Hermann Hesse: Glück

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man glücklich ist oder das Glück sucht

Thomas Mann (6. Juni 1875 – 1955)

„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“
(Der Zauberberg)

Heute würde Thomas Mann 143 Jahre alt – für mich ein ganz Grosser.

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie in Theorie und Praxis

IMG_2401.JPGPaul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Seine Familie gehört zur besseren Gesellschaft, der Vater ist Inhaber einer Getreidehandlung, hat später verschiedene Ämter inne, seine Mutter stammt aus einer wohlhabenden deutsch-brasilianischen Kaufmannsfamilie. Neben Thomas hat die Familie noch folgende Kinder: Heinrich (1871), Julia (1877), Carla (1881) und Viktor (1890).

Man kann seine Kindheit wohl eine – der Zeit ensprechend – unbeschwerte nennen, schwieriger wird es in der Schule, wo er eher mässig begabt oder interessiert ist, so dass er verschiedene Klassen mehrfach absolviert und schliesslich 1894 ohne Abitur abgeht. Er ist mit dieser Schulkarriere nicht allein, schon Heinrich ist vor dem Abitur ausgetreten und arbeitet beim Schulaustritt seines Bruders bereits als Volontär beim S. Fischer Verlag in Berlin. Bis zum Schulaustritt lebt Thomas bei verschiedenen Lehrerin in Pension, ist doch seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes, Thomas Manns Vater, und…

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Normkonform

Wenn Dinge nicht so laufen, wie man es gerne hätte, sucht man einen Schuldigen. Den findet man oft schnell – man nimmt den, der sich am besten anbietet. Heute ist das wohl: Die Schule. Missstände, wo man hinschaut. Lehrer, die nichts taugen, Lehrpläne, die dem nicht nachstehen. Man könnte es nicht besser, aber he: Man muss ja auch nicht.

Schule ist landläufig das, wo alles falsch läuft. Dass es so nicht sein kann, liegt auf der Hand, aber doch: Es ist nicht alles nur toll. Kinder werden im Gleichtakt geformt, der Gleichtakt ist genormt, es gibt Listen, aus denen man ablesen kann, wann ein Kind was können muss – kann es das nicht, ist es ausser der Norm, damit eine Gefahr für diese und zu therapieren. Therapie ist generell das Zauberwort. Heute kann man alles therapieren. Egal ob man zu dick, zu dünn, zu klein, zu gross, sexuell aktiv oder nicht ist. Egal, ob man trinkt, nicht trinkt, zu viel trinkt, das falsche trinkt, extrovertiert, nicht extrovertiert genug ist – es gibt eine Therapie.

Geht man dann hin, kann man zusammen mit anderen ebenso vom Weg Abgekommenen  Bäume streicheln, das Miteinander fühlen und malend das eigene Ich wiederfinden. Man nimmt sich an den Händen, tanzt im Kreis, lächelt dabei selig. Es erschliesst sich nicht ganz wozu, aber das muss wohl dieses „Normal“ sein, denn die Anleitende tut es auch. Bloss nicht aus der Reihe tanzen, denn all das hat nur ein Ziel: Zur Norm zurückzukommen.

Wer nicht spurt, der ist ausser der Spur, dem muss man auf diese zurück verhelfen. Man kann sogar aus der Therapie ganz aus der Spur fallen, wenn man sich nicht willig genug zeigt. Wie heisst es so schön: Und bist du nicht willig – oh nein… Gewalt geht gar nicht. Lieber Gruppenkuscheln auf Kommando und ohne Ausweichmöglichkeiten als den leichten Klaps auf den Hinterkopf, der das Denkvermögen anstossen könnte. Denn: Selber denken geht nicht, es könnte die Norm sprengen. Kuscheln geht immer – nur nicht zu viel, es könnte sonst auch wieder Normen verletzen.

Im Zeitalter der politischen Korrektheit und der ach so sensibilisierten Gemüter muss man gleich hinterher sagen, dass man natürlich Klapse für überholt und Gewalt für nicht angebracht hält. Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach jeden zum Denken prügeln würde. Wenn jeder jeden dazu anhalten würde – so ganz ohne gesellschaftliches Dafürhalten und obrigkeitlichen Antrieb -, das eigene Hirn zu gebrauchen.

Chaos. Es bräche aus. Keiner wüsste, was der andere tut und die, welche es gerne wissen – und vor allem bestimmen – wollten, sähen ihre Pfründe dahinschwimmen. Drum presst man gerne Kinder in Schemen, so wie diese früher farbige Holzklötzchen durch entsprechende Löcher klopften mit einem kleinen Hämmerchen. Man muss nicht stark hauen, Gewalt verabscheuen wir ja, es muss nur passen. Und was nicht passt, wird passend gemacht.

Ich erinnere mich an dieses Puzzle. Blauer See unter blauem Himmel. Wunderschön anzusehen. Beim zusammensetzen erwiesen sich die Blautöne als sehr schwer auseinander zu halten, das Ganze überforderte bald meine Geduld. Ich ertappte mich beim Gedanken, es passend zu machen durch leichten (und immer etwas schwereren Hieb mit der rechten Handkante). Am Schluss sässe alles – ok, es hätte Luft. Aber es wäre blau. Und ich war froh, nicht mehr Kind zu sein, erinnerte ich mich doch gut an Mütter, die prahlten, dass ihre Kinder schon als Embryos im Bauch Puzzles von unvorstellbarer Grösse mit der Rückseite nach oben zusammengesetzt hätten.

Als heutiges Kind sässe ich wohl beim Therapeuten, nun schreibe ich hier meine Texte.

Ingeborg Bachmann: Mein Vogel

Ingeborg Bachmann (1926 – 1973)

Mein Vogel

Was auch geschieht:
die verheerte Welt sinkt in die Dämmerung zurück,
einen Schlaftrunk halten ihr die Wälder bereit,
und vom Turm, den der Wächter verliess,
blicken ruhig und stet die Augen der Eule herab.

Was auch geschieht:
du weißt deine Zeit, mein Vogel,
nimmst deinen Schleier und fliegst durch den Nebel zu mir.

Wir äugen im Dunstkreis, den das Gelichter bewohnt.
Du folgst meinem Wink, stösst hinaus
und wirbelst Gefieder und Fell –

Mein eisgrauer Schultergenoss, meine Waffe,
mit jener Feder besteckt, meiner einzigen Waffe!
Mein einziger Schmuck: Schleier und Feder von dir.

Wenn auch im Nadeltanz unterm Baum die Haut mir brennt
und der hüfthohe Strauch mich mit würzigen Blättern versucht,
wenn meine Locke züngelt, sich wiegt und nach Feuchte verzehrt,
stürzt mir der Sterne Schutt
doch genau auf das Haar.

Wenn ich vom Rauch behelmt
wieder weiß, was geschieht,
mein Vogel, mein Beistand des Nachts,
wenn ich befeuert bin in der Nacht,
knistert’s im dunklen Bestand, und ich schlage den Funken aus mir.

Wenn ich befeuert bleib wie ich bin
und vom Feuer geliebt,
bis das Harz aus den Stämmen tritt,

auf die Wunden träufelt und warm
die Erde verspinnt,
(und wenn du mein Herz auch ausraubst des Nachts,
mein Vogel auf Glauben und mein Vogel auf Treu!)
rückt jene Warte ins Licht,
die du, besänftigt,
in herrlicher Ruhe erfliegst –
was auch geschieht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn das Leben schwierig ist oder man Mut braucht

Vor- und Nachteile einer klaren Begriffswahl

Sie legte den Kopf schräge: „Weißt du, was mich brennend interessiert?“

Er: „Hm….“

Sie: „War das nun ein Ja oder ein Nein?“

Er: „Was?“

Sie: „Ich fragte dich, ob du wüsstest, was mich brennend interessiere, heisst „Hm“ ja oder nein?“

Er: „Wieso interessiert dich das?“

Sie: „Na, weil ich sonst ja nicht weiss, ob du es nun weißt oder nicht..:“

Er: „Ich wüsste vor allem mal gerne, was in Köpfen, die sich für solchen Mist interessieren, vorgeht…“

Im Märchen hiesse es nun, dass sie, wenn sie nicht gestorben sind, glücklich weiterleben würden, es ist aber davon auszugehen, dass einer der beiden das nicht überlebt hat.

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Für die abc.etüden, Woche 23.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 23.18 kommt von Gerda Kazakou (gerdakazakou.com)

Sie lautet: Schräge, brennend, köpfen

 Der Ursprungspost: HIER

 

Das elektronische Zeitalter

Frau M. aus Z. kaufte einen Drucker. Online. Er kam, er funktionierte – 3 Monate. Dann war er tot.

Frau M. dachte: „Das kann es nicht sein?!“

Frau M. schrieb dem Lieferanten eine Mail, dass der Drucker in der Garantiezeit das Zeitliche gesegnet hätte (klar, weniger blumig, man passt sich ja an).

Es kam auch Antwort: „Sehr geehrte Frau M. Folgen sie folgendem Link, füllen Sie alles aus und drucken sie schliesslich den Lieferschein aus. Packen Sie den Drucker dann ein und schicken Sie ihn an die angegebene Adresse.“

Frau M. schluckte leer, las nochmals, schluckte wieder. Sie hub dann in die Tasten.

Sie schrieb: „Sehr geehrte Damen und Herren, da mein Drucker soeben den Dienst verweigerte, bin ich nicht in der Lage, das von Ihnen geforderte Dokument auszudrucken. Zudem sehe ich es nicht ein, dass ich das Gerät auf eigene Kosten einschicken soll.“

Frau M. hatte Glück. Es kam eine Antwort. Natürlich übernehme man die Kosten. Man schicke ihr sofort ein frankiertes Rücksendeetikett zu. Tat man auch. Elektronisch, zum Ausdrucken.

Frau M. dachte, dass es das nun wirklich nicht sein könne. Sie rief also die Hotline an. Sie durfte sich da von einer spöttischen Stimme anhören, dass man im elektronischen Zeitalter sei, wo alles papierlos funktioniere. Frau M. versucht nun, den Drucker ans Mail zu hängen.

Es kommt schon gut

Als mein Vater krank wurde, war sein wohl meist gesagter Satz (er sprach generell nicht sehr viel):

Das kommt schon gut.

Und ja, wir wollten das alle glauben. Die Einen wollten mehr, die anderen glaubten mehr. Und er? Glaubte er? Wollte er es glauben? Wollte er uns überzeugen? Man weiss es nicht so genau. Er war nie ein offenes Buch, eher eines mit sieben Sigeln.

Heute sagt meine Mutter den Satz oft – immer mit dem Nachsatz, dass Papa das immer gesagt hätte. Und ja, wieder glauben wir es und wollen es glauben. Die Frage, die sich ja bei allem immer stellt, ist:

Was ist gut?

Und vor allem:

Wann wissen wir, ob es nun gut ist?

Auf Søren Kierkegaard geht der Ausspruch zurück:

„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“

Menschen sterben, Lieben zerbrechen, Hoffnungen platzen – jeder Mensch durchläuft diese Stadien, meist mehrfach. Und immer geht das Leben weiter, auch wenn man ab und an (anfänglich) denkt, dass es das nun war. Irgendwann blickt man zurück und sieht, dass aus Dingen, die einst als grosses Unglück schienen, auch Gutes entstand oder sie zumindest aus der einen oder anderen Perspektive etwas Gutes in sich trugen: Der Mensch, der starb, hätte unnötig gelitten, mit dem Menschen, der die Liebe aufkündigte, wäre man nicht glücklich geworden, aus den Steinen im Weg konnte man etwas Neues aufbauen.

Es gibt noch so einen schönen Satz:

„Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, so ist es nicht das Ende.“

Er gründet wohl auf dem Prinzip Hoffnung. Ich denke, die Hoffnung ist es, die einen immer wieder überleben lässt. Es heisst zwar in der Bibel, dass am Schluss Glaube, Liebe, Hoffnung bleiben, die Liebe das Grösste sei. Ich denke auch, dass die Liebe das Grösste überhaupt ist, aber: Ohne Hoffnung würde man wohl vieles nicht überstehen.