Eine Geschichte: Klein bleiben (IX)

Lieber Papa

Kürzlich fuhr ich zum Einkaufen. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien, meine Strecke führte am Kindergarten vorbei. Da sah ich sie. All die kleinen Kinder mit ihren Müttern, die ihren ersten Tag im Kindertag vor sich hatten. Einige liefen stramm und zielstrebig, zogen ihre Mütter förmlich hinterher. Sie fühlten sich sichtlich gebremst in ihrem Entdeckerdrang. Andere wiederum trotteten mit gesenktem Kopf so weit hinter ihrer Mutter her, wie die Armlängen es zuliessen. Es wirkte, als sollten sie zu ihrer Hinrichtung geführt werden. Sie mussten um die fünf Jahre alt sein. Sie waren so klein. Es lag so viel vor ihnen. Ganz nah ein grosser Schritt. Ich war gerührt. Und dachte zurück.

Manchmal taucht eine Erinnerung auf. Als ob ein Blitz sie in der Dunkelheit des Vergessens erleuchten würde. Ich sehe mich kurz an einem Ort oder wie ich etwas tue. Dann ist alles wieder dunkel. Und mit der Dunkelheit kommt die Unsicherheit: War das wirklich eine Erinnerung oder nur ein Bild, das ich mir aus Erzählungen anderer gemalt habe. Je mehr ich mich erinnere, desto mehr stellt sich mir die Frage: Wie viel von diesem Erinnern ist blosser Glaube an eine Vergangenheit, die aus heutiger Sicht stimmig erscheint, so aber gar nicht existiert hat? Die wenigen Erinnerungen sind wie helle Sterne an einem sonst dunklen Firmament.  

In dem Jahr, in dem ich in den Kindergarten kam, habe ich gesagt, ich wolle immer fünf bleiben. Das erzählte Mama. Ich kann mich nicht daran erinnern. Woher kam dieser Wunsch? Aus dem Moment heraus oder war das ein dauerhaftes Gefühl? Ich weiss es nicht. Oder vielleicht doch?

Steckte die Angst vor dem Neuen dahinter? Hat sie diesen Wunsch ausgelöst? Ihr habt mir erzählt, wie das im Kindergarten sei. Ich müsse dortbleiben, sagtet ihr. Da seien viele Kinder, sagtet ihr. So viel Neues. Bis dahin war ich immer zu Hause, meist allein mit Mama und dir. Wenn wir unter Leuten waren, dann nur mit Erwachsenen. Ihr habt euch unterhalten, habt gelacht. Ich war das Kind, das dabeisass. Benimm dich. Sei still. Iss schön. Spiel nicht mit dem Besteck. Aus heutiger Sicht hätte ich mich auf den Kindergarten freuen müssen. Raus aus der Stille. Raus aus den Regeln. Wobei nein: Du sagtest mir, wie ich mich da benehmen müsse. Dass ich still sein solle. Nicht auffallen. Gehorchen. Hast du das alles gesagt? Oder denke ich es mir nun aus? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es nicht gesagt hast.

Ich kann mich an keine Freude erinnern.

Mein erster Tag im Kindergarten kam. Mami hat mich begleitet, es gibt ein Foto davon, wie wir in praktisch identischen roten Regenmänteln vor unserer Haustür stehen, ich mit umgehängter Znünitasche. Ich blicke ernst in die Kamera. Da ist nichts von Aufregung oder Vorfreude. Ich hatte Angst. Sie sollte sich erfüllen.

Bald musste ich allein zum Kindergarten laufen. Es war kein langer Weg. Eines Morgens lauerten sie mir auf. Eine Gruppe, angeführt von einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Ich erinnere mich nicht, vorher mit ihr oder einem der Gruppe Kontakt gehabt zu haben oder gar zusammengestossen zu sein. Wie auch. Ich war still. Ich war brav. Ich gehorchte. Wie du gesagt hast. Vielleicht war das der Grund.

Sie stürmten auf mich zu. Sie stiessen mich zu Boden. Ich versuchte mich zu wehren. Sie waren zu viele. Sie waren stärker. Und dann? Ich habe es vergessen. Irgendwann war ich wohl wieder frei. Von da an war ich vorsichtig. Sobald ich einen der Gruppe sah hinter einem Busch oder Pfosten, drehte ich um und rannte heim. Und dann? Hat Mami mich begleitet? Ich glaube nicht. Schaute sie vom Balkon, soweit sie den Weg sehen konnte? Das wäre möglich. Hast du davon erfahren? Wohl schon. Warst du enttäuscht von mir? Weil ich schon wieder Probleme machte? Wohl schon.

Irgendwann ging Mami mit mir zu den Eltern der Anführerin. Danach hattet ihr mit diesen Eltern ab und zu Kontakt. Einmal paar Mal gingen wir alle zusammen kegeln. Dann brach der Kontakt ab. An mehr erinnere ich mich nicht mehr. Nur, dass das Mädchen und ich danach Freundinnen wurden. Das zerbrach dann auch. Immerhin blieben die Scherben einfach liegen und entwickelten sich nicht zurück in Gewalt.

Eine enge oder beste Freundin hatte ich danach kaum mehr. Ich hatte wohl gelernt, dass das Alleinsein der sicherste Ort ist. Es war auch der Ort, den ich am besten kannte. Alle anderen können dich jederzeit verlassen – und sie tun es auch. Das hast du mir mal gesagt. Nur ihr wärt immer für mich da, hast du gesagt. Doch auch das hast du irgendwann zurückgenommen. Ich sei nun gross, meintest du. Mami und du seid nun wieder für euch, ich müsse für mich meinen eigenen Weg gehen. War das Freiheit? Es fühlte sich nicht so an. Es gibt dieses eine Lied von Udo Jürgens, das ich liebte. Vor allem ein Satz ging mir immer tief: «Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist allein…»

Vielleicht spürte ich, dass Grosswerden Gefahren mit sich bringt. Vielleicht sagte ich drum, ich möchte klein bleiben, möchte immer fünf bleiben. Vielleicht spürte ich, dass der erste Schritt aus dem Zuhause auch der erste Schritt in die Distanz war, die sich von nun an vergrössern sollte. Anzeichen gab es, kleine Andeutungen, Gesten, Blicke. Fürchtete ich den Verstoss? Die Bedrohung des Verlustes? Wollte ich drum klein bleiben? Und tat alles dafür? Hörte sogar auf zu essen irgendwann? Oder wollte ich mich damit zum Verschwinden bringen?  Weil ich mich als nicht wichtig, nicht gesehen fühlte? Ein Versuch, dem Schmerz, der Trauer, der Verzweiflung zu entkommen?

Vielleicht höre ich hier besser auf. Für heute.

(«Alles aus Liebe», IX)


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