersetzerin
Annabel Abbs studierte Englische Literatur und leitete eine große Marketing Consulting Agency, bevor sie zu schreiben begann. Ihre Kurzgeschichten wurden hoch gelobt, und auch ihr Debütroman wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt Annabel Abbs in London und Sussex.
Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (14. Juli 2017)
Übersetzung: Ulrike Seeberger
ISBN: 978-3746633169
Preis: EUR 12.99 / CHF 17.90

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Lebensfragen

wieviel gefühls
kälte
erträgt ein mensch?

mit wieviel ignoranz
nicht gesehen werden
kommt er klar?

wie wenig licht
benötigt er
zum leben

und sag

wie viel liebe
um nicht
unterzugehen?

sag

stirbt er ab oder aus?
Nur innen oder ganz?

wie viel gefühl kann er
über
leben

niegelebtnichtmalversprochennurvermisst

sag:
weiss
man
das?

Freitagsfüller – Klappe, die Dritte

Die Woche ist förmlich gerast, wo sind all die Tage hin? Heute steht mein dritter Freitagsfüller an:

  1.  Oh Mist,   die Kaffeemaschine motzt schon wieder, der Tresterbehälter sei voll. Da er das vor kurzem schon tat, ist das wohl das deutliche Zeichen dafür, dass ich doch ziemlich viel Kaffee trinke. Ich habe unlängst mal gehört, man könne Kaffeesatz als Dünger benützen. Das habe ich dann einmal auch probiert, lief also mit dem vollen Behälter in den Garten und packte den Trester um meine neu gepflanzten Bäumchen. Ob die nur deswegen zu kommen scheinen (ich muss ja gestehen, dass ich absolut keinen grünen Daumen habe), weiss ich nicht. Ich habe es nach diesem einen Mal auch nicht nochmals probiert, auch der Kaffeesatz gerade eben landete im Eimer, schliesslich wollte ich meinen Kaffee haben und hier weiter schreiben – was ich offensichtlich getan habe, drum steht das alles hier. Und: Der Kaffee riecht so lecker vor mir.
  2. Wenn ich mal wieder mit mir innerlich hart ins Gericht gehe, dann sage ich mir: Kein Mensch ist ohne Fehler und jeder darf seine Schwächen haben. Klar kann man an einigen Dingen arbeiten, aber schlussendlich sind wir, wie wir sind – und das ist auch gut so. Was ich höchstens aufhören könnte, ist ständig mit mir zu schimpfen, denn dieser permanente innere Kritiker, welcher einem sagen will, was man mal wieder nicht gut gemacht hat, wo man sich hätte besser verhalten können oder was man alles noch hätte tun sollen, der bringt keinem was.
  3. Wollte ich nicht diese Woche so viel erledigen und tun, die Zeit nutzen und reisen und und und? Was habe ich schlussendlich getan? Ich habe es schlicht genossen, keine Termine zu haben, einfach meinen Rhythmus zu leben, die Dinge zu machen, wie sie mir zufallen. War sehr, sehr schön!
  4. Ich bin nicht gerne unterwegs. Ich nehme mir immer wieder vor, mehr zu reisen, um neue Eindrücke zu gewinnen, auch mal weg zu kommen – bleibe dann aber doch zu Hause. Erstens bin ich schlicht gerne hier, zweitens finde ich Reisen immer eher beschwerlich. Die ganze Warterei auf Bahnhöfen, das Geschleppe des Gepäcks, das Organisieren im Vorfeld, die Zeit im Zug, die ich doch selten nutzen kann, weil mich Zugfahren müde macht, aber nicht müde genug, um zu schlafen. Und so sitze ich dann halt selbst dann, wenn ich die Gelegenheit hätte (wie diese Woche) hier und geniesse meine Freiheiten. Ab und an melden sich innere Kritiker (siehe Punkt 2) und erzählen mir was (siehe Punkt 3).
  5. Die Modesünde des Sommers sind diese ultrakurzen Röcke und Hosen, die aussehen, als ob man vergessen hätte, einen Rock oder eine Hose anzuziehen.
  6. Ich hatte dieses Jahr noch erstaunlich wenige Mückenstiche, obwohl ich mal irgendwo gelesen hatte, es gäbe dieses Jahr viele Mücken. Ich beklage mich nicht 😉 Es gibt ja nichts Schlimmeres als in der Nacht plötzlich dieses SSSSSSSSSSSS zu hören. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Da sieht man mal, wie viel Macht auch kleine Wesen haben können. Da will noch einer sagen, der einzelne Mensch sei zu klein, etwas zu bewirken.
  7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf den leckeren Chardonnay zum Wochenstart, den ich soeben in den Kühlschrank gepackt habe, etwas Leckeres zu essen und einfach einen ruhigen Abend ins Wochenende hinein , morgen habe ich geplant, was ich immer am Samstag mache (ich bin ja so ein langweiliges Gewohnheitstierchen): waschen, einkaufen, lesen, hoffentlich den Garten geniessen, schreiben und Sonntag möchte ich einen guten Film schauen, mit dem Hund spazieren gehen, noch mehr lesen, das Kind wieder zu Hause begrüssen nach 10 Tagen Ferien und dann das Wochenende gemütlich ausklingen lassen!

Danke für die Inspiration an Barbara, die diese tolle Aktion gestartet hat. Ihr Ursprungspost: HIER

ausgesaugt

sie rief mich an
sie brauchte was
wieso auch sonst
sonst tat sie’s nie

sie rief mich an
kam gleich zum punkt
ich sollt’ was tun
das musst ich stets

sie rief mich an
und als sie hatte
was gebraucht
da war sie weg

was hätte sie
auch sagen sollen
es ging ja nur
um diese chose

nun sitz ich hier
wie schon zuvor
nur um eine grosse

leere reicher

©Sandra Matteotti

Patricia Duncker: Die Germanistin (Rezension)

Die Liebe zum Werk und zu dessen Autor

Ich schrieb eine Arbeit über moderne französische Geschichte. Das muss ich erzählen, weil es erklärt, warum ich so tief in die Sache hineingeraten bin. Sie war bereits der zentrale Gegenstand meines Interesses oder, wenn man so will, meine intellektuelle Leidenschaft. Was es nicht erklärt, ist, warum ich so persönlich in die Sache verwickelt wurde.

Inhalt
Als Doktorand schreibt der Ich-Erzähler über den (fiktiven) Autor Paul Michel. Eines Tages lernt er eine Frau kennen, verliebt sich in sie: Die Germanistin. Sie ermutigt ihn, sich auf die Reise nach Frankreich zu machen, wo Paul Michel in einer Psychiatrie festgehalten würde. Der Ich-Erzähler macht sich auf die Reise, trifft auf seinen Autor und taucht mit ihm in ein Leben ein, das er so wohl nie für möglich gehalten hätte.

Beurteilung
DunckerGermanistinPatricia Duncker gelingt es im vorliegenden Roman, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln und mitzureissen. Immer tiefer taucht man selber in die Welt des Ich-Erzählers, später in die von Paul Michel und vor allem: in die Geschichte der beiden ein.

Die Germanistin ist die in der Retrospektive erzählte Geschichte einer Liebe, einer Leidenschaft, es ist aber auch eine Geschichte über das Schreiben, über die (mögliche oder unmögliche) Trennung von Werk und Autor. Es ist eine Geschichte über Wahnsinn und Leidenschaft, über einen Schriftsteller und dessen Leser.

Rückblickend sehe ich, dass die Sache von mir Besitz ergriffen hatte, dass ich von einer Leidenschaft besessen war, einer Suche, die nicht von mir ausgegangen war, aber zu meiner eigenen geworden war.

Diese Worte kommen vom Ich-Erzähler, aber sie könnten auch vom Leser kommen. Wenn man als Leser die letzten Zeilen des Buches gelesen hat, bleibt eine Trauer zurück. Eine Welt hat geendet, aus der man eigentlich nicht austreten wollte, so tief fühlte man sich darin verwurzelt, so sehr hat die Leidenschaft, das Leben auf einen gewirkt.

Die Wahl des Ich-Erzählers ist brillant gewählt, sie ermöglicht den Blick auf die eigentlich relevanten Figuren, der Erzähler führt einen nur auf sie zu. Er ist denn auch die am wenigsten plastische Figur, man erfährt fast nichts über sein Aussehen, seine Person, erlebt ihn nur durch seine Gedanken; man denkt und handelt quasi mit ihm mit. Auch ist es die einzig mögliche Perspektive, gewisse Geheimnisse bis zum Schluss zu bewahren, wenn auch schon früh gewisse Ahnungen sich melden, die aber zu diffus sind, um sie wirklich festzunageln. So gelingt es Duncker, bis zum Schluss einen Spannungsbogen aufzubauen, der zusätzlich zum stimmigen Plot und zur flüssig erzählten und einnehmenden Geschichte dazu beiträgt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Fazit:
Ein mitreissendes Buch, das einen als Leser in eine Welt hineinzieht, aus der man nie mehr austreten möchte. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin
Patricia Duncker
Patricia Duncker (*1951 in Kingston, Jamaika) ist eine britische Schriftstellerin und Hochschullehrerin.
Sie siedelte mit 13 nach Großbritannien über, wo sie Englisch am Newnham College der University of Cambridge sowie englische und deutsche Romantik am St Hugh’s College der University of Oxford studierte. Sie lebt abwechselnd in Aberystwyth und Südfrankreich und unterrichtete Literaturwissenschaft an der Aberystwyth University in Wales wie auch Creative Writing an der University of East Anglia. Seit Januar 2007 lehrt sie an der University of Manchester.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. September 2007)
Übersetzung: Karen Nölle-Fischer
ISBN: 978-3423135023
Preis: nur noch antiquarisch zu kaufen, z. B. bei AMAZON.DE

Wer hat die meisten Stühle – Genderfrage als Reise nach Jerusalem?

Maria Furtwängler hat eine Studie durchgeführt, die als Fazit hatte, dass im deutschen Fernsehen Frauen deutlich untervertreten sind. Auf zwei Männer kommt eine Frau. Wenn man in den sozialen Medien als Frau auf diese Studie und vor allem auf ein Interview, das der Moderator Claus Kleber im Rahmen der Nachrichtensendung Heute mit Maria Furtwängler machte, hinweist, dazu noch befindet, dass Herr Kleber die Interviewte mit ihrem Thema eher ins Lächerliche zieht, sind kritische Stimmen gleich da. Hier das Interview:

ZDF: Heute Journal

Ich befürworte den Diskurs und finde es gut, dass sich Menschen überhaupt einer Diskussion stellen. Was ich nicht verstehe ist, wie man allen Ernstes behaupten kann, dass Kleber die Studie Furtwänglers nicht ins Lächerliche zog. Dass er mehrmals die gleiche Frage mit anderen Worten stellte, welche schon beim ersten Mal verneint wurde und welche per se rational nicht positiv beantwortet werden könnte, kann nur zwei Dinge bedeuten:

  • Er findet die Interviewte und ihr Projekt lächerlich
  • Er denkt, das Publikum ist so doof, dass es nicht schon beim ersten Mal begriffen hat.

Ein Argument, das ich oft lesen musste nach all dem war das Quoten-Argument. Man wolle lieber Qualifikation als Kriterium als Geschlecht. Aber genau darum geht es doch. Ich bin auch nicht für Quoten. Wenn man aber mal die Ausbildungsstatistiken anschaut, schliessen immer mehr Frauen Studien ab und das auch noch besser als Männer. In verschiedenen Fächern. Verblöden die nach dem Abschluss? Ich meine, irgendwo muss das Wissen und die Kompetenz ja hin, die verdampft nicht einfach so. Klar kann man nun das Kinder-Argument bringen. Aber he: Männer kriegen die Kinder auch. Irgendwie. Klar geht es ohne mittlerweile – ich denke aber nicht, dass wir die Diskussion nun dahin ausdehnen müssen.

Ich war immer gegen Quoten, da ich es unsinnig finde, Positionen aufgrund des Geschlechts zu besetzen. Wenn man aber erlebt, dass ein Geschlecht wirklich benachteiligt wird bei gewissen Berufen (und das meine ich in beide Richtungen), dann finde ich das schlicht nicht angebracht und das stösst mir sauer auf. Und wenn dann einer dahin geht und ein solches Ansinnen ins Lächerliche zieht, indem er mehrmals dieselbe Frage stellt (die in dieser Form ganz klar zeigte, dass er es dahin zieht, weil das, was er erfragte, unmöglich ist und sie hat es auch mehrfach verneint), dann finde ich das auch nicht angebracht.

Ich habe nie darauf geachtet, ob ein Mann oder eine Frau etwas gemacht hat, mir ging es immer drum, dass es gut ist, mir gefällt. Ich schaue auch bei Literatur kaum auf das Geschlecht des Autors, ich lese wohl mehrheitlich Männer, dies auch aus dem Grund, dass ich viele Klassiker lese und da schlicht mehr Männer sind. Auch in dem Bereich gab es kürzlich einen Aufschrei: Frauen würden zu wenig berücksichtigt im Literaturzirkus. Ich weiss es nicht. Ich nehme da eigentlich mehrheitlich Frauen wahr, die gelobt werden – die Statistik scheint aber ein anderes Bild zu zeichnen. Wie gesagt, Quoten interessieren mich nicht, ABER:
Ich habe Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts selber erlebt und mehrfach beobachtet. Und da finde ich, da sollte man hinschauen und ernst genommen werden dürfen – nein müssen. Ganz vieles, was aber unter dem Namen „Gender“ läuft, geht mir mehr als auf den Senkel und ich denke, mit vielen Aktionen schadet man einem Bestreben der Gleichberechtigung mehr als dass man nützt, da man dann die gerechtfertigten Ansprüche durch die Lächerlichkeit anderer miteinfärbt. Ich bin mir natürlich des Umstands bewusst, dass die Grenze, was angebracht und was überzogen ist, oft subjektiv gezogen wird.

Artikel zum Thema:

Erich Kästner: Fabian (Rezension)

Die Geschichte eines Moralisten

Der Moralist, der nicht im trüben Wasser schwimmen konnte

Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karrikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äusserste, was er vermag. […]

Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten. Ihn füllt er, so gut er kann, aus. Sein Wahlspruch hiess immer und heisst auch jetzt: Dennoch!

Inhalt
Fabian, ein am Leben pessimistischer Moralist hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, lernt das Leben und die Menschen mit all ihren Facetten kennen und sieht das eigene Land langsam untergehen. An ein eigenes Glück oder Liebe gar glaubt er nicht, bis er eines Tages Cornelia kennenlernt und mit ihr die glücklichste Zeit seines Lebens erlebt. Hatte er bislang doch alles zu schwarz gesehen?

Zusammenfassung
KästnerFabianFabian, Dr. der Germanistik und zweiunddreissig Jahre alt, hält sich finanziell mehr schlecht als recht in abwechselnden Jobs über Wasser. In seiner Freizeit treibt er sich in zweifelhaften Etablissements herum, trinkt mit befreundeten Journalisten eines über den Durst, hat Liebschaften und diskutiert mit seinem Freund Labude über die pessimistischen Aussichten für Deutschland und Europa.
Fabian glaubt nicht an das Glück, er glaubt nicht an die Liebe, bis er Cornelia trifft und sich verliebt. Nach ein paar Tagen glücklichen Daseins verliert er seine Stelle. Einerseits für die eigene Karriere, andererseits, um ihm zu helfen, lässt sich Cornelia mit einem Filmmagnaten ein – einmal mehr ist Fabians Unglück besiegelt.

Nachdem sich auch noch sein bester Freund Labude umgebracht hat – aufgrund eines als Witz getarnten Missverständnisses – sieht Fabian seine Zeit in Berlin beendet. Er geht nach Hause ins Dorf seiner Eltern, lebt eine Weile in bleierner Langeweile, lehnt eine ihm angebotene Stelle bei einem rechten Blatt ab und plant eine Auszeit in den Bergen. So weit soll es nicht mehr kommen:

Plötzlich sah er, dass ein kleiner Junge auf dem steinernen Brückengeländer balancierte. Fabian beschlenigte seine Schritte, Er rannte. Da schwankte der Junge, stiess einen gellenden Schrei aus, sank in die Knie, warf die Arme in die Luft und stürzte vom Geländer hintuner in den Fluss.
[…]
Fabian […]zog die Jacke aus und sprang, das Kind zu retten, hinterher. […] Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.

Beurteilung
Fabian. Die Geschichte eines Moralisten ist eine brillante Satire auf die deutsche, speziell die Berliner Gesellschaft der späten Zwanzigerjahre, die Zeit der Wirtschaftskrise. Fabian ist ein scharfer Beobachter des Lebens um ihn herum. Er bewegt sich in den verschiedenen Milieus, oft am Rande der Gesellschaft, und sieht da hinter die Masken der herrschenden Doppelmoral.

Kästner wollte warnen, als er dieses Buch schrieb. Er wollte vor dem Abgrund warnen, auf welchen er Deutschland und Europa zuschreiten sah. Es ist – wie seine in der gleichen Zeit entstandenen Gedichte – der sogenannten „neuen Sachlichkeit“ zuzuschreiben, die Figuren und die einzelnen Szenen sind nicht Abbilder, sie sind Zerrbilder. Sowohl die Laster wie auch die Tugenden werden durch Erhöhungen überzeichnet und so in einer Komik dargestellt, die einerseits zum Schmunzeln anregt, andererseits aber auch genauer hinschauen lässt.

Das schnelle Tempo, die rasch wechselnden Szenen, die einfachen Sätze und der überall vorherrschende Sprachwitz geben dem Roman eine Dynamik, die Schnoddrigkeit, Ironie und Schlagfertigkeit in den einzelnen Dialogen ziehen den Leser in die Geschichte hinein, lassen diese lebendig wirken.

Fazit:
Ein wunderbar tiefgründiges, satirisches, witziges Buch, das durch Lebendigkeit der Sprache, Witz und Ironie besticht. Eine brillante Mischung aus ernstem Anliegen und humorvoller Umsetzung. Eine absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Erich Kästner
Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher und Bilder unliebsamer Künstler verbrannten, waren auch Werke von Erich Kästner darunter. Seine zeitkritischen und satirischen Texte hatten ihn in Ungnade fallen lassen. Der am 23. Februar 1899 in Dresden geborene Journalist und Schriftsteller lebte und arbeitete weiter in Berlin und publizierte im Ausland. Die Gedichtbände „Herz auf Taille“ und „Lärm im Spiegel“ erschienen 1928 und 1929, ebenso sein bekanntestes Kinderbuch „Emil und die Detektive“. Nach dem Krieg lebte Kästner in München und rechnete als Mitglied der „Schaubude“ sowie in seinen Hörspielen und Liedern mit den Nazis ab. Er starb am 29. Juli 1974 in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Atrium Zürich (5. Mai 2017)
ISBN: 978-3038820086
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Schattenkrieger

Gestern Nacht kämpfte ich gegen den Schlaf für einen Film gegen Apartheid. Heute schrieb ich gegen Hitler. Dann schrieb ich gegen die katholische Kirche und die Verdeckungspolitik bei Missbrauchsfällen, eingestehend, dass ich grundsätzlich ein Befürworter der Kirchen war, aber solche Misstände nicht mehr decken möchte. Dann schrieb ich zu einem unserer Bundesräte, welcher Steuerflüchtlinge an den Pranger stellte, selber aber die Lücken im Gesetz nutzte. Ja, ich habe ihn gedeckt, denn: Er hat nach geltendem Gesetz gehandelt, wenn auch für das Land nachteilig. Wer würde anders handeln? Würde wirklich jemand da draussen dahingehen und sagen: Ok, ich müsste diese Steuern nicht zahlen, aber ich hau die einfach oben drauf. Weil es so schön wäre für andere?!?

So gehen wir alle durch die Welt und jeder zeigt auf den anderen und findet, er selber wäre grad noch so ok, aber der – DER!!!!! – wäre daneben.

Wann denken wir wirklich an die anderen, wann an uns? Ist es nicht einfacher, an die anderen zu denken, wenn man selber nicht den Preis zahlt? Es ist verdammt einfach, vom bequemen Sofa aus zu politisieren. Da kann man sie alle anklagen, alle handeln daneben. Man selber wüsste es besser. Nur ist man nicht dort. Drum steht man auch nie in der Schusslinie. Man schiesst nur selber mal raus. Ohne Konsequenzen.

Heute hat man es noch einfacher. Früher musste man auf den Marktplatz oder an den Stammtisch. Man musste dem Gegner in die Augen schauen. Heute schriebt man. Hinter dem Bildschirm. Die anderen sehen einen nicht. Man ist viel ungehemmter. Man kann sagen, was gut ist. Man muss es selber nicht leben.

Tagtraum

In der Buddelkiste der Gefühle
herrscht ein eifriges Gewühle,
nach den guten, nach den schönen,
die die Seele so verwöhnen.

Man möchte einfach schwadronieren
und im Sonnenschein flanieren,
möchte flott das Tanzbein schwingen
und aus vollem Herzen singen.

Schön ist es, auf der Welt zu sein,
jubeln alle, gross und klein –

ach, könnt’ es so doch immer sein!

_______

Für die abc.etüden, Woche 29.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche Ulli aus dem Café Weltenall und lauten: Buddelkiste, schwadronieren, Tanzbein.

Der Ursprungspost: HIER

 

Montagsfrage: Buch oder Film?

Ich bin im Netz wieder mal auf eine Aktion gestossen, die mir gefiel: Die Montagsfrage beim Buchfresserchen

Die Frage für diesen Montag lautet:

Wenn du weder Buchverfilmung noch Buch kennst, was würdest du zuerst anschauen/lesen?

Grundsätzlich würde ich, wenn ich ein Buch wirklich lesen will, den Film wohl nicht anschauen, um mir nicht die Spannung des ersten Lesens zu nehmen. Es gibt viele Bücher, die ich mehrmals gelesen habe und das immer wieder mit neuer Freude, aber: Das Nichtwissen um die Wendungen, die eine Geschichte nimmt, um das Ende, das sie ansteuert, das hat man nur beim ersten Mal und das ist eine ganz spezielle Spannung im Leseprozess. Das Vergnügen wäre durch die Vorwegnahme des Films natürlich getrübt.

Verfilmungen von Büchern sind oft schwierig und auch oft enttäuschend. Es gibt aber Verfilmungen, die trotz Kennen des Buches wunderbar waren. Als Beispiele fallen mir nun spontan „Die unendliche Geschichte“, „The Great Gatsby“ und „Jakob der Lügner“ ein.

Dann gibt es aber Bücher, die ich unbedingt lesen möchte, aber schlicht nicht dazu komme – aus verschiedenen Gründen. Dann würde ich den Film schauen – quasi als Ersatz, um wenigstens die Geschichte zu kennen. Ob ich danach das Buch je noch lesen würde? Schwer zu sagen, kam noch nie vor. Natürlich ist mir bewusst, dass der Film nie eins zu eins das Buch wiedergibt, aber meist doch in etwa die Grundzüge.

Als Fazit kann man also wohl sagen: Wenn ich das Buch wirklich lesen will, dann lese ich es vor dem Film, wenn es geht. Da es schlicht viel mehr Bücher gibt, die ich lesen möchte, als ich Zeit habe, das wirklich zu tun, wird es für ein Buch, von dem ich den Film gesehen habe, eher schwer.

Wie sieht das bei euch aus?

Wir dürfen nicht vergessen

Ich hatte schon immer die Tendenz, mich zu Menschen hingezogen zu fühlen, die von der Gesellschaft und der herrschenden Politik an den Rand gedrängt, diskriminiert, fallen gelassen wurden. Ob es dieser Zug war, der mich schlussendlich dahin führte, wo ich heute bin? Ich weiss es nicht.

Als ich mein Studium begann, war das noch sehr unbedarft. Ich las gerne, las viel. Germanistik und Philosophie lagen nahe. Geschichte brauchte ich noch als zweites Nebenfach. Dass ich mich in allen Fächer immer mehr auf die Facetten eines Themas einschoss – war es Zufall? Ich kann es nicht sagen. Schlussendlich waren Themen wie Nationalismus, Gerechtigkeit, Antisemitismus überall präsent. Alle Fächer wurden auf diese Themen hin zugespitzt, in der Promotion wurde es nochmals deutlich gezeigt. Ich habe in den fünf Jahren, die diese Promotion mit all den Anträgen, Verfahren, Recherchen, Finanzierungsnebenprojekten insgesamt dauerte, jede Minute damit verbracht, mich in die Zeit der Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg einzulesen, einzufühlen, darin einzutauchen.

Ich bin oft gefragt worden, was mich treibt. Ich habe keine jüdischen Wurzeln. Ich habe nie auch nur etwas diskriminierendes erlebt – ausser dass mich mein Mittelstufelehrer auslachte, weil ich absolut unsportlich war. Er stellte mich förmlich an den Pranger und ich litt. Es hat mich bis heute nie losgelassen und ich weiss aber trotzdem, dass es nichts ist gegen die Leiden der Menschen damals. Das ist unverständlich für jeden, der es nicht durchmachte. Und die, die es durchmachten, können heute kaum mehr darüber berichten.

Was treibt mich immer wieder? Gerade heute schaute ich einen Film. Es ging um eine Jüdin, die in den Kriegsjahren geflüchtet war und alles zurück liess: Ihre Familie, ihre Heimat, ihr Leben. Sie war die Nichte des wohl bekanntesten Models damals: Klimts goldener Frau. Das Bild ging in Nazihände über und endete in einem österreichischen Museum. Es war ein langer Kampf zum Recht, sie hat ihn gewonnen. Und ich habe geweint. Und der Film hat mich einmal mehr darin bestätigt: Es darf nicht vorbei sein. Es darf nie vergessen werden.

Es gibt noch so viel Unrecht, das aufzudecken wäre. So viele Bilder hängen noch irgendwo, die jemandem gehören. Sie werden nicht zurückgegeben, obwohl sie unrechtmässig in den Besitz des heutigen Besitzers kamen. Und ja, die ehrliche Rückgabe würde die heutige Museenlandschaft wohl ziemlich über den Haufen werfen. Worauf müssen wir Rücksicht nehmen?

Man wird nie an einen guten Punkt kommen, wenn man für den eigenen Profit über Leichen geht. Man gewinnt vielleicht den einen so geführten Kampf, aber man verliert fürs Leben. Die im Film porträtierte Frau hatte dem österreichischen Museum immer wieder angeboten, das Bild da zu belassen, wenn man nur einfach mal anerkenne, dass ein Unrecht geschehen sei. Es fehlte die Bereitschaft. Am Schluss war alles verloren. Sie hat gewonnen. Und alles gespendet. Für gute Zwecke. Es ist nicht Geld, das zählt. Man kann mit Geld unglaublich viel Gutes tun. Wenn man es richtig tut.

Ich hoffe, dass es immer wieder Zeichen gibt, die das bestätigen. Und ich hoffe, dass wir nie vergessen, was war. Und dass es sich nie wiederholt. Ich bin kein Jude. Ich habe keinerlei Beziehungen zu dem Glauben. Aber: Es kann nicht sein, dass Menschen, die Juden sind – ob auf dem Papier oder wirklich so lebend – aufgrund dieses Umstandes in irgend einer Form ausgegrenzt und angegangen werden können.

Und: Man kann nun für „Juden“ jedes x-beliebige Wort einsetzen. Da gilt das genauso. Das ist meine Haltung, so funktioniere ich und dafür stehe ich ein. Immer. Ich hörte oft: Mach das nicht, ist grad gefährlich. Du kannst dann nicht mehr dahin und dorthin reisen. Ja, in die Türkei kann ich schon lange nicht mehr reisen. Ich habe mich in meiner Dissertation explizit gegen die Politik da ausgesprochen. Es kann nicht angehen, dass ein Land nicht zu seinen Vergehen steht. Wobei das aktuell nicht wirklich erstaunt, da der aktuelle Anführer in etwa in dieselbe Richtung marschiert. (hätte ich türkische Verwandte, hätte ich mich das wohl nicht zu schreiben gewagt….).

Aber: Nun kommt das grosse Aber: Protest kann (politisch in einem Land) nur von innen kommen. Wir können nicht von aussen hingehen und sagen: Wir sehen das so, das ist so richtig, drum müsst ihr auch. Wir können damit unten anfangen und Menschen erreichen, die das dann finden und weitergeben, weiterleben. Das führt dann zu was. Und könnte was werden. Was was werden soll, muss von innen wachsen, das stülpt man nicht einfach so drüber. Auch das sieht man bei WW2 – in Israel. Und vielleicht finden mehr Menschen, es wäre besser, wie es ist – wer möchte richten? Die von aussen überstülpen? Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Man kann nur für die eigene einstehen. Sollte aber fremde gelten lassen können. Ich glaube, dann wäre eine Basis für Frieden geschaffen.