Jeder Mensch verdient Achtung – aber nicht jeder Mensch verdient Zugang zu meinem Leben

Jeder Mensch verdient es, gut behandelt zu werden. Kein Mensch soll geringgeschätzt, beschämt, gedemütigt oder achtlos übergangen werden. Jeder Mensch trägt eine Würde in sich, die nicht davon abhängt, ob er mir sympathisch ist, ob er meine Werte teilt, ob er sich so verhält, wie ich es mir wünsche. Das ist eine wichtige Haltung, in meinen Augen eine der wichtigsten, wenn wir menschlich bleiben wollen in einer Welt, die schnell urteilt, abwertet und ausschliesst. Menschen sind nie nur das, was sie zeigen. Sie sind geprägt von Geschichten, Verletzungen, Sehnsüchten, Ängsten, von Erfahrungen, die wir oft nicht kennen. Wer vorschnell verurteilt, verengt den Blick. Wer einen Menschen nur auf sein Verhalten oder seine Rolle reduziert, sieht nicht mehr den ganzen Menschen.

Daneben gibt es eine zweite Wahrheit, die genauso wichtig ist: Nicht jeder Mensch muss in meinem Leben einen Platz haben. Zwischen der Würde eines Menschen und seinem Zugang zu mir liegt ein Raum, den ich ernst nehmen darf. Ich kann jemanden achten und trotzdem Abstand brauchen. Ich kann verstehen, warum jemand so geworden ist, wie er ist, und mich dennoch vor ihm schützen. Ich kann einem Menschen nichts Böses wünschen und dennoch sagen: So nicht. Nicht mit mir. Nicht mehr.

Das ist für viele schwer auszuhalten, weil wir oft gelernt haben, Güte mit Verfügbarkeit zu verwechseln. Wer ein guter Mensch sein will, soll verständnisvoll sein, geduldig, grosszügig, verzeihend. Das ist nicht falsch, aber es wird gefährlich, wenn daraus die Forderung entsteht, alles auszuhalten, wenn Mitgefühl bedeutet, sich selbst zu verlieren und Harmonie wichtiger wird als Wahrhaftigkeit. Dann geht man immer wieder über die eigenen Grenzen hinweg, nur damit andere sich nicht gestört fühlen.

Manchmal ist ein Nein zu einem Menschen ein Ja zu sich selbst. Und wie das so dasteht, klingt es hart, es weckt den Impuls, zu sagen «das geht doch nicht» und «ich kann doch nicht». Dieses «nein» muss nicht zwingend explizit sein, es muss niemandem ins Gesicht geschleudert oder vor die Füsse geworfen werden, es kann einfach eine innere Klärung sein. Eine Distanz. Ein Schritt zurück. Eine Entscheidung, nicht mehr alles zu erklären, nicht mehr alles zu entschuldigen, nicht mehr immer wieder an dieselbe Tür zu klopfen, hinter der man doch nicht willkommen ist.

Es gibt Beziehungen, in denen wir nicht gesehen werden, wir kommen darin nicht wirklich vor. Wir funktionieren als Rolle: als Tochter, Sohn, Schwester, Bruder, Partnerin, Freundin, Helferin, Zuhörerin. Unser eigentliches Sein interessiert nicht. Unsere Gedanken werden übergangen, unsere Gefühle relativiert, unsere Grenzen belächelt, unsere Bedürfnisse als schwierig abgetan. Da ist keine offene Gewalt, keine grosse dramatische Szene, nur eine ständige kleine Entwertung. Ein Übersehenwerden. Ein Nicht-ernst-Nehmen. Ein feiner Mangel an Wohlwollen. Kleine Spitzen, als Witz getarnt.

Und irgendwann merkt man: Ich werde kleiner in dieser Beziehung. Ich beginne, mich zu rechtfertigen, bevor ich überhaupt gesprochen habe. Ich beobachte jede Stimmung, jedes Wort, jede Reaktion. Ich verstelle mich, damit es keinen Konflikt gibt. Ich passe mich an, um nicht wieder verletzt zu werden. Ich bin nicht mehr frei. Das ist ein ernstes Zeichen, denn eine Beziehung, in der ich dauerhaft nicht atmen kann, ist kein Ort, an dem ich bleiben muss, nur weil es einmal Nähe gab, weil es Familie ist, weil es Tradition ist, weil andere es erwarten. Nähe verpflichtet zu Achtsamkeit, nicht zu Selbstaufgabe. Keine wie auch immer geartete Situation entbindet einen von Respekt, aber Loyalität darf nicht bedeuten, die eigene Würde preiszugeben.

Vor allem in Familien wird all das schwierig. Dort sind die Bande alt, tief, oft widersprüchlich. Man liebt Menschen, die einem nicht guttun. Man fühlt sich verantwortlich, obwohl man leidet. Man weiss um die Verletzlichkeit des anderen und möchte ihm nicht wehtun. Und dann sind da noch diese Glaubenssätze, sie sind einem irgendwann zugeflogen, haben sich eingegraben und sind quasi omnipräsent: „Das macht man nicht.“ „Blut ist dicker als Wasser.“ „Du bist undankbar.“ „Stell dich nicht so an.“ „So ist er halt.“ „So war sie schon immer.“

Solche Sätze können Menschen lange gefangen halten. Sie klingen nach Ordnung, schützen aber oft nur bestehende Muster. Sie verlangen Anpassung von denen, die leiden, statt Veränderung von denen, die verletzen.

Natürlich ist nicht jeder Konflikt ein Grund zum Abbruch. Menschen sind verschieden. Beziehungen bestehen nicht daraus, dass immer alles leicht ist. Manchmal müssen wir aushalten, dass andere uns nicht vollständig verstehen. Manchmal müssen wir Kompromisse eingehen, Geduld haben, milder werden. Nicht jede Enttäuschung ist Missachtung. Nicht jedes Unverständnis ist Lieblosigkeit. Nicht jede schwierige Begegnung ist schädlich.

Die entscheidende Frage ist nicht: Macht mir dieser Mensch nie Mühe? Sondern: Gibt es in dieser Beziehung grundsätzlich Respekt? Gibt es die Bereitschaft, mich zu sehen? Kann ich etwas sagen, ohne sofort beschämt, verdreht oder bestraft zu werden? Gibt es Raum für meine Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist? Kann ein Konflikt zu mehr Klarheit führen oder immer nur zu mehr Schuld? Dort, wo Beziehung möglich ist, lohnt sich ein Gespräch. Dort, wo ein Mensch anders denkt, aber zuhören kann, lohnt sich Geduld. Dort, wo Verletzungen geschehen, aber Verantwortung übernommen wird, lohnt sich ein neuer Versuch. Beziehungen brauchen Nachsicht, niemand liebt vollkommen. Niemand sieht immer klar, auch wir selbst nicht.

Aber dort, wo sich immer wieder dasselbe Muster zeigt, braucht es Grenzen. Wenn Gespräche nichts öffnen, sondern nur neue Verletzungen schaffen. Wenn jede Ehrlichkeit gegen einen verwendet wird. Wenn man nach jeder Begegnung erschöpft, beschämt, verwirrt oder innerlich leer zurückbleibt. Wenn der Preis der Beziehung darin besteht, nicht mehr man selbst sein zu dürfen, dann ist Abstand kein Versagen, sondern Selbstachtung.

Noch schwieriger wird es, wenn solche Abgrenzungen in einem Gefüge passieren. Wenn einem Menschen nah sind, deren Umfeld aber ablehnend ist. Wie dem einen gerecht werden, ohne sich selbst aufzugeben? Wie Verletzungen bei allen möglichst vermeiden, ohne einen ständigen Eiertanz vollführen zu müssen? Hier hilft eine Unterscheidung: Ich darf meine Grenze setzen, ohne anderen vorzuschreiben, welche Beziehung sie zu diesem Menschen haben sollen. Ich kann sagen: „Für dich ist diese Beziehung anders. Das respektiere ich. Für mich ist sie belastend, und ich brauche Abstand.“ Damit greife ich nicht in das Leben des anderen ein. Ich übernehme Verantwortung für mein eigenes.

Das ist kein einfacher Weg, weil Grenzen oft missverstanden werden. Wer Grenzen setzt, gilt schnell als hart, empfindlich, egoistisch oder nachtragend. Dabei ist eine Grenze nicht dasselbe wie eine Mauer. Eine Grenze sagt nicht: Du bist wertlos. Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter. Sie schützt einen Raum, in dem Leben möglich bleibt.

Wie kommuniziert man das? So klar wie möglich. So wenig anklagend wie nötig. Und ohne sich in endlose Rechtfertigungen hineinziehen zu lassen. Nicht jeder Mensch muss meine ganze innere Geschichte verstehen, damit meine Grenze gültig ist. Ich darf sagen: „Ich merke, dass mir dieser Kontakt nicht guttut. Ich brauche Abstand.“ Oder: „Ich möchte so nicht angesprochen werden.“ Oder: „Ich bin bereit zu einem Gespräch, aber nicht, wenn meine Gefühle abgewertet werden.“ Oder auch: „Ich kann an diesem Treffen teilnehmen, aber ich werde gehen, wenn es wieder in diese Richtung geht.“

Wichtig ist, dass Grenzen nicht nur ausgesprochen, sondern gelebt werden. Eine Grenze, die folgenlos bleibt, wird irgendwann zur Bitte. Und eine Bitte kann übergangen werden. Das heisst nicht, dass man hart werden muss. Es heisst nur, dass man sich selbst ernst nimmt.

Das braucht Mut. Mut, Enttäuschung auszuhalten, Mut, nicht von allen verstanden zu werden, Mut, Schuldgefühle nicht sofort als Beweis zu nehmen, dass man falsch handelt. Schuldgefühle können auftauchen, wenn wir alte Rollen verlassen. Sie zeigen nicht immer Schuld, manchmal zeigen sie nur, wie tief wir gelernt haben, uns anzupassen.

Ein Nein kann traurig sein. Manchmal gibt man etwas auf, an das man glaubte, auf das man hoffte, von dem man sich etwas versprach: Zukunft, Verbindung, Familie. Dann ist da diese Trauer um das, was nicht möglich war, was man sich gewünscht hätte. Man trauert um eine Mutter, einen Vater, einne Sohn, Freunde, die einen hätten sehen können, es aber nicht taten. Abstand bedeutet nicht, dass nichts weh tut. Oft tut es gerade deshalb weh, weil etwas wichtig war.

Selbstachtung beginnt manchmal genau dort: Ich höre auf, mich an Orte zu stellen, an denen ich immer wieder übersehen werde. Ich höre auf, Liebe dort zu erzwingen, wo sie nicht frei gegeben wird. Ich höre auf, meinen Wert von Menschen bestätigen zu lassen, die ihn nicht sehen können oder wollen. Das heisst nicht, dass ich mich über andere erhebe. Im Gegenteil. Es heisst, dass ich die Würde aller ernst nehme, auch meine eigene.


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6 Kommentare zu „Jeder Mensch verdient Achtung – aber nicht jeder Mensch verdient Zugang zu meinem Leben

  1. So ein wundervoller und wahrer Text♥️. Besser hätte man es nicht in Worte fassen können, vielen lieben Dank dafür😊. Über das Thema inwieweit ich Menschen in mein Leben lassen möchte oder Grenzen setzen kann/ will habe ich die letzten Tage auch sehr viel nachgedacht, konnte es aber nicht wirklich greifen. Daher holt mich dein Text sehr ab😊. Viele Grüße, Kristin

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  2. Liebe Sandra, die wichtigsten beiden Sätze in diesem Text sind: „Gibt es Raum für meine Wahrheit, auch wenn sie (für andere) unbequem ist?“

    und

    „solche Sätze … verlangen Anpassung von denen, die leiden; statt Veränderung von denen, die verletzen“.

    Ich habe neulich schon woanders kommentiert: Es sind nicht die Mobbing-Opfer, die der Psychotherapie bedürfen; es sind die Mobbing-Täterinnen und Täter!!!!

    Ich selber bin aus dieser „Blog-Gemeinde“ herausgemobbt worden; weil leider sehr sehr viele Menschen, Wahrheiten, die sie selber betreffen, „unbequem“ finden und nicht hören / lesen wollen.

    Fast alle mochten es, wenn ich mit dem „Finger“ vermeintlich auf andere zeigte.

    Die Bereitschaft zu ehrlicher Selbstreflektion, – eigene Veränderungsbereitschaft – waren hingegen leider Null;

    Denn Selbstachtung heißt für mich, endlich nicht mehr zu „glauben“, ich müsste Menschen, die mir im Grunde mit voller Absicht alles genommen haben (weil ich leider wehrlos, hilflos und schutzlos war / bin), trotzdem noch DEREN „Würde“ nach Außen hin belassen!

    Viele Grüße von der Frau, (von mir) die auf sehr schmerzhafte Weise „gelernt“ hat, dass sie leider viel zu lange viel zu weich und freundlich und „mitfühlend“ den Täter*innen gegenüber gewesen ist!!!

    Liebe Grüße an alle, die echtes MITGEFÜHL mit den Opfern haben, und die diese Opfer so furchtbar gequält habenden Täter*innen nie wieder einfach mit deren miesen Verhalten durchkommen lassen!!!!

    Maren

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    1. Liebe Maren
      Ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar, den ich mit grosser Betroffenheit und Anteilnahme gelesen habe. Dass ich ihn gekürzt habe, hat verschiedene Gründe: Er wurde für dieses Format als Kommentar etwas zu lang, aber noch viel mehr betrifft er Vorkommnisse auf anderen Onlineplattformen, die ich nicht einschätzen kann, da ich sie nicht kenne. Ich würde sie aber drum auch gerne dort lassen und nicht hierher importieren.

      Dir wünsche ich von Herzen, dass du dir deine Selbstachtung bewahren kannst und merkst, dass du nicht nur Opfer von anderen bist, sondern immer auch ein Mensch, der sein Leben gestalten kann. Dabei wünsche ich dir viel Freude. Liebe Grüsse, Sandra

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      1. Hallo Sandra, Selbstachtung habe ich endlich, nachdem ich bemerkt habe (und anklage!!!), dass und wie sehr ich Opfer von anderen war / bin!!!

        „Immer auch ein Mensch, der sein Leben gestalten kann“, ist für jemanden in meiner Situation eine Plattitüde. Und leider in der Form auch nicht wahr, denn ein verkrüppelter Mensch hat sehr viel weniger Möglichkeiten, „sein Leben zu gestalten“, als du es dir vermutlich vorstellen kannst.
        Und gerade dann wirken solche Sätze (auch der mit der Freude) wie blanker Zynismus auf mich als schwer Schmerzgeplagte! (Auch wenn du es vermutlich so nicht gemeint hast.)

        Ich finde es schade, dass du meinen Kommentar gekürzt hast. Kann es aber verstehen, denn bis vor wenigen Monaten hätte ich selber vermutlich noch ähnlich gehandelt / gedacht, wie du es in deinem Kommentar ausdrückst.
        Es ist aber auch deshalb schade, weil fast alle meine Texte – und in der letzten Zeit auch meine Kommentare – immer weitaus mehr betrafen / betreffen, als nur das Vordergründig Angesprochene.

        Und mit einigen Stellen, die du gelöscht hast, hatte ich tatsächlich auch „das Innere“ Deiner Texte ansprechen wollen:
        Etwas schreiben, wie eine bessere Welt aussehen müsste (z.B. von dem Mut der Hannah Arendt; oder von der Wichtigkeit von Ehrlichkeit), und etwas leben sind nämlich bei den allermeisten Leuten dieser Welt sehr verschiedene Dinge.
        Und wenn man / frau etwas nur vom Kopf her beschreibt, aber es nicht lebt; kann sich diese Welt nicht ändern!!!!

        Ich kann gut verstehen, dass du nicht wolltest, dass so deutliche Hinweise auf konkrete Menschen (als Täter*innen, die mich gemobbt haben) in meinem Kommentar auf deiner Webseite stehen.

        Aber:
        Ich nehme dich als jemanden wahr, die anders als die meisten anderen, zumindest in Ansätzen auch zur Selbstreflexion bereit ist.
        Denn ich will meine Hilf-Losigkeit (also dass allzu viele mir die ihnen mögliche Hilfe verweigert haben und verweigern) nicht mehr länger hinnehmen!!!!!!!

        Viele liebe Grüße
        Maren

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        1. Liebe Maren
          Es tut mir leid, wenn dir meine Worte zynisch vorkommen. Mit „gestalten“ meinte ich nicht, dass für jeden alles möglich ist, aber es bleibt am Ende wenig anders, als mit dem, was halt möglich ist, zu arbeiten. Chronische Krankheiten und auch andere Beeinträchtigungen (ich möchte die Worte hier bewusst so wählen) sind nicht einfach zu tragen, glaub mir, ich weiss das, kenne auch die Hilflosigkeit, die Verzweiflung und die Ohnmacht darüber. Und doch bin ich der Überzeugung (das muss nicht für jeden gelten), dass jeder Mensch mehr ist als seine Krankheit. Das ist nicht immer leicht zu sehen, vor allem, wenn diese alles einzunehmen scheint.

          Ich weiss nun auch nicht mehr, was ich dir wünschen kann, ohne dass du es als Angriff oder Zynismus wertest, so schicke ich dir einfach liebe Grüsse, Sandra

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