«Da Menschen… in eine immer schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affiziert.»
Heute denke ich mit Hannah Arendt übers Anfangen nach. Im Buddhismus ist der Anfängergeist die Haltung, mit der wir durch die Welt gehen sollen. Nicht schon alles wissen, sondern die Dinge in ihrem wirklichen Sein neu sehen. Hesse schrieb dem Angfang einen Zauber zu und Aristoteles befand, dass mit dem Anfang schon die Hälfte gemacht sei.
Für Hannah Arendt steht jeder Mensch für einen Anfang. Sein In-die-Welt-Kommen fügt dieser einen neuen Faden im Beziehungsgewebe hinzu, ohne den dieses nie wäre, was es sein kann durch ihn. Es ist nun an uns, diesen Anfang ernst zu nehmen und uns ins Gewebe einzubringen. Ein Gewebe ist nur so stark, wenn die einzelnen Fäden halten und zusammenhalten. Dieses Bewusstsein scheint aktuell zu fehlen. Doch – und das ist das Schöne am Anfangen: Es ist jederzeit möglich. Nicht nur im Grossen, auch im Kleinen. Nicht jeder kann gleich die ganze Welt retten, aber er kann mit seinen Möglichkeiten in seinem Leben und seiner Welt einen Anfang setzen hin zu dem Leben und der Welt, die er sich wünscht.
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