Normkonform

Wenn Dinge nicht so laufen, wie man es gerne hätte, sucht man einen Schuldigen. Den findet man oft schnell – man nimmt den, der sich am besten anbietet. Heute ist das wohl: Die Schule. Missstände, wo man hinschaut. Lehrer, die nichts taugen, Lehrpläne, die dem nicht nachstehen. Man könnte es nicht besser, aber he: Man muss ja auch nicht.

Schule ist landläufig das, wo alles falsch läuft. Dass es so nicht sein kann, liegt auf der Hand, aber doch: Es ist nicht alles nur toll. Kinder werden im Gleichtakt geformt, der Gleichtakt ist genormt, es gibt Listen, aus denen man ablesen kann, wann ein Kind was können muss – kann es das nicht, ist es ausser der Norm, damit eine Gefahr für diese und zu therapieren. Therapie ist generell das Zauberwort. Heute kann man alles therapieren. Egal ob man zu dick, zu dünn, zu klein, zu gross, sexuell aktiv oder nicht ist. Egal, ob man trinkt, nicht trinkt, zu viel trinkt, das falsche trinkt, extrovertiert, nicht extrovertiert genug ist – es gibt eine Therapie.

Geht man dann hin, kann man zusammen mit anderen ebenso vom Weg Abgekommenen  Bäume streicheln, das Miteinander fühlen und malend das eigene Ich wiederfinden. Man nimmt sich an den Händen, tanzt im Kreis, lächelt dabei selig. Es erschliesst sich nicht ganz wozu, aber das muss wohl dieses „Normal“ sein, denn die Anleitende tut es auch. Bloss nicht aus der Reihe tanzen, denn all das hat nur ein Ziel: Zur Norm zurückzukommen.

Wer nicht spurt, der ist ausser der Spur, dem muss man auf diese zurück verhelfen. Man kann sogar aus der Therapie ganz aus der Spur fallen, wenn man sich nicht willig genug zeigt. Wie heisst es so schön: Und bist du nicht willig – oh nein… Gewalt geht gar nicht. Lieber Gruppenkuscheln auf Kommando und ohne Ausweichmöglichkeiten als den leichten Klaps auf den Hinterkopf, der das Denkvermögen anstossen könnte. Denn: Selber denken geht nicht, es könnte die Norm sprengen. Kuscheln geht immer – nur nicht zu viel, es könnte sonst auch wieder Normen verletzen.

Im Zeitalter der politischen Korrektheit und der ach so sensibilisierten Gemüter muss man gleich hinterher sagen, dass man natürlich Klapse für überholt und Gewalt für nicht angebracht hält. Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach jeden zum Denken prügeln würde. Wenn jeder jeden dazu anhalten würde – so ganz ohne gesellschaftliches Dafürhalten und obrigkeitlichen Antrieb -, das eigene Hirn zu gebrauchen.

Chaos. Es bräche aus. Keiner wüsste, was der andere tut und die, welche es gerne wissen – und vor allem bestimmen – wollten, sähen ihre Pfründe dahinschwimmen. Drum presst man gerne Kinder in Schemen, so wie diese früher farbige Holzklötzchen durch entsprechende Löcher klopften mit einem kleinen Hämmerchen. Man muss nicht stark hauen, Gewalt verabscheuen wir ja, es muss nur passen. Und was nicht passt, wird passend gemacht.

Ich erinnere mich an dieses Puzzle. Blauer See unter blauem Himmel. Wunderschön anzusehen. Beim zusammensetzen erwiesen sich die Blautöne als sehr schwer auseinander zu halten, das Ganze überforderte bald meine Geduld. Ich ertappte mich beim Passendmachen durch leichten (und immer etwas schwereren Hieb mit der rechten Handkante). Am Schluss sass alles – ok, es hatte Luft. Aber es war blau. Und ich war froh, nicht mehr Kind zu sein, erinnerte ich mich doch gut an Mütter, die prahlten, dass ihre Kinder schon als Embryos im Bauch Puzzles von unvorstellbarer Grösse mit der Rückseite nach oben zusammengesetzt hätten.

Als heutiges Kind sässe ich wohl beim Therapeuten, nun schreibe ich hier meine Texte.

9 Comments

Schreibe einen Kommentar

  1. Herrlich und ja wir mutieren langsam aber sicher zur Einheitsgesellschaft! Die Politik macht es uns wirklich Optimisten vor, wer anderer Meinung ist, wird diffamiert und ausgegrenzt!
    Wenn ich viele Kinder heute sehe, dann tun sie mir morgen schon leid!

    Ich denke oft, viele Eltern entziehen sich der Verantwortung aus Bequemlichkeit, dass wird sich aber irgend wann rächen!

    Lehrerin oder Lehrer zu sein, ist heute sicher ein Knochenjob, im symbolischen Sinne! Da gehört viel Idealismus dazu!

    Liebe abendliche Grüße Babsi

    Gefällt 2 Personen

    • Es ist heute wohl als Eltern und als Lehrer nicht mehr einfach. Eine Dynamik läuft, die eigenen Regeln folgt. Und man versucht, durch mehr Reglementierung und Normierung Herr zu werden. Und treibt damit das Rad noch mehr an.

      Ich sage nicht, dass ich die Lösung habe. Nur: Man kann nicht althergebrachte Muster bringen, wenn die heutigen Parameter grundverschieden sind zu damals.

      Als ich aufwuchs, galt das Wort meines Vaters was. Er hat mich NIE angefasst. Er war der liebevollste und wunderbarste Vater überhaupt. Aber ich sah in seinen Worten eine Grenze.

      Das scheint heute anders. Eltern haben keine Ahnung, glaubt man den Jugendlichen, die Eltern sind hilflos, haben oft genug zu tun mit finanziellem Überleben (früher reichte ein Job, heute sind es oft 3-4…. zumal man früher auch mal No Name tragen konnte, man war schon froh, war es intakt, heute muss es mindestens Adidas sein, Armani wäre besser)

      Gefällt mir

        • Das freut mich sehr für deine Mutter. Es ist verdammt schwer. Und man wird oft schlicht als Versager im System gesehen. Verheiratete Frauen sagen dir ins Gesicht: „Wir verabreden uns lieber mit vollständigen Familien.“ Arbeitgeber sagen dir: „Wir trauen ihnen das nicht zu, wir stellen lieber einen Mann ein.“ Und wenn man Pech hat, kommt irgendwann das Kind und findet: „Du hast es im Leben zu nix gebracht… erzähl mir nichts.“

          Gefällt mir

          • Erziehung kann anstrengend sein! Ich hatte viel Freiheiten, aber auch Pflichten bzw. Verantwortung für unsere Tiere und auch meine Schwester, wenn meine Mutti arbeitete. Ich bin deswegen nicht traumatisiert und dankbar für die Werte, die mir vermittelt wurden!

            Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s